Des Kaisers Fünf

»Numero zwei!« sagte mein Vater und tippte mir von hinterrücks mit dem Finger auf die Schulter, während sein Kopf nach dem offenen Fenster hinübernickte, mit einem feinen wetternden, ironischen Ausdruck um die bartlosen Lippen, der mir überhaupt nie gefallen hatte.

Das Fenster unserer gemeinsamen Kontorstube stand auf, und über die im Sonnenduft flimmernden Gärten hinweg kam aus der Ferne in regelmäßigen Pausen ein dumpfer Donnerhall.

»Hm!« nickte ich mißmutig dagegen, nur kurz aufschauend. Es war an diesem Tage wirklich viel zu thun in der Korrespondenz, und ich duckte den Kopf mit emporgezogenen Schultern wieder tiefer auf meine Arbeit nieder. Sehr hübsch und patriotisch von Papa, daß er sich die Zeit nahm und nun halblaut die fernen Kanonenschläge zu zählen begann!

»Das laß ich mir doch gefallen — so ein Prinz Wilhelm! — Nun schon der zweite binnen Jahresfrist!« fing er wieder an, offenbar durch mein gleichgültiges Wesen geärgert. »Bum! Achtzehn — neunzehn! — Wie deutlich man den Schall diesmal vom Lustgarten her vernimmt — zwanzig! — ich dächte im vorigen Jahr, bei dem ersten Prinzen, klang es nicht ganz so klar herüber —ein—und—zwanzig—zwei—und—zwanzig —«

Ja, ich war ärgerlich, ich vermochte nicht in meines Vaters Jubel einzustimmen. War dieser Jubel ein rein sachlicher und die Begeisterung für das kräftige Gedeihen des Hohenzollernstammes nicht etwa absichtlich übertrieben, in Anbetracht seiner sonst so ruhigen und den mancherlei Fährnissen des Lebens gegenüber nicht aus dem Gleichgewicht schlagenden Art? O ich merkte es wohl: es geschah mir zum Tort! — eine herrliche und eindringliche Gelegenheit, mir meine beharrliche Kinderlosigkeit aufzutrumpfen ....

Mir und meinem herzigen, lieben, braven Frauchen, die gewiß ebenso und noch mehr darunter litt, daß sich über unserm Dache immer und immer noch kein Rauschen von Storchesflügeln einfinden wollte. Denn seit vier Jahren harrten wir dieses Rauschens. Und die ganze Familie mit uns. Ich konnte es meinem guten Vater nicht verargen, wenn ihm diese Großpapahoffnung all sein Fühlen und Denken immer eindringlicher und hartnäckiger versetzte. Stand doch auch die Zukunft unseres alten Geschäftshauses in Frage — unser Stamm würde mit Papa und mir aussterben, wenn auch der Name bliebe, denn wir trugen, obgleich in Berlin eingewandert, einen in der Berliner Luft sehr verbreiteten Namen.

Aber was war zu thun? Geduldig weiter zu harren und zu hoffen! Wenn nur nicht der Kummer über das ausbleibende chimärische Glück bedenklich an dem soliden Glücke zu rütteln begonnen hätte, das wir greifbar in den Händen hielten. Diese steten Anspielungen; diese fast brutal offenen Fragen, die an allerlei Gedenktagen herausplatzten; und die Kontrolle, die fast ans Polizeiliche streifende Überwachung der biedern Tanten- und Basenschaft! Zuletzt waren wir beiden unschuldig-schuldigen Verbrecher so argwöhnisch geworden, und überall, in sonst ganz harmlos klingenden Fragen und Bemerkungen, in Blicken und Mienen witterten wir die Anklage.

Z. B. am Neujahrstag. Ist es nicht zum verzweifeln, wenn Papa während unseres gemeinsamen traditionellen Familienfestessens wohl zehnmal die Bemerkung über den Tisch wirft: »Ja, ja, was wird uns das neue Jahr nicht für Überraschungen bringen ....« in allerlei Tonart, murmelnd, schmunzelnd, nachdenklich, dann vom Klang der Gläser begleitet, sogar in einem gewissen energisch ermunternden Ton. Und beileibe nicht aller Augen verstohlen oder offen nach uns beiden hinzielend! Beileibe waren wir ja gar nicht damit gemeint!

Z. B. wenn mein Frauchen ihre Schwiegermama besucht. Die rundliche, kleine, weiche Hand der in allen Dingen maßvollen und durchaus nicht schwiegermütterlichen Dame streichelt sanft, mit linder Zärtlichkeit meiner Frau über das Oval der Wangen, wobei sich die untersetzte Figur etwas herausrecken muß — keine Frage, höchstens ein kaum verlautbares »nun?« Aber Mamas eigenartig grellblaue Augen fragen um so deutlicher, ob es denn noch immer nichts zu beichten gäbe.

Z. B. bei Tante Eckberte. Sie war eine besondere Respektsperson in der Familie, eine alleinstehende Dame von ausgesprochener Erbtantenwürde, auf das vorsichtigste von uns allen behandelt, als wäre sie das kostbarste Porzellan. Sie hatte »das Geld« — als wenn wir nicht alle zur Zufriedenheit davon besäßen! — aber dieses Geld von ihr strahlte etwas wie eine Gloriole aus, in der sich mancherlei Hoffnungen sonnten. Doch schien ihr von uns allen niemand so besonders geeignet oder gar würdig, dereinst nach ihrem Ableben — Gott erhalte sie noch lange! — von solchem Sonnenschein überschüttet zu werden, niemand als das Kommende, sehnsüchtig Erwartete — mochte es auch nur ein Nichtchen sein, denn sie bestand nicht so dringend auf der Fortsetzung des Mannesstammes, einerlei, ihr Vorname würde sich so gut auf ein »er« wie eine »sie« übertragen lassen. Und das war Bedingung, schien sie doch in ihren Namen verliebt: — »nicht wahr, mein Söhnchen,« sagte sie zu mir, »Eckberte ist der schönste Name, ich möchte wohl, daß ihn noch ein anderer in der Familie trüge, ich möchte das wohl noch erleben.«

Und ihre überaus klugen grauen Äuglein glitzerten mit einer gewissen, naiven, verschmitzten Begehrlichkeit dazu.

Ja das war ausgemacht: »wenn« — dann sollte und mußte »es« Eckbert oder Eckberte heißen. Emmy hatte sich lange genug gegen diesen außergewöhnlichen, seltsam stachelichten Namen gesträubt, es hatte sogar Thränen deswegen gegeben, damals, vor Jahren, als unsere Hoffnungen noch nicht mit beharrlicher Enttäuschung vergällt waren. Nun waren wir einig, längst einig über diesen Namen, es fehlte nur noch das Köpfchen dort in jener imaginären Wiege, das ihn uns abnähme ....

Da schien mir doch Onkel Gustavs zutappende Art tausendmal lieber. Er war der Bruder meiner Mutter, ein Major a. D., der seine Muße damit ausfüllte, in seinem Villengarten zu Charlottenburg Rosen zu züchten, sonst aber eine durchaus nicht blütenzarte Persönlichkeit. Also ein energischer Schlag seiner rauhbehaarten Rechten auf meine Schulter: »Na, Alterchen, was machst du? Immer noch nichts zu taufen? Na mach’ doch kein so saures Gesicht! Komm her, wir wollen einmal anstoßen — sollst meinen Neuen kennen lernen, ein Graacher von 76 — hui! (und er stieß einen Pfiff des Entzückens aus) — Prosit also auf Euren Nachexercierer!«

Und nachdem wir von dem wirklich köstlichen Tropfen tüchtig genippt: »Übrigens viel Schererei mit solcher Krabbelgesellschaft!« Er deutete mit einem kräftigen Seufzer auf den jüngsten seiner drei Söhne, die er in der Armee hatte, »ein Schwerenöter, der die Haare auf seines Vaters Kopf nicht verschont mit seiner Schuldenpassion!« Allerdings hatte das leichtlebige Vetterchen auf diesem Boden stark geweidet, nach des Onkels leuchtender Glatze zu urteilen.

»Fünf—und—zwanzig — — sechs—und—zwanzig!« zählte mein Vater weiter, immer schärfer accentuierend. »Ich bin doch neugierig, ob es ein Prinz oder eine Prinzessin wird —«

Ich zuckte stumm die Schultern und fuhr in meiner Arbeit fort. Er wurde immer lebhafter, je mehr die Kanonenschüsse sich der entscheidenden Zahl näherten. »Eine Prinzessin zur Abwechselung wäre auch ganz nett — sieben—und—zwanzig — bum! das war ein gehöriger Knall! — na macht doch vorwärts, da draußen!« rief er nach dem offenen Fenster hin, mit komischer Ungeduld.

Jetzt noch drei, dann zwei Schüsse — »Dreißig!« rief er feierlich. Dann still, erwartungsvolles Schweigen ringsum, selbst das Bienengesumm im Garten schien anzuhalten, um zu lauschen, ob es eine Prinzessin und damit das Freudenschießen zu Ende.

»Bum—mm!« Ein Kanonenschuß, so freudig laut erschallend, daß das Glas dort auf der Wasserkaraffe ein leises Klingeln bekam.

»Bumm!« Mein Vater schlug dabei mit der Hand auf das Pult — »hurrah, ein Prinz! Numero zwei! Famos! Herrlich! — Na, freust du dich denn nicht mit, Junge?«

»Famos, Papa —« drückte ich kleinlaut hervor, mit einem erzwungenen Lächeln.

»Was wird sich der alte Kaiser freuen!« meinte mein Vater.

»Na ob!« erwiderte ich. Diesmal war es doch keine bloße Anspielung von Papa. Welch ein unausstehlicher Egoist bin ich doch, daß ich mich nicht einmal von Herzen zu freuen vermag über fremdes Glück — da es doch sogar ein Kaiserglück ist!

An Arbeiten war nicht mehr zu denken, solange der dumpfe Donner der Kanonenschüsse nun durch die Luft daherrollte. Und es wollte eine Ewigkeit dauern, bis der Prinz seine ihm zustehende Schußzahl erhalten. Oft schienen sich die Schläge zu beeilen, dann kamen wieder um so längere Pausen. Papa zählte nun nicht mehr mit, desto andächtiger lauschte er, und jeder Schuß zitterte wie ein froher Schein über sein Antlitz.

Wie würde er sich erst freuen, »wenn« — ach, dieses »wenn!« Mit einer krampfhaften Anstrengung, der dummen, quälenden, neidischen Anwandlung Herr zu werden, rief ich plötzlich »Neunundsechzig!« und horchte, und zählte weiter — es war das beste!

»O wir sind ja viel weiter,« fiel Papa ein. »Du brauchst keine Sorge zu haben, die dort verzählen sich schon nicht.«

Mein Trotz aber hieß mich weiterzählen, aufs Geratewohl, ins Blaue hinein. Plötzlich hörte das Schießen auf. Wieder die Stille, eine so seltsam feierliche Stille, die allmählich erst wieder von dem vielerlei Tagesgeräusch überdeckt wurde.

Papa nickte mir zu, und ich nickte zurück über das Pult. Dann senkte er den Kopf, um die unterbrochene Arbeit wieder aufzunehmen. Aber ich merkte seinem hastigen Gekritzel an, wie erregt er war. Jetzt schwellte ein Seufzer seine Brust — verriet der nicht nur zu deutlich, welch eine Enttäuschung sich unter all der lauten Freude versteckt gehalten, um nun in der Stille doppelt fühlbar zu werden!

Ich war froh, als der Schlag unseres Regulators mich aus dieser Pein erlöste. Mein gutes Weib ... der Gedanke an sie begleitete mich durch das Gewühl der Straßen. Sie wird die Schüsse ebenfalls vernommen haben — und was hat sie dabei empfunden! Im Grunde eine Thorheit, sich darüber zu grämen — waren wir denn nicht glücklich? lebten wir nicht in Eintracht und Treue?

Aber die Gaukelei dieser hergezauberten Glücksbilder wollte nicht recht wirken hier auf der Straße. Schien es mir doch, als hinge ein verklärender Schein auf all den sonst von Geschäftsnot und erbärmlicher Eigensorge verzerrten oder verhärteten Gesichtern. Sie gedachten des neugeborenen Prinzen .... Zitterte nicht immer noch der Freudendonner durch die blaue Luft? Leuchtete nicht das Grün der Bäume so festlich?

Wie ein körperlich schwerer Schatten fiel es über mich, als ich unsere Hausthür durchschritt und das zum Frösteln kühle Treppenhaus hinanstieg. Es war so still in der Wohnung, und meine Tritte knarrten hart und aufdringlich, aber eine andere Stille als jene voll Freude vibrierende, die dem letzten Kanonenschuß gefolgt.

Emmy erhob sich von ihrem Lieblingsplatze dort in dem von Gewächsen und Blumen gefüllten Erker — führte sie nicht selbst, die Kinderlose, solch eine Art Blumendasein? Ihre Arbeit in der Hand, schwebte sie auf mich zu, mit einem feinen Lächeln des Willkomms; um ihr goldblondes Haar flimmerte das Tageslicht, und ihre großen dunklen Augen strahlten mir entgegen.

