XVI.
Eines Tages hörte Ginstermann im Halbschlafe Sankta Lucia singen.
Er wußte, daß er schlief und vernahm seinen Atem. Er wußte auch, daß er träumte und ihm der Traum das Lied sang. Es schien ihm, als schwebe er auf einer weißen flaumigen Wolke dahin. Er lag in heißer Sonne, die auf seiner Stirne wie Sternchen knisterte. Die Wolke trug ihn über ein herrliches paradiesisches Land. Orangenhaine tief unten, glitzernde Flüsse, ein blauer Golf, über den die weißen Segel streichen. Eine Stadt mit funkelnden Zinnen und geschmückten Straßen. Alles eigentümlich und märchenhaft, in satten, leuchtenden Farben, von Gesang durchzittert.
Sankta Lucia — Sankta Lucia . . . Ganz leise, aus der Tiefe herauf. Es war eine weibliche Stimme.
Nun brach das Lied ab und jemand lachte, ganz nah. Eine Frauenstimme, dieselbe, die eben gesungen, rief laut ein seltsames Wort. Da ertönte die Melodie eines Leierkastens, die sich entfernte.
Er schlief wieder vollständig ein, um durch die Melodie des Leierkastens abermals geweckt zu werden. Sie klang von weit herüber. Wieder begann die Stimme von vorhin das gleiche Lied zu singen. Es war eine herbe bäurische Stimme, deren Alt blechern zitterte. Und nun hörte er ein Geräusch, als schnitte jemand ein Buch auf.
Er versuchte die Lider zu öffnen, die wie angeklebt waren. Plötzlich sprangen sie auf, ein blauer Schleier zog an seinen Augen vorbei. Er wurde dünn, durchsichtig, und das Bild eines Herrn, der an einem Tisch saß und las, erschien. Der Herr las eine Broschüre in grünem Umschlag. Es war ein blonder, schlanker Herr, mit rosigem Teint und einem feinen Schmiß auf der linken Wange.
Dort stand sein Bücherregal und dort hing ein Strohhut, unter dem er sich unwillkürlich sein Gesicht vorstellte. Nun wandte der Herr ein Blatt um, ein feines Geräusch verursachend. Seine Finger waren außerordentlich lang und braun.
Das war doch Traum, doch Traum. Er schloß wieder die Augen.
Da, nach einer Ewigkeit, sagte jemand — und er empfand, daß der Betreffende beim Sprechen lächelte — dicht neben ihm: „Wie fühlen Sie sich?“
Er schlug erschrocken die Augen auf und gewahrte den Herrn, der am Tisch gesessen, vor sich, ein Lächeln auf seinem dünnen Schnurrbart.
Der verbeugte sich leicht und sagte: „Dr. Scholl.“
Ginstermann sann eine Weile nach, dann kam ihm der Gedanke, daß dies wohl der Bruder von Fräulein Scholl sein müsse, und daß er krank gewesen sei.
Er stützte sich auf die Ellbogen und richtete sich etwas in die Höhe.
„Erklären Sie mir, bitte —? Bin ich krank?“ fragte er.
Der blonde freundliche Herr ließ sich auf einen Stuhl neben dem Bette nieder und entgegnete:
„Sie hatten etwas Fieber, Herr Ginstermann. Nun ist es vorbei. Wie fühlen Sie sich?“
„O danke. Es ist mir, wie soll ich sagen — wie als Kind, wenn ich lange und tief geschlafen hatte.“
„Sie werden sich wohl etwas wundern, wie ein Wildfremder zu Ihnen hereinkommt?“
Er hatte sich gar nicht darüber gewundert, aber jetzt war er erstaunt darüber.
Der Blonde lächelte, und Ginstermann bemerkte, daß es kein glückseliges Kinderlächeln sei, wie es ihm vorhin geschienen, sondern ein sanftes, seelenvolles Lächeln, wie er es noch nie gesehen.
Und der Blonde sagte: „Mich haben zwei junge Damen zu Ihnen geschickt.“ Er hatte hellbraune Augen, die innen mit Gold ausgeschlagen zu sein schienen.
Zwei junge Damen hatten ihn hierhergeschickt. Das Blut stieg ihm in den Kopf, ganz langsam, so daß er die Bewegung der Welle verspürte. Er ließ sich zurück in die Kissen fallen.
