Die Grabenkämpfe bei Souchez
Im Juni
Ich habe sie gesehen und gesprochen, sie, die sich da draußen schlagen, in den Gräben von Souchez. Sie sind in Ruhe. Heute nacht müssen sie wieder hin. Die Straßen und Wege liegen nachts unter Feuer. Die Granaten krachen und flammen wie Höllengeister. Da müssen sie hindurch. Dann sind sie in Souchez. Was ist Souchez? Es ist ein Nest, ein Dorf, das niemand kannte und das nun viele nie mehr vergessen können. Es ist gezeichnet für immer, wie Gravelotte und Wörth. Wenn die Hölle Buch führt, so wird sie auch den Namen Souchez eingetragen haben, denn er kann sich sehen lassen neben den andern.
Souchez ist heute zusammengeschossen. Die Häuser verließen ihren Platz und sprangen auf die Straße. Man räumt die Trümmer zur Seite, aber es sind immer wieder neue Trümmer da. Durch Souchez fließt ein Bach, der Carencybach. Die Granaten haben sein Bett zerwühlt, durch das er hundert Jahre lang und länger friedlich rieselte und gluckste, sie haben die Ufer zerstampft, so daß er verzweifelt sein Bett verließ und sich einen neuen Weg durch die Granattrichter suchte. Trüb und lehmig ist er geworden. Er verbirgt seine Geheimnisse.
Sind die Grauen durch den Schlamm gewatet, so sind sie noch lange nicht da. Die Gräben liegen ein paar hundert Meter ab vom Dorf. Hier liegt ein Feuerriegel. Die Erde öffnet sich und speit haushoch Feuer und Qualm. Da müssen sie hindurch! Hier gibt es keine Annäherungsgräben, er da droben auf der Lorettohöhe läßt es nicht zu. Übers freie Feld heißt es hier und hinein in den Graben. Nun erst sind sie da!
Aber vorläufig haben sie noch ein paar Stunden Zeit und machen sich keine Gedanken. Sie sind alle sauber gewaschen und gebürstet, braun wie Nüsse, und die Hitze schält ihnen die Haut von Nase und Ohren. Ihre Uniformen sind eine Geschichte für sich. Sie waren alle einmal grau, nun aber sind sie verschossen, ausgewaschen und ausgeschwefelt. Bei Gott, man sieht es ihnen an, daß sie nicht in der Etappe saßen! Der rote Streifen der runden Mützen ist mit grauem Tuch vernäht, die Mützen sitzen alle tief in der Stirn, so gehört es sich. Es sind Grabenleute. Der Feldwebel aber sieht aus, als käme er gerade vom Schneider. Kein Flecken. Seine Hände sind gepflegt, und mit dem spitzen Nagel des kleinen Fingers zeigt er mir auf der Karte ihre Stellung. Vielleicht war er in seinem früheren Leben Lehrer oder Kaufmann, ich weiß es nicht. Er ist jetzt Soldat, und er ist so sehr Soldat, daß ich ihn zu fragen vergaß.
„Hier also ist unsere Stellung. Dieser Graben.“ Es ist ein rechter Winkel, und sein Fingernagel deutet auf den der Lorettohöhe zugewandten Schenkel. „Wir bekamen schweres Artilleriefeuer, Wirbelfeuer, den ganzen Tag über lag es auf dem Graben. Von sieben Uhr morgens bis neun Uhr abends. Achtundzwanziger! Der Graben sah aus, als wenn ein Dampfpflug ihn eingeebnet hätte. Wir sahen nichts mehr und wir hörten nichts mehr. Wir hatten natürlich Verluste. Anders geht es nicht. Zurück gibt es nicht! Eine 28er schlägt neben mir ein, jagt in die Höhe. Es ist nicht so schlimm. Der Graben ist zugeschüttet. Auch ich bin verschüttet. (Er war also verschüttet, aber keinem seiner Fingernägel hat es etwas getan!) Niemand glaubt, daß noch ein menschliches Wesen im Graben existieren kann. Um neun Uhr springt das Feuer zurück, hinter den Graben, damit keine Reserven herankommen können. Aha! Es geht los! Unser Leutnant, noch keine neunzehn Jahre alt, schreit. Es ist wie in einem Ameisenhaufen. Überall krabbelt es. Sie kommen alle heraus. Die meisten Gewehre sind unbrauchbar geworden. Also Handgranaten. Die Franzosen kommen heran. Es fällt hier ziemlich ab, und sie kommen rasch herunter. Die Handgranaten fliegen. Wir stehen hier, in den Granatlöchern, und der Rauch ist so dick, daß keiner den andern mehr sieht. Eine neue Kolonne stürmt. Sie denken, wir sind erledigt, aber wir, wir schreien Hurra! Wir brüllen und johlen, ja wir jodeln und lachen. Da stutzen sie doch. Nun aber sehe ich, daß sie von da her kommen, sehen Sie!“ Er deutet auf den Scheitelpunkt des Winkels. Hier stoßen die beiden deutschen Gräben zusammen, rechtwinklig, der Schenkel zur Lorettohöhe und der Schenkel gegen die Zuckerfabrik. Man darf aber nicht glauben, daß es mit dem Scheitelpunkt zu Ende ist! Dort ist eine Barriere, und dahinter setzt sich der Graben fort. Dieser Abschnitt gehört den Franzosen. So ist es hier! Aber, wie gesagt, aus diesem Abschnitt klettern die Franzosen heraus. Er sieht sie, im Rauch, wie sie herausquellen ...
