Das Tierleben auf Flussinseln und am Ufer der Flüsse und Seen.
Von Fr. Borcherding in Vegesack.
Wie im Wasser selbst, so regt sich auch an den Ufern unserer Flüsse, Weiher und Seen ein mannigfaltiges Tierleben, auf welches am Schlusse dieses Werkes noch ein musternder Blick geworfen werden soll. Auf zahlreichen faunistischen Ausflügen hat der Verfasser dieses Kapitels Gelegenheit gehabt, die bunte Gesellschaft der in der Nähe des Wassers und in demselben sich aufhaltenden Säugetiere, Vögel, Reptilien, Amphibien, Fische, Mollusken und Insekten zu beobachten und den eigentümlichen Reiz zu empfinden, den das Leben und Treiben dieser verschiedenartigen Wesen auf den Freund der Natur ausübt.
Wie schön und fast nur einer poetisch angehauchten Schilderung zugänglich ist das einsame, waldumgürtete oder von Schilf umkränzte Ufer eines grossen, breit dahinfliessenden Stromes, oder der ebenso geschmückte Saum eines im Sonnenschein glitzernden Sees. Wie vielseitig, buntfarbig und anregend ist das Bild, welches sich hier an einem herrlichen Frühlingsmorgen oder an einem warmen Sommerabend unseren Augen darbietet. Überall regt sich vielgestaltiges Leben.
Schreiten wir bei einbrechender Dämmerung über eine Flussinsel oder fahren wir mit einem Boote geräuschlos am Ufer entlang, so können wir häufig mehrere Fledermaus-Arten beobachten, und zwar meistenteils die langohrige Fledermaus, Plecotus auritus Geoffr., die frühfliegende Fledermaus, Vespertilio noctula K. u. Bl., und die Teichfledermaus, Vespertilio dasycneme Boie. Unermüdlich schwirren diese fluggewandten Tierchen unter dem Schutze der Dunkelheit durch die Luft, um ihren stets regen Appetit mit den erbeuteten Fliegen, Mücken, Käfern und Nachtfaltern zu befriedigen. Eine gleich erfolgreiche Insektenvertilgung üben ausser den Fledermäusen wohl nur noch Maulwürfe, Talpa europaea L., und die Wasserspitzmäuse, Crossopus fodiens, aus.
Einzeln erscheint an den Seen und Flüssen auch der Fuchs, Canis vulpes L., um sich nach einem leckern Entenbraten umzusehen. Es ist höchst anziehend, den Meister Reineke unbeobachtet auf seinen Jagdzügen belauschen zu können. Mit eingezogenen Beinen, mehr über den Boden und durchs Rohr wegkriechend als gehend, die Rute vornehm hinter sich herschleppend, dieselbe nur dann und wann bald etwas rechts, bald etwas links bewegend, schleicht er sich durchs Gras und Gebüsch unvermerkt der Stelle zu, von wo der Entenruf herübertönt, aber immer gegen den Wind, denn er weiss nur zu gut, wie unangenehm den Enten seine Witterung ist.
Das schädlichste Säugetier, welches die Ufer der Flüsse und Seen bewohnt, ist unstreitig der Fischotter, Lutra vulgaris Erxl. Trotz der vielen Nachstellungen von Seiten der Fischer und Jäger hat dieser arge Räuber sich in den letzten Jahren in unserm Nordwesten ganz bedeutend vermehrt. Die grossen Rohr- und Weidendickichte an den Ufern der Flüsse und Seen und auf den grösseren und kleineren Flussinseln geben ihm solch sichere Verstecke, dass er sehr leicht dem Jäger entgeht. Zudem ist der Tisch immer reichlich für ihn gedeckt; er braucht deshalb nicht, wie der Fuchs, die Nähe der menschlichen Wohnungen aufzusuchen. Welchen ungeheuren Schaden der Otter der Fischzucht zufügt, mag aus folgendem Beispiel erhellen. Ein ausgewachsener Otter gebraucht zu seiner täglichen Nahrung 2 kg Fische. Das macht für ein Pärchen ohne Jungen in einem Jahre 2 mal 2 mal 365, also 1460 kg. Ist der Fischotter in sonst fischreichen Flussgebieten häufig, so sieht man aus den angeführten Zahlen, wie stark dann der Fischbestand durch ihn dezimiert werden muss.
Ein weiteres auch recht schädliches Mitglied der Familie der Mustelinae, Foetorius putorius K. u. Bl., verirrt sich zum Glück nur einzeln an unsere Gewässer. Vor einigen Sommern erhielt Verfasser ein prächtiges Männchen vom Iltis, im Volksmunde „Ilk“, „Elk“ oder „Ülk“ genannt, welches auf einer Weserhalbinsel erlegt worden war. Sodann mag noch ein für Deutschland sehr seltener Wasserbewohner erwähnt werden, der Nörz, Wasserwiesel oder auch wohl Sumpfotter genannt, Putorius lutreola K. u. Bl. Dieser wegen seines wertvollen Pelzes eifrig verfolgte Marder ist im östlichen Europa ziemlich häufig, dagegen gehört er in Deutschland zu den grössten Seltenheiten. Der Nörz bewohnt mit Vorliebe die bewaldeten Ufer der Flüsse, ist aber vereinzelt auch in der Ebene angetroffen worden. Vor einigen Jahren wurde im Blocklande an der Wümme (unweit Bremen) ein Exemplar erlegt.