»Du kommst heute etwas früher, Kurt?«

Ach, ihre liebe Stimme, die mir wie eine Rührung zum Herzen drang! Und ich umarmte sie lange, länger und inniger als sonst. Als sie ihr Köpfchen von meiner Schulter erhob, glaubte mein argwöhnischer Blick zu bemerken, daß ihre Augenlider gerötet waren — gewiß hatte sie geweint, und — — »deshalb!«

Aber kein Wort davon, bis wir an unserm Mittagstische saßen. Noch nie war mir diese Tafel so ungeheuerlich groß erschienen; die Aussteuer hatte wohl auf ganze Reihen kleiner Gäste gerechnet; wie verloren kamen wir uns vor, wenn wir so die eine Ecke besetzt hielten, und die weiten Flächen des Tischtuches sich in schneeiger Einsamkeit vor uns breiteten — ja heute schien die Tafel sich noch besonders gereckt und gedehnt zu haben.

Ich nahm mir Mut und sprang offen gegen das Thema an: »Du hast doch den Kanonendonner gehört, Emmy, mein Liebling?«

Sie nickte: »Ein Prinz, ich weiß — der erste ist kaum ein Jahr alt —«

Sie gab sich Mühe, die Freude zu heucheln mit ihrem erzwungenen Lächeln. Wie süß sie aussah! wie köstlich sie blühte in ihrer Gesundheit, in ihrer von keinem Hauch getrübten Schöne! Eine Art Zorn flog mich an, und zwischen den Zähnen drängte ein leiser Ruf hervor, der fast wie eine Drohung klang, eine Drohung gegen das Schicksal .... Ich faßte ihre weiße warme Hand und preßte sie: »Na nimm dir es nicht zu Herzen, mein liebes, armes Weibi —«

»Arm« hatte ich sie genannt! Gewiß war sie arm, einsam und arm trotz meiner Liebe — wiesen nicht die Finger der ganzen Verwandtschaft auf diese Armut hin? Das Wort hatte sie getroffen, in ihren Augen schwollen Thränen, und der letzte Zwang des Lächelns verzitterte um ihre Lippen.

Ich war aufgestanden und hielt ihr schluchzendes Köpfchen in meinen Händen: — »Eine Dummheit! Eine Lächerlichkeit! I was werden wir uns das so zu Herzen nehmen! — komm, komm her! — ich hab’ dich lieb, du liebst mich! — wir beide, ach wir beide! — ist das nicht genug?«

Sie wehrte leise, mit einem Wiegen ihres Kopfes, und schluchzend brach ihr lange verhaltener Schmerz hervor. O sie hatte es längst gemerkt, wie sie bei unserer Familie nicht für voll angesehen würde — »deswegen!« Papa und Mama und Tante Eckberte hatten ja nur einen Gedanken — — »den!« Sie wäre ihnen allen die bitterste Enttäuschung! Und es würde nur noch schlimmer werden, je mehr die Aussicht schwände. »Du selbst, Kurt, — du sollst sehn — du selbst wirst mich zuletzt nicht mehr lieb haben!«

»Wa—a—as?!« Ich lachte hell und übertrieben kräftig auf.

»Du bekommst es auch einmal satt, fort und fort auf den Vorwurf bei den Deinen zu stoßen —« schluchzte sie weiter.

»Na, du Närrchen, wer sagt denn, daß wir diesen Vorwurf nicht noch eines Tages tüchtig zu Schanden machen.« Ich zählte ihr verschiedene Fälle aus unserm Bekanntenkreise auf. »Und nun komm! Wir müssen uns selber verlachen wegen unserer Thorheit! Und sag’ einmal, Liebling, Weibi, ist das wohl patriotisch? Geschwind nimm dein Glas! Statt anzustoßen auf das Wohl unseres jüngsten Prinzen, sitzen sie und jammern und verzagen! — da soll doch gleich ....«

Und ich ergriff mein Glas und hielt es gegen das ihre; zögernd nahm sie das, und das anstoßende Krystall gab einen hellen, freudig klingenden Ton.

»So ist’s recht! Und nun kein Wort mehr davon! Ich hab’ dich lieb — du hast mich lieb — von einer Chimäre laß’ ich mir meine Liebe nicht über den Haufen werfen! Auf die Gesundheit also des kleinsten aller Königlichen Hoheiten!«

Durch ihre Thränen lächelte sie innig, während der Wiederschein des goldgelben Rheinweines wie Sonnenlicht über ihre Züge flimmerte. —

Ein Jahr darauf kam ich zufällig über den Opernplatz nach dem Schloß zu, als gegen die Museumsseite des Lustgartens sich Auflauf und Gedräng bemerkbar machte. Was fragte ich noch? — es war jährig! es war wieder Juli! — natürlich ein neuer Prinz! Soeben ist die Artillerie dort am Anfahren, um auch diesem Sproß am kräftigen Hohenzollernstamm den hundertfach dröhnenden Willkommgruß zu entbieten.

Da packte mich ein lächerlicher Zorn. Jetzt ins Kontor? Nimmermehr! Damit mir Papa abermals wie im vorigen Jahr auf die Schulter tippt, mit seinem höhnischen »Numero Drei, mein Junge!« Abermals soll ich die Qual von hundert und ein Kanonendonnern wehrlos ertragen, jeder Schlag eine Mahnung und ein Verweis. Schießt Ihr, so viel Ihr wollt, ich mach’ mich davon ....

Hüpfte also eilends in eine »Erster« und befahl dem Kutscher, die Linden herunter zu jagen — wohin? — nun einerlei, nach dem Tiergarten zu, tief in den Tiergarten hinein! Der Kerl auf dem Bock blickte mich unter dem Lederrand seines Hutes etwas verwundert an: ich wollte mich doch nicht etwa totschießen dort im Gebüsch — und so eilig?

Aber die Kanonenschüsse waren schneller als mein Droschkengaul. Jetzt schütterte der erste Donner durch die Luft. Die Leute auf dem Trottoir blieben stehn und horchten, andere nickten, die wußten schon — wieder breitete sich der freudige Schein über die Gesichter, wieder bekam das Grün der alten Linden ein so festliches Ansehen. Und Schuß auf Schuß mir nachjagend in den Tiergarten hinein, ja dort in der Waldesstille hallte es erst recht deutlich über den Wipfeln. Umsonst dieser Qual zu entfliehen!

Vielleicht war es nur eine Prinzessin, und das Geschieße hatte bald ein Ende. Da wandte mein Kutscher seinen breiten Rücken ein wenig herum und warf über die Schulter die Bemerkung hin: »Is schon wieder’n Prinz — dacht’ ick mir doch!«

»Wieso? haben Sie gezählt?« rief ich dagegen, und meine Stimme mochte wohl die Erregung nicht verbergen.

»Ick wußt’ schon, auch ohne zu zählen — bei’n Prinzen Wilhelm is det schon nich’ anders. Jedet Jahr eene Nummer — lauter Jungens! —«

»Fahren Sie um den See herum zurück!« befahl ich. Hatte ich wohl nötig gehabt, in den Tiergarten zu entfliehen, um mir den Prinzen Wilhelm als ein vorbildliches Muster auftrumpfen zu lassen? Das hätte ich auch im Kontor haben können!

Doch der Schreckliche dort auf dem Bock ließ nicht nach. Der Kanonendonner reizte seinen eignen Vaterstolz; nach einer Pause wandte er sich abermals herum: »Stücker acht hab’ ick och. Nich lauter Jungens, Mächens müssen och sind. Det wird Prinz Wilhelm och insehn dhun, und det nächste Jahr um die Zeit, wann sie wieder knallen, da können se wat mit’s Pulver sparen — nu is en Mächen dran.«

Genug! Welche Aussicht! Ich fürchtete damals, der Mann möchte recht haben mit seiner Prophezeiung der Prinzen-Serie. »Jedet Jahr ene Nummer ....« Jedes Jahr wohl ungefähr um diese Zeit würde ich mir meine eigne Kinderlosigkeit mit Kanonengeknall vorwerfen lassen müssen! Es war zu viel! Ich gab dem Kutscher die Adresse unserer Firma an — ich wollte hin, mich an das Pult setzen und dem Angriff von der anderen Seite energisch stand bieten — ich wollte mir dergleichen Anspielungen und Trümpfe ein für allemal ernstlich verbitten.

Unterwegs aber stellte sich mir immer deutlicher die vorigjährige Scene an unserm Mittagstische dar. Mein armes Weibchen — diesmal würde sie noch ganz anders unter dem alle Poren des Hauses durchdringenden Kanonendonner gelitten haben! Denn die unselige geheime Gegnerschaft, die sich innerhalb meiner Familie gegen sie gebildet hatte, war im Laufe dieses Jahres noch gewachsen. Es klingt grausam, dennoch muß ich die alten Leute nicht ganz ohne Verteidigung lassen. Meines Vaters Stammesbewußtsein litt unter der Aussicht, daß unsere Familie ganz verlöschen müßte; die Firma, die alte, angesehene Firma, die den Wandlungen von Jahrhunderten zu trotzen schien, so fest war sie gegründet, sollte in absehbarer Zeit an andere Namen und Menschen übergehen — die fixe Idee dieser enttäuschten Großvaterhoffnungen war in ihrer Beharrlichkeit wohl erklärlich, mußte sie nicht im Gegenteil immer mehr an Schärfe und Bitternis zunehmen? Die ganze Familie war zuletzt auf diesen Ton gestimmt, die Sticheleien mehrten sich, immer deutlicher die Anspielungen, immer häufiger die Verstimmungen zwischen uns Verbrechern und dem Gros der andern Partei. Unser Argwohn lauerte auf Schritt und Tritt der neuen Demütigung. Ja, als eine andauernde Kränkung empfand es meine gute Frau. Sie hatte recht gehabt: man sah sie nicht für voll an in unserer Familie; allerlei dumme kleine Geschichten, die vor unserer Ehe gespielt und die das entsetzliche liebe Mein und Dein betrafen, wurden ausgekramt, von neuem wurde an ihrer Mitgift gemäkelt und die Standesgemäßheit meiner Heirat, über die der Adel einiger Hunderttausende von Mark zu entscheiden hatte, abermals auf die Wagschale gelegt. Zwar nicht vor unsern Augen, doch der Klatsch wisperte uns dies und das ins Ohr, die Dinge natürlich vergrößernd.

Unsere Besuche hatten sich mehr und mehr auf festliche Gelegenheiten eingeschränkt. Da unterstanden wir aber auch um so erbarmungsloser dem Gemäkel und der Kritik der ganzen Verwandtensippe. Ein böses Wort wurde mir zugeraunt: man hätte sich an maßgebender Stelle geäußert, meine Frau wäre unbedeutend, eine schöne Puppe, die aber nichts bedeutet. —

Emmy war unter der Last ihres Verbrechens immer stiller geworden, sie hatte fast ihre alte herzige Fröhlichkeit eingebüßt, wenigstens ihnen gegenüber. Gewiß lag die Acht meiner Familie wie ein böser Bann auf ihrem Herzen — kein Wunder, daß die Kritik ein wenig recht bekam! Freilich bedeutete sie nichts, da sie der Firma keinen Nachfolger geschenkt — eine Mutter zu sein, ist stets ein Verdienst! »Unbedeutend« — ein schlimmer Hieb für einen Ehemann, der in seiner Frau den Ausbund aller äußeren und seelischen Vorzüge anbetete!

Wie immer blieb etwas von solcher Kritik als ein schmerzlicher Stachel hangen. Auch unser schönes intimes Glück bekam von Zeit zu Zeit einen häßlichen Hauch. Eine bange Ahnung beschlich mich zuweilen: — sollte unserer Liebe und unserm Frieden eine Gefahr drohen? Hatte sie mich nicht vor Jahresfrist gewarnt: »Zuletzt wirst du selbst mich nicht mehr lieb haben, Kurt —«

Eine ungeheure Angst erfaßte mich plötzlich. »Nicht Markgrafenstraße!« rief ich dem Besitzer der Acht, »aber nicht lauter Jungens,« zu. »Fahren Sie Kurfürstenstraße!«

Der lederne Kutscherhut reckte sich kurz auf mit der stummen Bemerkung, was es doch für Käuze gäbe unter den Fahrgästen; dann in einer equipagenmäßigen Kurve lenkte das Gefährte zur Seite, um den Kanal entlang nach meiner Wohnung zu rollen.

Wie ich es geahnt — meine Frau in Thränen! Und welch eine schluchzende Bitternis, die sich weder durch mein ärgerliches und einen Hohn heuchelndes Lachen, noch durch meine Liebkosungen beschwichtigen lassen wollte. Sie mochte kurz vor mir nach Hause gekehrt sein, das Capotehütchen saß ihr noch auf dem Kopf, die Handschuhe lagen in der Hast abgestreift auf dem Teppich. Auf der Straße hatte der Kanonendonner sie wohl überrascht, und all das im Laufe des letzten Jahres angesammelte Leid brach nun in einer Flut von Thränen aus. Aber immerhin eine Lächerlichkeit — Gott wie oft muß man das betonen und beschwören!

Es war etwas anderes, schlimmeres, wie sie mir endlich schluchzend gestand. Sie hatte also ihrer Schwiegermama einen Besuch abgestattet, einen rücksichtsvollen Mußbesuch, den sie der alten Dame längst schuldig gewesen. Auch Tante Eckberte war zufällig anwesend; und dort, mitten in das Gespräch, war der Kanonendonner hineingefahren. Emmy wußte sofort, und das Blut war ihr heiß zu Kopf geströmt. Der Wind mußte so stehn, daß das Gedonner ganz nahe klang — »Der neue Prinz!« rief Mama nach dem dritten Schuß. Tante Eckberte in ihrer nervös beweglichen Art war ans Fenster getrippelt, um nur ja nichts von den kostbaren Tönen zu versäumen — »na aber so was!« kicherte sie wie in kindlicher Freude, und bei den nächsten Schüssen schlug sie die Händchen zusammen vor Entzücken.

