DRITTER AKT

(Es ist nach zehn Uhr abends; die Vorhänge sind zugezogen und die Lampe brennt. Die Schreibmaschine steht in ihrem Kasten. Der breite Tisch ist geordnet worden; alles zeugt davon, daß das Tagewerk vollbracht ist. Candida und Marchbanks sitzen am Feuer; die Leselampe steht auf dem Kaminsims über Marchbanks, der in dem kleinen Stuhl sitzt und laut liest. Auf dem Teppich neben ihm liegt ein kleiner Haufen von Manuskripten und ein paar Bände Gedichte. Candida sitzt im großen Stuhl und hält einen leichten Schürhaken aus Messing aufrecht in der Hand; sie sitzt zurückgelehnt und sieht versonnen auf die funkelnde Messingspitze. Sie hat die Füße gegen das Feuer hin ausgestreckt und läßt ihre Fersen auf dem Kamingitter ruhen, sich ihrer Erscheinung und ihrer Umgebung tief unbewußt.)

(Marchbanks seine Vorlesung unterbrechend:) Jeder Dichter, der je gelebt hat, hat aus diesem Gedanken ein Sonett gemacht. Er muß es, ob er will oder nicht. (Er sieht Candida an, ob sie ihm zustimmt, und bemerkt, daß sie auf den Schürhaken starrt.) Haben Sie nicht zugehört? (Keine Antwort:) Frau Morell!

(Candida auffahrend.) Wie!?

(Marchbanks.) Haben Sie nicht zugehört?

(Candida schuldbewußt, mit übertriebener Höflichkeit:) O ja. Es ist sehr hübsch. Fahren Sie fort, Eugen. Ich bin begierig, zu hören, was dem Engel passiert ist.

(Marchbanks läßt das Manuskript aus der Hand auf den Boden fallen:)
Verzeihen Sie, daß ich Sie langweile!

(Candida.) Aber Sie langweilen mich durchaus nicht, wirklich nicht.
Bitte, fahren Sie fort—bitte, Eugen.

(Marchbanks.) Ich habe das Gedicht über den Engel vor einer Viertelstunde beendet. Ich habe Ihnen seitdem schon verschiedenes vorgelesen.

(Candida reuevoll:) Das tut mir wirklich leid, Eugen. Mir scheint, der Schürhaken hat mich behext. (Sie legt ihn nieder.)

(Marchbanks.) Er hat mich fürchterlich gestört.

(Candida.) Warum haben Sie mir das nicht gesagt? Ich hätte ihn sofort weggelegt.

(Marchbanks.) Ich fürchtete, Sie auch zu stören; er glich einer Waffe. Wenn ich ein Held aus alten Tagen wäre, würde ich mein gezogenes Schwert zwischen uns gelegt haben. Wenn Morell gekommen wäre, hätte er geglaubt, daß Sie den Schürhaken ergriffen haben, weil kein Schwert zwischen uns liegt.

(Candida verwundert:) Was? (Sie sieht ihn mit verwirrten Blicken an:) Das kann ich nicht recht verstehen. Ihre Sonette haben mich so sehr verwirrt! Warum sollte ein Schwert zwischen uns sein?

(Marchbanks ausweichend:) Oh, lassen wir das. (Er bückt sich, das
Manuskript aufzuheben.)

(Candida.) Legen Sie das wieder hin, Eugen. Mein Hunger nach Poesie hat Grenzen, selbst nach Ihrer Poesie. Sie haben mir länger als zwei Stunden vorgelesen—seit mein Mann fort ist—, ich möchte lieber plaudern.

(Marchbanks erhebt sich, furchtsam:) Nein, ich darf nicht reden. (Er
sieht in seiner verlorenen Weise um sich und fügt plötzlich hinzu:)
Ich glaube, ich mache einen Spaziergang im Park. (Er will nach der
Tür.)

(Candida.) Unsinn! er ist längst geschlossen. Setzen Sie sich auf den Kaminteppich und plaudern wir, wie Sie es gewöhnlich tun! Ich will unterhalten werden,—wollen Sie nicht?

(Marchbanks halb entsetzt, halb hingerissen:) Ja.

(Candida.) Dann kommen Sie her. (Sie rückt ihren Stuhl etwas zurück, um Platz zu machen; er zögert, dann kauert er sich schüchtern hin vor den Kamin, das Gesicht nach oben gekehrt, wirft seinen Kopf zurück auf ihre Knie und sieht zu ihr empor.)

(Marchbanks.) Oh, ich habe mich den ganzen Tag so unglücklich gefühlt, weil ich getan habe, was recht war; und nun, wo ich unrecht tue, bin ich so glücklich.

(Candida zart, belustigt über ihn:) Ja; ich bin überzeugt, nun fühlen Sie sich wie ein großer, erwachsener, böser Verführer—ganz stolz auf sich, nicht wahr?

(Marchbanks erhebt seinen Kopf rasch und wendet sich ein wenig, um sie anzublicken:) Nehmen Sie sich in acht. Ich bin sogar um vieles älter als Sie, Sie wissen es nur nicht. (Er wendet sich auf seinen Knien ganz herum; mit gefalteten Händen und die Arme in ihrem Schoß, spricht er mit wachsender Erregung—sein Blut fängt an zu wallen:) Darf ich Ihnen ein paar schlimme Dinge sagen?

(Candida ohne die leiseste Angst oder Kälte und mit vollkommener Achtung vor seiner Leidenschaft, aber mit einem Schimmer ihres klugkerzigen mütterlichen Humors:) Nein. Aber Sie dürfen alles sagen, was Sie wirklich und wahrhaftig fühlen, was es auch sei, alles! Ich fürchte mich nicht, solange Ihr wirkliches "Selbst" zu mir spricht und nicht eine bloße Pose—eine galante oder eine gottlose, oder selbst eine dichterische Pose. Das verlange ich von Ihnen, bei Ihrer Ehre und Wahrhaftigkeit!—Nun sagen Sie, was Sie wollen.

(Marchbanks der heiße Ausdruck verschwindet vollkommen von seinen Lippen und Nasenflügeln, seine Augen flammen auf in begeistertem Feuer.) Oh, jetzt kann ich nicht mehr alles sagen; denn alle Worte, die ich weiß, gehören mehr oder weniger irgendeiner Pose an, alle—bis auf eines.

(Candida.) Welches Wort ist das?

(Marchbanks sanft, sich dem melodischen Klang des Namens hingebend:) "Candida, Candida, Candida, Candida, Candida"—das muß ich jetzt sagen, da Sie mich bei meiner Ehre und Wahrhaftigkeit fragen, denn ich denke und fühle niemals "Frau Morell", immer nur "Candida".