„Also Fieber hatte ich? Das ist ja eine heitere Geschichte“, sagte er und lächelte. Nein, er lachte.
Zwei junge Damen hatten ihn hierhergeschickt! Zwei!
Er blickte zum Fenster hinaus, das offenstand. Ein tiefblauer Himmel leuchtete über den Dächern, wie frisch mit Lack überzogen. Es war also noch Sommer. Plötzlich schien es ihm, als sei er lange Jahre krank gewesen.
Er schloß die Augen, das satte Blau da draußen in der Erinnerung genießend.
„Wie lange bin ich krank gewesen?“
Er sei acht Tage krank gewesen.
„Ich soll Ihnen die besten Grüße von meiner Schwester und Fräulein Schuhmacher bestellen.“
Ginstermann drückte die Augen zu und zog die Brauen in die Höhe, um seine Erregung zu verbergen.
„Das ist aber zu sonderbar. Acht Tage und ich weiß nichts davon?“
„Nun müssen Sie sich allerdings etwas schonen. Sie dürfen nicht soviel arbeiten. Sie haben ja ihre ganzen Nerven ruiniert.“
Er durfte nicht so viel arbeiten. Jawohl.
Er setzte sich aufrecht und drückte dem jungen Arzt die Hand.
„Meinen Dank, Herr Doktor. Auch für die übermittelten Grüße. Ich lasse sie erwidern. Fräulein Schuhmacher ist gesund in Nizza angekommen?“
„Sie ist noch gar nicht abgereist.“
„So, Fräulein Schuhmacher —“
„Nein. Es gab ein Hindernis.“
„Jawohl.“
Ginstermann lag eine Weile still. Nun erfüllte ihn Friede, süßer Friede. In den Höfen drunten lachten Kinder. Es war als seien es seine Gedanken, die dort drunten herumsprangen und jauchzten.
Diese unerwartete Mitteilung hatte ihn ganz munter gemacht. Alle Gegenstände bekamen scharfe Linien, jede Kleinigkeit konnte er unterscheiden. An seiner Türe war während seiner Krankheit eine neue Leiste eingesetzt worden. In der Nähe des Schlosses.
Diese Entdeckung machte ihn stutzig. Er versuchte, sich dies zu erklären, aber seine Gedanken wurden bald müde und gerieten auf andere Wege.
Wie kommt dieser Doktor zu dir, dachte er. Wieso wußten diese Leutchen, daß du krank bist? Überhaupt, was hatte sich da alles ereignet? Zum Beispiel, wie kommt diese Leiste an deine Türe?
Das war vor acht Tagen und er hatte Fieber gehabt. Nun entsann er sich, daß es am Tage vor Biankas beabsichtigter Abreise gewesen. Er hatte sich im Englischen Garten herumgetrieben, dann wäre er nahezu in die Isar gefallen. Was hatte er nur an der Isar zu suchen gehabt? Mädchen, die einen Reigen tanzten — waren nicht auch Mädchen, die einen Reigen tanzten, mit im Spiele gewesen.
Seine Gedanken verwirrten sich, nur unklare Erinnerungsbilder tauchten in ihm auf. Aber schließlich, so sagte er sich, wird sich all das noch finden. Die Hauptsache ist, daß Bianka noch nicht abgereist ist.
Es war etwas dazwischen gekommen.
Ah — wie gesund er doch war! Eine wohltuende Mattigkeit floß durch seinen Körper, bei jedem Atemzug fühlte er seine Gesundheit. Diese erquickende Luft! Nur heiß war es, sehr heiß.
Mücken schwirrten herum, durch ihr Summen in der Vorstellung die Hitze vergrößernd. Andere wieder klebten an der Decke, den Rücken nach unten gekehrt, ohne herunterzufallen. Eine Schwalbe wippte am Fenster in die Höhe und zwitscherte. Sie hatte unter dem Dache ihr Nest. Nun hatte er die Glocke der Straßenbahn vernommen, weit in der Ferne, gedämpft.
Alles war weich und sonnig, zart wie lauwarmes Wasser. Er mußte an blühende Apfelbäume denken. Einen ganzen Hain blühender Apfelbäume sah er vor sich. Das Gras war hellgrün und zart wie Frühlingssaat. Um die Stämme der Bäume herum stand ein Kranz von Veilchen, deren Duft er verspürte.
