ERSTER AKT

(Ein schöner Oktobermorgen im nordöstlichen Viertel Londons. In diesem ausgedehnten Bezirk sind die Seitengässchen viel weniger schmal, schmutzig, übelriechend und stickig als in dem viele Meilen entfernten London von Mayfair und St. James. Hier spielt sich besonders das unelegante Leben der Mittelklassen ab. Die breiten, dichtbevölkerten Strassen sind mit hässlichen eisernen Bedürfnisanstalten, radikalen Klubs und Trambahnlinien, auf denen Ketten von gelben Wagen endlos einziehen, reichlich versehn. Doch Sind die Hauptverkehrsadern mit grasbewachsenen Vorgärtchen verziert, von denen man nur den kleinen Streifen betritt, der vom Pförtchen zur Haustür führt. Jene Strassen werden durch die stumm geduldete Eintönigkeit sich meilenweit erstreckender hässlicher Ziegelbauten, schwarzer Eisengitter, Steinpflaster und Schieferdächer arg entstellt. Anständig aber unmodern oder gemein und ärmlicb gekleidete Leute, die an dieses Viertel gewöhnt sind und sich zumeist in aufreibender Weise für andere plagen müssen, ohne sich für ihre Arbeit zu interessieren, bilden ihre Bewohner. Das bisschen ihnen gebliebene Energie und Eifer gipfelt in der Habgier des Londoner Cockneys und in der Begierde, ihr Geschäft vorwärts zu bringen. Selbst die Schutzleute und die Kapellen sind nicht selten genug, die Eintönigkeit zu unterbrechen. Die Sonne scheint klar, es ist nicht neblig, und obgleich der Rauch sowohl die Gesichter und Hände als auch die Mauern aus Ziegelstein und Mörtel verhindert, frisch und rein zu sein, so ist er doch nicht schwarz und schwer genug, um einen Londoner zu belästigen.)

(Diese reizlose Wüste hat ihre Oase. Am äussersten Ende der Hackneystrasse ist ein durch ein hölzernes Pfahlwerk abgeschlossener Park von 270 Morgen angelegt. Er enthält Rasenplätze, Bäume, einen Teich zum Baden, Blumenbeete, die Triumphe der vielbewunderten Cockney-Kunst der Teppichgärtnerei sind, und eine Sandgrube, die ursprünglich zur Belustigung der Kinder vom Meeresufer importiert, aber schleunigst verlassen wurde, als sie sich in eine natürliche Ungezieferbrutstätte für die ganz kleine Fauna von Kingsland, Hackney und Hoxton verwandelte. Ein Orchester, ein kleines Forum für religiöse, antireligiöse und politische Redner, Cricketplätze, ein Turnplatz und ein altmodischer Steinkiosk bilden die Hauptanziehungspunkte. Wo die Aussicht von Bäumen oder grünen Anhöhen begrenzt wird, ist es ein hübscher Aufenthaltsort. Wo sich aber der Boden flach bis zu dem grauen Lattenzaun hinzieht und man Ziegel und Mörtel, Reklameschilder, zusammengedrängte Schornsteine und Rauch gewahrt muss die Gegend (im Jahre 1894), trostlos und hässlich genannt werden.)

(Die beste Aussicht auf den Viktoriapark gewinnt man von den Frontfenstern der St. Dominikpfarre; von dort sieht man auf keinerlei Mauerwerk. Das Pfarrhaus steht halb frei, mit einem Vorgarten und einer Vorhalle. Besucher benützen die Stufen, die auf die Veranda führen, Geschäftsleute und Familienmitglieder geben durch eine Tür unterhalb der Treppe in das Erdgeschoß, wo ein Frühstückszimmer nach vorne liegt, das zu allen Mahlzeiten dient; die Küche liegt hinten. Oben, auf einem Niveau mit der Flurtür, befindet sich das Empfangszimmer mit seinem breiten Fenster aus geschliffenem Glas, das auf den Park hinausführt.)

(Hier, in dem einzigen Raume, der von den Familienmahlzeiten und den Kindern verschont bleibt, vollbringt der Pfarrer, Reverend Jakob Mavor Morell, sein Tagewerk. Er sitzt in einem starken drehbaren Stuhl mit runder Lehne am Ende eines langen Tisches, der dem Fenster gegenübersteht, so daß er sich durch einen Blick über die linke Schulter an der Aussicht auf den Park erfreuen kann. Am Ende des Tisches, an diesen anstoßend, befindet sich ein zweiter Tisch, der nur halb so breit ist und eine Schreibmaschine trägt.—Seine Schreiberin sitzt davor mit dem Rücken gegen das Fenster. Der große Tisch ist unordentlich mit Zeitungen, Broschüren, Briefen, Schubladeeinsätzen, einem Notizheft, einer Briefwage und ähnlichen Dingen bedeckt. In der Mitte steht ein übriger Stuhl für die Besucher, die mit dem Pfarrer geschäftlich zu tun haben. Seiner Hand erreichbar steht eine Papierkassette und eine Photographie in einem Rahmen. Die Wand hinter ihm ist mit Bücherregalen zugestellt. Die theologische Richtung des Pfarrers kann ein Sachverständiger an: Maurices "Theologischen Essays" und einer vollständigen Ausgabe der Browningschen Gedichte erkennen, seine politischen Reformideen an einem gelbrückigen Band "Fortschritt und Armut", den "Essays der Fabier", dem "Traum John Bulls" von William Morris, dem "Kapital" von Marx und einem halben Dutzend anderer grundlegender sozialistischer Bücher. Dem Pfarrer gegenüber, auf der andern Seite des Zimmers in der Nähe der Schreibmaschine, ist die Tür. Weiter hinten, dem Kamin gegenüber, steht ein Bücherbrett auf einem Spind, daneben ein Sofa. Ein starkes Feuer brennt im Kamin und davor steht ein bequemer Lehnstuhl, ferner ein schwarz lackierter, blumenbemalter Kohleneimer auf der einen Seite und ein Kindersessel für einen Knaben oder ein Mädchen auf der anderen. Der hölzerne Kaminsims ist lackiert, und in den kleinen Feldern der nett geformten Fächer sind winzige Spiegelgläser eingelegt, und eine Reiseuhr in einem Lederetui (das unvermeidliche Hochzeitsgeschenk) steht darauf. An der Wand darüber hängt eine große Autotypie der Hauptfigur aus Tizians Assunta. So sieht der Kamin sehr einladend aus. Im ganzen gesehen ist es das Zimmer einer guten Hausfrau, die, was des Pastors Arbeitstisch betrifft, an etwas Unordnung gewöhnt ist, aber trotzdem die Situation vollkommen beherrscht. Die Einrichtung verrät in ihrem ornamentalen Aussehen den Stil der in den Zeitungen annoncierten "Saloneinrichtung" des unternehmenden Vorstadtmöbelhändlers; aber es ist nichts Zweckloses oder Aufdringliches in dem Zimmer. Die Tapeten und die Täfelung sind dunkel und lassen das große helle Fenster und den Park draußen kräftig hervortreten.)

(Hochwürden Jakob Mavor Morell ist ein christlich-sozialer Geistlicher der anglikanischen Kirche und ein aktives Mitglied der Gilde von "Sankt Matthäus" und der "Christlich Socialen Union". Ein starker, freundlicher, allgemein geachteter Mann von vierzig fahren, kräftig und hübsch, voll Energie und mit liebenswürdigen, herzlichen, rücksichtsvollen Manieren, mit einer gesunden, natürlichen Stimme, die er mit der wirkungsvollen Betonung eines geübten Redners benutzt. Er verfügt über einen großen Wortschatz, den er vollkommen beherrscht. Er ist ein vorzüglicher Geistlicher, fähig, was er will zu wem er will zu sagen und die Leute abzukanzeln, ohne sich über sie zu ärgern, ihnen seine Autorität aufzudrängen, ohne sie zu demütigen und, wenn es sein muß, sich in ihre Angelegenheiten zu mischen, ohne dabei zu verletzen. Die Quelle seiner Begeisterung und seines Mitgefühls versiegt niemals auch nur für einen Augenblick; er ißt und schläft noch immer ausgiebig genug, um die tägliche Schlacht zwischen Erschöpfung und Erholung glänzend zu gewinnen. Dabei ist er ein großes Kind, verzeihlicherweise eitel auf seine Fähigkeiten und unbewust selbstgefällig. Er hat eine gesunde Gesichtsfarbe, eine schöne Stirn mit etwas plumpen Augenbrauen, glänzende und lebhafte Augen, einen energischen Mund, der nicht besonders schön geschnitten ist, und eine kräftige Nase mit den beweglichen, sich blähenden Nasenflügeln des dramatischen Redners, die aber wie alle seine Züge der Feinheit entbehrt.)

(Die Maschinenschreiberin, Fräulein Proserpina Garnett, ist eine flinke kleine Person von ungefähr dreißig Jahren, sie gehört der unteren Mittelklasse an, ist nett, aber billig mit einem schwarzen Wollrock und einer Bluse bekleidet, ziemlich vorlaut und naseweis und nicht sehr höflich in ihrem Benehmen, aber empfindungsfähig und teilnahmsvoll. Sie klappert emsig auf ihrer Maschine drauf los, während Morell den letzten Brief seiner Morgenpost öffnet. Er durchfliegt seinen Inhalt mit einem komischen Stöhnen der Verzweiflung.)

(Proserpina.) Wieder ein Vortrag?

(Morell.) Ja. Ich soll nächsten Sonntagvormittag für die
Freiheitsgruppe von Hoxton sprechen. (Er betont mit großer
Wichtigkeit "Sonntag", weil das der unvernünftige Teil des Verlangens
ist.) Was sind das für Leute?

(Proserpina.) Ich glaube, kommunistische Anarchisten.