(Candida.) Selbstverständlich! Und was haben Sie Candida zu sagen?

(Marchbanks.) Nichts als Ihren Namen tausendmal zu wiederholen.
Fühlen Sie nicht, daß es jedesmal ein Gebet zu Ihnen ist?

(Candida.) Macht es Sie nicht glücklich, daß Sie beten können?

(Marchbanks.) Ja, sehr glücklich.

(Candida.) Nun, dieses Glück ist die Antwort auf Ihr Gebet.—Wünschen
Sie sich etwas Besseres?

(Marchbanks selig:) Nein, ich bin im Himmel, wo man wunschlos ist. (Morell tritt ein; er bleibt an der Schwelle stehen und überschaut mit einem Blick die ganze Szene.)

(Morell ernst und mit Selbstbeherrschung:) Hoffentlich störe ich nicht. (Candida fährt heftig auf, aber ohne die leiseste Verlegenheit. Sie lacht über sich selbst. Eugen, noch auf den Knien, schützt sieh vor dem Fallen dadurch, daß er seine Hände auf den Stuhlsitz legt; Morell mit offenem Munde anstarrend, bleibt er in dieser Stellung.)

(Candida im Aufstehen:) Oh, Jakob, wie du mich erschreckt hast; ich war so mit Eugen beschäftigt, daß ich deinen Schlüssel nicht gehört habe. Wie ist die Versammlung verlaufen? Hast du gut gesprochen?

(Morell.) Ich habe in meinem ganzen Leben nicht besser gesprochen.

(Candida.) Das ist ausgezeichnet! Wieviel ist eingegangen?

(Morell.) Ich vergaß zu fragen.

(Candida zu Eugen:) Er muß wundervoll gesprochen haben oder er hätte das nicht vergessen. (Zu Morell:) Wo sind die andern?

(Morell.) Sie verließen den Saal lange ehe ich fortkommen konnte; ich glaube, sie essen irgendwo zur Nacht.

(Candida in ihrer hausmütterlichen Art:) Oh, dann kann Marie zu Bette gehn; ich will es ihr sagen. (Sie geht hinaus in die Küche.)

(Morell blickt strenge auf Marchbanks nieder:) Nun?

(Marchbanks läßt sich mit gekreuzten Beinen auf den Kaminteppich nieder und fühlt sich Morell gegenüber ganz sicher, sogar voll verschmitzten Humors:) Nun?

(Morell.) Haben Sie mir etwas zu sagen?

(Marchbanks.) Nur, daß ich mich hier heimlich zum Narren gemacht habe, während Sie öffentlich dasselbe getan haben.

(Morell.) Ich glaube, kaum auf dieselbe Art.

(Marchbanks springt auf, eifrig:) Ganz genau auf dieselbe Art. Ich habe eben ganz so wie Sie den braven Mann gespielt! ganz so wie Sie. Als Sie Ihr Heldentum, mich hier mit Candida allein zu lassen, begannen—

(Morell unwillkürlich:) Candida?

(Marchbanks.) Ja, so weit bin ich schon. Heldentum ist ansteckend, ich bekam die Krankheit von Ihnen und habe mir geschworen, Candida in Ihrer Abwesenheit nichts zu sagen, was ich nicht schon vor einem Monat in Ihrer Gegenwart gesagt hätte.

(Morell.) Und haben Sie dieses Gelübde gehalten?

(Marchbanks setzt sich plötzlich in grotesker Weise in den Lehnstuhl:) Ich bin bis vor etwa zehn Minuten dumm genug gewesen, es zu halten. Bis dahin habe ich ihr verzweifelt vorgelesen, meine eigenen Gedichte—und andere—um einer Unterhaltung auszuweichen. Ich sah das Himmelstor offen und weigerte mich, einzutreten…. Sie können sich nicht vorstellen, wie heldenhaft das war und wie ungemütlich…. Dann—

(Morell seine Ungeduld bezähmend:) Dann?

(Marchbanks geht prosaisch in eine ganz gewöhnliche Stellung im
Lehnstuhl über:) Dann konnte sie das Vorlesen nicht mehr vertragen.

(Morell.) Und da haben Sie sich dem Himmelstor schließlich genähert?

(Marchbanks.) Ja.

(Morell.) Und dann? (Wild:) Sprechen Sie, Mensch! Haben Sie denn kein Gefühl für mich!

(Marchbanks sanft und melodisch:) Dann wurde sie ein Engel, und ein
Flammenschwert erschien, das mir jeden Zugang versperrte, so daß ich
nicht eintreten konnte und nun begriff, daß dieses Tor in Wahrheit das
Tor der Hölle war.

(Morell triumphierend:) Sie hat Sie zurückgestoßen!

(Marchbanks erhebt sich mit grimmigem Hohn:) Nein, Sie Narr! Wenn sie das getan hätte, würde ich gar nicht gefühlt haben, daß ich schon im Himmel war. Mich zurückgestoßen… glauben Sie, daß mich das gerettet hätte?—Tugendhafte Entrüstung! Oh, Sie sind nicht wert, in einer Welt mit ihr zu leben. (Er wendet sich verachtungsvoll von ihm ab nach der anderen Seite des Zimmers.)

(Morell der ihn ruhig beobachtet hat, ohne seinen Platz zu wechseln:) Glauben Sie, daß Sie dadurch an Wert gewinnen, wenn Sie mich beschimpfen, Eugen?

(Marchbanks.) Hier endet der tausendunderste Text. Morell: ich halte doch nicht viel von Ihrem Predigen. Ich glaube sogar, ich selbst könnte das besser. Der Mann, den ich jetzt vor mir haben möchte, ist der Mann, den Candida geheiratet hat.

(Morell.) Der Mann, den… meinen Sie mich?

(Marchbanks.) Ich meine nicht Hochwürden Jakob Mavor Morell, Moralist und Schwätzer. Ich meine den wirklichen Menschen, den Hochwürden Jakob irgendwo in seiner schwarzen Kutte versteckt haben muß, den Mann, den Candida geliebt hat. Sie können die Liebe einer Frau wie Candida nicht dadurch erreicht haben, daß Sie bloß Ihren Kragen hinten statt vorne knöpfen.

(Morell kühn und standhaft:) Als Candida einwilligte, mich zu heiraten, da war ich derselbe Moralist und Schwätzer, den Sie jetzt vor sich sehen. Ich trug meinen schwarzen Rock, und meinen Kragen knöpfte ich hinten statt vorne. Glauben Sie, daß sie mich mehr geliebt hätte, wenn ich unaufrichtig in meinem Beruf gewesen wäre?

