16
Immer noch sah er sie vor sich, wie sie, die schlanken Hände verkrampft, mit dem Ausdruck letzter Inbrunst, Andacht, Aufgelöstheit vor dem Bette kniete, das bleiche, schöne Antlitz verklärt von unbegreiflichem Schmerz. Eigentlich, sagte er sich, sah sie aus, als ob sie grenzenlos erstaunt wäre, ja, Staunen, Verwunderung – nein, ich weiß nicht, es ist jedenfalls nicht in Worten auszudrücken.
Unauslöschlich hatte sich dieses Bild in sein Gedächtnis eingegraben.
Er liebte es, sich diesem Anblick hinzugeben, obschon ihn die Dampfwolke peinigte, die aus dem verzerrten Munde des Sterbenden über die rauhe Wolldecke fuhr.
Dann sah er sie, in letzter Schärfe, in ihrer Trauerkleidung vor sich. Das schwarze Hütchen, der schwarze Schleier, der ihr Gesicht ganz durchsichtig erscheinen ließ – ihre Lippen, ihr atmender Mund, ihr scheues Tierauge, die Grübchen in ihren glatten Wangen – und wie bei ihrer Mutter war das Grübchen auf der rechten Wange etwas tiefer als auf der linken. Die schwarze Halskrause, aus der ihr feiner Nacken stieg, ganz wie Ellens, der Mutter, Nacken. Und nun war sie hier!
Lieber Himmel, Schwedenklee war ganz verwirrt!
Es war nicht leicht gewesen, Ellen, die der Schmerz fassungslos gemacht hatte, in ein Magazin für Trauerkleider zu bringen. Hundertmal wiederholte Schwedenklee mit unendlicher Geduld: „Aber Sie können doch nicht so Ihren Vater beerdigen, seien Sie doch vernünftig!“
Endlich ließ sie sich bewegen. Aber sie wünschte das Kleid so einfach wie nur möglich. Die Verkäuferinnen, gerührt von ihrer Schönheit und Hilflosigkeit, bemühten sich um sie. Schließlich stand sie fertig angekleidet vor dem Spiegel. Sie blickte hinein und errötete! Blitzschnell ergoß sich die Röte, zart, wie ein Hauch, über ihr Gesicht und ihren Nacken – ganz wie bei ihrer Mutter. Sie errötete, weil sie sich in der Trauerkleidung gefallen hatte.
„Und nun neue Schuhe, Ellen!“
Sie sah ihn verständnislos an, während sie im Wagen weiterfuhren.
„Aber Sie können doch nicht in diesen abgetretenen Schuhen –?“
„Aber weshalb sorgen Sie sich um mich?“ fragte sie unwillig, die kleine Stirn zerknittert, und preßte die Hände an die zarten Schläfen.
„Sie vergessen es immer wieder: ich bin ein Freund Ihrer Mutter und Ihres Vaters.“
Ellen nickte. „Ich vergaß es, ja!“
„Nun will ich alles tun, wie Sie es wünschen“, sagte sie und schmiegte sich an ihn, in kindlicher Aufwallung, obschon sie neunzehn, zwanzig Jahre alt sein mußte. „Ich will gehorsam sein.“
Schwedenklee sagte ihr, daß sie sich wegen ihrer Zukunft keine Sorgen zu machen brauche.
Sie sah ihn ohne jedes Verständnis an. „Ich mache mir ja keine Sorgen.“
„Ich verstehe wohl. Sie müssen aber doch irgendwo bleiben.“
„Bleiben?“ Feindselig blendete ihr Blick.
„Ja, natürlich. Sie müssen essen, trinken, schlafen.“
„Nein, nein“ – unterbrach sie ihn – „nein, das muß ich nicht!“
„Sie haben mir versprochen, an all diese Dinge für Sie denken zu dürfen.“
„Ja!“
Nach einer Pause fühlte er ihren Blick.
„Papa ist sehr arm gewesen, aber er war trotzdem ein großer Künstler!“
„Ein großer Künstler!“
Ellens scheues, verstörtes Tierauge wanderte ruhelos.
Fragmente ihrer kurzen Gespräche fielen Schwedenklee ein, Blicke, Bewegungen. Als man den Sarg abholte, kniete Ellen in der Ecke der Stube. Bei der Beerdigung war Ellen gefaßt. Sie stand wie versteinert, den Blick zu Boden gerichtet. Sie waren nur zu dritt. Ellen, er, die weißblonde Schwester, die heftig weinte.
Bei ihrer Mutter waren es nur zwei, dachte Schwedenklee: Blank und Ellen. Und er erinnerte sich, daß Blank ihm schrieb, er habe sich auf die Erde geworfen ...
Augusta servierte mit feuchten Augen, mit reuevoller Weichheit, das Abendessen.
„Sie werden uns also nicht im Stich lassen?“ fragte Schwedenklee, kauend, ohne vom Teller aufzusehen.
„Sagte ich denn das?“ Schon weinte Augusta, diese gute Seele. „Ich habe ihr zugeredet, und sie hat eine Tasse Tee getrunken. Nun will ich sehen, daß sie noch ein Ei ißt, dieses arme Kind!“
Schwedenklee verbrachte den Abend zu Hause. Die Aufregungen der letzten Tage hatten ihn so sehr mitgenommen, daß es ihm unerträglich gewesen wäre, Menschen zu sehen. Er genoß jede Minute des Alleinseins. Seit vielen Jahren hatte er einen solch zufriedenen, ausgeglichenen Abend nicht gehabt. Er strich an seiner Bibliothek entlang. „Ich werde ein schönes Buch lesen, ja!“ Seit Jahren hatte er nicht mehr die Sammlung besessen, sich auf ein umfangreicheres Werk einzulassen.
