Die kleine Passion.

Von allen Werken unsere Meisters, ist die kleine Holzschnitt-Passion, B. 16 bis 52, bei weitem das verbreitetste. Es kömmt in sehr verschiedenen Zuständen vor.

Von dem Ersten Etat, vor der Edition mit Text vom Jahre 1511, giebt es einzelne Abdrücke von einer bewundernswürdigen Schärfe und Reinheit, welche auf Papier mit dem Wasserzeichen des Ochsenkopfes mit doppeltem Strich, Kreuz und Blume, Nr. 20, oder der hohen Krone, Nr. 21, abgezogen sind. Bei den frühesten dieser Drucke hat auf der Vertreibung aus dem Paradiese, B. 18, der Rückgrat der Eva 10 kleine Quer-Schraffirungen, welche späterhin weggeschnitten sind, bei welcher Gelegenheit auch dem Strich des Rückgrats bei einer geringen Verkürzung ein besserer Schwung gegeben ist.[32] Diese Aenderung wurde von Dürer jedenfalls vor der Herausgabe mit Text bewerkstelligt, indem die Querstriche auf Abdrücken mit dem Text niemals vorkommen und es auch Drucke des Ersten Etats giebt, auf denen diese Correktur bereits eingetreten ist.

Von diesem Ersten Etat vor dem Text giebt es einzelne ganze Folgen, welche ich auf Papier mit der hohen Krone sowohl als auf solchem mit dem kleinen Reichsapfel mit Stern, Nr. 24a, angetroffen habe, bei denen aber immer der Titel, B. 16, fehlt, welcher ohne Text nicht in den Handel gekommen ist. Dieser eben so tief empfundene als vortrefflich geschnittene Holzstock, von welchem mir nur ein einziger Probedruck in dem Musaeo zu Amsterdam bekannt geworden ist, wird daher nur für die Ausgabe mit Text gearbeitet und nach Beendigung des Drucks derselben abhanden gekommen sein, während die übrigen Holzstöcke sich zum größten Theile bis auf die Gegenwart erhalten haben.

Ein merkwürdiges Exemplar dieses ersten Etats befindet sich in dem Musaeo zu Amsterdam, wo die 36 Holzstöcke zu vier auf einem Papierbogen gedruckt, noch unzerschnitten erhalten sind. Der Rückgrat der Eva auf B. 18 hat bei diesen Abdrücken noch die Quer-Schraffirungen. Von den 9 Bogen dieses Exemplars haben 2 das Wasserzeichen der hohen Krone, Nr. 21, im Papier, 7 aber dasjenige eines Ankers, Nr. 29, wie er mir sonst nie vorgekommen ist.

Der Zweite Etat ist die von Dürer im Jahre 1511 mit dem Text des Chelidonius veranstaltete, sehr verbreitete Ausgabe, welche in Bibliotheken und einzelnen Sammlungen noch ab und an als gebundenes Buch mit vollem Rande vorkommt.

Sie ist auf sehr festem, schönem Papier, mit dem Wasserzeichen der hohen Krone, Nr. 21, und einer Entfernung der Drathrippen von 15 Linien gedruckt und die Blätter haben unbeschnitten eine Höhe von reichlich 7 und eine Breite von 5¼ Zoll.

Die vollständigen Folgen mit dem echten Titel sind übrigens ausserordentlich selten, wie denn von den reichen Wiener Sammlungen diejenige des Erzherzogs Albrecht allein eine solche besitzt und keine der Münchener Dürer-Sammlungen einen echten Titel aufweisen kann. Man findet die Abdrücke in Beziehung auf Klarheit merklich verschieden, je nachdem die Drucker mehr oder weniger Sorgfalt auf die Schwärzung der Holzstöcke verwendet haben. Heller[33] erwähnt nach Heinecke einer ersten Ausgabe mit Text, auf deren Titel über dem Holzschnitt die Worte:

Figurae Passionis Domini nostri Jesu Christi

und am Ende:

finit impressum Noribergae 1511

stehen sollen. Ich habe einen solchen Schluß nie zu Gesicht bekommen, er kann aber nicht echt sein, da bei allen Dürer’schen Werken mit lateinischem Text steht

»impressum Nurnberge«

niemals

»impressum Noribergae«.

