XII.
Ratschillers erwarteten das Familienoberhaupt zu Tische am Abend. Fräulein Emmy, die Braut des glücklichen Franz, weilte im Hause und ließ sich gern bestimmen, zur Abendmahlzeit zu bleiben.
Während das Brautpaar zärtlich plauderte und koste, deckte Josephine den Tisch, und Frau Ratschiller die würdige Matrone stand an einem Fenster, das einen Blick auf den vom Sattel herabführenden Feldweg gestattete. In der Dämmerung ist freilich nicht viel mehr zu sehen. Eine bängliche Unruhe erfaßte die alte Dame, welche sie sich nicht zu erklären vermochte. Sollte dem Papa Ratschiller ein Unglück zugestoßen sein?
In ihrer Sorge trat die alte Frau vom Fenster zurück und wie sie in den Lichtkreis kam, den die hellbrennende Hängelampe ausstrahlte, fiel es Josephinen auf, daß Mama entsetzlich bleich sei.
„Was ist dir, Mama?“ rief die Tochter und eilte bestürzt herbei. Die Matrone sprach fast ächzend: „Ich weiß nicht — mir ischt so bang! Franz, spring' hinunter ans Telephon und frage, wann Papa von der Fabrik weggegangen ischt. So spät kam er noch niemals nach Hause!“
„Gleich, Mama! Doch beruhige dich! Vielleicht hat man gesprengt und Papa wird sich länger als sonst verhalten haben!“ Eilig ging der junge Herr hinunter und sperrte die Komptoirräumlichkeiten auf, um zum Telephon in Papas Arbeitszimmer zu gelangen. Lange dauerte es, bis sich am Fernsprecher in der Fabrik jemand meldete und Hundertpfund Bescheid gab, daß Herr Ratschiller sen. längst die Fabrik verlassen und sich über den Sattel nach Hause begeben habe.
Ob dieser Meldung wurde nun auch Franz besorgt. Hastig begab er sich in die Wohnung hinauf, erstattete der Mutter Bericht und eilte dann fort, dem Vater auf dem Feldweg entgegen zu gehen. Die Angst im Kreise der Familie wuchs, je länger nun auch Franz verblieb, der bis an den Fuß des Berges lief und ohne Ratschiller zurückeilte.
In der Nähe des „Ochsengasthauses“ fiel Franz ein, daß Papa sich vielleicht bei einem Glase Wein in der Wirtschaft stärke und schnell fragte Ratschiller jun. dort nach.
Der Vater ist nicht anwesend, auch von niemandem gesehen worden. Ob Franzens Bestürzung wurde der als Gast in der Wirtschaft anwesende Gendarmeriewachtmeister aufmerksam und sogleich erkundigte sich derselbe, ob etwas passiert sei.
„Der Vater ischt von der Fabrik weg und nicht heimgekehrt! Wir sind in Sorge! Mama befürchtet ein Unglück!“ erwiderte Franz.
„Wissen Sie, auf welchem Wege Herr Ratschiller nach Hause gehen wollte?“
„Laut telephonischer Mitteilung des Fabrikleiters ischt der Vater über den Sattel heim!“
„Waren Sie im Berg schon suchen?“
„Nur bis zum Fuß des Sattels bin ich gelaufen, fand aber nichts!“
„So wollen wir doch vollends bis zur Sattelhöhe nachforschen. Kommen Sie mit?“ fragte der Gendarm und Franz erklärte sich sogleich bereit. Der Wirt lieh eine Laterne, welche der Wachmeister für alle Fälle mitnahm.
Im Laufschritt begaben sich beide über die Wiesen zum dichtbestockten Bergwald und stiegen, nachdem das Laternenlicht angesteckt war, langsam und forschend ausblickend, den dunklen Pfad hinan.
Unheimlich rauschte es im finsteren Walde und von ferne her donnerte der Fall des Bergbaches.
Franz empfindet eine wahre Todesangst, ihm ist, als sollte die nächste Viertelstunde etwas Entsetzliches bringen.
Stumm und stetig steigen beide den steinigen Weg hinan. Sorgsam leuchtet der diensterfahrene Wachtmeister zum Steilhang und die Böschung hinunter, sein Adlerauge ist bemüht, das Bett des unten tosenden wasserreichen Baches zu durchforschen. Findet sich auf dem Wege kein Anzeichen, so müssen das Bachbett und seine Ufer auf dem Rückmarsch noch besonders abgesucht werden.
Die Wanderer gelangten zur Brücke, die über den hier stark fallenden Bach führt. Kaum fiel der Laternenschein auf diese morsche Brücke, da schrie Franz vor Entsetzen auf. Dort liegt ein Menschenkörper...
Der Wachtmeister leuchtet vollends heran: Kein Zweifel, der Fabrikherr liegt hier in seinem Blute, tot, und wahrscheinlich ausgeraubt.
