12
Eine Hölle waren diese Tage und Nächte für Katschinsky. Zu spät kam die Reue über sein Benehmen bei seinem letzten Besuch in Jennys Salon. Er selbst war es gewesen, der die Brücken, die zu Jenny führten, abgebrochen hatte. Es gab nichts Törichteres für einen Mann, er wußte es genau, als seinen Rivalen mit Schmähungen anzugreifen. Wie furchtbar, wie ehrlos, wie erbärmlich war all das gewesen. Es war so rasch und unverständlich gekommen, daß er es noch Tage nachher nicht begreifen konnte.
Nun war es zu spät. Reue, Gram und Eifersucht peinigten ihn. Er ertrug das Leben nur, wenn er die Möglichkeit hatte, Jenny wenigstens zuweilen zu sehen. Das beschäftigte seine Gedanken, erfüllte seine Phantasie. Im luftleeren Raum konnte niemand leben. Also lauerte er Jenny auf: um hinter einer Litfaßsäule zu erbleichen, sobald er auch nur einen Ärmel ihres Mantels sah. Wenn dieses dunkelblau lackierte, breit und niedrig gebaute Auto vor dem Hotel vorfuhr, so grub er die Nägel in das Fleisch seiner Hände, und sein Gesicht verzerrte sich vor Wut. Er war ohnmächtig, aber er würde sich rächen, – wie und wann, das würde sich finden.
War Stolpe im Auto, so empfand er eine freudige Erleichterung. An der Gewalttätigkeit, mit der der Wagenschlag zugeworfen wurde, erkannte er Schellenberg. Das Auto fuhr fort, und er wartete stundenlang, bis es wiederkam. Er kannte seine Scheinwerfer. Oh, wie furchtbar, all diese funkelnden Lampen dieser Schar von Automobilen, die ihn anfunkelten, die in der Nacht aus der Finsternis herankamen und den Kurfürstendamm entlangflogen. Sie blendeten ihn, daß er taumelte, er erschrak wie vor Gespenstern. Und jetzt endlich, dort kamen die beiden bösen Lampen herangeflogen. Nun war sie zu Hause. Ihre Zimmer waren hell. Ihre Zimmer erloschen.
Nun konnte er wieder atmen. Er besuchte einen Tanzklub, eine Diele, eine Spielergesellschaft, bleich, ein blasiertes Lächeln auf seinem schönen Munde, mit einem hochmütigen Gesichte saß er da. Er begann zu trinken. Katschinsky hatte nie getrunken und vertrug nichts. Schnell war er sehr berauscht. Er schritt, wirre Worte hervorstoßend, oft weinend durch die finsteren Straßen und griff nach der ersten Dirne, der er begegnete. So ging es Nacht für Nacht. Schließlich hatte er sich, wenn er berauscht war, eine Lüge ersonnen, die er immer wieder vorbrachte und an die er im trunkenen Zustande nahezu selbst glaubte. Er erzählte diesen Dirnen, daß er eine Geliebte gehabt habe, schön wie eine Göttin, sagenhaft schön, und sie sei an der Grippe gestorben. Das erzählte er jede Nacht mit allen Einzelheiten. Schließlich kam es so weit, daß er bei den Dirnen weinte, wenn er seine Geschichte erzählte.
Tiefste Schmach. Tiefste Erniedrigung.
Er fing an, Jenny glühend zu hassen. Auch an ihr wollte er sich rächen. Er entwarf Pläne. Vielleicht würde er ihr schönes Gesicht mit einer Säure übergießen, aber schon erschrak er und schrie: „Nein! Nein!“
Eine Wendung trat ein. Unscheinbar begann sie. Jener Regisseur, jener Doktor Brinkmann hatte ihm in der Tat eine Unterredung, wie er es versprochen hatte, gewährt. Er hatte ihn in einigen Statistenrollen verwandt, um ihn auszuprobieren; hierauf aber hatte Katschinsky nichts mehr von ihm gehört. „Natürlich,“ sagte er bitter, „hinter mir stehen keine Millionen.“ Plötzlich aber erhielt er von Doktor Brinkmann einen Brief mit der Bitte, sich so bald wie möglich bei ihm einzufinden.