Die obige Ueberschrift, Figurae Passionis etc., findet sich aber auf dem Titel der ebenfalls von Heller, pag. 605, angeführten sogenannten Mommard’schen Copien dieser kleinen Passion, der sehr verbreitet ist und in vielen Sammlungen den echten Titel vertritt. Seine Ueberschrift lautet genau:

Figurae Pas
sionis domini
nostri Jesu Christi,

und das Papier hat das Wasserzeichen des Wappens von Augsburg.

Diese, überhaupt nicht seltenen Copien kommen auch als Buch gebunden vor und werden manchmal selbst in öffentlichen Bibliotheken für Originale ausgegeben.

Bei Bartsch haben sich ebenfalls mancherlei Irrthümer und Verwechselungen bei den Anmerkungen zu diesem Dürer’schen Werke eingeschlichen, auch stimmt die von ihm beobachtete Folge der Holzschnitte nicht mit dem Inhalte des Textes zu denselben überein, indem nach diesem auf B. 20 die Blätter 22 und 23, und dann 21 und 24 folgen.

Der Titel der Ausgabe mit Text vom Jahr 1511 ist übrigens bei Heller, pag. 602, wo dieser von der zweiten Ausgabe spricht, richtig angegeben.

Abdrücke eines dritten Etats ohne Text aber später als der Druck des Textes sind häufig. Die besseren davon haben ein festes stark geripptes Papier, mit 14 Linien Abstand der Drathstriche. Es giebt auch vollständige Folgen aller 36 Blätter von B. 17 bis 52, auf einem weichen Papier, welches das Wasserzeichen der kleinen hohen Krone, Nr. 36, hat, die aber sowohl dieses Papiers wegen, das zuerst 1527 bei Drucken Dürer’scher Werke und bei dem Holzschnitt, B. 137, vorkommt, als auch wegen Mangel an durchgängiger Schärfe und Reinheit des Drucks, erst nach Dürer’s Tode abgezogen sein werden.[34] Andere geringere Abdrücke haben ein gelbliches sehr weiches Papier, dessen Drathstriche sich schwer wahrnehmen lassen.

Ueberhaupt ist eine Classification der verschiedenen Abdrucks-Gattungen dieser späteren Etats viel schwieriger als bei dem Leben der Jungfrau, da bei diesen kleineren Blättern nur ausnahmsweise Spuren von Wasserzeichen zu entdecken sind.

Die lange beisammen gebliebenen 36 Holzstöcke sind bekanntlich später nach Venedig gewandert, wo Daniel Bissuccio im Jahre 1612 davon eine Ausgabe mit italienischen Gedichten des Mauritio Mero veranstaltete. Der Titel dieser höchst seltenen Ausgabe[35] ist bei Heller, pag. 604, richtig angegeben, das auf demselben befindliche Brustbild Dürer’s ist eine mittelmäßige verkleinerte Copie des Portraits von Peter Myriginus, Heller Nr. 73. Es ist rund, 1½ Zoll im Durchmesser und hat die Umschrift:

Imago Alberti Dureri 1553
Aetatis suae LVI.

Das Buch, dessen auf besonders festen stark gerippten, mit dem Wasserzeichen des Ankers im Kreise versehenen Papier, gedruckte Blätter 7¼ Zoll hoch und 5¼ Zoll breit sind, enthält complet — nicht wie Heller anführt — 40 sondern 42 Blätter mit den Custoden A bis L.

Die Holzschnitte folgen wie bei der Ausgabe mit lateinischem Text, doch kommt der Holzschnitt B. 31, Christus wird vor Pilatus geführt, zweimal vor, das zweitemal zwischen B. 32 und 33.

Die Holzstöcke sind bei dieser Italienischen Ausgabe von den Druckern, in Beziehung auf das Schwärzen, höchst nachlässig behandelt, daher ist sie sehr ungleich von Druck, jedoch zeigen die Stöcke im Allgemeinen noch eine sehr gute Erhaltung.[36] Der größte Theil derselben ist späterhin nach England gekommen und befindet sich im British Museum, wodurch die neueste Ausgabe dieser Passion durch Henry Cole, London 1844, veranlaßt ist, bei welcher der Abdruck mit, von den Originalholzschnitten genommenen galvanoplastischen Abformungen, und Ergänzung der fehlenden, namentlich des Titels B. 16, gemacht wurde.