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Lise gab sich alle Mühe, der Mutter den Aufenthalt in Berlin so angenehm wie möglich zu machen. Frau von dem Busch wollte nur eine Woche in Berlin zubringen, um sich hierauf in ein Sanatorium zu begeben. Wahrscheinlich in den Weißen Hirsch bei Dresden. Ihre Nerven waren angegriffen und ihr Darm geschwächt. Überhaupt fühlte sie sich noch nicht ganz erholt.
Die Damen besuchten Theater, Konzerte. Lise gab Einladungen. Die Wohnung wimmelte von Menschen. Das berühmte Quartett spielte, Lise sang. Ein Lohndiener mit weißen Handschuhen reichte den Tee. Frau von dem Busch saß mit ihrer weißen Haarkrone, umringt von Damen und Herren, und strahlte vor Entzücken. Man sagte ihr Schmeicheleien über ihr Aussehen, über Lise und Lises Stimme. „Hören Sie doch, dieser Ton!“ Sie war eine noch schöne Frau, mit roten Wangen. Besonders schön waren ihre gepflegten, mit Ringen geschmückten Hände. Ihr linkes Augenlid war etwas gelähmt und bedeckte das Auge um eine Kleinigkeit mehr als das rechte. Das gab ihrem Gesicht den Ausdruck großer Nachdenklichkeit und geheimnisvoller Verschwiegenheit.
Die Woche war längst vorüber, aber Frau von dem Busch traf noch nicht die geringsten Anstalten abzureisen. Wie lange bleibt sie noch? fragte sich Lise. Sie liebte die Mutter aufrichtig, aber sie ertrug ihre Gegenwart nach einer Reihe von Tagen nur schwer.
„Herrlich ist es bei dir in Berlin, Liebling,“ sagte Frau von dem Busch und tätschelte Lises volle, weiche Wangen. An den Vormittagen „arbeitete“ sie im Haushalt. Das heißt, sie beschäftigte die Mädchen. Die Gardinen wurden gewaschen, die Türen und Fenster abgeseift. Die Garderobe wurde nachgesehen, die Wäsche. Dann wurden die Fußböden gewichst. Frau von dem Busch selbst rührte keinen Finger. Sie erledigte am Schreibtisch ihre umfangreiche Korrespondenz und erschien nur alle fünfzehn Minuten. Ihre Dispositionen waren indessen so klar, daß niemand zu widersprechen wagte.
An einem Vormittag aber verschwand sie geheimnisvoll. Lise wußte sofort, was dies zu bedeuten hatte. Sie war zu Wenzel gegangen! Sie kannte den Eigensinn der Mutter und war der Ansicht, daß ihr eine kleine Demütigung nicht schaden würde.
Es muß gesagt werden, daß Frau von dem Busch nicht nur die Interessen ihres Kindes verteidigen wollte; auch ihre Neugierde trieb sie zu Wenzel. Da hatte sie nun unaufhörlich die verschiedensten Gerüchte und Legenden vernommen – sie war ja vor zwei Jahren schon einmal in Berlin gewesen –, aber gerade im letzten Jahre hatten diese Legenden eine phantastische Färbung angenommen.
Das Haus in der Wilhelmstraße wimmelte von Menschen. Ein Paternoster-Werk stieg auf und ab. Menschen sprangen heraus, schlüpften hinein. Der Lift stieg lautlos in die Höhe. Ein Diener nahm ihre Karte höflich und wohlerzogen entgegen und öffnete ihr die Tür eines kleinen, luxuriös eingerichteten Wartesalons. Nicht ein Stäubchen! Hier konnte Lise lernen.
Und das gehörte alles ihm, den sie – in ihrem Zorn, als er Lise entführte – einen „gemeinen Verbrecher“ genannt hatte, einen „dummen Jungen, der noch nicht trocken sei hinter den Ohren“ – das war nun allerdings viele Jahre her und durch ihre Erregung erklärlich. Sie bereute.
Zuerst kam ein junger Mann mit roten Bäckchen ins Zimmer, dem man sofort die gute Erziehung anmerkte. Er klappte mit den Absätzen, verbeugte sich, bat um eine Sekunde Geduld. Dann kam ein sehr distinguiert aussehender Herr mit einer schiefen Nase, ein Hauptmann mit einem unverständlichen Namen, der höflich ersuchte, sich noch eine Minute gedulden zu wollen. Frau von dem Busch war nahe daran, Wenzel alle seine Sünden zu vergeben.
