2

In einer Nebenstraße fand Georg nach langem Suchen ein kleines Hotel, das ihm billig genug schien. Er kroch unter die Decke und schlief, völlig erschöpft, augenblicklich ein, obschon es noch früh am Abend war und die Treppen und Türen des Hotels (für Wochen und Tage!) unaufhörlich knarrten. Nach tiefem Schlaf erwachte er früh am Morgen, dampfend am ganzen Körper, aber erfrischt und in zuversichtlicher Laune. Selbst die mürrischen Mienen der Zimmermädchen und Kellner, die in den Einzelgästen ein schlechtes Geschäft sahen, konnten ihm die Laune nicht verderben.

Er suchte eine Kaffeeschenke auf, und während er sein bescheidenes Frühstück einnahm, entwarf er einen genauen Plan für den heutigen Tag. Es galt vor allem zu handeln, nicht eine Stunde durfte er verlieren: seine Barschaft ging zu Ende! Erstens, sagte er sich, erstens also wollte er nochmals das Warenhaus besuchen, um nach Christine zu fragen. Es gab ja keinen Grund, sich zu erregen, verstehe mich recht, er würde Christine finden, heute, morgen. Berlin war eine Stadt der Ordnung, niemand konnte sich hier verbergen.

Zweitens wollte er bei Winter & Co. vorsprechen, jener Baufirma, bei der er zuletzt als Zeichner beschäftigt war, und anfragen, ob es Arbeit für ihn gäbe. Sollte ihm bei Winter kein Erfolg beschieden sein, nun, so gab es andere Firmen, Hausmann & Brune oder Hegelström oder Feinhardt. Er war nicht verlegen, oh, keineswegs.

Wenn die Zeit reichte, so wollte er – drittens – die wenigen Bekannten und Freunde besuchen, die er in Berlin besaß. Das waren vor allem der Bildhauer Stobwasser und der Zeichner Katschinsky. Vielleicht würden sie ihm raten können, was er beginnen solle. Mein Himmel, sechs Monate waren eine Ewigkeit! Er mußte ganz von vorn anfangen.

Es regnete noch immer, feine Regenschnüre rieselten auf dieses endlose Berlin herab. Die Wasserperlen lagen auf den Haaren der Hunde und auf den Lackschuhen der Damen, die in ihre Mäntel gewickelt vorübereilten. Die Straßenkehrer fegten den gelben Schlamm mit Gummistreifen in die Gosse, und Automobile mit großen Walzen wuschen den Asphalt der Straßendämme.

Das Warenhaus war noch völlig verödet. Die Geländer wurden poliert, es wurde Staub gewischt, der Fußboden gewichst. Die glatzköpfigen Herren gingen auf den Teppichen hin und her und gähnten. In der Damenabteilung wurden die Vitrinen abgestaubt, die Wäsche zurechtgelegt.

„Christine März?“ Die Verkäuferinnen kannten sie nicht.

„März?“ sagten sie. „Nein. Es gab große Veränderungen im Personal. Viele Damen wurden entlassen.“ Die Kassiererin mit dem Kneifer kam hinzu. Sie kannte Christines Namen. „Ich erinnere mich,“ sagte sie. „Aber ich glaube nicht, daß Fräulein März noch bei uns ist. Es scheint mir – wenn ich mich recht erinnere, hat sie vor einigen Monaten gekündigt. Sie hatte etwas Besseres gefunden.“

„Besseres?“

„Vielleicht täusche ich mich. Fragen Sie in der Personalabteilung nach.“

Zu allem Unglück war der Chef der Personalabteilung bei einem Termin auf dem Gericht, und die Schreibdamen wagten es nicht, Auskunft zu geben. Der Chef aber würde bestimmt am Nachmittag hier sein.

Gut, also am Nachmittag.

