Vier Jahre in Spanien.


Die Carlisten,

ihre Erhebung, ihr Kampf und ihr Untergang.


Skizzen und Erinnerungen aus dem Bürgerkriege

von

A. von Goeben,

Königlich-Spanischem Oberstlieutenant im Generalstabe.

Hannover, 1841.


Im Verlage der Hahn’schen Hofbuchhandlung.

Über Alles, was während der letzten acht Jahre in Spanien sich ereignet hat, ist bisher sehr Wenig in Deutschland veröffentlicht, und dieses Wenige, fast durchgängig im Sinne der einen, stärkern Parthei, oft selbst mit der Absicht, irrige Ansichten zu verbreiten, geschrieben, konnte nur beitragen, das Urtheil des Publicums irre zu leiten. Es dürfte daher nicht unwillkommen sein, wenn Augenzeugen die Dinge in ihrem wahren Lichte darstellen und so das Gewebe von Dunkelheit und Täuschung zerreißen, welches jene Ereignisse dem Blicke des Forschers unzugänglich machte. Was ich während fünftehalbjährigen Aufenthaltes und unter mannigfach wechselnden Verhältnissen erfahren und beobachtet habe, das werde ich in diesen Erinnerungen darlegen, deren Zweck erfüllt ist, wenn sie zur Beseitigung der Vorurtheile mitwirken, die einem Jeden, der nicht aus eigenem Anschauen ein selbstständiges Urtheil sich bildete, nothwendig aufgedrängt wurden.

Ich habe gestrebt, ein möglichst vollständiges Bild alles Dessen zu geben, was in Bezug auf den Bürgerkrieg von Interesse sein muß. Die Umstände setzten mich in Stand, fast allenthalben und Alles selbst zu prüfen, da ich, seit dem Frühlinge 1836 der carlistischen Armee in den baskischen Provinzen mich anschließend, nach und nach in allen Theilen des Königreiches mich befand, in allen Armeen der Carlisten Dienste leistete, in mehrfacher Gefangenschaft auch mit den Christinos in häufige Berührung kam und endlich unter Cabrera’s Oberbefehle, der einzige deutsche Officier, an dem letzten Todeskampfe im Frühjahre 1840 Theil nahm. Erst da nach Morella’s Falle kein carlistisches Heer mehr existirte, legte ich die Waffen nieder, um noch im Meuchelmorde, dem ich kaum mit schwerer Wunde entging, den Partheihaß zu erproben.

Doch verkenne ich nicht die mannigfachen Schwierigkeiten, mit denen ich zu kämpfen habe. Nicht nur soll ich gegen vieles fast allgemein Angenommenes und Anerkanntes mich erheben; ganz Soldat und seit Jahren nur im Kriegesgetümmel beschäftigt, bin ich auch wenig gewohnt, die Feder zu führen, und werde in der Darstellung den Mangel an Gewandtheit nicht verleugnen können. Das Bewußtsein, daß ich für die Wahrheit in die Schranken trete und nur Wahres gebe, darf mich wohl über solche Rücksicht und solche Furcht hinwegsetzen.

Es wäre eben so thöricht als falsch, wenn ich Unpartheilichkeit für mich in Anspruch nähme. Wo es von der Sache sich handelt, für die ich mit Stolz mein Blut vergoß, bin ich stets Parthei, der Carlist wird stets hervortreten. Aber das Verdienst, wenn es solches ist, auf das ich gegründeten Anspruch machen darf, ist das der gewissenhaftesten Treue und Wahrheit, der ich jede andere Rücksicht untergeordnet habe. Was immer in meinen Notizen enthalten ist, habe ich entweder aus eigener Beobachtung oder aus Forschung an Ort und Stelle und den Berichten von Augenzeugen, deren Genauigkeit mir feststand, geschöpft; wo ein Zweifel noch obwaltet, habe ich auch ihn nicht verschwiegen.

Sonstige Quellen konnte ich nicht benutzen, da die einzige, aus der ich hätte schöpfen mögen, das geistreiche Werk meines geehrten Chefs und Freundes, des Generals Baron von Rahden, über „Cabrera“, von ganz anderm Gesichtspunkte aus abgefaßt ist. Auch begreift es nur einen abgesonderten Theil der Ereignisse, die nämlich, in denen Cabrera thätig mitwirkte, während ich an das selbst Erlebte es anknüpfend mehr oder weniger detaillirt den ganzen Bürgerkrieg umfasse. In manchem Einzelnen mußte ich auch von jenem Werke abweichen, welches als Erzeugniß scharfer Beobachtung vom höchsten Interesse ist.

Übrigens ist es nicht meine Absicht, eine Geschichte des Bürgerkrieges in diesen Erinnerungen zu geben; möchten sie dem künftigen Geschichtschreiber seine schwere Arbeit in Etwas erleichtern!