»Prinzeß Wilhelm, das ist eine Natur! alle Wetter! (sie scheute sich nicht, ihre innere Kraftart durch ein gelegentliches kleines Flüchlein zu beweisen). Und schon das dritte! Natürlich wieder ein Junge! — die Schüsse klingen schon so, als ob es ein Prinz wäre.«

Jetzt erschien auch Papa in der Thüre. Nur ganz kurz: »N’tag, Emmy, wie geht’s dir?« Und dann gleich losfahrend in seinem auftrumpfenden Enthusiasmus: »Was sagt ihr nun? Nummer drei! Das ist ja wundervoll! — das ist ja geradezu verblüffend! — bumm!«

Darauf eine Pause, während der die drei Alten mit Blicken und Nicken und Ausrufen und signalmäßigen Bewegungen ihr Entzücken austauschten. O ich konnte mir die Scene genau vorstellen, es bedurfte nur Emmys Andeutungen! Hatte sie nicht dort vor ihnen gesessen wie eine eines Verbrechens Angeklagte? Am liebsten wäre sie dem schrecklichen Kanonendonner und den noch schrecklicheren Bemerkungen entflohen, aber ihr Urteil mußte ja doch erst deutlich gesprochen werden!

»Na freust du dich denn nicht auch, Emmy?« fing Mama an.

Gleich nachdem Papa: »Wir werden ja nun wohl verzichten, nicht wahr? — Das Beispiel da zieht eben nicht — na ich weiß, du kannst ja nicht dafür, aber ....«

Was denn »aber«? Nun sie verlangten ja wohl, daß sich das arme Frauchen auch duckte wie eine Verbrecherin — man mochte ihr nicht verzeihen, daß sie ihren Sinn trotzdem stolz und hoch aufrecht hielt, wie es ihrer prächtigen Art entsprach.

Tante Eckberte aber gab den Trumpf: »Ich werde also meinen Namen unbenutzt mit ins Grab nehmen — niemand ist da, der ihn haben will! Wenn mir doch wenigstens der Gefallen geschähe — aber so!«

Dann mit einem listig-anzüglichen Blinzeln ihrer klugen Äuglein, zu Papa gewandt: »Du, Franz, ich habe mich also entschlossen, daß nach meinem Tode der Lützowplatz endlich geräumt wird — ich werde in meinem Testament dafür sorgen.«

Ich kann mir die Wirkung auf meinen Vater und meine Mutter denken. Wie sie in sich zusammensanken vor Schreck und sprachlos das unsichtbare Wort »Testament« anstierten. Tante Eckberte’s Testament — ein Popanz, der von Zeit zu Zeit in unserer Familie auftauchte, um allerlei Verstörungen darin anzurichten. Die schrullenhafte alte Dame gefiel sich darin, da sie diese Wirkung kannte, das Schreckmittel bei angemessenen Gelegenheiten spielen zu lassen. Es gab allerlei Stiftungen und Verwendungsarten, auf die das ominöse Testament hinzielte — »mein Geld will von euch ja keiner! — ja wenn Kurtens (das waren wir) Nachkommen hätten, da braucht’ ich mir nicht meinen alten Kopf zu zerplagen — aber so!«

Diesmal war es also der Lützowplatz. Man kennt diesen Schandfleck Berlins, ein herrlicher, zu einem eleganten Schmuckplatz mitten im vornehmen Westen wie geschaffener Raum, den aber das Besitzrecht eines Finanzkonsortiums in einer allem Geschmack hohnsprechenden Weise ausnutzt, indem es ihn an Kohlenhandlungen vermietet und allerlei hökerhafte Wirtschaften dort duldet. Tante Eckberte war eine Anwohnerin dieses Platzes; gewiß wäre ihr Andenken ein gesegnetes gewesen im ganzen Westen, ja in ganz Berlin, wenn sie dem unausstehlichen Zustand ein Ende gemacht — freilich auf Kosten von uns andern Erbberechtigten.

Es war zu viel! Die Luft war so überladen mit Anzüglichkeitsstoff, und der Schall des Kanonendonners schien die feindliche Stimmung zu vermehren — noch ein paar ähnlich spitzige Bemerkungen, dann fand es Emmy für geratener, das Feld zu räumen. Sie that es mit einem bösen, häßlichen, nicht ganz pietätvollen Wort, das ihnen die unerhörte Grausamkeit vorwarf. Hier erst, im eignen Hause, brach der ganze Jammer los: — ist sie nicht das unglücklichste Weib auf der Welt? Sie will nie wieder das Haus meiner Eltern betreten! Sie hat nun genug all der Kränkung! Und erneutes Weinen und Schluchzen. Vergeblich suchte ich sie zu beschwichtigen: ich wollte mit Papa und Mama ein ernstliches Wort reden — es ist nur die Schrulle! — sie können doch nicht im Ernst ihr und mir ein Verbrechen anrechnen!

»Thun sie aber, Kurt!« schluchzte Emmy. »Es kommt noch viel schlimmer! Sie werden mich ganz verdrängen! Sie werden nicht ruhen, bis ich abgereist bin! Ich bin ja nichts — ich bin keinen Kanonenschuß wert — laß mich — ich will fort — ganz fort von hier — es soll mich niemand wiedersehen!«

Ein Anfall, den ihr meisten von uns Ehemännern wohl kennen möget. Doch kein noch so wohlgemeintes Hohnlachen und keine Zärtlichkeit half dagegen.

Hatte sie mich nicht in dies Verbrechertum gestürzt? Nein, sie wollte nicht schuld sein, daß ich selbst den Herzen der Meinen entfremdet würde! Wenn es so weiter ginge, so liefe ich noch Gefahr, enterbt zu werden, und andere schlimme Dinge.

Ich schlug unsanft genug mit der Hand auf den Tisch, daß die Gegenstände darauf hüpften: »Einerlei, mag kommen, was will — ich geh’ hin! — ich will mich aussprechen! — ich will doch sehn, ob ich dieser Lächerlichkeit nicht Herr werde!«

Eine Stunde darauf befand ich mich im feindlichen Lager, das in großer Erregung war. Emmy hätte sie, die alten Leute, beleidigt.

»Sie wird Abbitte thun deswegen!« fuhr ich heraus — »aber man wird sie nicht ferner quälen! — und mich nicht!«

Wo und wann hätte jemand irgend eine Anspielung gemacht? Ist jemand schuld daran, wenn sich alljährlich Kanonen aufpflanzen, um Prinz Wilhelm einen neuen Jungen anzuschießen? Nie und nirgends wäre auch nur die Spur eines Vorwurfes gefallen — Emmy’s und mein argwöhnischer Sinn sähen Gespenster. Ja, fühlten wir uns denn schuldig? »Enttäuscht sind wir alle ein wenig — aber daran gewöhnt man sich — nicht wahr, Eckbertchen?«

»I, was werdet Ihr Euch echauffieren — deswegen!« meinte Tante listig — »ich kann den Lützowplatz ja immer schon als Kinderspielplatz einrichten lassen inzwischen ....«

Das »inzwischen« brachte uns alle zum Lachen. Sie also hielt an der Hoffnung fest, die gute, brave Polterin — mit dem Lützowplatz war es also nur ein Scherz gewesen! Sie wehrte sich gegen diese Auffassung, aber der Friede war gemacht. Wir wollten uns künftig nicht mehr das Leben verbittern, es sollte keine Anspielung fallen »inzwischen« — nicht einmal, wenn Prinz Wilhelm im nächsten Jahr abermals schießen lassen würde.

»Was unfehlbar eintreffen wird!« rief der unverbesserliche Papa. —

Was aber nicht eintraf, nicht in diesem und nicht im nächstfolgenden Jahre, wie ihr alle wißt. Aber auch die Hoffnung, die von uns wie von der gegnerischen Seite in Tante Eckberte’s bedeutungsvolles »inzwischen« gesetzt worden war, ging ebensowenig in Erfüllung. Weiter warteten wir vergeblich, daß sich das Rauschen von Storchflügeln über unserm Dache vernehmen ließe. Und eine stille Resignation bemächtigte sich unser: sollten wir deshalb mit Harm in die Zukunft schauen, oder uns gar unsere kostbare Liebe gefährden lassen?

Das Verhältnis zu unsern Eltern hatte sich nach jenem Gewitter am Geburtstag Sr. Königlichen Hoheit des Prinzen Adalbert leidlich freundlich gestaltet. Wenigstens im äußeren Verkehr. Eine rührende und thränenreiche Scene schien den unheimlichen Bann gebrochen zu haben, und das Schwiegertöchterchen war zu Gnaden und Frieden aufgenommen worden. War es nicht besser, daß wir gemeinsam an unserer aller großer Enttäuschung trugen und uns gelegentlich in offenen Worten darüber ausließen?

Doch alles das nur ein Waffenstillstand! Von Potsdam her, wo Prinz Wilhelms junges Familienglück eingenistet war, zog ein neues Gewitter gegen uns herauf. Schon im Sommer des Jahres 1886, bei der ersten interessanten Nachricht, die vom Marmorpalais her ins Publikum drang, glaubten wir die Luft vom Kanonendonner erzitternd. O wir hatten uns wohl, auf die längere Pause vertrauend, zu vorzeitig in unsern Frieden gewiegt! Nun brach die alte Unseligkeit von neuem los.

Nicht, daß im gegnerischen Lager auch nur eine Andeutung gefallen wäre, die uns allarmiert hätte. O nein — vollkommenes Schweigen von jetzt ab, eine Art Abkommen, daß von der neuen Prinzenhoffnung kein Spürchen erwähnt werde. Das aber gerade war’s! Gerade in diesem Schweigen ließ sich der gespenstische Kanonendonner um so deutlicher und unheilvoller vernehmen. Er würde gegen den Winter hin immer lauter heraufschwellen — um Ruhe und Gemütlichkeit dieser Saison wäre es geschehen! Wir ahnten, wir wußten, daß eine neue Katastrophe bevorstände. Papa würde nicht an sich halten, und die altjüngferliche Schadenfreude der alten Tante Eckberte, die mit listigem Äugleinzwinkern das Thema an seiner empfindlichsten Stelle anfassen würde! Welch neue Qualen standen uns bevor!

Nervös — nun ja, wir schwelgten beide förmlich in dieser Modekrankheit, und sie verbitterte uns unser schönes, stilles, heiteres Eheglück. Zum Teufel! wegen einiger Dutzend Kanonenschüsse, die in vielen Wochen vom Lustgarten heraufdonnern sollten ... Wir waren närrisch! ach, wir waren damals durchaus keine Helden!

Und diesmal mitten im Winter! Im Sommer hätte man dem Geknall entfliehen können und der unausbleiblichen Katastrophe im Elternhaus. Wir hätten uns durch Berge und Wälder dagegen schützen können; nun aber galt es auszuharren und die Narretei nicht gar zu weit zu treiben.

Ach, auszuharren! Zufällig fiel meine offenbare und vom Arzt beglaubigte Nervosität mit einer gewissen Krisis zusammen, die über unserm Geschäftsverkehre wetterleuchtete. Papa und ich, wir vermochten uns diesmal nicht wie sonst immer über die einzuschlagenden Maßnahmen zu einigen. Diesmal war er es, der gewisse kostspielige Neuerungen vertrat, während ich in hartnäckigem Eigensinn meine Hand zu solchen Extravaganzen, wie ich es nannte, nicht bieten wollte. Da gab es Streit und Widerstreit und heftige Erörterungen von einer Seite unseres gemeinsamen Doppelpultes zur anderen. Und über all dem Zwiespalt das unheimliche Kanonendonnern, das näher und näher rückte.

Zuletzt eine Explosion! Aus einem mißstimmigen Schweigen platzte Papa eines Morgens plötzlich hervor: »Ich weiß wirklich nicht, Söhnchen, für wen du, gerade du sparen willst —« (das »du« doppelt und dreifach unterstrichen!) und einen gewissen zwinkernden Seitenblick des mit kurzen, grauen, borstigen Härchen bedeckten Kopfes nach mir hinüber; ein gewisses spöttisches Zucken um die bartlosen, aber stets glänzend glatt rasierten Lippen, dazu das dreifach unterstrichene »du!« Es brachte mich außer mir, und innerlich schnellte etwas in mir auf.

»Das brauchst du mir nicht gerade heute vorzuhalten, Papa —« drückte ich mit einer Anstrengung, ruhig zu bleiben, mühsam genug hervor. »Ich dächte, das hätte noch Zeit bis zum Januar —«

»Wieso Januar — was meinst du damit?«

O, er verstand durchaus nicht! Er hatte ja beileibe keine Anspielung »darauf« gemacht!

»Na, zum Januar ist das Schießen wieder fällig, da kann es ja von neuem über uns losgehen, über mich und meine Frau —«

»Höre Kurt, du bist krank, du siehst Gespenster — das verbitte ich mir, daß du unser Gerechtigkeitsgefühl antastest! Ist die ganze Zeit über auch nur ein Wort gefallen — darüber?«

»Allerdings nicht — kein Wort! Aber eure Mienen — euer Schweigen! Meinst du, wir wären blind und taub?«

»Na, nun soll doch gleich —« und mein Vater schlug mit aufbrausendem Erstaunen auf einen Pack Papiere, daß es einen klatschenden Lärm gab.

»Hör’ mal, du bist krank, du bist — du bist —« und das richtige, dazu passende Wort abwehrend, fuchtelte seine flache Hand in der Luft.

