B. 136. Das Rhinoceros. 1515.

Die vortreffliche Original-Federzeichnung zu diesem schönen Holzschnitt, mit einer drei- und dreiviertelzeiligen Unterschrift, von Dürer’s Hand, befindet sich bekanntlich im Print-room des British Museum.

Von dem Holzschnitt giebt es nach den bisherigen Annahmen drei Editionen, ich kenne indeß davon neun verschiedene Abdrucks-Gattungen, welche entweder in der Ueberschrift mit beweglichen Lettern oder in der Beschaffenheit des Holzstocks, auch in den Papieren der Abdrücke zum Theil sehr wesentlich von einander abweichen.

1) Nach meinen Wahrnehmungen haben die ersten durch Reinheit und Schärfe von allen übrigen ausgezeichneten Abdrücke eine Ueberschrift von 5 vollen Zeilen. An dem Holzstock ist, bis auf einen ganz kleinen Aussprung des Einfassungsstriches links, 8 Linien von oben, keine Beschädigung wahrzunehmen.

Diese Abdrücke kommen regelmäßig auf dem bei Dürer’s Lebzeiten gebräuchlichen festen Papier mit dem Wasserzeichen des Ankers im Kreise, Nr. 30, vor, welches eine Entfernung der Drathstriche von 13¾ Linien hat.

Die Ueberschrift fängt an:

»Nach Christus gepurt 1513 — —«

und endet:

»Der Rhynocerus Schnell, fräydig vnd Listig sey.«

Es ist dieses die von Bartsch und Heller als die zweite bezeichnete Edition, daß sie aber die frühere ist, geht, ausser der vollkommenen Schärfe und Fehlerlosigkeit des Abdrucks, auch aus der offenbar älteren Schreibart der Ueberschrift hervor, indem bei dieser unter andern steht:

Kunig, statt bei der von Heller angeführten ersten, König, fast fest statt sehr fest nydertrechtiger von paynen statt niderichter von baynen, u.s.w.

Die von Bartsch erwähnte erste Edition mit 5½ zeiliger Ueberschrift, welche anfängt

Nach Christus Gepurt 1513 u.s.w.

findet sich nirgends und ich glaube annehmen zu dürfen, daß Bartsch die von Heller genauer bezeichnete Abdrucks-Gattung mit 5½zeiliger Ueberschrift gemeint und den Unterschied in der Schreibart von »nach Christus gepurt« gegen »nach Christi Geburt« nicht beachtet hat.

2) Die von Heller, pag. 692, als erste beschriebene Ausgabe. Sie hat eine Ueberschrift von 5½ Zeilen, welche anfängt:

»Nach Christi geburt etc.« und endet »Der Rhynocerus Schnell,
fräydig und Listig sey.«

3) Ein Abdruck, ebenfalls mit 5½zeiliger Ueberschrift, welche anfängt:

»Nach Christi geburt etc.« und endet »Der Rhinocerus Schnell,
fräydig und auch Listig sey.«

4) Ein Abdruck mit 5¾zeiliger Ueberschrift, der vorigen gleich, nur daß das Ende derselben heißt:

»Schnell fraidig und auch Listig sey.«

5) Ein Abdruck mit 5¾zeiliger Ueberschrift, welche anfängt:

»Nach Choistie geburt« und endet »Der Rhinocerus Schnell fraitig
und auch Lustig sey.«

Es ist dieses derjenige Abdruck, welchen der verstorbene Schorn im Kunstblatt vom Jahre 1830, pag. 104, als »vielleicht Ersten« bezeichnet, indem derselbe irrthümlich angab: daß solcher 5 Zeilen Ueberschrift habe, wovon jedoch die letzte nicht ganz vollständig sei, auch es übersehen hatte, daß nicht Christie geburt sondern Choistie geburt zu lesen ist.[44]

6) Ein Abdruck ohne alle Ueberschrift.

7) Die von Hendrick Hondius veranstaltete Ausgabe, mit einer Holländischen Ueberschrift von 6½ Zeilen und seiner Adresse darunter.

8) Die Abdrücke in Clair Obscur mit farbigen Tonplatten.

9) Spätere Abdrücke ohne Ueberschrift.

Die Editionen 2 bis 5 haben bereits sämmtlich theils mehr theils weniger die Spur eines Anfangs ganz feinen Sprunges des Holzstocks, welcher an der linken Seite in einer Höhe von 27 Linien vom untern Einfassungsstriche die Haare des Schweifes durchschneidet und bis in den rechten Hinterschenkel hinein läuft.

Ausser dem bei der Abdrucksgattung 1 bemerkten kleinen Aussprunge der linken Einfassungslinie, ist hier auch ein kleiner Aussprung derselben in der Höhe von 18 Linien vom untern Rande.

Die mit 3 bezeichneten Abdrücke haben das Wasserzeichen Nr. 42 oder bei einem weichen Papiere das ebenfalls spätere Wasserzeichen Nr. 44. Die unter Nr. 5 aufgeführten ein Papier mit dem Wasserzeichen Nr. 57 und 13¾ Linien Entfernung der Drathstriche. Zwischen den Abdrücken 2 bis 5 ist der Unterschied der Schärfe und Erhaltung der Platte nicht sehr bedeutend und sie scheinen in einem nicht sehr langen Zeiträume nach einander veranstaltet zu sein. Desto hervorstechender ist aber dieser Unterschied bei den Nrn. 6 bis 9.