(Marchbanks auf dem Sofa, seine Knöchel umfassend:) Oh, sie hat Ihnen vergeben, so wie sie mir vergibt, daß ich ein Feigling bin und ein Schwächling, und was Sie einen kleinen winselnden Hund—und so weiter—nennen. (Verträumt:) Eine Frau wie diese hat göttlichen Einblick: sie liebt unsere Seele und nicht unsere Narrheiten und Eitelkeiten und Illusionen, oder unsere Kragen und Röcke, oder die andern Fetzen und Lappen, in die wir gehüllt sind. (Er denkt darüber einen Augenblick nach, dann wendet er sich mit gespannter Erwartung um, Morell zu befragen:) Was ich wissen möchte, ist, wie Sie an dem Flammenschwerte, das mich zurückgeschreckt hat, vorbeigekommen sind!

(Morell bedeutungsvoll:) Vielleicht weil ich nicht nach zehn Minuten unterbrochen wurde.

(Marchbanks verblüfft:) Was?

(Morell.) Der Mensch kann auf die höchsten Gipfel steigen; aber er kann nicht lange dort verweilen.

(Marchbanks.) Das ist falsch. Dort kann er ewig verweilen! nur dort!
Anderswo findet er keine Ruhe und hat keinen Sinn für die stille
Schönheit des Lebens. Wo sollte ich meine seligsten Minuten verleben,
wenn nicht auf den Höhen?

(Morell.) In der Küche, Zwiebeln schneidend und Lampen füllend.

(Marchbanks.) Oder auf der Kanzel, Seelen scheuernd die aus billigem
Ton sind.

(Morell.) Ja, das auch! Dort habe ich meinen goldenen Augenblick geerntet und mit ihm das Recht, um Candidas Liebe zu werben. Ich habe mir diese Stunde nicht erborgt, noch habe ich sie benützt, um das Glück eines andern zu stehlen.

(Marchbanks schreitet ziemlich angewidert dem Kamin zu:) Ich zweifle nicht daran, daß Sie Ihre Verrichtungen so ehrenhaft erfüllt haben, als ob Sie ein Pfund Käse abgewogen hätten. (Er hält vor dem Kamin inne und fügt nachdenklich zu sich selbst, Morell den Rücken kehrend, hinzu:) Ich konnte zu ihr nur als Bettler kommen.

(Morell auffabrend:) Als ein frierender Bettler, der sie um ihren
Schal bat, nicht wahr?

(Marchbanks wendet sich überrascht um:) Ich danke Ihnen, daß Sie sich auf mein Gedicht beziehen. Ja, wenn Sie wollen: als ein frierender Bettler, der sie um ihren Schal bat.

(Morell erregt:) Und sie verweigerte ihn. Soll ich Ihnen sagen, warum sie ihn verweigert hat? Ich kann es Ihnen sagen, mit ihrer eigenen Erlaubnis: weil…

(Marchbanks.) Sie hat ihn nicht verweigert!

(Morell.) Nicht?

(Marchbanks.) Sie bot mir alles, worum ich bat: ihren Schal, ihre Flügel, den Sternenkranz aus ihrem Haar, die Lilien in ihrer Hand, den aufgehenden Mond zu ihren Füßen.

(Morell ihn anpackend:) Heraus mit der Wahrheit, Mensch! Meine Frau ist meine Frau: ich habe genug von Ihrem poetischen Flitterkram,—ich weiß ganz gut, daß kein Gesetz Candida an mich binden würde, wenn ich ihre Liebe an Sie verloren hätte!

(Marchbanks bizarr, ohne Furcht oder Widerstand:) Packen Sie mich nur beim Kragen: sie wird ihn dann wieder in Ordnung bringen wie heute morgen. (Mit stiller Begeisterung:) Ich werde wieder die Berührung ihrer Hände fühlen.

(Morell:) Sie junger Fant, fühlen Sie nicht, wie gefährlich es ist, mir das zu sagen! Oder (mit plötzilicher Befürchtung:) hat Sie irgend etwas kühn gemacht?

(Marchbanks.) Ich fürchte mich jetzt nicht mehr! Ich habe Sie bisher
nie leiden mögen, deshalb bin ich bei Ihren Berührung zusammengezuckt.
Aber heute erkannte ich—als Candida Sie quälites—daß Sie sie lieben.
Seitdem bin ich Ihr Freund! Jetzt können sie mich erwürgen, wenn
Sie wollen!

(Morell ihn loslassend:) Eugen, wenn das keine herzlose Lüge ist—wenn Sie noch einen Funken menschlichen Fühlens haben—so werden Sie mir sagen, was im meiner Abwesenheit vergefallen ist!

(Marchbanks:) Was vorgefallen ist? Nun, das Flamenmenschwere…
(Morell stampft ungeduldig mit dem Fuße;),—also im ganz einfacher
Prosa: ich liebte sie so unendlich, daß ich nichts weiter wünschte als
das Glück, so lieben zu für ich und bevor ich—Zote fang vom höchsten
Grafen der Gefür herunterzutaumente—traten Sie ein.

(Morell (scowen leidend:)) Leidenschaftlichem immer nicht erduldig— immer bleibt ihr noch die ehblines Zweifzig.

(Marchbanks.) Quall und wünsche jetzt nichts mehr als Candidas Glück. (Mit leidenschaftlichem Gefühl:) Oh, Morell, geben wir sie beide auf! Warum soll sie wählen müssen zwischen einem elenden, nervösen kleinen Kranken, wie ich es bin, und einem starrköpfigen Pfarrer wie Sie? Gehen wir auf Pilgerschaft, Sie nach Osten und ich nach Westen, auf der Suche nach einem würdigeren Liebhaber, einem schönen Erzengel mit purpurnen Flügeln.

(Morell.) Papperlapapp, dummes Zeug! Oh, wenn sie verrückt genug wäre, mich Ihretwegen zu verlassen, wer sollte sie beschützen, wer sollte ihr helfen, wer sollte für sie arbeiten, wer ihren Kindern ein Vater sein! (Er setzt sich verstört auf das Sofa, seine Ellbogen auf die Knie gestützt und den Kopf zwischen den geballten Fäusten.)