»Na, sag’ es nur gleich heraus, was du meinst, Vater. Gewiß bin ich im Begriff — das zu werden! Und wer ist daran schuld? — Ihr! Ihr! — Ihr!«

»Da soll aber doch gleich —« der Alte sprang von seinem Drehschemel, kletterte mit hilflosen Gebärden wieder darauf, schlang seine Beine um das Schemelbein und schnappte nach Luft — »wir sollen schuld daran sein, wa—a—as?«

Und ein Staccato von heisern, kichernden Lachtönen.

»Nächstens könnt Ihr es uns ja wieder auftrumpfen,« zischelte ich — »nächstens läßt Prinz Wilhelm ja wieder schießen —«

»Und wir werden uns von Herzen darüber freuen! Das ist gute Preußenpflicht! Am Ende gar ist Sr. Königliche Hoheit Prinz Wilhelm schuld daran — die Geschichte wird immer besser! — hör’ mal, wenn du solche Angst vor dem Freudenschießen hast, so mach’ dich doch davon! Eine kleine Luftveränderung würde deinen Nerven gut thun.«

»Thu’ ich auch! Wird sie auch!« rief ich in sprühender Erregtheit, und mit einem lautschallenden Puff schlug ich das große Buch vor mir zu; von dem Winde wirbelten einige lose Blätter in der Stube umher.

»Deine Neuerungen mach’ ich ohnedies nicht mit, Vater! Such’ dir einen andern Beirat!«

Noch ein paar aufprallende Redensarten hin und her. Und ein scharfes, spitziges Wort, mein armes Weib betreffend, eine Grausamkeit, die ich Papa nie und nie zugetraut — dann war es genug! Ich verließ das Pult und die Stube, um für lange Zeit, vielleicht für immer, nicht mehr dorthin zurückzukehren. Alle Vermittelungsversuche von Mama und Tante scheiterten an meinem harten Sinn. »Luftveränderung — nun gut — Ihr sollt sie haben — wir reisen also!«

Übrigens hatten wir ja darin eine Unterstützung durch den Arzt, der längst schon einen, wenn auch nur kurzen Ortswechsel für »unsere Nervosität« in Vorschlag gebracht. Auf also und fort! — glaubt ihr wohl, daß ich närrisch genug war damals, mich wie ein Kind zu freuen, weil ich auf irgend eine Weise von dem Kanonendonner des neuen Prinzen erlöst sein sollte?

Und wir flohen, weit, recht weit, bis jenseits des Meeres, bis an den Rand der Wüste — mochten sie nun donnern, soviel sie wollten am Lustgarten, wir waren in Sicherheit!

Dennoch sollten wir auch in solcher Ferne nicht ganz verschont bleiben. Die unseligen Telegraphen und ihre meerdurchspannenden Kabel! Es war am Abend des 29. Januar 1887; wir waren gerade von einem Ausflug nach den Pyramiden zu unserm vorzüglichen Hotel Shepherd in Kairo zurückgekehrt, als das bedeutungsvolle Telegramm mitten in die Table d’hôte einschlug. Natürlich ein Anlaß für feierfrohe Deutsche, die Sektgläser schäumen zu lassen! Welch eine Ironie: wir, die wir mitten darunter saßen und uns nicht auszuschließen vermochten und gezwungen waren, mit unsern Gläsern einzustimmen in den patriotischen Jubel: — »Hoch der neue Prinz!« Und welch eine schalkige Stimmung: »Hurrah, die Nummer 4! Hurrah das drittel Dutzend junger Hohenzollern!«

Am Spätabend jedoch, nachdem wir wider Willen mitgelacht und mitgejubelt in der mutwillig heiteren Gesellschaft, gab es im Hotel Shepherd auf einem gewissen Zimmer eine seltsam stumme Rührungsscene zwischen zwei gewissen Ehegatten. Kein Wort über die Nummer 4 — keinerlei Anspielung, nur ein langes, lautloses Umarmen: schämten sie sich nicht ein wenig die beiden Leutchen, ob ihres Kleinmutes, ihrer Narretei, ob ihrer lächerlichen Flucht ...

Wie mochten wohl unsere Alten da oben in Berlin das Ereignis verbracht haben? Der Gedanke daran fiel mir schwer aufs Herz. War es nicht das einfachste, den Groll und Zwist hier im Wüstensande zu begraben und die Rückreise anzutreten? — Damit uns binnen Jahresfrist der Kanonendonner von Numero 5 aufs neue davonjagte ....

Nein, meine Nerven waren noch lange nicht wieder in Ordnung! Und mein Starrsinn nahm also die Gelegenheit wahr, eine sehr günstige Stellung, die sich mir bei einer großen Handelsgesellschaft in Alexandrien bot, nicht auszuschlagen. Wer weiß, was sich vielleicht in Jahr und Tag geändert haben würde!

Freilich gab es gewaltige Änderungen droben in der Heimat. Über dem Hohenzollernhause zog sich das verhängnisvolle Wolkendunkel zusammen; in banger Erwartung, zwischen Furcht und Hoffnung, lauschten die Herzen aller Deutschen nach San Remo hinüber, wo sich die grausam bittere Tragödie des edlen fürstlichen Dulders abspielte. Wer dachte an eignes oder eigengemachtes Leid vor solchem, ganz Deutschland bewegenden Schmerz?

Dann senkten sich die Fahnen Europas, ja der ganzen zivilisierten Welt, über dem Grabe des greisen Heldenkaisers. Dann setzte sich Kaiser Friedrich die Dornenkrone aufs Haupt, und Tropfen für Tropfen sahen wir das Blut rinnen über das blasse Märtyrerantlitz, bis die grausam bittere Tragödie ihren Abschluß fand in der stillen, grünumschatteten Friedenskirche zu Potsdam.

Heil Wilhelms II. jungstrotzender Kaiserkraft! Hei, wie sie sich in den Sattel schwang! Wie sie alle, auch die Widerspenstischsten in ihren Bann zwang, nach neuen wetterumleuchteten Zielen aufwärts!

Und hinweg mit dem pietätlos lächerlichen Groll, der mich Kinderlosen gegen das üppig sprossende Hohenzollernglück geplagt! Vier Buben, ei und das Sprossen am alten Königsstamme will noch lange kein Ende nehmen. — giebt es nicht zum Juli abermals ein neues Prinzenschießen?

Wie wäre es, wenn wir der egyptischen Komödie ein Ende machten und unserm Heimweh nachgäben und alles zum Alten kehrten? Nur die Nervosität vor dem Kanonendonner, die wollten wir im Wüstensande begraben.

Noch gab es ein Schwanken, als eines Tages ein abermaliges langes und stilles Umarmen stattfand zwischen zwei gewissen Leutchen. Nicht ganz stumm: — ein paar zögernd hingehauchte, bebend schämige Worte von den Lippen des jungen Weibes, das seine glühende Stirn an dem bärtigen Halse des Gatten barg ...

»Was?! — Nicht möglich! — Wirklich!? Ach, du Liebe, Liebe, Einzige!« Und ich in der Stube wie närrisch umherjubeln, und mich nicht mehr lassen können vor unbändiger Freude — wißt ihr, es ging nun ins siebente Jahr, daß wir vergeblich — »darauf« geharrt!

Es war am Mittag des 27. Juli, als ich, von der Anhalter Bahn kommend, mit meiner Droschke die Friedrichsstraße entlang fuhr; hatte ich es doch recht eilig gehabt mit meiner Heimfahrt. Plötzlich, im lärmenden Geräusch, hallte ein dumpfdröhnender Ton von fernher. Die Leute auf dem Trottoir hielten an und horchten — Fenster öffneten sich, über die Gesichter flog jener fröhliche Sonnenschein. Mein Kutscher wandte sich langsam herum, wies mit der Peitsche nach der Gegend des Kanonenhalles und meinte phlegmatisch wie sein Vorgänger damals: — »Wird wohl Numero fünfe sind!«

»Fahren Sie so fix als möglich!« rief ich dem Manne erregt zu. Als wenn sie zu schnell hintereinander knallen könnten und ich die Schwelle des Elternhauses nicht erreichte, ehe das Schießen zu Ende; — aber es würden wohl 101 Schüsse werden!

Unter dem Donner eines seltsam lauten Kanonenschusses stürmte ich in unsere Kontorstube. Wie verstört erhob sich meines Vaters Antlitz aus den stützenden Händen, und seine blinzelnden Augen starrten mich an wie eine Erscheinung.

»Papa — t’ag Papa! Ich bin’s! Ja, und mit was für einer Botschaft!«

Wir lagen uns schluchzend in den Armen — bis wieder ein Donner dazwischen fuhr. Ich riß mich los:

»Siehst du, Papa, deswegen bin ich gekommen! Ich habe mich geeilt genug! — Herrjeh, was bin ich gefahren! Ich wollte nicht, daß du das Schießen ohne mich anhörtest. Bumm! Auch für mich und für uns alle! So Gott will, schenken wir euch im nächsten Jahr auch einen Prinzen. Und nun verzeih’ mir alles Böse — all das Hohenzollernglück war schuld daran ...«

Abermaliges Umarmen, und das Gedonner von »Numero fünf«, das unsere rührenden Auseinandersetzungen begleitete. —

Im Herbst desselben Jahres schlenderte ich eines Abends mit meinem Weibe durch die Leipzigerstraße. Vor einem bekannten Bilderladen staute sich eine gaffende Menge; Rufe des Entzückens aus Frauenmund, und ein Herr rief ein kräftiges »famos!«

Wir drängten uns heran und, zwischen den Schultern der Gaffenden hindurch, gewahrten wir endlich den Gegenstand der entzückten Neugierde. Es war eine Photographie in Kabinettsformat, von dem grellen, hellgelben Gaslichte scharf beleuchtet, jenes seitdem so volkstümliche Gruppenbild, das die hohe Frau und Mutter mit ihren fünf kaiserlichen Knaben darstellt.

»Des Kaisers Fünf — —« stammelte ich, und mein Weib schmiegte ihren Arm inniger und fester in den meinen.

Ich weiß nicht, ob es auch ihr so geschah? — als wir uns endlich von dem Anblick des wunderhaften Bildes losgerissen und nun auf dem Trottoir weiterschritten, war vor meinen Augen ein so seltsames Flimmern und Schwanken — die Menschen, der Schein der Läden, die Laternen, alles in einer feuchten Unsicherheit verschwimmend ....

Der
Friedensschluss

»Nein —« kam es über ihre Lippen, nur ein flüsternder Hauch.

Sie meinte das Wort laut hallen zu hören durch die Weite des Salons, und nun harrte sie, was darauf folgen würde, innerlich erbebend, während ihr Antlitz starr, ohne eine Spur der Erregung, auf die Flackerglut des Kaminfeuers gerichtet blieb.

Aber das prasselnde Getös dieses Feuers, von den durch den Schlot herabfauchenden Windstößen erregt, hatte das Wort verschlungen; im wütenden Ungestüm prallte der Sturm gegen die breiten Scheibenflächen des Erkervorbaues; irgendwo an der Außenseite girrte etwas Losgerissenes; auf dem Korridor schlug eine Thür donnernd ins Schloß: wie sich für uns mauervergrabene Städter der Frühling anzukündigen pflegt.

»Nein —« Der Mann, der den Raum in der Länge mit seinen wuchtig aufsetzenden Schritten maß, hatte das Wort nicht vernommen, so sehr der dicke Smyrna die Tritte dämpfte. Aber er wußte, daß es kommen würde, er fürchtete: — bedeutete es nicht wie einen Axthieb, der das Glück ihres Kindes jäh daniederschlagen würde? Denn gegen dieses »Nein,« gerade gegen dieses, gäbe es keinen Widerstand.

Er war ein Fünfziger, von straff aufrechter Haltung und bestimmt abgegrenzten Bewegungen; Gepräge und Ausdruck seines Gesichtes, der gepflegte und energische dunkelgraue Schnurrbart bei sonstiger Wangenglätte, das eigenartig anliegende und uniformsmäßig Zugeknöpfte seines Anzugs konnten auf den Militär schließen lassen; doch diese Augen schienen in dem Lampenschein nächtlicher Aktenarbeit erbleicht, es fehlte ihnen der falkenartige, scharf zufassende Blick, wie ihn beim Soldaten der stete Umgang mit vielen Menschen und die Notwendigkeit schnellen Entschlusses auszubilden pflegen.

Jedesmal, wenn der Wirkliche Geheime und Vortragende Rat von Wussow von dem Erker aus nach dem Kamin zuschritt, aus der wechselnden Tageshelle des stürmischen Aprilnachmittags nach dem durch die roten Huschlichter phantastisch erleuchteten Hintergrund, wobei er gewisse Umwege um einzelne der vielen in dem Raum verteilten Sessel machen mußte, ruhte sein sorgenvoll erwartender Blick auf der Gestalt seines Weibes. Es war wie ein erbarmendes Umhüllen: — oh, er hätte ihr das wohl ersparen mögen! Er wußte, was ihr Mutterherz litt und kämpfte in dieser Stunde. Er verstand das »nein,« das sich immer wieder bis zu ihren Lippen rang, um von neuem unterdrückt zu werden.

Es war die Rasse, die Herkunft, die Leidenschaft, der verhängnisvolle Drang der Umstände, die ihr die Weigerung auspreßten. Vergebens wehrte sich die andre Macht, die Mutterliebe, dagegen. Oh, wohl hätte er ihr den Auskampf dieses Zwiespalts ersparen mögen ... sie, die geborene Französin, die ihrem Gatten, dem Deutschen, dem von ihrer Nation heiß gehaßten Preußen, in die Ehe gefolgt war, sich selbst verbannend aus ihrem Vaterlande, von den Ihren mit dem Fluch völligen Schweigens belastet, zwanzig Jahre hindurch — sie also sollte ihr Jawort geben, daß ihre Tochter einen preußischen Offizier heiratete! Das war zuviel! Dagegen bäumte sich ihr Franzosenstolz. Nimmermehr! — Vieles hatte sie erduldet, manche geheime Demütigung um des geliebten Mannes willen. Aber ihr eignes Kind, das Blut ihres Blutes, an einen »prussien« in Uniform auszuliefern, die Wiederholung ihres eignen Verbrechens — nein, das nicht!