„Sie können nichts, Herr Katschinsky,“ sagte Doktor Brinkmann ganz offen. „Sie haben es auch nie behauptet, daß Sie etwas können. Sie sind ja kein Schauspieler. Aber vielleicht werden Sie es lernen. Eine unserer Tochtergesellschaften dreht einen Film, und Sie sollen darin eine der Hauptrollen spielen. Sie sollen nichts spielen als sich selbst. Unterstehen Sie sich nicht, an etwas anderes zu denken.“
Katschinsky spielte. Die ersten Aufnahmen waren gänzlich unverwendbar. Bald aber ging es. Man brauchte in diesem Film einen gutaussehenden jungen Mann, der sich gut kleidete und sich zu benehmen wußte. Gerade die etwas falsche Eleganz Katschinskys, das falsche Benehmen Katschinskys waren es, was der Regisseur suchte.
Der Film gefiel. Nun, da die Regisseure ihm die Maske gemacht hatten, zeigte es sich, daß Katschinsky mit seinem schmalen Gesicht, seinen etwas schrägstehenden Mandelaugen, seinem blasierten Mund sich außerordentlich gut photographieren ließ. Er war gerade jener Typ schöner junger, amerikanisch aussehender Männer, den man suchte. Die Gesellschaft unterbreitete ihm einen Jahresvertrag. Der Erfolg machte Katschinsky sicherer, seiner Eitelkeit wurde geschmeichelt, und er fand wieder etwas Halt. Er hatte Jenny keineswegs vergessen. Noch häufig versuchte er einen Blick von ihr zu erhaschen. Aber er zitterte nicht mehr, er erbleichte nicht mehr.
Eines Tages, als er am Eden vorbeischlenderte, lief er Jenny in die Arme. Plötzlich stand sie vor ihm, wie aus dem Boden gewachsen. Sie hielt den Schritt an und betrachtete ihn mit erschrockenen, hilflosen Augen.
Ja, nun zitterte sie, und er war ganz ruhig. Er wechselte die Farbe, dann zog er den Hut und begrüßte Jenny, als sei nichts vorgefallen.
„Ich bitte dich um Verzeihung, Jenny,“ sagte er mit seinem hübschesten Lächeln. „Der Teufel ist in mich gefahren, wie konnte ich dir eine solche Szene machen, es ist mir heute unbegreiflich. Aber begreife, Jenny, daß ich toll war vor Eifersucht. Nichts aber ist hündischer als Eifersucht, und du weißt, Jenny, daß das immer meine Ansicht war.“ Schon lächelte er leichtsinnig und fröhlich. „Es ist viel besser, daß wir gute Kameraden sind, Jenny. Findest du nicht auch?“
„Es ist gewiß viel vernünftiger,“ antwortete Jenny und nahm seine Hand. „Du bist ein törichter Junge gewesen.“ Sie gingen nebeneinander her und plauderten wie gute Freunde.
Ja, nun waren sie wieder gute Freunde geworden. Katschinsky erwies ihr Aufmerksamkeiten. Er sandte ihr Blumen und Bücher. Sie sah seine Bemühungen, alles wieder gutzumachen, und sie freute sich darüber. Dann und wann besuchte er sie auch zum Tee. Sie trafen sich in den Filmateliers zuweilen zufällig. Katschinsky benahm sich immer gleichmäßig kameradschaftlich.
Eines Abends aber – sie waren zusammen mit Stobwasser im Café gewesen – änderte er plötzlich den Ton. Sie gingen durch eine dunkle, menschenleere Straße. Er berührte plötzlich ihren Arm und drückte ihn zart an sich. „Höre, Jenny,“ begann er, bemüht seine Erregung zu verbergen, „ich will dir alles beichten. Ich habe das Bedürfnis, dir alles zu gestehen, was geschehen ist.“
Die Berührung seiner Hand empfand Jenny unangenehm. Dieser leichte Druck seiner Hand verletzte sie – obgleich sie ihn einst geliebt hatte –, nur aus Nachsicht duldete sie seine Berührung. Mit hochgezogenen Brauen und nervösen, gequälten Lippen hörte sie seine Beichte.
Er gestand ihr alles: wie er ihr auflauerte, wie er trank, bis er sinnlos betrunken war, wie er den Straßenmädchen die Geschichte erzählte von seiner schönen Geliebten, die an der Grippe gestorben sei.