‚Ein Mann vor mit Handgranaten!‘
Nun, ein Mann geht vor, zum Scheitelpunkt, und wirft Granate um Granate in die herausquellenden Franzosen.
„Wer war es doch gleich? Ist er nicht hier?“
„Ich war es.“
„Na, dann erzähle du!“
Es ist ein schlesischer Landwirt, ein Bauer, und seine Uniform ist olivengrün geworden da draußen.
„Ja, also, ich nehme den Arm voll Handgranaten und pfeffere hinein, wie es eben trifft. Sobald sie wiederkommen, schmeiße ich. Dann bin ich fertig mit den Handgranaten, und nun heißt es: fort! Ich laufe quer über das Feld, ohne jede Deckung. Sie schießen hinter mir her, sie treffen mich aber nicht. Ich springe hinten in den Graben.“
Gut hat er seine Sache gemacht, man muß es ihm lassen! Hoffentlich bekommt er das Kreuz! Er erzählt schlecht, er stottert, er schämt sich, zu berichten, was er tat, weil alle ihn ansehen und grinsen.
„Na, nun war nichts mehr zu machen. Nun kamen sie.“ Der Feldwebel mit den gepflegten Fingernägeln und blanken Augen blickt sich im Kreise um. „Wer hat übrigens das Grabenstück besetzt gehabt? War das nicht die –?“
„Wir!“ Ein junger Bursche mit runden Augen, knapp zwanzig, die Mütze bis zur Nasenwurzel, Flaum auf den braunen Backen, tritt vor.
„Warum habt ihr das Grabenstück geräumt? Ihr habt ja das Loch aufgemacht!“ Die Augen des jungen Feldwebels blicken vorwurfsvoll auf den Bauernjungen.
Der Bauernjunge bekommt einen roten Kopf. Er ist Soldat und hat seine Ehre. „Wir waren zusammengeschossen, Herr Feldwebel. Der Graben war – es war überhaupt nichts mehr da.“
Der Feldwebel wird spöttisch. „Aber das ist doch kein Grund zurückzugehen?“
„Wir waren nur noch zwölf. Wenn wir so viel waren.“
„Zwölf? Ja, wieviel glaubt ihr denn, daß wir waren? Wenn ihr natürlich gleich das Loch aufmacht –?“
„Wir hatten Befehl –“
„Na, schön. Bei uns gibt es das nicht. Also nun kamen sie, durch das Loch, das die da (!) aufmachten – nun kamen sie also. Sie kamen ganz langsam daher. Sie dachten, die Sache ist in Ordnung und es ist weiter nichts zu tun. Aber unser Leutnant sagt sich, na, wartet mal, ihr Kerle! Acht Mann mit Gewehr hinaus aus dem Graben! Hinaus aufs Feld. Sie klettern und rutschen also raus und schwärmen aus und setzen sich in Granatlöcher und fangen an zu feuern. Die Franzosen kommen in so dichten Reihen daher, daß jeder Schuß treffen muß. Eine Schwarmlinie und eine Sturmkolonne. Sie haben furchtbare Verluste, denken Gott weiß, wieviel da feuern, und gehen zurück. Ja, so wurde das gemacht. Bei uns verliert man nicht gleich den Kopf. Es waren also, wie gesagt, nur sechs oder acht Mann. Dann kamen ein paar mehr aus dem Graben. Unterdessen hielten wir aber den Angriff von vorn ab. Sie wären uns in den Rücken gekommen, ja, sie waren schon im Rücken ... Maschinengewehre bauten sie schon auf.“
„Na, also jetzt, weiter unten. Wie war es denn da weiter unten? Wer war da weiter unten?“
Er meint in dem Graben gegen die Zuckerfabrik, der sich weiter entfernt von dem durchbrochenen Grabenstück befand.
„Ich!“ Ein Polacke, Unteroffizier, mit grünen Augen tritt auf.
„Ihr habt den Graben gehalten?“
„Haben wir gehalten, Herr Feldwebel, jawohl. Haben wir bis zuletzt gehalten.
