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Michael fand den Bruder verändert. Schien es nicht, als sei Wenzel etwas voller geworden? Sein Gesicht, sonst derb und kantig wie aus einem Eichenklotz gehauen, erschien etwas schwammig. Das blendende Weiß der Augen war gelblich und stumpf geworden, seine Hände zitterten. Vielleicht trinkt er zur Zeit wieder, dachte Michael. Wie lange wird er dieses Leben noch aushalten? Trotz all dieser unverkennbaren Anzeichen von Übersättigung und Übermüdung schien Wenzel zu funkeln vor Lebensfreude und Glücksgefühl.

„Ich bin also gekommen, lieber Wenzel,“ begann Michael etwas unsicher und flocht die Hände verlegen ineinander, wie er es immer tat, wenn er ein Anliegen hatte. „Ich bin also gekommen, um anzuklopfen, ob du meiner Gesellschaft einen Kredit von ein bis zwei Millionen einräumen willst.“

Wenzel legte die Stirn in Falten und verzog den Mund zu einem spöttischen Lächeln.

„Die Gesellschaft zahlt Zinsen, wenn auch nur mäßige.“

Wenzel schüttelte den Kopf und erhob sich. „Ich will nicht,“ sagte er kurz.

„Du willst nicht?“ Michael sah überrascht auf. „Schade, ich hatte auf dich gerechnet, Wenzel. Wir kommen vorwärts, aber es ist noch unendlich viel zu tun, und wir brauchen Kapital. Wüßtest du, welches Elend in den breitesten Schichten der Bevölkerung herrscht!“

Wenzel holte tief Atem und schnob durch die Nase. „Was kümmert es mich,“ sagte er mit einem erregten Kopfschütteln, „was geht mich das Elend der breitesten Schichten an?“

„Es geht dich nichts an?“ fragte Michael. Er war plötzlich bleich geworden. Ein fremder, feindseliger Klang war in Wenzels Stimme.

„Nein, es geht mich natürlich nichts an!“ fuhr Wenzel mit einer unverständlichen Erregung fort. „Es ist Sache der Regierung und des Parlaments und nicht die meinige!“

Michael senkte den Kopf. „Du weißt, Wenzel, daß weder die Regierung noch das Parlament eine derartig riesige Aufgabe lösen könnte, ohne durch tausend Widerstände gehemmt zu werden.“

„Nun, dann sollen die breitesten Schichten, die es angeht, sich um eine andere Regierung und ein anderes Parlament umtun. Was geht es mich an, wenn sie zu indolent dazu sind?“

Michael blickte mit erschrockenen, verwunderten Augen auf den Bruder. Er erwiderte nichts.

Und Wenzel fuhr mit großer Erregung fort: „Weshalb mischst du dich in die Angelegenheiten anderer Menschen? Sie lohnen es dir nicht! Im Gegenteil, ich sage es dir nicht zum ersten Male, nimm dich in acht, die Menschen haben noch immer ihre Wohltäter gesteinigt. Ich öffne die Zeitungen und lese, wie heftig man dich angreift!“

„Laß sie mich doch angreifen. Ich habe Gegner, natürlich, aber ich habe auch Anhänger, die für mich durchs Feuer gehen.“

Wenzel blieb vor dem Bruder stehen. „Du bist töricht, Michael. Weshalb greift man mich nicht an, von ein paar obskuren Blättern abgesehen? Ich will dir das Geheimnis verraten. Mein Konzern gibt jährlich Hunderttausende für Inserate aus. Wehe, wenn sie es wagten! Zuweilen kommt irgendein Revolverjournalist mit dem noch nassen Bürstenabzug eines Artikels gegen meinen Konzern oder mich zu mir. Man gibt ihnen ein Trinkgeld und wirft sie zur Tür hinaus. Warum machst du es nicht ähnlich? Niemand wird es wagen, dich anzugreifen.“

Michael schüttelte den Kopf. Er hielt den Blick lange vorwurfsvoll auf Wenzel gerichtet.