Dr. Scholl hatte die Farben der Apfelblüte im Antlitz. Er war viel zu schön für einen Mann und hätte gut als Frau gehen können. Selbst sein Schmiß war weibisch. Die Ähnlichkeit zwischen ihm und seiner Schwester war augenfällig. Dieselben flaumigen, hellbraunen Haare, dieselben goldbraunen warmen Augen.
War das nicht eine wunderbare Verkettung? Wie kam er hierher?
Zwei Damen hatten ihn geschickt. Also stak Bianka ihm Spiel.
Bianka, Bianka . . .
Wie gut es doch ist, wenn man zuweilen nicht stirbt, dachte er. Das Bewußtsein, daß sie noch hier war, da draußen in der Leopoldstraße, erfüllte ihn mit tiefinnerer Freude.
Er liebte sie so sehr. Er liebte sie mit einer sanften, tiefen Liebe.
Tränen traten ihm in die Augen, so daß er sie schließen mußte.
„Sind Sie müde?“ fragte der Arzt.
Ach nein, er sei nicht ein bißchen müde.
Das waren seltsame Dinge. Er hatte nun lauter Frühlingslandschaften im Kopfe, sacht glitt ein Bild in das andere über. Das war Bianka, in Bildern dargestellt.
Dr. Scholl ging an den Tisch und brachte ihm einige Briefe. Es waren einige Geschäftskuverte und zwei Billette von Biankas Hand.
Ginstermann öffnete zuerst die geschäftlichen Mitteilungen. Eine Absage, ein Brief von seinem Verleger, der ihm meldete, daß die erste Auflage seiner Gedichte abgesetzt sei.
„Nun habe ich in zwei Jahren 500 Exemplare meiner Gedichte verkauft, Herr Doktor!“ sagte er lachend. „Er schreibt es. Ist das nicht einfach enorm?“
Dr. Scholl lachte ebenfalls.
Dann nahm er Biankas Billette zur Hand.
Ob er denn krank sei. Er solle ihr umgehend Mitteilung zukommen lassen. Das andere: Weshalb er nicht auf den Bahnhof gekommen sei. Die Abreise sei abermals verschoben worden, noch ganz zuletzt.
War das nicht zuviel? Nicht doch ein wenig zuviel? Bedenkt! Für einen, der acht Tage im Fieber gelegen.
O, nun — nun — o, nun liefen ja plötzlich goldene Stege ins Land hinein.
Er lag still, die Briefchen in seiner Hand drückend. Das Glück hatte ihn berauscht, es rieselte durch seine Glieder. Ein Blutstropfen schien es dem anderen zuzurufen.
Er versank in Träumereien. Die Stille trug ihn hoch in den Äther hinauf, wohin kein Vogel mehr fliegt. Dort schwebte er und Biankas Antlitz, durchsichtig wie Kristall, schwebt vor ihm her. Sein Blick sank in den ihrigen, und keine Macht der Welt konnte ihre Blicke trennen.
Da tickte es. Wie ein rastloser, winziger Wanderer schritt es auf silbernen Schuhen dahin. Die Uhr in der Tasche des Arztes tickte.
Und der Arzt sprach etwas. Er sprach wohl schon lange? Was sagte er nur?
„. . . ich vermisse das Schicksal, den Kampf mit dem Schicksal, der den Menschen zum Herren macht, um ihn zuletzt niederzuwerfen. Immer rechnet der Mensch mit dem Menschen ab . . .“
Ah, er sprach über moderne Literatur.
„Und wie es im Drama ist, so ist es auch im Roman. Weder das moderne Drama noch der moderne Roman ist bis jetzt geschaffen. Wir leben in keiner schöpferischen Zeit.“
Die Zeit sei allerdings unfruchtbar, leider, warf Ginstermann ein und drehte den Kopf zur Wand.
Ob ihn das Sprechen störe?
„Aber nein, keineswegs. Ich bin Ihnen sehr verbunden, Herr Doktor.“
Er hörte nur halb, was der Doktor sagte. Titel und Namen klangen an sein Ohr, ohne daß er sie recht vernahm. In ihm zogen des Traumes bunte Bilder, sanft und unaufhörlich.
