La Bassée

Im August

Um sechs Uhr nachmittags verschwinden die Leute von Lille von der Straße. Um neun Uhr wird es Nacht und Lille ist tot. Nur vereinzelt ein erleuchtetes Fenster und Stimmen dahinter. Die Schritte hallen. Ein Polizeisoldat, ein Feldgrauer mit der schwarzweißroten Binde am Arm, schlürft an den verschlossenen, finsteren Häusern entlang. Eine Radfahrerpatrouille gleitet schweigend durch die nächtige Straße. Ein paar verspätete Offiziere. Man kann stundenlang durch Straßen und Boulevards wandern, keine Katze regt sich. Lille schläft.

Von draußen, aus der Nacht, dringt der Lärm des Gewehrfeuers. Man hört es ganz deutlich, jeden einzelnen Schuß. So nahe sind die Gräben! Es pocht, dumpf und hart, wie eine Negertrommel. Eine Reihe von Schlägen, dazwischen ein rollender Wirbel. Dann beginnt es zu prasseln und zu knattern, metallen. Die Maschinengewehre hämmern. Ein Nachtgefecht, ein paar Gräben sind lebendig geworden. Das Feuer wird lebhafter, es prasselt minutenlang ohne jede Pause. Aber Lille schläft. Es öffnet sich kein Fenster, kein Kopf lauscht hinaus in die Nacht. Kein Herz schlägt rascher, erregt von einer leisen Hoffnung. Nein! Sie wissen es jetzt. Seit Monaten, seit dem Herbst hören sie das Rollen des Gewehrfeuers in der Nacht, sie wissen, es bedeutet – nichts. Sie schlafen, sie halten sich die Ohren zu, um es nicht zu hören, lange genug haben sie sich betrogen mit Hoffnungen, Ahnungen, Gerüchten, sie glauben es nicht mehr. Morgen um fünf Uhr wird der Flieger, klein wie ein Punkt, über der Stadt erscheinen, und die Abwehrgeschütze werden krachen, aber sie wissen, auch das bedeutet – nichts. Das Quälendste für den Menschen ist das Warten, es tötet alle Kraft zu hoffen.

Nein, Lille schläft, es will nicht aufwachen!

Niemals war eine Stadt so still und so dunkel. Punkt drei Uhr kommt das Auto, das mich hinausbringen soll zu den Gräben, und wir machen uns auf die Reise.

Das Feuer hat aufgehört, die Stadt ist noch stiller geworden. Sie schläft nicht, sie liegt in einer Art von Totenstarre. Das Auto gleitet zwischen schwarzen Häusern dahin. Kein Schnarchen hinter den dunkeln Fenstern, kein Kinderweinen, stumm, alles stumm. Die große Stadt ist tot. Wir rollen durch finstere Straßen, über öde Plätze und leere Boulevards. Eine rote Lampe schwingt am Ende der Straße hin und her. Aus der Finsternis taucht ein massiges schwarzes Festungstor. Die Wache tritt vor und blendet mit der Lampe über Wagen und Insassen. Weiter!

Nun ist es plötzlich noch finsterer geworden. Die Lampe des Autos leuchtet wie ein Scheinwerfer in die Nacht hinein. Wir jagen an fahlen Baumstämmen vorüber, durch Grotten von bleichgrünem Laub. Alleen, Straßen. Der Wagen nimmt Erhöhungen der Straße wie ein Segelboot die Woge, er tanzt, in den Kurven fegt er haarscharf an den Bäumen entlang und die Zweige peitschen unsere Gesichter. Es ist kalt und die satte Luft der Nacht stürzt uns entgegen. Die Bäume rauschen und brausen im Wind. Aufgescheuchte Tiere, kalkbleich, huschen über den Weg und Funken stieben blitzschnell vorüber. Das sind Motten, vom Lichtkegel getroffen und vom Luftdruck zur Seite geschleudert. Tote, schlafende Dörfer. Kein Laut, kein Mensch. Der Motor donnert. Rote Backsteinhäuser flammen im Lichtschein auf und sinken augenblicklich wieder in die Finsternis zurück. Die erschrockenen Augen einer schneeweißen Katze. Ein Posten. Ein paar laute Rufe wehen vorbei. Weiter! Der Wagen fliegt. Herrlich ist die Fahrt. Über uns stehen glitzernd und klar die Sterne des Sommerhimmels. Wir schweigen. Jeder ist in seine Gedanken versunken.