Vor Schrecken und Entsetzen sank Franz in die Knie, so daß der Wachtmeister ihm fürs erste beistehen mußte. Dann begann der Mann aber seines Amtes zu walten. Beim Schein der Laterne konnte auf den ersten Blick konstatiert werden, daß Ratschiller sen., der auf dem Gesichte lag, eine Schußwunde hinter dem rechten Ohr hat und daß am Knopfloch der ausgerissenen Weste der Befestigungsring der Kette noch vorhanden ist, die Kette selbst aber abgerissen worden sein mußte. Die Leiche war bereits kalt.
Franz jammerte in fassungslosem Schmerz.
Der Wachtmeister war erschüttert von solcher gänzlich unerwarteten Katastrophe, doch ging er streng dienstlich vor und beauftragte den jungen Ratschiller, zurückzueilen, dem Bezirksrichter Meldung zu erstatten und Träger mit einer Bahre herauszubringen.
Franz wankte den Steilpfad in der Finsternis hinunter...
Im schaurigen Bergwald hielt unterdessen der Wachtmeister an der Leiche des Ermordeten die Totenwache.
Über eine starke Stunde dauerte dieses Warten, dann vernahm das scharfe Ohr des Gendarmen Stimmen im Walde, das Geräusch von Schritten und knirschenden Steinchen.
Es ist die Gerichtskommission mit Ehrenstraßer an der Spitze und vier Träger mit der Bahre und Laternen. Franz folgte totenbleich und verstört hinterdrein.
Ehrenstraßer schüttelte den Kopf beim Anblick der Leiche, dieser jähe Tod wirkt fast lähmend auf den alten Richter. Doch nun beginnt der unerbittliche Dienst des Untersuchungsrichters. Beim Schein mehrerer Laternen konstatierte Ehrenstraßer den Einschuß hinter dem rechten Ohr und das Fehlen jedes Ausschusses, es muß daher die Kugel noch im Kopfe stecken. Der Gerichtsschreiber notierte das Diktat während der Untersuchung, die weiter das Fehlen einer Brieftasche, der Uhr und Kette ergab. Die innere Brusttasche ist an einer Naht aufgetrennt oder aufgerissen, die Uhrkette offenbar mit Gewalt abgerissen worden, der Befestigungsring steckt noch am Knopfloch der Weste, diese ist an mehreren Stellen offen, also aufgerissen worden.
„Mutmaßlicher Raubmord!“ konstatierte der Richter und stenographierte sich der Vorsicht halber das Untersuchungsergebnis in sein Taschenbuch. Dann erteilte er den Befehl, es solle der Wachtmeister die Nacht hindurch patrouillieren und in frühester Morgenstunde Erhebungen beim Fabrikpersonal, in allen Siedelungen der Umgebung und namentlich auch im Eibenbergwirtshause anstellen, das Resultat dann ehethunlichst zu Gerichtshänden bringen.
Die Leiche wurde nun auf die Bahre gelegt, mit einem mitgebrachten Tuch verdeckt und von den vier Trägern auf die Schultern gehoben. Langsam erfolgte der traurige Transport zu Thal.
Ehrenstraßer vermochte in seiner Erschütterung dem weinenden Ratschiller jun. nur die Hand zu drücken, das Sprechen war dem alten Beamten in dieser Stunde unmöglich. Beide folgten hinterdrein, während der Wachtmeister vollends zur Sattelhöhe hinanstieg und jenseits hineinschritt in die nachtverhüllte Bergwelt.
Wie Flugfeuer verbreitete sich am frühen Morgen im Städtchen die schreckliche Kunde, das Wort „Raubmord“ erregte die Bevölkerung im höchsten Maße, und die innigste Anteilnahme am entsetzlichen Geschick gab sich für die Familie Ratschiller kund. Emmy eilte zur alten Frau, die so jäh zur Witwe geworden, zum Bräutigam, der auf schreckliche Weise den Vater verloren. So nahe dem höchsten Glück auf Erden, steht das Brautpaar nun im tiefsten Jammer, vernichtet die Hoffnung, die Zukunft.
Das Gericht muß in doppelter Hinsicht einschreiten. Mit den Geschäften der Regulierung der Hinterlassenschaft betraute Ehrenstraßer den Gerichtsadjunkten Hörhager, die Untersuchung des Falles selbst führte der Richter, dem das Ereignis trotz aller langen Praxis unfaßlich ist.
So viel Ehrenstraßer nachdachte, prüfte und überlegte, der Gedanke, daß in absolut sicherer Gegend, kaum dreiviertel Stunde von einer dichtbevölkerten Fabrik entfernt, zu verhältnismäßig früher Abendstunde ein Raubmord sich ereignen konnte, will dem Richter nicht in den Kopf gehen. Ehrenstraßer wartete das Resultat der gerichtsärztlichen Untersuchung ab, das bis Mittag schriftlich im Gericht vorlag und dahin lautete, daß die Kugel (Rundkugel aus einer Pistole) durch das Gehirn gedrungen und im Stirnknochen über dem linken Auge stecken geblieben sei, daher der Ausschuß fehle.