„. . . seine Darstellungskraft ist bewundernswürdig. Aber es ist alles zu wenig von seiner Seele durchleuchtet, scheint mir, nie erwärmt von ihr. Der Torso ist zu kolossal, als daß er ihn durchleuchten könnte. Die anderen sind Pygmäen gegen ihn, allerdings. Man braucht nur an Germinal zu denken.“
„Wie sie die Straße dahinziehen — Brot — Brot! Die ganze geknechtete Menschheit schreit das mit, gleich einem Echo.“
. . . Da schaukelte eine Rose über dem Abgrund. Das Mädchen wollte sie haben. So stieg er hinab. Den Leuten da droben gerann das Blut in den Adern. „Das ist die Rose“, sagte er und verbeugt sich. Sie antwortet: „Ihr mußtet sie holen.“
„. . . Ich befürchte, daß der Import von Osten unserer Entwickelung schadet. Für Rußland mag er ja Fortschritt bedeuten. Hier muß sich erst eine Sozietät bilden. Diese Ideen haben wir ja schon längst überwunden. Ich für meine Person muß bei seinen Büchern nahezu historisch denken. Nehmen Sie ‚Auferstehung‘, ich finde —“
„Unser Ziel ist der Einzelne.“
„Natürlich. Wir dürfen auch schon an die Ausbildung von Individualitäten denken . . .“
. . . Im ganzen Lande läuten die Glocken. Was ist geschehen? In den Korridoren des Schlosses flüstern sie, Verwirrung in den bleichen Gesichtern. Niemand will es tun. Wer könnte es auch. Sie wissen alle, wie sehr sie den Bruder liebte. Wer soll ihr die Kunde bringen — keiner will. Das Los. Wer es zieht, der muß. Er muß. Er tut es nicht. Er geht hin und stirbt . . .
„. . . Was für die Malerei der Impressionismus ist, der sie zur Konkurrenz befähigt mit der Kunst der Renaissance, ist für die Literatur die Psychologie. Komplikationen — ach, was — —“
. . . kling — klang — klung — o Skule, König Skule — es heulen die Hunde, sehn sie den Mond — klung — klung — es weinen die Weiber, stirbt ein Spatz — o Skule, König Skule, du bist in deinen Bauch verliebt, in deinen dicken Bauch verliebt, und härmst dich, du kannst ihn nicht küssen — klung — klung . . . „Schweig, Narr! Verstimmt ist deine Leier. Roselind ist morgen tot.“ — Der Narr zieht ab. Was soll er hier bei König Skule noch? Er schneidet seine drolligsten Grimassen, greift einen Mißakkord und geht schellenklingelnd zur Tür hinaus.
Klung — klung — je schöner ein Weibchen in der Welt — je eher es dem Tod gefällt — klung — — kling — klung —
König Skule sitzt und sinnt. Neben ihm der Page bietet umsonst den Pokal. Da hinter dem golddurchwirkten Vorhang schluchzt es. Ein Mädchen schlüpft heraus, das Gesicht in den Schleier gedrückt, und geht durch den Saal.
Um die Burg murmelt das Volk: Roselind?
Wieder öffnet sich der Vorhang, und ein Mädchen geht durch den Saal, das Gesicht verhüllt wie das erste.
König Skule greift nach dem Becher, ohne ihn zu nehmen. Er knirscht mit den Zähnen, er muß an die heißen Schlachten denken.
Und nun tritt ein dürrer, schwarzer Mann aus dem Vorhang. Sein Gesicht ist wachsfahl und ohne Leben.
König Skule fragt ihn mit den Augen. Der Arzt schüttelt langsam den spitzen Kopf.
„Wann?“ fragt König Skule. Der Arzt antwortet ihm mit scharfen, ruhigen Blicken.
„Wenn das Gold in den Bergen glüht? Wenn der Abendstern aus den Tannen kommt?“
Der Arzt nimmt den Becher und schüttet den Wein auf den Boden.
„Ehe dieser Wein verdampft, o Herr.“
„So laß in die Posaunen stoßen.“
Die Posaunen rufen. Was rufen sie? Wer sich das Herz bei lebendigem Leibe aus der Brust schneiden lasse, fragen sie. Der Zauberer kündete, das würde Roselinds Leben retten.
Still wird’s um die Burg.
Die Posaunen rufen.
