Drittes Kapitel

Wie erstaunt war doch Susanna, als sich die Türe immer wieder und wieder öffnete und immer mehr junge Mädchen eintraten. Es wollte gar kein Ende nehmen. Noch mehr erstaunt war Mütterchen, die sich fein hergerichtet hatte. Ihre Augen standen immer voller Tränen und sie verlegte zum Unglück fortwährend die Brille. „Welche Freude — daß sie uns die Ehre schenken — an Susannas Ehrentage.“ — Vor der Türe hing ein Willkomm-Kranz — anders hatte es Mütterchen nicht getan. „Willkommen“ stand darauf und Mütterchen hatte darunter geschrieben: Zum Verlobungsfeste von Susanna Lenz. Sie war immer unterwegs, konnte sich keinen Augenblick niedersetzen, dazu hatte sie keine Zeit, immer flatterte ihre weiße Schürze aus und ein.

Aber es nahm ja kein Ende. Auf der Brücke gingen wiederum drei Mädchen. Grau hatte es gut verstanden, die jungen Mädchen an ihr Versprechen, zu einem kleinen Feste bei Susanna zu kommen, zu erinnern. Auch Fräulein Sperling kam, die „ewige Braut“. Grau hatte sie ganz besonders eingeladen. Sie kam mit Tränen in den Augen und lächelnden Lippen und nickte immerzu gerührt mit dem Kopfe.

Die Mädchen kamen in hellen Frühlingskleidern und glänzenden Augen und roten Wangen, und alle waren guter Laune. Sie zwitscherten und kicherten soviel wie ein ganzer Wald voller Vögel, wenn die Sonne aufgeht. Sie brachten alle Blumen mit, ganz als ob sie es ausgemacht hätten, und füllten das Zimmer damit an. Susanna saß in einem Garten. Auch Adele brachte Blumen, sie brachte einen großen Strauß von weißen Rosen. Die Schwestern Sinding hatten einen Kranz aus Veilchen geflochten, den sie Susanna auf den Kopf setzten und alle Mädchen klatschten in die Hände.

Außer Eisenhut waren noch ein Onkel und eine Tante gekommen, aus Weinberg. Die Tante war klein und rund, eine Schwester Mütterchens, sie sprach kreischend und hielt sich den dicken Leib beim Lachen. Sie hatte ein kleines und ein großes glotzendes Auge, das alle vergnügt anstarrte. Der Onkel kam im schwarzen Rock, mit einem hohen Zylinder. Er war Aushilfsbriefbote in Weinberg. Er war mürrisch und sah ärgerlich aus. Er sprach kein Wort und bewegte auch keine Miene, aber die Mädchen kümmerten sich nicht um ihn.

Das Zimmer war zu klein und Grau und Eisenhut zerlegten Mütterchens Bett und schafften es in die Küche. Aber als immer mehr Gäste kamen, mußte auch Susannas Bett hinausgeschafft werden. Die Gesellschaft nahm um den Tisch herum Platz auf Stühlen, Bänken, Hockern, Koffern. Endlich war alles in Ordnung und das Fest konnte beginnen.

Es begann. Es begann mit Kaffee und Kuchen, Lachen und Gesang. Hin und her gingen die Worte und das Lachen ging rings im Kreise. Was man sprach, das hätte niemand später sagen können, aber man unterhielt sich gut und ohne jede Pause.

Wie Susanna fühlte! Sie saß da mit strahlenden schwarzen Augen, inmitten all der Blumen, den Kranz auf den Haaren, inmitten all der jungen lachenden Mädchen. Sie blickte ringsum im Kreise, von einem Gesichte zum andern, lauschte, lächelte. Sie blickte Grau strahlend an und legte den Kopf an seine Schulter.

Er drückte ihr die Hand.

Als man die Weinflaschen entkorkte, stieß Mütterchen plötzlich einen Schrei aus: Ein bärtiger, wilder Kopf erschien am Fenster und eine tiefe Baßstimme sagte: „Guten Tag, allerseits!“ Es war der Lehrer.

Mütterchen rannte zur Türe hinaus und hing an seinem Halse.