Hier auf dieser Straße marschierten sie, die Kolonnen, Kompanien, Regimenter, im Herbst. In die Schlacht von La Bassée. Freiwillige, Studenten. Sie stürmten dahin, sie sangen, ihre Augen sprühten. Vorwärts! Viele kehrten diese Straße nicht zurück! An der Straße stehen seltsam geformte Büsche; wie Frauengestalten, die die Hände vor das Gesicht breiten, erscheinen sie in der Nacht. Hier, dort, überall. An der Straße stehen Steine, die aufleuchten, sich gespensterhaft neben der Straße emporrichten, wie Geister, die uns betrachten wollen, die alles sehen wollen, was diese Straße kommt. Kleine weiße Kreuze stehen an der Straße, man sieht sie weithin leuchten, wenn der Lichtkegel sie trifft. Und fliegen wir vorüber, so drehen sie sich mit einem Ruck uns zu. Der Herbst ist nahe und immer noch marschieren hier die Kolonnen, die Kompanien und Regimenter. In der Nacht wandern sie dahin. Sie singen nicht mehr. Wenn sie sängen, so kämen die Granaten. Dies ist der Grund, weshalb sie nicht mehr singen.

Von den Gräben her hallen Schüsse. Sie klingen näher und näher, denn wir sind rasch. Dann und wann schlägt dumpf ein Geschütz, irgendwo. Auch nachts kann es hier außen keine Ruhe geben. Seit Monaten lärmt hier der Mensch. Ein paar Furagewagen knarren die Straße entlang. Die Pferde schlafen im Gehen und fahren unruhig auf, sobald der Lichtkegel sie faßt. Die Kutscher reißen sich zusammen. Neben der Straße werden die Granattrichter häufiger. Viele sind ganz frisch. Der Wagen humpelt über Erde und Steine. Die Granate schlug mitten in den Weg. Vor ein paar Stunden war es hier keineswegs gemütlich. Zweige und Äste, das Laub noch grün und saftig, liegen auf der Chaussee. Baumkronen sind zerfetzt, Splitter hängen von den Stämmen. Plötzlich zieht der Fahrer mit einem Ruck die Handbremse an und hält. Ein Baum ist quer über die Straße gestürzt. Er ist gefallen wie ein Soldat und hingeschlagen. Die Granate schnitt ihn über der Wurzel glatt durch und warf ihn aufs Gesicht. Seine Zweige sind noch grün und rauschen im Wind, wälzen sich hin und her und wissen noch nichts. Der Motor brummt, die Räder springen in die Höhe, hinüber.

Ein Dorf. Der Posten winkt. Wir müssen die Lampe löschen. Durch die Dunkelheit tasten wir uns weiter. Die Gewehre knallen. Ein schweres Geschütz in der Nähe reißt laut krachend ab und die Granate rauscht in das Dunkel hinein. Kein Zweifel, die Nacht geht zu Ende. Draußen bei den Gräben steigt zuweilen eine Leuchtkugel empor. Bleich und sprühend, wie ein gleißender Mond steht sie über der nächtigen Erde. Die Gewehre lärmen aufgescheucht, dann wird es wieder still. Die Leuchtkugel sinkt erblassend, ganz langsam, zur dunklen Erde herab. Nun aber steht rechts, zwischen den Pappeln, ein funkelndes Leuchtfeuer, grellweiß und drohend. Wiederum kracht das schwere Geschütz, und die Granate nimmt fauchend und gurgelnd ihre Bahn über unsere Köpfe hinweg.