Bei Winter & Co., wo Weidenbach zuletzt gearbeitet hatte, wurde er mit Anteilnahme empfangen. Man erinnerte sich seiner. An der Tür und den Schalterfenstern erschienen einige neugierige Gesichter. Jemand nickte ihm zu. Der stattliche und nach Pomade duftende Prokurist kam heraus und erklärte ihm höflich, daß eine Vakanz zur Zeit – leider! – nicht offen sei. „Später vielleicht. Versuchen Sie es in einigen Wochen, Herr Weidenbach. Und mit Ihrer Gesundheit geht es wieder besser?“ Ein Lächeln, eine Verbeugung.

Georg empfahl sich.

Er erwog, ob es sich überhaupt lohnte, zu Hausmann & Brune zu gehen. Es war eine kleine Firma, die nicht immer mit Aufträgen versehen war. Sie baute Laden aus, Dachwohnungen. Das war ihre Spezialität. Indessen, er beschloß einen Versuch zu machen. Aber – Hausmann & Brune waren nicht mehr zu finden! In den früheren Geschäftsräumen standen, so schien es von außen, Öfen und Herde. Ein Herr, in einen Pelz gehüllt, ging hinter den angelaufenen, nassen Scheiben auf und ab, eine riesenhafte Erscheinung.

Georg klopfte. „Ist hier Hausmann & Brune?“

Ein rothaariger junger Mann, schmächtig und klein, erschien, in einen Pelz eingewickelt, im Türrahmen und putzte sich den Kneifer. „Nein, hier ist Mohrenwitz Söhne, Öfen und Heizungsanlagen.“

„Und Sie wissen nicht, wohin Hausmann & Brune verzogen sind?“

Der Rothaarige zog sich kopfschüttelnd zurück.

Bei der Firma Hegelström hatte Georg vor zwei Jahren, als er nach Berlin gekommen war, als Volontär begonnen. Diese Firma machte alles: Häuser, Kirchen, Theater, Läden, Innenausstattungen, was man wollte. Hegelström war einer der begabtesten und meistbeschäftigsten Architekten Berlins. Er hatte jahraus, jahrein gegen zwanzig Zeichner sitzen.

Georg aber fand die Bureaus verödet. In dem kleinen dunklen Vorzimmer saß ein älterer Herr, der Prokurist. Georg erkannte ihn wieder.

„Mein Name ist Weidenbach,“ sagte er, indem er seiner Stimme einen mutigen Klang gab und ungeniert näher trat, „ich habe bei Ihnen vor zwei Jahren sechs Monate lang als Volontär gearbeitet und frage an, ob Sie Beschäftigung für mich haben.“

Der Prokurist drehte ihm erstaunt den grauen Kopf zu und lächelte hämisch. Er war schlecht rasiert und sah verwahrlost und ungemütlich aus, wie ein verärgerter zottiger Hofhund, der auf Streit wartet. „Beschäftigung?“ keuchte er, „Sie wollen Beschäftigung? Sie glauben wohl, daß wir nur auf Sie gewartet haben, Herr Weidenbach? Oder sind Sie hierher gekommen, um sich einen Scherz zu erlauben?“ Er stand auf, schob die Hände in die weiten Hosentaschen und weidete sich an Georgs Verlegenheit. „Sie sollten also nicht wissen, daß Hegelström bankerott gemacht hat?“

„Hegelström – bankerott?“

„Ja, junger Mann, und ich sitze hier und verwalte die Masse, das ist meine Beschäftigung. Wir haben umgeworfen. Die Zehlendorfer Terrainkäufe haben Hegelström ruiniert. Ich war immer dagegen gewesen, aber Hegelström hörte ja nicht auf mich. Seine Gläubiger haben ihm ohne Gnade die Kehle zugezogen. Und Sie wissen das nicht? Wo in aller Welt steckten Sie, daß Sie das nicht wissen?“

Georg entschuldigte sich, er sei lange Zeit krank gewesen.