Wie kam er doch hierher? „Ja, das ist ein Geheimnis, sozusagen! Ich habe eben ein Engagement von einem Theater gehabt — als König Lear zu gastieren — habe aber die Lumperei im Stiche gelassen, als ich von dem Feste hörte!“ Es war ihm glänzend gegangen auf seiner Wanderschaft, glänzend und fürstlich wie immer hatte er gelebt. Auf einem Herrensitz, bei einem Baron hatte er förmliche Festtage gehabt, eine Stadt, besser gesagt eine Art Marktflecken, wollte ihn zum Bürgermeister haben. Als ob das so einfach wäre —!

Ja, trotzdem er in zerrissenen Kleidern daher kam und eine bedenkliche Schramme an der Stirne hatte, war es ihm nie so gut gegangen, niemals hatten ihn seine Freunde so fürstlich aufgenommen. Hahaha!

Nun gab es leider einen kleinen Zwischenfall. Der Aushilfsbriefbote nämlich tat, als sehe er nicht, als Lenz ihm die Hand zum Gruße hinstreckte.

„Mein Name ist Pracht!“ sagte er. „Ich habe nie das Vergnügen gehabt, Sie zu kennen.“

„Oho! Du kennst mich nicht! Seht an! Mein Schwager! Seht an. Hier ist meine Hand!“

Aber Herr Pracht kannte ihn nicht.

Lenz streckte ihm die Hand hin.

„Genug, genug!“ sagte er und lachte herzlich. „Hier ist meine Hand! Frieden wollen wir schließen.“

Nein, Herr Pracht kannte Leute seines Schlages nicht. Hätte er gewußt —

„Unsinn!“ sagte Lenz und lachte. „Ich stelle mich also vor, Lenz ist mein Name, Herr Pracht!“

Herr Pracht lehnte ab. Er bedaure.

„Gut!“ sagte Lenz und lachte. „Die Herrschaften haben gesehen, daß ich diesen Herrn Pracht hier, diesen prächtigen Herrn ein Dutzendmal meine Hand hinstreckte und meine Gastfreundschaft anbot. Herr Pracht zieht es vor ins Freie zu gehen. Darf ich bitten, Herr Pracht!“

Lenz nahm den Aushilfsbriefträger am Genick, führte ihn hinaus durch den Garten, er öffnete ihm höflich die Türe und gab ihm einen Schwung, daß Herr Pracht in die Wiese flog und sein hoher Zylinder in das Gras kollerte.

Dann kam Lenz herein, lachte, rieb sich die Hände und bat die Gesellschaft wegen der kleinen Störung um Entschuldigung.

Er sprach und sprach, stand auf und sang, das Glas in der Hand, mit herrlicher Baßstimme ein Lied: Im tiefen Keller sitz’ ich hier. — Niemand konnte wie er im tiefen Keller sitzen, da war der Modergeruch des Kellers, der Widerhall riesiger Fässer — alles. Niemand konnte wie er den Wein im Glase anlächeln, mit einem verliebten gönnerhaften Lächeln, niemand konnte wie er mit solch königlicher Geste das Glas erheben.

Hierauf erzählte er eine absolut unglaubliche Geschichte von zehn Schwestern mit eisernen Nasen — sie machten dem Vater Stiefel aus Eisen und sandten ihn nach Freiern aus — eine Hexe vollständig aus Eisen — niemand könnte diese Geschichte wiedererzählen. Die Gesellschaft lachte herzlich und der unangenehme Zwischenfall war vollständig vergessen. Die Mädchen tranken und ihre Wangen wurden röter, ihre Augen glänzender. Sie sangen. Sie sangen alle Lieder, die sie kannten: Am Brunnen vor dem Tore — Als ich noch im Flügelkleide — Der Mai ist gekommen — Mütterchen hörte andächtig zu. Als die Fröhlichkeit den Höhepunkt erreicht hatte, sangen sie: Ich weiß nicht was soll es bedeuten —

Auch die „ewige Braut“ fühlte sich zu Hause unter den jungen Mädchen, sie sang indem sie den blondweißen Kopf hin und her auf den Schultern wiegte und man hörte sie stets noch die letzte Silbe hinausziehen, wenn alle schon zu Ende waren.

Dann lachte sie.

Eisenhut sang nicht, aber er lächelte.