Die Sterne erblassen, die Landschaft wird fahl. Nebel steigt aus den Feldern. Das Auto fliegt. Wir haben Eile, denn die Straße liegt in Sicht des Feindes. Bevor es tagt, müssen wir an Ort und Stelle sein.

Aus dem grauenden Morgen heben sich die fahlen, verschwimmenden Umrisse einer Stadt: La Bassée. Ein paar Soldaten in Hemdsärmeln, fröstelnd in der Morgenkühle, stehen an der Straße. Leichenhaft erscheint La Bassée im frühen Licht. Kein Mensch, kein Tier ist hier zurückgeblieben. Von ein paar Wachen abgesehen, haust hier kein Soldat. Die letzten Einwohner mußten schon vor Wochen den Ort verlassen, denn La Bassée liegt ständig unter schwerem Feuer. Die Kirche ist ein Trümmerhaufen, ganze Häuser sind in die Luft geflogen. Granateinschläge überall. Die Stadt sieht aus wie von einem Erdbeben zerrissen. Erst schossen wir hinein, dann übernahm es der Engländer. Hunderte, Tausende von Granaten fielen auf La Bassée. Es gibt nur wenig Häuser, die unversehrt sind.

Der Musikpavillon aber steht noch auf dem Marktplatz wie im Frieden.

Das Auto biegt in eine schmale Gasse ein. Sie ist düster und voller Qualm. Ein Haus brennt, von einer Granate in der Nacht in Brand gesetzt. Niemand löscht, niemand kümmert sich darum. Laß es brennen! Die Flammen lecken aus den Fenstern, sie sind ganz allein, niemand stört sie, und sie arbeiten ruhig und langsam weiter. Qualm wirbelt durch das verkohlte Gebälk. Im Hause drinnen klettert das Feuer über eine purpurrote Tapete mit zarten Empiregirlanden. Die Scherben des geplatzten Spiegels funkeln. Hier lebten einst Menschen.

Wir tasten uns durch den ätzenden Rauch, der Chauffeur flucht. Wir fahren weiter, hinaus zu den Gräben.

Die Gräben bei La Bassée

Im August

Der Kommandeur ist frühzeitig aufgestanden. Fix und fertig angekleidet kommt er aus seinem Unterstand geklettert. Sein Gesicht ist gerötet von der Frische des Morgens. Ein kleiner, rührender Friedhof mit Kreuzen auf den Gräbern und Blumen, Granattrichter und ein Haufe zusammengestürzten Mauerwerks, das ist seine Aussicht. Das Regiment liegt hier seit Monaten, aber der Kommandeur sieht aus, als sei er auf weitere Monate eingestellt. Er ist in seinem Dachsbau zu Hause, und was die Aussicht anbetrifft, so ist ihm das vollkommen gleichgültig.

Er telephoniert seinen Offizieren, daß sie uns einen Führer durch den Annäherungsgraben entgegenschicken sollen, damit wir uns nicht verirren, und wir steigen in den Graben.

„Fünf Uhr dreißig Minuten werden unsere 21er die neuen englischen Gräben eindecken. Seien Sie bis dahin zurück, denn es ist wahrscheinlich, daß er antwortet. Alles Gute!“

Wir trollen zwischen den Lehmwänden und Sandsäcken dahin. Eine Viertelstunde sind wir unterwegs, Geschütze pochen, da pfeift und saust es in der Luft, ein sonderbares und nicht zu verkennendes Pfeifen. Wir ducken uns zusammen. Mit einem höllischen Sang, böse zischend, fährt die Granate über unsere Köpfe weg. Kaum ist sie vorüber, kommt die zweite angefegt, in der nächsten Sekunde die dritte und dahinter die vierte. In einem Höllentempo jagen sie dahin, eins, zwei, als wollten sie einander einholen. Im Bruchteil einer Sekunde sind sie vorüber, man sieht sie nicht, aber in meiner Vorstellung haben sie die Gestalt von Schlangen angenommen, von höllischen Vipern, die langgestreckt zischend durch die Luft fahren. Die Einschläge klingen nahezu wie ein einziger Krach, als würden ein paar schwere Eisentüren fast gleichzeitig ins Schloß geschmettert.