Er zog eine Reihe von Büchern heraus, ohne sich entschließen zu können. Die „erotische Abteilung“ betrachtete er mit einem verächtlichen Lächeln.
„Augusta?“ Schwedenklee erschien in der Küchentür! „Was macht unser Gast?“
„Sie hat jetzt den Hut abgenommen. Sie will versuchen zu schlafen, sagte sie.“
„Hat sie das Ei gegessen?“
„Sie versprach es zu essen.“
Schwedenklee klopfte an Ellens Türe.
„Ich will Ihnen gute Nacht sagen“, sagte er mit väterlicher Wärme, indem er den Kopf ins Zimmer streckte. „Haben Sie noch irgendwelche Wünsche?“
„O nein, danke“, antwortete Ellens kleine Stimme, ganz fern.
Ellen hatte wirklich den Hut abgenommen. Sie stand mitten im Zimmer und wandte ihm ihr scheues, helles Auge zu.
„Schlafen Sie wohl. Und wenn Sie Wünsche haben, so klingeln Sie.“
„Ich habe keine Wünsche, danke!“
„Hier ist jener Brief, den Ihr Vater mir hinterließ. Ich lege ihn hierher, vielleicht haben Sie jetzt Sammlung genug, ihn zu lesen.“
„Danke!“ Regungslos stand Ellen.
Das Leben hat merkwürdige Einfälle, dachte Schwedenklee verwundert und triumphierend zugleich. Ist es nicht sonderbar, daß Ellens Tochter, die wiedergeborene und verjüngte Ellen, bei mir ist? Wer hätte sich das je träumen lassen?
Dank einer Fügung des Schicksals habe ich, ohne mein Zutun, plötzlich eine Tochter bekommen – ein wunderbares Wesen, ein Kleinod dazu – den angebeteten Liebling unglücklicher Eltern ...
Ja, in der Tat, es war das alte Glück Schwedenklees, immer noch folgte es ihm wie sein Schatten. Wie man sich erinnern wird, erhielt er den Titel eines „Oberbaurats“ vom Oberkellner des Cafés, ohne jede Anstrengung – ohne jedes Verdienst hatte ihn das Schicksal plötzlich, gänzlich unerwartet, mit einer Tochter beschenkt.
Schwedenklee war ganz erfüllt von seinem Glück. Als Blank, dieser gute, arme Blank, dachte er, mir seinerzeit auflauerte, ahnte ich damals nicht, daß diese merkwürdige Begegnung eine besondere Bedeutung für mein Leben haben wird? Wie? Und Blanks unverständliche Bemerkungen, Anspielungen, seine prüfenden Blicke – ja, nun verstehe ich alles. Sie ist in guten Händen bei mir, teuerster Freund – unwillkürlich hatte er Blanks Tonfall nachgeahmt, als er „teuerster Freund“ sagte.
Schwedenklee hatte die Briefe, die ihm Schwester Anna als ein Vermächtnis Blanks in der eisigen Küche überreichte, schon flüchtig durchflogen. Nun aber war er in der ausgeglichenen, ruhigen Verfassung, sie genauer zu lesen.
Es waren im ganzen sechs Briefe, kürzere und längere, die er an Ellen von Paris aus geschrieben hatte. Er erkannte seine Handschrift wieder – seine Handschrift vor zwanzig Jahren –, heute schrieb er etwas kräftiger und klarer.
In dem ersten Briefe nach Ellens Abreise schrieb er ihr, daß er in ihr Zimmer gezogen sei (im Hotel Panthéon) und daß sie gegenwärtig sei in Möbeln und Wänden und tausend kleinen Dingen.
Es lag ja so nahe, dies zu schreiben! Aber, sagte sich Schwedenklee, welch bodenlose Verlogenheit! Um 9 Uhr abends reiste Ellen, ich weiß es noch genau – um 10 Uhr speiste ich mit Fräulein Svenska, mit der rotbäckigen Schwedin, in diesem Zimmer – und am nächsten Morgen schrieb ich diesen Brief.
Und hier, das war offenbar die Antwort auf einen Brief Ellens, in dem sie ihm für ein Darlehen dankte.
„Kein Wort, liebste Freundin,“ schrieb er, „ich bin glücklich, Dir gefällig sein zu können. Es ist ja so selbstverständlich! Es gibt eine Solidarität des Adels, der Reichen, sollte es nicht auch eine Solidarität der Künstler und geistig Schaffenden geben?“
Lesen wir dies nochmals, sagte Schwedenklee, habe ich wirklich diese Phrasen geschrieben? Ja, er hatte Ellen ganze tausend Franken geschickt und auf ihren Dankesbrief mit derartig hochtrabenden Worten geantwortet!
