Aus Mitleid

Magnus Joël war noch rechtzeitig genug aufgesprungen, um sein Gegenüber, das junge Mädchen, aufzufangen und vor dem Hinstürzen zu bewahren. Eben hatten sich ihre Gläser über dem kleinen, doch glänzend servierten und mit Blumen wie zu einem Feste geschmückten Tisch hellklingend getroffen, und ihre bebenden Lippen, mehr noch die Glut ihrer Augen, hatten das süße Geheimnis ihrer versteckten Liebe gefeiert. Emmy nippte nur von dem goldigen, feinduftenden Inhalt des olivengrünen Römers — »Mir wird so seltsam!« sagte sie, das Glas hinsetzend. Eine plötzliche Blässe flog über das feine Oval ihres Gesichtes, ihre auffällig schlanke Hand, an der ein paar wertlose, altmodische Ringe glitzerten, tastete über Stirn und Augen, gegen die Nacht der Ohnmacht ankämpfend, die sich über ihre Sinne legte.

Nach der ersten Bestürzung geleitete er die wankende Gestalt vorsichtig nach dem Divan, der aus dem Bereich des magischgelben Scheines der tief über dem Tisch herabhängenden Lampe im Dämmer des Hintergrundes stand, von breiten Palmblättern wie zu einer Laube überschattet.

Wie ihr Kopf mit dem dunkelbraunen Wirrnis des üppigen Haares gegen seine Schulter lehnte und die schwarzen Wimpern sich wie schwere Schatten auf die Blässe der Wangen senkten, mochte man auch jetzt noch, in diesem Zustand, das Hingeben sehnender Liebe verspüren; und wie er sie umschlungen hielt, ihre Gestalt fast leidenschaftlich an seine Seite pressend, sie mit seinen kräftigen Armen mehr trug als geleitete, das war etwas anderes als Sorge und Erbarmen um den plötzlich erkrankten Gast.

»Mir ist zum Sterben schlecht —« hauchte es über ihre blutlosen Lippen, nachdem er sie behutsam auf den Teppich des Divans gestreckt.

Er eilte in das Schlafzimmer, um kaltes Wasser, Riechsalz, was er fände, herbeizuschaffen. Sie begehrte nach Luft. Er stürzte auf das Fenster hin, dessen schwere Plüschvorhänge vorhin so vorsichtig gegen fremden Einblick geschlossen worden waren, und öffnete. Die regenfeuchte Luft des Aprilabends wehte kühl herein, und wie entweihend brach das Geräusch der Straße in die diskrete Stille des Salons. Das Chambregarnie, das der junge Magnus Joël, zweiter Sohn aus der bekannten Großfirma Hildebrand Joël, Seiden- und Spitzenwaren, inne hatte, lag in dem lebhafteren Teil der Charlottenstraße, der Nähe des väterlichen Geschäftes wegen, das in der Leipzigerstraße mit seiner glänzenden Schaufensterfront paradierte.

Nah und fern rasselte und klingelte die Pferdebahn, Droschken holperten über das Pflaster, Tritte wie Unterhaltung der Passanten hallten vom Trottoir herauf, stoßweise kam die accentuierte Musik einer nahen Festlichkeit hergehuscht. Es war mehr die Wirkung dieses vieltönigen Lärms als der frischen Luft, welche die Kranke aufleben hieß. Hier ist nicht der Ort, um krank zu werden, für sie!

Wie neidisch das Schicksal! Kaum, daß die Liebenden ihm die paar Stunden eines ersten, ungestörten Beisammenseins mit Notlügen und Ausflüchten abgestohlen, da fährt es in all die Seligkeit mit dem schwarzen Gespenst einer Ohnmacht herein!

Magnus kauerte zur Seite des Divans in einer Romeostellung, die seinem starken Körperbau und der etwas ungelenken Art seiner Bewegungen weniger entsprach; mit seinen breiten Händen hielt er je eines ihrer Händchen umfaßt, die darin völlig verschwanden. Er trug den Namen Magnus zu Recht, obgleich der Vater ihm denselben bei der Taufe nicht in Erwartung zukünftiger Körpergröße zugelegt, sondern aus Geschäftsgründen, denn das wenig klangvolle Joël bedurfte einer tönenden Verbesserung; der älteste hieß Gisbert. Der Ausdruck seines Gesichtes deutete nicht auf den angehenden Berliner Großkaufmann, es schien nach einer idealeren Seite ausgeprägt. Das dunkelblonde Haar war leicht gewellt und zeigte Seidenglanz wie bei artigen Kindern; unter der edelgeformten Stirn lagen schwärmerische grellblaue Augen vertieft; der weiche Mund, den ein aufkeimendes Bärtchen leicht beschattete, schien nicht zum Befehlen geschaffen. Ein Hauch naiver Güte war über das Antlitz gebreitet. Sein Vater und sein Bruder, beide aus härterem Metall geschmiedet, hielten ihn für gründlich aus der Art geschlagen — stand er ihnen doch sogar in dem schändlichen Verdacht, heimlich in Poesie zu sündigen.

»Ist Dir wirklich besser, Emmy?«

Sie nickte matt, aber mit der vollen Zärtlichkeit ihrer wundergroßen Braunaugen, die sich wieder zu weiten und mit Glanz zu beleben anfingen.

»Du bist so gut, Maggi —« hauchte sie hin.

»Aber ich werde es von jetzt ab nicht mehr sein, Emmy! Ich werde nicht mehr dulden, daß Du solche Holzhackerarbeit verrichtest! Von morgens 9 bis abends 9 an der Kasse zu sitzen, in solcher Luft, dazu gehört eine andere Gesundheit als die Deine!«

Er schien jetzt erst recht auf die gebrechliche Zartheit ihrer Erscheinung aufmerksam geworden zu sein. Die Beweglichkeit ihrer Mienen, der Glanz ihres Blickes, die ganze facettierende Art ihres lebhaften Wesens mochten über diese Gebrechlichkeit hinwegtäuschen; in der Unterhaltung pflegten sich ihre Wangen mit einem blühenden Hauch zu färben. Sie hatte eine feine, an den Schläfen durchsichtige Stirn, von schwer zu bändigendem Wildhaar umwuchert, sehr kleine, rosafarbene, mit zwei einfachen Korallenperlen geschmückte Ohren, die in dem Wildhaar fast verschwanden, eine leicht gebogene, in den Flügeln vibrierende Nase und einen vollen energischen Mund. Sie war nicht immer hübsch; wenn sie schwieg oder an ihrem Kassenpult arbeitete, so drückten ihre Züge einen herben Ernst aus, der sie älter machte als ihre einundzwanzig Jahre. Dann, im Affekt, wenn eine Begeisterung für Kunst und Natur, ja nur die erste Begrüßung mit dem Geliebten, ihr leicht empfängliches Wesen in Flammen setzte, konnte sie sogar durch eine eigenartige, wie hergezauberte Schönheit überraschen, die ihre Umgebung stutzen machte.

Sie war schlank gewachsen, und die volle Büste erhöhte noch den Eindruck ihrer sylphenhaften Zartheit. Ihr Kleid war von einfachstem Schnitt, aus schwarzem Lüster, die Uniform des Konfektionsgeschäftes von Kapp und Müller in der Breitenstraße, wo sie als Kassiererin angestellt war; am Halsschluß trug sie eine Brosche aus Silber, die das Monogramm der Firma darstellte, gleichfalls zur Uniform gehörig.

Ja, ihr Körper war der Anstrengung solches Dienstes nicht gewachsen! »Ich weiß, was es heißt,« fuhr er fort, »Tag aus Tag ein in dem engen Kassaverschlag zu sitzen wie in einem Schilderhaus. Gelder einzunehmen, zu buchen und zu verrechnen — alle Augenblicke Anfragen, und die Prinzipale, die fortwährend umherschleichen, um jemanden wegen einer Unregelmäßigkeit zu verschlingen. Dazu die große Verantwortung! Und die Luft, die vielen Menschen, jetzt, zum Anfang der Saison, das Gewimmel, besonders die Anhäufung von Wolle und Baumwolle in solchem Lokal. Wir haben ungleich luftigere Räume, und die Seide staubt nicht; dennoch ist unsere zweite Kassiererin krank geworden, und der Arzt hat sie gezwungen, ihre Stelle aufzugeben.«

»Du weißt doch, Maggi, ich hab’ es Dir schon ein dutzendmal erzählt, welche Mühe ich hatte, die Stelle zu bekommen. Das Handelsinstitut, wo ich die Buchführung lernte, hat Geld genug gekostet. Die verstehen es, einen auszupressen. Solche Stellen sind rar.«

»Laß mich nur sorgen, mein armer Liebling! Ich dulde und dulde nicht, daß Du Deine Gesundheit um der paar Mark wegen opferst!«

»Neunzig Mark — keine Kleinigkeit! Meine armen Eltern sind überglücklich. Übrigens kennst Du meine Meinung. Ich bitte Dich, fange nicht wieder davon an.«

Es hatte ihn vom Beginn ihrer Bekanntschaft an geschmerzt, sie sich quälen zu sehen, während er im Vollen saß. Aber alle Versuche, ihr mit irgend einer Hülfe beizustehen, scheiterten an ihrem Stolz. Fast wäre es einmal deswegen zu einem Bruch gekommen: — ein einfaches, harmloses Schmuckstück, das er ihr zum Ersatz der häßlichen und an die Knechtschaft erinnernden Uniformsbrosche in die Tasche geschmuggelt. Höchstens duldete sie eine seltene Rose oder ein Sträußlein, das die Gelegenheit auf der Straße bot.

Ein wundergroßes Paar, das in das moderne Berlin mit seinen Pferdebahnen, seiner elektrischen Beleuchtung und seinen Wiener Cafés nicht hineinpaßte; es schien einer älteren Periode anzugehören, wo die Liebenden in kleinen Winkelkonditoreien hinter Chokoladentassen ihrer Sehnsucht Genüge thaten, wo stille, entlegene Orte, wie der damalige Hafenplatz, zu zaghaften Rendezvous dienten, und die klassische Musik eines Papa Liebig in Sommer’s Salon die Begleitung zu dem Liebesweben schmachtender Augen gab. Man staune — ein reicher Kaufmannssohn, der mit geschlossenem Geldbeutel wie ein Primaner liebte, und ein armes, auf sauren Verdienst angewiesenes Mädchen, das ihr liebendes Herz von der Befleckung des Goldes rein erhielt!

Der Zufall der Straße hatte sie zusammengeführt. Er besaß keinerlei Routine in der Kunst, Herzen zu stürmen, trotz seiner vierundzwanzig Jahre und seines Geldes, das die mächtigste Hülfstruppe bei solchen Eroberungen bedeutet. Staunte er doch anfangs selbst über seine Verwegenheit und über die Beharrlichkeit, mit der er den Gegenstand seiner plötzlichen Leidenschaft umlagerte. Wochenlang, nach Schluß des eigenen Geschäftes, patrouillierte er, einem Grenadier gleich, der auf sein Mädchen wartet, vor den Schaufenstern von Kapp und Müller in der Breitenstraße. Er ließ sich durch ihre Abweisungen nicht abschrecken. Alle die hübschen kleinen Künste, die das ABC der Verführungskunst vorschreibt, wie anonyme Bouquets, Theaterbillets, selbst Verse, die an der Kasse von Kapp und Müller abgegeben wurden, erwiesen sich als wirkungslose Trivialität. Eine andere Trivialität, ein Regenschirm, der sich bei einem herabstürzenden Regenguß mitten auf dem Schloßplatz plötzlich über ihrem schutzlosen Kopf öffnete, brachte die endliche Annäherung. Viele Wochen lang begnügte Magnus sich damit, sie von der Breitenstraße bis zum Lustgarten an den dort vorüberfahrenden Omnibus zu geleiten. Und er war schon überglücklich, wenn der Omnibus sich um einige Minuten verzögerte. Bald schrak er nicht davor zurück, in den dumpfen Kasten des rumpelnden Fuhrwerks selbst zu kriechen, um die Seligkeit ihrer Nähe bis zur Rosenthaler Vorstadt, wo ihre Eltern wohnten, zu genießen. Dann folgten flüchtige Besuche in einer Konditorei, kurze Rendezvous an den Sonntagen, wo sie auf ungeheuren Umwegen den menschengefüllten Straßen auswichen, um irgend einen diskreten, nur von dem verschwiegenen Himmelsblau eingesehenen Erdenwinkel draußen in der Bannmeile zu erreichen.

Sie zwang ihn zu der Genügsamkeit ihrer Armut, und ihre beiderseitige Liebe erstarkte nur um so mächtiger und glühte um so heißer in dieser Kargheit. Sie wußten, daß sie einander nicht gehören durften und daß ihrem Liebestraume nur das kurze Leben eines Frühlingstages beschieden wäre. Die drohende Trennung lag wie ein Schatten über diesem Frühlingstag. Sie war ihnen so sicher wie der Tod, und sie meinten ein jedes, daß sie die Scheidestunde nicht überleben würden. —

Emmy hatte sich erholt, Magnus begann wieder aufzuatmen: es war nichts weiter, als ein Schwächeanfall, vielleicht auch die Aufregung dieses ihres ersten Besuches in seiner Wohnung.

»Komm, wir wollen uns wieder zu Tische setzen, liebes Herz, —« sagte er, »die Zeit eilt!«

»Du Ärmster, wie hat Dich mein Besuch enttäuscht! Wie hübsch hattest Du alles angeordnet!«

War sie doch bei ihrem Kommen durch die funkelnde und schimmernde Pracht der mit kostbarem Geschirr und prächtigen Blumen ausgestatteten kleinen Tafel, auf der die seltensten Leckerbissen der Jahreszeit sich drängten, in kindliches Staunen ausgebrochen. — »Doch nicht meinetwegen, Maggi?«

Sie wollte ihm nun die Freude wenigstens nicht ganz verderben und sich abermals mit ihm zu Tisch setzen. Als sie sich aber erhob, begann die Standuhr über dem Divan zu schlagen. Sie horchte, mit steigender Aufregung zählte sie die Schläge.

»Neun Uhr — Ah!«

Erschreckt fuhr sie zusammen. »Nicht möglich!« rief sie. »So muß ich sofort nach Haus!«

»Eine Viertelstunde!« bat er. »Die Uhr geht nicht richtig — Du bist doch eben erst gekommen!«

»Du weißt, wie Mama sich ängstigt. Wenn man sie hört, so ist Berlin zu drei Vierteln mit Räubern und Missethätern bevölkert, die nach neun, wo alle anständigen Leute von der Straße verschwinden, ihr Tagewerk beginnen. Ich muß fort! Vor einer halben Stunde kann ich nicht dort sein. Es ist Angst genug für Mamachen —«

»Nur zehn Minuten, süßes, einziges Herzlieb —« flehte er. »Wir nehmen eine Droschke und lassen fahren wie die Eisenbahn. Bitte, bitte, nur noch zehn Minuten —«

Er wandte ihr Köpfchen zu sich empor und erstickte das abwehrende Nein ihrer bebenden Lippen mit der Leidenschaft seiner Küsse. — »Nein, ich laß Dich nicht! Ich laß Dich nicht!« stammelte er.

»Armer Maggi —« hauchte sie in seine Liebkosung. Ihre Augen füllten sich mit Thränen: — eine solche Liebkosung wird eines Tages, bald, gar bald, ihre Trennung bedeuten!

Wo war die Zeit hin? Wie hatten sie jedes für sich die Seligkeit dieses ersten rückhaltlosen Zusammenseins ausgeschmückt! Emmy hatte aus ihrem Kassagefängnis sich mit Mühe durch eine Notlüge zu früherer Stunde befreit. Magnus ahnte nicht, welche Angst sie ausgestanden, bis sie endlich hier in seinen Armen lag. Die peinigenden Skrupel, die sie mehrere Male umkehren heißen, die Furcht vor Entdeckung und das drohende Gespenst der Schande, das auf sie lauert — es will immer noch nicht dunkel genug werden — die Läden diesseits und jenseits der Straße sind so neugierig — alle Passanten wissen um ihr Geheimnis — die Stiege knarrt — sie schrickt zusammen — eine Thür öffnet sich, jemand kommt die Treppe herab — atemlos vor Schreck stürzt sie auf die beigelehnte Thüre des ersten Stocks — »Endlich!« ruft drinnen eine Stimme.

»Ach Maggi ...«

Lange verbarg sie ihr vor Scham glühendes Antlitz an seiner Brust und ihr Atem stürmte vor gewaltiger Erregung.

»Du wirst mich nicht mehr lieben ...« bebte es über ihre Lippen. Sie wagt nicht mehr aufzuschauen — o, sie wird nicht mehr wagen, ihrer Mutter unter die Augen zu treten!

»Du meine Welt! Du mein Alles!« Und mit einem neuen Sturm umpreßte er ihre zarte Gestalt.

Aber die Standuhr war nicht so barmherzig, still zu stehen für ihr Glück. So, mit der Angst, mit der Freude dieses Willkomms war die Zeit dahingeflogen — dazu der fatale Ohnmachtsanfall. —

Während er ihr half den Paletot anzulegen, schwelgten sie bereits in der Seligkeit eines neuen Wiedersehens.