Der Prokurist ächzte: „Ich sitze hier noch bis zum Ersten. Dann liege auch ich auf der Straße. Sie wissen also nicht, was mit Hegelström geschehen ist? Ganz Berlin sprach wochenlang von nichts anderem.“

„Nein, wie sollte ich es wissen?“

„Er hat sich vergiftet, junger Mann. Uns allen wird schließlich nichts anderes übrig bleiben, als Arsenik zu fressen. Die Zeiten sind miserabel. Hegelströms Sozius ist Antiquitätenhändler geworden, wie viele Architekten. Er hat einen kleinen Laden in der Kantstraße. Besuchen Sie ihn. – Ja, nun erinnere ich mich wieder an Sie, Herr Weidenbach. Sie haben seiner Zeit die kleinen Villen entworfen, die Hegelström so gut gefielen, nicht wahr?“

„Es waren kleine Landhäuser für Zehlendorf.“

„Ja, richtig. Und Sie waren krank, sagen Sie? Warten Sie einmal – es ist mir so, als habe man mir etwas von Ihnen erzählt? Oder habe ich über Sie etwas in den Zeitungen gelesen?“

Georg wurde blutrot.

Der Prokurist aber gab es gottlob sofort auf, in seinem Gedächtnisse nachzuforschen. „Es sind schwere Zeiten für das Baugewerbe, Herr Weidenbach,“ fuhr er fort. „Es gibt keine Aufträge, und die meisten Neubauten wurden eingestellt. Raten? Nein, ich kann Ihnen keinen Rat geben, ich wüßte nichts.“

Georg war schon in der Türe, als ihm der Prokurist hämisch lachend nachrief: „Vielleicht gehen Sie zu Schellenberg! Versuchen Sie es doch einmal bei ihm!“

„Schellenberg? Wer ist Schellenberg?“

„Schellenberg, das ist ein Unternehmer, der den Arbeitslosen zwanzig Pfennig die Stunde bezahlt, und dazu verspricht er ihnen eine Villa auf dem Monde. Ich sehe schon, Sie haben nicht übel Lust, zu ihm zu gehen – hahaha. Aber nun leben Sie wohl, Herr Weidenbach.“

Bestürzt verließ Georg das Haus.

Er hatte heute nicht mehr den Mut, bei anderen Firmen sein Glück zu versuchen. Kurz entschlossen sprang er auf eine Elektrische, um nach Charlottenburg zu fahren, wo sein Freund Stobwasser wohnte.

3

Karl Stobwasser sah nicht aus wie ein Bildhauer, eher wie ein Schneider. Es war ein kleiner schmächtiger Bursche mit einem schmalen Kopf, etwas schiefem Mund und auffallend spitzer, langer Nase. Auf der Baugewerbeschule in der Provinz – wo Weidenbach sein Mitschüler war – hatten seine vorzüglichen Steinmetzarbeiten und Holzschnitzereien die Bewunderung der Mitschüler und selbst der Lehrer erweckt. Vor zwei Jahren war Stobwasser nach Berlin gegangen, fest entschlossen, seinen Weg als Bildhauer zu machen. Er hatte auch bald Erfolge, wenn auch nur geringe. Ein angesehener Kunstkritiker hatte lobend auf seine Holzplastiken hingewiesen.

Stobwasser hatte seine Werkstatt im Hofe einer Charlottenburger Mietskaserne in einer Art Remise oder Stall aufgeschlagen. Dieses kleine Loch nannte er sein Atelier. Neben der Werkstatt befand sich ein wirklicher Stall, aus dem ununterbrochen eine Ziege in den kleinen finsteren Hof hinausjammerte, sooft sich nur ein Schritt vernehmen ließ.

Stobwasser war zu Hause, Gott sei Dank! Eine heisere, krächzende Stimme antwortete auf Georgs Klopfen. Als er in den kleinen, eisigkalten, halbdunklen Raum eintrat, fuhr ein verwilderter Kopf aus den Decken einer kleinen Eisenbettstelle empor. Eine lange, spitze Nase war das einzige, was Georg klar erkennen konnte.