Dieser Befund veranlaßte den Richter, nun sogleich in der Fabrik Recherchen vorzunehmen.
Auf dem Wege zum Sattel verhielt sich Ehrenstraßer längere Zeit auf der Unglücksstätte, um ein Bild der Thatmöglichkeit zu gewinnen. Der Räuber muß auf den Fabrikherrn aus nächster Nähe geschossen haben, wofür die Schußwunde knapp hinter dem rechten Ohre spricht. Bei der vorhandenen Dunkelheit konnte von regulärem Zielen keine Rede sein.
Mußte der einsam gehende Ratschiller aber die Annäherung nicht hören? Hat er sie gehört, so mußte er sich doch nach dem herantretenden Menschen umwenden; that er das, so war der Schuß auf der rechten Kopfseite unmöglich, die Kugel hätte linksseitig eindringen müssen.
Ehrenstraßer achtete im besonderen auf den Lärm des im starken Gefäll niederbrausenden Baches und thatsächlich ist das Geräusch so groß, daß Schritte leicht überhört werden können. Der Bach bildet unter der Brücke einen Tümpel, von dem das Wasser in weiterem kleinen Sturzfall niederströmt. Zu sehen ist hier nichts.
Eine Stunde später verhörte der Richter den Fabrikleiter, und fragte im besonderen, ob der Ermordete etwa einen größeren Geldbetrag bei sich geführt habe.
Hundertpfund konnte darüber keine Auskunft geben, er bezweifelte das überhaupt, denn es fehle jeder Anlaß, zur Fabrik persönlich Geld herauszubringen oder nach Hause zu tragen. Das Kassawesen wird ja im Komptoir erledigt.
„Pflegte Ratschiller überhaupt eine Brief- recte Geldtasche bei sich zu tragen?“
„Das thut wohl jeder Geschäftsmann hiesiger Gegend, doch dient ein solches Buch mehr zum Notieren, als zur Geldbewahrung.“
„Ein solches Portefeuille fehlte!“
Hundertpfund zuckte die Achseln, er vermochte den Fall nicht zu denken.
Schon wollte der Richter die Fabrik verlassen, da fand sich der Wachtmeister ein, der sogleich Rapport erstattete, auf Grund dessen Ehrenstraßer den Fabrikleiter wieder vernahm und befragte, ob Ratschiller von der Existenz eines Stromers im Fabrikbezirk verständigt worden sei. Hundertpfund bejahte dies und bemerkte, daß Ratschiller ausdrücklich gewarnt worden sei, die Begleitung bis zur Sattelhöhe aber rundweg abgelehnt habe.
„War Ratschiller auf solchen Gängen bewaffnet?“
„Ich glaube nicht, wenigstens habe ich niemals beim Chef eine Waffe gesehen. Er führte gewöhnlich nicht einmal einen Stock mit.“
Der Gang war somit vergeblich. Ehrenstraßer kehrte in die Stadt zurück, begleitet vom müden Wachtmeister, der nichts weiter zu erzählen wußte, als daß der gesuchte Vagabund am Eibenbergwirtshause war bis etwa eine Stunde vor der That. Wohin sich der Stromer gewendet, konnte der Wachtmeister nicht eruieren.
In seiner Erregung wollte Ehrenstraßer nicht zu Hause speisen, er fürchtete den Anblick seiner so schwer getroffenen Tochter Emmy und noch mehr deren Fragen nach dem Zerstörer ihres Glückes, den der Richter ja noch gar nicht kennt. Bevor Ehrenstraßer aber dazu kam, sich in ein Gasthaus zu begeben, lieferte einer der Gendarmen einen Burschen ein, der wegen Landstreicherei unweit des Städtchens aufgegriffen worden war.
Sogleich rief der Richter telephonisch Herrn Hundertpfund herbei und in der Zwischenzeit wurde der Stromer nochmals körperlich wegen Waffenbesitz &c. kontrolliert und alsdann verhört. Es fand sich aber weiter nichts, als ein Arbeitsbuch vor, das besagte, daß der Eigentümer ein Schreinergeselle sei, und welches ersichtlich in betreff der Arbeitsnachweise einige Falsifikate enthält.
Als Hundertpfund, erschöpft vom eiligen Marsche in der Kanzlei des Richters erschien und den gefesselten Burschen erblickte, erklärte er sofort, daß derselbe mit dem verdächtigen Landstreicher identisch sei. Unwillkürlich rief der Fabrikleiter aus: „Und wahrscheinlich auch der Raubmörder!“
Wie verzweifelt wehrte sich der Schreinergeselle gegen diese furchtbare Anschuldigung.
Ehrenstraßer nahm das Verhör wieder auf, nachdem Hundertpfund entlassen war: „Wo haben Sie die vergangene Nacht zugebracht?“
„In einem Heustadl!“
„Können Sie diesen nach der Örtlichkeit genauer bezeichnen?“
Der Verhaftete schwieg.