»Ist Dir auch wirklich ganz besser?« fragte er besorgt. Es war ihm, als hauchte abermals eine Blässe über ihre Wangen.

»Ganz gut, Maggi ...«

Aber der Name hauchte so matt heraus — ein neuer Schatten umflorte plötzlich ihren Blick — sie wankte.

»Um Gotteswillen!« — rief er — »was ist?!«

Abermals brachte er sie zum Divan, diesmal mußte er ihren Körper völlig auf den Armen tragen, wie leblos lehnte ihr todbleicher Kopf gegen seine Brust.

»Emmy! — was ist? — Emmy!«

Es war die volle Ohnmacht. Er besprengte ihr das Gesicht, versuchte ihr Mieder zu öffnen — da zeigte sich Blut in dem einen Mundwinkel — und jetzt zog sich eine rote Linie von Blut zwischen den blassen Lippen hin.

»Ein Blutsturz!« stieß er aus.

In höchster Bestürzung fuhr er empor, das Schwellen der roten Linie anstarrend. Dann stürzte er auf den altmodischen gestickten Klingelzug hin und riß daran.

Jemand klopfte; ohne das Herein abzuwarten, erschien ein Kopf in der Thür, und eine wie verrostet klingende weibliche Stimme meldete, daß das Mädchen nicht da sei — »womit könnte ich dienen?«

Es war Frau Gornemann selbst, seine Wirtin.

»Lassen Sie, bitte, irgend jemand nach dem Arzte eilen — Sanitätsrat Herz, Mohrenstraße 28!«

Frau Gornemann war ganz eingetreten. Die Situation für sie sehr interessant — höchst pikant!

Es war eine starke Dame von mittlerem Alter, mit unförmlicher und wie mit verzweifelter Überanstrengung eingeschnürter Taille; ein männlich ausgeprägtes Gesicht von starkem und kaltem Ausdruck, dick gepudert, von dem überaus künstlichen Gebäude einer pompösen Frisur überragt. Sie trug ein schweres schwarzes Seidenkleid, eine protzige Herrenuhrkette mit Berloques baumelte aus dem Taillenschluß; zwischen ihren Rockfalten raschelte ein Seidenhündchen mit gänzlich von langen Haaren überhangenem Gesicht und einem feinen Glöckchen am Hals.

Der Blick ihrer eisigen Augen belebte sich, und sie nickte mit einem fast cynischen Lächeln. Sie versteht vollkommen: der festlich gedeckte Tisch und der Damenbesuch, Alles!

»Schnell! Lassen Sie schnell den Arzt rufen! — Ich bitte! — Sie stirbt! — ein Blutsturz —«

Neugierig rauschte Frau Gornemann mit dem klingelnden Hündchen, das sie nie verließ, an den Divan heran.

»Eine befreundete Dame —« erläuterte er linkisch. Es klang recht dumm! Was denn sonst? — man kennt dergleichen! — sie bedarf keiner Erklärung! — schien der ironische Zug ihres von einem Bartflaum überschatteten Mundes zu sagen.

Die Gegenwart dieser Frau, vor der er stets eine Abneigung gespürt, empfand er selbst in diesem Augenblick als eine Entweihung; statt ihrer, der Ohnmächtigen, befiel ihn eine Scham. Aber Eile — höchste Eile!

Frau Gornemann rauschte hinaus, um den Auftrag auszuführen, dann kam sie wieder, das weibliche Mitgefühl hatte doch über die kritische Neugier die Oberhand gewonnen. Ja, fast schien sich seine Ratlosigkeit ihr selbst mitgeteilt zu haben. Es ist jetzt keine Zeit zu Glossen!

Nach der Ewigkeit einer halben Stunde erschien der Sanitätsrat. Er machte sich sofort an den Fall, ohne die außergewöhnlichen Umstände zu beachten. Und dieser Fall lag einfach: eine schwere innere Blutung — sofort solle die Kranke zu Bett gebracht werden — er wolle so lange bleiben ...

Magnus’ verzweifelter Blick traf Frau Gornemann. In einem schnippischen Anfall erklärte diese, die massiven Schultern hebend, daß sie weder Platz, noch ein Bett übrig hätte!

Es half kein Zaudern und keine Rücksicht im Angesicht dieser Gefahr. So ward die Kranke also in Magnus’ Schlafstube gebettet. Völlige Reglosigkeit, völlige Stille, Eisumschläge und eine Liste von Vorsichtsmaßregeln. Offenbar hing das Leben der Ärmsten nur noch an einem Haar. —

Thränen zitterten durch Magnus’ Stimme, als er den Sanitätsrat beim Fortgehen nach den Aussichten fragte.

Der Arzt hob die Schultern langsam empor, preßte die schmalen, bartlosen Lippen vollends ein und hob die grauen Büsche der Brauen über den freundlich und gutmütig blickenden Augen. Da er Thränen über die Wangen von Magnus stürzen sah, tappte er ihm auf die Schulter: »Was machen Sie für Geschichten!« schien dies stumme Tapfen zu sagen.

»Sie begreifen, Herr Sanitätsrat ...«

Es schien ein Appell an den Menschen. Dr. Herz war nicht der Hausarzt der Familie Joël, aber er hatte den jungen Joël, dem jener andere zu weit ab wohnte, gelegentlich eines flüchtigen Leidens hier in derselben Wohnung behandelt.

»Machen Sie sich keine Gedanken, junger Herr!« fiel er ein. »Wir Ärzte sehen und hören nur, was wir wollen. Wir erleben hier in Berlin jeden Tag einige Romankapitel.«

Nach einer kurzen Pause: »Leben die Angehörigen der Dame hier in Berlin?«

»Beide Eltern.«

»Sie thäten gut, dieselben zu benachrichtigen.«

»Oh!«

»Es wäre das Beste — und möglichst bald, ehe Sie eine noch viel schlimmere Verantwortung übernehmen. Ich kann Ihnen übrigens für die Nacht und überhaupt eine Wärterin senden,« (mit einem bedeutsamen Blick nach der Schlafstube: — Frau Gornemann möchte er die Kranke nicht anvertrauen!)

»Bitte, Herr Sanitätsrat!«

Magnus war aufs äußerste bestürzt. Welch eine Situation! Welch eine Verlegenheit! Die armen Eltern — arme Emmy! Er weiß, der Tod wäre ihr lieber, als ein Wiedersehen mit ihren Eltern an diesem Ort ...

Eine Stunde darauf erschien Schwester Jemima, ein wachsblasses Gesicht mit großen, dunkelgrauen Augen, die weder Kummer, noch Schreck, noch Freude, noch Trauer zu kennen schienen; ihr Gang war ein schattenhaftes Schweben und ihre Bewegungen völlig lautlos. Sie war eine geborene Komtesse M. und als Wärterin in allen aristokratischen Krankenstuben beliebt.

Auch sie sah und hörte nichts und schien über nichts nachzudenken. O, auch sie erlebte Romankapitel genug in ihrem schweren Dienst! Moralische Kasteiung ist ja noch viel verdienstvoller, als körperliche!

Am Morgen noch vor acht Uhr betrat Magnus in der Treskowstraße das Haus, wo Emmys Vater, der Zahlmeister a. D. Köster, wohnte. Es war eines jener Häuser, die gleich nach dem Neubau schon einer zehrenden Alterskrankheit verfallen, als ob die Armut, die sie bewohnt, ein bösartig gefräßiges Ungeziefer sei. Man wies ihn in einem feuchtdüstern, brunnenartigen Hof nach einer Hintertreppe. Langsam stieg er die abgetretenen Stufen hinan, als schleppte er mit seiner peinvollen Meldung eine Last empor. Die dumpfe Luft der Armut, die ihm entgegenwehte, fiel ihm schwer aufs Herz. Die Thüren trugen entweder gar keine Schilder, oder sie waren mit einer Menge vergriffener Karten, ja nur Zettelchen statt solcher bedeckt. Hinter der einen gellte Weibergekeif, Kindergeschrei jeglicher Tonart drang aus allen Ritzen, das ganze Haus schien davon zu vibrieren. Und er hatte dulden müssen, daß sie, die Geliebte, unter solchem Druck atmete! Wenn sie wieder besser ist ... ach, er wagte nicht, sich diese Hoffnung vorzugaukeln!

Emmy hatte die Verhältnisse ihres Elternhauses nur mit kurzen Andeutungen gelüftet. Ihr Vater hatte als Zahlmeister in der Armee gedient, er litt am Größenwahn, sein störrischer Sinn hatte ihn hart an einer Insubordination vorbeistreifen lassen, und er kam noch gerade mit dem blauen Auge eines einfachen Abschieds davon. Dann hatte er sich in allerlei Winkelstellungen versucht, die seinem stolzen Sinn aber zu subaltern dünkten. Nun war er seit lange ohne Beschäftigung, seine angeborene Rolle als verkanntes Genie ins Virtuosenhafte ausbildend. Die Mutter war ein Engel an duldender Güte. Sie war vor ihrer Heirat Lehrerin gewesen, nun gab sie für ein Spottgeld Klavierstunden an erste Anfänger. Drei Geschwister waren gestorben, Emma war die einzige — ihrer Eltern Trost und Hoffnung! — das hatte Magnus längst gemerkt.

Im vierten Stock fand er eine Thür beigelehnt. Eine scharfe militärische Stimme inquirierte jemand da drinnen.

»Also um sieben Uhr hat sie das Geschäft bereits verlassen?«

Die Köster hatten jedenfalls in ihrer Angst um die rätselhaft Ausgebliebene zu Kapp und Müller geschickt und diesen Bescheid erhalten.

»O Gott, was ist denn das?« jammerte eine matte Frauenstimme.

Magnus stutzte. Er hatte mit Frau Gornemann ein Märchen vereinbart, und da war dieser verdächtige Punkt, daß Emmy das Geschäft wider die Gewohnheit um sieben Uhr statt gegen neun verlassen, übersehen worden. Zu einer anderen Zeit hätte ihn der Gedanke angewidert, sich mit dieser Frau gemeinsam auf krumme Wege zu begeben, denn er war Berliner genug, um hinter dem »Witwentum« von Frau Gornemann eine schwüle Vergangenheit zu wittern. Aber die entsetzliche Verlegenheit drängte.

»Je kräftiger Sie flunkern, desto eher wird Ihnen geglaubt, Herr Joël!« lautete die Parole, die seine Vermieterin ihm auf den schweren Gang mitgab.

Wohlan! Und er klopfte an die Thüre.

»Herr—rein!«

Ein kräftiger Mann, schwarzhaarig, mit argwöhnisch spürenden dunkeln Augen blieb in seinem aufgeregten Gange durch die Stube halten. Diese war mit Möbeln und Hausgeräten überfüllt, am Fenster stand ein altes Tafelklavier aus gelbem Kirschbaum.

»Ich komme, um Ihnen Nachricht von Ihrer Tochter zu bringen —« brachte Magnus ziemlich sicher hervor.

Mit einem Freudenschrei schoß eine kleine Frau mit einem kümmerlichen Gesichtchen, das die Angst nun vollends verstört hatte, aus einem Winkel empor.

»Wo ist sie? — Sie haben Nachricht? — Um Gotteswillen, wo ist sie?«

Gleich wandelte sich die Freude in Schreck. Magnus sah, wie die zarte, gebrechliche Frau am ganzen Leibe vor Aufregung zitterte.

»Ihre Tochter lebt! Sie brauchen nicht das Ärgste zu denken!« rief er.

Herr Köster spannte die Augen. »Du kannst gehen, Karl,« sagte er zu dem Knaben, welcher der Überbringer der Nachricht von Kapp und Müller gewesen. Als fürchtete er, des Nachbars Kind könnte Dinge über seine Tochter zu hören bekommen, die sich nicht für die Verbreitung im Hause eigneten. Er argwöhnte immer nur das Schlimmste.

»Also Ihre Tochter ist gestern Abend auf der Straße plötzlich erkrankt. Ich war zufällig in ihrer Nähe. Sprang noch rechtzeitig heran, sonst wäre sie auf das Trottoir hingestürzt. Wir brachten sie ins Haus. Es wurde ein Arzt gerufen und der erklärte sofort —«

»O Gott!« stieß Frau Köster aus, und sie bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen.

»Verhehlen Sie uns nichts!« rief Herr Köster — »wir sind auf alles vorbereitet nach dieser Nacht!«

»Ich bitte, sich zu beruhigen! Der Doktor, den ich — den wir sofort rufen ließen, erklärte es nicht für sehr gefährlich — ein leichter Blutsturz —«

»Warum hat man sie denn nicht zu uns gebracht? Oder noch besser zur Charité, wo sie jedenfalls die sicherste Hülfe gefunden« — fiel jener ein.

Die arme Mutter zuckte entsetzt bei dem Worte »Charité« zusammen, als bedeute das den Gipfel der Schande.

»Der Doktor erklärte sofort, daß die Kranke nicht weiter transportfähig —«

»Wir müssen gleich zu ihr, Frau! Hier hilft kein Jammern und kein Besinnen! Wo ist es, wenn ich bitten darf?«

»Charlottenstraße 55a bei meiner Wirtin« — (das klang nicht gut!) »bei einer Frau Gornemann,« verbesserte er sich. »Eine barmherzige Schwester war die Nacht über da. Es ist für alles gesorgt. Sie können ganz ruhig sein.«

»Mein Name ist Joël —« fügte er zögernd, mit einer leichten Verbeugung hinzu. Er hätte in diesem Augenblick viel darum gegeben, wenn er nicht diesen stadtbekannten Namen trüge.

»Ach — von den Joëls in der Leipzigerstraße?« fragte der Vater heftig. Gleich stürzte sich sein Argwohn auf den Namen.

Magnus nickte. Kann es unter den reichen Leuten denn keine Ehrenmänner geben?

»Wie kam — wie kam das Mädchen denn um sieben Uhr in die Charlottenstraße, Herr Joël?«

Magnus erstaunte selbst später über seine Geistesgegenwart, die diese Frage nach kürzestem Zögern parierte:

»Die Dame war, so viel ich herausbekam, im Auftrag von Kapp und Müller ausgegangen ...«

Doch Frau Köster schnitt all diese Abschweifungen von der Hauptsache mit der Erklärung ab, daß sie vor allem hin müßten — gleich auf der Stelle! O, sie läßt sich nur vom ersten Schreck so niederducken — nachher findet das Schicksal sie stets gewappnet!

»Darf ich Ihnen meine Droschke zur Verfügung stellen? — sie ist bereits bezahlt,« fragte Magnus.

Sie nahmen das Anerbieten an, und er empfahl sich, froh aufatmend. Doch da draußen auf der Straße fiel der Jammer über den drohenden Verlust der Heißgeliebten wieder über ihn her. Während er im Sonnenschein durch das Gewühl der Rosenthaler Straße schritt, stürzten ihm plötzlich Thränen aus den Augen. Und ein Gefühl, daß nachdem, wenn sie ihm geraubt würde, das ganze Leben für ihn keine Bedeutung mehr hätte, legte sich gleich einem Schleier über seine Sinne. —

Magnus war nach einem kleinen Hotel in der Nachbarschaft übergesiedelt; den Seinen gegenüber hatte er diese Veränderung mit einem ansteckenden Krankheitsfall in der Familie Gornemann begründet, so kam er auch jeder Überrumpelung in der Wohnung zuvor.

Die Kranke schwebte zwischen Tod und Leben; die Miene des Sanitätsrates bemühte sich krampfhaft, eine Hoffnung zu heucheln. Frau Köster und Schwest Jeremima teilten sich Tag und Nacht in die Pflege, während Herr Köster ruhelos ab und zu ging, von der Sorge um sein Kind gehetzt. Magnus verrichtete seinen Dienst im väterlichen Geschäft wie ein Träumender. Alle Gedanken bei ihr! — und es war eine solche Qual für ihn, wenn er in ihrer Nähe weilte, seine überquellende Sorge sänftigen, den Ausdruck seines Schmerzes unterdrücken zu müssen, damit die Eltern nicht Verdacht schöpften.

Doch nur zwei Tage gelang die Täuschung gegenüber Herrn Kösters argwöhnischem Spürsinn. Diesem war die angstvoll vibrierende Teilnahme eines Wildfremden, angeblich nur durch einen Zufall Angenäherten, gleich verdächtig vorgekommen, so sehr sich Magnus gerade in seiner Gegenwart Gewalt anthat.

Kapp und Müller hatten auf seine Erkundigung nichts von einem in ihrem Auftrag erfolgten Ausgang um sieben Uhr gewußt, Fräulein Emma hatte im Gegenteil ein Familienfest für ihr Urlaubsgesuch vorgeschützt. Dazu trat der schändliche Verrat der kleinen, leblosen Dinge, die unseren Alltag tyrannisieren, ja zuweilen unser Schicksal meistern. Magnus hatte sorgfältig alle Spuren, die zur Entdeckung des Geheimnisses führen konnten, entfernt. Der Doktor suchte bei einem seiner Besuche nach einem Zettelchen, um den lateinischen Namen einer Tinktur darauf zu schreiben; er griff aufs Geratewohl in den Papierkorb und zog ein beschriebenes Blättchen hervor, auf dessen leere Seite er den Namen hinwarf. Herr Köster, der die Besorgung in der Apotheke übernahm, erstarrte, als er unterwegs das Blättchen näher prüfte: es war das Stück eines Briefcouverts, und die Adresse, an Herrn Magnus Joël gerichtet, zeigte die Handschrift seiner Tochter! Keine Täuschung: — ein gewisser flotter, für ihre Hand charakteristischer Schnörkel ließ keinen Irrtum aufkommen.