In einem anderen Brief entwickelte er mit großer Beredsamkeit und vieler Wärme ein System, wie die Künstler und geistig Schaffenden zu leben hätten! Wie Mönche, nicht anders, arm, anspruchslos, materielle Genüsse und Güter verachtend, nur ihrer Kunst ergeben, in einer kameradschaftlichen Gemeinschaft. Alle, die dem „Orden“ angehörten, hätten ihre Einnahmen der Gemeinschaft zu überweisen – um der Welt ein Beispiel zu geben, wie die Menschen eigentlich leben sollten. Es sollte künftig nicht mehr Maler geben, die Millionen verdienten, während ihre Kollegen darbten – nein, die Millionen der Erfolgreichen sollten in die Kasse der Gemeinschaft der Maler fließen. Wie bei den Malern, so bei den Musikern, den Schriftstellern –
„Sind das meine Worte, wahrhaftig? Habe ich je solchen Anschauungen gehuldigt?“
Schwedenklee war erstaunt, ja förmlich verblüfft, auf diesen ihm gänzlich fremden, jungen Schwedenklee zu stoßen.
War dieser Einfall vielleicht schlecht? O nein, nein!
War es nicht im Gegenteil ein herrlicher Gedanke? Und was ist daraus geworden?
Nichts, nichts.
Schwedenklee erhob sich, verlegen. Wirklich nichts! Ich habe diese Idee ganz einfach – vergessen.
Je länger er in den Briefen las, desto mehr erkannte er, daß der frühere Schwedenklee und er eigentlich zwei völlig verschiedene Personen waren. Schwedenklee der Jüngere, der leidenschaftlich soziale Probleme erörterte, dessen Religion, wie er schrieb, die „Kameradschaft“ war – und Schwedenklee der Ältere, der sich, Gott weiß es, den Kopf nicht mehr mit derartigen Dingen zerbrach. Ja, in der Tat: zwei Welten. Ein behaglicher Bourgeois war aus dem jungen Schwedenklee geworden, gestehen wir es nur – ein Bourgeois wie die andern, mit genau den gleichen Ansichten wie der Kaufmann Jaffe, der Kinderkleider fabriziert.
O ja, wahr! Wahr!
Ähnliche Anschauungen kehrten in all den Briefen wieder. Tapfer hatte sich Schwedenklee der Jüngere den Problemen entgegengeworfen.
„Vorurteilslosigkeit und Mut brauchen wir,“ schrieb er, „um dem Leben entgegenzugehen, das vor uns liegt ...“
Schwedenklee las und staunte. War er das wirklich? Etwas wie ein leises Schamgefühl überkam ihn.
In einem Briefe fand sich diese Stelle: „Ich finde ja an und für sich, daß wir schon korrumpiert sind. Wir Künstler müßten gekleidet sein wie Monteure und Arbeiter, in Manchesterhosen, wir müßten betonen, daß wir und die Bourgeoisie verschiedene Welten sind.“
Er? Er, Schwedenklee in Manchesterhosen? Er bekam einen roten Kopf.
Ja, was ist doch aus diesem Schwedenklee geworden? Mit einem verlegenen Lächeln erhob sich Schwedenklee. Was ist aus mir geworden? Sein ganzes Leben, das Leben der letzten zehn, zwanzig Jahre erschien ihm plötzlich unverständlich ...
„Herr Schwedenklee!“
Jemand pochte an der Türe. Es war Augustas Stimme.
Schwedenklee streifte die Uhr mit einem Blick. Es war schon spät in der Nacht.
„Was wollen Sie, Augusta?“ fragte Schwedenklee, weich und versöhnlich gestimmt.
„Es ist etwas nicht in Ordnung mit dem Fräulein.“
„Wie –?“
„Ja, es ist etwas nicht in Ordnung!“
Augenblicklich erschien Schwedenklees fahles Gesicht in der Türe.
„Erst stöhnte sie so eigentümlich und jetzt antwortet sie nicht mehr.“
Tödlich erschrocken eilte Schwedenklee an Ellens Türe und pochte. Erst leise, dann ohne jede Rücksicht.
Nichts regte sich, kein Laut. Aber durch das Schlüsselloch schimmerte Licht.
Schwedenklees Blicke begegneten dem entsetzten Auge Augustas. Das Haus schwankte.
Rasch, ohne zu denken, eilte er durch die Zimmer und klinkte die Tür auf, die vom Speisezimmer in Ellens Räume führte. Diese Türe war offen: Auf das Sofa gekauert sah er Ellen, in ihren Trauerkleidern, bleich, still, die blutleeren Lippen schmerzvoll geöffnet, die Augen erschrocken, wie die eines überraschten Tieres, auf ihn gerichtet. Ihre kleine Hand hing herab, wie gebrochen ... es tropfte und rieselte –
Sofort übersah Schwedenklee alles.
„Aber mein Kind!“ rief er aus und berührte die schmale Schulter. Er war selbst totenbleich und zitterte an allen Gliedern. In diesem Augenblicke erkannte er ganz die Größe der Leidenschaft, die ihn für dieses Wesen erfaßt hatte.
Mit den gleichen Augen eines überraschten, erschrockenen Tieres blickte ihn Ellen an.
„Verzeihen Sie mir“, flüsterte sie, ohne jede Regung.
Mit der Scherbe eines zerschlagenen Glases hatte Ellen sich die Pulsader geöffnet.
Um den Teppich nicht zu beflecken, hatte sie eine Blumenvase unter die herabhängende Hand gestellt.
Im Hause wohnte ein Arzt. In kaum zehn Minuten war er da. Es bestand keine Gefahr für Ellens Leben.
Schwedenklee schloß die ganze Nacht kein Auge. Kreidebleich, zuweilen in Ellens Zimmer lauschend, schlich er schwankend in seiner Wohnung hin und her. Er zitterte und fror entsetzlich. Laß sie leben, großer Gott im Himmel! Ja, in der Tat, Schwedenklee betete.