Dafür rapportierte der Eskorteur, daß der Geselle auf dem Transport auf Vorhalt jenen Heustadel nicht zu zeigen vermochte.
Dieser Umstand veranlaßte den Richter, abermals eine Lokalaugenscheinnahme an der Brücke am Sattelwege vorzunehmen, und wurde zu diesem Behufe angeordnet, daß der Verhaftete an die Mordstelle zu eskortieren sei.
Nach Verlauf einer Stunde war man auf der Brücke, und scharf beobachtete Ehrenstraßer den Burschen, der jedoch ruhig blieb und keine besondere Angst oder Aufregung äußerte.
Der Gendarm mit aufgepflanztem Bajonett stand am Brückenende zur Bewachung.
Mit peinlicher Sorgfalt suchte Ehrenstraßer nach weiteren Anzeichen, insbesondere möchte er den Verbleib der Mordwaffe entdecken. Zufällig trat der Richter an das hölzerne, wettergraue, alte Brückengeländer und musterte dasselbe.
Seltsamerweise zeigte dasselbe just über der Stelle, wo am Boden Blutspuren ersichtlich sind, eine kleine, ganz frische Beschädigung, etwa wie wenn man dort am oberen Rande mit einem festen, kantigen Instrument heftig angestoßen hätte. Eine starke Kerbung des verwitterten Holzes ist dies, doch weiter absolut nichts zu sehen. Ehrenstraßer ward ob der ganz frischen Beschädigung dieses Geländerteiles nachdenklich. Dieser Umstand könnte vielleicht doch mit dem Mord in irgend einem Zusammenhange stehen und verdient daher Beachtung. Der Gedanke erweiterte sich denn auch sogleich zu der Mutmaßung, daß hier der Mörder etwas, vielleicht die Waffe, in das Wasser geworfen und dabei das Brückengeländer beschädigt hat. Ist dem so gewesen, so muß die Pistole im Tümpel oder sonst wo im Bachbett aufzufinden sein.
Neugierig hatte der Verhaftete dem Richter zugesehen und trat nun gleichfalls zu jener Stelle am Geländer.
„Was wollen Sie?“ fragte Ehrenstraßer barsch.
„Mit Verlaub, gnä' Herr! Wenn Ihnen die Sach' da am Geländer verinteressiert, so kann ich, mit Verlaub, schon Auskunft geben; ich bin nämlich Schreiner und versteh' 'was vom Holz!“
Gewohnt in langer Praxis, die geringste Kleinigkeit zu beachten, wies Ehrenstraßer die Einmengung des Verhafteten keineswegs zurück, sondern fragte ihn vielmehr, ob der Geselle die Kerbe im Holz des Geländers für frisch gemacht halte.
Der Bursche besah sich die Beschädigung genau und erklärte sie älteren Datums. „Wie alt dann?“
„Von heut' ist sie sicher nicht!“
Jetzt war Ehrenstraßer fest entschlossen, im Bachbett auf das Genaueste zu forschen, der Gründlichkeit halber persönlich. Der Gendarm wurde mit dem Verhafteten in die Stadt zurückgeschickt. Ehrenstraßer erledigte sich des Rockes, der Schuhe und Socken, und kletterte nun hinab. Durch Steinwürfe in den Falltümpel unter der Brücke konnte die Tiefe einigermaßen taxiert werden; das Wasser wird bis zu den Knieen reichen. Leider ist nicht auf den Grund zu sehen, das Wasser schäumt und strudelt zu viel.
Bevor der Richter einstieg, begab er sich zum Tümpelrand, über welchem das Wasser erneut in etwa klafterhohem Falle niederstürzt. Sorgsam betrachtete Ehrenstraßer diesen brausenden Wassersturz und kombinierte dabei, daß die ins Wasser geworfene Mordwaffe entweder im Tümpel liegen oder vom Sturzfall weggerissen sein müsse, daher weiter unten irgendwo liege.
Wieder blickte der Untersuchungsrichter auf den Schaumsturz. Zu seiner größten Überraschung flattert zeitweilig ein Stück einer Schnur aus der Gischtflut, welches das Wasser alsbald wieder einfängt, worauf das Baumeln in der Luft für einige Sekunden wieder erfolgt.
Kein Zweifel, die Schnur ist an etwas befestigt und dieses Etwas muß sich im Tümpel hart am Rande befinden. Flink eilt Ehrenstraßer die Steilböschung wieder hinan, streift die Hemdärmel so hoch als möglich an den Armen auf und steigt nun in den Tümpel hinein.
Was liegt jetzt an Nässe und Kälte, da sich eine Spur bietet.