„Singen Sie doch mit, Herr Eisenhut!“ rief Adele und sah ihn an. Eisenhut kam in Verlegenheit. „Ich habe Ihnen seinerzeit auf dem Balle so sehr unrecht getan,“ fuhr Adele laut fort, daß alle es hören mußten, „vergeben Sie mir!“

Eisenhut sagte: „Ach, das ist ja — haha — schon — so lange her — wie?“ Später erbot er sich ganz von selbst, die Kosten von Susannas Aufenthalt im Süden zu bezahlen, im Falle sie reisen sollte. Er flüsterte es Grau ins Ohr.

Es ging fröhlich in dem kleinen Häuschen her und als die Sonne unterging blendete sie all den jungen Mädchen ins Gesicht. All die singenden Lippen und strahlenden Augen glänzten und die Zähne der jungen Mädchen blitzten.

Susanna lächelte und während sie lächelte, schlief sie ein.

Die Gesellschaft schlich sich davon. Mütterchen steckte Grau ein kleines Paketchen in die Tasche. „Nimm!“ sagte sie geheimnisvoll. „Wie soll ich dir doch danken? Ein solch herrlicher Tag! Für mich und Susanna! Wie glücklich sie war!“

Viertes Kapitel

In den Häusern zündete man die Lampen an und die Glocken läuteten den Abend ein, als die Gesellschaft in die Stadt eintrat. In den Straßen war es schon auffallend dunkel und merkwürdig warm. Kinder lärmten und die Leute standen vor den Häusern um die erfrischende duftende Luft zu genießen. Man hörte Stimmen in den noch dunkeln Zimmern, Worte, die gerufen wurden, die Familie des Schlächtermeisters Keim war um eine Talgkerze versammelt und nahm das Abendessen ein.

Am Marktplatze ging die Gesellschaft unter vielem Lärm und fröhlichem Lachen auseinander.

Grau und Adele gingen miteinander. Sie hatten den gleichen Weg.

„Wir haben ja den gleichen Weg!“ sagte Adele und sie sahen einander an und nickten. Sie waren beide beklommen und stiegen schweigend die Stufen hinauf. Über die Mauer des Friedhofes und aus Eisenhuts Garten hingen Zweige und Blüten, so daß sie durch eine Gasse von Blüten und Duft gingen. Es war schwül hier und dämmerig. Adele stand still und sog den Duft ein. „Es ist Jasmin.“

„Ja, es ist Jasmin!“ sagte Grau und wieder begegneten sich ihre Blicke.

Oben war es kühler. Sie atmeten auf.

Adeles Blicke gingen über die Stadt hin, in der es mehr blühende Bäume als Häuser gab. Aus dem Dunst der Dämmerung blinzelten Lichter und auf einem Dache lag ein fahler goldener Ton. Eisenhuts Garten war eine einzige lange Woge von Blüten, die gegen die Höhe anschäumte. Adele schüttelte den Kopf und deutete auf Eisenhuts Gartenmauer.

„Die Tafeln,“ sagte sie, „die Tafeln sind verschwunden. Vor den Hunden wird gewarnt, Vorsicht Selbstschüsse — Sie erinnern sich? Was ist doch mit Herrn Eisenhut vorgegangen? So artig und nett, wie er heute war! Was mußten Sie sich doch denken, als ich ihn auf dem Liederkranzball so schlecht behandelte?“

„Es ist wahr, Sie waren grausam gegen ihn.“

„Aber warum doch? Warum quälte ich ihn denn? Ich hatte zu viel Sekt getrunken und plötzlich kam es über mich. So häßlich war ich an jenem Abend. Und Eisenhut quälte ich, weil ich mich ihm gegenüber schuldig fühlte. Freilich, er erinnerte mich auch zu oft daran. Ich habe einmal schlecht gegen ihn gehandelt und er hat mir doch einen großen Dienst erwiesen — er lieh mir zehntausend Mark und wollte nicht einmal einen Schuldschein haben — aber ich will gar nicht davon sprechen. Ich habe auch noch andre häßliche Bemerkungen gemacht.“ Sie sah Grau prüfend an.

„Ich erinnere mich nicht mehr an alles, was an jenem Abend gesprochen wurde,“ sagte Grau.

„Das ist gut,“ fuhr Adele fort, sie stockte. „Haben Sie denn Besuch, Herr Grau? Es sitzt jemand auf Ihrer Treppe,“ fragte sie.