Sie saß auf einem Sessel vor der Mitte des Kamins, ihre Füße, die in ausgeschnittenen Lackschuhen staken, auf das vergoldete Bronzegitter gestemmt, die Arme flach über die Kniee gestreckt, mit gefalteten Händen; es war mehr als ein Falten, ein konvulsivisches Ineinanderklammern der länglichen Finger, der Ausdruck ihres innern Kampfes, ja wie ein Beschwören: man möchte Erbarmen mit ihr haben und ihr das verhängnisvolle »Nein« ersparen. Aber der Oberkörper ohne Anlehnung, hoch aufrecht, in seiner schlank-stolzen Haltung, die ihr zu eigen war, den Kopf unmerklich zur Seite geneigt, eine leichte und graziös erscheinende Milderung jener etwas an das Unnahbare gemahnenden Haltung. Die Glut flackerte über ihr Antlitz und belebte seine starre Verlorenheit. Es war ein feines Oval mit etwas nervös ausgeprägten Zügen, von einem großen Augenpaar beherrscht; graubraune Pupillen, jetzt unruhig erglänzend von der Erregung, wie von dem Wiederschein des Flammenspiels, im Schatten der langen, dichten, aufgebogenen Wimpern; die Lippen, ohnedies schmal und von energischer Zeichnung, fest eingepreßt, mit leicht herabgezogenen Winkeln, wo der Hauch eines für Rassefranzösinnen unerläßlichen Flaums angedeutet war. Ihr mattes, glanzloses Haar war in einem kunstlosen Knoten am Hinterkopf aufgeschlungen, mit einer reizvollen Schwere auf den Nacken herablastend; die in Scheitel geteilten Stirnbanden zeigten einzelne graue Fäden, den Tribut an ihre ungeleugneten Vierzig.

Jetzt blieb der Schreitende in der Mitte des Raumes halten und sagte in sanftgedämpftem Tone: »Du sollst dich frei entschließen, Leonie — deinem Herzen soll keine Gewalt angethan werden —«

Es geschah auf französisch, wie die Gatten oft, besonders in der Intimität häuslicher Sorgen, in dieser Sprache zu verkehren pflegten. Diesmal mochte deren Anwendung überdies noch eine Konzession an die Französin bedeuten: — würde das Opfer, das man von ihr verlangte, in rauhe, deutsche Barbarenworte gefaßt (Leonies scherzhafte Bezeichnung) nicht um so brutaler erscheinen?

Keine Antwort vom Kamin her; nur das wie zornig aufgeregte Prasselgetös der Flammen. Und er fuhr fort, die Stimme zu noch größerer Schonung zwingend: »Ich möchte nur in aller Ruhe rekapitulieren. Du sollst dich entscheiden, wann du willst, wie du willst — wir werden dir nicht grollen — wir begreifen — auch Mariot wird verstehen, wenn auch nicht gleich — sie wird deine Gegengründe langsam, allmählich fassen lernen, obgleich es schwer sein mag für ihr blutjunges Herz —«

Er meinte ein Stöhnen vom Kamin her zu vernehmen — wohl auch nur eine Wirkung der Flammen, als wenn menschliche Stimmen jammerten; hie und da gab es in dem jungen Holz plötzliche Explosionen, wie das Aufpuffen von Schüssen. Sie saß immer noch regungslos, in das Geloder starrend, nicht ein Wimperschlag; das, was lebte in ihrem Antlitz, war das Lichter- und Schattenspiel des Feuers. Vielleicht hörte sie nicht einmal?

»Léonie — ma chérie —«

Er trat an ihren Sessel heran, die Hand auf die Rückenlehne stützend. Eine plötzliche Dunkelheit verfinsterte den Raum, wohl eine mit Schloßen überladene Wolke, die aus Südwest herangejagt war, eine gewitterartig unheimliche Stimmung verbreitend; die Scheine und Lichter des Feuers zuckten und züngelten jetzt über die ganze Zimmerweite hin, die Kanten der Bilder und Möbel anfachend, und die vielen eleganten Sächelchen und Japonerien, welche die Liebhaberei der Französin auf allen Tischen und Konsolen angehäuft, mit glitzernden und funkelnden Reflexen belebend, bis in das kleine originelle Bibelot-Museum des Erkers hinein.

»Machst du mir einen Vorwurf, daß ich ihm überhaupt unser Haus öffnete?« begann er von neuem, »dem Sohn eines alten, liebwerten Kollegen, in dessen Elternhaus in Königsberg ich so viel Liebes genossen. Hätten wir bei unsrer weitreichenden Gastlichkeit ihm unsre Thür verschließen sollen? Gerade ihm — seiner Uniform, da wir andre bunte Röcke genug an unserm Tische sehen: — eine Berliner Geselligkeit ohne zweierlei Tuch, ich bitte dich! Du hattest dich daran gewöhnt, du warst und bist meine tapfre Leonie! Aber gerade ihn auszuschließen, der unter all der schneidigen Buntheit die Elite vorstellt, einen Generalstäbler in seinen Jahren! — Das verstehst du nicht so, aber ich versichere dich, er hat die glänzendste Zukunft, er wird Karriere machen — die alten Tüchtigen treten ab, den jungen Tüchtigen gehört die Bahn —«

»Ich achte ihn, ich ahne und schätze seine Tüchtigkeit —« erwiderte sie zögernd, mit ihrer vom geheimen Weh verschleierten Stimme, ohne den Kopf nach ihrem Gatten aufzuwenden, die Augen wie fasziniert von der Flammenhelle. »Ich habe ihn lieb, er ist mir so sympathisch wie irgend jemand von ihnen allen — ich — ich —«

Sie schüttelte die zusammengefalteten Hände, die sie nicht gelöst hatte, gegen das Feuer hin, daß die Ringe aufblitzten. »Ah!« entfuhr es ihr laut und ächzend, wie in einer Verzweiflung.

»Quäle dich nicht —« beruhigte er. »Ich versichere dich nochmals, wir verstehen! Alle begreifen wir es; niemand, der dir deinen Widerstand als Verbrechen anrechnet, niemand! — Mariot freilich — nein, aber auch sie, auch sie nicht!«

»Mein armes, armes Kind —« flüsterte sie dumpf. »Jetzt soll sie für das Verbrechen ihrer noch ärmeren Mama büßen — O Gott!«

»Wir wollen es nicht so tragisch nehmen. Das bischen Uniform — sollten wir nicht darüber hinwegkommen? Oder hast du dich verschworen, (er wollte es mit einem leichten Scherzton versuchen) sie, unsre Einzige, nur an einen Spanier, oder an einen Brasilianer, etwas, das möglichst wenig preußisch ist, wegzugeben, wenn dich das Preußentuch so empört —«

»Ich kann nicht! — ich darf nicht! — ich bin es meinem alten Vater schuldig! — genug, daß seine Tochter das Verbrechen — pardon! — das Verbrechen begangen! — und nun seine Enkelin — das ist zuviel! — Ich, ich zähle nicht — aber die Meinen! Ich hoffe auf eine Versöhnung — seit zwanzig Jahren — seit jenem unseligen Frankfurter Frieden harre ich darauf — es hieße diese Hoffnung kurz abschneiden — für immer ...«

Sie hob die zusammengefalteten Hände gegen das Antlitz und bedeckte die Augen mit den geöffneten Flächen. Abermals entfuhr ihr ein quälender Ächzton.

Er fühlte, daß es grausam wäre, sie jetzt in dieser Stunde mit weiteren Argumenten zu bedrängen. Sie würde sich beruhigen. Dergleichen Krisen kannte er, und er achtete sie. Hätte sie leichtsinniger und banaler das Los ihrer Verbannung tragen sollen, da sie sich doch aus freiem Entschluß in solche begeben? Hätte sie den dünnen Hoffnungsfaden, der sie an die Ihrigen und an ihr Vaterland band, mit einem trotzig herausfordernden Ruck zerreißen sollen? Achtung vor ihrer starken Heimatliebe, der wir Deutschen doch nacheifern sollten! Pietät vor dem bittern Kampf, den ihr Herz auszufechten im Begriff ist! — Übrigens, keine drohende Lebensfrage, die Liebe einer achtzehnjährigen Geheimratstochter zu einem jungen und stattlichen Hauptmann! — und er lieh diesem Troste sogar offenen Ausdruck in Form einer Selbstanklage:

»Wir hätten es freilich nicht so weit kommen lassen sollen. Wir waren blind. Ich sage wir — was sehen wir Väter zumal? Aber du, Leonie! Sahst du denn nicht? Musik ist stets gefährlich; auf solchem vierhändigen Tönespiel vergaukeln sich die Herzen. — Du hast überhaupt wohl nicht mit einem deutschen Mädchenherzen gerechnet? Bei euch giebt es keine sogenannte Mädchenliebe, nach euern Romançiers zu urteilen, ich weiß nicht. Du warst eine hochromantische Ausnahme. Sie ist eben die Tochter ihrer Mutter, sie hat von dir das französische Temperament. — Sie thut mir leid, er ebenso — sie lieben sich, diese leichtsinnigen Herrschaften? Es ist mehr als ein gesellschaftlicher Flirt. Daß ich so blind war, daß du mich nicht warntest! — Welch eine Überrumpelung, als Herr von Werthern sich vor einer Stunde bei mir anmelden ließ und in seiner famosen Art, die stets weiß, was sie will, um Mariots Hand bat! Keine Spur einer Besorgnis, daß er auf eine Weigerung stoßen könnte — die Siegesgewißheit seines militärischen Erfolges! Die beiden Leutchen sind eben einig —«

»Oh!« fuhr sie mit einem leisen Ton der Entrüstung auf.

»Bei euch in Frankreich, Léonie, gilt dergleichen als eine Ungeheuerlichkeit. Sie werden sich gestern abend auf dem Balle ausgesprochen haben; er gestand es selber.«

»Laß mich mit ihm reden, Adolf! Laß mich! Ich werde ihm alles erklären. Er ist loyal. Er wird mich verstehen — er wird — er muß —«

»Und Mariot? — Du kannst versichert sein, daß sie unter Thränen erklären wird, nicht leben zu wollen, wenn wir nicht .... Nun, auch das wird sich geben! Aber sei darauf gefaßt, sie hat ganz das Temperament ihrer Mutter. Verschworst du dich nicht auch desgleichen, damals?«

Er schwieg und begann von neuem auf und ab zu schreiten, ihre Gestalt und jede ihrer Bewegungen belauernd. Jetzt öffnete sich die Wolkenschleuse, dichte Schloßenmassen schütteten hernieder und schlugen mit scharfem Trommelgetön gegen die Scheiben; die ganze Luft von einem gewaltigen Rauschen erfüllt. Es war fast Nacht; das Reich gehörte den Kaminflammen. Doch achteten sie beide nicht des Unwetters. Ihre Arme waren mit gelösten Händen herabgesunken, das sah fast aus wie Ergebung, doch ihr Kopf schien sich um so energischer aufgeregt zu haben, und die Augen starrten wieder ins Feuer, ohne einen Wimperschlag. Ein rotglühender Schein übergoß Gestalt und Gesicht, die Umrisse des Kopfes hoben sich, von der Fensterseite gesehen, scharfgezeichnet gegen die Helle ab, ein eigenartig effektvolles Bildnis — hatte er dergleichen nicht schon einmal gesehen? Oh, es lebte in seinem Gedächtnis wie eingebrannt, jenes andre, seltsam Gleiche! Ihre Gestalt wie heute, von dem grellen Flammenschein überloht, dieselbe stolze Haltung, dasselbe Starren der wundervoll großen Augen. Nur, daß jener Schein dem brodelnden Glutrachen einer Lokomotivesse entfachte und daß, statt der Geborgenheit vor den Schloßen da draußen, wirbelnder Schneesturm des Winters von Anno 70 sie umbrandete, während er mit ihr auf der Lokomotive durch die Nacht daherfuhr ....

Ein Stück wildpoetischer Romantik in dem gewaltigen, männermordenden Drama des deutsch-französischen Krieges. Es war in jenen letzten Novembertagen, da der Kampf um den Besitz von Orleans tobte, das wichtige, strategische Bollwerk, an dem der Glaube an die Befreiung Frankreichs zäh angeklammert haftete, auch noch nach den Niederlagen von Beaune la Rolande und Loigny, die dem Vormarsch der Loire-Armee unter Aurelle de Paladines ein energisches Halt geboten und die zähen Verzweiflungsschlachten um Orleans am 2. und 5. Dezember einleiteten. Es war am Abend des 30. November, als der damalige Reservelieutenant in einem holsteinischen Regiment, von Wussow, den Auftrag erhielt, wichtige und eilige Ordres von seiten seines Korpskommandos nach den Vorposten zu befördern; da die Telegraphenleitungen gekappt waren und nicht spielten, und ein Depeschenritt durch das unsichere, von feindlichen Rächerbanden bedrohte Land nicht ratsam schien, so wurde eine Lokomotive zur Beförderung gewählt. Die Rekognoszierung hatte zwar eine Fahrbarkeit der betreffenden von Eisenbahnabteilungen wiederhergestellten Linie ergeben, doch mußte man auch hier auf rächerische Tücken seitens der Bevölkerung gefaßt sein; die Fahrt war um so mehr nicht ungefährlich, als man sie ohne die Sicherung durch Telegraphen und bei völliger Löschung der Lichtsignale ausführen mußte. Im Begriffe, auf den Bahnhof von P. mit seiner kleinen Eskorte von Mannschaften das Plateau der Lokomotive zu besteigen, wurde Lieutenant von Wussow von einer dunkel vermummten Dame angesprochen, deren Wunsch, mitzufahren, zuerst in dem scharftönenden Auszischeln des Maschinendampfes nicht sofort verstanden wurde.