Langsam tastet Ehrenstraßer Schritt für Schritt dem Tümpelrande zu, beugt sich so tief als möglich nieder, und sucht mit den Händen den Tümpelgrund ab. Nichts weiter zu greifen, als Steine. Die erhoffte Schießwaffe liegt also nicht im Grunde. Was hat aber die Schnur dann zu bedeuten? Der Richter hebt Stein um Stein aus der Tiefe und wirft sie dann wieder weg. Doch schon der nächste Stein, ein Stück Bruchmergel in Dreieckform, bietet, was der Beamte sucht. Der Stein ist mit einer Schnur umwickelt und deren Ende flattert im Sturzfall. Was kann das bedeuten? War am Ende der Schnur vielleicht die Pistole gebunden, die von den Sturzwellen abgerissen und weggeschleudert worden ist?
Ehrenstraßer schreitet aus dem Tümpel zur Böschung und verwahrt den Fund in seinem Rock. Es gilt jetzt, die Waffe zu suchen und zu finden.
Unterhalb des letzten Schaumsturzes wird die Suche aufgenommen. Im Eifer achtet Ehrenstraßer gar nicht, daß der Gischt ihn durchnäßt und die scharfkantigen Bachsteine seine Füße ritzen. Er sucht thatsächlich mit Händen und Füßen im Wasser des zweiten Tümpels, als wollte er Krebse fangen. Nichts zu finden als Steine und faulende Holzstücke, Astwerk.
Schon will der Richter die Suche aufgeben, da stößt sein Fuß auf einen harten Gegenstand und im Nu wird dieser herausgefischt — es ist die Pistole.
Wie ein kostbar Kleinod trägt Ehrenstraßer diese Waffe, welche es ermöglichen wird, den Mörder zu finden. Rasch macht der Beamte wieder Toilette, birgt die Pistole nebst Stein und Schnur in seiner Rocktasche und eilt zurück in die Stadt.
In seiner Kanzlei eingeschlossen, begann Ehrenstraßer die Waffe zu untersuchen. Die einläufige Pistole ist abgeschossen, so wenig oder gar nicht abgenützt. Wem mag sie gehören?
Aus einem Schächtelchen nimmt der Richter die wenig deformierte Kugel, die der Gerichtsarzt aus dem Schädel Ratschillers losgelöst hatte und probiert es, dieselbe in den Lauf zu stecken. Das Kaliber paßt genau.
„Großer Gott! Es ischt — Selbstmord!“ stammelte Ehrenstraßer, vor dessen geistigem Auge sich nun klar die Situation abspiegelt. Es kann keinen Zweifel geben, daß Ratschiller absichtlich den Mergelstein mit der Schnur umwickelt, die Pistole darangebunden, auf der Brücke am Geländer den Stein nach abwärts gehängt und sich die Kugel hinter dem rechten Ohr ins Gehirn gejagt hat.
Unmittelbar nach dem Schuß muß er die Pistole aus der Hand gelassen haben, der Stein riß sie im Fallen über das Geländer hinunter in den Tümpel. Hierbei muß die Pistole am Geländer heftig angeschlagen und jene Beschädigung im verwitterten Holz erzeugt haben. Durch den Wellenschlag wurde der Knoten aufgerissen, die Pistole in den zweiten tieferliegenden Tümpel geschleudert, während der umwickelte Stein im ersten Tümpel liegen blieb und das Schnurende im Schaumsturz baumelte, bis es Ehrenstraßer entdeckte und herauszog.
Wie gelähmt sitzt der Untersuchungsrichter in seinem Sessel, die Wucht dieser Entdeckung drückt ihn nieder.
Was mag den alten Fabrikherrn in den Tod getrieben haben? Weshalb versuchte Ratschiller den Selbstmord so zu gestalten, daß man an Raubmord glauben sollte?
Das muß eruiert werden; ebenso wie es der Feststellung bedarf, daß die Waffe Eigentum des Fabrikherrn gewesen.
Unwillkürlich mußte Ehrenstraßer seiner Tochter Emmy gedenken, und ein tiefer Seufzer entstieg seiner Brust. Wie schmerzlich, daß er, der Vater, das Glück seiner Tochter in seiner Eigenschaft als Untersuchungsrichter vernichten muß und wahrscheinlich auch die Existenz der Ratschillerschen Familie.
Wie freute es ihn, in allen bisherigen Fällen, wenn die sorgsam geführte Untersuchung erfolgreich durchgeführt werden konnte. Und diesmal bereitet die Untersuchung namenlose Qual.
Muß der Selbstmord amtlich und öffentlich klargelegt werden? Der Jurist bejaht die Frage; der gefühlvolle Mensch möchte sie verneinen.
Ehrenstraßer will vor allem das Motiv kennen lernen und deshalb ließ er den Gerichtsadjunkten zu sich bitten, der die Hinterlassenschaft dienstlich zu ordnen hat.
Hörhager war damit so weit gekommen, um aus den Papieren Ratschillers konstatieren zu können, daß Bargeld knapp ist.
„Passiv?“ fragte schier ängstlich der Richter.