Dann, bei seiner Rückkehr, gab die Kranke selbst den Anlaß zur Gewißheit. Er war leise an das Lager herangeschlichen. Magnus saß dort neben der Mutter. Emmys fieberglänzende Augen weiteten sich, sie schienen nach jemand ins Leere hinein zu suchen. Endlich trafen sie Magnus’ Antlitz. Nun tastete ihre Hand mit Mühe, bei der übergroßen Schwäche, über die Bettdecke nach ihm hin. Sie suchte seine Hand, und er reichte sie ihr, alle Vorsicht vergessend. Mit einem seltsamen Ausdruck des Glückes schloß sie die Augen, die Hand immer noch haltend.

Herr Köster wußte genug. Emmy und Herr Joël hatten sich längst gekannt — der Krankheitsanfall und das zufällige Eingreifen dieses übergefälligen Herrn war erfunden — seine Tochter, seine einzige verführt und verdorben! — und dort steht der Verführer!

Ein ungeheurer Grimm überfiel ihn. Er hätte sich am liebsten auf den Verbrecher gestürzt. Mit zitternder Stimme ersuchte er, Herrn Joël draußen auf der Straße sprechen zu dürfen. Dort ging er geradenwegs auf die Sache los.

»Sie haben uns irre geführt, Herr Joël, als Sie uns meldeten, wie der Unglücksfall sich ereignet —«

»Herr Köster!«

»Ich denke, es ist jetzt nicht der Moment, Komödie zu spielen. Ich weiß alles — kenne die Beziehungen des Mädchens zu Ihnen —«

Magnus hielt es diesen Umständen und den fanatischen Blicken des in seinem Vaterstolz Verwundeten gegenüber nicht mehr für angebracht, sein Märchen aufrecht zu erhalten.

»Ja, ich liebe Ihre Tochter!« flüsterte er, und er legte beteuernd die Hand auf die Brust; seine Augen strahlten.

»Liebe Ihre Tochter ...« höhnte Köster. »Ungeheure Gnade — der reiche Herr Joël, der sich herabläßt, meine Tochter mit seiner Liebe zu beglücken!«

Dann in einen Ton jammernder Verzweiflung umschlagend: »Mein Kind, mein armes Kind! — sie war unsere ganze Freude! — Liebe Ihre Tochter ... was heißt denn das? Bekennen Sie doch Farbe, Herr!« Drohend klang es, und unwillkürlich wich Magnus zur Seite.

»Ich versichere Sie — ich schwöre Ihnen bei allem, was mir heilig ist ...« fiel Magnus ein.

»Kennen wir — kennen wir! — bin lang genug in Berlin, um zu wissen, was solche Liebe bedeutet ... zum Teufel, Herr, ich fordere die Ehre meiner Tochter von Ihnen! Sie haben Ihren Ruf vernichtet! Sie werden mir Rechenschaft geben, Herr ...«

»Ein so verzweifelt unglückseliger Zufall —« stotterte Joël — »ich bin bereit, alles gut zu machen ...«

Er war sich zwar nicht klar, wie das zu geschehen hätte; gleich schämte er sich auch der Redensart.

»Mit Geld? Zum Teufel mit Ihrem Geld! Eine Ehre läßt sich nicht mit Geld reparieren! — Mein Kind, mein armes Kind —« jammerte der Vater von neuem los.

»Herr Köster, hören Sie doch ...« bat Joël, von innigem Mitleid ergriffen.

»Lassen Sie mich! — es ist jetzt nicht der Moment — wir rechnen schon mit einander ab! — lassen Sie mich ...«

Und er wehrte Joël ab, zu folgen, während er eiligst um die nächste Ecke bog. Joël stand und sah der Gestalt des unglücklichen Mannes nach, wie sie, die Arme mit den geballten Fäusten in ohnmächtigem Grimm nach abwärts gesenkt, dahinwankte.

Wie verstört strich er selbst aufs Ungewisse durch die Straßen. Der Mann hat recht! Der Ruf des Mädchens ist vernichtet — kein Geld der Welt vermag ihn herzustellen, denn der Leumund glaubt nicht an die Schändlichkeit dieses Zufalls. »Welche Sühne könnte ich leisten? Blut wäre trivial — und widersinnig, ihm, dem Vater, solches anzubieten!«

Der Gedanke an einen Ausweg fiel ihn an. Sein Geschick für immer an das ihre zu fesseln? — sie zu heiraten? — Das bedeutete für seine Familie, für seinen Vater das Ende der Welt! — Und er belog sich, daß er dennoch den Mut haben würde, den Schritt zu thun, der ganzen Welt zum Trotz — wenn sie nur am Leben bliebe — nur das!

Aber sie wird und kann nicht am Leben bleiben! Der Sanitätsrat hat ihm erst heute Mittag jede Hoffnung geraubt.

Ein Eheversprechen? — das klänge hier im Angesicht des sicheren Todes wie ein entweihender Hohn.

Herr Köster erschien an diesem und dem folgenden Tage nicht mehr in Joëls Wohnung. Es war die stumme Ächtung, die er über sein armes Kind verhängte. Sein Starrsinn gebot ihm, eher grausam, ja brutal zu sein, als den Schein auf sich zu laden, daß er seine und der Seinen Ehre antasten ließe.

In der Villa Joël zu Charlottenburg wurde der Geburtstag des Chefs gefeiert; zugleich das Gründungsfest des Berliner Hauses. Magnus durfte und konnte nicht fern bleiben, ein triftiger Vorwand fand sich nicht. Doch würde er Gelegenheit erhaschen, sich zeitig genug zu entfernen — denn die Geliebte lag im Sterben.

Herr Hildebrand Joël, der seit fünfzehn Jahren verwitwet war, bewohnte einen Teil des Parterregeschosses der großartigen Villa, während sein Ältester, Gisbert, mit seiner Familie die übrigen Räume inne hatte. Für Magnus hätte sich wohl noch ein Plätzchen in dem weiten Hause gefunden, doch hatte sich das Bedürfnis herausgestellt, daß einer von der Firma wenigstens seine Wohnung in Berlin und in der Nähe des Geschäftes hatte. So hatte Magnus in erster Ermangelung eines besseren Logis, und da er durchaus anspruchslos war, sich bei Frau Gornemann eingemietet, selbst die Bedienung verschmähend, die ihm sein Vater aufdrängen wollte, damit auch diese Filiale des Namens Joël mit genügendem äußeren Glanz vertreten würde.

Gisbert Joël war mit einer Tochter des großen westfälischen Eisen-Sturz vermählt; sein Schwager war der Baron Kehren, ein wegen seines wütenden Strebertums in weiten Kreisen der Armee berüchtigter Offizier. Gisbert war das Gegenstück des jüngeren Bruders. Schon die fast ans Geckenhafte streifende Sorgfalt für Kleidung und Äußeres verriet den Lebemann. Er hatte seine Jugend tüchtig ausgetobt, und der Arnheim von Herrn Hildebrand wußte davon zu erzählen; aber das Stirnrunzeln des alten Herrn war wohl nicht ernst zu nehmen: — leben und leben lassen! — ein Joël, der der schönsten Figurantin von Friedrich-Wilhelmstadt Equipagen und Pferde hält und den Mut hat, bei Friedländer Zehntausende für ein Schmuckstück aufschreiben zu lassen, um damit die Gunst einer bekannten Soubrette zu erobern — das bringt den Namen nur in Umsatz, das kann den Glanz des Hauses nur erhöhen! Warum begeht der Jüngere keine solche Heldenthaten? Man muß ihn wahrhaftig zwingen, standesgemäß Geld zu vergeuden! Hätten die beiden Cyniker, Vater und Sohn, erfahren, daß ein Joël allabendlich in einen Rumpelkasten von Omnibus kroch, um in den Blicken eines unscheinbaren Ladenmädchens seine Seligkeit zu finden — sie hätten ihn für ein Tollhaus reif erklärt.

Da Magnus so schmählich aus der Art geschlagen, da er nichts für den Ruhm des Hauses zu thun gewillt war, blieb schließlich nichts übrig, als ihn wenigstens glänzend zu verheiraten. Magnus war mit seinen vierundzwanzig Jahren alt genug; er würde einen Musterehemann abgeben — meinte Frau Gisbert, eine lebhafte und imposante Brünette, nach ihrer Art ironisch mit den Lippen zuckend.

Es war auch schon eine Braut für ihn bestimmt. Bei Gisberts war eine Cousine der geborenen Eisen-Sturz zu Besuch, eine Gußstahl-Prinzessin aus Bochum. Eine blühende Blondine von bezaubernd liebenswürdigem Wesen — und sie schien sich wahrhaftig für den »guten Kerl« von einem Magnus zu erwärmen, all den glänzenden Huldigungen zum Trotz, denen ihre Schönheit und ihr Reichtum ausgesetzt waren. Der engere Familienrat hatte diese Heirat beschlossen. Gisbert erklärte zwar die Dame viel zu schade für den »Duckmäuser«; er war selbst mit einer schönen und reichen Frau verheiratet, gönnte das gleiche Glück aber keinem anderen. Die beiden Schwestern, Frau Gisbert und Baronin Kehren, pflichteten lachend, ihre berühmt prächtigen Zähne weisend, diesem Urteil bei. Auch sie hätten für die gußstählerne Cousine wohl eine bessere Partie erwünscht, aber mit dieser Heirat waren allerlei verlockende Pläne verknüpft. Der Alte beabsichtigte nämlich nach Magnus’ Verheiratung, diesen das Obergeschoß beziehen zu lassen und für Gisbert eine Mustervilla zu erwerben, die er auf die erdenklich prachtvollste Weise ausstatten wollte. Die beiden Schwestern schwärmten schon von dem neuen Besitz, und eifrig arbeiteten sie an dem Heiratsprojekt.

Magnus sah sein Schicksal. Über kurz und lang mußte er ja doch von der Geliebten getrennt werden! Über diese Trennung hinaus war alles andere, was geschähe, gleichgültig! Aber er glaubte das Schicksal noch eine Weile aufhalten zu können! —

Welch eine entsetzliche Qual, heute hier mitten im Festestrubel zu weilen, als Sohn des Hauses den Höflichen und Zuvorkommenden zu spielen, eine lächelnde Miene aufzusetzen und den Damen banale Nichtigkeiten zu spenden — während Emmy im Sterben liegt und eine Welt unter ihm zusammenzustürzen droht!

Die Festtafel war in dem großen neudekorierten Hauptsaal hergerichtet. Während die Austern gereicht wurden, bewunderte man den jüngst erst fertig gestellten Meyerheimschen Fries und die farbenglühende italienische Decke von Meurer. Doch den Haupteffekt gab der herrliche, sonnenfrohe Frühlingstag, der durch die hohen Bogenfenster der Gartenterrasse hereinglänzte. Die hohen Bäume waren noch von dem bronzefarbenen Hauch der ersten Knospung überhaucht, während das Strauchwerk schon in seinem vollentfalteten grünen Schmucke prangte. Auf dem blendenden Smaragd der Wiese stolzierten kostbare weiße Pfauen, und die saisongemäßen Beete voll seltener Tulpenarten machten, von hier oben gesehen, die Wirkung von bunten Geschmeidestücken aus der Renaissance. Das feine Säuseln eines unsichtbaren Springbrunnens lag wie ein dämpfender Schleier über dem vielartigen Geräusch der Speisenden; ein paar Amselstimmen bemühten sich, von draußen her zur Tafelmusik beizusteuern.

Der Glanz der Gäste konnte fast mit der Pracht der Gedecke, dem Prunk der schweren Aufsätze und der auch jetzt am hellen Tage brennenden Kandelaber wetteifern. Einige strotzende Generalsepauletten, einige verdienstvolle Ordenssterne von staatlichen Würdenträgern, ein paar Breitseiten von Diner-Orden auf der Brust von Flügeladjutanten, einige Kommerzienräte, einige vielgezackte Kronen aus der Diplomatie, ein paar der augenblicklich modernsten Namen aus Kunst und Litteratur.

Natürlich hatte der Festordner Gisbert seinem Bruder Magnus die gußstählerne Prinzessin als Nachbarin zudiktiert. Und es geschah von seiten der Verschworenen das möglichste, um die Gäste wie das Paar selbst auf dessen Zusammengehörigkeit aufmerksam zu machen. Die zukünftige Braut wurde mit Aufmerksamkeit überhäuft, die beiden Schwestern ließen sie und Magnus nicht aus den Augen, mit Lächeln und Nicken und allerlei kleinen bedeutsamen Zeichen suchten sie die Gelegenheit zu schmieden.

Magnus verrichtete ein Wunder an Selbstbeherrschung. Krampfhaft zwang er sich, er, der sonst still war und nicht den Ruf eines interessanten Gesellschafters besaß, zu einer lebhaften Unterhaltung. Wollte er doch dem lieben und hübschen Wesen an seiner Seite, dem die helle Lebenslust aus den blauen Augen lachte, diese frohe Festesstunde nicht verderben! — galt es doch mit dem Klang seiner eigenen Worte und seines Lachens den wühlenden Schmerz hier in der Brust betäuben! Vielleicht mochte auch der Wein, den er in vollen Römern herabstürzte, seine Schuldigkeit thun ....

Die Verschworenen hatten ihr Werk mit feiner List insceniert. Nach den ersten feierlichen Galatoasten erhob sich Herr Perkisch, der bekannte Tafelpoet, der, wie Koch und Lohndiener, in gewissen Kreisen zu den notwendigen Requisiten eines Diners gehört. In seiner schwungvollen Art feierte er das Glück des Hauses Joël. Nicht das gegenwärtige allein, sondern ein zukünftiges, das er mit einem ausdrucksvollen Zwinkern seiner schmalen Augenschlitze fern dort hinten auf der smaragdenen Wiese zwischen den weißen Pfauen aufsteigen sah. Und sein beim Reden vergnügt schmunzelnder Mund malte dies Glück in so verlockenden Farben aus, daß die beiden Schwestern ganz Begeisterung waren. Der von ihnen gedungene Tafelpoet konnte seinen Auftrag nicht effektvoller ausführen.

Alles zielte mit offenen und verstohlenen Blicken auf das Paar. Nun, nachdem Perkisch geendet und das erste Läuten und Klingen der Gläser verhallt war, wußten die Schwestern eine Art Cour vor dem Paar in Scene zu setzen. Sie traten vereint auf Magnus und Fräulein Helmons zu, und ihre Blicke, ihr Lächeln und die Art, wie sie mit den beiden anstießen, alles das sah wahrhaftig wie eine Gratulation aus! Andere folgten dem Beispiel. Hier und da wurde getuschelt — »noch nicht offiziell!« hieß es — »aber die Verlobung hängt in der Luft!«

Fräulein Helmons glühte, aber mit ihrem bezaubernden Lächeln überwand sie die seltsame Verlegenheit. Ihrem Herzen schien es wahrhaftig fast recht zu sein, wenn sich all diese versteckten Huldigungen zu einer wirklichen greifbaren Gratulation verdichteten.

Magnus ließ in seiner etwas linkischen Art den unbegreiflichen Sturm gegen sich anprallen. Zum Teufel, es kann doch kein Mensch auf der Welt mit klingenden Gläsern und Toasten zu einer Ehe gezwungen werden!

Eben fand sich der alte Papa ein, sein Rotweinglas (er trank nie Champagner) in der Hand, um zu »gratulieren« — wie soll man es sonst nennen? Über sein glattrasiertes, von einem silberschimmernden Kranzbart unter dem Kinn eingerahmtes Gesicht vibrierte ein Ausdruck verschmitzter Freude. Mit bekannter Artigkeit verneigte er sich vor seiner zukünftigen Schwiegertochter, und seinen liliendünnen Lippen entschlüpfte ein besonders liebenswürdiges Kompliment. Kräftig stieß er dann mit Magnus an, und seine grauen, schlauen Blinzelaugen forschten in dessen Miene: — »Nun, alter Junge?« rief er laut.

Zugleich erhielt Magnus von rückwärts einen Schlag auf die Schulter: — »Prosit Brüderchen!«

Es war Gisberts schnarrendes Leutnantsorgan, und das feiste, von einem unternehmenden Schnurrbart gezierte Gesicht des Lebemannes grinste ihn an.

Warum that der Duckmäuser auf das erhobene Champagnerglas keinen Bescheid? Magnus zuckte zusammen, sein Blick stierte wie gebannt nach dem einen Gartenfenster hin.