Vor dem kleinen Hause Graus saß eine dunkle Gestalt und rauchte Pfeife. Es war ein kleiner alter Mann. Er erhob sich und machte eine Verbeugung.

„Ich rauche Ihre Pfeife, Herr Grau, mit Ihrer Erlaubnis,“ sagte er.

„Es ist ein alter Handwerksbursche,“ sagte Grau, „der vorläufig hier wohnt. Er saß eines Tages auf meiner Treppe, abends, als ich heim kam, fand ich ihn da. Er war krank und hatte Fieber. Man hatte ihm die Aufnahme in der Herberge verweigert, weil seine Papiere nicht in Ordnung waren. Ich konnte ihm doch nicht gut ein Obdach verweigern, zumal er Fieber hatte, nicht wahr? Übrigens stört er mich nicht, ich habe ja so viel Raum.“

„Wie lange wohnt er schon hier?“

„Drei Wochen. Warum?“

„Ich meine nur. Ich habe gehört, Sie haben Ihr Bett verschenkt und behelfen sich selbst mit einem Strohsack?“

Grau lächelte. „Eine merkwürdige Stadt!“ sagte er. Sonst nichts.

„Eine Dame hat es erzählt. Das Bett gehört ja zum Pfarrhause, es gehört nicht Ihnen?“

„Ich werde ein neues Bett kaufen,“ sagte Grau. „Sagen Sie der Dame, sie könne ganz unbesorgt sein. Ich habe das Bett hergeliehen, einer armen Wöchnerin. Ja, mein Gott, ich kann doch da nicht erst lange fragen, wem das Bett gehört? Eine ganz merkwürdige Stadt!“ — Adele lachte leise.

Sie gingen schweigend an der Parkmauer entlang bis zum Gitter. Adele blickte hinein. Im Hause war ein Flügel beleuchtet und man hörte ein Klavier.

„Wir haben Gesellschaft,“ sagte sie, „die Offiziere von Weinberg.“ Sie sah zu den hellen Fenstern hinauf und lauschte. „Es ist Mama, die spielt.“ Sie blickte in den weiten Park hinein, dahin wo er ganz dunkel lag, und schüttelte den Kopf. Sie fröstelte. Sie blickte Grau lange an. Dann sagte sie mit einem Blick auf die hellen Fenster: „Ich habe keine Lust. Kommen Sie!“

Sie gingen weiter, den Weg entlang, der in den Wald führte. Es war ein Kiesweg und man sah ihn weit hinein in den Wald fließen, obgleich es hier ganz dunkel war. Zu ihren Häupten schlängelte sich eine schmale blaue Straße des Himmels und ein früher Stern wanderte darauf. Bald versank jeder Laut hinter ihnen und sie waren allein.

Zuerst hörten sie ihre Schritte auf dem Kies, aber das Ohr gewöhnte sich daran und lauschte auf die tiefe Ruhe des Waldes.

„Welcher Friede, fühlen Sie!“ sagte Grau leise.

„Ja, hier ist Friede!“ sagte Adele, deren Gesicht in der Dunkelheit zu leuchten anfing. Sie stand still und wandte die Augen auf Grau. Er sah ihre Augen, so hell waren sie. „Horchen Sie! Hören Sie das Klavier nicht mehr?“

„Nein.“

„Es ist Mama, die spielt. Ich höre es jetzt auch nicht mehr. Da sitzt sie nun, meine kleine Mama und spielt und wartet auf mich. Denn sie tut ja nichts andres. Sie wartet und die Herren lachen und plaudern. Sie sagt zu Konrad: Konrad, wenn meine Tochter kommt, melden Sie es mir sofort. Sie wartet und wird immer nervöser. Ich aber komme nicht.“

„Sollten Sie nicht umkehren?“ fragte Grau.

Adele schüttelte den Kopf. „Nein,“ sagte sie, „ich habe keine Lust. Ja, fühlen Sie doch den Frieden hier, Sie haben recht, wir wollen den Frieden hier fühlen. Wie es riecht! Als ob Sie Rinde abschälten. Haben Sie viel Frieden in sich? Ich nicht, nein, ich würde lügen, würde ich es behaupten. — Das heißt, es ist ja nicht so schlimm,“ fuhr sie mit freierer Stimme fort, „es ist nur der Frühling, weil alles so schön ist und die jungen Mädchen heute lachten so viel.“

Der Kiesweg war zu Ende. Sie gingen in einem Walde hoher Fichten. Der Boden war glatt von Nadeln und Moos und es roch hier nach Harz und Wurzeln.