„Nein! Die Außenstände sind sehr bedeutend. Alle Fälligkeiten der Firma in nächsten Zeiten sind mir noch nicht genügend bekannt.“
„War Ratschiller in einer Lebensversicherung?“
„Ja, und auffallend hoch versichert!“
„Bei welcher Gesellschaft?“
„Bei der Triestiner!“
„Die Triestiner zahlt meines Wissens Todesfälle durch Selbstmord nicht aus; ich werde in die Police Einsicht nehmen!“
„Es soll doch Raubmord vorliegen, nicht?“ warf Hörhager ein.
„Ich kann im jetzigen Stadium der Untersuchung keinen Aufschluß geben!“ erklärte Ehrenstraßer ausweichend.
„Bitte sehr! Ich dachte nur, unter Amtskollegen —!“
„Bedauere, heute ischt mir dies thatsächlich noch nicht möglich. Hingegen bitte ich um alle Papiere Ratschillers und überhaupt um den ganzen Akt, sobald Sie fertig sind!“
„Ich stehe zu Diensten, Herr Bezirksrichter!“ sagte Hörhager und entfernte sich etwas verstimmt.
Spät am Abend begab sich Ehrenstraßer nach Hause und sein erstes war, der armen Tochter Emmy Trost zuzusprechen, die sich in ihr Kämmerlein zurückgezogen hatte.
Wie schmerzlich war es dem Vater, andeuten zu müssen, daß die Verhältnisse nach dem plötzlichen Tode Ratschillers einen Verzicht auf die Verbindung nahelegen.
Unter Thränen fragte Emmy nach den Gründen, und Ehrenstraßer vermochte nur zu sagen: „Ich fürchte, es wird nicht anders gehen.“
„Hast du des Mörders Spur entdeckt, Papa?“
„Ich kann keine Auskunft geben, liebes Kind. Die Untersuchung ischt kaum eröffnet, geschweige denn abgeschlossen.“
Schluchzend warf sich Emmy an des Vaters Brust und flehte um seinen Beistand. Sie will Franz treu bleiben, auch wenn durch den Tod Ratschillers das Unglück über die schwer heimgesuchte Familie hereinbrechen sollte.
So tröstete denn Ehrenstraßer unter schmerzlichem Lächeln sein Kind und zog sich nach dem kurzen Abendimbiß in seine Stube zurück, wohin Bianca in ihrer Neugierde ihm folgen wollte.
Höflich, doch bestimmt lehnte Ehrenstraßer diese Begleitung ab, er will und muß allein sein, um den Fall zu studieren.
Beleidigt suchte die lebhafte Gattin die Kinderstube auf. Wozu hat man einen Beamten zum Gemahl, wenn man in interessanten Fällen aus der Untersuchung keine Mitteilungen erhält, dachte die Gattin, welche mit ihren Informationen im Falle Ratschiller gerne den befreundeten Damen gegenüber geprahlt hätte und nun so viel wie gar nichts weiß.
Am nächsten Morgen besuchte der Richter Franz Ratschiller im Komptoir und sprach ihm vor allem herzliches Beileid aus, wofür der schier gebrochene junge Mann innig dankte. Es war für Ehrenstraßer peinlich, Franz eröffnen zu müssen, daß die Untersuchung auch im Komptoir des Verstorbenen ihre Fortsetzung finden müsse, der unerbittliche Dienst kennt keine Rücksicht. So schonungsvoll als möglich erbat der Richter die Erlaubnis einer Nachsuche im Arbeitsgemache Ratschillers sen. und Ausfolgung der Pultschlüssel und, wiewohl verwundert ob solcher Bitte, die ja eigentlich ein Befehl ist, gab Franz die Schlüssel ab mit dem Beifügen, daß alle Papiere von dem Gerichtsadjunkten bereits abgenommen worden seien.
Ehrenstraßer befand sich allein im Arbeitsraume des toten Fabrikherrn, und schloß Fach um Fach zunächst des Schreibpultes auf. Ein Lädchen im Innersten enthielt die Uhr und die offensichtlich abgezwickte Kette, an welcher der Befestigungsring fehlte.
„Also doch! Glied um Glied reiht sich aneinander!“ flüsterte Ehrenstraßer, der im nächsten Lädchen das vermißte Portefeuille vorfand und ein scharf geschliffenes Federmesserchen, dessen eine Klinge offen stand und vom Fädchen einer aufgetrennten Naht umwickelt war. Alles Zeichen für eine wohlvorbereitete Täuschung über den Selbstmord.
Ehrenstraßer nahm alle diese Gegenstände an sich, dann bat er Franz, einzutreten. Das Schwierigste sollte sich nun abspielen und soll dabei dem Sohne doch für jetzt noch verheimlicht bleiben.
Der Richter eröffnete Franz, daß es gelungen sei, die Mordwaffe aufzufinden.
„Und vom Mörder haben Sie noch keine Spur?“
„Doch! Ich kann hierüber aber noch nicht sprechen. Dagegen möchte ich Ihnen die Waffe zeigen!“ sagte Ehrenstraßer und nahm die Pistole, welche er ad hoc bei sich führte, aus der Tasche.