„Nimm dies!“ König Skule entblößt die Brust.
„Es ist alt. Es muß ein junges sein.“
Am Boden dampft der Wein. Der Flecken kriecht in sich zusammen.
An der Wand geht eine Türe auf, die niemand je sah. Sechs Jungfrauen in düstern Schleiern treten heraus, beugen sich und schreiben mit dem Finger auf den Boden, heben die Arme, lüften den Schleier: bleiche Schädel grinsen. Sie verschwinden. Ihre düstern Schleier schlüpfen durch den Vorhang.
Dort draußen weint es leise. Das ist die Königin. Zwei Söhne fielen ihr in der Schlacht.
Roselind — — —?
Ein Pilger kommt. Sie führen ihn herein. Der Pilger kniet vor König Skules Thron und spricht: „Ich bringe dir mein Herz.“
Stille. Im Garten sticht ein Spaten Erde aus.
Der Flecken am Boden ist so groß wie eine Hand.
Kling — klang — klung — klang — macht des Narren Zither. Er hockt auf dem Fensterbrett und grinst. „O Skule — König Skule —“
„Werft ihn in Ketten!“ befiehlt der König. Ein Diener stutzt und geht. Gilt das dem Narren, der singend in wilder Schlacht neben Skule ritt?
„Ich bringe dir mein Herz.“
Der König hebt die Hand.
In einer wachsfahlen Hand zuckt ein dünnes Messer. Eine wachsfahle Hand reißt einen blutigen Klumpen in die Höhe.
Stille.
Das Schluchzen hört auf. Ein Mädchen erscheint vor dem Vorhang und hebt verzückt die Hände.
Der Teppich schnurrt zurück: Da steht Roselind und lächelt.
Die Fanfaren jauchzen, die Hörner lachen.
Roselind! Roselind! jubelt tausendstimmig das Volk.
Es tropft. Aus dem blutigen Klumpen tropft es auf den Boden. Tipp—tapp—tipp—tipp . . .
„Bringt mir den Narren! Füllt den Becher!“
„Klung—klung—kling— ich wäre dir nicht fortgelaufen, Skule . . .“ —
Dr. Scholl hatte sich erhoben. Er nahm den Hut vom Tisch und trat, sein Gespräch beendend, wieder ans Bett.
„Man erlebt da Dramen, glauben Sie es mir.“
Richtig, er hatte von seiner Praxis gesprochen.
„Wir Ärzte lernen die Menschen kennen. Es gibt viele Qual in dieser Welt. Wenn ich wiederkomme, so erzähle ich Ihnen noch mehr. Das muß Sie ja interessieren.“
„Natürlich. Ich lerne da ohne jede Mühe. Sie geben mir Extrakt.“
„Besonders die Geschichte von dem Alten, der sich mit Fluchen und Fäusten gegen den Tod wehrt, müssen sie mir nochmals erzählen.“
„Adieu.“
Eine Türe ging. Er schrak zusammen, als der Drücker ins Schloß schnappte.
Wie still es doch war. Seine Kissen flüsterten bei jedem Atemzuge. Er lag im heißen Dünensand, und das Meer plätscherte . . .
Roselind — Roselind . . .
Roselind ist Hagewolfs, des schönsten und mutigsten Recken, ehelich Gemahl.
Wie eine Krone, glitzernd von Steinen, flammend von Zinken, auf dunklen Locken, liegt ihre Burg auf schwarzem ewigen Walde. Halali heißt der Wald. In Skules Reichen ist nicht Schöneres.
Hagewolf fuhr übers Meer, zum Siege. Schwert des Tor nennt ihn das Volk.
Roselind ist schön. An allen Höfen flüstern die Saiten: Roselind ist schön.
Nach Halali! Nach Halali! Noch in der Nacht werden die Pferde gesattelt. —
Am Tore vor Roselinds Schloß, da kauert ein Pilgrim. Die Nacht ist lang. Zwölf Meere an Finsternis birgt diese Nacht. In den Büschen glühen die Rosen. Es sind Menschenherzen, die Roselind in die Büsche warf. Auf dem Tore stecken an Speeren zwei Köpfe. Königssöhne. Blut tropft ins Gras. Bei jedem Tropfen hört man weit hinter den Bergen Frauen schluchzen.