(Marchbanks schnappt wild mit den Fingern:) Sie stellt nicht solche törichte Fragen: sie braucht jemanden, den sie schützen und behüten, für den sie arbeiten kann, jemanden, der ihr Kinder anvertraut, um sie zu beschützen, ihnen zu helfen und für sie zu arbeiten, einen erwachsenen Menschen, der wieder wie ein kleines Kind geworden ist. Oh, Sie Narr, Sie Narr, Sie dreifacher Narr! Ich bin der Mann, Morell, ich bin der Mann! (Er tanzt aufgeregt herum und schreit:) Sie verstehen nicht, was eine Frau ist,—schicken Sie nach ihr, Morell, schicken Sie nach ihr und lassen Sie sie wählen zwischen—(Die Tür öffnet sich und Candida tritt ein; er hält wie versteinert inne.)

(Candida erstaunt an der Schwelle:) Was um alles in der Welt machen
Sie da, Eugen?

(Marchbanks drollig:) Ihr Mann und ich haben ein Wettpredigen veranstaltet, und er verliert dabei. (Candida sieht rasch nach Morell, und als sie bemerkt, daß er traurig ist, eilt sie hin zu ihm und spricht sehr ärgerlich mit heftigem Vorwurf zu Marchbanks.)

(Candida.) Sie haben ihn geärgert. Nein, das dulde ich nicht, Eugen, hören Sie! (Sie legt ihre Hand auf Morells Schulter und vergißt in ihrem Ärger ganz ihren weiblichen Takt:) Mein Liebling soll nicht geärgert werden, ich werde ihn beschützen.

(Morell sich stolz erhebend:) Beschützen?

(Candida nicht auf ihn achtend, zu Eugen:) Was haben Sie ihm gesagt?

(Marchbanks erschreckt:) Nichts. Ich—

(Candida.) Eugen, nichts?

(Marchbanks jämmerlich:) Ich meine—ich—es tut mir sehr leid, ich werde es nicht wieder tun, gewiß nicht, ich werde ihn in Ruhe lassen.

(Morell empört mit einer angreifenden Bewegung gegen Eugen:) Mich in
Ruhe lassen! Sie junger—

(Candida ihm ins Wort fallend:) Sch, nicht doch! laß mich mit ihm reden, Jakob.

(Marchbanks.) Oh, Sie sind mir doch nicht böse?

(Candida strenge:) O ja, ich bin—sehr böse. Ich hätte nicht übel
Lust, Sie aus dem Hause zu jagen.

(Morell von Candidas Heftigkeit überrascht und durchaus nicht willens, sich vor einem andern Mann durch sie retten zu lassen:) Sachte, Candida, sachte. Ich kann mich schon selbst beschützen.

(Candida ihn streichelnd:) Ja, Lieber, natürlich kannst du das. Aber man darf dich nicht ärgern und quälen.

(Marchbanks beinahe in Tränen, sich nach der Türe wendend:) Ich will gehen.

(Candida.) Oh, Sie brauchen nicht zu gehen, so spät kann ich Sie nicht fortschicken. (Heftig:) Aber schämen Sie sich, schämen Sie sich!

(Marchbanks verzweifelt:) Was habe ich denn getan?

(Candida.) Ich weiß, was Sie getan haben, so genau, als ob ich die ganze Zeit hier gewesen wäre.—Oh, es war unwürdig. Sie sind wie ein kleines Kind, Sie können Ihren Mund nicht halten.

(Marchbanks.) Ich würde lieber zehnfachen Tod erleiden, als Ihnen einen Augenblick Kummer bereiten.

(Candida mit größter Geringschätzung gegen diese Kinderei:) Ihr Tod würde mir viel nützen!

(Morell.) Liebste Candida, dieser Wortwechsel ist kaum am Platz. Es handelt sich um eine Angelegenheit zwischen zwei Männern, und ich bin dazu da, sie beizulegen.

(Candida.) Zwei Männer? Nennst du das einen Mann? (Zu Eugen:) Sie schlimmer junge, Sie!

(Marchbanks wird wunderlich liebevoll und mutig, da er ausgezankt wird:) Wenn ich mich auszanken lassen soll wie ein kleiner Junge, muß ich mich auch wie ein kleiner Junge verteidigen dürfen. Er hat angefangen und er ist größer als ich.

(Candida verliert ein wenig ihre Sicherheit, da sie Morells Würde bedroht sieht:) Das kann nicht wahr sein. (Zu Morell:) Du hast doch nicht angefangen, Jakob, nicht wahr, nein?

(Morell verachtungsvoll:) Nein.

(Marchbanks entrüstet:) Oh!

(Morell zu Eugen:) Sie haben angefangen,—heute früh. (Candida bringt dies sofort in Zusammenhang mit der geheimnisvollen Bemerkung, die Jakob nachmittag machte, als er ihr sagte, daß ihm Eugen am Morgen etwas mitgeteilt habe. Sie sieht ihn mit raschem Verdachte forschend an. Morell fährt fort mit dem Pathos der beleidigten Überlegenheit:) Aber Ihre andere Bemerkung ist richtig. Ich bin gewiß der Größere von uns beiden und, wie ich hoffe, Candida, auch der Stärkere! Es wäre daher besser, du überließest die Sache mir.

(Candida ihn wieder besänftigend:) Ja, Lieber—aber (verwirrt:) ich verstehe das nicht wegen heute morgen.

(Morell ein wenig auffahrend:) Das brauchst du auch nicht zu verstehen, meine Liebe.

(Candida.) Aber, Jakob, ich—(Die Hausglocke läutet:) Oh, wie dumm.
Da kommen sie alle! (Sie geht hinaus, sie einzulassen.)

(Marchbanks läuft zu Morell:) Oh, Morell, ist das nicht schrecklich?
Sie ist böse auf uns, sie haßt mich,—was soll ich tun?

(Morell in seltsamer Verzweiflung, sich in die Haare fahrend:) Eugen, es dreht sich mir alles im Kopf, ich werde gleich zu lachen anfangen. (Er geht in der Mitte des Zimmers auf und ab.)

(Marchbanks folgt ihm ängstlich:) Nein, nein! Dann wird sie glauben, ich hätte Sie hysterisch gemacht. Lachen Sie nicht! (Man hört heftiges Stimmengewirr und Gelächter, das immer näher kommt. Alexander Mill, dessen glänzende Augen und dessen ganzes Benehmen eine ungewohnte angeregte Stimmung verraten, tritt mit Burgess ein, der einen schmierigen und selbstgefälligen Eindruck macht, aber vollständig Herr seiner Sinne ist. Fräulein Garnett folgt ihm mit ihrem schönsten Hut und ihrer besten Jacke, aber obwohl ihre Augen glänzender sind als früher, ist sie sichtlich in besorgter Stimmung. Sie stellt sich mit dem Rücken gegen ihren Schreibmaschinentisch, mit einer Hand sich darauf stützend, mit der anderen sich über die Stirne fahrend, als ob sie etwas müde und schwindlig wäre. Marchbanks verfällt wieder in Schüchternheit und schleicht weg in die Nähe des Fensters, wo Morells Bücher sind.)