Grau lächelte, und als ob Adele sein Lächeln gefühlt habe, blickte sie zu ihm her. Er sagte: „Wir gehen wie im Werke einer großen Orgel, zwischen all den schlanken Pfeifen. Als der Geist der Orgel gehen wir hier.“

Er sah, daß Adele lächelte; ihre hellen Augen glänzten.

„Warum sprechen Sie so eigentümlich?“ fragte sie.

„Sprach ich denn eigentümlich?“

„Ja, Ihre Stimme klang ganz verändert.“

Adele blickte zu den schwarzen phantastischen Wipfeln empor, die regungslos dastanden, wie aus Erz gegossen, und einen fahlen grauen Himmel sehen ließen, als beginne es zu tagen. Sie lächelte und sagte: „Aus unseren Orgelstunden ist leider nichts geworden. Sie erinnern sich, daß ich neulich bei Ihnen anfragte?“

Er stehe jederzeit zur Verfügung.

„Ich danke Ihnen aufrichtig,“ sagte Adele, „aber der Baron sieht es nicht gerne, mein Bräutigam. Ich weiß nicht warum, aber er hat solche Angst, die Leute könnten über mich sprechen. Und dann hat er es noch nie gehört, daß eine Dame Orgel spielte. Wüßte er, daß ich mit Ihnen hier gehe, so hätte er nichts dagegen, nein, aber er hätte Angst, jemand könnte es sehen. Er hält viel auf Etikette. Er denkt in jeder Beziehung frei und vornehm, aber er will nicht, daß die Leute über mich sprechen. Sie haben ihn doch kennen gelernt? Sind Sie in ein Gespräch mit ihm gekommen?“

„Wir haben nur ein paar nichtssagende Worte gewechselt.“

„Schade!“ sagte Adele. „Ich wünschte, Sie hätten mit ihm gesprochen, er ist sehr gebildet und klug. Freilich ist er ja meist zu müde zum Sprechen, er liebt es auch nicht, er ist schweigsam. Sie würden vielleicht den Eindruck bekommen, daß er etwas konventionell ist in seinen Anschauungen. Er könnte zum Beispiel nie einen Handwerksburschen beherbergen, niemals in seinem Leben — aber er ist —. Vor allem liebt er mich sehr, er liest mir jeden Wunsch von den Augen ab.“

„Sie werden ja nun bald heiraten?“

„Ja.“ Adele blickte auf den Weg. „Er, der Baron, drängt sehr. Auch fühlt sich Mama jetzt besser. Mir eilt es ja nicht so sehr — obgleich ich den Baron von ganzem Herzen liebe. Er besitzt eine Menge großer Eigenschaften, Sie würden das bald herausfinden — nun hört der Wald auf — lassen Sie uns nicht von diesen Dingen sprechen. Weshalb sehen Sie mich an?

Es ist ja langweilig für Sie, nur von meinen Angelegenheiten zu hören, Herr Grau. Deshalb. Wollen Sie mir nicht jenen Traum zu Ende erzählen, den Sie auf dem Ball begannen?“

„Gerne.“

Sie traten aus dem Walde und der Rücken der Höhe lag im Dämmerlichte vor ihnen. Im Tale zogen Nebel und die Stadt war in Dunst gehüllt. Einige Lichter flimmerten, und wo der Bahnhof lag, blinzelte eine Reihe von Laternen wie der Leichenzug eines armen Mannes. Der Himmel war fahl und einige matte Sterne schwebten darin. Sie gingen am Rande des Waldes entlang und kamen an eine Bank. Adele macht Miene sich niederzusetzen, aber sie ging weiter.