Gegen die sonnige Helle des Gartens scharf abgezeichnet, stand dort ein Dienstmann, einen Brief in der einen Hand haltend, während die andere schirmartig über den Augen erhoben war; sein von der Eile echauffiertes Gesicht weidete sich mit glotzender Neugierde an dem festlichen Gewirr hier innen. Seine Erscheinung wirkte wie eine lächerliche Trivialität; der Mann mochte irrtümlicherweise den Weg durch den Garten genommen haben. Ein Diener sprang hinzu und winkte entrüstet dem Eindringling ab.

Magnus erblaßte, und eine eisige Blutwelle ließ ihm den Atem stocken: — es ist die Todesnachricht!

»Was hast Du nur, Bruder?« rief Gisbert stutzend.

»Nichts — nichts! — es wird vorübergehen!«

Und mit einer konvulsivischen Anstrengung, die ihn sogar körperlich zu schmerzen schien, zwang er seine verstörte Miene zu einem Lächeln. Gellend stieß sein Glas gegen das des Bruders — »Prosit!« rief er schrill.

Er wollte hinausstürzen in seinem Schmerz, um dem Dienstmann das verhängnisvolle Billet zu entreißen, aber er fühlte sich wie gelähmt — als wenn etwas hier innen zerbrochen wäre — mechanisch setzte er sich mit den anderen wieder zu Tisch.

Gleich darauf reichte ihm Gisbert über die Schulter den Brief hin: »Ei, ei, Brüderchen« — flüsterte der Lebemann — »eine Damenhand und eilig!«

Auch das schien dieser eingefleischte Egoist dem andern nicht zu gönnen.

Magnus entriß dem Bruder den Brief, und seine bebende Hand barg ihn uneröffnet in der Brusttasche — hatte er noch nicht den Mut dazu, das Unselige hinzunehmen? Fürchtete er, sich nicht beherrschen zu können und eine Scene hervorzurufen? Hinweg mit den schwarzen Schatten aus der Festessonne ...

Abermals krampfte er all seine Willenskraft zusammen — später staunte er darüber, wie er es fertig gebracht, das Lächeln auf sein Antlitz zu bannen und seine Rolle als höfliche Gesellschaftspuppe weiterzuspielen, während ihm der Brief mit der Todesnachricht auf der Brust brannte.

Endlich hob Frau Gisbert, die die Honneurs des Hauses machte, die Tafel auf. Er riß den Brief auf — es war nicht die Todesnachricht — nur begehrte die Sterbende ihn noch einmal zu sehen ...

Heimlich machte er sich auf — hielt auf der Straße eine vorüberfahrende Droschke an und ließ sie nach Berlin hineinjagen, was sie zu jagen vermochte.

Wohl eine Stunde hatte er in dem Dämmer der verhangenen Stube an dem Krankenlager gesessen. Emmy hatte vorhin sein Kommen mit offenen, zum Bewußtsein erwachten Augen begrüßt, jetzt hielt das Fieber wieder ihre Sinne umschleiert. Ihre heiße, pochende Hand hatte in der seinen geruht, ihre bebenden Lippen hatten sich bemüht, ihm ein paar Worte zuzuflüstern, doch auch hierzu reichte die Kraft nicht mehr aus. Anstatt der Worte schwoll in ihrem Auge eine Thräne und rollte langsam über die von fliegender Glut gerötete Wange.

Sie weiß — es ist die Scheidestunde! — Sie hätte so gerne, ach so gerne gelebt und geatmet in dem Sonnenschein seiner Liebe! Wenn auch nur auf Monate, Wochen und Tage — solange das Schicksal ihr den Sonnenschein gönnte. Aber nicht dem unsäglichen Weh dieser Scheidestunde entquillt solche Thräne. Sie hatte in diesen Tagen öfter nach dem Vater gefragt und bald verstand sie die ausweichenden Antworten der Mutter, daß er vorhin, als sie schlief, dagewesen, daß er dann und dann wiederkommen wollte; sie sah die Thränenspur auf den verhärmten Wangen ihres Mütterleins — immer schwerer, immer schwüler fühlte sie den Alp der väterlichen Ächtung auf sich lasten. Ihre gestammelten Fieberworte gaben Zeugnis von dem Druck, unter dem ihre Seele keuchte.

O, Magnus wußte jene Thräne sehr wohl zu deuten!

Während er dort brütend und vor sich niederstierend saß, begann ein Trotz in ihm zu wachsen, grimmig und herausfordernd; er fühlte eine zuckende Gier, aufzuspringen und die Lüge und Heuchelei zu zertrümmern, unter der er ihre herrliche Liebe in seinem Kleinmut wie ein ungeheures Verbrechen versteckt. Was für erbärmliche, feige Wichte sind wir doch, wir von der sogenannten Gesellschaft, die wir das festgewurzelte Glück unserer Herzen auf ein Gebot des sogenannten Herkommens herausreißen! Ein gewaltiger Zorn gegen sich selbst ergriff ihn — wohlan, da nun doch alles zusammenstürzt, so will er wenigstens Rache nehmen an dem Phantom dieses Herkommens ...

Er stand auf und hatte mit Frau Köster eine Unterredung nebenan im Salon, die diese brave Frau zuerst erschrecken machte, dann in einen Thränenstrom ausbrechen ließ — er wehrte noch gerade, daß sie nicht seine Hand, die sie umklammert hielt, an ihre Lippen drückte. Dann traf er Anordnungen mit Schwester Jemima, und deren starre, schicksalsstumme Augen schienen sich wie zu einem Erstaunen zu weiten, ein Affekt, den sie sonst nicht kannte. Frau Gornemann aber, die ebenfalls um ihren Beistand angegangen wurde, hatte Mühe, nicht mit einem Lachen hell herauszuplatzen, trotz der Situation — und sie rauschte davon, das Seidenhündchen zwischen ihren Rockfalten festhaltend, ganz außer Fassung gesetzt über das Gehörte: zu welch entsetzlichen Verrücktheiten die Liebe, die platonische zumal, einen jungen Mann hinreißen kann! Totschießen und ins Wasser springen ist gar nichts dagegen!

Magnus machte sich eilig auf, denn es war keine Minute zu verlieren, ehe der Tod sein Vorhaben zerschnitt. Er suchte einen früheren Schulkameraden auf, der jetzt die Stelle eines Hilfspredigers an der Neuen Kirche bekleidete.

»Gottlob, daß ich Dich treffe, Bruno!« rief er, in die stille Studierstube des theologischen Strebers tretend.

»Was ist Dir, Magnus? Du bist so erregt —«

»Durchaus nicht! — ich komme, — um einen wichtigen Dienst von Dir zu fordern!«

»Sehr gern — aber nimm doch Platz!«

»Es ist höchste Eile — bist Du bereit, mich zu verheiraten?«

»Sehr gern — aber ...«

Der junge Geistliche stutzte vor seinem eigenen schnell entschlossenen Ja. Seine nüchterne Denkungsart hinderte nicht, daß die Erinnerung von geheimen, auf einem Verbrechen basierenden oder auf ein solches zielenden Heiraten ihn anflog.

»Kein aber! Entweder bist Du bereit oder nicht! Ich habe keine Zeit! Meine Braut liegt im Sterben, und ich wünsche ...«

Hier versagte Magnus die Stimme.

Den Prediger erfaßte ein Mitleid — »Aber ich bitte Dich — was ist denn geschehn? Setz’ Dich doch und erleichtere Dein Herz!«

»Ja oder nein! Halt’ mich nicht auf!« rief Magnus.

Aber er war dem Geistlichen, bevor dieser sich zu einer folgenschweren Amtshandlung herbeiließ, doch wohl eine Erläuterung schuldig. Und er erklärte in kurzen hastenden Worten die Lage.

Der Geistliche machte ein bedenkliches Gesicht — der Fall war ihm noch nicht vorgekommen.

»Ich bitte Dich, ich beschwöre Dich, Bruno! Es muß sein! Sie soll nicht mit dieser Schande belastet zu Grabe getragen werden! Der Makel soll nicht an ihrem Namen haften über das Grab hinaus!«

Der Geistliche hatte in Magnus’ Elternhaus verkehrt, er ahnte die Katastrophe und wagte darauf hinzuweisen.

Entrüstet wehrte Magnus. »Es ist alles gleichgültig! Eine Autorisation meines Vaters sagst Du — ich bitte Dich — der Tod autorisiert mich! — Du willst also nicht —?«

»Ich mache Dich darauf aufmerksam, daß diese improvisierte Eheschließung meinerseits ja doch keine gesetzliche Gültigkeit haben würde.«

Das klang mehr, als wollte der Prediger seine eigenen Zweifel damit niederschlagen. Und ein anderer Zweifel fuhr darein: ob Magnus sich wirklich zu dieser phantastisch zu nennenden Extravaganz entschlossen haben würde, wenn der Tod nicht endgültig seine Autorisation gegeben.

Doch der Beruf des Seelenretters erwachte in ihm, und er redete sich ein, daß er sich dieser an ihn herantretenden Pflicht nicht entziehen dürfte.

Gut, er wollte in einer Stunde zur Stelle sein, unter dem Vorbehalt, daß »später« die nötige Formalität nachgeholt würde.

Magnus eilte zum Juwelier und erstand die Trauringe. Dann hetzte er nach der Treskowstraße, fand Herrn Köster aber erst am zweiten Orte. Der Mann geriet außer sich vor Überraschung. Gleich aber war der alte unausrottbare Dünkel wieder da:

»Ich habe das auch nicht anders von Ihnen erwartet, Herr Joël!« rief er, diesen mit seinen fanatischen Augen anblitzend. —

Eine Stunde darauf fand die seltsame und in ihrer Seltsamkeit so ergreifende Feierlichkeit statt.

Schwester Jemima hatte einen Altar mit einem Kruzifix und einigen brennenden Kandelabern gerüstet. Dies konnte an eine andere — später vorzunehmende noch viel ernstere Feier, die dieser ersten folgen würde, gemahnen.

Als Trau-Zeugen waren zugegen die Eltern, Schwester Jemima und die Wirtin. Die Amtshandlung des Predigers fand in einem vorsichtigen Flüsterton statt, den die Stille des Sterbezimmers gebot — einige kurze einleitende Worte — einige inbrünstig hingehauchte Gebete, die der gewaltigen Tragik der Stunde entsprachen. Seine Stimme bebte — auch ihn meisterte die Rührung.

Die Braut schien nicht bei Bewußtsein zu sein — ein paarmal ging ein Aufhorchen über ihre Züge — die Wirklichkeit mochte sich ihr in einem Traume verdämmern.

Nun richtete der Prediger die rituellen Fragen an sie: — ob sie gewillt sei, dem Geliebten auf Tod und Leben die Hand zu reichen. Da zuckte ein so seltsam ungläubiges Lächeln um ihre vom Fieberodem geöffneten Lippen — langsam hob sie die Wimpern und starrte den Frager ungläubig angstvoll an: was will man denn? — was kommt man denn, mir solch ein Trugbild vorzugaukeln in dieser Stunde? — warum läßt man mich denn nicht in Ruhe sterben?

Nun fühlte sie, wie etwas Kaltes, Metallisches sich über einen Finger ihrer rechten Hand streifte. Dann wurde diese Hand von einer andern ergriffen, und sie fühlte wieder etwas Heißes darauf glühen — den Brand von leidenschaftlichen Küssen, die zwei Lippen darauf preßten.

Magnus war in die Kniee niedergestürzt, ihre Hand, die den Trauring trug, wie verzweifelt umklammernd.

Der Prediger hielt seine beiden Arme segnend über dem Paare ausgebreitet, und seine bebende Stimme flüsterte: »Der Herr segne Euch und behüte Euch — der Herr hebe sein Angesicht auf Euch —«

Da ward sein Flüstern durch Magnus’ hervorbrechendes Schluchzen unterbrochen: — »Nein, Du darfst nicht! Du darfst nicht gehen — mein Weib! — mein liebes, liebes Weib ...«

Gewaltsam mußten sie den halb Sinnlosen von dem Bette entfernen. —

Magnus stand am anderen Morgen im Kabinet seines Vaters.

»Du hast mich rufen lassen, Vater?«

Der alte Herr saß vor dem einfachen, mit grünem Leder bezogenen Schreibpult, die Unterarme auf die Platte gelegt, und hielt ein Schriftstück, das er dem Haufen von Vorlagstücken entnommen, seiner weitsichtigen Augen wegen, mit den Händen abgestreckt.

Auf diese Meldung des Sohnes nickte er nur unmerklich mit dem Kopf, legte das Schriftstück hin und nahm ein anderes. Dann nach einer Pause, wie auf das Papier einredend, sagte er:

»Ich dächte, Du hättest Dich zu entschuldigen — Du wärest uns eine Erklärung schuldig —«

Magnus schwieg.

Ein drittes Schriftstück und: »Was soll das heißen, daß Du Dich an einem solchen Tage auf französisch drückst? Ich möchte mir doch sehr ausbitten! — wo hast Du denn die Manieren her?«

Das Schriftstück zitterte ein wenig in den Händen.

Magnus griff zu der für die Situation so banalen Trivialität einer Notlüge:

»Ich leide in letzter Zeit an Schwindelanfällen —« Und die Worte erstickten ihm fast im Hals. Teufel! was für ein Rückfall in die alte Feigheit!

Der Kopf des Vaters wandte sich langsam herum, und die grauen schlauen Blinzelaugen unter den silberschimmernden Büschen der Brauen glitten prüfend kurz über Magnus’ Gestalt.

»Du siehst in der That in letzter Zeit nicht ganz gut aus. Du machst Dir zu wenig Bewegung. Ich wünschte, daß Du Deine Ritte am frühen Morgen wieder aufnähmest.«

Magnus errötete.

»Du hättest Dich wenigstens gestern Deiner Desertion wegen entschuldigen können,« fuhr jener fort, abermals in die Papiere hinein. »Nun, es ist aber jetzt egal — wir haben Dich hoffentlich herausgerissen: das Telephon rief Dich also nach Berlin ins Geschäft, verstehst Du?«

Die Stimme des alten Joël klang ungewöhnlich weich: es war nicht des Vorwurfs wegen, daß er seinen Jüngsten hatte rufen lassen; es war etwas anderes im Werk.

Eine Pause, die nur das dumpf surrende Geräusch der den Elevator treibenden Dampfmaschine, die den Elevator trieb, ausfüllte; die Gegenstände, die Luft hier in dem kleinen, mit dunkler Ledertapete bekleideten Kabinet, schienen zu beben von diesem Surren.

»Bitte, bleib’ einen Moment!« knurrte der Alte — »à propos, ist die neue Sendung aus Neuschatel schon ausgepackt? — wie ist sie ausgefallen?«

»Man ist eben daran, sie auszupacken.«

Ein Nicken und: »Bitte, klingle Sierling!«

Magnus drückte dreimal auf den Elfenbeinknopf neben der mit mattem Glas versehenen Thür.

Wieder eine Pause, bis der Buchhalter erschien, einen Pack erledigter Papiere in Empfang nahm und in seiner aalglatten Art wieder durch die Thür hinaushuschte.

»Setze Dich — ich habe mit Dir zu reden, Magnus.«

Herr Joël senior rieb die flachen Hände übereinander und machte dann damit die Gebärde des Waschens — eine offenbare Verlegenheit, wie er seine Rede zu inscenieren hätte. Ungeduldig wiederholte er: »Aber, ich sage Dir ja, Du sollst Platz nehmen!«

Magnus gehorchte und setzte sich auf einen der Lederpolster, seitab des Pultes, vor dem Fenster.

Der Alte lehnte sich mit dem Kopf gegen die hohe geradaufragende Rückwand des altertümlichen Holzsessels und visierte mit den Augen einen der wetterprophetischen Apparate an, welche über dem Pulte hingen.

»Du weißt — das heißt, Du müßtest wissen, worum es sich handelt,« begann er. »Du wirst gestern deutlich genug gemerkt haben, was unser aller sehnlichster Wunsch ist. Und wie ich voraussetze, hast Du nichts dawider. Fräulein Helmons ist hübsch, sogar schön, man kann nicht liebenswürdiger sein, als sie ist. Auf die anderen Vorteile einer solchen Wahl brauche ich Dich nicht erst aufmerksam zu machen. Der Name Helmons spricht für sich, er wiegt die Sturz mindestens auf. Du stehst hinter Deinem Bruder keinenfalls zurück. Die Verbindung würde einen Glücksfall für das Haus Joël bedeuten —«

Er hielt inne und visierte nur um so schärfer auf das Barometer hin. Abermals rieb er die flachen Hände übereinander — es sah fast aus wie ein Ausdruck der Freude über den eintreffenden Glücksfall.

»Die Sache ist sehr einfach —« hob er wieder an, »ich schrieb an den alten Helmons und fragte unter der Blume an. Seine Antwort konnte nicht deutlicher sein. Es hängt nur an Dir ...«

Die Helle des Fensters verdunkelte sich — Magnus’ starke Gestalt hatte sich langsam erhoben. Mit einem stutzenden »Nun?« wandte jener den Kopf nach dem Sohne hin.

Magnus streckte die Hände wie hülfesuchend nach dem Alten aus: »Verzeih’, Vater! — ich bitte Dich um Verzeihung!«

»Was? Nun?«

Der silberhaarige Kopf erhob sich von der Rückwand des Sessels, und die Hände griffen nach den Seitenlehnen.