Bei Nr. 6 auf einem festen Papier mit 11 Linien Entfernung der Drathstriche, geht der vorher bezeichnete Sprung der Holzplatte sehr sichtbar durch beide Hinterbeine. Der Einfassungsstrich ist bis auf einen neuen sichtbaren Aussprung rechts oben noch wohl erhalten.

Nr. 7 ist auf Holländischem Papier mit der großen Schellenkappe und 11¾ Linien Abstand der Drathstriche. Der Sprung ist durch alle vier Beine sichtbar und der Einfassungsstrich hat eine größere Fehlstelle von 6 Linien Breite an der linken Seite, 22 Linien von oben. Hieran sind diese in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts veranstalteten Abdrücke zu erkennen, auch wenn, wie häufig, die Schrift abgeschnitten ist.

Bartsch hat sich[45] in seinem großen Eifer darzuthun: daß Albrecht Dürer nicht selbst in Holz geschnitten habe, durch die Unterschrift dieser Holländischen Edition verleiten lassen, es für wahrscheinlich zu halten: daß Hondius die Platte dieses Rhinoceros geschnitten habe, eine Vermuthung, welche bei einem so einsichtsvollen Kenner um so mehr auffallen muß, als Hendrick Hondius bekanntlich über hundert Jahre später als Dürer lebte und arbeitete.

Die Abdrücke mit farbigen Tonplatten, Nr. 8, — welche sowohl in grüner als brauner Farbe vorkommen und, als große von unserm Meister selbst herrührende Seltenheiten, von den Liebhabern sehr gesucht und theuer bezahlt werden, sind erweislich erst später als die Ausgabe durch Hondius veranstaltet; denn der Sprung in dem Holzstock geht — wenn er nicht, wie manchmal, künstlich ausgebessert ist — durch alle vier Beine und auch durch die Schnauze des Thiers. Der Einfassungsstrich hat größere Unterbrechungen, namentlich oben, und fehlt an der rechten untern Ecke ganz, in der Breite von 12 und in der Höhe von 14 Linien; das Papier hat eine Entfernung der Drathstriche von knapp 11 Linien. Diese Clair Obscurs sind ohne Zweifel von dem Willem Janssen in Amsterdam gedruckt, welcher ganz gleiche Abdrücke von Dürer’s Portrait des Ulrich Varnbühler, B. 155, und von mehreren Holzschnitten des Heinrich Goltzius veranstaltet hat.[46]

Die schwarzen Abdrücke, Nr. 9, haben dieselben bei der vorstehenden Gattung bemerkten Fehlstellen des Holzstocks, aber ausserdem die Spuren kleiner Wurmlöcher an dem untern Schilde des Halses und eines größeren am linken Vorderbeine, ihr Papier hat einen Abstand der Drathstriche von nur 10½ Linien.

Ob übrigens die von mir bei den Abdrucks-Gattungen 2 bis 5 angenommene Priorität die völlig richtige ist, muß ich dahin gestellt sein lassen; da es mir nicht möglich gewesen ist, Abdrücke dieser vier Gattungen zu genauer Vergleichung neben einander zu haben. Die von mir beobachtete Reihenfolge ist wesentlich auf den Abweichungen der Schreibart in den Ueberschriften begründet und es ist daher immerhin möglich, daß ein von mir später bemerkter Abdruck früher als ein vor ihm stehender genommen ist. Die kleinen Beschädigungen durch den Sprung des Holzstocks sind ausserdem nicht bei allen Abdrücken derselben Gattung ganz gleich, so liegt mir von der häufiger vorkommenden Nr. 5, bei welcher man diesen Sprung in der Regel besonders bemerkt, ein Abdruck vor, auf dem derselbe kaum wahrzunehmen ist, wogegen sich in der Privatsammlung des verstorbenen Königs von Sachsen in Dresden ein Abdruck von Nr. 1 befindet, bei welchem der Riß bereits sichtbar ist.[47]

B. 137. Die Belagerung einer Stadt. 1527.
In zwei Blättern.

Dieser nicht sehr häufige Holzschnitt bei Heller[48] wohl über Gebühr gepriesen, von v. Rumohr[49] und Nagler[50] dagegen zu gering geschätzt, ist zwar augenscheinlich nicht von Dürer’s Hand geschnitten, doch liegt demselben ohne Zweifel eine Zeichnung desselben zum Grunde.

Will man auch nicht die Meinung einiger Sammler theilen, welche diese Blätter als zu dem im Jahre 1527 gedruckten Werke Dürer’s

»Etliche underricht, zu befestigung der Stett, Schloß und flecken«

gehörig, bezeichnen, so stehen sie doch zu demselben in der genauesten Beziehung, indem sie es anschaulich machen: wie eine nach den Vorschriften jenes Unterrichts befestigte Stadt belagert und vertheidigt werden kann.

Mit der auf dem 2. Blatte über dem Monogramm stehenden Jahrszahl 1527 stimmen die in den Papieren der ersten Abdrücke vorkommenden Wasserzeichen der kleinen hohen Krone, Nr. 36, und des stehenden Hundes, Nr. 35, überein, welche sich ebenfalls in den Papieren der zu dem vorbezeichneten Werke gehörenden Holzschnitte befinden. — Spätere Abdrücke haben das Wasserzeichen einer hohen Hand mit Stern darüber, oder des Reichsadlers, sind auch zum Theil nicht frei von Spuren des Wurmfraßes in den Holzstöcken.