So! Aber wir haben uns kaum von dem Schrecken erholt, als die zweite Lage pfeifend und fauchend angefegt kommt und uns über die Köpfe zischt. Eins, zwei, drei, vier und Schluß. Das war die Begrüßung.

„Es sind Flachbahngeschosse,“ sagt der Hauptmann, „sie zischen so blödsinnig!“

In den Gräben ist man schon munter. Die Gewehre peitschen, und die Spitzkugeln fahren summend und singend über uns dahin. Die Engländer haben die Morgenarbeit aufgenommen und knallen, um vollends wach zu werden. Sie passen verflucht auf. Sobald man die Mütze über die Sandsäcke streckt, kommt eine Kugel herüber. Draußen ist nichts zu sehen: Drahtverhaue, eine verwilderte Wiese, ein Erdwall, hinter dem es sich zuweilen bewegt. Das ist alles.

Unsere Grauen sind auf dem Posten. Die runde Mütze in die Stirn gedrückt, stehen sie und lugen durch Schießscharten und Spiegelapparate. Sie rücken die Gewehre, tasten hin und her, setzen ab, zielen von neuem. Plötzlich erstarrt das Gesicht auf eine Sekunde: Schuß! Sie spaßen nicht, o nein, sie nehmen es verdammt ernst und gewissenhaft. Sie sind ganz bei der Sache. Alle paar Schritte steht ein Grauer und lauert.

So stehen sie von der Nordsee angefangen bis hinunter zur Schweiz. So stehen Hunderttausende, Tag und Nacht, seit zehn Monaten, jetzt und in dieser Sekunde. So stehen sie, bis die tausendste Kugel kommt und sie in den Graben wirft. Wer sie gesehen hat, die Treuen, muß immer an sie denken: wie sie stehen, lauern, zielen, feuern, unermüdlich.

Eine unheimliche Spannung herrscht zwischen den beiden Labyrinthen der Gräben. Wie zwischen zwei Gewitterwolken. Sie verdichtet sich, die Kugel blitzt hinüber, herüber.

Die andern frühstücken. Sie trinken Kaffee aus Blechbüchsen, streichen sich Butterbrote, schneiden Fleisch aus den Dosen. Über ihren Köpfen die Ballen von Sandsäcken, die Maschinengewehre, das Gespinst der raschen Kugeln. Andre liegen in ihren kleinen Nischen, die schmutzigen Stiefel unter den Mantel gezogen, und schnarchen. Sie liegen schlafend mitten im Graben, und man muß über sie hinwegklettern. Sind sie tot, leben sie? Man kann es nicht sagen.

Ein Teil der Gräben ist zusammengetrommelt und wird instand gesetzt. Die Sandsäcke sind durcheinandergeschleudert, aufgeschlitzt und gelb von den Schwefelgranaten, die der Engländer feuert. Ich greife rasch nach einer Zigarette. Hier stinkt es grauenvoll! Der unsagbare Gestank wirft mich nahezu um. Schon beim Gedanken an diesen Gestank wird mir übel. Es ist der penetrante Geruch von Raubtieren, verhundertfacht, vermischt mit allerlei Unsagbarem und Scheußlichem, es ist die Pest, es ist der verwesende Mensch. Die Engländer faulen hier!

Arme Schufte, für ein paar Schillinge die Woche –. French jagte sie hier in den Tod.

Der Engländer schont seine Regimenter. Er spart Soldaten. Gott weiß, ob er sie nicht einmal gut gebrauchen kann, so gegen den Schluß zu, wenn der Partner genug hat? Dann ist es immer eine herrliche Sache, ein paar frische und nagelneue Divisionen an der Hand zu haben, die im Hintergrund in Paradestellung verharren, während man mit dem Partner in aller Höflichkeit über die Bedingungen verhandelt. Aber von Zeit zu Zeit ist es unbedingt notwendig, so zu tun, als mache man ernsthaft mit. Dann opfert French ein paar Regimenter, um den Franzosen seine Verlustlisten unter die Nase halten zu können. In erster Linie gibt er den Kanadiern, Irländern und Indern Gelegenheit, Beweise ihrer Loyalität zu geben. Siehe Ypern, Neuve Chapelle. Wird es Ernst, so zieht er gern seine englischen Regimenter aus den Gräben und wirft Überseeische und Farbige nach vorn. Man muß zugeben, er versteht seine Sache! Aber sie allein können ja nicht alle schwere Arbeit verrichten, das ist natürlich.

