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Die Alte stellte ein primitives Bauernbett in die frühere Stube des Verwalters, dazu einen kleinen Tisch und einen wackligen Stuhl. Auf eine Kiste stellte sie ein Waschbecken und einen Krug mit Wasser.
So war Wenzel eingerichtet. Schwarzlake war völlig verfallen. Das Gras wuchs auf dem Hof, die Äcker waren verwahrlost, die Wiesen versumpft. Nur ein ganz geringer Teil des ungeheuren, von vielen schwarzen Weihern durchzogenen Geländes war bewirtschaftet. Im Stall standen vier Kühe und zwei alte Pferde. Das Gutshaus selbst war eine geschwärzte Ruine, langgestreckt, mit gähnenden Fensterlöchern und eingestürztem, verbranntem und verkohltem Dach. Der Schutt und das verbrannte Holzwerk lagen genau noch wie am Tage nach der Feuersbrunst.
Wenzel hauste nun vierzehn Tage auf Schwarzlake in seinem kleinen, primitiven Zimmer. Am Tage sah man ihn wenig, in den Nächten aber saß er bis zum grauenden Tag auf der Treppe und blickte in die Nacht hinaus. Schon war der Hofhund zutraulich geworden, und es sah aus, als bewachten beide die Ruine.
Der Knecht fragte, was geschehen solle, was der Herr anordne. Wenzel schüttelte den Kopf.
„Später,“ sagte er. „Wir werden sehen.“
Eines Tages aber begann er plötzlich den Schutt des Gutshauses aufzuräumen. Er geriet in Eifer, mit Schaufel, Karre und Axt schaufelte er und schleppte mit mächtigen Armen, und bald war sein Gesicht vom Schweiß überströmt. Täglich arbeitete er von früh bis spät in die Nacht hinein. Er hatte noch einen Knecht und eine Magd angenommen. Aus den Nachbarflecken kamen die Bauhandwerker, und bald wimmelte es auf dem Hof von Zimmerleuten, Steinmetzen, Stellmachern, Tischlern, Wenzel mitten unter ihnen, das Gesicht schweißüberströmt. Die Handwerker staunten über ihn. Nie hatten sie solch einen Arbeiter gesehen.
Plötzlich war wieder Leben über Wenzel gekommen. Er telephonierte nach Berlin. Einige Tage später traf Goldbaum auf Schwarzlake ein. Der fette Goldbaum strahlte vor Vergnügen, als er Wenzel frisch und bei guter Gesundheit wiedersah.
„Hoffentlich haben wir Sie bald wieder in Berlin, Schellenberg,“ sagte er. „Wir vermissen Sie an allen Ecken und Enden. Diese letzten Wochen waren eine höllische Arbeit.“
Wenzels Gesicht wurde düster. Er schüttelte den Kopf. „Ich komme nicht zurück,“ sagte er, und er gab Goldbaum den Auftrag, seinen gesamten Besitz allmählich zu liquidieren. Er mußte Rücksicht nehmen auf Tausende und Abertausende von Arbeitern und Angestellten, anders hätte er seinen Besitz um jeden Preis unbedenklich losgeschlagen. Und er gab Goldbaum ferner den Auftrag, Land zu kaufen, wo er es immer erlangen könne. Es sei ihm ein Plan durch den Kopf gegangen.
„Mackentin wird vorläufig die Verwaltung dieser neuen Ländereien übernehmen, und den kleinen Stolpe entlassen Sie.“
Auch das Haus im Grunewald sollte verkauft werden, wie es liegt und steht.
Eines Tages kam auch ein junger, hochaufgeschossener Mann mit ernster, gesammelter Miene, bescheiden, höflich. Einer jener sachlichen anspruchslosen Menschen, wie sie mehr und mehr auftauchten, die nichts für sich wollten, sondern einer Idee dienten, unvorstellbar der früheren Generation. Diesen jungen Mann hatte Wenzel die Gesellschaft Neu-Deutschland gesandt, deren Rat er erbeten hatte. Der junge Mann lebte beinahe eine Woche auf Schwarzlake. Er schlief auf einem Strohsack in einer leeren Stube. Er war völlig anspruchslos. Am Tage, vom frühen Morgen bis zur Dunkelheit, untersuchte er das Gelände, den Boden, die sumpfigen Wiesen, die schwarzen, schilfbestandenen Weiher, die von Wasservögeln wimmelten. Wenzel hatte von dem Tischler einen großen Arbeitstisch anfertigen lassen, und auf das rohe Holz war ein großer Plan des Gutes Schwarzlake genagelt. Daran arbeitete der junge Mann bis in die späte Nacht. Entwässerungsgräben, Verbindungsgräben der Weiher, Straßen. Ein Kanal.