(Morell.) Es sieht den Anarchisten ähnlich, nicht zu wissen, daß sie am Sonntag keinen Pastor haben können. Schreiben Sie ihnen, sie sollen in die Kirche kommen, wenn sie mich hören wollen, das kann ihnen nicht schaden! Und fügen Sie hinzu, daß ich nur Montags und Donnerstags frei bin. Haben Sie das Vormerkbuch da?

(Proserpina hebt das Vormerkbuch auf:) Ja!

(Morell.) Ist irgendeine Vorlesung für nächsten Montag angesetzt?

(Proserpina im Vormerkbuch nachschlagend:) Der radikale Klub von Tower
Hamlet.

(Morell) Nun, und Donnerstag?

(Proserpina.) Die englische Bodenreform-Liga.

(Morell.) Was dann?

(Proserpina.) In der Gilde von Sankt Matthäus am Montag. In der unabhängigen Arbeitervereinigung, Abteilung Greenwich, am Donnerstag; am Montag darauf in der soziademokratischen Föderation, Abteilung Mile End; am folgenden Donnerstag ist die erste Konfirmationsklasse. (Ungeduldig:) Ach, ich will lieber schreiben, daß Sie überhaupt nicht kommen können; es sind doch nur ein halbes Dutzend unwissende und eingebildete Hausierer, die miteinander keine fünf Schilling haben.

(Morell belustigt:) Ah, aber bedenken Sie, es sind nahe Verwandte von mir, Fräulein Garnett.

(Proserpina ihn anstarrend:) Verwandte von Ihnen?

(Morell.) Ja! Wir haben denselben Vater—im Himmel.

(Proserpina erleichtert:) Oh, weiter nichts?

(Morell mit einer Melancholie, die einem Manne Genuß ist, dessen Stimme sie schon so schön auszudrücken vermag:) Ah, Sie glauben das auch nicht,—jedermann sagt es, niemand glaubt es, niemand! (Schnell zu seinem Gegenstande zurückkehrend:) Gut, gut! Na, Fräulein Proserpina, können Sie keinen Tag für die Hausierer finden, wie ist's mit dem fünfundzwanzigsten,—der war noch vorgestern frei.

(Proserpina aus dem Vormerkbuch:) Auch vergeben—an die Fabier.

(Morell.) Hol' der Geier die Fabier! Ist der achtundzwanzigste gleichfalls vergeben?

(Proserpina.) Bankett in der City. Sie sind von den Hüttenbesitzern zum Speisen eingeladen.

(Morell.) Das geht, ich werde eben statt dessen nach Hoxton gehen. (Sie trägt diese Verpflichtung schweigend ein, mit unerschütterlicher Verachtung gegen diese Hoxtoner Anarchisten, die sich in jeder Linie ihres Gesichtes spiegelt. Morell reißt das Streifband eines Exemplars des "Church Reformer" ab, das mit der Post angekommen ist, und überfliegt den Leitartikel Stewart Hedlams und die Mitteilungen der Gilde von Sankt Matthäus. Diese Vorgänge werden alsbald durch das Erscheinen des Unterpfarrers Morells, Alexander Mill, unterbrochen. Er ist ein junger Mensch, den Morell von der nächsten Missionstelle der Universität bezogen hat, wohin er von Oxford gekommen war, um dem East-End von London die Wohltat seiner akademischen Bildung angedeihen zu lassen. Er ist ein eingebildeter, gutgesinnter, unreifer Mann, von enthusiastischer Natur. Nichts absolut Unausstehliches ist in seinem Wesen außer der Gewohnheit, um eine gezierte Sprache zu erzielen, mit sorgsam geschlossenen Lippen zu reden und eine Menge Vokale schlecht auszusprechen, als ob dies das Hauptmittel wäre, die Bildung Oxfords unter den Pöbel Hackneys zu tragen.)

(Morell, den er durch eine hündische Unterwürfigkeit für sich gewann, blickt nachsichtig von seiner Lektüre im "Church Reformer" auf und bemerkt:) Nun, Lexi, wieder verschlafen, wie gewöhnlich?

(Mill.) Leider ja. Ich wollte, ich könnte des Morgens leichter aufstehen.

(Morell freut sich der eigenen Energie:) Ha, ha! (launig:) "Wache und bete", Lexi, "wache und bete".

(Mill.) Ich weiß. (Er benützt diese Gelegenheit sofort, um einen Witz zu machen.) Aber wie kann ich wachen und beten, wenn ich schlafe; —hab' ich nicht recht, Fräulein Prossi?

(Proserpina scharf:) Fräulein Garnett, wenn ich bitten darf.

(Mill.) Entschuldigen Sie, Fräulein Garnett.

(Proserpina.) Sie müssen heute alle Arbeit allein erledigen. (Mill.)
Warum?

(Proserpina.) Fragen Sie nicht, warum. Es wird Ihnen wohl bekommen, Ihr Abendbrot einmal zu verdienen, bevor Sie es essen, wie ich es täglich tue. Los, trödeln Sie nicht. Sie sollten schon seit einer halben Stunde unterwegs sein.

(Mill starr:) Spricht sie im Ernst, Herr Pastor?

(Morell in bester Laune—seine Augen glänzen:) Ja. Heute werd' ich einmal bummeln.

(Mill.) Sie? Sie wissen ja nicht, wie man das macht.

(Morell herzlich:) Ha, ha! Weißichdasnicht? Diesen Tag will ich ganz für mich haben, oder doch wenigstens den Vormittag! Meine Frau kommt nämlich zurück, um elf Uhr fünfundvierzig soll sie hier eintreffen.

(Mill erstaunt:) Schon zurück—mit den Kindern? Ich dachte, sie wollte bis Ende des Monats fortbleiben.

(Morell.) So ist es. Sie kommt nur für zwei Tage her, um für Jimmy etwas Flanellwäsche einzukaufen und um zu sehen, wie wir hier ohne sie fertig werden.

(Mill ängstlich:) Aber lieber Herr Morell, wenn das, was Jimmy und
Flussy gefehlt hat, wirklich Scharlach war, halten Sie es für klug?—

(Morell.) Unsinn, Scharlach! Masern waren es, ich habe sie selbst von der Pycroftstraße aus der Schule nach Hause gebracht; ein Pastor ist wie ein Arzt, mein Lieber, er muß der Ansteckung ins Auge sehen können wie ein Soldat den Kugeln. (Er erbebt sich und schlägt Mill auf die Schultern.) Trachten Sie, Masern zu bekommen, wenn Sie können; Candida wird Sie dann pflegen, und was für ein Glücksfall wäre das für Sie, —was?

(Mill unsicher lächelnd:) Es ist schwer, Sie zu verstehen, wenn Sie über Frau Morell sprechen.—

(Morell weich:) Mein lieber Junge, seien Sie erst verheiratet! Verheiratet mit einer guten Frau, und dann werden Sie mich verstehen. Es ist ein Vorgeschmack von dem Besten, was uns in dem himmlischen Reich erwartet, das wir uns auf Erden zu gründen versuchen. Dann werden Sie sich schon das Bummeln abgewöhnen! Ein braver Mann fühlt, daß er dem Himmel für jede Stunde des Glücks ein hartes Stück selbstloser Arbeit zum Wohle seiner Mitmenschen schuldig ist. Wir haben ebensowenig das Recht, Glück zu verbrauchen, ohne es zu erzeugen, als Reichtum zu verbrauchen, ohne ihn zu erwerben. Suchen Sie sich eine Frau wie meine Candida, und Sie werden immer Schuldner sein, wieviel Sie auch abzahlen. (Er klopft Mill liebevoll auf den Rücken und ist im Begriff, das Zimmer zu verlassen, als Mill ihn zurückruft.)

(Mill.) Oh, warten Sie einen Augenblick, ich vergaß… (Morell bleibt
stehen und wendet sich um, die Türklinke in der Hand.) Ihr Herr
Schwiegervater wird hierherkommen, er hat mit Ihnen zu sprechen.
(Morell schließt die Tür wieder, mit vollkommen verändertem Wesen.)

(Morell überrascht und nicht erfreut:) Burgess?

(Mill.) Ja! Ich traf ihn mit jemandem im Park, in eifrigem Gespräch. Er sprach mich an und bat mich, Sie wissen zu lassen, daß er hierherkommt.

(Moroll halb ungläubig:) Aber er ist seit Jahren nicht hier gewesen.
Sind Sie sicher, Lexi? Sie scherzen doch nicht etwa?—

(Mill ernst:) Nein, Herr Pastor, ganz bestimmt nicht!

(Morell nachdenklich:) Hm, hm, er hält es an der Zeit, sich wieder einmal nach Candida umzusehen, ehe sie gänzlich aus seinem Gedächtnis verschwindet. (Er fügt sich in das Unvermeidliche und geht hinaus; Mill sieht ihm mit begeisterter, närrischer Verehrung nach. Fräulein Garnett, die Mill nicht schütteln kann, wie sie möchte, läßt ihre Gefühle an der Schreibmaschine aus.)

(Mill.) Was für ein vortrefflicher Mann, welch ein tiefes liebevolles Gemüt! (Er nimmt Morells Platz am Tisch ein und macht es sich bequem, indem er eine Zigarette hervorzieht.)

(Proserpina ungeduldig, nimmt den Brief, den sie auf der Maschine geschrieben hat, und faltet ihn zusammen:) Ach! ein Mann sollte seine Frau lieben können, ohne einen Narren aus sich zu machen.

(Mill erregt:) Aber Fräulein Proserpina!

(Proserpina geschäftig aufstehend, holt ein Kuvert aus dem Pulte, in das sie, während sie spricht, den Brief hineinlegt:) Candida hin und Candida her und Candida überall. (Sie leckt das Kuvert.) Es kann einen außer Rand und Band bringen! (Hämmert das Kuvert, um es fest zu schließen.) Hören zu müssen, wie eine ganz gewöhnliche Frau in dieser lächerlichen Weise vergöttert wird, bloß weil sie schönes Haar und eine leidliche Figur hat.