„Jene Frau und ich,“ begann Grau, „gingen über die Heide, es war graue Nacht und ganz still. Es war fahl wie jetzt, nur daß es dem Morgen zuging, es war aber stiller als jetzt, obgleich hier kein Laut zu hören ist. Trotzdem war es stiller. Die Luft war kühl, so wie sie ist, wenn der Morgen nahe ist, sie war gewürzt von all den Kräutern und Blumen, die in der Heide blühten. Wir gingen schweigend dahin, jene Frau, mit der Sie eine leichte Ähnlichkeit haben, und ich. Alles war wie ein Schatten und wir selbst schienen Schatten zu sein, die in der grauen Nacht dahingingen. Es standen viele Sterne am Himmel, aber sie leuchteten nicht. Plötzlich begann es zu sausen über unseren Häuptern und ein Heer von Sternschnuppen, ein ungeheurer Regen von Sternschnuppen jagte blitzschnell über den Himmel und verschwand hinter dem Horizonte. Es waren Milliarden von Sternschnuppen, der ganze Himmel war fegendes Feuer. Ich erschrak, denn ich hatte niemals so etwas Schönes gesehen. Warte, sagte die Frau an meiner Seite — und wieder fegten Milliarden von Sternschnuppen über den Himmel. Diesmal dauerte es lange Zeit, endlos schien der goldene Regen zu sein. Endlich hörte er auf und die letzten Funken versprühten am Horizonte. Mein Herz schlug heftig, ja, es schlägt jetzt sogar bei der Erinnerung an dieses schöne Schauspiel, das schöner war, als alles was ich im Wachen und im Traum gesehen habe.“

„Es wurde wieder fahl wie zuvor und die Frau sah mich lange an. Wie gefiel es dir? sprach sie. Ich nickte, ich sagte nichts.“

„Und weiter?“ fragte Adele.

„Wir wanderten zusammen,“ fuhr Grau fort, „und es schien als wanderten wir eine endlose Zeit in der grauen Nacht, aber ich wanderte dahin und fühlte mich glücklich an der Seite der schönen Frau. Die Frau sprach sehr gütig zu mir, aber ich weiß nicht mehr, was sie sagte, doch ich erinnere mich, daß sie sehr gütig zu mir sprach. Ich habe niemals im Leben diese Güte in der Stimme einer Frau gehört, aber im Traume hörte ich sie, niemals hatte ich die sanfte Hand einer Frau auf meinem Arm gefühlt, aber im Traume, da fühlte ich es. So sanft war sie! Wir wanderten über die Heide und mein Herz war fröhlich. Wir unterhielten uns in einer fremden Sprache, aber ich hatte keine Schwierigkeiten damit, ich verstand, ich sprach —“

„So ist es im Traume.“

„Ja. Der Boden war sanft unter unsern Füßen und wir konnten unsere Schritte nicht hören — wie jetzt, da wir über die Wiesen gehen. In der Heide blühten Blumen. Es war eigentümlich, ich sah sie erst jetzt, die ganze Heide war voll davon. Sie waren klein und niedrig und hatten Traumfarben. Sie waren Tulpen ähnlich, durchsichtige mattfarbene Kelche hatten sie. Aber in jedem dieser Kelche lebte — so schien es — ein Lichtgeisterchen, die Lichtgeisterchen umschwebten die Blumen, sie saßen auf dem Blütenrande, sie wirbelten hin und her. Plötzlich sah ich die ganze Luft von solchen Geisterchen erfüllt, die auf und nieder schwebten. Sieh, sagte ich zur Frau, sieh, und ergriff den Arm der Frau und deutete in die Luft —“ Grau erzählte so eifrig, daß er die Hand auf Adeles Arm legte und in die Luft deutete, als sei sie erfüllt von Wesen, Adele sah ihn lächelnd an — „sieh doch, sagte ich, sieh doch! Sie lachte leise. Ich habe vergessen, daß du ein Mensch bist, sagte sie, ein Blinder und Unwissender. Weißt du denn nicht, daß jeder Hauch der Luft erfüllt ist von Wesen? — Wir mußten einen schmalen Bach überschreiten und ich war sehr erstaunt zu sehen, daß sich über den Wellen des Baches Tausende von Quellengeisterchen tummelten, sie schwebten hin und her in der Bewegung der Wellen und über einem kleinen Strudel kreisten sie im Reigen, sie tanzten und lachten leise. Wie merkwürdig, dachte ich, deshalb ist es so eigentümlich berückend auf das Rieseln eines Baches zu lauschen? Ich beugte mich herab und beobachtete die Geisterchen, sie sahen mich alle mit kleinen lichtgrünen Augen an. Sie kamen mir so nahe, daß ich glaubte sie fühlen zu müssen, ein Geisterchen streifte meine Wange, ein anderes saß einen Augenblick lang auf meiner Lippe.“