Kaum hatte sie Franz erblickt, schrie er. „Um Gotteswillen! Das ischt ja Papas Schießzeug, das er stets ungeladen im Nachttischchen liegen hatte zur Beruhigung der immer ängstlichen Mama! Mit dieser Pistole kann doch Papa nicht erschossen worden sein!“
Für den Untersuchungsrichter genügte die Agnoszierung der Waffe als Eigentum des Fabrikanten völlig.
„Es muß ein Irrtum oder die Pistole vom Mörder vorher gestohlen worden sein! O Gott, wie entsetzlich ischt doch dieses Ereignis!“ jammerte Franz.
Ehrenstraßer wollte seine Entdeckung noch nicht kundgeben, außerdem noch einige Versuche am Thatorte anstellen, weshalb er von Franz sich verabschiedete und den Weg zur Sattelbrücke einschlug.
Dort angekommen, suchte der Untersuchungsrichter einen ähnlichen Stein, band eine zweite Schnur daran, sowie die Pistole und operierte in der Weise, wie mutmaßlich Ratschiller es gethan haben mochte. Diese Versuche ergaben, daß die Sache thatsächlich ganz gut geht und daß die Pistole jedesmal das Brückengeländer verletzt.
Dies in Verbindung mit den Resultaten der heutigen Versuche in Ratschillers Komptoir, muß den letzten Zweifel beseitigen, die Untersuchung dieses Falles kann geschlossen werden.
Tieftraurig kehrte Ehrenstraßer zur Stadt zurück, versunken in Gedanken. Diesmal wird die Erfüllung der beschworenen Dienstpflicht qualvoll nach jeder Richtung.
Eine Verheimlichung des eklatanten Selbstmordes muß als ausgeschlossen betrachtet werden. Was aber wird die Aufdeckung von Amts wegen zur Folge haben?
Zunächst die Verweigerung eines kirchlichen Begräbnisses durch das zuständige Pfarramt. Die Beerdigung hat schon heute nachmittag zu erfolgen. Welch neuen, tiefen Schmerz im Hause Ratschiller muß die Verweigerung des kirchlichen Begräbnisses hervorrufen! — An Geistesgestörtheit ist nicht zu denken, der Selbstmord ist geradezu mit Raffinement vorbereitet worden, die Täuschung so geschickt gemacht, daß ihr ein Anfänger in der Gerichtspraxis zweifellos zum Opfer gefallen wäre.
Eine zweite Folge der Bekanntgabe des Untersuchungsresultates wird sein, daß sich die Versicherungsgesellschaft weigern wird, die Police zu honorieren. Die Familie Ratschiller wird keinen Heller erhalten, die eingezahlten Prämien sind rettungslos verloren. Inwieweit die Bekanntgabe des Selbstmordes das Geschäft selbst und den Fabrikbetrieb berühren und schädigen wird, Ehrenstraßer vermag das gar nicht auszudenken. Möglicherweise zeitigt der Fall vollständigen Bankerott der Firma.
Und wie schmerzlich ist der Fall für Ehrenstraßer selbst und seine Tochter!
Darf sich aber ein Richter von solchen Erwägungen leiten oder beeinflussen lassen? Die Antwort auf eine solche Frage muß ein starres Nein sein, die Amtspflicht kennt keine Rücksicht, darf sie nicht kennen.
Eine andere Frage drängte sich dem gepeinigten Richter auf, die Zeitfrage. Ist es zwingend notwendig, das Untersuchungsresultat schon heute bekannt zu geben?
Sonst vergehen oft Monate, bis eine Untersuchung abgeschlossen werden kann. Ist es nicht Zufall gewesen, daß Ehrenstraßer in so kurzer Zeit, binnen zwei Tagen, dem Selbstmord auf die Spur kam?
Hält der Richter mit der Bekanntgabe wenigstens einige Stunden zurück, so wird doch das kirchliche Begräbnis ermöglicht, und ein bitterer Schmerz bleibt der armen Familie erspart.
Aber was wird das in diesem Falle dupierte Pfarramt sagen, wenn es erfährt, daß das Gericht vom Selbstmord schon vor der Begräbnisstunde Kenntnis hatte? Wer kann den Untersuchungsrichter in dieser Beziehung kontrollieren? Niemand! Aber was sagt das eigene Bewußtsein, das Pflichtgefühl?
„O Gott! Es ischt qualvoll!“ stöhnte Ehrenstraßer und rang nach einem definitiven Entschluß um so heißer, je mehr er sich der Stadt näherte.