»Wieso? — Sie wünschen mitzufahren, mein Fräulein?« Und seine Überraschung drückte sich noch mehr in dem Blick seiner Augen aus, als in dem Ton der Worte: — welch ein Augenpaar! Der Pionier, der in seiner rußgeschwärzten Uniform als Heizer waltete, hatte gerade die Eisenthür des Feuerraums geöffnet, und der grelle Loderschein überflutete die Gestalt der Dame: — schlank, elegant, jung, ein blasses Gesichtsoval, von dem schwarzen spanischen Spitzenshawl umrahmt, und die Augen mit ihrem eigenartigen Mandelschnitt, die ihn aus ihren seltsam weiten Pupillentiefen in ihrer feindlich unnahbaren Kühle trafen; keine Spur einer freundlichen oder bittenden Regung in dem Antlitz, die ihr immerhin gewagtes Ansinnen unterstützt hätte, im Gegenteil, zwischen den Brauen standen zwei kurze, senkrechte Falten eingegraben, die sonst wohl fehlten, die deutliche Signatur des Preußenhasses.

»Mein Herr, ich bin keine Spionin —« kam es aus dem, wenn er nicht sprach, festgepreßten Mund; eine Stimme von dunklem, altartigem Ton, der unter freundlicheren Bedingungen etwas Herzbezauberndes haben mochte, für solche musikalisch Raffinierte, die sich durch den Sprechklang einer Stimme überhaupt bezaubern lassen können.

»Oh, ich zweifle nicht —« gab er zur Antwort; nicht ganz seine Überzeugung. »Aber, was kann Sie, mein Fräulein, zu diesem Wunsche veranlassen?«

»Eine Bagatelle für Sie, mein Herr, eine Wichtigkeit für mich, wenigstens für meinen Vater. Ich bin die Tochter des bekannten Schriftstellers S.« (wir wollen hier die persönlichen Dokumente hinter Buchstaben verstecken.)

»Ah —« entfuhr es ihm, als ob er den Namen kennte und gar verehrte, doch nichts als eine Anwandlung der Galanterie, von seiner kriegsmäßigen Abenteuerlaune angestachelt: eine junge, schöne, elegante Französin, tapfer und unerschrocken, da sie solches unternimmt ... was wird er sich weigern?

»Wir sind aus Paris geflüchtet, mein Herr, vor der Einschließung; doch gelang es uns nicht, bis zu unserm Besitz vorzudringen, da mein Vater hier in P. erkrankte. Es wäre uns sehr wichtig gewesen, diesen Besitz zu erreichen, um ihn zu beschützen. Mein Vater ist ein Sammler, Schloß La Mireille birgt die kostbarsten Kunst- und Bücherschätze, es ist berühmt deswegen. Wir glaubten es in diesen Tagen schon in Gefahr —«

»Sie können beruhigt sein, mein Fräulein, es wird kein preußisches Bajonett eines ihrer Bilder zerfetzen, wie es von uns Barbaren heißt, auch pflegen wir nicht mit kostbaren Inkunabeln einzuheizen —« fiel er ein, zur Wahrung seiner Preußenehre.

Und in der unwandelbaren Kühle erwiderte sie mit dem Gemeinplatz: »À la guerre, comme à la guerre! Wir möchten hindern, was zu hindern ist. Da mein Vater nicht transportfähig, meine Brüder bei der Nordarmee fechten, so habe ich es übernommen, unsre Kostbarkeiten zu schützen. Ich sah von unsrer Wohnung aus, wie man sich zu der Fahrt anschickte, und ich habe mich ohne Zaudern auf den Weg gemacht, wider Papas Willen. Gilt es doch, ihm Beruhigung zu verschaffen. Übrigens handelt es sich auch um die Bergung höchst wichtiger Familienpapiere.«

»Unsre Fahrt ist nicht ohne Gefahr, mein Fräulein —«

»Ich fürchte mich nicht! — niemand!« setzte sie hinzu, und diesmal vibrierten die beiden tiefen Fältchen zwischen den Brauen ein wenig.

Ein kurzes, stummes Examen, das sein Blick in ihren Mienen anstellte, dann die halbdrohende Frage: »Es verhält sich so, wie Sie sagen?«

»Monsieur!« kam es zur Antwort, es klang wie Stahlesklirren.

Auf dies Wort hin seinerseits eine Geste, die sie zum Aufsteigen aufforderte, mit dem abermaligen Versuch der Galanterie. »Eine I. Klasse kann ich Ihnen freilich nicht anbieten. Wir fahren gleich ab, bitte!«

Oben auf dem Plateau, zwischen Tender und Lokomotive wies er ihr einen Sitzplatz zwischen den Kohlen auf mitgenommenen Decken an, den sie ablehnte, indem sie sich in die eine Ecke des Schutzdaches schmiegte. Nachdem die bewaffnete Eskorte eingestiegen, gab er den Pionieren das Zeichen zur Abfahrt.

Anfangs ging die Fahrt mit einiger Geschwindigkeit. Dann als die letzten Lichter der Stadt in der Ferne verschwunden waren, begann die Maschine ihren Lauf zu verlangsamen, denn ringsum, vorwärts, rückwärts nichts als das schwarze Land, die schwarze Nacht des wolkenbedeckten Himmels, ein gleichsam schwarzes, unheilbrütendes, alles umhüllendes Schweigen, alle Signale gelöscht, die Wärterhäuser verlassen, nur der Schein des Feuers, der von Zeit zu Zeit, wenn die Esse geöffnet wurde, über Ackerfurchen und dürre Hecken, gefrorene Wassertümpel, einsame Wegestrecken und schlafende Häuser wie gespenstisch hinhuschte, die übrige Dunkelheit noch um so tiefer verdichtend. Nun begann es zu schneien, ein immer stärkeres Gewirbel, das hier, in der sausenden Fahrt, eine sturmartige Heftigkeit annahm, eine zweite Nacht, die mit ihrem fort und fort niederflatternden Schleier die andre verdeckte; selbst die Flocken nahmen außer dem Bereich der Feuerstreifen, wo sie roten Funken glichen, eine schwarze Färbung an.

Und vorwärts in die Nacht hinein, mit wechselndem Tempo; jetzt war es nur ein Schleichen, ein vorsichtiges Tasten, als wenn die Maschine irgend einen heimtückisch über das Geleise gelegten Stamm, oder eine Ausrenkung der Schienen witterte; ein paarmal, so an den Brücken, wurde gehalten und die Bahn rekognosziert. Dann aber, wie in neu gewonnener Sicherheit ging es in einem tollkühnen Gejage wieder los, als schämte man sich des Zagens; bis auch dieser Ansatz zur Eile wieder erlahmte und das fast schrittweise Vorwärtstasten wieder begann. Die Dunkelheit scheint wie ein körperlich zu überwindendes Hindernis; das langsame Vorwärtsdringen ist wie ein Anstemmen dagegen, und der fort und fort wirbelnde, tobende und in peitschenden Streifen anwehende Schnee macht die Illusion dieses Anstemmens fast zur Wirklichkeit.

Wie lange dauerte solche Fahrt? Ihn, den Lieutenant, dünkte sie viele Stunden lang. Und seltsam, wie er sich ihr Ende nicht einmal herbeiwünschte — wie er fort und fort so weiterzufahren wünschte — ein seltsam thörichtes Gelüste, denn sie, deren rätselhafter Bann ihn zu solchem geheimnisvollen Wunsche stachelte, hatte keinen Blick für ihn, für niemand von den Prüssiens, die in ziemlicher Enge den schmalen Raum besetzt hielten. Zweimal hatte er versucht, ein Wort an sie zu richten, eine Frage, ob sie nicht fröre, ob er ihr ein Glas Wein zur Stärkung anbieten dürfe. Nichts, kein Wort, nur ein kühl abweisendes Kopfbeugen. Sie schien unempfindlich gegen die Dunkelheit, gegen den Schnee, vor dem sie unter dem Schutzdach nur teilweise gedeckt war; auch gegen die eigenartige Gefahr — ja diese schien sie zu reizen, und ihm war es, wenn die Maschine zum neuen Vorrasen ausholte, als umspielte ein ganz unmerkliches Zucken der Befriedigung ihren schön geschnittenen Mund. Ihre Augen blieben unverwandt durch das runde Lugfenster nach außen gerichtet, in das unaufhörliche Gewirbel hinein.

Und so war er in ihren Anblick versunken, wie ihn dünkte, stundenlang; stand und sah und staunte und empfand eine seltsame, schmerzlich süße Freude, die Blicke an ihrer geheimnisvollen Schönheit zu weiden, seine Sinne an dem herben Hauch der Tapferkeit zu erquicken, der sie umwehte und ihr Wesen hinaushob über die gebrechliche Koketterie ihres Geschlechts. Er hätte viel darum gegeben, ihr den Ausdruck seiner Bewunderung nur mit einem Worte andeuten zu dürfen — ja nur mit einem Blick — besonders dann, wenn die Lichtflut der geöffneten Esse sie mit dem feurigen Mantel umfloß und ihre Gestalt wie in einer überirdischen Glorie leuchtete. Auch gegen den blendenden Feuerschein schien sie unempfindlich, nur blieb sie zuletzt nicht mehr ganz so regungslos starr; jetzt begann sie von Zeit zu Zeit den Kopf um die Eisenkante des Schutzschirmes vorzubeugen, des scharfen, eisigen Wehens nicht achtend. Und sie horchte mit gespannteren Augen.

»Herr Lieutenant,« sagte sie plötzlich, »ich bitte Sie, in wenigen Minuten halten zu lassen! Es ist hier!«

»Aber wieso?« entfuhr es ihm verwundert. Denn nichts als das Schneegetriebe da draußen.

»Ich höre unsere Hunde. Es ist hier! Bitte!«

Jetzt erst vernahmen die andern durch das Gedröhn und Gerassel und vieltönige Geräusch des eisernen Ungeheuers ein Gekläff und Geläut von Hunden. Jetzt war es, als huschte der Feuerschein, das Gestöber durchdringend, über das steile Dachwerk eines schloßartigen Gebäudes.

»Bitte!«

»Halt!« befahl der Lieutenant. Mit kreischendem Laut stoppte die Lokomotive.

»Ich danke Ihnen! Sie haben mir — uns (verbesserte sie sich) einen großen Dienst erwiesen —« Damit raffte sie die Kleider zusammen und stieg hinab.

»Mein Fräulein —«

Er wollte ihr nach. Er durfte sie doch nicht so in die Nacht hinein ... Als wenn er ihr dennoch etwas zu sagen hätte — mochte sie es hören wollen, oder nicht ... Aber fort! Er stand und sah ihre Gestalt durch das Gestöber dahineilen, immer undeutlicher, bis sie gänzlich in der Nacht verschwand. Nichts als das Gekläff der Hunde, das jetzt laut durch die Nacht hallte, von der großen dunklen Masse her, die seitwärts des Schienenstranges durch den Schnee dämmerte.

»Befehlen der Herr Lieutenant weiter zu fahren?«

»Los!« rief er dem Pionier zu — es klang wie ein Ruf der Befreiung von dem hexenhaften Bann, von der sinnbethörenden Vision. »Und geben Sie ein paar tüchtige Sporen!«

Die Maschine nahm einen tollen Anlauf und raste in die Nacht hinein, um bald darauf in einem von Soldaten wimmelnden Bahnhof zu münden, dem Ziel der abenteuerlichen Fahrt.

Los — ja los! Doch das Wort erwies sich als ohnmächtig gegen den Zauber solcher Erinnerung. Immer wieder tauchte das Bildnis ihrer Erscheinung, in den vibrierenden Glutmantel gehüllt, gaukelnd vor seinen Sinnen empor, auf dem Marsche, im Schneeschlamm der grundlosen Wege, im Bivouac, dem schlaf- und feuerlosen, jetzt, während des Gefechts — da schien es erst recht in seinem Element, wo die Hornsignale gellten, die Kugeln zischelten, die Erde unter dem Donner der Geschütze erbebte, und der Tod sich seiner reichen Ernte freute unter den stürmenden, vom beißenden Pulverqualm umwogten Kolonnen.

Plötzlich aber war es fort, mit jeder Dämmerung seines Bewußtseins getilgt. Als es dann wiederkehrte, nach einigen Tagen, hatte es die Gestalt eines gespenstischen Phantoms angenommen, das mit feurigen Flügeln vor ihm hereilte, da draußen im stöbernden Schnee, während er mit immer qualvollerer Sehnsucht die Lokomotive zur Eile spornte und das brüllende »Los! Los!« seines Wundfieberwahns ihn, zur Verzweiflung der Wärter, bis an die Grenze der Erschöpfung brachte. —

Der Schloßensturm hatte sich ausgetobt, und die Tageshelle rückte vom Erker aus wieder gegen den Kamin vor, dessen Glüheffekte dämpfend. Da hallte die Korridorglocke. Erschreckt fuhr Léonie aus ihrem brütenden Schweigen empor: »Ich bin für niemand zu sprechen!« rief sie. »Adolf, willst du dafür sorgen?«

»Es ist Mariot,« entgegnete er — »ich kenne ihre Art zu läuten, frisch, resolut wie ihr ganzes Wesen.« (Das letztere nicht unabsichtlich).