„Plötzlich erschrak ich. Ein hohler, tiefer Ton, der stark tremulierte, erschütterte die Luft. Ich begann zu zittern, denn der Ton klang unheimlich, er klang bald in der Ferne, bald schrecklich nahe und ich zitterte, denn ich fühlte mich allein inmitten der Nacht und inmitten einer Welt, in der ich ein Fremder war. Warum zitterst du denn? sagte die Frau an meiner Seite, aber sie sprach gütig. Oh, ihr Menschen seid solch feige zitternde Gespenster, nichts wollt ihr verlieren, nicht einmal euer Leben. Wie lächerlich erscheint ihr doch den andern Wesen.“

„Wir gingen und sprachen und die Frau an meiner Seite sagte mir, daß ich einen schwachen Kopf habe und nie denken gelernt hätte, wie alle Menschen sähe ich nur die Oberfläche der Dinge. Ihr gebärdet euch alle überaus klug und wichtig, sagte sie, und euer Gehirn ist doch so schwach, daß es bei jedem kleinen Gedanken explodiert und der Gedanke ist noch dazu falsch. Weshalb lebst du, weißt du es? — Welche Angst hatte ich doch zu antworten! Ich lebe um meine Seele zur Harmonie und Schönheit zu entfalten, sagte ich. Die Frau lächelte. Wie oberflächlich ist das doch! sagte sie. So lebe ich vielleicht, um meine Seele zur Güte, zur Liebe und Wahrheit und Gerechtigkeit zu erziehen? Sie lächelte und schüttelte den Kopf. Das ist ja alles so nebensächlich, sagte sie. Nun, sagte ich, ich lebe vielleicht um mich zu wundern? — Da faßte sie meinen Arm und sagte: Verhülle dein Gesicht! Ich tat es, ich sah wie sie rasch die Hände auf das Gesicht legte und verging, als sterbe sie. Ein Hauch fuhr über die Heide und der leise Gesang der Geisterchen ringsum vereinigte sich zu einem einzigen Ton, der wie ein leises Seufzen klang. Ich versank in eine Art Schlaf und als ich erwachte, ging ich wieder neben der Frau in der grauen Nacht.“

„Ich sah keine Blumen mehr, die Heide war eine gewöhnliche Heide und ich erkannte die Kühle und den Geruch vom Anfange unserer Wanderung wieder. Es ist Zeit, daß ich gehe, sagte die Frau, der Sternschnuppenregen ist vorüber. Leben Sie wohl. — Sie sprach wie eine Fremde.

Leben Sie wohl! sagte ich und zog den Hut.

Sie sah mich an und lächelte eigentümlich, sie stand ganz nahe.

Leben Sie wohl, wiederholte sie, Sie haben mich heute nicht wiedererkannt. Leben Sie wohl.

Leben Sie wohl.

Sie gab mir die Fingerspitzen der beiden Hände und sah mich an. Leben Sie wohl, flüsterte sie, bis wir uns wiedersehen!

Leben Sie wohl.

Sie lächelte und schüttelte den Kopf. Sie wissen nicht, was ich denke? Nein? Leben Sie wohl. — Sie ging und wandte sich noch einmal zu mir um und bewegte die Lippen. Sie verschwand, ich weiß nicht wohin. Ich stand in der Heide und blickte ringsum. — Das ist der ganze Traum,“ schloß Grau.

Adele blickte auf den Boden und lächelte. Wie seltsam! Welch ein schöner Traum! „Vielleicht haben Sie im Traume viele wahre Dinge erblickt, die wir in Wirklichkeit nicht sehen können? Wie seltsam!“ Sie standen am Gitter des Parkes.

Nach einer Weile sagte sie: „Was hat jene Frau doch gemeint, als sie sagte: Sie wissen nicht, was ich denke?“

Grau lächelte. „Wie kann ich es wissen?“

Adele schüttelte den Kopf und öffnete das Gitter, indem sie rückwärts ging. „Sie wissen es nicht? Vielleicht wollte sie, daß Sie fragen, wer sie sei, ob sie nicht mit Ihnen gehen solle? Irgend etwas. Oder vielleicht wollte sie, daß Sie sie zum Abschied küßten?“ Adele lächelte.