Dann aber kam etwas zur Tür herein, etwas Massiges, Schwammiges, das über den Kneifer schielte, rot wie eine Rübe, einen kleinen roten Scheitel auf der Glatze, rote Bartstoppeln auf den feisten Backen. Goldbaum. Er verdarb den ganzen guten Eindruck.
„Mein Name ist Goldbaum, gnädige Frau,“ sagte die rote Rübe und nahm in einem Sessel Platz. „Ich bearbeite die privaten Angelegenheiten des Herrn Schellenberg. Ich bitte, gnädige Frau, Ihre Wünsche zu äußern –“
Frau von dem Busch aber verlangte Herrn Schellenberg persönlich zu sprechen. Die Masse schwankte, erhob sich, beteuerte, daß es schwer sei, außerhalb der Reihenfolge – und der Rothaarige verschwand.
Man sagte mir ja, sonderbare Elemente, dachte Frau von dem Busch. Es ist natürlich manches wahr daran.
Da kam der kleine rotbäckige Leutnant mit den guten Manieren wieder und führte sie direkt in Wenzels Arbeitszimmer.
Frau von dem Busch hatte sich vorgenommen, um der „Sache ihres Kindes zu dienen“, auf Wenzel einfach zuzugehen, als sei nichts geschehen, und ihm zu sagen, daß zwischen den Menschen – aber der Blick Wenzels, der sich hinter einem großen Schreibtisch höflich erhob, belehrte sie sofort, daß bei diesem Burschen ein solcher Ton ganz und gar nicht am Platze sei.
Sie breitete nicht die Arme aus, wie sie es beabsichtigt hatte, von ihrer ganzen einstudierten Rolle blieb nur ein harmloser Ton der Anrede, dessen Unverfrorenheit Wenzel verblüffte.
„Ich bin in Berlin, Wenzel,“ sprudelte sie hervor, „und ich mußte dich sehen, um dir guten Tag zu sagen und dich zu beglückwünschen. Wie du aussiehst, prächtig. Etwas voller bist du geworden. Nicht dieses Gesicht, Wenzel – wir haben uns zuweilen gestritten, ich weiß es. Aber wir sind ja nur Menschen, und du bist klug genug, um zu vergessen.“
„Ich vergesse nichts! Ich vergesse niemals!“ fiel ihr Wenzel brüsk ins Wort. Sein Gesicht verfinsterte sich für einen Augenblick. Dann bat er sie mit einer Handbewegung, Platz zu nehmen. Seine Augen waren kalt, hart und ohne jede Gnade.
„Ich bin erstaunt, Sie hier zu sehen, Frau von dem Busch,“ sagte er hierauf, indem er die Augen ruhig und leidenschaftslos auf das Gesicht seiner Schwiegermutter heftete. „Was wollen Sie?“
Wenzel war der alten Dame vom ersten Augenblick an überlegen. Er war, nachdem er sich von der ersten Verblüffung erholt hatte, völlig ruhig, sachlich, geschäftsmäßig, während sie vor Erregung bebte.
„Ich bin gekommen, Wenzel,“ sagte Frau von dem Busch, die plötzlich ihre Sicherheit verloren hatte, „um mit dir die geschäftlichen Angelegenheiten Lises zu ordnen.“
„Sie sind geordnet,“ erwiderte Wenzel kühl und höflich. Er schob Frau von dem Busch eine Mappe mit Rechnungen und einen Kontoauszug hin. „Hier sind die Abrechnungen, und hier sind die Rechnungen, die ich für Ihre Tochter bezahlt habe.“
Frau von dem Busch setzte ihm mit vielen Worten auseinander, daß es seine Pflicht sei, Lise und seine Kinder seinem Vermögen gemäß zu unterhalten.
„Ich tue es,“ erwiderte Wenzel erstaunt. „Aber Sie werden zugeben, daß es natürlich Grenzen gibt. Ich habe keine Lust, sechzehn Stunden zu arbeiten, um die Launen Ihrer Tochter zu befriedigen. Ich habe auch keine Lust, alle die Folgen der schlechten Erziehung zu tragen, die Sie Ihrer Tochter angedeihen ließen.“
Frau von dem Busch sah ihn mit einem beleidigten Blick an. „Sie sind herzlos und grausam!“ schrie sie außer sich. Ihr Gesicht war vor Erregung so weiß geworden wie ihr Haar.
