Im Kloster Paulinzelle
Einsam stehn des öden Tempels Säulen,
Efeu rankt am unverschloßnen Tor,
Sang und Klang verstummt, des Uhu Heulen
Schallet nun im eingestürzten Chor.
Weg sind Prunk und alle Herrlichkeiten,
Schon enteilt im langen Strom der Zeiten
Bischofshut mit Siegel, Ring und Stab
In der Vorwelt ewig offnes Grab.
Nichts ist bleibend, alles eilt von hinnen,
Jammer und erhörter Liebe Glück;
Unser Streben, unser Hoffen, Sinnen,
Wichtig nur auf einen Augenblick;
Was im Lenz wir liebevoll umfassen,
Sehen wir im Herbste schon verblassen,
Und der Schöpfung größtes Meisterstück
Sinkt veraltet in den Staub zurück.
Milde Herbsttage gestatten, daß Schiller wieder in Volkstedt wohnt. In alle Freude am täglichen Wiedersehen mischt sich der Abschiedsschmerz, darüber hinaus erhebt der Trost, daß die liebe wohltätige Zeit alles gut zur Reife bringen wird: »Ich weiß und fühle, daß mein Andenken unter Ihnen leben wird, und dies ist eine freudige Erinnerung für mich.«
Im Oktober werden die kurzen Briefgrüße häufiger und die Besuche immer mehr vorsichtig abgemessen. Schiller verliert den Mut, auf eine gute Zukunft zu hoffen, aber Charlotte rechnet schon wieder auf seine Anwesenheit im nächsten Sommer. Ihr und den Kochberger Freundinnen in Oberhasel zu begegnen, entschließt er sich nur ungern. Die heitere Freundin bekehrt ihn schließlich doch zu freudiger Verfassung, und er gesteht: »Mein hiesiger Aufenthalt neigt zum Ende; er hat mir viel angenehme Stunden verschafft, und, was das beste ist, er hat mich mir selbst wieder zurückgegeben und überhaupt einen wohltätigen Einfluß auf mein inneres Wesen gehabt.«
Die letzten Tage verbringt er wieder im Gasthaus, wenige Schritte von Charlottes Wohnung entfernt. Eine Zeichnung, die ihm die Freundin schickt, soll als sichtbares Zeichen mit unsichtbarer Wirkung künftig auf seinem Schreibtisch stehen. Erst als der Glückwunsch eintrifft, kommt dem Traumverlorenen zum Bewußtsein, daß sein Geburtstag ist, und dieser letzte Gruß aus dem Hause, wo er seine Heimat gefunden hat, preßt ihm Tränen aus. Noch war er nicht entschlossen abzureisen, erst die Gewißheit, daß die Schwestern ihre Fahrt nach Erfurt festgelegt haben, überzeugt ihn, daß auch seine Stunde gekommen ist.
Als er sich persönlich verabschiedet hat, ist der am stärksten gefürchtete Augenblick vorüber. Es tröstet ihn, noch erblickt er dieselben Gegenstände, auf denen auch ihr Auge ruht, noch umgeben dieselben Berge die Geliebte und ihn selbst. Am Morgen des 12. November sieht er ihren Reisewagen die Straße hinauf vorfahren, dann besteigt er die Post. Bis Teichröda sucht er noch mit den Blicken einen Gruß zu erhaschen, dann fällt ihm schwer auf das Herz, daß sich die Wege trennen. Einen Geranienstock und eine Porzellanvase mit Blumen hütet er zärtlich, sie sollten der Stube des einsamen Gelehrten einen neuen heimeligen Hauch verleihen.