»Ich kann nicht, Vater — ich darf nicht —«

Mit einem Ausdruck des staunenden Zornes blitzten ihn die grauen Augen an. Was? Er wird doch nicht sein Herz als Hindernis vorschieben? Er wäre Idealitätstölpel genug!

»Weshalb nicht?« donnerte Herr Joël senior.

»Ich bin nicht frei —!«

»Unsinn! Blödsinn! Was soll das heißen?!«

Magnus gewann seine Festigkeit wieder. Was er gethan, das wird er auch verantworten! — »Vater —« sagte er, und seine Stimme wankte nicht mehr — »Vater, ich weiß, was ich Euch angethan — aber es ist geschehen! — Ich bin nicht frei, ich bin — verheiratet!«

Das glattrasierte Antlitz des Alten verzerrte sich zu einem starren Entsetzen. Seine Hände griffen zitternd und hülflos tastend über die beiden Armlehnen.

»Lieber Vater — verzeih’ mir — ich konnte nicht anders! — Es war eine Ehrensache — die Betreffende war kompromittiert — sie liegt im Sterben — vielleicht ist sie schon tot — das Mitleid überwältigte mich — ich konnte nicht anders —«

Gleich schämte er sich des Wortes, das hier so häßlich klang. Aber das allein schien sein phantastisches Vorgehen entschuldigen zu können.

»Wer? — Was?« kam es stotternd, nach Luft schnappend über die Lippen des Alten.

»Ich darf Dir nichts verhehlen, Vater! — Hier die ganze Wahrheit!«

Und er erzählte in kurzen Sätzen, wie verhängsnisvoll ihm der Zufall gespielt, nannte Namen und ehemalige Beschäftigung seines nunmehrigen Weibes.

»Nicht möglich! Undenkbar! Du phantasierst!« kreischte der alte Joël, und der Versuch eines stummen höhnischen Lachens umgrinste seinen Mund. Doch der Blick des stieren Entsetzens gewann wieder die Oberhand über dieses Lachen.

Magnus ergriff ein Mitleid. Er flehte den Alten an, ruhig zu sein. Er fürchtete wirklich, daß die Nachricht, die den Stolz des alten Kaufmanns so niederschmetternd getroffen, ihn auch körperlich zu Boden schlüge.

»Vater, ich bitte Dich! — nimm Dir es nicht so zu Herzen! — ich sagte Dir, die Dame hat keine Hoffnung aufzukommen — sie liegt im Sterben —«

Es graute ihm vor dem fürchterlichen Trost, den er da vorbrachte. Und noch mehr graute es ihm zu sehen, wie der alte eingefleischte Egoist sich an diesen Trost klammerte, wie er nun, da ihn das lähmende Entsetzen verlassen, sich sogar nach den näheren Umständen, nach dem Ausspruch des Arztes erkundigte.

Und der schlaue Ausdruck kehrte allmählich wieder in die grauen Augen zurück: »Magnus ist ein Dummkopf — er ist reif für das Narrenhaus — aber — aber sie liegt im Sterben, gottlob!« schien dieser Ausdruck zu sagen.

Als Sanitätsrat Herz am Nachmittag desselben Tages erschien, fand er die Kranke in einem tiefen Schlaf, der schon seit dem Morgen angedauert. Doch nicht die Betäubung des immer matter glimmenden Lebens — ruhig und regelmäßig schwollen die Atemzüge, und der Puls begann stetiger, ja mit scheinbar erwachender Kraft zu schlagen.

Der alte Arzt konnte ein freudiges Stutzen nicht unterdrücken. Doch es wäre ein Verbrechen gewesen, die anderen, die jeden Zug seines Gesichtes belauerten, mit einer vorzeitigen Hoffnung aufzurichten. Und er stellte sofort die dem schweren Fall entsprechende Miene wieder ein.

Spät am Abend kam er abermals. Die Atemzüge fluteten noch tiefer und kräftiger. Und er atmete selbst auf vor Freude, als er den Puls prüfte. »Wenn es diese Nacht mit dem Schlaf so anhält, so könnten wir gewonnen haben! — Seltsam — wider alle Erwartung!« — murmelte er vor sich hin. »Aber wir müssen trotzdem gefaßt sein!«

Und da saßen sie nun in der Nacht und horchten auf das Fluten des Atems. Da saß ein Mütterlein und horchte begierig, als wäre jeder der Töne eine Kostbarkeit; wie entrüstet fuhr sie ein paarmal aus dem Anfang des Schlummers, der ihre ermüdeten Sinne umdämmern wollte — wie entrüstet huschte sie ans Fenster, als müßte sie ein lauter werdendes Geräusch, das verhängnisvoll zu werden drohte, hinwegscheuchen. Da saß ein junger Gatte und ließ den Sturm seiner Gedanken immer wieder einwiegen durch den Klang des einen Wortes —: Rettung! Hier am Rande der Todesnot ziemt es nicht an anderes zu denken! — Selbst Frau Gornemann kam einmal in der Nacht hereingeraschelt, um Nachricht einzuholen. Das Außergewöhnliche dieses Menschenschicksals schien ihr allmählich doch einigen Respekt einzuflößen. Und die Neugier begann sie zu stacheln: Was dann? Sie sind verheiratet und sind es auch nicht! Der Idealist hat sich, ohne eigentlich dazu gezwungen worden zu sein, in diese »Heirat« gestürzt (man muß es einstweilen so nennen!) Jetzt aber wird das Erwachen kommen! Er wird die Übereilung gewahr werden und dann?

Am nächsten Morgen nach der Konsultation zog der Sanitätsrat Magnus bei der Hand in die Fensternische: »Es ist ein Wunder geschehen —« sagte er, und zögernd fügte er bei — »ich gratuliere!«

Der alte Herr war sich nicht ganz klar darüber, ob dieses das richtige Wort wäre.

Eine Glut schoß Magnus zu Kopf, und er stieß ein »Ah!« aus, das die große Freude über die unverhoffte Rettung bedeuten konnte. Gleich erblaßte er wieder. »Wie danke ich Ihnen, Herr Sanitätsrat!« rief er, sich fassend, mit fester Stimme, dem Arzte überkräftig die Hand schüttelnd.

War es ein Anfall des erbärmlichen Kleinmuts, der ihn zuerst überrumpelt? Teufel — er hat seinen Schritt doch nicht gethan in der sicheren Aussicht, daß sie sterben würde? Der Akt einer trivialen Großmut? Und nun, da ein gnädiges Geschick sie vom Tode errettet — beschleicht ihn ein Gefühl der Reue?

»Weg damit! Sie ist mein Weib — sie ist meine Welt — und ich werde sie gegen die andere Welt zu behaupten wissen!« —

Emmys Genesung dauerte nach der Krise fort. Zwar war die Kranke noch sehr schwach und jede Aufregung konnte verhängnisvoll werden. Von der Bedeutung der Ceremonie schien sie keine bestimmte Vorstellung zu haben, sie hatte dergleichen wohl nur geträumt. Und es war auch noch nicht die Zeit, sie in die freudige Wirklichkeit einzuweihen. Einmal fiel ihr Blick auf den goldenen Reif an ihrer Hand. Eine kurze Weile starrte sie ihn an, dann überrieselte es sie wie ein Schreck, und sie schloß die Augen, um den Traum, in dem ein solcher Ring eine Rolle spielen konnte, weiter zu träumen. Als sie schlief, streifte man ihr behutsam den Ring vom Finger, damit sein Anblick nicht noch schlimmeren Schaden anrichtete.

Magnus war mehrere Tage nicht im Geschäft erschienen. Jetzt galt es, abermals vor den Vater hinzutreten und ihm Aufschluß über die veränderte Lage zu geben. Er fand den Alten in seinem Bureau nicht vor: der Chef sei mehrere Tage nicht erschienen, er sei unpäßlich.

Magnus erschrak — so gewaltig hat ihn also die Nachricht gepackt? — ihn, den nicht leicht ein körperliches Gebrechen von dem lederbezogenen Pult zu scheuchen vermochte. Er eilte nach Charlottenburg.

Die beiden »eisernen Schwestern« waren eben im Begriff, das Parterre zu verlassen, sie begegneten Magnus im Vorsaal. Frau Gisbert empfing ihn mit einer ironisch ceremoniösen Verbeugung, die Baronin Kehren trug ein verächtliches Mitleid zur Schau.

»Was fehlt Papa denn —?« fragte er besorgt.

Frau Gisbert zuckte ihre kräftigen Schultern: »Ja, ich bitte Sie — sagen Sie uns doch, was ihm fehlt! — Der Arzt und wir alle werden nicht klug daraus — vollkommen frisch und wohl und doch dabei Phantasieren — ohne eine Spur von Fieber!«

»Wir sind sehr besorgt« — fiel die Baronin mit ihrem leicht singenden Näseln ein, während sie vor dem Spiegel an ihrem Schleier ordnete, Magnus abgekehrt, »er phantasiert von einer Heirat — er behauptet — denken Sie doch — er behauptet ...«

Ein Kichern erstickte ihre Stimme.

»Ja, er behauptet« — ergänzte Frau Gisberts Alt — »er behauptet — es hätte Jemand namens Joël sich mit — einem Ladenfräulein verheiratet.«

»Haben Sie eine Ahnung, wer das sein könnte —?« näselte es vom Spiegel her.

»Wir haben Papa für krank erklärt und bestehen darauf, daß er sich nicht neuen Aufregungen dort im Geschäft aussetzt. — Wir sind sehr besorgt, wenn Sie mit ihm reden — so thun Sie ja nicht, als hielten Sie das allerliebste Märchen für eine Phantasie — das verschlimmert nur seinen Zustand — — Bist Du endlich fertig mit Deinem Schleier, Lyda?«

Und die beiden Schwestern rauschten davon, Magnus mit dem vollen Hohn ihrer Blicke und ihres Lächelns überschüttend. —

Er trat bei dem Vater ein; der alte Mann saß in einem Rohrstuhl, gegen seine Gewohnheit bequem zurückgelehnt, und ließ bei seinem Kommen die Zeitung sinken. Zu seinen Füßen erhob sich eine prächtige Bulldogge — knurrend, ja, mit offenbar feindlichen Blicken — was fällt denn der Bestie ein? Kennt sie Magnus nicht mehr? Ja, sie will nichts mehr wissen von ihm — jetzt!

Der alte Herr Joël war offenbar durch die Heirat seines Sohnes etwas zusammengerüttelt worden, und es schien allerlei in ihm ins Wanken geraten. Ein fast elegischer Hauch umflorte seine sonst so glitzernden Augen, seine Stimme klang auffallend weich.

»Du bist es, Magnus!«

Und ein leises Zucken der Überraschung huschte um die gekniffenen Lippen.

»Wie geht Dir’s, Vater — ich bin erschreckt, zu hören, daß Du nicht wohl —«

Der Alte ließ in seiner Art die stürmisch dargereichte Hand nach der flüchtigsten Berührung sofort abgleiten. Seine Augen forschten begierig in Magnus Miene.

»Nun?« ächzte er.

Ist er erschienen, um seinem alten Vater Erlösung zu bringen von dem entsetzlichen Alp dieser Heirat? — Ist das eingetroffen, was Magnus ihm vor Tagen als einen Trost hinwarf? Ist das unselige — lächerliche — unbegreifliche Bündnis endlich durch den Tod zerrissen? — Das alles lag in dem »Nun«.

»Vater, ich bin gekommen, um ein ernstes Wort mit Dir zu reden —« begann Magnus beklommen. »Ich bitte Dich um Verzeihung für mich und mein Weib — was geschehen ist, ist geschehen —«

»Wieso?«

Der Alte fuhr empor und riß die Augen weit auf.

»Sie lebt?« — das war die eigentliche Bedeutung des Wortes »Wieso«.

»Als ich Dir neulich mein Geheimnis beichtete, Vater, da geschah es in der sicheren Erwartung des Todes. Der Arzt hatte die Kranke aufgegeben, es war keine Rettung zu hoffen. Die Rettung ist dennoch eingetreten — sie lebt und wird gesunden — ich komme, um Deinen Segen zu erflehen ...«

Das letzte hauchte kaum hörbar über Magnus Lippen.

Die Zeitung knitterte unter den konvulsivisch greifenden Händen des Alten: »Du willst damit doch nicht sagen ...?« zischelte er.

»Daß ich gesonnen bin, als ein Ehrenmann zu handeln, Vater!«

Magnus richtete den Kopf, den er bis jetzt zu Boden gesenkt, mit einem Anflug des Trotzes empor.

»Geschehen ist geschehen! Es ist nichts daran zu ändern! Doch Du und die anderen sollt nicht denken, daß ich das, was ich gethan, bereue ...«

»Du bist wahnsinnig — Du bist toll!« kreischte der Alte. »Du hast ja selbst gesagt, daß Du Dich von einem »Mitleid« hast hinreißen lassen. Du thatest es, weil Du wußtest und erwartetest, daß der Tod Deine Dummheit wieder gut machen würde. Ein andermal verbitte ich mir dergleichen Experimente!«

Magnus fühlte hier in dem Innern seiner Brust eine gewisse häßliche Stelle, auf die der Vater mit dem Finger hinwies. Und es war mehr eine Empörung gegen sich selbst, die ihn aufbrausen hieß.

»Mag sein, daß ich voreilig gehandelt! Um ihretwegen bereue ich nichts! Ich liebe sie, wie ich kein anderes Wesen lieben könnte — ich hoffe, mit ihr das Glück meines Lebens zu gründen!«

»Ho — ho — ho —« höhnte der Alte. »Wie hübsch Du Luftschlösser baust! Wir anderen Joëls haben aber auch noch ein Wörtchen mitzureden, denke ich! So einfach kapert man einen Joël doch nicht!«

»Vater, ich darf Dich bitten, nicht an sie zu rühren! Sie weiß nicht einmal, daß die Ceremonie stattgefunden. Damals befand sie sich in einem Zustand, in dem sie kaum ahnte, was geschah. Und wir haben noch nicht gewagt, sie zu verständigen, weil sie noch so hinfällig ist. Der Entschluß geschah aus meinem eigensten Willen.«

Ein unheimlich lustiges Grinsen verzerrte die Züge des alten Mannes. Ein paar heisere Lachtöne, die wie ein krampfhaftes Hüsteln klangen, dann gurgelte er die Worte hervor —: »Hör’ mal, das ist ja toll und verrückt! — Das ist ja hirnverbrannt! Du bist — Du bist ... ich werde Dich ärztlich untersuchen lassen! — Sie weiß nicht, daß Du sie geheiratet — vielleicht gar wider ihren Willen ist es geschehen — und da bestehst Du noch auf der Komödie! Es ist wahrhaftig das Lustigste, das ich je erlebt — hahaha —«

Und mit wütendem Klopfen bearbeitete er den feisten Rücken der Bulldogge, die Worte im Takt begleitend. Das Tier knurrte zwischen den fletschenden Zähnen.

»Vater ...«

Magnus streckte beide Hände nach dem Alten aus, und seine Augen flehten ihn an.

»Vater — ich kann nicht anders — höre mich —«

»Was? Du wirst aufsässig!«

Das galt dem Hunde, der immer bedenklicher knurrte und eine Miene zum Losfahren machte. Jemand, der nur die Worte gehört, konnte sie auf Magnus gerichtet wähnen.

»Was, auch Du parierst mir nicht mehr?! Warte, Bestie!«

Und er nahm das Tier bei dem messingbeschlagenen Halsriemen und schleuderte es fort, daß sein praller Körper auf dem glatten Parquet dahinrutschte. Sein heulendes Gekläff gellte durch den Raum.

Der alte Mann war so wütend, er erhob sich und trat unsicheren Schrittes auf die eine Wand zu, wo unter Jagdutensilien eine kurze Knebelpeitsche hing. Während er sie herabnahm, sandte er seinem Sohne einen Blick von unheimlicher Bedeutsamkeit zu. Die Peitsche in der Hand wippend, sagte er, mit erzwungener Eiseskühle: »Geh’ jetzt — es ist besser, Du gehst — hörst Du —«

Und mit den Blicken seiner zornblitzenden Augen wies er seinem Sohn die Thüre. Dieser hörte, als er durch den Garten fortstürmte, das ohrenzerreißende Geheul der Dogge, die von ihrem Herrn gezüchtigt wurde.

Vielleicht hätte der alte Joël sich von der Zeit, der erfolgreichen Heilkünstlerin, in die Kur nehmen lassen — vielleicht hätte er sich in das Unvermeidliche gefunden. Aber die Verschworenen duldeten das nicht, sie konnten und durften Magnus diese Durchkreuzung ihres Komplotts nicht verzeihen. So ward die Mesalliance zu einem ungeheuerlichen Verbrechen gebrandmarkt, für das es kein Verzeihen giebt. Man erpreßte dem Alten ein Ultimatum, mit dessen Übermittelung Gisbert beauftragt wurde.

Dieser fand sich zu einer ungewöhnlich frühen Morgenstunde, was wohl von nicht geringer Energie zeugte, in dem Hotelzimmer seines Bruders ein, den er beim Ankleiden fand.