„Nun, so will ich lieber herzlos als schwachsinnig erscheinen,“ erwiderte Wenzel. „Aber ich bitte Sie, mich jetzt zu entschuldigen.“ Er erhob sich und wies auf einen älteren, weißhaarigen Herrn, sehr schlank, der soeben eintrat. „Darf ich Ihnen Herrn General von Simmern vorstellen, der Ihnen zur Verfügung stehen wird?“
Es zeigte sich indessen, daß auch dieser würdige alte Militär die Interessen Wenzels vertrat.
„Ich muß offen bekennen,“ sagte der weißhaarige General, „daß sechzig Paar Schuhe in einem Jahr und zweihundert Paar Seidenstrümpfe doch immerhin –“
Frau von dem Busch unterbrach ihn. „Darf ich bitten, ich möchte mit meinem Schwiegersohn persönlich verhandeln.“
„Herr Schellenberg ist nicht mehr im Hause.“
Bleich, mit hektischen Flecken im Gesicht, verließ Frau von dem Busch das Haus. Sie nahm ein Auto und fuhr sofort zu Justizrat Davidsohn, einem Anwalt, den sie von früher her kannte und zu dem sie das größte Vertrauen hatte.
„Er ist taktlos und brutal!“ schrie sie im Auto, rasend, außer sich.
Davidsohn bat sie, sich zu beruhigen und ihm in aller Ruhe den Fall auseinanderzusetzen.
„Ich bitte Sie, ohne jegliche Schonung vorzugehen,“ ermahnte sie den Anwalt.
„Schellenberg?“ fragte der Justizrat. „Welcher Schellenberg? Es gibt zwei Schellenberg.“
„Wenzel Schellenberg.“
„Oh, Wenzel Schellenberg! Berichten Sie weiter, gnädige Frau. Es gibt noch Michael Schellenberg, von dem die Zeitungen so häufig sprechen.“
Frau von dem Busch trug ihre Angelegenheit mit allen Einzelheiten vor. Der Anwalt betrachtete sie mit aufmerksamen Augen, aber er hörte nur mit halbem Ohre hin. Er dachte an den Schriftsatz, den er in dem Prozeß Bergenthal & Co. noch in dieser Stunde diktieren mußte. Nur dann und wann warf er eine zerstreute Frage dazwischen.
„Hat Ihre Tochter eine Mitgift in die Ehe eingebracht?“
„Mitgift? O nein. Mein Mann war ein hoher Verwaltungsbeamter, er liebte es, ein Haus zu führen und legte großen Wert auf Kleidung. Es war seine Pflicht. Er diente nur dem Staat. Es war ihm unmöglich, Reichtümer zu sammeln. Damals waren die Beamten ganz anderer Art, Sie wissen es.“
„Ich bitte um Verzeihung, gnädige Frau. Ich wollte nur Klarheit. Hätte Ihre Tochter eine Mitgift bekommen, so wäre es vielleicht möglich gewesen, zu beweisen, daß Herr Schellenberg sein Vermögen auf Grund dieser Mitgift erworben hat. Gewiß, es wird alles geschehen, was in meiner Macht steht. Es ist selbstverständlich, daß Ihre Tochter Ansprüche und Rechte hat. Und wir werden diese Ansprüche und Rechte zu wahren wissen. Schellenbergs Vermögen wird heute schon auf viele Millionen geschätzt. Wir werden ihn zwingen, einige seiner Millionen herauszugeben.“ Das Gesicht des Anwalts rötete sich flüchtig vor Erregung. Er sprach, stand auf, ging hin und her, versprach, erweckte große Hoffnungen, er redete sich in Eifer. Und doch dachte er, während er sprach, ausschließlich an den Schriftsatz von Bergenthal & Co. Vor zehn Minuten hatte er genau so erregt vor Bergenthal gesprochen.
Ganz begeistert verließ Frau von dem Busch das Bureau des Anwalts.
Es ist gut, daß ich gekommen bin und die Angelegenheit in die Hand genommen habe, sagte sich Frau von dem Busch, als sie in das Auto stieg. Lise allein wäre nie zurechtgekommen. Millionen, hatte er gesagt. Es wäre wirklich ein Glück, wenn diese kleinliche Rücksichtnahme auf jeden Pfennig endlich aufhören würde. Lise würde sie noch segnen.
Frau von dem Busch gab sich Träumereien hin, während sie durch die von Menschen überfluteten Straßen rollte. Sie war zum Beispiel noch nie in Ägypten gewesen. Und bei ihrer Neigung zur Bronchitis wäre für sie das ägyptische Klima im Winter gewiß eine Wohltat.