Als die Franzosen sich bei Arras und Souchez verbluteten, konnte er nicht ganz müßig bleiben. Es galt Truppen und Artillerie abzuziehen. Er entschloß sich, anzugreifen, und es muß gesagt werden, er meinte es diesmal bitter ernst! Trommelfeuer, Angriff auf Angriff. Erbitterte Grabenkämpfe. Die Toten liegen in Haufen vor unsern Drähten. Unsere Grauen wanken und weichen nicht.

Gegen die Gräben, durch die ich mich jetzt winde, gegen die sogenannte Trichterstellung, warf er drei Divisionen. Er faßt Fuß, aber eine Stunde später fliegt er wieder hinaus. Der Angriff war furchtbar, er wurde trotz der Übermacht abgewiesen. So geht es nicht.

Er versucht es von neuem. Er versucht es ohne Artillerievorbereitung. Er will uns überraschen. Seine Sturmkolonnen fluten heran. Aber die Grauen sind auf dem Posten! Innerhalb von 30 Sekunden (dreißig Sekunden) legt unsere Artillerie einen Feuerriegel vor die Gräben, daß den Engländern Hören und Sehen vergeht. Sie müssen zurück, ungeheuer sind ihre Verluste.

Es ging auch so nicht. Nicht einen Meter haben sie gewonnen.

Sie haben genug, sie haben den Franzosen gezeigt, daß sie es ernst meinten – aber es ging nicht. Sie geben es auf. Aber sie werden die Gräben von Givenchy und Festubert nicht vergessen. –

Nun liegen sie in den Massengräbern, die unsere Grauen schaufelten, und verwesen. Hier sind einige Wassertümpel voll einer gelben dicken Jauche, und auch diese Tümpel strömen denselben furchtbaren Gestank aus. Niemand wagt zu denken, wie es da unten aussieht! – Unsere Grauen aber frühstücken, schneiden Fleisch aus den Büchsen und schmieren sich dicke Butterbrote. An alles gewöhnt sich der Mensch.

Wir überschreiten auf einer Planke die gelbe Tümpelkette. Hier gibt es keine Deckung, und so rasch es geht huschen wir hinüber. Einer hinter dem andern. Aber die Schufte haben uns doch gesehen. Ein paar Minuten sind wir in der Sappe unterwegs, da weint es in der Luft und die Granate schlägt krachend ein. Wir machen uns aus dem Staub. Granate um Granate segelt daher. Vorsichtig lugen wir aus dem Graben und sehen die Einschläge rauchen. Weitab! Aber plötzlich kommen sie wieder näher und schließlich müssen wir die Beine strecken. –

Punkt fünf Uhr dreißig Minuten, auf die Sekunde, nehmen die 21er das Feuer auf. Die Granate winselt hoch über uns durch die Luft. Drei Sekunden Stille, dann ein Krachen, als stürze ein Haus aus Eisen zusammen. Der Boden bebt unter unsern Füßen. Schon kommt die nächste Granate angeweint. Sie braucht eine unendlich lange Zeit, bis sie ihre Bahn durchfegt. Einschlag auf Einschlag! Es ist wie ein schweres Gewitter mit harten Donnerschlägen. Der Engländer antwortet. Er sucht aufgeregt und wütend unsere Haubitzen. Geradeaus, am Horizont, stehen die Rauchfahnen seiner Granaten, schwarz und schiefergrau.