Und wieder stand er im dunkeln Speisezimmer und lauschte gegen die offene Tür. Sie schlief – ruhig und langsam ging ihr Atem. Der Arzt hatte ihr Morphium gegeben. Unbegreiflich schön schien es ihm, hier zu stehen, im dunkeln Zimmer, und ihren leisen Atemzügen zu lauschen.
17
Die Türen zu Ellens Zimmer standen immer offen. Am Tage behütete sie Augusta und in der Nacht Schwedenklee. Er hatte die Schlösser von Ellens Türen abgeschraubt. Jede Nacht wachte er, lesend, rauchend, mit sich plaudernd, Gedanken hingegeben, bis er Augusta am Morgen in der Küche hörte.
Ellen genas rasch. Eines Tages saß sie in ihrem Bett aufrecht, die Wangen gerötet, wie in leichtem Fieber, das brünette lockere Haar, das einen Anflug ins Rötliche hatte, lässig um den zart, gleichsam zerbrechlich geformten Kopf geschlungen, und lächelte. Zum erstenmal sah Schwedenklee sie lächeln. Ihr Gesichtsausdruck war verändert. Ihr Auge verträumt, voller Glanz und Hoffnung.
„Schrauben Sie die Schlösser wieder an,“ sagte sie klar und wach, „ich verspreche Ihnen –“
„Kann man Ihnen vertrauen?“ fragte er lächelnd.
„Ja!“ Sie nickte beschwörend. „Ich gebe Ihnen mein Wort.“ Sie winkte ihn heran. „Jetzt erst verstehe ich Papa!“ sagte sie, ihn ernst und groß anblickend, und berührte seine Hand mit leisen, zarten Fingern. „Er hat mir viel von Ihnen erzählt. Ein paarmal sagte er mir: wenn du irgendeinen Rat brauchst, man weiß ja nicht, wie es kommen kann – so gehe getrost zu Herrn Schwedenklee. Er ist gütiger als alle Menschen.“
Schwedenklee brachte keine Silbe über die Lippen. Er errötete und schlug rasch die Augen nieder.
„Jetzt erst verstehe ich Papa!“ wiederholte Ellen nickend und zog sich mit leisen Händen an ihn heran. „Wie soll ich Ihnen danken?“
Schwedenklee lachte, um seine Verlegenheit zu verbergen.
„Sie können mir danken, Ellen, indem Sie mir vertrauen. Sprechen Sie mit mir, wie mit“ – beinahe hätte er Vater gesagt – „wie mit einem Bruder. Verfügen Sie über mich und versprechen Sie, immer Vertrauen zu mir zu haben, was es auch sei.“
„Ich verspreche es Ihnen“, erwiderte Ellen mit einem ernsten, hellen Blick. „Ich war so unglücklich!“ setzte sie flüsternd hinzu und drückte leise, kaum merklich, seine Hand, und er fühlte, daß ihre Finger zitterten.
Schwedenklee sagte nichts. Verwirrt und scheu verließ er ihr Zimmer.
Schwedenklee hatte über eine Woche das Haus nicht verlassen. Er sprach mit niemanden, er hütete sein Geheimnis! Natürlich war es nicht zu umgehen gewesen, daß er Nelly von den Ereignissen der letzten Wochen unterrichtete. Er hatte sie gebeten, ihn für einige Zeit zu entschuldigen – bis alles in Ordnung gebracht sei. Telephonisch hatte er ihr alle Einzelheiten erzählt – besonders den Selbstmordversuch Ellens hatte er ausführlich und mit allen Einzelheiten berichtet, obwohl er sich seiner Schwatzhaftigkeit schämte, noch während er am Telephon stand. Aber es war doch notwendig, Nelly zu überzeugen, daß er für einige Zeit ans Haus gebunden sei.
Nelly telephonierte täglich. Der Patient sei noch immer nicht recht in Ordnung. Er ermahnte sie, ihren Gesangsunterricht nicht zu vernachlässigen und den dramatischen Unterricht ja nicht zu unterbrechen. Er sei auch damit einverstanden, daß sie als dramatischen Lehrer doch Dunker nehme – ein ziemlich junger, hübscher Schauspieler, der wegen seiner Liebesabenteuer berühmt war.
Schwedenklee hatte keine Eile, Nelly zu sehen.
Eines Tages aber trat Nelly ohne jede telephonische Anmeldung bei ihm ein.
Sie erschien Schwedenklee fremd, sozusagen unbekannt. Er erblickte sie wie aus weiter Ferne – ihre Züge, ihre interessante Blässe und die turmartige Frisur, diese „schweren Flechten“, ließen ihn völlig unberührt.
Nelly verstand seinen Blick sofort: diese unverschämte Gleichgültigkeit eines erkaltenden Geliebten! Sie war außerordentlich freundlich, teilnahmsvoll.
„Es ist merkwürdig,“ sagte sie, „du hast mir nie gesagt, daß du so intime Freunde hättest. Im Gegenteil, du klagtest ja immer, du habest keine Freunde!“
Sie hielt die Teetasse auf den Fingerspitzen, spielte die Dame auf Teebesuch.
Schwedenklee behandelte sie mit grausamer Höflichkeit. Er spielte den Herrn, der eine Dame auf Teebesuch bewirtet.