„Wer ist es?“ fragte die heisere Stimme des Bildhauers, und Nebel dampfte aus seinem Munde.

„Ich bin es, Georg.“

Der Bildhauer fuhr noch höher aus den Decken empor und richtete seine spitze Nase auf Georg. Er bewegte den wilden Haarschopf hin und her und vermochte kein Wort hervorzubringen.

„Wie? Wer?“ rief er dann erschrocken aus.

„Georg!“

„Aber ist es möglich?“ Stobwasser warf erregt die Arme in die Luft. „Du? Weidenbach? Ist es denkbar? Aber – verstehe mich – du siehst, daß ich es nicht fassen kann! Man hat mir doch gesagt, daß du – gestorben seist!“

„Nein, ich lebe noch,“ entgegnete Georg mit einem leisen, bitteren Lachen.

Der Bildhauer schüttelte fassungslos den Kopf. „Wie ist es denkbar?“ rief er aus. „Wer erzählte es denn nur? Katschinsky? Die Jenny Florian? Ich verstehe es nicht, wie konnte man es denn erzählen, wenn es nicht wahr war? Oh, mein armer Kopf, ich kann gar nicht denken! Nun, einerlei, wie das Gerücht aufkam – du lebst!“ schrie Stobwasser mit heiserer Stimme. „Du lebst also noch! Ach Gott sei Dank! Dreimal war ich im Krankenhaus, um dich zu besuchen, aber man hat mich nicht vorgelassen! Und dann also – dann erzählte man es im Café! Lieber Himmel, was für Dinge geschehen können!“ Er streckte Georg beide Hände entgegen. „Nun, Gott sei gelobt! Umarme mich, Bruderherz! – Oder bist du aus dem Jenseits gekommen, um mir einen Besuch abzustatten? Wie?“ Der Bildhauer lachte und hustete. Glühendheiß brannten seine Hände. Er schwieg eine Weile, während er Georg mit großen, glänzenden Augen betrachtete. „Laß dich ansehen, alter Freund,“ sprudelte er dann außer sich vor Freude hervor. „Wie wunderbar ist es doch! Und ich trauerte schon um dich. Und manchmal, es ist wahr, da habe ich dich beneidet. Nein, wie wunderbar ist es doch! Und da kommt er also plötzlich herein –!“

Georg sah sich in der kahlen Werkstatt um. „Wo sind deine Tiere?“ fragte er, um von dem Thema abzulenken, das ihn peinigte. Früher war Stobwasser stets von einer Menge von Tieren umgeben gewesen: Papageien, Katzen, Kakadus, Mäusen.

„Meine Tiere?“ Der Bildhauer ließ den Kopf sinken. „Meine lieben Tiere? Ach, es war zu kalt für sie hier, ich habe keine Kohlen. Eine Dame, eine barmherzige Seele, hat sie in Kost und Logis genommen. Seit Wochen bin ich nicht wohl. Selbst ein Hund würde in diesem Loch krank werden. Setze dich doch, Georg. Ich war eben aufgestanden, um etwas Tee zu kochen. Auf dem Wandbrett dort steht eine Tasse, nimm diese Tasse für dich und gib mir das Glas.“

Der Bildhauer nahm das heiße Glas in die Hände und wurde von Frost geschüttelt. „Schade, schade. Auch nichts kann ich dir anbieten, nicht einmal einen Kognak. Es ist zu ärgerlich!“