(Mill mit vorwurfsvollem Ernst:) Ich finde sie ungewöhnlich schön, Fräulein Garnett. (Er nimmt die Photographie zur Hand betrachtet sie und fügt mit noch tieferem Ausdruck hinzu:) Wunderbar schön,—was für herrliche Augen sie hat!

(Proserpina.) Candidas Augen sind durchaus nicht schöner als meine,
(Mill stellt die Photograpbie fort und sieht sie strenge an,) und ich
weiß ganz gut, daß Sie mich für ein gewöhnliches und untergeordnetes
Geschöpf halten.

(Mill erbebt sich majestätisch:) Gott behüte, daß ich von irgendeinem Geschöpf Gottes in dieser Weise dächte. (Er geht steif von ihr fort bis in die Nähe des Bücherschranks.)

(Proserpina mit bitterem Spott:) Ich danke Ihnen, das ist sehr nett und tröstlich.

(Mill traurig über ihre Verstocktheit:) Ich hatte keine Ahnung, daß
Sie etwas gegen Frau Morell haben.

(Proserpina entrüstet:) Ich habe durchaus nichts gegen sie. Sie ist sehr liebenswürdig und sehr gutherzig, ich habe sie sehr gern und weiß ihre wirklich guten Eigenschaften weit besser zu würdigen, als irgendein Mann es könnte. (Mill schüttelt traurig den Kopf, wendet sich zum Bücherschrank und sucht die Reihen entlang nach einem Bande. Sie folgt ihm mit heftiger Leidenschaftlichkeit.) Sie glauben mir nicht? (Er wendet sich um und blickt ihr ins Gesicht. Sie fällt ihn mit Heftigkeit an:) Sie halten mich für eifersüchtig? Was für eine tiefe Kenntnis des menschlichen Herzens Sie haben, Herr Alexander Mill! Wie gut Sie die Schwächen der Frauen kennen, nicht wahr? Wie schön es sein muß, ein Mann zu sein und einen scharfen durchdringenden Verstand zu haben, statt bloße Gefühle, wie wir Frauen, und zu wissen, daß die Ursache, warum wir ihr Vernarrtsein in eine Frau nicht teilen, nur in gegenseitiger Eifersucht zu suchen sein kann. (Sie wendet sich mit einer Bewegung ihrer Schultern von ihm ab und geht an das Feuer, ihre Hände zu wärmen.)

(Mill.) Ach, wenn Ihr Frauen nur ebenso leicht den Schlüssel zur
Stärke des Mannes fändet wie zu seiner Schwäche, es gäbe keine
Frauenfrage.

(Proserpina über ihre Schulter, während sie die Hände vor die Flammen hält:) Wo haben Sie das von Herrn Morell gehört? Sie selbst haben es nicht erfunden,—Sie sind dazu nicht gescheit genug.

(Mill.) Das ist ganz richtig. Ich schäme mich durchaus nicht, ihm diesen Ausspruch zu verdanken, wo ich ihm schon so viele andere geistige Wahrheiten verdanke! Er tat ihn bei der Jahresversammlung der freien Frauenvereinigung. Erlauben Sie mir hinzuzufügen, daß ich, obwohl bloß ein Mann, im Gegensatz zu jenen Frauen diesen Ausspruch zu schätzen wußte! (Er wendet sich wieder an den Bücherschrank in der Hoffnung, daß diese Worte sie vernichtet haben.)

(Proserpina ordnet ihr Haar vor den kleinen Spiegeln des Kamins:) Wenn Sie mit mir sprechen, sagen Sie mir gefälligst Ihre eigenen Gedanken, soviel sie eben wert sind, und nicht die Pastor Morells. Sie geben niemals eine traurigere Figur ab, als wenn Sie versuchen, ihn nachzumachen.

(Mill gekränkt:) Ich versuche seinem Beispiel zu folgen, aber nicht, ihn nachzumachen.

(Proserpina kommt wieder an ihn heran auf dem Rückwege zu ihrer Arbeit:) Jawohl, Sie machen ihn nach. Warum stecken Sie Ihren Schirm unter den linken Arm, statt ihn in der Hand zu tragen wie jeder andere? Warum gehen Sie mit vorgeschobenem Kinn und warum eilen Sie vorwärts mit diesem eifrigen Ausdruck in den Augen,—Sie, der Sie nie vor halb zehn Uhr morgens aufstehen? Warum sagen Sie in der Kirche "Aandacht", obwohl Sie im Leben "Andacht" sagen? Bah—glauben Sie, ich weiß das nicht? (Geht zurück zur Schreibmaschine.) Da kommen Sie her und machen Sie sich endlich an Ihre Arbeit; wir haben heute Morgen genug Zeit verloren. Hier ist eine Abschrift der Tageseinteilung für heute. (Sie reicht ihm ein Memorandum. Mill schwer beleidigt:) Ich danke Ihnen. (Er nimmt das Papier und steht mit dem Rücken gegen sie an den Tisch gelehnt und liest.) Sie fängt an, auf der Schreibmaschine ihre stenographischen Aufzeichnungen zu übertragen, ohne auf Mills Gefühle zu achten.

(Burgess tritt unangemeldet ein.) Er ist ein Mann von sechzig Jahren, derb und filzig geworden durch die notwendige Selbstsucht des kleinen Krämers, die sich später durch Überfütterung und geschäftlichen Erfolg zu träger Aufgeblasenheit milderte. Ein gemeiner, unwissender, unmäßiger Mensch, beleidigend und hochnasig Leuten gegenüber, deren Arbeit wohlfeil ist, ehrfürchtig gegen Menschen von Reichtum und Rang, aber beiden gegenüber ganz aufrichtig und ohne Groll oder Neid. Da sie ihn ohne besondere Fähigkeiten sah, hat ihm die Welt keine andere gut bezahlte Arbeit zu bieten gewußt, als unnoble Arbeit, und er wurde infolgedessen etwas erbärmlich, hat aber keine Ahnung, daß er so beschaffen ist, und betrachtet seinen kommerziellen Wohlstand ganz ehrlich als den unvermeidlichen und sozial berechtigten Triumph der Geschicklichkeit, Tüchtigkeit, Fähigkeit und Erfahrung eines Mannes, der im Privatleben übertrieben, leichtsinnig, liebenswürdig und leutselig ist. Körperlich ist er kurz und dick, mit einer schnauzenähnlichen Nase in der Mitte eines flachen, breiten Gesichtes; unter dem Kinn ein staubfarbener Bart mit einem grauen Fleck in der Mitte; er hat wässerige blaue Augen mit klagend sentimentalem Ausdruck, der sich durch die Gewohnheit, seine Sätze wichtigtuend zu singen, auch leicht auf seine Stimme überträgt.

(Burgess bleibt an der Schwelle stehen und blickt umher:) Man sagte mir, Herr Morell sei hier.

(Proserpina sich erhebend:) Er ist oben, ich will ihn holen.

(Burgess sie frech anstarrend:) Sie sind nicht dieselbe junge Dame, die sonst für ihn schrieb.

(Proserpina.) Nein.

(Burgess beistimmend:) Nein, die war jünger. (Fräulein Garnett starrt ihn an, dann gebt sie mit großer Würde hinaus. Er nimmt dies gleichgültig entgegen und geht an den Kaminteppich, wo er sich umwendet und sich breitspurig aufpflanzt, den Rücken dem Feuer zugekehrt.)

(Burgess.) Sind Sie im Begriff Ihren Rundgang zu machen, Herr Mill?

(Mill faltet sein Papier und steckt es in die Tasche:) Jawohl, ich muß gleich fort.

(Burgess wichtig:) Lassen Sie sich nicht aufhalten; was ich mit Herrn
Morell zu besprechen habe, ist ganz privater Natur.

(Mill aufgeblasen:) Ich habe durchaus nicht die Absicht, mich einzumengen, verlassen Sie sich darauf, Herr Burgess. Guten Morgen!

(Burgess herablassend:) Guten Morgen, guten Morgen!

(Morell kommt zurück, während Mill sich zur Tür wendet.)

(Morell zu Mill:) Sie gehen an die Arbeit?

(Mill.) Jawohl, Herr Pastor.

(Morell klopft ihn liebenswürdig auf die Schulter:) Da, nehmen Sie mein Seidentuch um den Hals, es geht ein kalter Wind draußen. Aber jetzt machen Sie, daß Sie fortkommen. (Mill, mehr als getröstet über Burgess' Schroffheit, freut sich und geht hinaus.)

(Burgess.) Guten Morgen, Jakob. Sie verwöhnen Ihren Unterpfarrer wie immer. Wenn ich einen Mann bezahle und einer auf meine Kosten lebt, dann weise ich ihm gehörig seinen Platz an.

(Morell etwas kurz angebunden:) Ich weise meinem Unterpfarrer immer seinen Platz an, nämlich an meiner Seite als meinem Helfer und Kameraden. Wenn es Ihnen gelingt, so viel Arbeit aus Ihren Kommis und Angestellten herauszukriegen wie ich aus meinem Unterpfarrer, dann müssen Sie ziemlich rasch reich werden. Bitte, setzen Sie sich in Ihren gewohnten Stuhl. (Er weist mit trockener Autorität auf den Armstuhl neben dem Kamin, dann ergreift er einen freien Stuhl und setzt sich in zurückhaltender Entfernung von seinem Besucher.)

(Burgess ohne sich zu rühren:) Sie sind ganz der alte, Jakob.

(Morell.) Als Sie mich das letztemal besuchten—ich glaube, es war vor drei Jahren—da sagten Sie genau dasselbe. Nur etwas aufrichtiger. Ihr wörtlicher Ausspruch war damals: "Derselbe Narr wie immer, Jakob."