»’n Tag, alter Junge!«

Er wollte es mit dem burschikosen Ton versuchen. Doch das knappe Nicken des Gegengrußes von seiten des anderen dämpfte sofort diesen Ton.

Die Aufgabe war nicht so leicht, als Gisbert sie sich gedacht, wenn man nicht das Messer einfach herausnehmen und brutal darauf losschneiden wollte.

»Du wohnst nicht gerade sehr komfortabel —« begann er abermals, sich in dem nach der trivialen Hotelschablone ausgestatteten Raume umsehend. »Gestattest Du, daß ich mir eine Cigarre anzünde?«

Magnus stieß ein kurzes »Bitte!« aus, und Gisbert griff nach der Schale auf dem Tische.

»Wenn es nicht anders war, so hätte ich mich doch im Kaiserhof einlogiert, meinst Du nicht?« Dazu biß Gisbert mit den Schneidezähnen die Spitze der Cigarre ab.

Magnus zuckte die breiten Schultern und legte die Haarbürste mit einem deutlichen Unwillen auf die Marmorplatte vor dem mit einem ganz gewöhnlichen Goldleisten eingerahmten Spiegel.

Das reizte Gisbert. Er will es nicht anders! — Gut, so zieht man das Messer heraus und schneidet los!

»Ich meine, Du hättest die Dehors wahren können! Ich meine, Du wärst es unserem Namen schuldig gewesen, Dich nicht gerade in ein Hotel sechzehnten Ranges zu verkriechen! Das ist ja schon mehr eine Herberge!«

»Möglich, daß, wenn ich auf die Ehre Deines Besuches gerechnet hätte, ich vielleicht eine andere Herberge aufgesucht —« höhnte Magnus. Das war sonst nicht seine Art.

Und sich herumwendend, Gisbert mit scharfen Augen herausfordernd: »Du kommst, um mit mir darüber zu reden —«

»Allerdings. Ich bin von der Familie Joël abgesandt. Du hast eine Dummheit begangen —«

Eine Pause, in der das schlimme Wort nachzuhallen schien. Die Gesichter der beiden Brüder flammten, und ihre Blicke maßen sich feindlich.

»Eine entsetzliche Dummheit — es ist das einzige Wort!« rief Gisbert.

»Ich verbitte mir das hier in meinem Zimmer! Ich verbitte mir jede Kritik!«

Gisbert bezwang sich — auch das war nicht der richtige Ton. Und er versuchte es mit der eiseskühlen Gemessenheit. Die Worte langsam hervordehnend, versetzte er jenem den Wortlaut des Ultimatums:

»Deine sogenannte Heirat hat weder vom bürgerlichen, noch, wie wir informiert sind, vom kirchlichen Standpunkt eine Gültigkeit. Sie ist ein Hohn auf das Gesetz. Wir ersuchen Dich also, der Komödie eine Folge zu geben, widrigenfalls —«

Magnus hob trotzig das Haupt. — »Nun?«

»Widrigenfalls wir Dich nicht mehr als den unsrigen betrachten können — Du hast Dir alle Folgen, auch die schlimmsten, selbst zuzuschreiben«.

»Du lügst!« schrie Magnus zornig auf. »Ich kenne Dich! Das ist nicht der Auftrag meines Vaters!«

Gisbert zog die Schultern langsam in die Höhe und senkte sie wieder ebenso; noch kühler, mit einer unheimlichen Höflichkeit im Ton, sagte er: »Leider habe ich sogar den Auftrag, Dir jede Gelegenheit zu entziehen, um Dich von dem Grund Deiner soeben ausgesprochenen Anschuldigung zu überzeugen. Papa wünscht Dich nicht mehr zu sehen. Du hast Dich zu entscheiden, so oder so! — Übrigens soll Dir Dein Entschluß nicht zu schwer gemacht werden. Wir sind bereit, das notwendige Reugeld zu erlegen. Glaube nur — (und er fiel in den ersten burschikosen Ton) man beißt schon an, wenn wir den Köder appetitlich genug auswerfen. Mit einer nicht zu unbescheidenen Summe kaufen wir Dich aus Deiner Verlegenheit. Denn Du wirst mir doch nicht weiß machen wollen, daß Du Dich behaglich fühlst — he?«

Magnus wehrte mit einem unwilligen Wink des Kopfes ab. Dann stand er, mit finster gerunzelten Brauen vor sich hinstarrend da, die Knöchel der Hände auf den Tisch gestemmt.

Sonderbar, daß jetzt zum erstenmal die Frage vor ihn trat: wird sie denn in das Opfer einwilligen, sobald sie davon erfährt? O, er kennt sie, sie wird nicht schuld sein wollen, daß er, der Joël einer, zum Bettler gemacht wird! Das wird sich finden. Es muß Zeit gewonnen werden, bis sie so kräftig ist, daß man sie vor den Entschluß stellen darf. Was dann, wenn sie sich in ihrer angeborenen Energie weigert? — Ach, das kümmert ja heute noch nicht!

»Ich verlange einen Aufschub —« sagte er kleinlaut, Gisberts Blick ausweichend — »ich kann mich heute noch nicht entschließen — nicht daß ich selber wankend wäre — ich weiß, was ich zu thun habe — aber es hat noch jemand ein Wort mitzureden —«

Gisbert war erstaunt über diese unerwartete Wirkung seiner Mission. Er fürchtete wieder alles zu verderben, wenn er noch weiter drängte.

»Bon!« rief er, »das läßt sich hören! Es freut mich, daß Du doch mit Dir reden läßt! Wie ist die Adresse dieses Herrn Koster — Köster nicht wahr?«

Es wäre unsinnig gewesen, die Adresse nicht zu sagen, die ja doch auf andere Weise gefunden werden konnte.

»Treskowstraße 22a«, murmelte Magnus dumpf. »Aber ich protestiere gegen diese Ungeheuerlichkeit! Zum Teufel mit Eurem verdammten Gold!«

Und vor dem neuen Zornesausbruche seines Bruders flüchtete Gisbert, um in der Treskowstraße seinen Köder auszuwerfen.

Herr Köster erschien in voller sprühender Entrüstung — kaum, daß er seine Tochter begrüßte. Er nahm Magnus in eine Ecke des Salons und fuhr ihn in seiner zuschnappenden Weise an:

»Sie treiben ein doppeltes Spiel, Herr! Sie machen uns eine Komödie vor — haben Sie doch den Mut, die Larve herabzureißen!«

»Wieso? Was ist denn?«

»Sie wagen es, uns Geld zu bieten, wenn wir von der Ehe abstehen! — Herr, ich verbitte mir solche Zumutung! — es ist eine unerhörte Beleidigung!«

»Ich ...?«

»Natürlich Sie! Ihr Bruder war soeben bei mir und hatte die Unverschämtheit, mir den Handel zu offerieren. Die ganze Ehe hätte nicht für einen Sechser Gültigkeit! Trotzdem bot er mir dreißigtausend, wenn wir abständen — er bot vierzigtausend — fünfzigtausend — ehe er an die sechzigtausend gelangt war, warf ich ihn zur Thür hinaus —«

Und Herr Köster blähte sich auf, wie es einem Manne zukommt, der sechzigtausend mir nichts dir nichts zur Thür hinauszuwerfen imstande ist. Magnus konnte einen Anflug des Lächelns, der heiklen Situation zum Trotz, nicht unterdrücken. Doch die fanatisch blitzenden Schwarzaugen ließen das Lächeln sofort verschwinden.

»Was machen Sie mir denn einen Vorwurf? — ich finde den Bestechungsversuch ebenso empörend wie Sie —« fiel Magnus ein.

»Die Offerte geschah im Auftrag der Familie Joël — Sie hätten Ihre Zustimmung gegeben, sagte Ihr Handelsmann —«

»Es ist nicht wahr! Ich gab die Adresse Ihrer Wohnung, weiter nichts! Ich habe noch keinen Moment bereut! Was geschehn ist, bleibt geschehn! Ich liebe Emmy — bei Gott, ich liebe sie! Ich werde sie auf den Händen tragen! Nur ein Zweifel plagt mich jetzt: wie wird sie selbst diese Heirat aufnehmen? Sie weiß bis jetzt nichts. Sie besitzt einen gewaltigen Stolz, und ich fürchte ...«

»Sie ist die Tochter ihres Vaters!« sprühte Herr Köster in neuer Entrüstung. — »Zum Donnerwetter, ist denn ihre Ehre nicht mehr wert als Sechzigtausend? — wiegt denn unser Name nicht den guten Namen eines Joël auf? Es thut mir leid, wenn Sie dadurch zum Bettler werden — es thut mir herzlich leid — aber nicht mit den Millionen eines Bleichröder lassen wir Köster uns unsere Ehre abkaufen!«

Es war der Dünkel in seiner schönsten Blüte. Aber Magnus konnte sich eines Gefühls der Achtung nicht erwehren die er vor dem sich unter diesem Bramarbas verbergenden Charakter zu empfinden begann. Und ein Zweifel überkam ihn, ob das Geld dennoch die erste Macht in der Welt bedeute. —

Emmys Genesung machte in diesen Tagen gute Fortschritte. Einmal, an einem Nachmittag, empfing ihn Frau Köster in großer Erregung.

»Doch nicht wieder schlimmer?« rief er erschreckt.

Das ängstliche Gesichtchen der guten Dame verneinte — »aber es hätte schlimm genug werden können —« berichtete sie aufgeregt, »denken Sie, diese Frau Gornemann hat natürlich nicht an sich halten können — das Geheimnis drückte sie zu sehr. Vorhin also brachte sie es fertig, Emmy plötzlich mit »Frau Joël« zu titulieren. Das arme Kind fuhr zusammen. Natürlich konnte Emmy sich den Titel von Seiten der Frau Gornemann nicht anders als einen Spott erklären. Die Thränen traten ihr in die Augen, sie begann sehr aufgeregt zu werden — da hielt ich es für das Beste, ihr selbst das ganze Geheimnis zu verraten —«

Magnus stürzte in die Krankenstube: — »Emmy — meine liebe, liebe Emmy!«

Die Kranke streckte die weißen bebenden Hände nach ihm aus, und ihre großen vom Leiden vergrößerten Augen flehten ihn an. Alles andere ist Trug und Traum! — nur sein Kommen bedeutet Wirklichkeit und Wahrheit!

Wie damals, während der Ceremonie, sank er neben ihrem Lager in die Kniee und erfaßte ihre Hände.

»Willst Du mein sein — mein für immer?« flüsterte er innig.

»Verzeih’ mir — daß ich das vollführte, ohne Dich befragt zu haben! Nun mußt Du Dich darein finden. Willst Du mein Weib sein, Emmy — ach, Du bist es ja! — mein liebes, liebes, süßes Weib!«

Und er nahm ihr glühendes Köpfchen und legte es sanft an seine Wange. Sie hielt die Lider geschlossen, ein rotes Dämmerlicht flutete hindurch, und wie ein Glockenklang aus seliger Kinderzeit hallte das Wort, das eben von seinen Lippen kam, durch ihre Sinne. Nichts als die Seligkeit dieses einen Wortes!

Und ihn, der sie umschlungen hielt, schien das Wort wie mit einem Zauberklang zu durchbeben — er fühlte Mut und Kraft in seiner Brust schwellen und er gelobte sich, der ganzen Welt zum Trotz, sie auf seinen Händen dahinzutragen durch das Leben.

Wenige Wochen darauf hatte sich das junge Paar, dessen Bund die gesetzliche Gültigkeit erhalten, in seinem neuen Heim eingenistet. Als Wohnort war Pankow mit seinem herrlichen Park und seiner würzigen Landluft erwählt worden, in erster Rücksicht auf Emmys Genesung; später, auch den Winter hindurch, hielt sie die Not an den billigen Vorort gefesselt.

Sie bewohnten den Oberstock einer kleinen Villa in der Damerowstraße, zwei Stuben, zwei Kammern mit schrägen Wänden, Balkon und Gartengenuß. Magnus’ Mittel, die er aus dem Verkauf seiner Pretiosen, seiner kostbaren Brillanten, seiner Uhr und einiger Kunstgegenstände flüssig gemacht, hätten etwas Besseres als diese spießbürgerliche Einrichtung, die von der ökonomischen Frau Köster besorgt worden war, möglich gemacht, aber Emmy widersetzte sich jedem Luxus. So verharrten sie in den Gewohnheiten ihres ersten kargen Liebeslebens: — ein stilles verschwiegenes Nestchen, wo sie jeden Augenblick des Glückes der diskreten Himmelslaune abzustehlen schienen.

Die junge Frau wagte sich dieses Glückes nur mit einem angstvollen Beben zu freuen. Wie eine Betäubung war es über sie gekommen — sie hatte damals auch körperlich nicht Kraft genug besessen, »Nein« zu sagen, oder den Kampf mit ihrem eigenen Herzen aufzunehmen. Es war alles ein Traum, die rätselhafte, geheimnisvolle Trauung, ihr beider Beisammensein — auch der Alp fehlte nicht in diesem Traum: die geheime Furcht vor einem Schicksal, das die so seltsam Geeinten wieder auseinander reißen werde ...

Erst die Not rüttelte sie aus dem Traum zu vollem Erwachen.

Magnus hatte sie belogen und er betrog sie fort und fort. Er fürchtete von ihrer energischen Art irgend einen unheilvollen Entschluß. So hatte er die Verfehmung, die von den Joëls über ihn und seine Ehe verhängt war, nur als eine vorübergehende Verstimmung hingestellt, welche die Zeit schon heilen müßte; ja, er that so, als wäre er des Alten sicher, der nur aus Furcht vor Gisbert und dessen tyrannischer Frau den Bannstrahl hatte fallen lassen. Und er erzwang seiner Phantasie allerlei Märchen, die das gutmütige und zum Verzeihen geneigte Herz seines Vaters erweichen sollten.

Anfangs hatte er sich selbst belogen. Vor allem konnte er sich nicht in den Gedanken finden, daß ein Joël genauere Bekanntschaft mit der Not machen sollte. Immer wieder stutzte er erstaunt, wie schwer es ihm hielt, eine Stellung zu finden und zu behaupten. Sein eigener Name, dem er nun einmal Rücksicht schuldig war, und die Illusionen seines sanguinischen Gemütes waren ihm fort und fort ein Hindernis. Er war unpraktisch und kein tüchtiger Geschäftsmann, und es war kein Comptoir so naiv, ihn auf den Namen Joël hin über seine Leistungen zu honorieren. Seine Fertigkeiten als Buchhalter schienen nur auf die Großfirma zugeschnitten. So wechselte er von Stelle zu Stelle, jedesmal mit herabgeminderten Ansprüchen. Ein Unmut bemächtigte sich seiner: sie haben einen neidischen Tick auf den Namen Joël, jetzt rächen sich diese Kleinen wenigstens an dem Namen, da sie der Firma selbst nichts anhaben können! Einmal glaubte er sich schlecht behandelt und verließ die Stelle, ein andermal ward ihm seiner ungenügenden Leistungen wegen gekündigt. Er fühlte den Fluch seines ehemaligen Reichtums auf sich lasten, und das drängte ihn immer mehr abseits.

Er schämte sich, das einzugestehen und brauchte allerlei Ausflüchte, wenn die Adresse seines Prinzipals abermals wechselte. Emmy begann aufzumerken und sein Gehen und Kommen argwöhnisch zu belauern. Aber die freundlichen Glücksstunden, die ihnen das trauliche Nest bot, täuschten sie beide immer wieder über den Ernst der Lage hinweg. Ihre anschmiegende Liebe tröstete ihn für alle Widerwärtigkeit, und wenn er nach der sauren Arbeit des Tages heimkehrte, so schien ihn das heimische Glück immer wieder mit neuer Kraft zu stählen.

Plötzlich öffnete ihr der Zufall die Augen. Eines Morgens im späten November war sie nach Berlin hineingefahren, um eine lang verschobene Besorgung auszuführen. Um die elfte Stunde kam sie durch die Königgrätzer Straße am Rande des Tiergartens vorbei. Es war ein eisig rauher Tag, die Bäume des Parkes ächzten unter den zausenden Händen des Sturmes; raschelnd wirbelten die welken Blätter über die Wege. Emmy eilte mit fester verzogenem Mantel, um den Schutz der Straße wiederzugewinnen. In der Nähe des Goethedenkmals streifte ihr Blick eine Bank, auf der ein Herr saß. Stutzend hielt sie an — sie meinte Magnus dort zu erblicken. Unsinn! Er sitzt jetzt drüben in der Königstadt in seinem Comptoir — am Morgen beim Fortgehen hatte er noch so dringende Arbeit vorgeschützt.

Und dennoch! Sie traut ihren Blicken kaum. Seine breiten Schultern, der flache Krämpenhut — er ist’s! Wie kommt er denn dahin, um diese Stunde? — man sitzt doch nicht bei diesem Wetter im Tiergarten! Die Ahnung eines Unheils krampfte ihr das Herz zusammen, ihre Tritte wankten, als sie auf den Sitzenden zutrat.

Magnus saß vornübergebeugt, das eine Bein über das andere geworfen, den Hut in die Stirn gedrückt vor dem Wehen des Sturmes; mit brütendem Sinnen betrachtete er das langsame Auf- und Abwiegen des übergeschlagenen Fußes.