Der eine öffnet die blauen Lippen und spricht: „Weh dir! Weh dir!“ Der andere schlägt die schwarzen Lider in die Höhe und spricht: „Entfleuch! Entfleuch!“
Die Nacht ist lang! Die Nacht ist lang!
Mein Sohn, mein Sohn, jammert es überm Meer. Liebster mein, Liebster mein, schluchzt es weit hinter den Bergen.
Nun faucht der Morgenwind aus dem schwarzen Walde und bläst die Herzen in den Büschen aus. Ein Schwarm feuriger Vögel streicht über den Wald.
Ein Mädchen steigt auf die Treppe, weiße Blütenbänder um den perlmutterschillernden Leib, legt die Hände an den Mund und ruft: Über der Herrin Land — leuchtet der Son — ne Brand — —! — leuchtet der Sonne Brand! antwortet in der Ferne eine Stimme . . . . Der Sonne Brand . . . .
Jauchzen. Rot glühen die Zinnen aus Granat.
Die Köpfe am Tore sind steif und stumm.
„Mach auf.“
„Wen suchst du, Armer?“ — „Ich suche Roselind.“ — „O, weh dir!“
Hörner lachen. Ein Tor springt auf: Roselind und das Gefolge reiten heraus.
Roselind ist schön, flüstern die Saiten im ganzen Lande . . .
Neben ihr auf schwarzem Hengste, ein dürrer, schwarzer Mann mit wachsfahlem Antlitz. Sein Gewand starrt von bunten Steinen.
„Kommst du übers Meer? Wen suchst du, Fremdling?“
„Ich suche dich.“
Roselind lächelt. Dieses Lächeln sagt: du stirbst.
„Ich sterbe gern für dich.“
Der Schwarze mit dem wachsfahlen Antlitz richtet die Augen scharf wie ein Messer auf des Pilgrims Gesicht. Es ist weiß wie Schnee, blutleer das Geäder.
„Er ists,“ sagt er.
Roselind neigt sich im Sattel. „Du bists. König Skule suchte dich durchs ganze Land. Dein Leben ist dir geschenkt. Erbitte dir eine Gnade.“
Der Pilgrim beugt das Knie.
Roselind wirft ihm ein Band Perlen hin. „Er soll hundert Pferde mit Geschmeide haben!“
„Ich will nicht dein Gold.“
„König Skule gibt dir einen Thron.“
„Was nützt mich König Skules Thron?“
„Beeile dich!“
„Ich will —“
„Werde nicht kühn!!“
„Ich möchte den Saum deines Gewandes küssen, Roselind!“
Hahaha — lacht das Gefolge — hahaha . . . . Fort stürmts in den Wald. Hahaha . . . .
Halali heißt der Wald . . . .
Hier versank Ginstermann wiederum in Schlaf.
XVII.
Es gab eine Menge Neuigkeiten.
Frau Trud hatte einem Mädchen das Leben geschenkt.
Kapelli erzählt es eben Ginstermann. Er saß auf der Bettkante bei ihm und rauchte seine Zigarre.
„Heute morgen um fünf Uhr“, sagte er und alle Vokale funkelten. „Es ist ein Prachtwesen!“
Er hatte die Blicke auf eine Skizze an der Wand gerichtet, und Ginstermann sah es ihm an, daß er Mühe hatte, sein Glück zu ertragen. Während der ganzen Nacht war er wohl in seinem Atelier auf und ab gegangen, zusammenschreckend bei jedem Geräusch, jedem Schrei im Nebenzimmer, bebend vor Angst, vielleicht hatte er auch ein wenig gebetet. Nun war er erlöst und glücklich. In seinen Augen glänzte die Freude. Ein neuer Lebenstag begann für ihn, über dem nicht mehr die beunruhigenden Schatten der letzten Zeit schwebten.
Ginstermann nahm an seinem Glück teil, denn sowohl Kapelli als Frau Trud hatte er sehr gern, im Innersten seines Herzens aber nagte ein Gefühl, das er nicht die Aufrichtigkeit besaß, Neid zu nennen.
Kapelli stand der Auftrag zu einem Brunnen in Aussicht. Wenn er ihn bekam — er rechnete bestimmt darauf — so hatte er Beschäftigung auf ein Jahr — da wollte er sich in der Nähe der Stadt ein Atelier mieten. So etwas wie ein Haus im Freien, Bäume herum, ein Garten, in dem Frau Trud das „Schnuckerl“ spazieren fahren konnte, meinte er.