(Burgess sich rechtfertigend:) Vielleicht sagte ich das, aber (mit versöhnender Heiterkeit:) ich meinte nichts Beleidigendes damit. Ein Geistlicher hat das Privilegium, ein wenig närrisch sein zu dürfen—wissen Sie, das liegt schon in seinem Beruf. Einerlei, ich bin nicht hergekommen, um alte Meinungsverschiedenheiten aufzuwärmen, sondern um die Vergangenheit vergessen sein zu lassen. (Er wird plötzlich sehr feierlich und nähert sich Morell.) Jakob, vor drei Jahren haben Sie mir übel mitgespielt. Sie haben mich um meine Lieferungen gebracht, und als ich Ihnen in meiner erklärlichen Verzweiflung böse Worte gab, brachten Sie meine Tochter gegen mich auf. Nun, ich bin gekommen, um Ihnen zu zeigen, daß ich ein guter Christ bin. (Ihm seine Hand darreichend:) Ich verzeihe Ihnen, Jakob.

(Morell auffahrend:) Verdammt frech!

(Burgess weicht zurück mit fast schluchzendem Vorwurf über diese
Behandlung:) Ziemt diese Sprache einem Pastor, Jakob? Und besonders
Ihnen?

(Morell bitzig:) Nein, sie ziemt ihm nicht, ich habe das falsche Wort gebraucht,—ich hätte sagen sollen: "Der Teufel soll Ihre Frechheit holen!" Das würde Ihnen der heilige Paulus und jeder andere brave Priester gesagt haben. Glauben Sie, ich habe Ihr Anerbieten vergessen, als Sie für das Armenhaus vertragsmäßig Kleider liefern sollten?

(Burgess in höchster Erbitterung, weil ihm seine Forderung nur recht und billig erscheint:) Ich habe im Interesse der Steuerzahler gehandelt, Jakob,—es war das niedrigste Angebot, das können Sie nicht leugnen.

(Morell.) Jawohl, das niedrigste, weil Sie schlechtere Löhne zahlten als irgendein anderer Unternehmer—Hungerlöhne,—ach, ärger als Hungerlöhne war die Bezahlung, die Sie den Frauen für ihre Näharbeit geboten haben. Ihre Löhne hätten die Armen auf die Straße getrieben, um Leib und Seele zu verkaufen. (Immer wütender werdend:) Jene Frauen waren aus meinem Kirchsprengel, ich habe die Armenpfleger dazu gebracht, daß sie sich schämten, Ihr Angebot anzunehmen, ich habe die Steuerzahler dazu gebracht, daß sie sich schämten, es zuzulassen, ich habe jeden bis auf Sie dazu gebracht, sich deswegen zu schämen. (Überschäumend vor Wut:) Wie können Sie es wagen, Herr, hierherzukommen und mir etwas vergeben zu wollen und über Ihre Tochter zu sprechen und…

(Burgess.) Beruhigen Sie sich, Jakob,—still, still, regen Sie sich nicht für nichts und wieder nichts so auf. Ich habe ja zugegeben, daß ich unrecht hatte.

(Morell wütend:) Haben Sie das? Ich habe nichts davon bemerkt!

(Burgess.) Natürlich gab ich's zu, so wie ich's noch jetzt zugebe. Na, ich bitte Sie um Verzeihung wegen des Briefes, den ich Ihnen geschrieben habe,—genügt Ihnen das?

(Morell mit den Fingern schnalzend:) Ganz und gar nicht! Haben Sie die Löhne erhöht?

(Burgess triumphierend:) Ja!

(Morell verblüfft innehaltend:) Was?

(Burgess salbungsvoll:) Ich bin das Muster eines Arbeitgebers geworden. Ich beschäftige keine Frauen mehr, sie haben alle den Laufpaß bekommen, und die Arbeit wird jetzt durch Maschinen verrichtet. Nicht ein Mann verdient jetzt weniger als sechs Pence die Stunde, und die alten geübten Arbeiter bekommen die von den Gewerkschaften festgesetzten Löhne. (Stolz:) Was sagen Sie jetzt?

(Morell überwältigt:) Ist das möglich? Na, es ist mehr Freude im Himmel über einen Sünder, der Buße tut—(Er geht auf Burgess zu mit einem Ausbruch entschuldigender Herzlichkeit.) Mein lieber Burgess, ich bitte Sie herzlichst um Verzeihung wegen der schlechten Meinung, die ich von Ihnen hatte. (Seine Hand fassend:) Und fühlen Sie sich nicht wohler nach dieser Veränderung? Gestehen Sie es! Sie sind glücklicher, Sie sehen glücklicher aus.

(Burgess kläglich:) Na ja, vielleicht fühle ich mich jetzt glücklicher, ich muß wohl, da Sie es bemerken. Tatsache ist, daß mein Angebot von der Behörde angenommen wurde. (Wild:) Sie wollte nichts mit mir zu schaffen haben, ehe ich anständige Löhne zahlte—der Teufel soll diese verdammten Narren holen, die ihre Nase in alles stecken müssen!

(Morell läßt seine Hand fahren, aufs tiefste entmutigt:) Das ist also der Grund, warum Sie die Löhne erhöht haben! (Er setzt sich niedergeschlagen.)

(Burgess streng, anmaßend, lauter werdend:) Weswegen sollt' ich es sonst getan haben? Wohin anders führt es, als zu Trunksucht und Ausschweifungen? (Er setzt sich wie ein Richter in den großen Lehnstuhl.) Das ist alles sehr schön und gut für Sie: es bringt Sie in die Zeitungen und macht Sie zu einem berühmten Manne; aber Sie denken nie an den Schaden, den Sie anrichten, indem Sie die Taschen der Arbeiter mit Geld anfüllen, das sie doch nicht vernünftig auszugeben verstehen, während Sie es Leuten fortnehmen, die gute Verwendung dafür hätten.

(Morell nach einem schweren Seufzer, mit kalter Höflichkeit:) Was wollen Sie also heute von mir? Ich bilde mir nicht ein, daß nur verwandtschaftliche Gefühle Sie herführen.

(Burgess hartnäckig:) Doch—gerade verwandtschaftliche Gefühle und nichts anderes!

(Morell mit müder Ruhe:) Das glaub' ich Ihnen nicht.

(Burgess springt drohend auf:) Sagen Sie mir das nicht ein zweites Mal,
Jakob Morell!

(Morell unerschütterlich:) Ich werde es genau so oft sagen, als es nötig ist, Sie davon zu überzeugen.—Das glaub' ich Ihnen nicht.

(Burgess versinkt in einen Zustand von tief verwundetem Gefühl:) Nun gut, wenn Sie durchaus unfreundlich sein wollen, dann ist es wohl am besten, ich gehe. (Er bewegt sich zögernd gegen die Tür, Morell gibt kein Zeichen. Burgess zögert noch.) Ich habe nicht erwartet, Sie unversöhnlich zu finden, Jakob. (Da Morell noch immer nicht antwortet, macht er noch einige zögernde Schritte nach der Tür, dann kommt er zurück, jammernd:) Wir haben uns doch immer ganz gut vertragen, trotz unserer verschiedenen Anschauungen, warum sind Sie mir gegenüber jetzt so verändert? Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich bloß aus Freundschaft hergekommen bin und nicht, um mich mit dem Manne meiner eigenen Tochter auf schlechten Fuß zu stellen. Seien Sie doch ein Christ, Jakob, reichen Sie mir Ihre Hand. (Er legt seine Hand sentimental auf Morells Schulter.)

(Morell blickt nachdenklich zu ihm auf.) Schauen Sie, Burgess, wollen
Sie hier ebenso willkommen sein, wie Sie es waren, ehe Sie Ihren
Vertrag verloren?

(Burgess.) Jawohl, Jakob, das möchte ich wirklich.

(Morell.) Warum benehmen Sie sich dann nicht wie damals?

(Burgess nimmt seine Hand behutsam weg:) Wie meinen Sie das?

(Morell.) Das will ich Ihnen sagen. Damals hielten Sie mich für einen jungen Dummkopf!

(Burgess schmeichelnd:) Nein, dafür habe ich Sie nicht gehalten, ich—

(Morell ihn unterbrechend:) Ja, dafür hielten Sie mich! Und ich hielt
Sie für einen alten Schurken.

(Burgess will diese schwere Selbstanklage Morells heftig abwehren:) Nein, das haben Sie nicht getan, Jakob. Jetzt tun Sie sich selbst unrecht.

(Morell.) Doch, das tat ich. Na, das hat aber nicht gehindert, daß wir ganz gut miteinander ausgekommen sind. Gott hat aus Ihnen das gemacht, was ich einen Schurken nenne, und aus mir das, was Sie eben einen Dummkopf nennen. (Diese Bemerkung erschüttert die Grundfesten von Burgess' Moral. Ihm wird schwach, und während er Morell hilflos anblickt, streckt er die Hand ängstlich aus, um sein Gleichgewicht zu bewahren, als ob der Boden unter ihm wankte. Morell fährt im selben Tone ruhiger Überzeugung fort:) Es ist in beiden Fällen nicht meine Sache, mit Gott darüber zu rechten. Solange Sie offen als ein sich selbst achtender, echter, überzeugter Schurke hierherkommen und, stolz darauf, Ihre Schurkereien zu rechtfertigen versuchen, sind Sie willkommen. Aber (und nun wird Morells Ton furchtbar; er erhebt sich und stützt sich zur Bekräftigung mit der Faust auf die Rückenlehne des Stuhles:) ich mag Sie hier nicht herumschnüffeln haben, wenn Sie so tun, als ob Sie das Muster eines Arbeitgebers wären und ein bekehrter Mann dazu, während Sie nur ein Abtrünniger sind, der seinen Rock nach dem Winde trägt, um einen Vertrag mit der Behörde zustande zu bringen. (Er nickt ihm zu, um seiner Rede Nachdruck zu verleihen, dann geht er zum Kamin, wo er in bequemer Kommandostellung, mit dem Rücken gegen das Feuer gekehrt, lehnt und fortfährt:) Nein, ich liebe es, wenn ein Mensch wenigstens sich selber treu bleibt, selbst im Bösen! Also, nehmen Sie jetzt entweder Ihren Hut und gehen Sie, oder setzen Sie sich und geben Sie mir einen guten, schurkischen Grund dafür an, warum Sie mein Freund sein wollen. (Burgess, dessen Erregung sich genügend gelegt hat, um in einem Grinsen ausgedrückt werden zu können, fühlt sich durch diesen konkreten Vorschlag sichtlich erleichtert. Er überlegt einen Augenblick, und dann setzt er sich langsam und sehr bescheiden in den Stuhl, den Morell eben verlassen hat.) So ist's recht,—nun heraus damit.