„Es ist ja nur ein provisorischer Vorschlag,“ sagte der junge Mann. „Ich werde Ihnen Ingenieure und Landwirte schicken, sobald ich nach Berlin zurückkehre.“
„Ich bin Ihnen sehr dankbar. Leben Sie wohl, Herr Weidenbach,“ erwiderte Wenzel.
Am Tage arbeitete er nun am Wiederaufbau des Gutshauses, der Ausbesserung der Scheunen und Ställe. Ein neuer Stall sollte angelegt werden. Am Abend aber saß er beim Licht von zwei Kerzen über dem Plan von Schwarzlake. In wenigen Jahren sollte Schwarzlake so aussehen. Wo heute Unkraut wuchs, sollte Getreide wachsen. Wo das Wasser in den Wiesen stand, sollten die Herden weiden. Eine richtige kleine Stadt aber hatte Wenzel entworfen. Und diese Stadt würde entstehen in zehn bis zwanzig Jahren, und sie sollte den Namen Schellenberg tragen. Nicht seinen Namen, dem Gedächtnis seines Bruders war sie gewidmet.
Eines Tages, Wenzel schrie gerade mit den Zimmerleuten, die den Dachstuhl aufsetzten, meldete man ihm, daß eine Dame angekommen sei und ihn zu sprechen wünsche. Wenzel runzelte die Stirn und blickte finster in den Hof hinaus. Sofort aber erhellte sich sein Gesicht wieder. Da kam die Dame schon. Es war Eva Dux. Ruhig und still, mit einem herzlichen Leuchten in den Augen begrüßte sie ihn, als hätte sich seit ihrem letzten Wiedersehn nicht das geringste ereignet.
„Ich komme erst jetzt zu Ihnen, Herr Schellenberg,“ sagte Eva. „Ich habe die letzten Wochen damit zugebracht, Michaels Papiere zu sichten. Ich habe sie Ihnen mitgebracht. Sie sind in meinem Koffer.“
Es waren Michaels Aufzeichnungen, seine Pläne, Entwürfe, Notizen, Manuskripte, Aufsätze, Vorträge. Noch am gleichen Abend begann Eva ihm Stück für Stück vorzulesen und zu erläutern.
„Und dies hier,“ sagte Eva, „schrieb er in den letzten Tagen seiner Krankheit. Es ist sein Testament. Er muß es geschrieben haben, wenn ich schlief.“
Mit fiebernder Hand hatte Michael diese Aufzeichnungen hingeworfen. Sie waren nur für Eva lesbar.
„Lesen Sie, lesen Sie,“ bat Wenzel.
Und Eva las:
„Neue Welt, Erde glücklicher Geschlechter. So wird es sein und nicht anders. Der große Tag wird kommen, und er ist nicht mehr ferne.
So wird es sein. Mitten auf dem Meere kommen sie zusammen, alle Kriegsschiffe der Erde, begleitet von einer Flotte von Schiffen, die die weiße Flagge zeigen. Und man wird die Kriegsschiffe in die Tiefe des Meeres versenken, und die Menschen auf den Begleitschiffen werden jubeln, und der Funke wird es dem Erdball verkünden, daß der Augenblick des großen und ewigen Weltfriedens gekommen ist.
Auf dem Lande, in allen Ländern wird man Geschütze und Kriegsgerät zu Pyramiden häufen und verbrennen, und die weiße Flagge wird im Winde wehen.
So wird es sein. Es wird keine Grenzen mehr geben, und der Mensch, gleich welcher Farbe und welcher Rasse, wird sich bewegen können auf dieser Erde, wo er will.
So wird es sein. Die Rohstoffe der Erde werden allen Völkern gehören und nach Bedarf verteilt werden.