Maler Ritt hatte auf sein letztes Bild hin eine Professur erhalten. Er feierte seit fünf Tagen ein Fest in seinem Studio drunten und hatte Tag und Nacht ein Rudel Herren und Damen zu Gaste. Mit einer Ziehharmonika machten sie Musik, alle Anwesenden waren als Zigeuner kostümiert, und man konnte nicht zum Hause hinausgehen, ohne über einen im Flur liegenden Bezechten hinwegsteigen zu müssen.
„Was aber sagen Sie zur Sacken, Ginstermann?“
Fräulein von Sacken war in allen Besprechungen ganz hervorragend gelobt worden.
Unsere neueste Entdeckung heißt Sacken, schrieben sie. Und: Man sah nur selten Fische so gemalt. Großes ist von dieser Künstlerin zu erwarten.
„Es ist ihr zu gönnen, selbstverständlich. Nun ja, Ritt hat ihr ein bißchen geholfen, aber das geht uns nichts an“, meinte Kapelli.
Ginstermann kleidete sich an, um Frau Trud persönlich zu beglückwünschen. Auf der Treppe begegnete ihm Fräulein von Sacken. Sie trug wie sonst ein schwarzes Kleid, das die Fahlheit ihres leicht schwammigen Gesichtes erhöhte. In ihren Augen wohnte der alte, unnennbare Kummer, und erst als Ginstermann ihr die Hand zur Gratulation schüttelte, leuchtete helle Freude darinnen auf, von der man übrigens nicht wußte, ob sie echt oder gemacht war. Sie ließ ihn nicht vorüber, ohne daß er die Rezensionen gelesen hatte.
„Jetzt können Sie ruhig sterben,“ scherzte er, indem er ihr nochmals die Hand drückte.
„Ja“, entgegnete sie und blickte zu Boden, als suche sie irgend etwas; „besondere Genugtuung bereitet es mir, meinen Angehörigen den Beweis erbringen zu können, daß ihr Spott ungerecht war.“
Sie blickte auf, und der Haß flackerte noch in ihren Augen. Ginstermann hätte nie und nimmer solch wilden Stolz und elementare Leidenschaft in diesem bescheidenen, schwermütigen Weibe vermutet.
Sie lächelte und sagte: „Sie wissen ja, daß mich Herr Ritt bei der Arbeit unterstützte.“
Auf ein paar Pinselstriche käme es nicht an.
„Ich habe meinen Lehrer für heute abend eingeladen. Wollen Sie mir nicht auch das Vergnügen schenken, Herr Ginstermann?“
Er müsse leider aus Gesundheitsrücksichten ablehnen.
„Nicht? — Sie sehen nicht gut aus, in der Tat. Ihr Gesicht ist noch um etwas schmäler und blässer geworden.“ „O, und graue Haare haben Sie auch bekommen, eine ganze Menge“, setzte sie lächelnd dazu. —
Frau Trud war vergnügt und zu Scherzen aufgelegt wie sonst. Aber es schien, als ob sie nur lache und scherze, um ihre Ergriffenheit dahinter zu verbergen. Sie war außerordentlich blaß und geschwächt, und oft sprach sie so leise, daß man sie nicht mehr verstand. Kapelli mußte sie fortwährend ersuchen, den Mund zu halten.
Ginstermann küßte sie, bewegt von dem anspruchslosen Heroismus, mit dem sie ihr Martyrium ertrug, auf die Stirne. Das war sein Glückwunsch und gleichzeitig sein Dank für „neulich“. Es kümmerte ihn nicht, daß Kapelli dabei stand, und Kapelli kümmerte es auch nicht. Frau Trud dankte ihm mit einem Blick voller Liebe, als sei er ihr Geliebter.
Natürlich mußte er auch das Kind sehen.
Mein Gott! es war ein runzeliges Tierchen mit schneeweißen Härchen auf dem unförmigen Kopfe. Er konnte es nur mit Überwindung betrachten.
„Es hat dieselben blauen Augen wie ich, sehen Sie?“ sagte die Mutter. „Es wird überhaupt ein hübsches Kind werden, nicht?“
Er konnte das mit dem besten Willen nicht herausfinden.