(Mill begeistert:) Herr Pastor, ich *muß* Ihnen gratulieren, (seine
Hand fassend:)—was für eine edle, herrliche, von Gott eingehauchte
Ansprache Sie gehalten haben! Sie haben sich selbst übertroffen.

(Burgess.) Ja, das haben Sie, Jakob. Ich bin bis zum letzten Worte wach geblieben,—nicht wahr, Fräulein Garnett?

(Proserpina ungeduldig:) Oh, ich habe Sie nicht beachtet, ich habe mich bemüht, Notizen zu machen. (Sie nimmt ihre Notizen heraus, blickt auf ihr Stenogramm und fängt beinahe zu weinen an.)

(Morell.) Habe ich zu schnell gesprochen, Prossi?

(Proserpina.) Viel zu schnell.—Sie wissen, ich kann nicht mehr als neunzig Worte in der Minute schreiben. (Sie macht ihren Gefühlen Luft, indem sie ihr Notizbuch ärgerlich neben die Maschine wirft, wo sie es am nächsten Morgen bereit haben will.)

(Morell besänftigend:) Nun, nun, das macht ja nichts. Habt ihr alle schon zur Nacht gegessen?

(Mill.) Herr Burgess war so liebenswürdig, uns in's Belgrave
Restaurant zu einem geradezu glänzenden Abendessen einzuladen.

(Burgess mit überschwenglicher Großmut:) O bitte, bitte, Herr Mill. (Bescheiden:) Sie waren mir bei meinem bescheidenen Feste herzlich willkommen.

(Proserpina.) Wir haben Champagner getrunken! Ich hatte noch niemals welchen gekostet. Ich bin ganz schwindlig.

(Morell überrascht:) Ein Champagnersouper! Das war sehr hübsch von
Ihnen. Ist meine Beredsamkeit schuld an dieser Verschwendung?

(Mill mit Pathos:) Ihre Beredsamkeit und Herrn Burgess' Herzensgüte.
(Mit erneutem Gefühlsausbruch:) Was für ein herrlicher Mensch der
Vorsitzende war, Herr Morell; er hat auch mit uns gespeist.

(Morell bedeutungsvoll Burgess anblickend:) So, so, der Vorsitzende! —*jetzt* verstehe ich! (Burgess verbirgt hinter einem Hüsteln ein Lächeln der Zufriedenheit über seine diplomatische Geschicklichkeit und setzt sich an den Kamin. Mill verschränkt die Arme und lehnt sich neben das Büchergestell in einer Stellung, die seine Begeisterung zum Ausdruck bringt. Candida kommt mit Gläsern, Zitronen und heißem Wasser auf einem Tablett herein.)

(Candida.) Wer wünscht etwas Limonade? Sie kennen unsere Hausregel: vollkommene Abstinenz! (Sie stellt das Tablett auf den Tisch, nimmt den Zitronenpresser zur Hand und blickt fragend umher.)

(Morell.) Du bemühst dich umsonst, meine Liebe, sie haben alle
Champagner getrunken, Prossi hat ihr Gelübde gebrochen.

(Candida zu Proserpina:) Sie wollen doch nicht behaupten, daß Sie auch
Champagner getrunken haben?

(Proserpina verstockt:) Ja, das hab' ich; ich bin nur eine Bier-, keine Champagnerabstinenzlerin. Ich mag kein Bier.—Sind Briefe für mich zur Beantwortung da, Herr Pastor?

(Morell.) Nichts mehr für heute.

(Proserpina.) Dann gute Nacht allerseits.

(Mill galant:) Wäre es nicht geraten, daß ich Sie nach Hause begleite,
Fräulein Garnett?

(Proserpina.) Nein, ich danke. Ich würde mich heute nacht niemandem anvertrauen wollen! Hätte ich nur nichts von diesem Zeug getrunken! Sie geht rasch hinaus.

(Burgess empört:) Zeug! Dieses Mädel weiß nicht, was Champagner ist.
Pommery und Greno, zwölf Schilling sechs Pence die Flasche. Zwei
Gläser nacheinander hat sie geleert.

(Morell etwas besorgt:) Gehen Sie, Lexi, und sehen Sie nach ihr!

(Mill beunruhigt:) Aber wenn sie wirklich… bedenken Sie, wenn sie in den Straßen zu singen anfängt oder dergleichen!

(Morell.) Eben darum wäre es besser, Sie brächten sie sicher nach
Hause.

(Candida.) Tun Sie es, Lexi, als guter Kamerad! (Sie reicht ihm die
Hand und schiebt ihn sanft nach der Tür.)

(Mill.) Es ist selbstverständlich meine Pflicht, mit ihr zu gehen.
Ich hoffe aber, es wird nicht nötig gewesen sein. Gute Nacht, Frau
Morell. (Zu den übrigen:) Gute Nacht. (Er geht, Candida schließt die
Tür hinter ihm.)

(Burgess.) Er war selbst ganz aus dem Häuschen in lauter Frömmigkeit nach dem zweiten Glas. Heutzutage können die Leute nicht mehr trinken wie früher. (Den Gegenstand fallen lassend, geht er vom Kamin fort.) Nun, Jakob, es ist Zeit, das Haus zu schließen. Herr Marchbanks, werden Sie mir auf dem Heimwege ein Stückchen das Vergnügen Ihrer Gesellschaft schenken?

(Marchbanks erschrocken:) Ja, es ist besser, ich gehe. (Er eilt nach der Tür, aber Candida stellt sich ihm in den Weg.)

(Candida mit ruhiger Würde:) Sie setzen sich noch, Sie werden noch nicht gehen!

(Marchbanks eingeschüchtert:) Nein,—ich—ich wollte ja auch nicht.
(Er kommt zurück in das Zimmer und setzt sich gehorsam auf das Sofa.)

(Candida.) Herr Marchbanks bleibt heute nacht bei uns, Papa.

(Burgess.) Na, dann sage ich gute Nacht. Auf Wiedersehn, Jakob. (Er schüttelt Morell die Hand und geht hinüber zu Eugen.) Lassen Sie sich ein Nachtlicht an Ihr Bett stellen, Herr Marchbanks, es wird Sie beruhigen, falls Sie in der Nacht einen Anfall Ihres Leidens bekommen sollten! Gute Nacht.

