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Es fing bereits an zu dämmern. Christine, den kleinen Georg auf dem Arm, stand am Waldrand – gerade da, wo sich früher die ersten Arbeitsschuppen befunden hatten – und spähte die Landstraße hinab. Schon eine Stunde stand sie hier und wartete. Ihr Gesicht schimmerte bläulich in der Dämmerung, das Umschlagetuch auf ihren schmalen Schultern flatterte im Abendwind. Endlich erblickte sie Georg. Mit seiner kleinen Reisetasche in der Hand kam er raschen Schrittes daher. Als er seine Frau mit dem Kinde sah, begann er zu laufen. Auch Christine lief.

„Willkommen zurück!“ rief sie und streckte ihm das Kind entgegen.

Georg herzte das Kind und küßte Christine. Sie umschlang ihn, und während sie vor Freude lachte, sprangen ihr die Tränen über das Gesicht.

Georg war verreist gewesen, volle vier Tage. Zum ersten Male, seit sie nach Glückshorst gekommen waren, hatten sie sich getrennt. Diese vier Tage aber waren Christine endlos erschienen. Sollte man es für möglich halten, wie lange ein Tag sein konnte? Abend für Abend war sie mit dem Kinde die Landstraße entlang gegangen, obwohl sie wußte, daß Georg erst heute kommen konnte. Endlich war er wieder bei ihr.

„Wie geht es euch, und was gibt es Neues?“ fragte Georg.

„Eine Menge Post ist da!“ antwortete Christine, während sie den Arm um Georgs Schulter legte. „Ich habe alle Telephongespräche aufgeschrieben, und – fast hätte ich es vergessen – der Plan von Glückshorst ist aus Berlin zurückgekommen.“

„Genehmigt?“ Georg blieb voll Spannung stehen.

„Ja, genehmigt! ‚Genehmigt, Schellenberg‘ steht unten am Rand.“

Mit dem Kind auf dem Arm, vollführte Georg einen Freudentanz auf der Straße.

„Wie wunderbar!“ rief er aus. „Und doch muß ich noch Verbesserungen anbringen. Was ich gesehen habe in diesen Tagen! Nun, ich werde es dir erzählen.“

Schon begannen die Lichter von Glückshorst zu glitzern. Weit auseinandergezogen lag die Siedlung da. Die großen Fenster der Tischlereien und Werkstätten und ganze Reihen von Arbeiterbaracken leuchteten in die Dämmerung. Jene hellstrahlenden drei Fenster waren das Gasthaus, die Herberge, in der Mutter Karsten, plappernd und plaudernd von früh bis nachts, das Zepter führte. Gleich daneben blinzelte ein kleines Licht. Das war der Laden des Schlächters Moritz, der noch arbeitete. Das ruhig schimmernde Fenster rechts gehörte zum Hause eines pensionierten Lehrers, der die Schule übernommen hatte. Und die übrigen verstreuten Lichter, das waren die Häuser von Siedlern, die mit ihren Familien nach Glückshorst gekommen waren. Ein Arzt, eine Krankenpflegerin, Kaufleute, Handwerker. Schon war fast jeder Beruf vertreten. Weiter unten am Kanal stand eine ganze Reihe blendender Fenster. Es sah fast aus wie ein Bahnhof in der Nacht. Das waren die Werkstätten einer Fahrradfabrik, die sich hier niedergelassen hatte. Eben heulte ihre Sirene in den stillen Abend.

Ja, in der Tat, eine richtige kleine Stadt war Glückshorst schon geworden. Weit über die Heide greifend, erkannte man schon ihre zukünftige Gestalt.

Es war Ende Mai, aus den Gärten stieg der feuchte Atem der Fruchtbarkeit, die riesigen Gärtnereien dufteten.

Christine hatte ein herrliches Empfangsmahl hergerichtet. Sie hatte einen ihrer jungen Hähne geopfert, blutenden Herzens, denn sie liebte ihre Tiere, und diesen Hahn hatte sie buchstäblich an ihrem Busen aufgezogen. Als Küken war er krank gewesen, und um ihn zu wärmen, hatte sie ihn auf ihrer Brust getragen. Dazu hatte Christine Radieschen und frischen, jungen Salat aufgetischt, alles aus ihrem Garten, und – eine Überraschung für Georg – eine Schale voll Erdbeeren, herrliche, große, fehlerlose Früchte.