„Welch ein Gedanke!“ sagt Grau erstaunt und verwirrt.

Vielleicht habe sie das gedacht, vielleicht, man wisse es ja nicht, aber eine Frau war sie ja doch! Nicht wahr? „Ich muß jetzt ebenfalls gehen, Herr Grau. Leben Sie wohl!“ Adele nickte.

Grau zog den Hut: „Leben Sie wohl, Fräulein von Hennenbach.“

Adele ging immer mehr rückwärts, an das Gitter gelehnt.

„Leben Sie wohl,“ wiederholte sie und sie sahen einander lange an.

Grau schwindelte. „Gute Nacht und Dank für den Abend!“ sagte er mechanisch.

Adele wandte sich um und blickte über die Schulter zurück. „Leben Sie wohl — bis wir uns wiedersehen!“ sagte sie und Grau sah ihre schmalen Zähne schimmern. Sie ging hinein in den dunkeln Park. — — — —

Grau sah sie gehen und ihr helles Kleid im Dunkel untertauchen. Unter der Lampe des Eingangs leuchtete es wieder auf und verschwand.

Er schloß langsam das Gitter. Es konnte doch nicht die ganze Nacht hindurch offen stehen. Er blickte auf den Weg, wo sie gegangen war und schüttelte den Kopf: Sie wußte ja nicht alles, ja, beim Himmel, sie wußte ja nicht alles!

Wußte sie denn, daß er wach lag und nur an sie dachte? In ihrem Garten stand ein blühender Apfelbaum und ihn liebte er am meisten von allen blühenden Bäumen im Lande.

Wußte sie denn das?

Er sah sich immer wieder um und sah dieses Eisengitter an. Leben Sie wohl — bis wir uns wiedersehen! Hatte sie nicht die gleichen Worte gesprochen wie jene Frau im Traum?

Es rieselte im Laube, das Rieseln ging ringsum im Walde und die Gräser flüsterten. Wie ein Schauer rann es über die Erde und dieser Schauer des Frühlings durchrieselte auch ihn. Plötzlich war alles von fahlem Lichte erfüllt und der Wald zitterte im bleichen Scheine des Mondes, der über die Höhen heraufstieg. Grau ging langsam dem Monde entgegen und das Licht durchflutete ihn wie einen Baum. Ist alles Traum, ist alles Wunder? dachte er. Ich selbst ein Traum im Traume der Welt? Etwas wie Betäubung befiel ihn, er hatte das Gefühl, als ob er an einem Abgrund stände. Plötzlich roch er die Kräuter wie in jenem Traume, derselbe Geruch war es und vor seinem innern Auge erschien jene seltsame Frau und fragte, wie damals in mildem Vorwurf: Hast du mich heute nicht wiedererkannt! Er schloß die Augen, da sah er Adeles schmales Gesicht vor sich. Eine Stimme begann in ihm zu flüstern. Sie flüsterte Worte, die er nicht verstehen wollte. Lehne deinen Kopf an meine Schulter, flüsterte sie. Küsse mich, küsse mich tausendmal.

Grau wandte sich um und blickte auf Adeles Park.

„Ich werde ja schweigen,“ sagte er laut. Aber die Stimme ihn ihm fuhr fort zu flüstern: Küsse mich, küsse mich tausendmal —

Er lauschte und lächelte. „Ja, ja!“ sagte er.

Er stand und wartete bis alle Lichter in Adeles Haus erloschen. Die Luft war feuchtwarm, duftend und so stark, daß ihm die Brust bei jedem Atemzuge weh tat. Er dachte an Adele und der Gedanke an ihre Schönheit schmerzte ihn. Das letzte Licht erlosch und er ging weiter. Erst gegen Morgen kam Grau nach Hause. Das Herz war ihm schwer von schönen Träumen. Als er sich auskleidete fiel jenes Paketchen aus seiner Tasche, das Mütterchen ihm zugesteckt hatte.

Er öffnete es. Kleine gelbe Kinderschuhe waren darin.