„Wenn es so fortfährt, sicherlich“, sagte er.
Kapelli trug sich allen Ernstes mit dem Gedanken, diese „Skizze von Mensch“ in Gips abzugießen. Und zwar gleich morgen.
„Die Lippen werde ich dann etwas retouchieren. Oder finden Sie nicht, diese Unterlippe da ist etwas zu breit? Trud hat ja zwar —“
Frau Trud machte ihm eine geballte Faust, die sich aber augenblicklich zu einer verlangend ausgestreckten Hand löste.
Kapelli küßte sie.
„Du sollst nicht so viel reden“, sagte er.
„Ich hab ja nun gar nichts gesagt“, Frau Trud darauf.
Ginstermann wandte sich ab, um seine Bewegungen zu verbergen.
Die Sehnsucht nach dem Weihe, mit dem man eins ist, die in jedem Manne lebt, erwachte in ihm, die Sehnsucht nach dem Kinde, ohne die nie ein Mensch groß ward, stand in ihm auf.
Weder dies, noch das, sagte er sich.
Das wußte er, nie sollte er ein Weib haben. Nach Bianka würde er nicht mehr fähig sein, ein Weib zu lieben. Das wußte er, nie sollte er ein Kind haben. Er würde nicht imstande sein, seine Seele mit der eines Weibes zu vermischen, nachdem ihm das Schicksal Bianka gezeigt.
Andere Sterne! Andere Sterne!
Ach, da war ja noch die Erinnerung — und die Arbeit! —
Er ging.
Er stieg die Treppe hinunter, um im Hofe nach seiner kleinen Camilla zu sehen. Er wollte ihr nur die Locken streicheln.
Bei Maler Ritt wurde getanzt. Füße schlürften, und zuweilen stieß jemand gegen die Türe. Eine Violine spielte einen berückenden, schwermütigen Walzer, viel zu zart für das wüste Schleifen der Tanzenden.
Hoi — hoi! rief dazwischen Ritts scharfe Stimme. Die Rufe hörten sich an wie das Knallen einer Peitsche, mit der er die Ermatteten antrieb.
Camilla war nicht zu sehen. Er begab sich in das Vorderhaus, um in ihrer Wohnung nachzufragen. Eine ausgetrocknete Alte mit in den Brillengläsern zerfließenden, erschreckend großen Augen öffnete. Von ihr erfuhr er, daß Camilla ausgezogen sei. Eine Weile besann er sich, ob er sie in ihrer netten Wohnung aufsuchen sollte. Vielleicht würde er sie treffen, wenn er am Hause auf und ab ging.
Aber er war zu müde, und dann war ja all das unsinnig.
Er legte sich wieder nieder und nahm ein halbfertiges Manuskript, das von der „Religion der Gottlosen“ handelte, zur Hand, um sich auf andere Gedanken zu bringen. —
Noch einige Tage und er war gänzlich hergestellt.
Dr. Scholl besuchte ihn jeden Nachmittag. Sie waren Freunde geworden. Ginstermann liebte das offene, kluge Wesen des jungen Arztes. Dieser Mann hatte die Eigentümlichkeit, die radikalsten Anschauungen wie etwas Selbstverständliches zu äußern, und das tat wohl. Ein immenses Wissen erlaubte ihm, spielend Unmengen von Material aus allen Gebieten herbeizubringen, an der Hand desselben Schlüsse zu ziehen, zu begründen, zu widerlegen. Es war eine Lust, mit ihm zu diskutieren. Man brauchte nicht mehr im Jargon zu sprechen, nicht zu befürchten, mißverstanden zu werden, keine noch so feine Nüance ging verloren, und selbst da, wo der Ausdruck fehlte, sprach eine Gebärde, das Stocken selbst. Ihre Gespräche griffen wie die Zähne zweier Räder ineinander.
Noch nie hatte sich Ginstermann so sehr und so angenehm in der Beurteilung des Wertes eines Menschen nach seinem Äußeren getäuscht. —
Ginstermann hatte Bianka ein Billet zugeschickt, worin er ihr für ihre Grüße dankte und ihr seine Genesung mitteilte.
Tags darauf erhielt er eine Einladung ihrerseits zu einem kurzen Spaziergang.
Werter Freund, schrieb sie, werter Freund.