Wir sitzen im Bataillonsunterstand und trinken Kaffee. Die Granaten weinen über uns hin. Die schweren Geschütze erschüttern die Luft mit ihrem Gebrumm.

„Fragen Sie telephonisch an, wie es steht.“

Das Telephon tutet. Von den Gräben kommt die Antwort zurück: „Der Erfolg ist überraschend günstig.“

Es ist ein Morgen wie jeder andere. Ein Duell zwischen ein paar Batterien, nichts sonst. Die Berichte bringen nicht eine Silbe darüber.

„Dicke Luft“

Im August

In den Argonnen riecht es nach Chlor, in den Gräben nach Verwesung und schrecklichen Dingen, aber hier außen, in der Gegend von La Bassée – ist es nicht sonderbar? – duftet es wohlriechend wie in den Gemächern einer verwöhnten Dame. Es riecht nach Parfüm, nach Flieder, Veilchen und anderen schönen Dingen. Seit dem Herbst liegt dieser zarte Parfümgeruch über dem Lande, einmal schwächer, einmal stärker, je nach dem Winde. Dieser Duft stammt von den Parfümfabriken in Illies, die im Herbst zerstört wurden.

Das ist aber auch alles, was aus einer Zeit herrührt, da man noch an eine Verschönerung des Daseins dachte. Heute handelt es sich für Millionen darum, das Leben zu retten, das nackte Leben ohne alle Zusätze.

Die ganze Gegend bei La Bassée ist jammervoll. Leer, elend. Gräber, Granattrichter, zersplitterte Bäume. Die Felder verkommen und verwildert. Wo sind die Menschen? Sie sind längst geflohen vor den englischen Granaten! Sie wurden zerrissen in ihren Bauernbetten, die Granate zerschmetterte sie, während sie Futter für ihre Ziege holten. So blieb ihnen nichts anderes übrig, den Unglücklichen, die sich verzweifelt an ihre Scholle klammerten. Sie hielten es wochenlang, monatelang aus. Im Herbst sah ich oben bei Illies in einem Dorf eine alte Frau vor ihrem Häuschen sitzen und Kartoffeln schälen, während das Dorf (ich glaube Herlies) unter schwerem Feuer lag. Es gab bleiche Gesichter unter den Soldaten, aber die Alte schälte inmitten des Geschützgewitters ihre Kartoffeln ruhig und gleichmütig, und zu ihren Füßen spielte ein sechsjähriges Mädchen. Sie wollte lieber sterben, als das Stück Erde verlassen, das sie seit sechzig Jahren bewohnte. Viele starben so. Dorf um Dorf beschoß der Engländer; um einen Soldaten zu töten, tötete er drei Franzosen, aber es waren ja keine Engländer, auf die er feuerte. Die Dörfer leerten sich, eines ums andere, und heute sind sie ausgestorben.

Dörfer, Städtchen, Weiler und Gehöfte, wie mit einem großen Hammer zerschlagen sehen sie aus. Sie sinken zusammen, täglich etwas mehr, die Granate frißt sie auf. Sie sind nur noch Gespenster und Gerippe von Wohnstätten, aber der Engländer funkt täglich in die Ruinen, bald wird keine Mauer mehr stehen. Es ist ein billiges Vergnügen und kostet ihn keinen Pfennig. Sind es etwa seine Dörfer und Häuser? Oh, by Jove, no! Er wird eines Tages seine Kanonen zusammenpacken und nach Hause fahren, und der Franzose kann bezahlen. Man soll ihm nicht nachsagen können, er habe nicht gearbeitet. Von der Nordsee bis südlich La Bassée hat er alles kurz und klein geschossen. –

Die Sonne blendet durch die zerfetzten, zerfallenen Häuser. Kein Mensch weit und breit. Granatlöcher größten Formats, viele ganz frisch. Ein zertrümmerter Wagen. Die Granate packte ihn und warf ihn ins Feld. Ein Schild: Violaines. Das Dorf ist ein Grab, mich fröstelt trotz der heißen Sonne.

Wir verlassen die Straße und wandern querfeldein, um nach La Bassée zurückzukehren. Die Geschütze brummen.