Im Bezirksgerichte herrschte rege Thätigkeit, hervorgerufen durch die unerwartete Ankunft des inspizierenden Präsidenten vom Kreisgericht. Die Kunde von dem Raubmord war durch den Telegraphen auch im Kreisgericht sehr schnell bekannt geworden und hatte den Präsidenten, der ohnedies eine Inspektion des Bezirksgerichtes beabsichtigte, veranlaßt, sich sofort in das Amtsstädtchen zu begeben. Da Ehrenstraßer nicht anwesend war, nahm der Präsident unterdessen die Inspizierung im Gerichte vor und ließ sich von dem Adjunkten über den überraschenden „Fall Ratschiller“ soweit als möglich informieren.
Als Ehrenstraßer in seiner Kanzlei erschienen war, wurde der Präsident sogleich verständigt, der nun den Richter aufsuchte und sich in den Fall vertiefte, indem er den Akt zu lesen begann mit wachsendem Erstaunen.
„Das ischt ein Fall von großem Interesse!“ rief der Präsident nach beendigter Lektüre und ersuchte um Mitteilung weiterer Untersuchungsergebnisse, die noch nicht zu Papier gebracht sind.
Ehrenstraßer erstattete ausführliche Meldung, die mehrere Stunden beanspruchte, da der Präsident jedes einzelne Moment der Untersuchung überprüfte und besprach.
Das Raffinement in der Vorbereitung des Selbstmordes und die versuchte Täuschung überraschte selbst den alten, diensterfahrenen Präsidenten, welcher rückhaltslos die Sorgfalt in der Führung dieser Untersuchung lobend anerkannte und dann zu einer Erörterung der durch den aufgedeckten Selbstmord geschaffenen Situation überging.
„Wahrscheinlich stand der Verstorbene in finanziellen Schwierigkeiten?“ fragte der Oberbeamte.
„Aus den Büchern ergiebt sich wohl ein geringer Barbestand, doch sind bedeutende Außenstände zu gunsten der Firma vorhanden. Ratschiller war ungewöhnlich hoch in der Lebensversicherung eingekauft.“
„Richtig, die Police liegt ja im Akt. Die Assekuranzsumme wollte Ratschiller vermutlich für die Relikten retten, daher der Täuschungsversuch. Mir will indes scheinen, als ob das Motiv zum Selbstmord doch tiefer liege, auf einem Gebiete, das wir in den Büchern nicht vorfinden. Haben Sie hierüber Erhebungen gepflogen?“
Ehrenstraßer stutzte, an das gewissermaßen treibende, zwingendste Motiv hat er noch nicht gedacht und deshalb auch nicht darnach geforscht. Wo aber suchen, wie vorgehen?
„Ich wiederhole meine vollste Anerkennung für die bisher von Ihnen geführte Untersuchung und die erzielten, überraschenden Resultate. Der Akt kann aber nicht früher geschlossen werden, bis nicht über das Urmotiv völlige Klarheit geschaffen ischt. Mich interessiert der Fall außerordentlich; wenn Herr Kollege gestatten, beteilige ich mich unterstützend an den weiteren Erhebungen. Ich möchte das Grundmotiv wahrhaftig selber kennen lernen, und scheue die Mühe keineswegs. Glauben Sie, daß wir im Fabrikbetrieb einen Anhaltspunkt finden könnten?“
„Die Möglichkeit ischt vorhanden. Der Fabrikleiter dürfte zweifellos von Schwierigkeiten und dergleichen Kenntnis haben.“
„Sind Herr Kollege zufällig über die Cementfabrikation eingehender informiert?“
„Ich denke diese Frage mit ja beantworten zu können!“
„Was kann einem Cementfabrikanten beispielsweise eine enorme Schwierigkeit verursachen?“
„Steinmangel!“
„Heureka! Da haben wir ja das Urmotiv! Ergiebt sich bei Ratschiller thatsächlich Mangel an brauchbarem Stein, und davon muß der Fabrikleiter unbedingt Kenntnis haben, so ischt das Motiv für den Selbstmord sonnenklar aufgedeckt!“
Ehrenstraßer biß sich auf die Zunge; an die Möglichkeit hat er wirklich nicht gedacht.
Feierliches Glockengeläute war in diesem Augenblick hörbar.
Ehrenstraßer seufzte erleichtert auf, das Geläute gilt dem Fabrikherrn, dessen Leiche eben zu Grabe getragen wird. So ist denn das kirchliche Begräbnis gesichert, ohne Pflichtverletzung des Untersuchungsrichters.
Da der Präsident nun andere Fragen an den Gerichtsvorstand richtete, kam Ehrenstraßer der Fall des Einödpaters in Erinnerung und fragte er daher an, ob eine spezielle Vernehmung des alten Priesters in der Einöde stattfinden müsse.
„Glauben Sie, daß der Geistliche das Bewußtsein der Beihilfe gehabt hat?“
„Nein, ich halte dies für ganz unwahrscheinlich!“
„Dann schlagen wir die Sache nieder, der betreffende Akt kann geschlossen werden.“
Es dämmerte, als die Gerichtsherren ins Freie traten und sich nach der Verabredung, morgen früh der Cementfabrik einen Besuch abzustatten, voneinander trennten.