„Du hast schon Erdbeeren?“ fragte Georg erstaunt, als sie sich zu Tisch setzten.

„Ich habe ein kleines Warmbeet, ganz im geheimen,“ lachte Christine.

Georg bewunderte Größe und Glanz der Früchte. „Ich sehe, du hast den Gärtnern schon ihre Kunst abgeguckt!“

Nun aber ging es ans Erzählen. Noch jetzt war Georg ganz benommen. Was er alles gesehen hatte!

„Es ist unglaublich, was sie da geschaffen haben, Christine! Es ist unvorstellbar! Wir waren alle völlig berauscht, und Schellenberg wurde von allen Seiten beglückwünscht.“

Er war in dem großen Siedlungsgebiet „Neuland“ gewesen, wohin Michael Schellenberg eine große Anzahl seiner Mitarbeiter gebeten hatte. „Neuland“ war ein Komplex von acht Städten, die neu angelegt und neu geschaffen werden sollten. Industriegartenstädte, in mächtiger Ausdehnung auf der ungeheuren Heide angelegt, die sich nördlich von Hannover bis hinauf nach Lüneburg und zur Elbe erstreckt. Man hatte vom Mittellandkanal in Hannover aus einen Kanal begonnen, der, mit einer Anzahl von Abzweigungen versehen, quer durch die Heide zur Elbe führen sollte. Diese Kanäle bedeuteten die Arbeit vieler Jahre. Scharen von Arbeitslosen, Kolonnen jugendlicher Freiwilliger und Bataillone von Strafgefangenen waren mit dem Bau beschäftigt. In diesem Netz von Kanälen waren die neuen Stadtkomplexe gelagert, alle schon fix und fertig vermessen und zum Teil schon begonnen. Riesige Gärtnereien, Wälder, Parkanlagen, ungeheure Industrieterrains. Eine Million Menschen sollte in „Neuland“ die Heimat finden.

Staub, Rauch, Maschinen, Dampfpflüge, Traktoren, Walzen, Arbeiterkolonnen. Und vordem war hier nichts als ein kläglicher Wald mit verdorrtem Boden und unfruchtbare Heide. Georg fand in seiner Erzählung kein Ende.

„Aber nun an die Arbeit, Christine!“ rief er plötzlich aus, indem er ungeduldig aufsprang. „Nicht eine Stunde wollen wir versäumen.“

Die Tür zu der Kammer, in der das Kind schlief, stand offen. Georg hatte den großen Plan von Glückshorst mit Reißnägeln auf den Zeichentisch geheftet, und nun legte er sich darüber, um den Plan noch einmal nach seinen neuen Erfahrungen zu überprüfen. Die Pläne wurden von Schellenbergs Städtebauern in großen Umrissen vorgezeichnet. Aber der Chef jeder Station hatte sie bis in die kleinsten Einzelheiten durchzudenken. Jede Einzelheit für die zukünftige Entwicklung der Siedlung mußte vorgesehen werden.

Am Kanal entlang zog sich das Industriegelände, und in der Mitte lagen die großen Gärtnereien. Dies war der Platz, vorgesehen für spätere Parks, Verwaltungsgebäude, Kirchen, Schulen, das Herz der Stadt. In fünf Jahren konnten diese Bauten begonnen werden. Der einzige Bau, der zur Zeit in Angriff genommen war, war ein Flügel des Schulhauses. Auch ein Platz für einen Kanalhafen war vorgesehen. Ebenso der Gürtel eines Parks, der die Stadt umschließen sollte und den Übergang bildete zu den Großlandwirtschaften, die die Bestimmung hatten, diese Stadt künftig zu ernähren.

„Ich bin noch nicht zufrieden mit der Lage des Bahnhofs,“ sagte Georg erregt. „Ich muß alle Gesichtspunkte noch einmal durchdenken.“

Christine stand neben ihm und blickte eifrig in den Plan, in dem sie zu lesen gelernt hatte, ganz wie Georg. Wie er, sah sie die vollendete Stadt vor sich.

„Vielleicht war der frühere Platz doch besser, Georg.“

„Wir müssen alles noch einmal durchdenken, Christine,“ wiederholte Georg, dessen Wangen vor Eifer brannten.

Christines Wange streifte seinen Kopf. Sie war glücklich. Und wie ruhig das Kind schlief!