(Burgess kichernd gegen seinen Willen:) Nein, Sie sind wirklich ein sonderbarer Kauz, Jakob! (Beinahe enthusiastisch:) Aber man muß Sie gern haben, ob man will oder nicht. Außerdem nimmt man, wie ich schon sagte, nicht jedes Wort eines Geistlichen für bare Münze, sonst müßte die Welt untergehn. Habe ich nicht recht? (Er faßt sich, um einen ernsteren Ton anzuschlagen, und die Augen auf Morell gerichtet, fährt er mit eintönigem Ernste fort:) Nun, meinetwegen, da Sie es wünschen, daß wir gegeneinander ehrlich sind, will ich Ihnen zugeben, daß ich Sie—ein wenig—für einen Narren hielt; aber ich fange an zu glauben, daß ich damals etwas hinter meiner Zeit zurückgeblieben war.

(Morell frohlockend:) Aha, haben Sie das endlich herausgefunden?

(Burgess bedeutungsvoll:) Ja, die Zeiten haben sich mehr verändert, als man glauben sollte! Vor fünf Jahren noch hätte sich kein vernünftiger Mensch mit Ihren Ideen abgegeben. Ich wunderte mich sogar, daß man Sie auf Ihrem Posten als Pastor beließ. Ich kenne einen Geistlichen, der durch den Bischof von London auf Jahre hinaus seiner Funktionen enthoben wurde, obwohl der arme Teufel nicht einen Funken mehr religiös war als Sie. Aber wenn heute jemand mit mir um tausend Pfund wetten wollte, daß Sie selbst noch einmal als Bischof enden werden, ich würde die Wette nicht anzunehmen wagen. (Sehr eindrucksvoll:) Sie und Ihre Sippschaft werden täglich einflußreicher, wie ich überall merke. Man wird Sie einmal irgendwie befördern müssen, und wäre es bloß, um Ihnen den Mund zu stopfen. Sie haben doch den richtigen Instinkt gehabt, Jakob! Der Weg, den Sie eingeschlagen haben, ist der einträglichste für einen Mann Ihres Schlages.

(Morell reicht ihm jetzt die Hand mit fester Entschlossenheit:) Hier meine Hand, Burgess, jetzt reden Sie ehrlich. Ich glaube nicht, daß man mich zum Bischof ernennen wird; aber wenn es geschieht, dann will ich Sie mit den größten Spekulanten bekannt machen, die ich zu meinen Diners bekommen kann.

(Burgess der sich mit einem verschmitzten Grinsen erhoben und die
Freundschaftshand ergriffen hat:) Sie bleiben nun mal bei Ihrem Witz,
Jakob. Unser Streit ist jetzt beigelegt, nicht wahr?

(Die Stimme einer Frau.) Sag "Ja", Jakob!

(Erstaunt wenden sie sich um und bemerken, daß Candida eben eingetreten ist und sie mit jener belustigten, mütterlichen Nachsicht betrachtet, die ihr charakteristischer Gesichtsausdruck ist. Sie ist eine Frau von dreiunddreißig Jahren, schön gewachsen, gut genährt. Man errät, daß sie später eine Matrone sein wird, aber jetzt steht sie noch in ihrer Blüte, mit dem Doppelreiz der Jugend und der Mutterschaft. Ihr Benehmen ist das einer Frau, die erfahren hat, daß sie die Menschen immer lenken kann, wenn sie ihre Neigung gewinnt, und die dies unbekümmert offen und instinktiv tut. In diesem Punkte ist sie wie jede andere hübsche Frau, die gerade klug genug ist, aus ihrer weiblichen Anziehungskraft zu alltäglich selbsttüchtigen Zwecken so viel Kapital wie möglich zu schlagen. Aber Candidas heitere Stirn und ihre mutigen Augen, der schön geformte Mund und ihr Kinn kennzeichnen umfassenden Geist und Würde des Charakters, der ihre Schlauheit im Gewinnen von Neigungen adelt. Ein kluger Beobachter würde, sie betrachtend, sofort erraten, daß wer das Bild der Assunta auch über ihren Kamin gehängt haben mochte, ein seelisches Band zwischen den beiden Frauengestalten geahnt hatte, obwohl er weder ihrem Manne, noch ihr selbst den Gedanken zutraute, sie mit der Kunst Tizians irgendwie in Zusammenhang zu bringen.—Sie ist in Hut und Mantel und hat eine zusammengeschnürte Reisedecke, durch die ihr Schirm gesteckt ist, eine Handtasche und eine Menge illustrierter Zeitungen in den Händen.)

(Morell über seine Nachlässigkeit erschrocken:) Candida! Ei nun!—(Er sieht auf seine Uhr und ist entsetzt, daß es schon so spät ist.) Mein Schatz! (Er eilt ihr entgegen und nimmt ihr die Reisedecke ab, indem er fortfährt, sein reumütiges Bedauern hervorzusprudeln:) Ich hatte die Absicht, dich von der Bahn abzuholen, aber ich bemerkte nicht, daß die Zeit schon um war, (die Reisedecke aufs Sofa werfend:) ich war so sehr in Anspruch genommen—(Wieder zu ihr kommend:) daß ich das vergaß—oh! (Er umarmt sie mit reumütiger Ergriffenheit.)

(Burgess etwas beschämt und ungewiß, wie er von seiner Tochter empfangen werden wird:) Wie geht es dir, Candy? (Candida, noch in Morells Armen, bietet ihm ihre Wange, die er küßt:) Jakob und ich sind zu einer Verständigung gekommen—zu einer ehrenvollen Verständigung. Nicht wahr, Jakob?

(Morell heftig:) Reden Sie nicht von unserer Verständigung!
Ihretwegen habe ich versäumt, Candida abzuholen.

(Teilnahmsvoll:) Du arme Liebe, wie bist du nur mit deinem Gepäck fertig geworden? Wie—

(Candida unterbricht ihn und macht sich los:) Na, na, na! ich war nicht allein. Eugen ist mit uns gekommen—wir sind zusammen hergefahren.

(Morell erfreut:) Eugen?!

(Candida.) Ja. Er plagt sich eben mit meinem Gepäck ab, der arme Junge. Ich bitte dich, lieber Jakob, geh gleich hinunter, sonst bezahlt er den Wagen, und das möchte ich nicht. (Morell eilt hinaus. Candida stellt ihre Handtasche nieder, nimmt dann ihren Mantel und Hut ab und legt sie auf das Sofa neben die Decke und plaudert inzwischen.) Nun, Papa, wie geht's zu Hause?

(Burgess.) Es lohnt sich nicht mehr, dort zu leben, seit du uns verlassen hast, Candy. Ich wollte, du kämst einmal, um nachzusehn und mit dem Mädchen zu sprechen.—Wer ist dieser Eugen, der dich begleitet hat?

(Candida.) Oh, Eugen ist eine von Jakobs Entdeckungen. Er fand ihn im verflossenen Juni schlafend auf dem Kai. Hast du unser neues Bild nicht bemerkt? (Ruf das Bild der Assunta zeigend:) Das haben wir von ihm.

(Burgess ungläubig:) Was soll das heißen? Willst du mir, deinem eigenen Vater, etwa einreden, daß ein Landstreicher, den man schlafend auf dem Kai findet, solche Bilder schenkt? (Strenge:) Betrüg mich nicht, Candy; es ist ein katholisches Bild, und Jakob hat es selbst gekauft.

(Candida.) Du irrst. Eugen ist kein Landstreicher.

(Burgess.) Was ist er denn? (Sarkastisch:) Ein Edelmann wahrscheinlich?

(Candida nickt belustigt:) Jawohl, sein Onkel ist ein Pair—ein wirklicher, leibhaftiger Graf.

(Burgess wagt es nicht, so eine gute Nachricht zu glauben:) Nein!

(Candida.) Ja! Er trug einen Wechsel auf fünfundfünfzig
Pfund—zahlbar in acht Tagen—in der Tasche, als Jakob ihn am Kai fand.
Er dachte, daß er dafür kein Geld bekommen könnte, bevor die acht
Tage um wären, und er war zu schüchtern, Kredit zu verlangen. Oh, er
ist ein lieber Junge, wir haben ihn sehr gern.

(Burgess der so tut, als verachte er die Aristokraten, aber mit glänzenden Augen:) Hm, ich dachte mir's, daß der Neffe eines Pairs nicht bei euch im Viktoriapark zu Besuch sein würde, wenn er nicht ein bißchen verrückt wäre. (Er blickt wieder auf das Bild.) Ich bin natürlich mit dem Vorwurf dieses Bildes, als strenggläubiger Protestant, nicht einverstanden, Candy; aber daß es ein erstklassiges, großes Kunstwerk ist, das habe ich sofort erkannt. Nicht wahr, du stellst mich ihm vor, Candy? (Er sieht ängstlich auf seine Uhr.) Ich kann aber höchstens noch zwei Minuten bleiben.