„Und wie ging es dir, seit wir uns nicht sahen, Stobwasser?“

Stobwasser führte das Glas mit zitternden Händen zum Munde und versuchte, den heißen Tee zu schlürfen. „Ich kann es immer noch nicht fassen, liebster Kamerad – aber sprechen wir nicht mehr davon. Ja, du fragst, wie es ging? Gut und schlecht. Es war nicht so einfach durchzukommen,“ sagte er heiser, „aber ich verlor den Mut trotz allem nicht. Du weißt ja, ich hatte damals drei Figuren zu modellieren für die Villa eines Seifenfabrikanten. Nun, die Figuren mißfielen leider der Madame und wurden wieder heruntergeschlagen, und ich bekam keinen Pfennig. Ich konnte ja klagen, siehst du, so sind sie, die reichen Leute. Aber ich konnte ja nicht einmal den Anwalt bezahlen. Dann verkaufte ich eine kleine Holzschnitzerei, aber der Käufer zahlte nur eine geringe Summe an, und seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört. Die Reichen können sich nicht in die Lage des Armen versetzen. Sie können sich nicht vorstellen, daß man dasitzt und auf jeden Schritt horcht. Dann hatte ich Aussichten, die sich nie verwirklichten. Und nun bin ich krank und liege hier. Aber nun erzähle du,“ schloß der Bildhauer, indem er das Glas abstellte und sich in die Decken hüllte. „Das Sprechen strengt mich an.“

„Ich? Es gibt nichts zu erzählen von mir,“ wich Georg aus.

Stobwasser blickte ihn mit großen, fiebernden Augen an. „Nichts zu erzählen, sagst du? Man sollte doch meinen! Höre, Weidenbach, wir haben ja stundenlang über dich diskutiert und sind uns doch nicht klar geworden.“

„Worüber wolltet ihr euch denn klar werden?“ unterbrach ihn Georg verlegen, mit leiser, hilfloser Stimme.

„Es war uns allen unerklärlich,“ flüsterte der Bildhauer und streckte den Kopf so nahe wie möglich an Georg heran. „Es ist mir noch wie heute! Zwei Tage vorher waren wir alle zusammen in Potsdam, Katschinsky und Jenny Florian, du und die kleine Christine, und wir waren ja in solch ausgelassener Laune. Oh, du meine Güte!! Und zwei Tage später, da kommt Katschinsky zu mir hereingestürzt, hier herein in mein Atelier und sagt: ‚Weißt du schon – Weidenbach –?‘ Und ich sagte: ‚Unmöglich, wie soll das nur möglich sein!‘“ Der Bildhauer brach ab, neigte sich vor und fragte noch leiser, während seine Augen doppelt so groß wurden: „Sage mir doch, Weidenbach, weshalb hast du es getan?“

Weidenbach erhob sich hastig und stammelte irgend etwas.

Augenblicklich versuchte Stobwasser ihn zu beruhigen. Beschwörend streckte er die Hand aus. „Setze dich wieder, Weidenbach, ich bitte dich! Ich will nicht mehr davon sprechen. Es gibt Dinge, die man selbst seinen Freunden nicht sagen kann. Aber, wie gesagt, es war uns unerklärlich, denn wir waren doch alle in solch vorzüglicher Laune, damals. Nun, ich verstehe, man tut manches, und später –“ Der Bildhauer hustete.

„Wie geht es Katschinsky?“ unterbrach ihn Georg.

„Katschinsky?“ Stobwasser lachte leise. Irgend etwas Lustiges war ihm eingefallen beim Klang dieses Namens. Er streckte die spitze Nase zur Decke. „Ich weiß es nicht. Du kennst ja Katschinsky, man sieht ihn oft wochenlang nicht. Er brachte mir den Kunden, der mir die kleine Holzplastik abkaufte und bis heute nicht bezahlte. Seitdem habe ich ihn nicht mehr gesehen. Es soll ihm nicht schlecht gehen. Er ist elegant und vornehm geworden, verkehrt in Tanzdielen und Spielklubs. Soviel ich weiß, ist er beim Film angekommen. Höre, Weidenbach, eben denke ich daran, was wirst du beginnen? Hast du schon eine Beschäftigung?“

„Ich suche etwas. Ich fragte heute da und dort an.“

„Schön. Höre. Gehe sofort zu Katschinsky. Er hat ja Verbindungen in allen Kreisen, und ohne Verbindungen ist heute schwer etwas zu machen. Vielleicht kannst du auch beim Film ankommen?“ Ein Hustenanfall unterbrach Stobwasser, dann fuhr er lebhaft fort: „Und Christine, Georg, wie geht es Christine?“

Pause. Stille.