»Noch nicht!« rief Léonie, die flach übereinander gelegten Hände in flehender Gebärde zu ihrem Gatten erhoben. »Jetzt noch nicht! — ich möchte mich besinnen — ich will mich ...«

Und sie stockte, die Hände fielen herab, und ihre Augen wandten sich wieder dem Feuer zu, es war ein leidenschaftliches Auflodern darin, und zwischen den Brauen wetterten die kurzen, tiefen Furchen: ein abermaliges Aufbäumen der Französin in ihr. Mehr als das! In diesen Minuten flog mit blitzartigem Zickzack all das vor nun zwanzig Jahren Geschehene an ihr vorüber. Sie wiegte langsam den Kopf, und jetzt schüttelte sie ihn heftig: »Nein, ich kann nicht! Ich bin entschlossen! Ich durfte nicht wanken, auch das war ja schon sündhaft — — nein!«

Diesmal gellte das Wort laut durch den Saal. Es war der Axthieb, der in den jungen Blütenbaum gefahren. Der Geheimrat fühlte, daß es dagegen für ihn keinen Widerstand geben dürfte. Man sollte sie nicht quälen, gerade jetzt nicht, da der Mai heranrückte, der den Frankfurter Frieden gebracht. War es nicht jedesmal um diese Zeit, daß die alten Zweifel und Schmerzen, ja die geheim gärenden Reuegedanken in ihr mit oft erschreckender Gewalt wieder auflebten. Und sie sollte jetzt, gerade jetzt, ihre Zustimmung geben, daß die Enkelin ihres Vaters einen Preußen ... Nein! Es würde schon so bleiben müssen! »Armes Kind!« entfuhr es ihm unhörbar. Und lauter: »Beruhige dich nur, Léonie, ich werde mit Mariot alles besprechen —«

Dann saß sie, die Hände an die Augen pressend, wie gelähmt, und horchte auf den Klang seiner Stimme im Nebenraum, die berichtete, entschuldigte, in einen bedauernden, dann zärtlichen Ton fiel und schließlich ganz verstummte. Vergeblich wartete sie auf Mariots Antwort: — doch kein Ton ihrer Stimme. Kannte sie ihre Tochter denn nicht? Mußte sie nicht wissen, daß das Mädchen eine solche Nachricht mit stummem Stolze hinnehmen werde? — kein weichlicher Ausbruch der Verzweiflung! — nicht vor anderen!

»Nein« — Würde es unabwendbar, unverrückbar bleiben, dies grausame Wort? Hatte sich damals, vor zwanzig Jahren, nicht ein andres »Nein« dennoch in ein »Ja« verwandelt?

Nein! — jenes erste, das die Französin ausstieß gegen die stutzende Erregung, die sich ihrer bemächtigt hatte, da sie an einem Dezembermorgen die in ein Lazarett verwandelten Säle ihres väterlichen Schlosses La Mireille durchschritt und auf einem der Lager, in der Reihe französischer Verwundeter, auf sein Antlitz stieß. Sie hatte es wohl erkannt. Wieder, wie in jener Nacht auf der Lokomotive, fühlte sie die Augen des Preußen auf sich gerichtet, jetzt leidensgroß, wie von dem Schreck einer fiebernden Vision geweitet, da auch er sie erkannt haben mußte. Welch ein tückischer Zufallskobold! Welch eine Brutalität romantischer Verkettung!

Aber wie in einem Zwang willenloser Suggestion erlahmte ihr Zögern, und sie war an das Bett herangetreten und hatte ihn begrüßt; das, was sie ihm wie den andern als Herrin des Hauses schuldig war. Stand sie nicht jetzt im Dienst der Barmherzigkeit, die keine nationalen Stachelzäune kennt? War sie ihm nicht zu Dankbarkeit verpflichtet? Denn was wäre aus La Mireille geworden, wenn ihr nicht die Fahrt hierher verstattet worden, und sie dann nicht durch ihre tapfere Haltung die Schätze des Schlosses vor den Vandalismen der barbarischen Soldateska, wie sie meinte, zu schützen vermocht? Heftig hatte der Kampf um La Mireille getobt, sie war nicht von ihrem Posten gewichen, ja einen Brand, der auf dem linken Flügel ausbrach und diesen einäscherte, hatte nicht am wenigsten ihre Energie einzuschränken gewußt.

Dieser Begegnung folgten andere, immer häufigere, besonders später, da der Verwundete in der Genesung war und sich im milden Sonnenschein der Touraine auf der Terrasse des Schlosses bewegen konnte. So sehr das »Nein« in ihrer Brust sich sträubte dagegen. Was geschah denn? Ein liebenswürdiger, ein hochgebildeter Mann, der das reichste Verständnis zeigte für die edle Geisteskultur ihres Vaterlandes, und der dessen Sprache in seltener Vollendung sprach — durchaus nichts von einem Barbar! An diesen schien sie erst erinnert zu werden, als er in seiner vollen Montur vor ihr stand, um Abschied zu nehmen. Er hatte sie wiederholt gebeten, mit ihr korrespondieren zu dürfen, jetzt wiederholte er die Bitte, nichts als diese, aber sie fühlten beide die stille Glut verhaltener Leidenschaft, das Weh des Abschiedes durch ihre Worte vibrieren. Sie fand abermals nicht die Kraft, das »Nein!« über ihre Lippen zu bringen, während doch ihre Augen, wider ihren Willen, so jakräftig erglänzten.

Das verbrecherische Geheimnis eines Briefwechsels zwischen einem Preußen und einer Französin, während gerade die Ihrigen, besonders ihr Vater, in dem Schmerz und der Entrüstung über den schreienden Hohn dieses Frankfurter Friedens patriotisch schwelgten! Oft genug war sie im Begriffe, die geheime Schmach dieser komplottartigen Verbindung mit einer jähen Entsagung abzuthun — vergeblich!

Da tauchte er plötzlich vor ihren erschrockenen Augen leibhaftig wieder auf. Es war zu Spaa, wo sich die Familie S. zur Kur befand. Er war gekommen, um von ihrem Vater nichts Geringeres als ihre Hand zu erbitten. Alles durfte er für diese Werbung in die Wagschale legen: seine stattliche Persönlichkeit, seinen Namen, sein Vermögen, seine bevorzugte Staatsstellung, die zu einer glänzenden Karriere berechtigte — aber auf der gegnerischen Schale nichts als die beiden Worte: »Frankfurter Friede,« die der Vater und berühmte Schriftsteller mit einer gewissen theatralischen Entrüstung zur Antwort einsetzte. Hiermit wäre wohl der Schluß dieses so romantisch begonnenen Abenteuers gegeben gewesen, wenn nicht im Winter darauf Herr S. selbst eine unerwartete Lösung herbeigeführt: eine blendende, reiche Partie, die er seiner Tochter, als eine feste Abmachung hinter ihrem Rücken, vorschlug und kraft seiner väterlichen Autorität aufzwingen wollte. Da geschah es, daß ein andres »Nein« sich in ihrem Herzen aufbäumte gegen solche Vergewaltigung. Das heilige Vaterland verzeihe ihr das Verbrechen, wenn sie in dieser grausamen Drängnis wankend wurde und sich dem geliebten Manne nunmehr auslieferte, allen Hassesvorurteilen zum Trotz. So lief also in den Dezembertagen von 1871, da jene Kämpfe um Orleans jährig wurden, eine Notiz durch die Boulevardblätter, die Tochter des Schriftstellers S. habe sich gegen den Willen der Ihrigen mit einem Prüssien ehelich verbunden. Welche Blasphemie! Die offenbare Kirchenschändung, begangen an dem Namen eines der patriotischsten Schriftsteller etc. etc.

Der Schritt bedeutete für sie die Verbannung; sie hatte seitdem die Ihren weder wiedergesehen, noch den Boden ihres Heimatlandes betreten. Zwischen ihr und jenen stand noch immer die Mauer des Frankfurter Friedens aufgerichtet. Und sie hoffte auf deren Fall, sei es, daß die Revanche sie im kühnen Wagemut eines Tages gewaltsam umstürzte, sei es, daß der Großmut des Siegers sie in reuiger Einkehr von selbst beseitigte, wie sie mit vielen ihrer Landsleute chimärisch beanspruchte. So hoffte und hoffte sie in ererbter französischer Selbstverblendung — »c’est plus fort que moi!« — man soll und muß ihr verzeihen! — auch Mariot! —

Jetzt öffnete sich die Flügelthüre, und Mariot erschien auf der Schwelle. Léonie’s schlankes, stolzes Ebenbild, doch von liebreizender Frische, mit freien, offenen, hellen Augen, den deutschen Augen ihres Vaters; auch der vollere Mund zeigte nicht die energische und strenge Verschlossenheit, die den Lippen ihrer Mutter solch herben Ausdruck verlieh. Jetzt war das Oval ihrer Wangen von fahler Blässe überhaucht, und ihre Augen hatten etwas angstvoll Gespanntes, als fürchteten sie, sich in Thränen zu verraten; ihre Lippen, aus denen die sonst blühende Farbe gewichen, atmeten halb geöffnet, in verhaltener Erregung.

Langsam näherte sie sich dem Kamin. Langsam erhob sich Léonie, nicht ohne daß ihre Hand sich tastend auf die Lehne des Sessels stützte. Dann ruhte der Kopf der Tochter stumm, in zitterndem Schweigen an der Schulter der Mutter.

»Wirst du mir verzeihen, mein Kind, mein armes Kind?«

»Mutter, wie du beschließest, so ist es — so ist es« — (ein kurzes Stocken, dann laut und fest:) »so ist es recht, Mutter!«

Die Mutter hatte die Frage in französischer Sprache gestellt; Mariots Antwort geschah auf deutsch. In Léonies Brust war es wie ein Zurückzucken. Deutsch — jetzt, in solcher Stunde! Wie hart, wie abweisend es klang, wie feindlich, trotz der Bedeutung der Worte! Als wenn sich ein zweiter Friede von Frankfurt plötzlich aufgerichtet zwischen ihrem Herzen und dem ihres Kindes. —

Vierzehn Tage darauf, an einem Spätmorgen, trat der Geheimrat mit einem Zeitungsblatt in der Hand an seine Gattin heran, die auf einer Chaiselongue ruhte, lässig und müde in Journalen stöbernd. Die Balkonthüre stand auf, wohlig warme Luft strömte herein, die Straße lag geblendet im lachenden Frühlingssonnenschein, und der Reflex der goldig-grellen Lichtflut umspielte mit einer gewissen frohen Deutlichkeit die Gegenstände des Zimmers. Auf dem Balkon sonnten sich die Stubenpflanzen, die Palmenfächer glänzten in breitem Metallglanz, die Azaleen standen im leuchtenden Flor, helle Knospenpunkte schimmerten im jungen hellgrünen Laub. Doch Léonie hatte keine Freude an diesem Frühlingsweben; es lastete auf ihr wie ein schwerer Alp: nicht die Nähe des unseligen 10. Mai allein, die auch in anderen Jahren eine gewisse krankhafte Krise in ihr hervorrief, nein das dumpf anklagende Schmerzgefühl, daß sie sich ihren Lieben, dem Gatten wie dem Kinde, entfremdet durch ihr trotzig-beharrliches »Nein«, daß sie in ihrem eignen Hause eine Fremde geworden, als Französin geduldet unter den Preußen — ja so war es! Das schonende Benehmen täuschte sie nicht darüber hinweg. Oh, sie empfand sehr wohl, wie hinter jeder Liebkosung ihres Gatten der geheime Vorwurf lauerte. Hatte sie nicht wie erleichtert aufgeatmet, als Mariot, wie beschlossen wurde, nachdem man die Werbung des Freiherrn von Werthern in aller Form abgewiesen, zu ihrer Tante nach Schlesien abgereist war? Nun hatte sie nicht mehr die Anklage der großen, wie im geheimen Weh erstarrten Mädchenaugen zu bestehen. Hier galt es nicht eine jener flatternden Ballneigungen durch einen Thränenstrom wegzuschwemmen, nein, Wussow hatte recht, ein Blütenbaum war niedergehauen worden, da hilft kein tröstendes Anbinden und Aufrichten ....

Wegen einer Uniform! Fast war es zum Lachen. So sind wir von der hohen Civilisation; ein Vorurteil, ein Fetzen alter Tradition, eine Phrase, ein gelltönendes Wort: Revanche, Satisfaktion, Ehre, Standesbewußtsein, dergleichen vermag bestimmend in unser Schicksal einzugreifen; der rote Lappen des Frankfurter Friedens stachelt immer wieder von neuem den Preußenhaß unserer westlichen Nachbarn zum wütenden Koller auf.

Aber durfte sie anders handeln? Durfte sie ihrem alten Vater diese neue Schmach anthun? Ihm, der gerade jetzt, als die Beschickung der Berliner Ausstellung durch französische Künstler im Werk war, seinen chauvinistischen Warnruf in poetischen Trompetenworten à la Victor Hugo hatte erschallen lassen; da ihr älterer Bruder, ein Schlachten- und Revanchemaler von Ruf, als einer der ersten sich zu dem Gang à Berlin weigerte? Jetzt, gerade jetzt! — arme Mariot, deren Glück einer Verkettung politischer Zufälle zum Opfer fallen mußte! — daran klammerte sie sich zum Schutz gegen ihre Selbstanklage. —

»Léonie, ich wollte dich avertieren —« sagte der Geheimrat, »du sollst nicht überrascht werden. In der Zeitung steht eine gewisse Notiz —«

»Gieb her!«

»Du darfst nicht erschrecken — es handelt sich um deinen Vater —«

»Wieder einen seiner Ausfälle gegen euch Preußen? Gieb!«

»Nicht das. Dein Papa ist krank, er liegt auf Schloß La Mireille danieder.«

»Tot!« schnellte sie auf.