„Wenn man dich auch in der Presse nicht angreift, Wenzel, so übt man doch in der Öffentlichkeit lebhafte Kritik an dir. Man kritisiert deine Passionen, deinen Aufwand, deine Verschwendung, deine Geschäftsmethoden. Verzeihe, daß ich es dir offen sage, Bruder. Niemand wagt es ja, sie sind alle abhängig von dir und zittern vor deinem Zorn. Man spricht sehr abfällig über deine Scheidungsangelegenheit, und man hat die unglückliche Jenny Florian nicht vergessen.“

Wenzel wurde bleich vor Zorn. Seine Augen funkelten. „Wer ist man?“ schrie er. „Wer kritisiert? Sie sollen schweigen! Sage ihnen, daß sie schweigen sollen! Ich kann ihnen kein Recht auf Kritik einräumen. Es sind dieselben Leute, die mich auf der Straße krepieren ließen, als ich aus dem Krieg zurückkam. Es sind Lügner und Heuchler, ich mache diese Lüge nicht mit, sage es ihnen. Es sind Leute, die ihre Dienstboten wie Leibeigene behandeln und ihre Arbeiter wie Sklaven! Frage in meinem Hause nach, erkundige dich in meinen Betrieben. Ich gebe viele Hunderttausende im Jahre aus für Wohlfahrtseinrichtungen und Renten. Und meine Geschäftsmethoden? Sage ihnen, daß meine Geschäftsmethoden ebenso gut und ebenso schlecht sind wie die anderer großer Konzerne.“

Michael erhob sich, um das Gespräch abzubrechen. War das Wenzel? Welche Hoffart, welche Selbstherrlichkeit in dieser lauten, gewalttätigen Stimme! Es hatte keinen Sinn, dagegen zu kämpfen.

„Wir wollen das Gespräch nicht fortsetzen, Wenzel,“ sagte Michael. „Ich wollte ja eigentlich nicht von diesen Dingen beginnen. Ich kam mit ganz anderen Gedanken zu dir.“ Er blickte nochmals in Wenzels Augen. „Du willst uns das Darlehn also nicht geben?“

Wenzel wandte sich ungeduldig ab.

„Ich begreife nicht,“ fuhr Michael fort und ließ den Blick langsam durch den mit Kostbarkeiten und Prunk angefüllten Saal der Bibliothek schweifen, „ich verstehe es nicht, daß du so leben kannst, während Tausende und Abertausende deiner Volksgenossen nicht das Stück Brot haben, das nötig ist, um den Hunger zu stillen.“

Wieder lächelte Wenzel sein spöttisches Lächeln. „Weshalb richtest du derartige Fragen an mich, Michael?“ erwiderte er, um vieles beherrschter. „Frage doch die Regierung, weshalb sie zugibt, daß Frauen für zehn Pfennige in der Stunde arbeiten. Frage doch den Präsidenten der Vereinigten Staaten, weshalb er zugibt, daß einzelne Bürger Milliarden anhäufen, während Tausende in der Gosse krepieren! Frage alle diese Menschen, aber frage doch nicht mich! Ich bin doch nicht verantwortlich für diese Gesellschaftsordnung.“

Michael schwieg eine Weile. Dann sagte er sehr ruhig: „Erinnerst du dich, Wenzel, daß wir einmal eine Nacht hindurch über ähnliche, ja, die gleichen Dinge debattierten? Wir sprachen, erinnerst du dich, über den tiefen Sinn des indischen Wortes ‚Tat tvam asi ...‘ Das bist du! Das heißt: Dein Mitmensch, das bist du selbst?“

Wenzel beugte den Nacken. Er stand trotzig da, mit gespreizten Beinen. Dann sagte er, die Adern auf seiner Stirn schwollen an: „Das ist Wunsch, aber nicht Wahrheit. Es ist Lüge und Heuchelei. Buddha, Christus, und wie sie alle heißen –“

Michael wich zurück. „Du wirst bereuen,“ sagte er mit entsetztem Blick. „Ja, du wirst bereuen.“ Dann blickte er zu Boden, und nach langem Schweigen fügte er hinzu: „Lebe wohl, Wenzel.“

Er ging, ohne dem Bruder die Hand zu reichen. Wenzel kam ihm einige Schritte nach. „So höre doch, Michael,“ versuchte er einzulenken.

„Wir verstehen uns nicht mehr,“ erwiderte Michael unter der Tür, schüttelte den Kopf und ging.