»Maggi ...«

Ängstlich wie ein Hilferuf klang es an seiner Seite.

Er fuhr empor, starrte sie wie eine Erscheinung mit blöden Augen an.

Er hat an sie gedacht, denkt fortwährend an sie — da kommt ihre Erscheinung wie ein Zauber dahergehuscht ...

»Was machst Du hier? — um Gotteswillen, Maggi, was ist denn? Wie Du aussiehst ...«

O, er hatte sich nicht sofort zu fassen vermocht! O, er hatte keine Zeit gehabt, die harmlose Frohmiene, die er sonst vor seiner Heimkehr jedesmal vorzubereiten pflegte, einzustellen.

Sie sank neben ihm auf die Bank, ihn mit erschrockenem Auge anstarrend.

»Was führt Dich denn aus Pankow her?« stotterte er.

»Ich denk’, Du bist in Deinem Geschäft —«

»Ich streike —« warf er bitter hin, und das Lächeln über diesen Scherz, mit dem er sich herauszureißen gedachte, blieb zäh auf seiner Miene haften.

Sie griff nach seiner Hand: »Um Gotteswillen, was ist? Sag’ mir doch! Du hast Deine Stellung aufgegeben? da brauchst Du doch nicht hier im Tiergarten zu sitzen! Warum sagst Du mir denn das nicht?«

Thränen bebten durch ihre Stimme.

»Närrchen, komm — es ist zu kalt für Dich hier —«

Er wollte sich erheben, wobei ein Seufzer seinen breiten Brustkasten schwellte. Mit krampfhaftem Griff hielt sie ihn fest.

»Erst sag’ mir alles!«

»Nichts! Ich hatte keine Lust zu arbeiten, unser Comptoir ist so eng, kaum Luft genug für einen Maulwurf — da macht’ ich mich davon —«

»Es ist nicht wahr! Es ist nicht wahr, Maggi!« rief sie, und ihre Augen blitzten ihn an.

»Du sollst Dich nicht so aufregen, mein Herz —«

»Ich weiche nicht von der Stelle, bis Du mir gebeichtet!«

Sein Blick umhüllte mit einem besorgten Ausdruck ihre zarte Gestalt, die nicht sehr wintermäßig gekleidet war. Der Wind ließ die Bänder ihres Hutes flattern und das Wildhaar ihrer Stirne auswehen.

»Nichts, sag’ ich Dir! — nun ja, ich hab’ den Posten abermals quittiert. Ein erbärmlicher Hundedienst — seit gestern bin ich fort —«

»Es ist nicht wahr!«

Die Inquisition ärgerte ihn etwas. »Nun ja, wenn Du es denn besser weißt — seit drei Wochen —«

»Maggi!«

Nur der Name, dazu der volle strafende Vorwurf ihres Blickes: warum er ihr das nicht früher gesagt? warum er jeden Morgen seit drei Wochen die Komödie ausführt und eine Abfahrt nach dem Geschäfte heuchelt?

»Ich wollte Dir die Sorgen ersparen! Gerade jetzt! Übrigens was ist daran? Ich bekomme jeden Augenblick wieder eine Stelle —«

Das kam sehr kleinlaut heraus. »Jetzt komm!« rief er, gebieterisch die Stimme hebend. »Ich dulde nicht, daß Du Dich dem Wetter aussetzest!«

Sie ließ es nun geschehen, daß er sie emporzog, und seinen Arm schützend um ihre feinen Schultern legte — »komm, sei kein Närrchen ...«

Eine kurze Weile schritten sie durch das raschelnde Laub des Weges ohne ein Wort.

Plötzlich stürzten Thränen aus ihren Augen — leidenschaftlich brach es hervor: — »Du willst mich täuschen, Maggi! — es ist Not im Anzug! Und davon erfahre ich nichts! — Bin ich — bin ich denn nicht Dein Weib?«

Sie schluchzte. Er suchte sie zu beruhigen.

»Siehst Du — es wäre besser gewesen — für uns beide — ich wäre gestorben! — warum hast Du mich geheiratet! —«

»Weil ich Dich liebe! — weil ich nicht ohne Dich leben konnte! — weil ich zu Grunde gegangen wäre ohne Dich!«

Er preßte sie inniger an sich.

»Und Du willst mir nicht einmal die Wahrheit sagen? — lieber geh’ ich von Dir, als daß ich eine Lüge dulde zwischen uns —« trotzte sie. »Jetzt sagst Du mir alles!«

Er fand, daß es das beste wäre zu beichten. Wie er von Stelle zu Stelle lavierte, nichts Passendes, nichts Anständiges fand; wie er sie täuschte und belog, um sie jetzt in ihrem Zustande nicht zu ängstigen. Aber sie soll fortan die volle Wahrheit hören, wenn sie es denn will! Er will keine heitere Miene mehr heucheln, wenn es ihm schwer ums Herz ist —

»Ach was! schwer ums Herz!« rief er — »ich liebe Dich! — Du liebst mich —«

Verwundert blieben einige Passanten drüben auf der Mauerseite stehen, wie rücksichtslos stürmisch am hellen Mittag dort der starke Mann das schlanke Weib an seine Brust preßte.

Und die Seligkeit dieses Mein- und Deinseins wandelte sie bald wieder zu Kindern. Eine halbe Stunde darauf standen sie vor einem Laden der Leipziger Straße, der Erstlingsausstattungen liegen hatte, und weideten sich an all den duftigen, spitzenumhauchten Herrlichkeiten. Emmys Gesichtchen glühte. Allerlei bedeutsame Bemerkungen wurden zwischen ihnen geflüstert; in köstlicher Verlegenheit lächelten sie beide.

»Komm doch hinein!«

Er wollte sie nach dem Eingang des Ladens drängen; aber sie wehrte.

»Nein, nein, nein — jetzt auf keinen Fall! — es soll trotzdem nicht zu kurz kommen!«

»Mein gutes, liebes Weib!« hauchte er hin, und seine Blicke ruhten verklärt auf ihr, während sie beide durch das Gewühl der Straße weiter schritten.

Von da ab nahm die ehemalige Kassiererin von Kapp und Müller die ökonomische Regelung des Haushaltes in die Hand. Anfangs erschrak sie, auf wie schwankendem Untergrund diese Ehe gegründet worden war. Und ihretwegen hat er sich in dies Elend gestürzt!

Die Lage war ziemlich trostlos. Der Vorrat an Pretiosen war versiegt, Magnus hatte gewirtschaftet, als wenn ihm der unerschöpfliche Arnheim der Firma Joël noch zur Verfügung stände. Sein ehemaliger Reichtum erwies sich als ein Fluch.

Doch jetzt ist keine Zeit, da zu sitzen und zu grübeln und sich von schweren Gedanken niederdrücken zu lassen! Jetzt gilt es tapfer zu sein!

Sie ordnete eine Beschränkung des Haushalts an; vom ersten Januar würden sie eine noch viel kleinere Wohnung beziehen. Sie verrichtete Wunder der Sparsamkeit; zumeist heimlich, daß er es nicht merkte, denn sie sah, wie es ihn schmerzte, sie darben und sich in den kümmerlichen Verhältnissen krümmen zu sehen.

Magnus hatte in dem Bureau eines Konsortiums zum Bau elektrischer Arbeitsbahnen ein Unterkommen gefunden. Er paßte als Kaufmann dort nicht hin, aber man gab vor, seine stilistischen Fähigkeiten für die Korrespondenz zu verwerten — in Wahrheit handelte es sich um den Namen Joël, der in den Manipulationen der Gesellschaft ein effektvolles Schild abgab, ja sogar als Köder herhalten mußte. Man bezahlte ihn erbärmlich, versprach ihm aber um so mehr. Wieder schämte er sich, seine Lage vor Emmy offen darzulegen. Er hoffte in seiner sanguinischen Art in die blaue Zukunft hinein. Unterdes versank er in Schulden, ehe er sich dessen versah.

Emmy war den ganzen Tag über, wo er in Berlin war, sich selbst und ihren Sorgen überlassen. Die Gedanken umlauerten sie, schlichen ihr nach auf Schritt und Tritt, saßen mit ihr am Nähtisch und leisteten ihr Gesellschaft am Küchenherd, wo sie das frugale Mahl für sein Kommen am Abend rüstete.

Sie hat ihn zum Bettler gemacht! — sie hat den Frieden des Hauses Joël zerstört! — sie hat ihn von dem Herzen seines Vaters getrennt! Was für ein Ungeheuer von Egoismus ist sie denn, daß sie bleibt und ruhig zusieht, wie die Kluft sich erweitert und das Elend wächst? Fort mit ihr, der Unglücksspenderin — der Friedensstörerin! — es wäre so einfach — weiter nichts, als daß sie ihn verließe — spurlos verschwände — dann wäre er frei! — Wohin, das ist einerlei! — sie weiß, sie wird an dieser Trennung zu Grunde gehen! — wenn sie ihn damit rettet — wie gern, ach wie gern!

Immer wieder stemmte sie sich gegen die Unseligkeit solcher Gedanken. — Jetzt nicht! — sie ist schuldig auszuharren, bis sie ihrem Kinde das Leben geschenkt! Dann vielleicht erst recht! O Gott, giebt es denn keinen Ausweg?

Die gute Mama Köster wagte sich immer wieder mit einem Vorschlag heran: man müßte eine Versöhnung mit der Familie Joël versuchen. Die wenigen Nachrichten, die von den Joëls in den stillen Winkel herüberdrangen, konnten schon dazu ermutigen. Der alte Herr litt offenbar unter dem Schlag, den ihm sein Jüngster versetzt. Sein Gesundheitszustand war nicht der allerbeste. Siering, der erste Buchhalter des Hauses, der Magnus zufällig begegnete, meinte, es kostete nur einen Gang, nur ein Wort, — der Alte wäre so weich, (»er ist überhaupt nur ein Polterer!«), eine Versöhnung ließe sich unschwer in Scene setzen. Magnus schüttelte ungläubig den Kopf; und sein Trotz bäumte sich auf.

Aber Frau Köster klammerte sich immer zäher an den Plan. Sie träumte von einem Fußfall — von einer rührenden Verzeihungsscene —

Der Größenwahn des Herrn Köster fuhr in voller Entrüstung dagegen an. — »Was? wir sollen klein nachgeben? Nimmermehr! Ihr werdet sehen, man wird schon kommen, uns zu holen, wenn man uns braucht! — warten wir nur geduldig!«

»Unterdes sind wir verhungert —« sagte die stumme Angstmiene von Frau Köster.

Und Emmys Mutterhoffnung bestärkte sie. Sie scheute sich nicht, vor ihrer Tochter offen ihre Gedanken schillern zu lassen.

»Wenn es ein Knabe sein sollte — wenn wir das Glück hätten, daß es ein Knabe wäre, Emmy —«

Die junge Frau errötete.

»Nun, man redet doch darüber, mein Kind — also wenn es ein Knabe wäre! — Herr Gisbert Joël hat, wie mir Magnus versichert, keine Aussicht auf einen Erben — bleiben wir also allein übrig, die den Namen Joël retten. Und so ein Kerlchen zieht uns alle heraus. Dem wird der alte Herr nicht widerstehen — der Großpapa wird ihm in die Glieder fahren ...«

Eines Vormittags, kurz vor Weihnachten, erschien in der Damerowstraße ein Herr von militärisch strammem Aussehen und fragte in gemessener Höflichkeit nach Herrn Joël. Auf Emmys Bescheid, daß dieser nicht zu Hause sei, hob er bedauernd die breiten Schultern und zog aus der Seitentasche seines Rockes einen Pack Papiere in aktenmäßigem Format.

»Bedaure sehr — ich habe für diesen Fall Exekutionsbefehl. Gerichtsvollzieher Moller mein Name —«

Emmy schrak zusammen und erblaßte; mit zitternden Händen griff sie nach den Papieren.

»Sie brauchen sich nicht zu ängstigen, Frau Joël —« sagte der Biedermann mit seiner gutmütigen Baßstimme, — »es ist nicht der Rede wert — eine Operation, die nicht weh thut — derweil kommt Zeit, kommt Rat —«

Und vor sich her knurrend, fügte er hinzu: »Ihnen kann es doch nicht schwer fallen, die paar hundert Mark aufzutreiben!«

Er schüttelte dabei den feisten Kopf. Seine Augen fuhren forschend von Möbel zu Möbel in der Stube umher, dieselben auf ihren Wert abschätzend.

Emmy blätterte mechanisch in den Papieren mit ihrem Gemisch von Gedrucktem und Geschriebenem und zehnerlei Handschriften.

Plötzlich fuhr sie auf — der Gerichtsvollzieher prüfte gerade ein zierliches Luxusschränkchen, ein Überbleibsel aus Magnus’ Luxustagen; die prächtige Schnitzarbeit schien ihn zu interessieren: »Das Stück allein —« sagte er, mit der Hand über den reichprofilierten Sims fahrend, »deckt zehnmal die Schuld — und es ist Ihnen gewiß entbehrlich?«

Emmy stürzte herzu: — »Das nicht! — auf keinen Fall das!« rief sie, mit der Hand abwehrend.

Der Mann wunderte sich über die Erregung. Emmy errötete, den wahren Grund ihrer Weigerung wagte sie nicht anzugeben —: das Schränkchen hatte zur Aufbewahrung der fertigen oder in Arbeit begriffenen Kinderausstattung gedient. Es war ihr eine so wundersame Freude, die Thüren desselben zu öffnen und sich mit den winzigen Sächelchen zu beschäftigen. So war ihr das Schränkchen zu einer Art Heiligtum geworden.

»Das nimmermehr! Nehmen Sie sonst alles!«

Herr Moller war wohl an dergleichen Sonderheiten gewöhnt. Er wählte also ein paar andere Möbel, die ihm entbehrlich schienen und brachte seine Siegel an, die Operation, wie er es nannte, mit Aufzählung schlimmerer Fälle, wie zur Beruhigung, begleitend.

Dumpf brütend saß sie da, als er fort war, der Schreck zuckte in ihr nach. Da klingelte es abermals — der Briefträger.

Mechanisch nahm sie den dargereichten Brief, betrachtete ihn — er sah recht gleichgültig aus, sie kannte die Schrift nicht — etwas Geschäftliches? — vielleicht abermals eine Mahnung? —

Und mit ganz mechanischen Griffen, all der Gedanken voll, öffnete sie das Couvert.

Gleich, als sie die Überschrift sah, ward sie sich des Mißgriffes bewußt. »Lieber Bruder!« stand dort.

Aber unmöglich, das Folgende nicht zu lesen! — wenigstens nicht einen Blick in die Zeilen zu werfen. Was ist geschehen? Gisbert schreibt an Magnus — das erste Mal seit der Verstoßung ...

Ihre Hände zitterten, als sie las:

»Lieber Bruder!

Du wirst Dich wundern, von mir diese Zeilen zu erhalten. Unser alter Vater ist die Veranlassung. Er befindet sich nicht gut, gewisse Ereignisse haben ihm stark zugesetzt und, wie es scheint, seine Gesundheit untergraben. Ich weiß nicht, ob Dir daran gelegen ist, nach der Leichtigkeit zu urteilen, mit der Du Deine Familie, die es so gut mit Dir meint, bei Seite warfst, hiervon Notiz zu nehmen. Jedenfalls hielt ich es für meine Pflicht, Dich zu benachrichtigen. Auch magst Du aus diesen Zeilen die Andeutung herauslesen, daß der Moment zur Anbahnung eines Friedens nicht ungeeignet ist. Nicht, daß wir Dein Handeln nachträglich billigen, nicht, daß wir uns mit dieser Ehe nachträglich einverstanden erklären, aber wir sind geneigt, uns überzeugen zu lassen, daß Du damals mit Deiner Ehre engagiert warst, daß Dein leider zu weiches Herz sich von einem billigen Mitleid überwältigen ließ — Du erklärtest ja ausdrücklich, daß Du nur aus Mitleid ...«

Emmy war es, als erhielte sie von einer unsichtbaren Hand einen Schlag ins Gesicht. Der Brief entglitt ihr. Ihre Brust rang nach Atem, und ihre Hände umtasteten den Hals, als drohte sie zu ersticken. Jetzt meinte sie zu Boden zu schlagen — wankend stürzte sie auf das Sofa zu — und dort, mit einem gellenden Schrei, löste sich die Erstickungsangst.

Lange hielt sie das Antlitz mit den Händen bedeckt; Stirn und Wangen brannten wie nach einem wirklichen Schlag. Sie bebte am ganzen Körper vor Erregung. Immer wieder wiegte sie den Kopf unter den Händen — es ist wohl nicht möglich! — es ist nicht denkbar! Jetzt ließ sie die Hände sinken — ihre Augen stierten leer in der Stube umher — endlich trafen sie das Papier am Boden —

Sie schnellte empor, fuhr auf das Papier hin und raffte es auf — ihre Hände flogen — vor ihren Augen schwirrte es — es gelang ihr nicht, eine Zeile zu verfolgen — ihre Blicke stöberten wie trunken die Buchstaben entlang — endlich! da hatte sie es wieder, das entsetzliche Wort!