Haben wir Feuer gehabt, den ganzen Tag. Haben wir gesessen und gewartet. Graben ganz kaputt. Sind die Franzosen gekommen. Haben wir sie gesehen kommen durch den Rauch. Haben wir geschossen, bis Gewehr heiß war. Haben wir in Flanke geschossen. Haben wir Barrikade gebaut, daß Franzose nicht hereinkam zu uns. Haben wir Handgranaten geworfen. Hin und her. So sind sie geflogen, immerzu, daß Stiele in der Luft tanzen, so. Alles Rauch. Ist Morgen gekommen. Hat Franzose einen Graben gebaut, so, hier hat er gebaut, quer.“
Die Franzosen, heißt das, haben einen Graben vorgetrieben, der senkrecht stand zu dem Graben des Polacken, von dem eroberten Grabenstück aus, und im Rücken des Grabens lief, den der junge Feldwebel mit den blanken Augen hielt.
Der Polacke fährt fort: „Haben wir gesagt, Franzose hat Graben gebaut. Haben wir Handgranaten geworfen, immerfort. Wenn wir was sehen, daß Sand aufgeschüttet wird, warfen wir gleich. Plötzlich bekommen wir Feuer von Granaten. Ein paar Stunden lang, gleich furchtbares Feuer. Die Sandsäcke fliegen. Ich war gar nicht mehr zu sehen! (Grinsen ringsum!) Plötzlich bekommt auch er Feuer. Artillerie schießt in seinen Graben, wo er gebaut hat in der Nacht. Jeder Schuß mitten im Graben! Jeder! Habe ich gesehen! Französische Artillerie schießt auf unseren Graben, unsere Artillerie schießt auf französischen Graben. Wie weit? Nicht hundert Meter! Der Fähnrich wird verwundet. Sagt: Unteroffizier, übernehmen Sie den Zug! Wie komm ich dazu, den Zug zu übernehmen? (Grinsen ringsum!) Nu, gut, ich übernehme Zug. Ein Volltreffer nach dem anderen in französischen Graben. Die Franzosen kommen näher her zu uns. Wollen Schutz suchen. Ich steh ganz vorn. Jeden einzelnen seh ich. Peng! Weg! Sie flüchten vor deutschen Granaten, kommen näher. Peng! Seh ich einen, trägt Verwundeten auf dem Rücken. Peng! Beide fallen sie. Sandsäcke fliegen. Peng! Handgranaten. Franzosen kriechen aus dem Graben. Wir schießen. Kommt die Nacht. Schweres Artilleriefeuer auf uns. Seh ich in der Nacht Franzosen schleichen. Ganz deutlich. Leuchtrakete geht hoch, sehe ich sie kommen. Sie kommen nicht diesen Weg, diesen Weg kommen sie –“
Er deutet auf die Karte.
„Welchen Weg?“
„Diesen Weg!“
„Das ist ja Blödsinn!“ Man hört sofort, daß der nüchterne Feldwebel spricht!
Der Polacke wird unsicher, gibt nach. „Diesen Weg, ja. Wir schießen. Ich höre sie röcheln und schreien. Einer ruft. Ganz nahe. Ich verstehe nicht, was er will. Was soll ich tun? Soll ich hinaus, ihn holen? Ich denke, vielleicht macht er uns Schwierigkeiten (!) und werfe Handgranate. Am Tag sehe ich ihn, es war ein Schwarzer. Er war tot. Am Morgen wieder Granaten. Eine neben die andere. Wir müssen zurück –.“
„Was müßt ihr –?!“ Der Feldwebel, der das Zurückgehen nicht schmecken kann!
„Wir waren nur noch vier, Herr Feldwebel –.“
Wem gehörte nun der Graben? Den Franzosen oder den tapferen Grauen? Das ist die Frage. Die Wahrheit aber ist die: er gehörte niemand.
Ein anderer Grauer tritt vor, der zuweilen blinzelt und einen eigentümlichen scharfen Blick hat. „Ich bin heute nacht draußen gewesen,“ sagt er, „ich sollte nachsehen – Befehl. Ich kam durch den Bach und kroch über das Feld. Es ist nichts zu sehen und nichts zu hören. Ich steige in den zerschossenen Graben. Niemand ist hier. Tote. Sandsäcke und zerschlagene Gewehre. Aber kein Mensch. Ich gehe bis hinauf in die französische Sappe und hier liegt alles voller Leichen, kein lebendes Wesen. Der Franzose hat den Graben geräumt. Daraufhin haben wir ihn wieder besetzt.“ –
So geht es also dort zu, in den Gräben bei Souchez, wohin sie heute nacht wieder gehen müssen. Ich habe die tapferen Grauen selbst sprechen lassen, denn sie erzählen zehnmal besser, als ich es je könnte.