»Nicht das, armes Herz! Aber wir wollen auf alles gefaßt sein! — komm, laß dich nicht zu sehr alterieren.«

Sie entwand sich seinem sanft umfassenden Arm: »So will ich hin! Gleich! Sofort!«

»Oh! Du bist selber leidend. Du willst hin?«

»Er soll nicht sterben, ohne daß er mir verziehen — er darf nicht! Sofort werde ich abreisen!«

Vergebliches Überreden, sie von ihrem Entschluß abzulenken: die alte tapfere Art des Jahres 70 schien in ihr von neuem aufgeweckt. Sie wollte hin, nach Mireille, durch das Verhau von Vorurteil und Haß und Verblendung, das ihr die Heimat feindlich verwehrte, sich einen Weg bahnen zu ihrem sterbenden Vater hin, sich das erlösende Wort der Verzeihung von seinen Lippen erflehen, dann wird alles gut — »auch hier!«

»Wegen uns mache dir doch keine Gedanken —« wehrte er.

»Ich wünsche, daß auch hierin etwas entschieden werde —« sagte sie mit dumpfem Starren. Und das andere nur hingemurmelt: »Ich wünschte zu wissen, wo ich hingehöre ...«

Was meinte sie damit? Man muß sie gewähren lassen! Er dachte an ihre That von damals, ein ermutigendes Wort wäre eine Herabwürdigung gewesen; seine Begleitung, die er ihr für ein paar Reisestunden wenigstens, angeboten, lehnte sie ab: es wäre besser, daß sie allein mit ihren Gedanken sei. So half er ihr auf dem Bahnhof in ein Coupé erster Klasse, das die Bezeichnung ›Berlin-Köln-Paris‹ trug, (den andern kürzern Weg über Frankfurt hatte er absichtlich ausgeschlossen) stand und winkte, während der Zug in der Wolke selbsterzeugten Dampfes mit steigendem Rasseln hinglitt, nach dem Coupéfenster hin, wo ihre hohe Gestalt aufgerichtet hielt, nur mit einem ganz leisen Neigen ihres fahlblassen, tiefernsten Antlitzes seinen Abschiedsgruß erwidernd. Immer noch stand er, da der Zug längst entschwunden. Was war das für ein seltsamer Gedanke, der sein Herz wie mit eiskalter Hand umkrampfte? Wenn sie nicht mehr wiederkehrte ... ist sie doch gegangen, sich Entscheidung zu holen, wo sie denn hingehört! Unsinn! Für einen Königlichen Vortragenden Rat im Finanzministerium ein ganz berufswidriger Gedanke! Wie kam er dazu? Und während er seltsam schnell mit den Augen zwinkerte, als gälte es dort etwas zu unterdrücken, lachte er halblaut auf. —

Am neunten Tage nach diesem stand er abermals auf dem Perron, um sie nach ihrer Rückkehr in Empfang zu nehmen. Er hatte während der ganzen Zeit nur ganz knappe Nachrichten von ihr erhalten, Depeschen, in der Hast hingeworfene Zeilen, Geschäftliches, ihre Rückreise und Ankunft betreffend. Ihr Vater war der heftigen Lungenentzündung erlegen, die Zeitungen brachten Nekrologe und das übliche kritische Resumé seiner litterarischen Bedeutung, die Franzosen betrauerten aufrichtig den Verlust eines großen Patrioten. Von ihr war ihm keine Andeutung zugekommen, ob sie ihn noch lebend angetroffen und den Zweck ihrer Reise, seine Verzeihung, erwirkt. Er war sehr erregt, wieder in völlig berufswidriger Weise, als er jetzt ihrer in schwarzen Krepp gehüllten Gestalt aus dem Coupé half und sie dann in stummer Umarmung an seine Brust preßte. Ihren Zügen war die ausgestandene Leidenszeit aufgeprägt; sie schien gealtert und ihre Wangen abgehagert; war es nur eine Täuschung, daß beim Zurückschlagen des langwallenden Schleiers die Scheitelwellen ihres Haares im deutlichen Grau erschimmerten?

Für jetzt nur die wenigen, halbgestammelten Worte, die solchen Empfang zu begleiten pflegen. Doch die eine Frage, die deutlich ihre Seelenverfassung erraten ließ: »Mariot? Ist gute Nachricht von ihr da?« Mit solch vibrierender Bangnis schienen die Worte ausgepreßt.

»Ich danke. Sie scheint wohl — Du findest einen Brief von ihr vor. Lieb wie immer — — Wir wollen den Diener mit deinen Sachen vorausfahren lassen, ist dir’s recht, Léonie?«

Erst als sie im Wagen saßen, kam die Antwort auf diese Frage »Ach ja, Luft! Ich atme auf. Laß uns einen Umweg durchs Grüne machen!«

Er befahl dem Kutscher, einen größeren Umweg durch den Tiergarten zu nehmen. Es war ein wunderschöner Frühlingsabend. Vor den beiden Cafés am Potsdamer Platz wimmelte es von Gästen, auf den Trottoirs davor war ein lebhafter Begehr nach grellbunten Blumen; die herrlichen Linden der beiden Platzsquares standen in leuchtendem Grün, die antikisierenden Wachttempel überragend; fernhin verduftete der Prospekt der Leipzigerstraße im rosigen Dunst, selbst das hastende, rasselnde Verkehrsleben schien von einer festlichen Verklärung überhaucht. Sie fuhren durch die Bellevuestraße, unter dem dämmernden Schattendach der strotzend belaubten Kastanien, an denen die Kandelaberkerzen der weißen und roten Blüten eben aufgesteckt waren; in den Vorgärten waltete der Wetteifer, welcher den andern in der Pracht seines Blumenflors überböte, eine Frühlingsspezialität dieser stimmungsvollen Avenue.

»Wie schön es hier ist — bei euch —« entfuhr es flüsternd Léonies Lippen. »Ach die Luft!«

Wiederholt atmete sie in vollen erquickenden Zügen, als wenn sie von einem herzbeklemmenden Druck befreit werde.

Und beim Anblick des Tiergartens ein Ruf des Staunens: »Wie grün!«

»War es denn dort noch nicht —« fragte er zögernd.

Sie wandte den Kopf zur Seite, wo die Siegesallee mit ihren korrekten Lindenbäumchen sich in die Ferne verengte, von dem in der Abendsonne glühenden Goldkoloß der Siegesgöttin beherrscht. »Eis ...« hauchte sie hervor. Und ein Schauer schien sie zu überrieseln.

Er verstand. Doch nicht der üppige Garten der Touraine, wo sie die Tage geweilt, — nein das Eis des Hasses, auf das sie gestoßen, als wäre ihr ganzes Inneres davon erstarrt bis in den Blick ihrer dunkelumrandeten Augen hinan.

Eine Stille lang, während er das Wort klingen zu hören wähnte, fuhren sie durch das Waldesdunkel des Parkes. Leise tastete er nach ihrer Hand: »Gut, daß du wieder da bist, Léonie« — begann er. »Mir war sehr bang.«

»Du hattest Ursache, du Ärmster —« flüsterte sie dumpf. Dann auffahrend, mit einem schrillen Ton: »Ah, dieser Haß! Sie sind toll! Sie vergiften alles damit! Selbst die Pietät einer Sterbestunde ist ihnen nicht heilig vor ihrem Haß!«

Dann nach einer abermaligen Stille: »Wie war ich geeilt, nur um seine Hand noch einmal zu ergreifen! Es war ein Wunder, daß man mich überhaupt vorließ, — bis an das Lager meines armen Vaters. Ihm sei verziehen, Gott sei seiner Seele gnädig! Wenn er mir auch nicht verziehen — wenn er auch gegangen ist, ohne mir zu vergeben ...«

Ihre Stimme stockte in plötzlicher Erschütterung.

»Nicht?!« rief er in voller Empörung.

Sie faßte sich, reckte sich empor: »Ich habe mich tapfer gehalten all die Zeit über, mein Stolz gegen den Haß meiner Brüder und Verwandten — sie waren unerbittlich, von einer beleidigend kühlen Höflichkeit. Aber ich blieb, ich wollte nicht weichen, bis ich an dem Grabe meines Vaters mein Gebet gesprochen —«

»Du trafst ihn noch bei Besinnung?«

»Man hatte mich nicht ohne Einspruch an sein Sterbelager gelassen. Man schützte die Aufregung vor. Ich drang dennoch bis zu ihm. Ich hätte ihn kaum wiedererkannt. Er aber mich — o wohl, er mich! Er schien wie aus einer Betäubung zu erwachen — seine großen Künstleraugen fragend auf mich gerichtet — tastend — ein Schimmer der alten Liebe, die darin aufzuleben schien. ›Mein Vater, ich bin’s‹, schluchzte ich, ›ich bin gekommen, um dich um Verzeihung zu bitten‹ — Es war ein Besinnen in diesen Augen, all sein Empfinden darin wiedergespiegelt — o ich sah bis auf den Grund seiner Seele. Seine Léonie, sein Liebling von damals — die Freude, die er stets an mir hatte — hat er nicht seinen Roman »Gabriele« zu deiner Verherrlichung geschrieben? Und dann der Schmerz dieser Trennung, die geheime Sehnsucht, die in der Tiefe seines verwaisten Herzens fort und fort gebangt, wenn auch der Mund meinen Namen nicht aussprach — ich sah den Kampf, den seine Liebe kämpfte gegen das andere, gegen die Krankheit, das Gift — gegen den Preußenhaß. Ich sah das Gift die Obmacht gewinnen, seinen Blick erstarren, den Schimmer der alten Liebe sich in Eis verwandeln — hatte er nicht den Mut, den andern gegenüber, die hinter mir dieser Scene beiwohnten? Nicht den Mut, das Wort, den Namen auszusprechen, der auf seinen Lippen schwebte — Gott sei seiner Seele gnädig! — er schloß die Augen. Ich hatte seine Hand ergriffen und jetzt fühlte ich, wie die sich regte, leise, leise — aus der meinen fort — sich zu befreien suchte — zuletzt ein Ruck — es war wie ein Zurückstoßen — ja das! O Gott! Es war das »nein!«, das sein Preußenhaß gegen mich, die Abtrünnige, die Vervehmte seines Geschlechtes und seiner Nation, geschleudert. Ich sank mit dem Kopf gegen die Bettstatt, hart hinschlagend — ich glaube, ein Schrei entfuhr mir — ich weiß nichts — nichts mehr ganz klar —«

»Mein armes Herz —« und er preßte um so inniger ihre Hand.

»Du fragtest mich vorhin, ob denn dort unten der Frühling nicht .... Auch das weiß ich nicht. Ich habe nichts gesehen. Doch, ich erinnere mich, nicht weit von seinem Grabe, wo ich betend kniete, da ragte ein Blütenbaum, von jenen winzigen japanischen Rosen, die ich so liebe — — Ich werde den Ort wohl nicht wiedersehen —«

»Nun sollst du dich erholen, du Arme — nun darfst du nicht mehr fort und fort daran denken!«

»Ich möchte alles vergessen — bis auf das Grab mit seinem Blütenbaum — mein Vaterland, alles — o Gott, ich wollte, ich dürfte mich einmal ausweinen — mein Herz ist so voll —«

Dann, sich abermals aufraffend: »Wie schön es bei euch ist! — Wie gut ihr seid! — — Wie grün das Laub geworden! — Ach, die Luft! Wie das Atmen erquickt! — ich habe lange nicht mehr frei geatmet — und — und —«

Sie riß die Hand aus der seinen und reichte ihm dann in überquellender Bewegung die beiden Hände hin!

»Und ihr verzeiht mir, ihr, du und Mariot! Damals konnte ich nicht anders — jetzt, jetzt erst weiß ich, wo ich hingehöre —«

»Ich wußte es längst, aber du sträubtest dich gegen die Erkenntnis —«

»Du wirst gleich morgen Herrn von Werthern zu mir bitten, ich habe mit ihm zu reden, aber anderes als damals —«

»Soll ich auch Mariot kommen lassen?«

»Ach, mein Kind! Schnell, wir wollen ihr telegraphieren!«

In dem Gedanken dieses Wiedersehens saß sie verloren. Galt es nicht eine Mauer einzureißen, die sich zwischen dem Mutter- und dem Kindesherzen aufgerichtet? Aber hinter den Trümmern leuchtet das verheißende Frühlingsgrün.

»Wie schön es ist!« rief sie plötzlich aus, mit einer Geste über den blauenden See weisend.

»Das Laub hat sich mächtig herausgemacht. Ja so ein Berliner Frühling — so ein deutscher Frühling! Den wenigstens sollen sie uns nicht« ....

Er stockte. Nicht jetzt davon: ein andermal wollte er seiner Überzeugung Ausdruck geben, daß doch zuletzt die Liebe den Sieg davon trüge über den Haß und daß selbst über der Mauer des Frankfurter Friedens dereinst sich grünende Wipfel von hüben und drüben vereinigen würden. Man muß ihnen nur Zeit lassen zum Wachsen, recht viel Zeit ...