So wird es sein. Die Heere der Freiwilligen aller Nationen, die Jünglinge werden hinausziehen in die Welt und künftigen Geschlechtern die Wohnstätten bereiten. Sie werden die Urwälder des Amazonenstromes und die Urwälder des Kongos in fruchtbares Land verwandeln. Sie werden die Wüsten kultivieren, es wird keine Wüsten mehr geben.
So wird es sein. Es wird keinen Haß mehr geben zwischen den Völkern, keinen Egoismus der Nationen wird es mehr geben, keine Bedrücker und keine Unterdrückten, welcher Farbe sie auch seien. Der Welt-Bund wird die Schicksale des Erdballs leiten, und geehrt wird nur der sein, der die menschliche Glückseligkeit vermehrt und die menschliche Arbeitsleistung mindert. Nicht zur Versklavung werden die Maschinen gebaut werden, diese ungeheuren, unvorstellbaren Maschinen der Zukunft, zur Befreiung der Menschen wird man sie erbauen. Wissenschaft und Kunst werden blühen. Und die Weisheit wird höher im Range stehen als Reichtum und Geburt.
Dann wird der Tag kommen, da die Menschen das verlorene Paradies wiederum gefunden haben werden, nach tausendjährigen Qualen und tausendjährigen Verirrungen.
Die Erde wird ein Paradies glücklicherer Geschlechter sein. Es wird keinen Hunger und kein Elend mehr geben, und die Kameradschaft wird die Religion aller Menschen sein.
So wird es sein und nicht anders!“
Eva ging auf dem Hofe hin und her, die schmalen Hände auf dem Rücken, und betrachtete mit großen, stillen, aufmerksamen Augen die Arbeit der Werkleute. Sie blieb heute, sie blieb morgen, sie traf keine Anstalten zu gehen. Sie bemühte sich, Wenzel nicht im Wege zu sein, ihm nicht lästig zu fallen, und doch war sie fast immer in seiner Nähe. Sie hörte Michaels Stimme in Wenzels Stimme. In seinem Gang erkannte sie Michaels Gang. Aus Wenzels Gesicht blickte, nur für sie erkennbar, Michaels Gesicht.
Eines Tages sagte sie: „Es gefällt mir hier auf Schwarzlake, Herr Schellenberg. Haben Sie Arbeit für mich, so möchte ich gern bleiben.“
„Bleiben Sie, Eva,“ erwiderte Wenzel. „Es gibt hier viel Arbeit, auch für Sie.“
Still und schweigsam saß Wenzel in der Nacht auf der Treppe, den Hofhund zur Seite, und blickte in die Dunkelheit hinaus.
Immer mußte er an Michael denken und an sein Testament, das Eva abgeschrieben hatte und das er auswendig konnte.
„Vielleicht,“ dachte er, „war Michael mehr als ein Träumer, vielleicht war er ein Seher. Vielleicht sind seine Gesichte morgen Wahrheit, und die billigen Wahrheiten der Zweifler sind vielleicht morgen zuschanden.“
Schon graute es im Osten, und über die schwarzen Weiher stieg sanft die Morgenröte eines neuen Tages empor.
Ende
Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Druckfehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
- ... „Ich freue mich, daß es ihnen gut geht, Katschinsky,“ ...
... „Ich freue mich, daß es [Ihnen] gut geht, Katschinsky,“ ... - ... Gesindel, daß vor nichts Respekt hat. Hier in dieser ...
... Gesindel, [das] vor nichts Respekt hat. Hier in dieser ... - ... auf Schellenberg. Aber Wenzel schien der Aktion gar nicht ...
... auf Schellenberg. Aber Wenzel schien der [Auktion] gar nicht ... - ... zu haben, als ich von Heines Versen sprach und sie bat, ...
... zu haben, als ich von Heines Versen sprach und [Sie] bat, ... - ... werden. Er ließ sich dort alles mögliche arrangieren. Sie ...
... werden. [Es] ließ sich dort alles mögliche arrangieren. Sie ... - ... Schwarzlake. Er hatte das Gute nie gesehen. Es war seine ...
... Schwarzlake. Er hatte das [Gut] nie gesehen. Es war seine ...