Den Rudolstädter Sommer 1788 faßt Karoline zu einem wohlgelungenen Bilde zusammen: »In unserm Hause begann für Schiller ein neues Leben. Lange hatte er den Reiz eines freien freundschaftlichen Umgangs entbehrt. Uns fand er immer empfänglich für die Gedanken, die eben seine Seele erfüllten. Er wollte auf uns wirken, uns von Poesie, Kunst und philosophischen Ansichten das mitteilen, was uns frommen könnte, und dies Bestreben gab ihm selbst eine milde harmonische Gemütsstimmung. Sein Gespräch floß über in heitrer Laune; sie erzeugte witzige Einfälle, und wenn oft störende Gestalten unsern kleinen Kreis beengten, so ließ ihre Entfernung uns das Vergnügen des reinen Zusammenklangs unter uns nur noch lebhafter empfinden. Wie wohl war uns, wenn wir nach einer langweiligen Kaffeevisite unserm genialen Freunde unter den schönen Bäumen des Saalufers entgegengehen konnten! Ein Waldbach, der sich in die Saale ergießt, und über den eine schmale Brücke führt, war das Ziel, wo wir ihn erwarteten. Wenn wir ihn im Schimmer der Abendröte auf uns zukommen erblickten, dann erschloß sich ein heiteres ideales Leben unserm innern Sinn. Hoher Ernst und anmutige geistreiche Leichtigkeit des offnen reinen Gemüts waren in Schillers Umgang immer lebendig, man wandelte wie zwischen den unwandelbaren Sternen des Himmels und den Blumen der Erde in seinen Gesprächen.
Wie ein Blumen- und Fruchtgewinde war das Leben dieses ganzen Sommers mit seinen genußreichen und bildenden Tagen und Stunden für uns alle. Schiller wurde ruhiger, klarer, seine Erscheinung, wie sein Wesen, anmutiger, sein Geist den phantastischen Ansichten des Lebens, die er bis dahin nicht ganz verbannen konnte, abgeneigter.
Meine Schwester konnte wohl in jeder Beziehung eine wünschenswerte Verbindung für Schiller sein. Sie hatte eine sehr anmutige Gestalt und Gesichtsbildung. Der Ausdruck reinster Herzensgüte belebte ihre Züge, und ihr Auge blitzte nur Wahrheit und Unschuld. Sinnig und empfänglich für alles Gute und Schöne im Leben und in der Kunst, hatte ihr ganzes Wesen eine schöne Harmonie. Mäßig, aber treu und anhaltend in ihren Neigungen, schien sie geschaffen, das reinste Glück zu genießen. Sie hatte Talent zum Landschaftzeichnen, einen feinen und tiefen Sinn für die Natur, und Reinheit und Zartheit in der Darstellung. Unter günstigern Umgebungen hätte sie in dieser Kunst etwas leisten können. Auch sprach sich jedes erhöhtere Gefühl in ihr oft in Gedichten aus, unter denen einige, von der Erinnerung an lebhaftere zärtliche Herzensverhältnisse eingegeben, voll Grazie und sanfter Empfindung sind.«
Schillerstraße 25: Wohnung des Ehepaares von Beulwitz
Durch Charlottes Winter gehen die Sommererinnerungen als ständige Begleiter:
»Wir waren auch in Hasel zusammen. Der Weg, den ich von Kochberg dazumal machte, mag jetzt recht wüste sein und traurig. Auch die Steine, auf denen wir saßen, waren voll Schnee, der Bach zugefroren, und die entblätterten Bäume gaben mir ein trauriges Bild der Vergänglichkeit. Ach, der Winter ist doch recht unangenehm! Auch der schöne Weg auf den Wiesen hin, den wir doch einigemal zusammen gingen, alles war so leer, so öde, die Weiden hoben ihre entblätterten Zweige empor, und das Geschrei der Raben, die traurig auf den weißen Feldern herumflogen, ließen nur Leben ahnen. Was ist der erfreuende Anblick der grünen Wiesen doch dagegen so schön!«
»Heute vorm Jahre waren wir uns fremd. Den sechsten sahen wir uns erst, es war ein schöner Zufall, der Sie eben mit Wolzogen zu uns brachte. Ich weiß noch, daß ich den Tag so ganz in mir verschlossen war, der Regen und Wind machte mir so unheimlich, und den Abend freute ich mich so, ich hätte mir es nie am Morgen träumen lassen.«
»Unsere schönen Berge freuen mich jetzt gar nicht, die schwarzen Bäume in der Allee machen so eine traurige Wirkung auf den Schnee, und der dunkle Wald auf die weißen Berge, da ist nichts, was einem liebliche Bilder erwecken könnte.«
Das Gartenhaus an der Allee: Wohnung der Frau von Lengefeld