STRINDBERGS VÄTERLICHER STAMMBAUM

Nach Paul Meijer-Granqvist in Stockholm.

Von seiner Herkunft schreibt Strindberg selbst: „Es gab einen alten Stammbaum, der im siebzehnten Jahrhundert Adel nachwies.‟ Hier hat der Dichter männliche und weibliche Abstammung vermengt; denn auf der Schwertseite hatte die Familie kein adliges Blut in den Adern, und der einzige Geistliche, Strindbergs Urgroßvater, Henrik, der den Familiennamen annahm, war Bauernsohn aus dem Dorfe Strinne (daher der Name) im Kirchspiel Multrå in Ångermanland. Er war 1710 geboren und starb 1767 als Unterpfarrer von Refsund und Sundsjö in Jämtland. Durch ihn kommt wahrscheinlich, nach Strindbergs Worten, „die ganze väterliche Verwandtschaft aus Jämtland, mit nordschwedischem und vielleicht finnländischem Blut‟.

Henrik Strindberg ehelichte 1743 Maria Elisabet Åkerfelt (geb. 1725), deren Vater Hauptmann im jämtländischen Regiment war; und auf deren väterliche Abstammung zielt wohl der Dichter mit der „alten Stammtafel‟. Durch diese Mutter seines Großvaters stammt der Dichter in der Tat von ihrem Urgroßvater ab, Johan Olofsson zu Rajkull, der 1646 geadelt wurde und den Namen Åkerfelt erhielt „für seine dem König Gustav Adolf und dem Reichskanzler Oxenstjerna geleisteten Dienste; außerdem dafür, daß er bei der Grenzkommission in Estland und dem Burggericht auf Schloß Reffle (Reval) von Nutzen gewesen‟. Dessen Sohn, Johan Åkerfelt, wurde Hauptmann bei der Garnison in Riga; nahm 1682 seinen Abschied, als er einen Hof, Tulina, am Newafluß zu Lehen erhielt; auf diesem Hof wohnte er bis 1702, da er, nach der Familienüberlieferung, genötigt wurde, mit seinen Kindern auf einem Boot zu entfliehen, weil die Russen seinen Hof und die Saat auf dem Felde plünderten. Mit seiner Frau, Sabina Wolff, Tochter eines Kapitäns bei der Adelsfahne, hafte er einen Sohn, Zacharias (geb. in Riga 1682), der sich als tapferer Krieger unter Carl XII. bekannt machte. Nach dem Ende des großen Unfriedens erhielt dieser den Charakter als Major, nahm seinen Abschied und starb 1754. Während er zu Wismar in Garnison lag (1713, nach der Schlacht bei Gadebusch), gewann er als Braut eine Tochter des Dr. med. Martin Scheffel, der einem alten geachteten Patriziergeschlecht in Wismar angehörte.

Zacharias Åkerfelt und Maria Elisabeth Scheffel hatten außer der Tochter, die durch ihre Heirat mit Henrik Strindberg die Stammmutter der Familie Strindberg wurde, mehrere Kinder (das adelige Geschlecht Åkerfelt starb indessen bereits mit einem Enkel 1836 aus), aber von diesen interessieren uns hier nur zwei: der Sohn Gotthard Wilhelm Åkerfelt zeigte dieselben künstlerischen Anlagen wie sein Oheim mütterlicherseits, der Porträtmaler Johan Heinrich Scheffel, und ward ein zu seiner Zeit beliebter Porträtmaler. Der Bruder Kari Åkerfelt wieder wurde ein vermögender Seidenfabrikant in Stockholm.

Das interessiert uns insofern, als es dieser Åkerfelt gewesen sein dürfte, der die Schwesterkinder Strindberg aus Jämtland zu sich nach Stockholm nahm, als ihr Vater 1767 verschied und die meisten von ihnen noch unmündig waren. Von den Töchtern verheiratete sich die eine zuerst mit einem Händler Arengren zu Stockholm, dann mit dem bekannten Juristen Johan Holmbergsson, und wurde in letzter Ehe Mutter des originellen Malers Johan Holmbergsson, der auf den Straßen von Stockholm einherging in „Hut, Stiefeln und Rock, die denen Carls XII. gleich waren, und mit einem Stab in der Hand, der dem der Veleda selbst glich‟. Er schrieb und sprach sogar das Schwedische des 16. Jahrhunderts! „Schwedischen Schicksalen und Abenteuern‟ widmete er seinen Zeichenstift und seinen Pinsel, wie sein Verwandter August Strindberg einige Dezennien später seine Dichterphantasie. Unzweifelhaft war auch wohl Johan Holmbergsson „ein Stück von einem Dichter‟.

