Der Nachtbesuch
Es war eines Abends zwischen zehn und elf etwa, als ich meine Augen erhob von einem Buche über die Zivilisation der Tezkuken. Nein, um genau zu sein, ich war gezwungen, meine Augen zu erheben, denn ich hatte das Empfinden, daß jemand im selben Zimmer war mit mir, und daß ich seit einiger Zeit aufmerksam beobachtet wurde.
Ich wendete den Kopf. In der Mitte des Raumes stand ein Indianer. Kein Zweifel, er stand dort seit einer geraumen Weile. Sein Blick ruhte auf meinem Gesicht, und geduldig wartete er darauf, daß ich ihn anreden möchte.
In diesem Augenblick war ich fähig, genau die Zeile, ja das Wort zu zeigen, das ich in dem Augenblick las, in dem der Mann das Zimmer betreten hatte. Es waren wenigstens zehn Minuten seitdem verflossen.
Augenscheinlich war der Mann die Holztreppe, die zur Veranda führte, heraufgekommen und geräuschlos eingetreten.
Es ist hier nicht Sitte, irgendein Haus, und sei es noch so primitiv, zu betreten, ehe man sich nicht durch einen Gruß oder ein Rufen bemerkbar gemacht und der Inwohner gesagt hat: „Pase!“ Die Mehrzahl der Häuser, die der Indianer alle, haben keine Türen, und wenn sie welche haben, werden sie mit Bast oder einem Bindfaden geschlossen. Ginge man auch nur bis vor die offene Tür, ohne daß man sich durch ein Geräusch ankündigte, würde man die Hausbewohner oftmals in die allerpeinlichste Verlegenheit bringen, weil die Hütten ja nur einen Raum haben.
Dieser Mann hatte sicherlich verschiedene Male gerufen, um meine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Da ich aber so versunken in mein Studium war, hatte ich es nicht gehört, und er, mich am offenen Fenster lesen sehend, war dann zögernd ins Haus gekommen, weil er mich aus irgendeinem Grunde sprechen mußte und keine andre Möglichkeit sah, sich bemerkbar zu machen.
Da stand er, bewegungslos wie eine Säule. Als ich ihn ansah, beugte er ein Knie, berührte mit der flachen Hand den Fußboden, erhob dann die Hand bis zu seinem Scheitel, das Innere der Hand mir zugekehrt, und mit dieser Geste stand er gleichzeitig auf.
Eine seltsame Form der Begrüßung, dachte ich, eine Art des Grußes, wie ich sie bisher von einem Eingeborenen nicht gesehen hatte.
„Guten Abend,“ sagte ich zu ihm auf spanisch.
„Nacht ist kalt und lang,“ begann er zu reden. „Schweine stören mich. Entsetzlich ist es, o Herr, sich nicht verteidigen zu können. Gebaut mit heiliger Sorgfalt, sicher zu sein für die Ewigkeit. Doch es zerfällt und bricht. Lang ist die Nacht, dunkel und kalt. Denken Sie, o Herr, der Schweine. Schweine sind das Grauen.“ Er erhob seinen Arm und deutete nach einer bestimmten Richtung.
Nicht wissend, was für eine Antwort ich ihm geben sollte, da ich nicht verstand, wovon er überhaupt redete, beugte ich mich über mein Buch, um einen Augenblick Zeit zu gewinnen, meine Gedanken, die offenbar in Verwirrung geraten waren, zu ordnen. Es war in der Tat für mich nicht ganz klar, ob mein Geist sich in einem Zustand fieberischer Erregung befand als eine Folge des unaufhörlichen Lesens, oder ob ich ein wirkliches Geschehen erlebte. Die Gedanken fingen an, in meinem Hirn so durcheinanderzuwirbeln, daß ich nicht in der Lage war, zu entscheiden, wo die Wirklichkeit aufhörte und die Einbildung begann.
Nur um etwas zu reden, sagte ich: „Was meinen Sie eigentlich? Um die Wahrheit zu sagen, ich weiß überhaupt nicht, wovon Sie sprechen. Reden Sie im Zusammenhang, lieber Mann.“
Er aber war bereits gegangen, ebenso geräuschlos, wie er gekommen war.
Mit einem Satze war ich an der Tür. Ich wollte gewiß sein, ob meine Sinne bereits so weit herunter waren, daß sie mir Erscheinungen vorgaukeln konnten, oder ob ich wirklich soeben einen Menschen gesehen und gesprochen hatte.
Dank den Göttern, ich war gesund, mein Geist war klar: dort, im bleichen Licht des zunehmenden Mondes sah ich ihn dahinschreiten, schattengleich. Groß war er nicht, mehr von knabenhafter Gestalt, schlank gebaut, reines, unvermischtes Indianerblut.
Ich kehrte zurück zu meinem Tisch und versuchte, mich seiner Worte zu erinnern. Seltsam genug, ich konnte seine Worte nicht wiederfinden. Und es kam mir zu Sinn, daß er nicht Spanisch gesprochen hatte, daß er keine Sprache gebraucht hatte, die ich kannte: aber dennoch hatte ich ihn vollständig verstanden, der Inhalt seiner Sätze war mir deutlich, nur der Zusammenhang fehlte mir.
War sein Gruß nicht der gleiche gewesen, wie er bei den alten indianischen Völkern im Gebrauch war? Aber das war ja offenkundiger Unsinn. Meine Bücher hatten meine Gedanken verwirrt und mich Dinge sehen lassen, die gar nicht da waren.
Aber wenn ich nun seine Erscheinung in mein Gedächtnis zurückrief: er war in Lumpen gekleidet. Das wieder war nichts Auffallendes, denn die meisten Indianer laufen in zerfetzten Hosen und Hemden herum. Hosen? Hemden? Nein, er hatte weder eine richtige Hose noch ein richtiges Hemd angehabt. Die Lumpen, mit denen er behangen war, hatten ausgesehen wie die verrotteten Überreste eines sehr kostbaren, uralten Stoffes; ein merkwürdiges phantastisches Gewebe, wie ich mich kaum erinnerte, irgendwo gesehen zu haben, es wäre denn in einem Museum.
Jedoch kein Zweifel bestand darüber, daß seine Oberarme, die Enkel seiner Füße mit Goldreifen geschmückt gewesen waren, daß er eine Halskette trug, die ein Goldschmied verfertigt hatte, der ein großer Künstler war.
Und dennoch, je deutlicher alle die Einzelheiten in mein Gedächtnis zurückkehrten, desto klarer wurde mir, daß ich nichts von alledem gesehen hatte, was ich glaubte bemerkt zu haben. Ich hatte den armen Indianer lediglich mit all jenen Äußerlichkeiten ausgestattet, die ein Merkmal jener Völker waren, über die ich gerade las. Die höchste Zeit, sagte ich zu mir selbst, mit diesen Dingen nun ernsthaft Schluß zu machen und den Weg zu meinem Jahrhundert und zur nüchternen Wirklichkeit, in der die Postsäcke ratternd einige tausend Meilen weit durch die Lüfte geworfen werden, zurückzukehren.
Ich klappte mein Buch zu und ging zu Bett.