Plötzlich weint es böse in der Luft, eine, zwei Sekunden, und mit lautem, hartem Krach schlägt die Granate in das letzte Haus von Violaines, das wir soeben verlassen haben. Die Dachziegel fliegen durch die Luft wie ein aufgescheuchter Taubenschwarm, und schwarz wälzt sich die Wolke aus dem Hause. Wir sehen einander an. Was nun? Wieder schlägt dumpf ein Geschütz. Wir horchen. Schon kommt sie näher, sie weint und klagt, mit hoher Stimme, krach! Panzerplatten, die gegeneinanderschlagen. Grauschwarz, mit böse gekräuselten Rändern, wie Hagelwolken sie haben, brodelt die Wolke empor. Es sind schwere Schiffsgeschütze, Kaliber 28. Nun machen sie Ernst! Das Geschütz schlägt, unser Geschütz, wir kennen nun seine Stimme.

Wir schwingen die Beine. Aber sobald die Granate da oben weint und winselt, bleiben wir stehen und horchen. Qualm wirbelt aus einer Scheune in die grelle Sonne. Der nächste Einschlag ist gottlob ferner. Ein schwefelgelber Rauchklumpen, der braungelb verweht, liegt im Felde und reckt sich. Eine Schwefelgranate. Das Feuer zieht sich nach La Bassée hin. Dazwischen kracht es scharf und hart: ein Schrapnell. Es streckt seine grauweißen Fangarme gierig in die leere Luft. Wir stoßen auf eine Batterie, die im Feld eingegraben ist.

Die Kanoniere, sechs an der Zahl, stehen hinter den Geschützen, die Arme verschränkt, in Hemdärmeln, lachend und vergnügt, als fingen sie 28er Schiffsgranaten mit der bloßen Hand auf. Sie haben nur eine kleine Mauer aus Sandsäcken aufgebaut, die ihnen den Rücken decken soll, wenn sie an den Geschützen arbeiten. Neugierig lassen sie uns herankommen. Sie stehen keineswegs in Deckung, sie stehen im freien Felde, wie es sich für einen Kanonier gehört.

Meine Begleiter sind hohe Stabsoffiziere, aber das kümmert die Kanoniere wenig. Sie sind die Herren dieses Feldes, das ist offenbar, und es ist schon eine große Freundlichkeit, wenn sie uns passieren lassen.

„Guten Morgen!“

„Gut’ Morg’n!“

Sie wackeln ein bißchen mit den Beinen, rücken die Stiefel zusammen und bringen die Hände flüchtig in die Gegend der Hosennaht. Große Umstände machen sie nicht mit uns. Offizier und Mann, sagen sie sich, hier außen ist das schon so ziemlich eine Sache.

Es sind ganz prachtvolle Burschen. Kaltblütig und ruhig stehen sie hier, während ein paar hundert Meter entfernt die schweren Granaten einhauen und jederzeit eine Granate abschwenken kann.

Ein langer, der größte von ihnen, blinzelt belustigt. „Dicke Luft!“ sagt er und freut sich. Die Mütze sitzt ihm keck auf dem Ohr, die nackten braunen Arme hat er über dem offenen Hemd verschränkt. „Dicke Luft,“ sagen die Grauen, wenn es etwas lebhaft zugeht.

„Kann man quer durchs Feld nach La Bassée gehen?“

„Das kann man schon!“ antwortet der Lange.

„Übernehmen Sie die Garantie?“

„Jawohl, die übernehme ich. Aber bleiben Sie bei der Fabrik dort nicht stehen. Da schießt er immer hin!“ Keck und forsch ist der Lange. Seine Kameraden sollen sehen, daß er nicht gleich die Fassung verliert, wenn ein paar Stabsoffiziere kommen. Das wäre noch schöner.