Jenny zog die Schultern an. Sie zog sich scheu wie ein Tier, das sich bedroht fühlt, zurück. Sie machte ihren Arm frei und trug Sorge, daß auch ihr Gewand ihn nicht berührte. Und mit jedem Wort, das er sprach, hervorstieß, stammelte, mit jedem Wort entfernte sie sich mehr von ihm. Jedes Wort trieb sie in immer weitere Fernen. Sie hätte Lust gehabt zu laufen, aber sie wußte, daß er ihr dann nachgelaufen wäre, und sie wollte vor den wenigen Menschen, die diese Straße passierten, jegliches Aufsehen vermeiden. Seine Worte waren verletzend, sie schmerzten und beleidigten sie, sie waren schamlos. „Sieh, so liebe ich dich, Jenny, so maßlos liebe ich dich! Ich kann deinen Körper nicht vergessen! Verstehe mich doch, fühle es doch!“
Nein, sie fühlte es nicht. Sie begriff es, ja, aber in ihrem Herzen gab es kein Echo mehr. Im Gegenteil, das kameradschaftliche Gefühl, das sie für ihn noch gehegt hatte, war vernichtet. Sie wurde augenblicklich kalt, feindselig. Sie wußte, daß er nicht schlecht war, nur ein schwacher Mensch. Aber es wäre ihr lieber gewesen, wenn er schlecht gewesen wäre. Sie verachtete ihn. „Du hast unsere Verabredung vergessen,“ sagte sie, um ihn zu ermahnen.
„Nicht ich habe vergessen,“ rief Katschinsky leidenschaftlich aus, „sondern du hast vergessen, Jenny!“ Und er fragte sie bebend, ob sie ihn nicht wenigstens ein bißchen lieben könne, damit sein Leben wieder Sinn erhalte.
Sie wich zurück. Sie schüttelte den Kopf und erwiderte leise, aber mit einer kühlen, unbeirrbaren Stimme: „Du weißt es, ich liebe einen andern.“
„Liebst du ihn wahrhaftig?“
„Dreimal wahrhaftig!“
Katschinsky schüttelte verzweifelt, etwas theatralisch die Fäuste. „Dann ist alles ohne Hoffnung,“ sagte er.
Sie gingen still weiter und sprachen kein Wort mehr. In der Nähe des Hotels blieb Jenny stehen und sah Katschinsky mit klaren, forschenden Augen ins Gesicht. „Eines will ich dich noch fragen,“ sagte sie. „Es gibt boshafte Menschen. Man hat meinem Vater geschrieben, er möge ein Auge auf mich haben. Ich sei die Geliebte eines berüchtigten Abenteurers geworden.“ Jenny heischte Antwort.
Jede Spur von Farbe war aus Katschinskys Gesicht gewichen, selbst seine immer roten Lippen waren fahl geworden wie die eines Toten.
„Ich habe es getan,“ stammelte er. „Ich hatte es schon vergessen. Ich habe diesen Brief einmal in der Nacht geschrieben, als ich getrunken hatte. Ich erinnere mich nicht, ihn in den Kasten geworfen zu haben. Oh, wie niedrig!“ rief er aus und schlug die Hände vors Gesicht. „Ich wage nicht, dich zu bitten, mir auch dies zu verzeihen!“
Jenny sah zu Boden. Nach einer Weile erwiderte sie: „Auch dies will ich dir noch verzeihen.“
Sie streckte ihm die Hand hin. „Lebe wohl.“
Katschinsky nahm ihre Hand, ohne sie anzusehen.
„Eine Bitte habe ich noch,“ fügte Jenny hinzu. „Du hast an Schellenberg einen anonymen Brief geschrieben, worin du ihn vor einem gewissen Herrn K. warnst. Von wem sollte der Brief sonst sein? Tue es nicht wieder, du machst dich nur lächerlich!“
In ihrem Zimmer saß Jenny lange im Dunkeln. Sie zitterte am ganzen Körper. Sie wagte es nicht, Licht zu machen. Vielleicht steht er unten, sagte sie sich, und wartet? Er, jener andere, den ich liebe, wartet nicht, bis das Licht erlischt.