(Morell kommt mit Eugen zurück, den Burgess mit feuchten Augen begeistert anstarrt. Eugen ist ein seltsamer, scheuer Jüngling von achtzehn Jahren, schlank, weibisch, mit einer zarten, kindlichen Stimme, einem gehetzten, gequälten Ausdruck und mit einem Benehmen, das die schmerzliche Empfindlichkeit sehr schnell und plötzlich gereifter Knaben kennzeichnet, bevor ihr Charakter volle Festigkeit erreicht hat. Erbärmlich unentschlossen, weiß er nie, wo er stehen und was er tun soll. Burgess erschreckt ihn, und er möchte am liebsten fort von ihm in die Einsamkeit laufen, wenn er es wagte. Aber die Intensität, mit der er eine so ganz gewöhnliche Lage empfindet, zeugt doch nur von seiner übergroßen nervösen Kraft; und seine Nasenflügel, sein Mund und seine Augen verraten einen leidenschaftlich ungestümen Eigensinn, über dessen äußersten Grad seine Stirne, die schon vom Mitleid gefurcht ist, wieder beruhigt. Er sieht absonderlich aus, beinahe wie nicht von dieser Welt—und prosaische Leute sehen etwas Ungesundes in dieser überirdischen Art, so wie poetische Menschen darin etwas Engelgleiches sehen. Seine Kleidung ist ganz frei; er trägt ein altes Jakett aus blauem Serge, aufgeknöpft, über einem wollenen Lawn-Tennis-Hemd, mit einem seidenen Halstuch als Krawatte, zu dem Jackett passende Beinkleider und braune Schuhe aus Segeltuch. In diesem Aufzuge hat er augenscheinlich im Heidekraut gelegen und ist durch das Wasser gewatet; es ist auch nicht ersichtlich, daß er die Kleider jemals abgebürstet hat. Da er beim Eintritt einen Fremden sieht, hält er inne und drückt sich längs der Wand nach der entgegengesetzten Seite des Zimmers weiter.)

(Morell beim Eintreten:) Kommen Sie. Sie haben sicher doch eine
Viertelstunde für uns übrig. Das ist mein Schwiegervater, Herr
Burgess—Herr Marchbanks.

(Marchbanks weicht geängstigt gegen den Bücherschrank zurück:) Sehr angenehm—

(Burgess geht mit großer Herzlichkeit auf ihn zu, während Morell vor den Kamin zu Candida tritt:) Es freut mich sehr, Sie kennen zu lernen, Herr Marchbanks. (Nötigt ihn, ihm die Hand zu geben.) Wie geht es Ihnen bei diesem Wetter? Ich hoffe, Jakob versucht nicht, Ihnen verrückte Ideen in den Kopf zu setzen.

(Marchbanks.) Verrückte Ideen? Ach, Sie meinen sozialistische? Nein, o nein!

(Burgess.) Das ist recht. (Sieht wieder auf seine Uhr.) Na, jetzt muß ich aber gehen, da ist nichts zu machen. Haben Sie vielleicht denselben Weg, Herr Marchbanks?

(Marchbanks.) Nach welcher Richtung gehen Sie?

(Burgess.) Station Viktoriapark. Um zwölf Uhr fünfundzwanzig geht ein
Zug nach der City.

(Morell.) Unsinn, Eugen, Sie frühstücken doch hoffentlich mit uns!

(Marchbanks sich ängstlich entschuldigend:) Nein, ich—ich—

(Burgess.) Nun, ich will Ihnen nicht zureden. Ich wette, daß Sie es vorziehen, mit Candy zu frühstücken. Ich hoffe aber, dafür werden Sie eines Abends im Bürgerklub in Norton Folgate mit mir dinieren,—bitte, sagen Sie zu!

(Marchbanks.) Ich danke Ihnen, Herr Burgess. Wo ist Norton
Folgate?—Unten in Surrey, nicht wahr?

(Burgess, unaussprechlich belustigt, fängt zu lachen an.)

(Candida zu Hilfe kommend:) Du wirst deinen Zug versäumen, Papa, wenn du nicht sofort gehst; komm am Nachmittag wieder und erkläre Herrn Marchbanks dann, wie man nach dem Klub gelangt.

(Burgess mit schallendem Gelächter:) In Surrey, ha ha, das ist nicht schlecht! Nun, ich habe noch nie einen Menschen getroffen, der nicht Norton Folgate gekannt hätte.

(Betroffen über den Lärm seiner eigenen Stimme:) Leben Sie wohl, Herr Marchbanks; ich weiß, Sie sind zu vornehm, um meinen Scherz schlecht aufzufassen. (Er reicht ihm abermals die Hand.)

(Marchbanks erfaßt sie mit nervösem Griff.) O bitte, bitte!

(Burgess.) Adieu, adieu, Candy. Ich werde später wiederkommen—auf
Wiedersehen, Jakob.

(Morell.) Müssen Sie wirklich gehen?

(Burgess.) Laßt euch nicht stören. (Er gebt mit unverminderter
Herzlichkeit hinaus.)

(Morelt.) Ich werde Sie hinausbegleiten. (Er folgt ihm, Eugen starrt ihnen ängstlich nach und hält seinen Atem an, bis Burgess verschwunden ist.)

(Candida lachend:) Nun, Eugen? (Er wendet sich mit einem Ruck um und kommt heftig auf sie zu, hält aber unschlüssig inne, als er ihren belustigten Blick bemerkt.) Wie gefällt Ihnen mein Vater?

(Marchbanks.) Ich—ich kenne ihn doch kaum,—er scheint ein sehr lieber alter Herr zu sein.

(Candida mit leiser Ironie:) Und Sie werden seine Einladung in den
Bürgerklub annehmen, nicht wahr?

(Marchbanks unglücklich, es für Ernst nehmend:) Gerne, wenn Sie es wünschen.

(Candida gerührt:) Wissen Sie, daß Sie ein sehr lieber Junge sind, Eugen, trotz all Ihrer Sonderlichkeiten. Wenn Sie meinen Vater ausgelacht hätten, so wäre nichts dabei gewesen, aber es gefällt mir um so besser von Ihnen, daß Sie nett zu ihm waren.

(Marchbanks.) Hätte ich lachen sollen? Mir war, als ob er etwas scherzhaftes sagte, aber ich fühle mich Fremden gegenüber so bedrückt, und ich kann Witze nie verstehen. Es tut mir sehr leid. (Er setzt sich auf das Sofa, die Ellbogen auf den Knien und die Schläfen zwischen den Fäusten, mit dem Ausdruck hoffnungslosen Leidens.)

(Candida heitert ihn gutmütig auf:) Oh, Sie großes Kind,—Sie sind heute noch ärger als sonst. Warum waren Sie auf der Fahrt in der Droschke so melancholisch?

(Marchbanks.) Oh, das war nichts. Ich dachte darüber nach, wieviel ich dem Kutscher geben sollte. Ich weiß, es ist äußerst dumm, aber Sie wissen nicht, wie schrecklich mir solche Dinge sind,—wie ich mich davor scheue, mit fremden Leuten zu unterhandeln. (Frisch und beruhigend:) Aber jetzt ist alles gut. Er lachte mit dem ganzen Gesicht und berührte seinen Hut, als Ihr Mann ihm zwei Schilling gab; ich war im Begriff, ihm zehn zu bieten. (Candida lacht herzlich, Morell kommt mit einigen Briefen und Zeitungen zurück, die mit der Mittagspost gekommen sind.)

(Candida.) Oh, lieber Jakob, denke nur, er wollte dem Kutscher zehn Schilling geben,—zehn Schilling für eine Fahrt von drei Minuten, was sagst du?

(Morell vor dem Tisch die Briefe überfliegend:) Machen Sie sich nichts daraus, Marchbanks. Der Trieb, zuviel zu bezahlen, ist ein Beweis von Großmut und viel besser als der entgegengesetzte, und nicht so gewöhnlich.

(Marchbanks wieder in Niedergeschlagenheit verfallend:) Nein, Feigheit,
Untauglichkeit ist das. Frau Morell hat ganz recht.

(Candida.) Gewiß hat sie recht. (Sie nimmt ihre Handtasche auf.) Und nun muß ich Sie Jakob überlassen. Ich nehme an, Sie sind zu sehr Poet, um sich den Zustand vorstellen zu können, in dem eine Frau ihr Haus wiederfindet, wenn sie drei Wochen fortgewesen ist. Geben Sie mir meine Decke. (Eugen nimmt die eingeschnallte Decke vom Sofa und gibt sie ihr; sie nimmt sie in die linke Hand, da sie ihre Tasche in der rechten hält.) Nun, bitte, hängen Sie mir den Mantel über den Arm. (Er gehorcht.) Nun meinen Hut. (Er gibt ihn ihr in die Hand, die das Gepäck hält.) Nun öffnen sie mir die Tür.—(Er läuft ihr voraus und öffnet die Tür.) Danke. (Sie geht hinaus, und Marchbanks schließt sie hinter ihr wieder.)

(Morell noch am Tisch beschäftigt:) Sie bleiben selbstverständlich zum
Frühstück bei uns, Marchbanks.

(Marchbanks erschreckt:) Ach, ich darf nicht. (Er sieht rasch nach Morell hin, weicht aber plötzlich seinem vollen Blick aus und fügt mit sichtlicher Unaufrichtigkeit hinzu:) Ich meine, ich kann nicht.

(Morell.) Sie meinen, Sie wollen nicht.

(Marchbanks ernst:) Nein, ich möchte wirklich gerne, ich danke Ihnen sehr, aber—aber—

(Morell leichthin, beendigt seinen Brief und tritt dicht an Eugen heran:) Aber—aber—aber—aber! Unsinn! Wenn Sie bleiben wollen, dann bleiben Sie,—Sie werden mich doch nicht überzeugen wollen, daß Sie irgend etwas anderes zu tun haben? Wenn Sie schüchtern sind, machen Sie einen Spaziergang durch den Park und schreiben bis halb zwei Uhr Gedichte, und dann kommen Sie wieder und essen tüchtig.

(Marchbanks.) Ich danke Ihnen. Ich würde das sehr gern tun, aber ich darf wirklich nicht. Die Wahrheit ist, daß mir Frau Morell gesagt hat, daß ich's lieber nicht tun sollte. Sie sagte, sie glaube nicht, daß Sie mich zum Frühstück einladen würden, aber wenn Sie es täten, dann wünschten Sie es doch nicht ernstlich. (Schmerzlich:) Sie sagte, ich würde das schon verstehen, aber ich verstehe es nicht.—Bitte, sagen Sie ihr nichts davon, daß ich es Ihnen wiedererzählt habe.