„Natürlich habe ich Freunde – von früher her. Wir alle haben Freunde nur von früher her, aus der Jugend. Es ist allerdings wahr, meine Freunde haben sich wenig um mich bekümmert, und es ist ebenso wahr, daß ich mich wenig um sie bekümmerte.“
Er sprang auf und reichte ihr Feuer für die Zigarette.
Sie dankte. „Ich bin dir sehr dankbar, daß du mir so lebhaft zu Dunker geraten hast!“
„Ist er also doch tüchtig?“
„Oh!“ Nelly lächelte sonderbar, indem sie die Augen zur Decke hob. „Er ist ein wirklich moderner Künstler! Aber er ist keck –!“ Schwedenklee sagte nichts. „Er ist sehr keck. Er verfolgt mich unaufhörlich mit seinen Anträgen.“
„Aber du bist ja kein Kind mehr, Nelly!“ Oh, wie gleichgültig klang hier Schwedenklees Stimme!
Welch bösen Blick sie ihm gab! Aber sofort lächelte sie wieder gleichmütig. „Ich sagte ihm: spielen Sie Theater auf der Bühne!“
„Sehr gut!“ lobte Schwedenklee und lachte.
Pause. Nelly forschte in seinem Gesicht.
„Du bist gar nicht eifersüchtig?“ Nelly lachte.
„Eifersüchtig? Ich kenne dich ja, Nelly!“ sagte Schwedenklee im Tone unerschütterlichen Vertrauens.
Nelly kokettierte über die Teetasse.
„Vielleicht kennst du mich doch nicht? Er ist ein netter Junge! Erst fünfunddreißig.“ Sie lächelte anmutig.
Schwedenklee ignorierte diesen impertinenten Angriff. Dabei war er überzeugt, daß Nelly sich gar nichts aus Dunker machte – es war ihm übrigens völlig gleichgültig.
„Er ist nett. Und was das Reizendste an ihm ist, er ist solch ein Kind. Er ist – trotz allem – ein kleiner Junge!“
„Wirklich?“ Schwedenklee lachte anerkennend. „Gerade diese Naivität liebe ich bei Männern.“
Hier richtete sich Nelly in ihrem Sessel auf. Sie gab ihrem Kopf einen Ruck und schleuderte die Tasse auf den Teppich. Sie stand auf.
„Aber Nelly?“ sagte Schwedenklee, scheinbar völlig erstaunt und gut gelaunt.
„Was zuviel ist, ist zuviel!“ Nellys Brauen flogen in die Höhe.
„Aber ich bitte dich, Nelly!“
„Wenn du mich loshaben willst –“, schrie Nelly mit funkelnden Augen.
„Einen Augenblick ..“ Schwedenklee schloß eine Türe.
„Ach so!“ sagte Nelly, voller Hohn.
Schwedenklee wurde rot, seine Schläfe zuckte.
„Sie ist ein Mädchen“, sagte er beruhigend, aber seine Stimme zitterte etwas, im Gefühl der Befriedigung, ihren impertinenten Angriff von vorhin mit gleicher Impertinenz erwidert zu haben. „Sie soll sich erholen, und ich möchte jede Aufregung von ihr fernhalten.“
„Oh, welche Rücksichtnahme! Jede Aufregung von ihr fernhalten –!“
„Bitte, Nelly!“ sagte Schwedenklee lächelnd, beschwichtigend.
Seine Ruhe und Gleichgültigkeit versetzten sie in Raserei. Ja, Schwedenklee war als Gegner nicht zu verachten, wenn es darauf ankam.
„Bitte, Nelly“, äffte sie ihm nach. „Ich möchte jede Aufregung von ihr fernhalten. Ja, ja! Halte mich nicht für so töricht ...“
Schwedenklee sandte ihr einen warnenden Blick zu. Er wußte – und er empfand es triumphierend –, daß sie jetzt verspielen würde.
„Du hast dich in ein kleines Mädchen verliebt, das ist alles“, schrie Nelly außer sich. „Und alles andere – das mit dem Freunde, mit der Doppelwaise, mit dem Selbstmordversuch, ist einfach eine dumme Komödie!“
Sie ist verloren, dachte Schwedenklee mit Befriedigung – und schon mit einem gewissen Mitleid.
„Nelly!“ sagte er beruhigend, beschwörend. „Ich schwöre dir, alles ist Wahrheit. Du bist heute sehr erregt –“
Ja, Nelly war verloren. Sie schrie, sie verleumdete, beschimpfte. Sie tobte und verließ rasend das Haus.
Schwedenklee tat aufs tiefste gekränkt und machte keinen Versuch, sie zurückzurufen.
„Es ist sehr schade“, sagte Schwedenklee, als er allein war und sich mit zitternden Fingern eine Zigarette anzündete. „Es ist sehr schade, daß man mit Frauen nicht offen sprechen kann. Nun gut, daß es zu Ende ist! Fort mit ihr! Fort mit allen – ich will sie alle nicht mehr sehen – Gott sei Dank!“
Schwedenklee horchte an Ellens Türe. Kein Laut. Ellen hatte von der ganzen Szene nichts gehört.
Einige Wochen später aber sagte Ellen: „Es war einmal eine Dame bei Ihnen. Sie war sehr erregt. Ich möchte nicht irgendwie im Wege sein.“
„Aber Ellen! Wie können Sie so etwas denken. Sie sind zu jung, um das zu verstehen!“
18
Schwedenklee hatte sich völlig verändert. In all den Wochen von Ellens Genesung hatte er kaum das Haus verlassen. Ins Stammcafé kam er nicht mehr. Man wunderte sich. Gerüchte schwirrten. Ein Stammgast berichtete, Schwedenklee habe in einer Nacht, da er aus dem Café kam, eine junge Dame – eine Lebensüberdrüssige – aus dem Kanal gezogen und zu sich ins Haus genommen.