»Aus — Mit — leid!«

Langsam und laut kamen die Silben über ihre Lippen. Dann bewegten sie sich stumm — immer die schrecklichen drei Silben — wie ein mächtiger Magnet hielt das Wort ihre Augen gebannt — unmöglich, die Blicke davonzureißen!

Und sie wiegte das Haupt auf und nieder — jetzt schneller: — ja, ja, ja — das ist’s! Es war das Mitleid! Eine ungeheure Helle lohte von dem Worte auf, alles, alles beleuchtend.

Nun knitterte sie das Papier in den Händen zusammen — konvulsivisch, in einem Zornausbruch über sich selbst: — Gott im Himmel, wie konnte sie sich so von Blindheit schlagen lassen! Bedurfte es erst eines Briefes, um sie das Wort lesen zu machen! Deutlich stand es überall geschrieben — jede Sorge des Tages, das ganze Elend ihrer Lage trug die Devise: »Aus Mitleid!«

Ja, aus Magnus’ Augen, aus seiner verkümmerten Miene hätte sie es lesen müssen! —

Nein, nein, das ist nicht wahr! Er liebt sie dennoch! Aber das Mitleid ist stärker gewesen, als die Liebe!

Und in einem gewaltigen Thränenstrom brach der ungeheure Schmerz sich Bahn.

Emmy beschloß zu gehen. Es bedurfte keines Entschlusses — es war so selbstverständlich — das Wort wies ihr gebieterisch die Thüre.

Bald! Heute — nachher — gleich — ehe Magnus zurück ist! Es muß sein!

Wohin? Das ist gleichgültig! Es ist alles ein Nebel, darin sie vorwärts tastet aufs Geratewohl — sie wird auf einen Abgrund stoßen, der so barmherzig ist, sie aufzunehmen — vielleicht trifft sie ein Wasser, das sie mit hinwegreißt und allem ein Ende macht ...

Magnus pflegte einen bestimmten Zug der Stettiner Bahn am Abend zu benutzen. Bis dahin war Zeit, alle Vorbereitungen zu ihrer Flucht zu treffen. Ihr war so elend, sie raffte alle Willenskraft zusammen; mechanisch, in einer Art Betäubung hantierte sie. Es gab viel zu schaffen und zu ordnen. Ein rührendes Pflichtgefühl gebot ihr, nicht vom Posten zu desertieren, ohne diesen blank und in Ordnung zu hinterlassen.

So machte sie sich mit größerer Peinlichkeit als sonst daran, die kleine Wohnung, die die Stätte ihres kurzen Glückes war, in Stand zu setzen. Mit dem Reinigen und Kramen vergingen Stunden. Oft überwältigte sie eine Schwäche infolge der Anstrengung; sie ließ sich nieder, um auszuruhen — dann fühlte sie Thränen in ihren Augen schwellen — sofort machte sie sich wieder auf — zum Weinen und Grübeln ist jetzt keine Zeit! — Thränen machen weich! — sie sollte und durfte in ihrem Entschluß nicht wankend werden!

Dann kam die Stunde, wo sie sonst das Essen zu bereiten begann. Auch das! Wenn er nach Hause käme, sollte er nicht einen kalten Herd und einen leeren Tisch vorfinden. Freilich würde er nichts von der Speise anrühren, wenn sie nicht da wäre — der erste Schreck würde ihn lähmen — dann würde ihn die Angst zur Suche nach ihr aufhetzen.

Eine plötzliche Furcht ergriff sie: — er konnte früher kommen, sie überrumpeln, dann erlahmte ihr die Kraft, das Unselige auszuführen ...

Es war alles fertig, das Fleisch brodelte im Topf, es begann zu dunkeln — jetzt erst gewahrte sie, daß draußen der Schnee heftig stöberte. Das hatte den Tag über angedauert, die Pfade im Garten waren verweht, alles Geräusch von der Straße drang nur gedämpft herüber. Sie schauerte, und ein Gefühl des Frostes überrieselte sie. Hier innen war es warm und behaglich — so traulich dämmerte der gelbe Schein der Lampe — sie mußte an die süßen Stunden der Abendstille denken, wenn die Welt da draußen schwieg und nur ihr Glück hier immer wach war, spät in die Nacht hinein.

Vorüber!

Sie setzte sich an seinen Schreibtisch, um die paar Zeilen des Abschieds an ihn zu schreiben. Er sollte nebst ihnen den Brief des Bruders vorfinden, wenn er käme. Eine gewaltige Erregung kam über sie, und die Feder zitterte in ihrer Hand. Als sie die ersten Zeilen hingeworfen, klingelte es.

Sie erschrak heftig — es war sein Klingeln! Erst ein leises Ticken, um sie vorzubereiten, dann das laute, freudige Signal seiner Ankunft. Auch darin gab sich seine Sorgfalt für sie kund.

Sie knitterte das angefangene Schreiben in die Tasche und eilte, um zu öffnen.

Er war es. Sie prallte zurück, wie vor einem Unerwarteten, Fremden.

»Was ist Dir, Emmy?«

»Ach, Du bist es — ich hatte Dich nicht gleich erkannt ...«

»Puh, ein Wetter —« prustete er, mit den Füßen stapfend. Seine Kleider waren mit Schneeflocken überhaucht.

»Ich bringe eine tüchtige Kälte mit herein — Du hast wohl Angst?« rief er, da sie zögerte, nach ihrer Gewohnheit in seine Arme zu fliegen.

Ach, seine Stimme — seine Augen — seine Nähe! Sie fühlte etwas wanken innerlichst. Sie breitete ihre Arme aus und stürzte in die seinen. In einem Sturm leidenschaftlicher Freude umpreßte er ihre Gestalt. Ihr Kopf wiegte an seiner Schulter: »ach Maggi ... Maggi!«

»Was ist Dir, mein Herz?«

Der seltsam flehende Ton ihrer Stimme machte ihn stutzig.

»Was ist Dir? Bist Du nicht wohl?« fragte er, ihr Köpfchen von seiner Schulter hebend.

»Doch, doch —« nickte sie mit gesenkten Augen.

»Du hast Dich wahrscheinlich wieder zu sehr angestrengt — wie oft habe ich Dich gebeten, das zu unterlassen — Du siehst blaß und verstört aus.«

Sie wollte des Gerichtsvollziehers erwähnen und das als Grund ihres Aussehens anführen. Ah, — er wird genug auszustehen haben — sie will ihn und sich nicht die Stunde dieses Abschiedes durch solche Trivialität vergällen!

»Nichts, Maggi ... es ist das Gewöhnliche, Du weißt.«

Sie litt in letzter Zeit viel an migränehaften Kopfschmerzen.

»Du wirst Dich gleich nach Tisch hinlegen, Du armes Herz! — Können wir bald essen? Ich bringe einen Wolfshunger mit. Ich bin nicht zum Frühstücken gekommen.«

»Das Essen ist bald fertig — Du wirst nasse Füße haben, Maggi —«

»Nun und Du fragst nicht, warum ich so früh komme? — eine gute Nachricht!« rief er in die kleine Küche hinein, wo sie an den Geschirren zu hantieren begann.

»Nun?«

»Die Simbergs haben mir eine Gratifikation zu Weihnachten versprochen. Genug, um manches abzumachen — und es bleibt noch tüchtig für das Christkindchen. Ich freue mich kindisch auf das Fest!«

Und nach einer Pause, da keine Antwort aus der Küche kam: »Nun, freust Du Dich nicht?«

»Herrlich!« rief sie überlaut.

Wenn er geahnt, welch einen Schmerz ihr die Lüge dieses Ausrufes ausgepreßt!

Er erklärte sein frühes Kommen. Es galt eine Arbeit, die Abfassung eines Prospektes, die er dort im Comptoir doch nicht vollendet hätte. Es wäre Arbeit bis spät in die Nacht hinein.

Das war schon einigemal vorgekommen. Während sie drinnen in der Schlafstube schon zu Bette lag, hörte sie dann das Kritzeln seiner Feder vom Schreibtisch her, und der Schein der Lampe, den sie nicht missen wollte, streckte sich wie in hütender Wacht bis zu den Füßen ihres Lagers hin. Und so war sie dann eingedämmert.

Bald saßen sie an dem kleinen Tisch beim einfachen Mahle. Wieder krampfte sie alle Kraft zusammen, um sich unter seinen Blicken aufrecht zu halten. Sie war fahlblaß. Das konnte auch ein Symptom ihres Übelbefindens sein. Jeder Blick, jedes Wort, jede Bewegung von ihm war eine zärtliche Sorge für sie. Einmal flammte eine Röte über ihr Antlitz — es ist eine Lüge: — nicht »aus Mitleid!« — nein aus Liebe! aus Liebe!

Sie wollte es ihn Auge in Auge frei herausfragen; er wäre nicht imstande gewesen zu lügen. Aber das würde nichts bessern an der Lage. In den Augen der andern bleibt die häßliche Devise: »Aus Mitleid!« dennoch bestehen. Nach wie vor bedeutet sie für ihn den Makel! — Fort mit dem Makel!

Er geleitete sie selber hinein in die Schlafstube und bettete sie dort. Sie bestand darauf, sich in den Kleidern zu legen, da sie nachher noch zu thun hätte. Es gab einen kleinen Streit deswegen, und er mußte nachgeben.

Wohl eine Stunde lang lag sie dort wie angekettet durch seine Sorge, die immer wieder herbeischlich, um nach ihr zu sehen. Zu ihren Füßen wachte der Schein von der Lampe her, und sie hörte wie sonst das Kritzeln seiner Feder.

Ihre Gedanken stürmten fiebernd. Sie wird nicht frei kommen — jetzt! Er wird sie nicht einmal bis zur Thür lassen! Also auf morgen! O die unsägliche Qual dieser Nacht, wo jeder Pulsschlag einen Abschied von ihm bedeutet ...

Ihre Augen irrten in der Stube umher. Jetzt huschten sie über das Schränkchen hin. Einzelne Schächtelchen und Medizinflaschen standen dort von ihrer Krankheit her. Warum zuckte sie empor? warum fuhr es wie ein siedender Strom durch ihre Glieder? Und die Augen wie hingebohrt dort auf die Stelle, wo die Fläschchen standen ...

Es war eines darunter, das Morphium enthielt; es hatte ihr oft Linderung gebracht — aber ein gefährliches Ding! — wie vorsichtig waren die Tropfen jedesmal abgezählt worden! Magnus hatte es sogar eine Zeit lang vor ihr verborgen, daß sie nicht einmal in seiner Abwesenheit einen Mißgriff thäte. Deutlich unterschied sie es jetzt unter den anderen Gläsern.

Wie ein Wirbelwind fuhr es durch ihre Gedanken — nur ein Hinhuschen nach dem Schränkchen — ein Griff nach dem Fläschchen — nur ein mutiger Schluck daraus — das ist die Flucht! Weiter kann man nicht fliehen, als dahin! Niemand holt sie zurück von dort — und sie ist dann so sicher vor dem selbsteigenen Gelüst einer Wiederkehr!

Wohin? — Auf einmal weiß sie — wohin!

Und während all ihre Fibern bebten, als wäre dieser Entschluß eine körperliche Erschütterung gewesen — raffte sie dennoch so viel Vorsicht zusammen, um ihm die drei Schritte dorthin zu verheimlichen.

Langsam, langsam erhob sie sich, und zollweise, einem nächtlichen Diebe gleich, rückte sie auf den Strümpfen vorwärts nach dem Schränkchen hin.

Jetzt griff sie nach dem Glas — es gab ein leises Klirren, so bebte ihre Hand.

Sie fühlte, wie sie vor Schreck erblaßte. Sie horchte — nichts als das unermüdliche Kritzeln der Feder und das leise Ticken des treibenden Schnees am Fenster.

Jetzt hielt sie das Fläschchen — wieder wie ein Dieb schlich sie damit gegen das Lager zurück. Dort gegen den Bettpfosten gelehnt, wollte sie es öffnen. Das gelang ihr nicht, der Glasstöpsel hatte sich festgesetzt. Sie drehte und arbeitete daran — umsonst, der Stöpsel rührte sich nicht!

Die Thür ist verriegelt! Als ob Jemand fliehen will — schon hat er die Thür erreicht — wider Erwarten versagt das Schloß ... er ist gefangen!

Eine Verzweiflung bemächtigte sich ihrer, es zuckte in ihr, das Glas an dem Pfosten zu zerschlagen und das kostbare Naß aus den Scherben zu schlürfen. Abermals zerrte sie an dem Stöpsel — ein stöhnender Ruf entfuhr ihren Lippen.

Gleich war Magnus aufgesprungen und auf den Ruf herzugeeilt. Er war noch rechtzeitig da, um sie vor dem Hinstürzen aufzufangen.

»Was ist Dir? warum bist Du aufgestanden ...«

Es war keine Ohnmacht — ihr Atem flog so stürmisch — und sie wehrte seinen Fragen mit heftigem Kopfschütteln.

Er brachte die Lampe herein, da fiel sein Blick auf das Fläschchen, das ihre Hand noch immer umkrallt hielt. Er erkannte es sofort an dem Glasstöpsel.

»Herr des Himmels — was hast Du gethan?«

Er war wie gelähmt vor Schreck. An dem verzweifelten Stieren ihrer Augen, an dem verstörten Ausdruck ihrer erregten Miene erkannte er sofort, daß sie nicht zur Linderung eines Schmerzes danach gegriffen.

»Verzeih ...« stöhnte sie.

Das Wort bestätigte den fürchterlichen Verdacht. Er entriß ihr das Fläschchen, hob es gegen das Licht — sie konnte nicht viel genommen haben. Nun merkte er erst, daß der Stöpsel haftete.

Er stürzte an dem Lager nieder. — »Bist Du von Sinnen —« schrie er — »Du wolltest ...«

Sie nickte. Die unheimliche Energie dieses Nickens lähmte ihm ein weiteres Wort. Entsetzt stierte er sie an.

Sie wies mit der Hand nach dem Papier auf dem Tisch hin.

Er griff danach, flog es durch — schleuderte es hin. Er begriff nicht — offenbar hatte er das verhängnisvolle Wort gar nicht getroffen.

»Du bist krank! Du bist von Sinnen! Du könntest — Du könntest mich verlassen — mich? Hast Du denn kein Mitleid ...«

Das Wort löste die Starrheit. Mit einer stürmischen Bewegung umschlang sie seinen Hals und preßte sein Haupt an das ihre.

Ihr Körper erschütterte unter ihrem heftigen Schluchzen.

»Maggi — o, Maggi — Maggi ...«

Allmählich fand sie außer diesen noch andere Worte. Und schluchzend wie ein Kind beichtete sie ihm alles. Ihr Fluchtversuch, und wie das häßliche Wort sie zu dem unseligen Entschluß getrieben ...

»Wer hat das gesagt?« schnellte er auf.

»In dem Briefe dort stand es.«

Er raffte den Brief auf, suchte, suchte in den Zeilen. Da stand das Wort! Nun loderte es auch ihm wie eine Flamme entgegen.

»Es ist nicht wahr!« rief er schrill, und seine Augen sprühten. — »Glaubst Du es denn, Emmy? Ich bitte Dich, ich beschwöre Dich! — glaubst Du es denn? Konntest Du es glauben?«

Nein, nein, keine Komödie in diesem Augenblick! Kein kindisches Leugnen! Abermals stürzte er vor ihr nieder, das Haupt an ihrer Brust bergend.

»Ich bin feige gewesen, Emmy — verzeih’ Du mir! Ich meinte, uns zu retten mit dem Wort. Hab’ ich nicht gezeigt seitdem, daß es eine Lüge war? — Aber ich will hin! — gleich morgen will ich hin! — will das Wort widerrufen — sie sollen wissen, was es angerichtet! — sie sollen wissen, wie ich Dich liebe! — ach, wie ich Dich liebe! — wie ich Dich liebe!«

»Und dann sollen sie mich zum zweitenmal verstoßen! — bleibst Du mir nicht, Emmy?« —

Lange nachdem saß er noch an ihrem Lager in der Nachtstille, während der Schnee an das Fenster tickte, und horchte auf das Fluten ihres Atems wie damals. Ein tiefer Schlaf hatte sie als Widerspiel nach all der Erregung des Tages übermannt.

Hatte der Tod sie ihm nicht zum zweitenmal geschenkt? Und ein sieghaftes Frohgefühl durchbebte ihn, daß sie ihm nun bleiben würde für immer. —

Herr Köster triumphierte, als er von einer gewissen Rührscene hörte, die am andern Tage in der Villa Joël zu Charlottenburg sich zwischen Vater und Sohn abspielte: »Ich habe es ja gewußt — Sie brauchen uns — sie können ohne uns nicht auskommen!«

Aber Frau Köster glaubte in ihrem Innern noch nicht an eine Versöhnung von Herz zu Herzen — es müßte da erst ein gewisses Kerlchen kommen, »der seinem Großpapa in die Glieder fahren würde«.

Die gute Frau sollte Recht behalten. Als das Kerlchen endlich da war, stellte es sich heraus, daß Großpapa Joël demselben nicht gewachsen war.