(Morell belustigt:) Oh, ist das alles? Was halten Sie von meinem
Vorschlag, in den Park zu gehen und diese Frage damit zu erledigen?

(Marchbanks.) Wie?

(Morell in guter Laune herausplatzend:) Na, Sie Dummkopf. (Aber dies geräuschvolle Wesen verletzt sowohl ihn selbst als auch Eugen. Er hält inne und fährt mit liebevollem Ernst fort:) Nein, Scherz beiseite, mein lieber Junge! in einer glücklichen Ehe wie die unsere ist die Rückkehr der Frau in ihr Haus etwas sehr Heiliges. (Marchbanks sieht ihn rasch an, und errät beinahe im voraus, was er sagen will.) Aber ein lieber Freund, eine wirklich vornehme, sympathische Seele ist bei einer solchen Gelegenheit nicht im Wege,—der erstbeste Besucher wäre es allerdings. (Der gehetzte, erschreckte Ausdruck kommt plötzlich und lebhaft in Eugens Gesicht, sowie er begreift. Morell, mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, fährt, ohne es zu bemerken, fort:) Candida dachte, ich würde Sie vielleicht lieber nicht hier haben, aber sie hatte unrecht. Ich habe Sie sehr lieb, Eugen; und ich möchte es auch Ihretwegen, daß Sie sehen, wie schön es ist, so glücklich verheiratet zu sein wie ich.

(Marchbanks.) Glücklich? Ihre Ehe? Das meinen Sie, das glauben Sie wirklich?

(Morell heiter:) Ich weiß es, mein Junge. Laroche-foucauld behauptet zwar, daß es höchstens passende, aber keine glücklichen Ehen gäbe. Sie können sich nicht vorstellen, wie wohl es tut, einen so abgefeimten Lügner und verderbten Zyniker zu durchschauen! Ha, ha! Nun aber fort in den Park und schreiben Sie Ihr Gedicht! und vergessen Sie nicht: Punkt halb zwei Uhr! Wir warten niemals mit dem Essen auf jemand.

(Marchbanks wild:) Nein, halten Sie ein, Sie sollen es auch nicht!
Ich will alles ans Licht bringen.

(Morell verwundert:) Wie? Was wollen Sie ans Licht bringen?

(Marchbanks.) Ich muß mit Ihnen sprechen. Es gibt etwas, das zwischen uns erledigt werden muß.

(Morell mit einem belustigten Blick nach der Uhr:) Jetzt?

(Marchbanks leidenschaftlich:) Jawohl, jetzt. Ehe Sie dieses Zimmer verlassen. (Er weicht ein paar Schritte zurück und steht so, als ob er Morell den Weg zur Tür versperren wollte.)

(Morell ernst, ohne sich zu rühren, da er begreift, daß es sich um etwas Ernstes handelt:) Ich will es gar nicht verlassen. Ich dachte, Sie wollten gehen.—(Eugen ist von seinem sicheren Ton verwirrt und wendet ihm, sich krümmend vor Verdruß, den Rücken zu. Morell geht zu ihm hin und legt die Hände auf seine Schultern, fest und gütig, ohne Marchbanks Versuche, ihn abzuschütteln, zu beachten.) Na—setzen Sie sich ruhig und erzählen Sie mir, was los ist. Und bedenken Sie eines: wir sind Freunde und brauchen nicht zu fürchten, daß einer von uns anders als geduldig und gütig zu dem andern sein werde, was wir einander auch mögen zu sagen haben.

(Marchbanks windet sich hin und her:) Oh, ich werde mich nicht vergessen, ich bin nur (bedeckt sein Gesicht verzweifelt mit den Händen:) außer mir vor Entsetzen! (Dann läßt er die Hände fallen, und sich mutig vorwärts gegen Morell wendend, fährt er drohend fort:) Sie werden ja sehen, ob Geduld und Güte da am Platz sind. (Morell, unerschütterlich wie ein Felsen, sieht ihn nachsichtig an.) Betrachten Sie mich nicht so selbstgefällig! Sie halten sich zwar für stärker als mich, aber ich werde Sie aufrütteln, wenn Sie ein Herz im Leibe haben.

(Morell mit mächtigem Vertrauen:) Mich aufrütteln, mein Junge? Nur zu!
Nur zu! Heraus damit!

(Marchbanks.) Zuerst—

(Morell.) Zuerst?

(Marchbanks.) Ich liebe Ihre Frau! (Morell fährt zurück, und nachdem er Eugen einen Augenblick äußerst erstaunt angestarrt hat, bricht er in heftiges Lachen aus. Eugen wird stutzig, verliert aber seine Fassung nicht und steht empört und verachtungsvoll da.)

(Morell setzt sich, um sich auszulachen:) Aber, mein liebes Kind, natürlich lieben Sie Candida. Jeder liebt sie, man kann nicht anders; das freut mich nur, aber (er sieht seltsam zu ihm auf:) halten Sie Ihren Fall für etwas, über das man auch nur zu sprechen braucht? Sie sind unter zwanzig und Candida ist über dreißig,—sieht das nicht einer Dummenjungenliebe ähnlich?

(Marchbanks heftig:) Sie wagen, so von ihr zu sprechen! Sie glauben, daß Ihre Frau diese Art Liebe einflößen kann!—Das ist eine Beleidigung gegen sie!

(Morell erhebt sich rasch und verändert den Ton:) Gegen sie? Nehmen Sie sich in acht, Eugen. Ich war geduldig. Ich hoffe, geduldig zu bleiben. Aber es gibt Dinge, die ich mir verbitten muß. Zwingen Sie mich nicht, Ihnen die Nachsicht zu zeigen, die ich einem Kinde gegenüber haben würde. Seien Sie ein Mann.

(Marchbanks mit einer Bewegung, als würfe er etwas hinter sich:) Oh, lassen Sie dieses Geschwätz beiseite. Ich bin entsetzt, wenn ich denke, wieviel die Arme davon hat anhören müssen in den langen Jahren, in denen Sie Candida selbstsüchtig und blind Ihrem Dünkel geopfert haben! (Sich nach ihm umwendend:) Sie, der Sie nicht einen Gedanken, nicht ein Gefühl mit ihr gemeinsam haben.

(Morell mit philosophischer Ruhe:) Ihr scheint das alles aber recht gut zu bekommen. (Ihm gerade ins Gesicht blickend:) Eugen, Sie machen sich zum Narren—zu einem sehr großen Narren. Es ist zu Ihrem eigenen Besten, wenn man Ihnen das offen und ehrlich sagt.

(Marchbanks.) Oh, glauben Sie, ich wüßte das alles nicht? Glauben Sie, daß die Dinge, über die Leute zu Narren werden, weniger wirklich und wahr sind, als die, bei denen sie vernünftig bleiben? (Morells Blick wird zum ersten Male unsicher, er wendet instinktiv sein Gesicht ab und steht horchend, bestürzt und nachdenklich da.) Diese Dinge sind noch viel wahrer, sie sind überhaupt die einzigen Dinge, die wahr sind. Sie sind sehr ruhig und maßvoll und rücksichtsvoll gegen mich, weil Sie sehen können, daß ich, was Ihre Frau betrifft, ein Narr bin. So wie der alte Mann, der eben hier war, zweifellos sehr weise über Ihren Sozialismus denkt, weil er sieht, daß Sie sich dabei zum Narren machen. (Morell wird sichtlich immer bestürzter, und Eugen nützt seinen Vorteil aus, ihn heftig mit Fragen bedrängend:) Beweist dies, daß Sie unrecht haben? Beweist Ihre sichere Überlegenheit mir gegenüber, daß ich unrecht habe?

(Morell sich zu Eugen wendend, der seinen Platz behauptet:) Marchbanks, irgendein Teufel hat Ihnen diese Worte in den Mund gelegt. Es ist leicht, fürchterlich leicht, in einem Menschen den Glauben an sich selbst zu erschüttern. Dies auszunützen, um eines Menschen Seele zu verwirren, ist Teufelswerk. Hüten Sie sich davor!

(Marchbanks unbarmherzig:) Das weiß ich! Es geschieht absichtlich. Ich sagte Ihnen ja, ich würde Sie aufrütteln. (Sie sehen einander einen Augenblick drohend in die Augen, dann findet Morell seine Würde wieder.)

(Morell mit edler Güte:) Eugen, hören Sie mich an. Ich hoffe und baue darauf, daß Sie eines Tages ein glücklicher Mensch sein werden, wie ich. (Eugen gibt durch eine zornige, ungeduldige Gebärde zu verstehen, daß er an den Wert dieses Glückes nicht glaubt. Morell, tief beleidigt, beherrscht sich mit aller Nachsicht und fährt mit großer künstlerischer Beredsamkeit fort:) Sie werden verheiratet sein und mit aller Macht und Ihrem besten Können daran arbeiten, jeden Erdenfleck, den Sie betreten, so glücklich zu machen, wie Ihr eigenes Heim es sein wird. Sie werden einer von denen sein, die das Himmelreich auf Erden bereiten wollen, und—wer weiß?—Sie mögen ein Pionier oder ein Baumeister werden, wo ich nur ein demütiger Arbeiter bin. Sie dürfen nicht glauben, Eugen, daß ich in Ihnen, so jung Sie auch sind, nicht jene Keime sehe, die Größeres versprechen, als ich jemals von mir erwarten darf. Ich weiß ganz gut, daß der Geist, der in einem Dichter wohnt, heilig—daß er geradezu göttlich ist. Sie sollten bei dem Gedanken daran zittern, bei dem Gedanken, daß die schwere Verpflichtung und die großen Gaben eines Dichters vielleicht einst auf Ihren Schultern ruhen werden.

(Marchbanks unberührt und reuelos; die knabenhafte Knappheit seiner Worte sticht scharf gegen Morells Beredsamkeit ab:) Nicht davor zittere ich! Der Mangel dieser Gaben bei anderen, der macht mich zittern.