„Ich habe Christine im Warenhaus gesucht, aber sie scheint nicht mehr dort beschäftigt zu sein.“

Der Bildhauer richtete sich erstaunt auf. „Scheint? Scheint? Aber stehst du denn nicht in Verbindung mit Christine?“ schrie er vor Erregung.

Leise antwortete Georg: „Christine schrieb zuletzt nicht mehr. Meine Briefe, meine letzten Briefe“, schaltete er ein, da er sich vor dem Freunde schämte, „kamen als unbestellbar zurück.“

Stobwasser erwiderte nichts. Er lag lange still, und sein Atem pfiff. „Die Frauen sind merkwürdig,“ sagte er dann, mit einem neuen Hustenanfall kämpfend. „Sonderbar. Ich hätte es nicht für möglich gehalten,“ fuhr er fort, während er Georg mit seinen großen, fiebernden Augen aufmerksam betrachtete. „Und du hast dir doch ihretwegen – es ist doch ganz gewiß, sonst wäre es ja überhaupt unverständlich –, du hast dir doch Christines wegen eine Kugel in die Brust geschossen, Weidenbach?“

Wiederum erhob sich Weidenbach. Er trat einen Schritt zurück, schwieg, blickte zu Boden. Dann erwiderte er ganz leise, so daß Stobwasser ihn kaum verstehen konnte: „Sprich nicht mehr davon, Stobwasser, ich bitte dich herzlich. Was geschehen ist, ist geschehen. Es gab eine Szene zwischen Christine und mir, es gab immer Szenen und immer heftigere, und schließlich wußte ich nicht mehr, was ich tat.“

Stobwasser drückte Georgs Hand. Nach langem Schweigen sagte er: „Welch ein Satan, diese Christine! Und dabei ist sie noch kleiner als ich! Ach, und sie hörte auf, dir zu schreiben. Ja, die Frauen! Der Teufel soll sie holen, alle zusammen. Weißt du, Weidenbach, ich glaube, diese periodischen Störungen machen die Frauen völlig verrückt. Sie wissen nicht, was sie tun. Nun wohl, Christine hin, Christine her. Vergiß sie, Weidenbach – es gibt hundert Christinen!“

Georg schüttelte den Kopf. „Du täuschst dich, es gibt nur eine,“ entgegnete er.

Stobwasser saß keuchend in den Decken und sah Georg lange an. „Also – trotz alledem?“ rief er überrascht aus. „Nun, sie war ja ein wundervolles Mädchen, diese Christine, zugegeben. Sie war ein herrliches Geschöpf, gütig und wild in einem und voll toller Einfälle. Aber gehe jetzt, Weidenbach,“ keuchte er, „das Sprechen tut mir weh. Die Brust schmerzt mich. Ich bin so glücklich, daß ich dich wiedersah, alter Freund. Und komme bald wieder, ich liege hier tagelang. Du kannst auch bei mir wohnen, wenn du willst. Wir können recht gut zu zweien hier hausen. Und der Kaufmann kann ja jeden Tag bezahlen, ich habe ihm geschrieben. Lebe wohl, Weidenbach, und vergiß nicht zu Katschinsky zu gehen, er weiß stets Rat.“

Schon im Hofe hörte Georg Stobwasser noch husten. Aus dem Ziegenstall schob sich zwischen Lumpen der Kopf der hungrigen Ziege, die Georg kläglich nachmeckerte.