Die beiden Priestersöhne Strindberg, Henrik und Zacharias, ließ der Oheim mütterlicherseits, der Seidenfabrikant Karl Åkerfelt, Kaufleute werden; der erste endete als Seidenfabrikant in Borås (wo es vielleicht noch Nachkommen von ihm gibt), der letzte als Kolonialwarenhändler in Stockholm. Dieser letzte, Zacharias, geboren 1758, gestorben 1828, war des Dichters Großvater und eine merkwürdige Persönlichkeit. Nicht nur, weil er eines der hervorragendsten Mitglieder der Stockholmer Bürgerschaft war, das im „Militärkorps der Bürgerschaft‟ es sogar zum Stadtmajor brachte, sondern noch mehr durch die literarischen und künstlerischen Interessen, die er mit seinen Verwandten, dem Schwestersohn Holmbergsson, dem Onkel Gotthard Wilhelm Åkerfelt, dem Großonkel Scheffel gemeinsam hatte. Bei dem alten Stadtmajor fanden diese Interessen ihren besonderen Ausdruck in einer alles verschlingenden Leidenschaft fürs Theater. Unter seiner Leitung sah der bekannte „Aurora‟-Verein den Tag (1815), der dann nahezu anderthalb Jahrzehnte unter seiner Großmeisterschaft stand, bis zu seinem Tode 1828, und dafür sorgte, daß der Geschmack des bürgerlichen Stockholm für Dramatik befriedigt wurde. Ja, der Herr Stadtmajor unterließ es sogar nicht, selbst die Feder zu ergreifen und das Repertoir mit „schwedischen Originalschauspielen‟ zu versorgen, wenn diese auch mehr von gutem Willen als von dramatischer Begabung und Bildung zeugen.

Stadtmajor Strindberg, der zugleich Freimaurer war, trug den Seraphinenorden und die Pro-Patria-Medaille und führte ein gastfreies fröhliches Haus. 1793 mit Anna Johanna Neijber verheiratet, hatte er zwei Söhne, Ludwig und Oskar, sowie eine Tochter, die 1822 den bekannten „suecisierten‟ englischen Erfinder und Philantropen Samuel Owen heiratete, den Vorgänger John Ericssons in der Schöpfung und Entwicklung der Dampferflotte.

Beim Tode des Stadtmajors 1828 und noch etwa anderthalb Jahrzehnte befand sich die Familie in großem Wohlstand. Indessen veränderte sich die geschäftliche Konjunktur. Owen mußte seine Faktorei verkaufen und sein Eigentum an seine Bürgen abtreten; auch seine Schwäger Strindberg verloren beinahe alles, was sie besaßen.

Gerade in dieser schweren Zeit kam der Dichter zur Welt (1849). Die Familie zeigte indessen, daß sie Schneid besaß. Besonders erwies sich die Dampferkommission, der sich August Strindbergs Vater widmete, als ein gutes und lohnendes Geschäft, das noch heutigentags von seinem zweiten Sohn Oskar geführt wird, der, 1847 geboren, zwei Jahre älter als der Dichter ist. Der älteste Bruder wieder ist Beamter in der Lebensversicherungsgesellschaft Nordstern, und ist als Orchesterleiter bei der Oper tätig gewesen — die Familie hat immer musikalische Interessen gehabt. Eine Schwester ist in Stockholm verheiratet mit dem Gymnasialprofessor Dr. v. Philp; eine andere mit Hartzell in Norrköping.

Von den Kindern des Oheims väterlicherseits müssen wieder genannt werden die Großhändler I. O. und A. G. Strindberg, von denen der letzte ein gutes Geschäft in Flaggentuch u. dgl. betreibt; beim ersten ist auch etwas von der literarischen Art, die den Vetter so berühmt gemacht hat. Der Großhändler I. O. Strindberg ist nämlich ein sehr produktiver Gelegenheitsdichter (Signatur meist Occa). Bekannt ist auch, daß einer seiner Söhne, Nils Strindberg, dem Namen neue Sympathien verschafft hat, indem er sich mutig an die Seite Andrées stellte, als dieser durch seine Ballonfahrt zum Pol ein neues Blatt zu den „Schwedischen Schicksalen und Abenteuern‟ fügen wollte.

Druck von Gerhard Stalling, Oldenburg i. O.