Er wies auf eine Notiz hin, die in den Zeitungen erschienen war. Architekt S. rettete eine Lebensüberdrüssige, die aus Liebeskummer in den Landwehrkanal sprang.
Kurzum, Schwedenklee erschien nicht mehr im Café, und eine Woche später war er schon vergessen: ganz als ob er tot wäre.
Schwedenklee holte seine großen Mappen aus der Bibliothek. In der Bibliothek befanden sich besondere Schränke, und in diesen Schranken standen die Mappen, die er vor Jahren hatte anfertigen lassen. Es waren zehn graue Mappen, herrlich gebunden – manche enthielten gar nichts, manche enthielten ein, zwei Skizzen, andere mehrere. Die Mappe „Fabriken“ war besonders umfangreich, die Mappe „Warenhäuser“ ebenso. Die dickste Mappe hatte die Aufschrift „Städtebau – Verkehr“.
Über diese Mappe gebeugt saß Schwedenklee in all den Nächten, da er den Schlummer Ellens bewachte.
Vor Jahren hatte er sich, man wird sich erinnern, mit verkehrstechnischen Problemen Berlins intensiv beschäftigt. Es waren seinerzeit sogar einige Notizen darüber in den Zeitungen erschienen. Es gab in Berlin ein halbes Dutzend Bahnhöfe: die Bahnhöfe der Stadtbahn, den Lehrter Bahnhof, den Potsdamer, Anhalter, Schlesischen Bahnhof – es war, mit einem Wort, ein völliges Durcheinander.
Schwedenklee aber hatte in der Arbeit vieler Jahre eine Lösung gesucht und gefunden: von jedem beliebigen Punkte Berlins aus sollte man bequem jede Reiseroute antreten können!
Schwedenklee plante einen Riesenbahnhof, der gegenüber dem Reichstagsgebäude, mitten im Tiergarten, gelegen war und, über und unter der Erde, im Zusammenhang stand mit sämtlichen bereits vorhandenen Bahnhöfen.
Dieses interessante Problem fesselte ihn von neuem. Es schien ihm noch schwieriger, noch interessanter geworden zu sein. Ganze Nächte hindurch zeichnete er. Er plante die Veröffentlichung einer Broschüre, die Berlin, die Behörden verblüffen sollte.
Ellen genas.
Der Arzt sagte: „Sobald die Witterung es erlaubt, heraus aus der Stadt. Sie haben doch, höre ich, eine Besitzung auf dem Lande?“
„Ja.“
„Nun gut, dann sobald wie möglich aufs Land.“
Es war noch kalt, noch fiel Schnee, und schon machte Schwedenklee Pläne.
„Augusta,“ sagte er, „halten Sie sich bereit. Wir werden bald aufs Land gehen. Ich hoffe, Sie haben genügend eingekocht –“
Zu Ellen sagte er: „Liebe Ellen, der Arzt will, daß du aufs Land in frische Luft kommst. Wir werden bald reisen. Aber, liebes Kind, wir müssen dich etwas ausstaffieren.“
Herrliche und ganz wundervolle Tage für Schwedenklee, da er mit Ellen einkaufte!
Wäsche, Kleider, Schuhe. Sie besaß ja nichts!
Ellen sträubte sich.
„Aber, erlaube doch,“ sagte Schwedenklee, so bestimmt, daß Ellen nicht zu widersprechen wagte, „wir leben nun einmal in dieser Welt! Du mußt Kleider haben, Mäntel, Hüte, Schuhe ...“
Wochenlang waren sie in den Geschäften unterwegs.
Er stattete sie aus wie eine Braut, als ob sie seine Tochter wäre, die er zu verheiraten hätte.
Obschon nur Junggeselle, wußte Schwedenklee ganz genau, was eine junge Dame alles brauchte – von den Taschentüchern angefangen bis zu den Unterleibchen und Gürteln, an denen die Strumpfbänder befestigt sind. Schwedenklee wußte genau, wie Taschentücher einer Dame gearbeitet sein müssen, wie der Besatz eines Hemdes auszusehen hatte.
Es war Schwedenklees höchste Freude, wenn er sah, wie Ellen errötete, weil sie sich in einem Kostüm, einem Mantel gefiel. Oder, wenn sie erregt wurde beim Befühlen von Linnen und Batist.
Ellen war äußerst bescheiden, sie widerstrebte, aber zuletzt gelang es ihm doch stets, sie umzustimmen. Zu Hause beobachtete er beglückt, wie sie Hüte und Mäntel vor dem Spiegel aufprobierte und die Erregung ihre Wangen färbte.
Es war ihm ein Genuß, mit Ellen auf der Straße zu gehen. Niemand ging vorüber, ohne daß sein Blick gefesselt auf ihrem Gesicht geruht hätte. Voller Stolz kassierte er all ihre Erfolge ein, die sie nicht einmal bemerkte. Sie ging leicht, ihr Schritt war leise, wie der ihrer Mutter, nie hatte er einen solch schwebenden Gang, eine solche natürliche Würde bei einer Frau beobachtet. Sie ging wie ein Tier, eine Katze vielleicht, unbewußt und schön, ihre schmalen Hüften spielten.