(Marchbanks.) Ich danke Ihnen, es soll geschehn. Gute Nacht, Herr
Burgess. (Sie geben einander die Hände, Burgess geht zur Tür.)

(Candida hält Morell zurück, der Burgess begleiten will:) Bleib' hier, mein Lieber, ich werde Papa seinen Rock anziehen helfen. (Sie geht mit Burgess hinaus.)

(Marchbanks.) Herr Pastor, es wird eine schreckliche Szene geben.
Haben Sie keine Angst?

(Morell.) Nicht die geringste.

(Marchbanks.) Ich habe Sie bisher nie um Ihren Mut beneidet. (Er erhebt sich schüchtern und berührt mit seiner Hand flehend Morells Unterarm:) Stehen Sie mir bei,—wollen Sie?

(Morell schüttelt ihn sanft, aber entschieden ab:) Jeder für sich,
Eugen! Sie—muß nun zwischen uns wählen. (Er gebt beim Eintritt
Candidas auf die andere Seite des Zimmers, Eugen setzt sich mit seinem
besten Benehmen wie ein schuldbewußter Schulknabe auf das Sofa.)

(Candida zwischen den beiden, sich zu Eugen wendend:) Tut es Ihnen leid?

(Marchbanks ernst:) Ja, unendlich.

(Candida.) Gut, dann ist Ihnen verziehen. Nun gehen Sie wie ein braver kleiner Junge zu Bett, ich möchte mit Jakob über Sie sprechen.

(Marchbanks erhebt sich mit größter Bestürzung:) Oh, das kann ich nicht.—Herr Pastor, ich muß hierbleiben. Ich will nicht fortgehen. Sagen Sie es ihr!

(Candida die ihren Verdacht bestätigt sieht:) Was soll er mir sagen? (Seine Augen vermeiden die ihrigen, sie wendet sich um und überträgt ihre Frage stumm auf Morell.)

(Morell wappnet sich für die Katastrophe:) Ich habe ihr nichts zu sagen, ausgenommen—(dabei sinkt seine Stimme zu maßvoller, trauriger Zärtlichkeit herab:) daß sie mein größter Schatz auf Erden ist—wenn sie mir wirklich gehört.

(Candida kalt, verletzt, daß er seinem Rednerinstinkt nachgibt und sie behandelt, als ob sie sich unter den Zuhörern der Gilde von St. Matthäus befände:) Ich bin überzeugt, daß Eugen nicht weniger sagen kann, wenn das alles ist.

(Marchbanks entmutigt:) Morell, sie lacht uns aus.

(Morell auffahrend:) Es gibt da nichts zu lachen. Lachst du uns aus,
Candida?

(Candida mit stillem Ärger:) Eugen ist sehr witzig, ich hoffe, daß ich lachen werde—aber vorläufig fürchte ich, mich ärgern zu müssen. (Sie geht an den Kamin und bleibt dort stehen, ihren Arm auf dem Gesims und ihren Fuß auf dem Gitter, während Eugen sich zu Morell hinstiehlt und ihn beim Arm faßt.)

(Marchbanks flüsternd:) Halten Sie ein, Herr Pastor; sagen wir nichts mehr.

(Morell stößt Eugen fort, ohne ihn eines Blickes zu würdigen:) Ich hoffe, daß du mir nicht drohen willst, Candida.

(Candida mit feierlicher Warnung:) Nimm dich in acht, Jakob!—Eugen, ich habe gewünscht, daß Sie gehen sollen,—gehen Sie oder nicht?

(Morell mit dem Fuße stampfend:) Er wird nicht gehen; ich wünsche, daß er bleibt.

(Marchbanks.) Ich will gehen. Ich tue, was Sie wollen. (Er wendet sich zur Tür.)

(Candida.) Bleiben Sie. (Er gehorcht.) Haben Sie nicht gehört, daß Jakob wünscht, daß Sie bleiben sollen? Jakob ist hier der Herr, wissen Sie das nicht?

(Marchbanks errötend, mit der Wut eines jungen Dichters gegen Tyrannei:)
Was gibt ihm das Recht dazu?

(Candida ruhig:) Sag es ihm, Jakob.

(Morell bestürzt:) Meine Liebe, ich bin mir keines Rechtes bewußt, das mich zum Herrn macht; ich bestehe auf keinem solchen Rechte.

(Candida mit schwerem Vorwurf:) Du weißt es nicht? O Jakob, Jakob!
(Zu Eugen nachdenklich:) Ich wüßte gern, ob Sie das verstehen, Eugen…
Nein, Sie sind zu jung. Nun, ich erlaube Ihnen, zu bleiben und zu
lernen. (Sie geht von Kamin fort und stellt sich zwischen die beiden.)
Also, Jakob, was ist's? Komm und sag' es mir.

(Marchbanks flüstert ihm ängstlich zu:) Sagen Sie ihr lieber nichts.

(Candida.) Bitte!—Heraus damit!

(Morell langsam:) Ich wollte dich sorgfältig vorbereiten, Candida, um jedes Mißverständnis zu vermeiden.

(Candida.) Ja, Lieber, das wolltest du gewiß; aber sei unbesorgt, ich werde nichts mißverstehen.

(Morell.) Nun denn, es—(Er zögert, unfähig, die lange Erklärung zu finden, die er für nötig hält.)

(Candida.) Nun?

(Morell klipp und klar:) Eugen behauptet, daß du ihn liebst.

(Marchbanks außer sich:) Nein, nein, nein, nein, niemals, das habe ich nicht behauptet, Frau Morell, es ist nicht wahr! Ich sagte, daß ich Sie liebe und er nicht. Ich sagte, daß ich Sie verstehe und daß er es nicht kann. Und nicht infolgedessen, was sich hier am Kamin zugetragen hat, habe ich das gesagt,—ganz gewiß nicht, auf mein Wort! schon heute morgen hab' ich es ihm gesagt!

(Candida erleuchtet:) Heute morgen?!

(Marchbanks.) Ja! (Er siebt sie um Glauben bittend an und fügt dann einfach hinzu:) Das war auch der Grund, warum mein Kragen in Unordnung geriet.

(Candida nach einer Pause, weil sie nicht gleich begreift, was er meint:) Ihr Kragen! (Sie wendet sich erschrocken zu Morell, verletzt:) O Jakob, hast du ihn—? (Sie hält inne.)

(Morell beschämt:) Du weißt, Candida, daß ich mit meinem Temperament zu kämpfen habe, und er sagte, (schauernd:) daß du mich verachtest in deinem Herzen.

(Candida wendet sich rasch zu Eugen:) Haben Sie das gesagt?

(Marchbanks geängstigt:) Nein!