Wir sind keine zwanzig Schritt gegangen, da ruft uns der Lange nach: „Immer ein bißchen fix, sonst garantiere ich für nichts.“ Sie lachen. Ich drehe mich um und sehe, daß sie die Mäuler vor Vergnügen aufreißen. Es amüsiert sie, daß wir durch die „dicke Luft“ hindurch müssen, während sie es so behaglich bei ihrem Dutzend Sandsäcken haben. Kleiner und dünner werden sie im Feld, aber ihre roten Gesichter sind immer noch auf uns gerichtet. Sie wollen sehen, wie wir hinüberkommen.

Die Granate singt und pfeift, hoch oben, und schlägt links in die Fabrik. Hat er es nicht gesagt, der Tausendsasa? Rechts liegt das Feuer auf La Bassée und links auf der Fabrik. In der Mitte müssen wir hindurch, denn wir haben unser Auto in La Bassée eingestellt. Die englischen Granaten haben eine unserer Batterien aufgeweckt, und nun kracht sie dazwischen. Fegt die Granate hinüber, herüber? Es ist schwer zu sagen.

Das ist eine hübsche Sache geworden, alle Wetter! Wir gehen hintereinander und pflügen uns den Weg durch Kräuter und Stauden. Die Sonne brennt, und der Schweiß steht auf unseren Gesichtern. Alle paar Augenblicke müssen wir über Telephondraht klettern. Und wieder schlägt unser Geschütz. Wir hören es deutlich aus dem Brummen und Pochen in der Ferne heraus. Nun haben sie abgerissen und die zwei Zentner auf die Reise geschickt. Die Granate fegt ihre Bahn. Es dauert viele Sekunden, bis sie herankommt. Sie weint, sie klagt, als sei sie in der Klemme und nicht wir. Näher, immer näher. Was in der nächsten Sekunde geschehen wird, wissen wir nicht. Sie ist vorüber. Einschlag – dort!

La Bassée kommt näher, ganz langsam.

Es ist ein großer Unterschied, ob man selbst feuert und zusieht, wie etwas beschossen wird, oder ob man persönlich dabei engagiert ist, ohne Frage.

Bei den ersten Häusern kommt eine Granate angewinselt, näher und näher, aber plötzlich ist sie wie weggeblasen. Ein Blindgänger.

Nun, da sind wir. Wir atmen auf. Die Häuser geben ein Gefühl der Sicherheit. Gegen einen Volltreffer ist nichts zu machen, natürlich, aber gegen Splitter ist man immerhin einigermaßen gedeckt.

Die erste Straße ist ganz leer. In der zweiten sehen ein paar Feldgraue gemütlich aus dem Fenster. Sie sind unbekümmert und sorglos wie die Kanoniere draußen im Felde. Ja, sonderbare Burschen sind diese Grauen, das muß man sagen!

„Was macht ihr hier?“

„Wache!“

Sie rauchen und haben es sich in der Stube behaglich gemacht. Daß ein bißchen geschossen wird, das kümmert sie nicht. Stürzt das Haus zusammen, so ziehen sie eine Tür weiter.

In der leeren Straße will ein Fuhrwerk umwenden. Es ist mit zwei starken Pferden bespannt, und die Stränge sind in Unordnung gekommen. Vor, zurück, die schweren Pferde drängen gegen die Deichsel. Ärgerlich steigt der Fahrer vom Bock, und Mann und Kutscher fluchen. Es ist schließlich kein Vergnügen, in einer Stadt, die unter Feuer ist, stecken zu bleiben. –

An den Hauswänden der toten, zerfetzten Stadt wandern wir entlang, und sobald die Granate pfeift, nehmen wir Deckung.

Auto. Wir fegen mit Vollgas davon.

Lebe wohl, La Bassée!

Es passieren aber doch die sonderbarsten Dinge! An einer Wegkreuzung halten wir. Ein General, hoch zu Roß, kommt des Weges. Exzellenz befinden sich auf dem Morgenritt.

„Geht es hier nach La Bassée?“ fragt der General.

„Jawohl, Exzellenz.“

Der General reitet weiter. Wir sehen einander verblüfft an. Nun, Exzellenz werden heute wohl den Morgenritt abkürzen!