In einigen Geschäften gebrauchte man die Redensart: „Das gnädige Fräulein, Ihre Tochter –“
Schwedenklee wurde verlegen, zuweilen blutrot – Ellen lachte wie ein Kind. Sie hatte die Gewohnheit, wenn sie schelmisch lachte, die oberen Zähne in die Unterlippe zu drücken und etwas mit den Augen zu blinzeln.
Einige Sommerkleider für Ellen ließ Schwedenklee bei einer Schneiderin Henrietta anfertigen, die er von Nelly her kannte.
„Ich begreife nun, weshalb Nelly so rasend eifersüchtig ist“, flüsterte die Schneiderin eines Tages in unverschämt zutraulichem Tone.
„Ich bitte Sie, die Kleider, so wie sie sind, sofort an mich zu senden und Rechnung vorzulegen“, schrieb Schwedenklee am gleichen Tage, empört, daß die unverschämte Person Nelly und Ellen in einem Atem zu nennen gewagt hatte. Ja, diesem Volke mußte man Manieren beibringen!
19
Endlich waren alle Einkäufe beendet. Koffer wurden gepackt. Der Tag der Abreise aufs Land wurde festgesetzt.
Der Zug verließ den Bahnhof.
„Nun gehörst du ganz mir“, dachte Schwedenklee triumphierend, und seine Erregung war so groß, daß seine Hände zitterten.
„Was denkst du?“ fragte Ellen, verwirrt durch seinen Blick.
„Ich fürchte, Ellen wird sich langweilen“, erwiderte Schwedenklee lächelnd, um seine Erregung zu verbergen.
„Ich? Auf dem Lande? Oh, nie!“ rief Ellen aus. Dann saß sie still, mit großen Augen, die erfüllt waren von Genugtuung, diese grauen Hauswände, zwischen denen der Zug sich durchzwang, hinter sich zu lassen.
„Gott sei Dank!“ flüsterte sie und atmete auf, als die Stadt zu Ende war und die Wiesen kamen.
„Allmächtiger!“ dachte Schwedenklee. „Wie wird es sein, wenn ich mit ihr allein sein werde?“
Schwedenklees Landgut „Siebenbirken“ lag an der Ostsee, ganz in der Nähe von Warnemünde. Es lag nicht direkt am Meer, gewährte aber eine herrliche Aussicht über die See.
Der Name stammte von Schwedenklee selbst. Früher hatte dieses Bauerngut überhaupt keinen Namen gehabt, nur eine Hausnummer. Aber da gerade sieben Birken vor dem Hause standen, hatte Schwedenklee den Besitz sehr poetisch „Siebenbirken“ genannt.
In einer Anwandlung von Weltflucht hatte Schwedenklee vor Jahren „Siebenbirken“ gekauft. Er wollte allein, zurückgezogen, „wie ein Bauer“ leben. Damals. Er hatte das Bauernhaus und die Wirtschaftsgebäude gelassen, wie sie waren, etwas krumm, plump, mit Stroh gedeckt, und ein Haus auf einem Punkte errichtet, der die schönste und vollkommenste Aussicht über die See bot. Seit Jahren hatte er sich nicht mehr um „Siebenbirken“ gekümmert. Er hatte einige Monate – damals als er weltflüchtig war – auf dem Landsitz verbracht und den Bau des Landhauses geleitet. Als der Bau fertig dastand, war er noch eine Woche geblieben. Aber am Ende der Woche hatte ihn das Grauen der Einsamkeit erfaßt. Noch in der Nacht hatte er gepackt: es war ja nicht auszuhalten! Mit dem Frühzug schon war er nach Berlin gefahren. Nur einige Male war er noch auf zwei, drei Tage in all den Jahren nach Siebenbirken gekommen, und stets hatte ihn das Gefühl trostloser Langeweile wieder vertrieben. Nein, nein, er hatte kein Talent, einsam zu leben! Verschiedenen Anwandlungen, das Landgut zu verkaufen, hatte er nur aus Trägheit nicht nachgegeben.
„Ahnte ich etwas?“ sagte er sich heute, in sein Inneres horchend.
Der Bauer, an den das Gut verpachtet war, holte sie in einem wackligen Stuhlwagen ab.
Der Wagen war so klein, daß Augusta mit den Koffern und Kisten auf der Station warten mußte.
„Wie wunderbar! Wie herrlich!“ rief Ellen mit leuchtenden Augen aus, als sie durch die scharfe Märzluft dahinfuhren. In den Wäldern lag noch da und dort Schnee.
„Wird es dir hier gefallen?“
Ellen nickte freudig.
Am ersten Tage hätte Schwedenklee nahezu die gute Laune verloren: die Mahlzeiten schienen ihm etwas sehr ländlich. Augusta ging mit Tränen in den Augen, fiebernd, aufgelöst, in der völlig kahlen Küche hin und her. „Es ist ja nichts da, gar nichts da!“ sagte sie. Ellen hatte sich eine von Augustas Schürzen umgebunden und versuchte durch ihre Munterkeit Augustas Verzweiflung zu verscheuchen.
Am nächsten Tage fuhren Augusta und Ellen zur Stadt, um einzukaufen. Bepackt mit Töpfen, Schüsseln, Kochlöffeln, Sieben, Porzellan, Gläsern kehrte der Wagen zurück. Augusta strahlte.