(Candida strenge:) Dann hat mich also Jakob eben angelogen. Wollen
Sie das behaupten?

(Marchbanks.) Nein, nein: ich—ich… (herausplatzend mit der verzweifelten Erklärung:)—es war die Rede von Davids Frau, nicht bei ihm zu Hause, sondern als sie ihn tanzen sah vor allen Leuten.

(Morell nimmt diesen Fingerzeig mit der Geschicklichkeit eines Wortkämpfers auf:) Ja, als er vor dem ganzen Volke tanzte, Candida, in der Meinung, daß er ihre Herzen dadurch rührte, während sie nur an Prossis Leiden litten. (Sie ist im Begriff zu protestieren, er winkt ihr mit der Hand, um sie zum Schweigen zu bringen, und fährt fort:) Tue nicht als ob du entrüstet wärest, Candida.

(Candida.) Tun als ob?!

(Morell fortfahrend:) Eugen hatte recht! Wie du mir einige Stunden später klarmachtest, hat er immer recht. Er sagte nichts, was du nicht viel besser selbst gesagt hättest. Er ist der Dichter, der alles sieht; und ich bin der arme Pastor, der nichts versteht.

(Candida reuevoll:) Ärgert dich, was ein närrischer junge gesagt hat, weil ich im Scherz etwas Ähnliches sagte?

(Morell.) Der närrische Junge kann mit der Begeisterung eines Kindes und mit der Verschlagenheit einer Schlange sprechen. Er hat behauptet, daß du ihm gehörst und nicht mir, und, ob mit Recht oder Unrecht, ich beginne zu fürchten, daß es wahr sein könnte. Ich will nicht umhergehen von Zweifeln und Verdächtigungen gequält. Ich will nicht mit dir leben und ein Geheimnis vor dir haben. Ich will nicht die entwürdigende Qual der Eifersucht erdulden. Deshalb haben wir beschlossen—er und ich—daß du jetzt zwischen uns wählen sollst! Ich erwarte deine Entscheidung.

(Candida weicht langsam einen Schritt zurück, verletzt über sein Pathos, trotz des aufrichtigen Gefühls, das sie heraushört:) Oh, ich muß also wählen? Ich nehme an, daß eines vollkommen feststeht: daß ich einem o d e r dem andern gehören muß.

(Morell entschlossen:) Vollkommen; du mußt endgültig wählen.

(Marchbanks ängstlich:) Herr Pastor,—Sie verstehen nicht: sie meint, daß sie sich selbst gehört.

(Candida sich zu ihm wendend:) ja, das meine ich, Junker Eugen, und noch sehr viel mehr, wie Ihr beide sofort herausfinden werdet. Und ich frage, meine Herren und Gebieter, was habt Ihr für meine Wahl zu geben? Es scheint, daß ich versteigert werden soll. Wieviel bietest du, Jakob?

(Modell vorwurfsvoll:) Cand…. (Er bricht zusammen, seine Augen füllen sich mit Tränen, und seine Kehle schnürt sich zu, der Redner wird zu einem verwundeten Tier.) Ich kann nicht sprechen.

(Candida geht impulsiv zu ihm hin:) O Liebster!

(Marchbanks in wildem Aufruhr:) Halten Sie ein, das ist nicht gerecht. Sie dürfen ihr nicht zeigen, daß Sie leiden, Morell.—Ich bin auch auf der Folter, aber ich weine nicht.

(Morell nimmt seine ganze Kraft zusammen:) Ja, Sie haben recht. Es ist nicht Mitleid, worum ich bitte. (Er befreit sich von Candida.)

(Candida zieht sich frostig zurück:) Entschuldige, Jakob, ich hatte nicht die Absicht, dich zu berühren. Ich warte auf dein Angebot.

(Morell mit stolzer Demut:) Ich habe dir nichts zu bieten als meine
Kraft zu deinem Schutze, mein ehrliches Wollen für deine Ruhe, meine
Tüchtigkeit und Arbeit für deinen Unterhalt und mein Ansehen und meine
Stellung für deine Würde. Das ist alles, was einem Manne ansteht,
einer Frau zu bieten.

(Candida ganz ruhig:) Und Sie, Eugen, was bieten Sie?

(Marchbanks.) Meine Schwäche! meine Trostlosigkeit! meine Herzensnot!

(Candida gerührt:) Das ist ein gutes Angebot, Eugen; nun weiß ich, wie ich meine Wahl zu treffen habe. (Sie hält inne und blickt seltsam von einem zum andern, als ob sie beide abschätzte. Morell, dessen hochtmütiges Zutrauen sich in herzzerreißende Angst bei Eugens Gebot verwandelt hat, verliert alle Beherrschung, und kann seine Angst nicht verbergen. Eugen dagegen, mit äußerst angespannter Kraft, zuckt mit keiner Wimper.)

(Morell mit halb erstickter Stimme—ein Hilferuf entringt sich den
Tiefen seiner Verzweiflung:) Candida!

(Marchbanks beiseite mit einem Aufwallen der Verachtung:) Feigling!

(Candida bedeutsam:) Ich gebe mich dem Schwächeren von beiden. (Eugen errät ihre Meinung sofort; sein Gesicht wird weiß wie scbmelzender Stahl.)

(Morell neigt seinen Kopf mit der Ruhe der Gebrochenheit:) Ich nehme deine Entscheidung an, Candida.

(Candida.) Verstehen Sie, Eugen?

(Marchbanks.) Oh, ich fühle, ich bin verloren. Er könnte die Last nicht ertragen!

(Morell ungläubig, hebt seinen Kopf empor, mit prosaischer Stumpfheit:)
Meinst du mich, Candida?

(Candida lächelt ein wenig:) Setzen wir uns und plaudern wir gemütlich darüber wie drei Freunde. (Zu Morell:) Setze dich, mein Lieber. (Morell nimmt den Stuhl vom Kamin—den Kindersessel.) Bringen Sie mir diesen Stuhl, Eugen. (Sie weist auf den Lehnstuhl, er holt ihn schweigend, sogar mit etwas wie kühler Beherrschung und setzt ihn neben Morell, etwas hinter ihn. Sie setzt sich, er geht an das Sofa und läßt sich dort nieder, noch immer schweigsam und unergründlich. Als sie alle sitzen, beginnt Candida,—einen Hauch von Ruhe um sich breitend, mit ihrer sanften, gesunden, zärtlichen Stimme:) Sie erinnern sich doch, was Sie mir über sich selbst erzählten, Eugen: wie sich niemand um Sie gekümmert hat, seit Ihre alte Amme starb. Wie Ihre gescheiten, vornehmen Schwestern und erfolgreichen Brüder die Lieblinge Ihrer Eltern waren, wie elend es Ihnen in Eton erging, wie Ihr Vater Sie durch Entbehrungen zwingen will, nach Oxford zurückzukehren, wie Sie leben mußten ohne Behaglichkeit oder Willkommen, ohne Zufluchtsstätte, immer einsam und fast immer ungern gesehen und mißverstanden! Sie armer Junge!

