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Nein, es gab keine andere Lösung. Wenzel wußte es. Er wiederholte es sich tausendmal am Tage und tausendmal in der Nacht. Er oder sie, etwas anderes gab es nicht. Kein Mensch kann ohne Selbstachtung leben, ein Wenzel Schellenberg auf keinen Fall. Zu infam hatte sie gehandelt, es gab Grenzen, die man nur mit dem Einsatz seines Lebens überschreiten durfte. Was weiter geschah, darum kümmerte er sich nicht.
Er untersuchte seinen Vorsatz gründlich, von allen Seiten betrachtete er ihn. Wenn man ihm einen Ausweg angeben würde, so wollte er ja gern diesen Ausweg wählen. Aber es gab keinen Ausweg. Niemand konnte ihm einen Ausweg sagen. Er konnte ja zum Beispiel nach Südamerika gehen, in die Wälder des Amazonenstromes, wo ihn niemand fand, niemand kannte, aber das war keine Lösung. Das schamlose Lächeln dieser Frau würde ihm folgen, ihr hochmütiges Gesicht und ihre freche Stirne. Er würde auch nicht eine Sekunde vergessen können, daß diese Frau seine Würde und Selbstachtung, alles, was er war, in den Schmutz getreten hatte. Es gab keinen Ausweg, es gab nur diese eine Lösung.
Er hatte nur noch diesen einen Gedanken im Kopf, Tag und Nacht. Er war wie ein Mensch, der unter einer Felsplatte begraben liegt und nicht mehr atmen kann. Erst von diesem Augenblick an würde er wieder atmen können – und was dann kam, kümmerte ihn nicht. Sieh doch zu, alles andere ist völlig einerlei, sagte er sich. Er war wie ein Mensch, dem man andauernd, Tag und Nacht, ins Gesicht spie, und diese ewige, ekelhafte Besudelung würde erst von diesem Moment an aufhören.
Nein, es gab keine andere Lösung!
Soweit war er. Und nun überlegte er, in aller Ruhe, wie er seinen Vorsatz in die Tat umsetzen sollte. Er würde nicht leugnen, gewiß nicht, aber er war kein gewöhnlicher Totschläger. Er konnte Esther auf die Jacht locken und ins Meer stürzen, er konnte sie bei dem Sommerfest in Hellbronnen vor allen Gästen töten. Er konnte sie erwürgen, in ihrem Schlafzimmer, um ihren letzten Blick, den Blick des letzten Erschreckens zu sehen.
Noch war er unschlüssig. Er brütete. Da kam ganz unerwartet aus England Besuch. Drei Herren, ein älterer und zwei jüngere, und zwei Damen. Vielleicht waren die beiden jungen Männer frühere Liebhaber Esthers? Wer weiß es? Esther plante zu Ehren ihrer englischen Gäste ein großes Fest.
Und plötzlich stand Wenzels Entschluß fest: Dieses Fest sollte sie noch erleben. Noch einmal sollte sich ihre Eitelkeit in der Bewunderung ihrer Gäste spiegeln, noch einmal sollte sie sich den Blicken der Männer preisgeben dürfen. Noch einmal sollte sie alles genießen, was ihr das Leben bedeutete. Nach dem Fest aber würde er sie erschlagen, erschlagen, höchst einfach, genau so, wie man einen Hund erschlägt.
„So wahr ich Wenzel Schellenberg bin!“
Nun, da der Entschluß feststand, fühlte sich Wenzel erleichtert. Die Fahlheit seines Gesichts wich, seine Wangen färbten sich wieder, seine Stimme schien wieder ihren alten Klang zu bekommen.
Vielleicht hat er die Krisis überstanden, dachte Mackentin, den das freie Lachen Wenzels überraschte. Selbst er ließ sich täuschen.