Auf Siebenbirken lebten der Bauer mit seiner Familie, ferner zwei Pferde, drei Kühe, ein Rudel Schweine, etliche dreißig Hühner, einige Familien Gänse und Enten. – Es gab einen Hund, eine Art Schäferhund, fahlgelb mit dunkelgrauen Rückenhaaren, mit Namen Strolly. Diesen Hund hatte Schwedenklee aufgezogen, zur Zeit, da er baute, und obschon er nur zwei-, dreimal auf das Gut zurückgekehrt war, hatte der Hund ihn wiedererkannt. Das rührte Schwedenklee. „Strolly“, furchtbar bissig und rasend allen Fremden gegenüber, war liebenswürdig, untergeben, sittsam und von äußerstem Entgegenkommen gegen Freunde. Schon am ersten Tage war er zu Ellen übergegangen, obschon ihn sein Feingefühl hinderte, es allzu deutlich zu zeigen. Sooft er Schwedenklee sah, tat er so, als ob er ihm die gleiche Anhänglichkeit bewahrt habe. Sobald aber Ellen nur sichtbar wurde, zeigte sich offen seine Heuchelei.
Es gab einen schwarzen, dicken Kater, Munki, der es liebte, sich auf den Schultern spazierentragen zu lassen, ein menschenliebendes Tier, das sich an den Beinen rieb, sobald man sich zeigte. Dick, befriedigt, glücklich saß der Kater auf Ellens schmaler Schulter. Am dritten Tage schon war auch er zu Ellen übergegangen.
Es gab eine Stute „Lotte“, die – ein Phänomen – mit der Zunge eine Türklinke hob, sobald sie neben dem Pferdestall Stimmen hörte.
Es gab zwei Hähne, einen dicken alten, mit in hundert Schlachten zerzausten Federn, und einen jungen – schlank, graziös, mit den Bewegungen eines Fechters –, die sich wie Teufel bekämpften. Zuweilen wurde der jüngere von dem alten bis tief hinein in den Wald gejagt.
Es gab ein kleines Schwein, das zärtlich war wie ein Hund und sich gerne den Kopf graulen ließ. Das waren die Besonderheiten von Siebenbirken, sonst war es ein Landgut wie jedes andere. Nicht zu vergessen eine Gans, die – ein Einzelgänger, nicht auf dem Hof gebrütet – von den übrigen Gänsen verleugnet und gehaßt wurde und den Menschen wie ein Hund folgte. Sonst wie überall: Geschrei, Gegacker, Lärm, Blöken, und die Jauche rann aus den Ställen in den großen Misthaufen des Wirtschaftshofes.
Beglückt beobachtete Schwedenklee, daß Ellen auf dem Gute auflebte. Vom Morgen bis zum Abend war sie unterwegs in Ställen und Scheunen. Munki, der schwarze Kater, saß auf ihrer Schulter, Strolly sprang ihr bis an die Ohrläppchen – und sie zankte den fetten Hahn aus, der sich gegen den jungen, den sie „Spanier“ nannte, albern und eifersüchtig benahm. Die Blässe ihres Gesichtes verlor sich, zartrotes Geäder erschien auf den Wangen. Ihre Stimme zwitscherte fröhlich.
Nur dann und wann saß sie in sich versunken abseits, den Blick gequält in die Ferne gerichtet. An diesen Tagen sprach sie nur selten, leise, die Stirn zerknittert. Ihr Blick war verschleiert von Schwermut, die Gedanken ferne.
Ein Zittern durchrieselte sie, wenn man sie berührte. Abends brannten dann zwei Kerzen in ihrem Zimmer, und am Morgen erschien sie bleich, verstört, mit geröteten Augen. Aber immer seltener wurden diese Anfälle schwerer Traurigkeit, die Schwedenklee, besonders anfangs, sehr beunruhigten.
Ellen interessierte sich für alles, was in der Wirtschaft vorging. Sie war als Stadtkind nur flüchtig mit dem Lande in Berührung gekommen. Was für Futter erhielten Hühner und Schweine, weshalb wurde der Acker gewalzt, wie kam es, daß der Klee zwei, drei Jahre stand, was war eigentlich „Winterroggen“, von dem so viel die Rede war – über all das konnte sie nicht ausführlich genug mit dem Bauer sprechen, und sie fragte auch Schwedenklee unausgesetzt, Schwedenklee, der kaum Weizen von Roggen zu unterscheiden vermochte.
Als die Pferde zum erstenmal auf die Koppel durften, war es ein richtiger Festtag für Ellen. Sie selbst brachte die Pferde in den Stall zurück. Sie lernte sogar das Melken der Kühe. Schwedenklee hatte sich nie überwinden können, das Euter einer Kuh zwischen die Finger zu nehmen.
„Dir gefällt es hier?“ Seine größte Sorge war, daß es ihr schließlich doch nicht gefallen könnte. Allein, fern von allen Menschen wollte er sie haben. Ja, so mußte es sein, grenzenlos war sein Egoismus, das Schicksal hatte gesprochen.
„Wir werden also hierbleiben? Du wirst sehen, es ist gar nicht zu langweilig. Wenn erst die Badegäste kommen werden.“
Ellen zog die Braue hoch, ihre feine nervöse Braue. „Ich will keine Menschen sehen!“
Wie dankbar war Schwedenklee.
„Du willst also vorläufig nicht nach Berlin zurückkehren?“
„Berlin?“ Ellen war entsetzt. „Ich will bei Strolly und Munki bleiben!“
Schwedenklees Gesicht wurde dunkel: er war eifersüchtig auf die Tiere ...