(Marchbanks der Größe seines Schicksals würdig:) Ich hatte meine
Bücher. Ich hatte die Natur. Und endlich bin ich Ihnen begegnet.

(Candida.) Lassen wir das im Augenblick beiseite. Nun möchte ich, daß Sie sich diesen andern Jungen hier betrachten,—meinen verwöhnten Jungen,—verwöhnt von seiner Wiege an. Einmal alle vierzehn Tage besuchen wir seine Eltern. Da sollten Sie mit uns kommen, Eugen, und die Bilder des Helden dieser Familie sehen. Jakob als Baby, das wundervollste aller Babys! Jakob, als er seinen ersten Schulpreis erhielt, gewonnen im reifen Alter von acht Jahren! Jakob als der Führer seiner Mitschüler beim Cricketspiel! Jakob in seinem ersten schwarzen Anzug! Jakob in allen möglichen ruhmvollen Posen. Sie wissen, wie stark er ist—ich hoffe, er hat Ihnen nicht weh getan—wie gescheit er ist—wie glücklich! (Mit wachsendem Ernst:) Fragen Sie Jakobs Mutter und seine drei Schwestern, was es sie gekostet hat, Jakob die Mühe zu ersparen, irgend etwas zu tun, als stark, gescheit und glücklich zu sein. Fragen Sie mich, was es mich kostet, Jakobs Mutter und seine drei Schwestern und seine Frau und Mutter seiner Kinder—alles in einer Person—zu sein! Fragen Sie Prossi und Marie, wieviel Arbeit das Haus gibt, selbst wenn wir keine Besucher haben, die uns helfen Zwiebeln schneiden. Fragen Sie die Geschäftsleute, die Jakob stören und seine prachtvollen Predigten gefährden wollen, wer es ist, der sie abschüttelt! Wenn Geld zu geben ist, so gibt er es; wenn Geld zu verweigern ist, so verweigere ich es. Ich habe ihm ein Schloß von Behaglichkeit, Nachsicht und Liebe erbaut und stehe immer Schildwache davor, um all den täglichen kleinen Lebenssorgen den Eintritt zu verwehren. Ich mache ihn hier zum Herrn, obwohl er es nicht weiß und Ihnen vor einem Augenblicke nicht sagen konnte, wie er dazu gekommen ist, es zu sein. (Mit süßer Ironie:) Und als er dachte, ich könnte mit Ihnen fortgehen, da war seine einzige Sorge, was aus mir werden würde; und um mich zum Bleiben zu bewegen, bot er mir— (sie neigt sich vor und streicht ihm bei jedem Satze über das Haar) seine Kraft zu meinem Schutze, seine Arbeit für meinen Unterhalt, seine Stellung für meine Würde, seine (zögernd:) ah, ich verwechsle deine wunderschönen Sätze und verderbe sie, nicht wahr, Liebling?

(Morell kniet ganz überwältigt neben ihren Stuhl und umschlingt sie mit knabenhafter Leidenschaft:) Alles ist wahr, jedes Wort. Was ich bin, hast du aus mir gemacht, durch die Arbeit deiner Hände und die Liebe deines Herzens. Du bist mein Weib, meine Mutter, meine Schwester,—du bist die Summe aller Liebessorgen für mich.

(Candida in seinen Armen, lächelnd zu Marchbanks:) Bin ich Ihnen auch
Mutter und Schwester, Eugen?

(Marchbanks erhebt sich mit einer heftigen Bewegung des Ekels:) Oh, niemals! Hinaus denn in die Nacht mit mir!

(Candida erhebt sich rasch und unterbricht ihn:) sie werden nicht so von uns gehn, Eugen!

(Marchbanks mit dem Tonfall eines entschlossenen Mannes, nicht mit der Stimme eines Knaben:) Ich weiß, wann die Stunde geschlagen hat. Ich bin ungeduldig zu tun, was getan werden muß.

(Morell erhebt sich von seinen Knien, beunruhigt:) Candida, laß ihn nichts Übereiltes begehen!

(Candida lächelt Eugen vertrauensvoll an:) Oh, sei unbesorgt, er hat gelernt, ohne Glück zu leben.

(Marchbanks.) Ich ersehne nicht mehr Glück; das Leben kann Höheres bieten. Pastor Jakob, ich gebe Ihnen mein Glück mit beiden Händen hin; ich liebe Sie, weil Sie das Herz der Frau, ganz ausgefüllt haben, die ich liebte. Leben Sie wohl! (Er geht zur Tür.)

(Candida.) Ein letztes Wort. (Er hält inne, aber ohne sich nach ihr umzuwenden.) Wie alt sind Sie, Eugen?

(Marchbanks.) Jetzt bin ich so alt wie die Welt. Heute morgen war ich achtzehn Jahre!

(Candida geht zu ihm hin und steht hinter ihm, eine Hand liebkosend auf seiner Schulter:) Achtzehn… Wollen Sie mir zuliebe ein kleines Gedicht aus zwei Zeilen machen, die ich Ihnen sagen will? Und wollen Sie mir versprechen, sich's immer vorzusagen, so oft Sie an mich denken.

(Marchbanks ohne sich zu rühren:) Sagen Sie die beiden Zeilen.

(Candida.) Wenn ich dreißig sein werde, dann wird sie fünfundvierzig sein; wenn ich sechzig sein werde, dann wird sie fünfundsiebzig sein.

(Marchbanks wendet sich nach ihr um:) In hundert Jahren werden wir gleich alt sein! Aber ich trage ein besseres Geheimnis als das in meinem Herzen! Lassen Sie mich jetzt gehen, die Nacht wächst draußen ungeduldig.

(Candida.) Leben Sie wohl! (Sie nimmt sein Gesicht in die Hände, und da er ihre Absicht errät und sein Knie beugt, küßt sie ihn auf die Stirne, dann flieht er hinaus in die Nacht.—Sie wendet sich zu Morell, mit ausgebreiteten Armen:) O Jakob! (Sie umarmen einander. Aber das Geheimnis in des Dichters Herzen, das kennen sie nicht.)

(Vorhang)

Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes CANDIDA, von George Bernard Shaw.