(Morell verdoppelt die Kraft seiner Rede unter dem Einfluß seines echten Gefühls und der Verstocktheit Eugens:) Dann tragen Sie dazu bei, jene Gaben in andere und in mich zu pflanzen—und nicht, sie auszurotten. Später einmal, wenn Sie so glücklich sein werden, wie ich es bin, dann will ich Ihr treuer Glaubensbruder werden. Ich will Sie zu dem Glauben führen, daß Gott uns eine Welt geschenkt hat, die nur unserer eigenen Unvernunft wegen kein Paradies ist, und daß jeder Federstrich Ihrer Arbeit Glück aussät für die große Ernte, die alle—selbst die Geringsten—eines Tages einführen werden. Und endlich will ich Ihnen nicht zum wenigsten zu dem Glauben verhelfen, daß Ihre Frau Sie liebt und in ihrem Heim glücklich ist. Wir brauchen solche Hilfe, Marchbanks, wir haben sie immer sehr nötig. Es gibt so viele Dinge, die in uns Zweifel wecken, wenn wir uns erst einmal haben unsern Glauben trüben lassen. Selbst zu Hause sitzen wir wie in einem Kriegslager, umgeben von einer feindlichen Armee von Zweifeln. Wollen Sie den Verräter spielen und sie zu mir einlassen?

(Marchbanks sich umblickend:) Ist es für sie hier immer so gewesen? Daß eine Frau mit einer großen Seele, die nach Wahrheit, Wirklichkeit und Freiheit dürstet, bloß mit Metaphern, Predigten und abgedroschenen Redensarten abgespeist wird? Glauben Sie, daß die Seele einer Frau von Ihrem Predigertalent leben kann?

(Morell tief verwundet:) Marchbanks, Sie machen es mir schwer, mich zu beherrschen. Mein Talent gleicht dem Ihren, sofern es überhaupt einen echten Wert besitzt: es ist die Gabe, göttliche Wahrheit in Worte zu kleiden.

(Marchbanks ungestüm:) Es ist die Gabe des Mundwerks, nicht mehr und nicht weniger. Was hat Ihre Fertigkeit, schöne Reden zu halten, mit der Wahrheit zu schaffen?—so wenig, wie das Orgelspiel mit ihr zu schaffen hat. Ich war niemals in Ihrer Kirche, aber ich war in Ihren politischen Versammlungen und habe Sie dort das tun sehen, was man die Menge zum Enthusiasmus hinreißen nennt. Das heißt: die Leute regten sich auf und benahmen sich, als ob sie betrunken wären. Ihre Frauen sahen zu und merkten, was für Narren sie zu Männern hatten. Oh, das ist eine alte Geschichte, Sie können sie schon in der Bibel finden. —Mir scheint, König David in seinem Enthusiasmus war Ihnen sehr ähnlich. (Ihm die Worte in die Seele hohrend:) "Aber sein Weib verachtete ihn in ihrem Herzen!"

(Morell wütend:) Verlassen Sie mein Haus! Hören Sie? (Er gebt drohend auf ihn los.)

(Marchbanks gegen das Sofa zurückweichend:) Lassen Sie mich in Frieden, rühren Sie mich nicht an!

(Morell faßt ihn kräftig am Aufschlag seines Rockes; er duckt sich auf das Sofa nieder.)

(Marchbanks schreit leidenschaftlich:) Halten Sie ein; wenn Sie mich schlagen, so töte ich mich, ich würde es nicht ertragen! (Beinahe hysterisch:) Lassen Sie mich los: nehmen Sie Ihre Hand fort!

(Morell langsam, mit nachdrücklicher Geringschätzung:) Sie kleiner, winselnder, feiger Hund! (Er läßt ihn los:) Gehen Sie, sonst fallen Sie aus Angst in Ohnmacht.

(Marchbanks auf dem Sofa nach Luft schnappend, aber befreit durch das Zurückziehen von Morells Hand:) Ich fürchte mich nicht vor Ihnen, Sie fürchten sich vor mir!

(Modell ruhig, über ihn gebeugt:) Es sieht mir ganz danach aus!

(Marchbanks mit dreister Heftigkeit:) Ja; es sieht so aus. (Morell wendet sich verachtungsvoll ab, Eugen steht hastig auf und folgt ihm.) Weil ich vor einer brutalen Behandlung zurückschrecke, weil (mit Tränen in der Stimmt:) ich nichts anderes tun kann, als heulen vor Wut, wenn mir Gewalt angetan wird—weil ich keinen schweren Koffer vom Kutscherbock herabheben kann wie Sie—weil ich mit Ihnen nicht um Ihre Frau raufen kann wie ein Arbeiter—deshalb glauben Sie, ich hätte Angst vor Ihnen! Aber Sie irren. Besitze ich auch nicht Ihren berühmten britischen Mut, so besitze ich doch auch nicht die britische Feigheit. Ich fürchte mich vor den Ansichten eines Pastors nicht. Ich will kämpfen gegen Ihre Ansichten. Ich will Candida von der Sklaverei dieser Ansichten befreien, ich will meine eigenen Ansichten den Ihren entgegenstellen. Sie jagen mich aus dem Hause, weil Sie es nicht wagen, Candida zwischen meinen und Ihren Ansichten wählen zu lassen! Sie fürchten sich vor einem Wiedersehen zwischen Ihrer Frau und mir. (Morell wendet sich plötzlich zornig zu ihm; er flüchtet nach der Tür in unfreiwilliger Angst:) Lassen Sie mich in Ruhe. Ich gehe.

(Morell mit kalter Verachtung:) Warten Sie einen Augenblick: ich werde Sie nicht berühren, fürchten Sie sich nicht. Wenn meine Frau zurückkommt, dürfte sie wissen wollen, warum Sie fortgegangen sind; und wenn sie erfährt, daß Sie unsere Schwelle nie wieder überschreiten werden, dann wird sie darüber Aufklärung verlangen. Nun möchte ich sie nicht betrüben und ihr sagen, daß Sie sich wie ein Schuft benommen haben.

(Marchbanks kehrt mit erneuter Heftigkeit um:) Sie sollen es—Sie müssen! Wenn Sie irgendeine andere Aufklärung als die wahre geben, so sind Sie ein Lügner und ein Feigling. Sagen Sie ihr, was ich gesagt habe, und wie Sie stark und männlich waren und mich zerzaust haben wie ein Hund eine Ratte, und wie ich zurückwich und entsetzt war, und wie Sie mich einen winselnden kleinen Hund nannten und mich aus dem Hause jagten! Wenn Sie ihr das alles nicht sagen werden, so werde ich es tun! Ich werd' es ihr schreiben.

(Morell verblüfft:) Warum wollen Sie, daß sie das alles erfahren soll?

(Marchbanks mit lyrischer Begeisterung:) Weil sie mich dann verstehen und wissen wird, daß ich sie verstehe. Wenn Sie nur ein Wort von alledem vor ihr verheimlichen—wenn Sie nicht bereit sind, ihr die reine Wahrheit zu Füßen zu legen—wie ich—dann werden Sie bis an das Ende Ihrer Tage wissen, daß sie in Wirklichkeit mir gehört und nicht Ihnen. Leben Sie wohl. (Er wendet sich zum Geben.)

(Morell in furchtbarer Unrube:) Halt! ich werde ihr das alles nicht erzählen.

(Marchbanks wieder nach der Tür, wendet sich um:) Sie müssen ihr entweder die Wahrheit sagen, wenn ich gehe, oder eine Lüge.

(Morell zögernd:) Marchbanks, es ist manchmal entschuldbar—

(Marchbanks ihn unterbrechend:) Zu lügen—ich weiß! Diesmal wïrd es aber vergeblich sein! Leben Sie wohl, Herr Pfarrer! (Wie er sich endlich zur Tür wendet, geht diese auf und Candida tritt in ibrem Hauskleid ein.)

(Candida.) Sie verlassen uns, Eugen? (Sieht ihn genauer an:) Aber, Sie werden doch nicht in diesem Zustand auf die Straße gehen. Sie sind ein Dichter, sicherlich! Sieh' ihn nur an, Jakob! (Sie faßt Eugen am Rock und zieht ihn nach vorne, ihn Morell zeigend.) Sieh diesen Kragen an und diese Krawatte und dieses Haar. (Zu Eugen:) Man möchte glauben, daß jemand Sie hat erdrosseln wollen! (Die beiden büten sich, ihr schlechtes Gewissen zu verraten.) Da,—halten Sie still. (Sie knöpft ihm seinen Kragen, bindet sein Halstuch zu einer Schleife und ordnet sein Haar.) So, so! Nun sehen Sie so nett aus, daß ich es doch für besser hielte, Sie frühstückten mit uns, obwohl Sie es eigentlich nicht sollten, wie ich Ihnen schon gesagt habe. In einer halben Stunde wird das Essen bereit sein. (Sie glättet sein Halstuch noch mit einer letzten Berübrung; er küßt ihr die Hand.) Nicht dumm sein.

(Marchbanks.) Ich möchte schon bleiben, gewiß—falls Ihr verehrter
Herr Gemahl, der Herr Pastor, nichts dagegen einzuwenden hat.

(Candida.) Soll er bleiben, Jakob, wenn er verspricht, ein braver Junge zu sein und mir beim Tischdecken zu helfen? (Marchbanks wendet den Kopf und sieht Morell über die Schulter fest an, seine Antwort herausfordernd.)

(Morell kurz angebunden:) O ja, gewiß; es wäre mir lieb. (Er geht an den Tisch und tut, als ob er mit den Papieren beschäftigt wäre.)

(Marchbanks bietet Candida den Arm:) Decken wir den Tisch. (Sie nimmt seinen Arm, dann wenden sie sich zusammen nach der Tür, im Hinausgehen.) Nun bin ich der glücklichste Mensch von der Welt!

(Morell.) Das war ich auch—vor einer Stunde.

(Vorhang)