Dass aus der Ordnung der Nager nur allzu häufig an den Gewässern die Wanderratte, Mus decumanus Pall., anzutreffen ist, mag ebenfalls nicht unerwähnt bleiben. Auch die Wasserratte, Arvicola amphibius Lacep., findet sich an den Ufern der kleineren Gewässer nicht selten; in unserm Nordwesten recht häufig in schwarzer Färbung. Zu einer wahren Landplage wird in manchen Jahren die gemeine Feldmaus, Arvicola arvalis Pall., welche in den Marschen und an den Deichen oft zu vielen Tausenden erscheint und dort grossen Schaden verursacht. Einige wenige Zahlen mögen ein Bild von ihrem massenhaften Auftreten geben. Im Amte Elsfleth an der Weser wurden im Jahre 1880–1881 347571 Mäuse eingeliefert und 20284.80 Mark an Prämien dafür bezahlt; im Amte Brake nördlich von Elsfleth, ebenfalls an der Weser gelegen, wurden 1880 158913 Mäuse eingeliefert und an Prämien 12237.85 Mark bezahlt; 1881 wurden ebendaselbst 338781 Mäuse eingeliefert und 19127.31 Mark an Prämien dafür bezahlt. Als Prämie wurde im „Oldenburgischen Mäuseverbandsbezirke“ je nach der Häufigkeit der Mäuse 2, 5, 10 oder 20 Pfennige für das Stück bezahlt. In diesem Sommer (1891) war die Feldmaus nur vereinzelt anzutreffen; der lange und strenge Winter mit dem hohen Wasserstande hat stark unter ihnen aufgeräumt, stärker als in den reichsten Jahren Mäusefänger, Bussarde, Weihen, Raben und Füchse es vermögen.
Auf den Aussterbeetat ist wohl in unserm Vaterlande der Biber, Castor Fiber L., gesetzt. Nur wenig bekannte Kolonien finden sich in Deutschland, in denen er sich einstweilen, wenn auch nur in geringer Zahl, noch erhalten hat. Die bedeutendste ist zwischen Magdeburg und Wittenberg an der Elbe; auch an der Havel, Oder und Weichsel finden sich noch vereinzelte schwach bewohnte Kolonien. Leider wird diesem seltenen Nager seines kostbaren Pelzes wegen gar zu sehr nachgestellt und trotz des Regierungsschutzes, der ihm in letzter Zeit zu teil geworden ist, wird er in nicht zu ferner Zeit zu denjenigen Tieren Deutschlands gehören, die aufgehört haben zu leben, und einzelne Ortschaften, Gründe u. s. w. werden nur noch mit ihrem Namen an das frühere Vorkommen dieses stattlichen Nagers erinnern.
In die Flüsse, besonders die der Nordsee, steigt bei hohen Fluten mit starken Nordweststürmen vereinzelt auch der Seehund, Phoca vitulina L., hinauf und kommt dann den Fischern zuweilen ins Garn. Häufiger findet sich in unseren Flüssen Phocaena communis Cuv., der Tümmler oder Braunfisch; denselben kann man bei Springfluten oft in der Nähe der Städte beobachten, wie er in kurzen Zwischenräumen sich an die Oberfläche des Wassers begiebt, um im nächsten Augenblicke wieder in die Tiefe zu verschwinden.
Versetzen wir uns in Gedanken um etwa 200 Jahre zurück, so finden wir sogar einen Walfisch im Weser- und Lesumflusse. Es war Hyperoodon rostratus Pontop., welcher damals in der Lesummündung oberhalb Vegesack gefangen wurde. Das Exemplar befindet sich im Bremer Museum.
Beendigen wir hiermit unseren Streifzug, auf welchem wir uns ausschliesslich nach den Säugetieren, die an und in den Gewässern vorkommen, umgesehen haben, so gewahren wir, obwohl wir nicht jeden Säuger, der sich uns auf unseren Exkursionen am Wasser zeigen könnte, angeführt haben, dass trotzdem die Zahl der Arten eine ziemlich geringe bleibt. Ganz anders gestaltet sich dagegen das Bild, wenn wir einen neuen Beobachtungsgang unternehmen und uns nun der Vogelfauna der süssen Gewässer zuwenden. Da hat fast jede Jahreszeit ihr eigenartiges Gepräge. Im Frühjahre finden wir ausser den ansässigen und heimkehrenden Brutvögeln viele durchziehende Wanderer, die für kurze Zeit Rast an den Gewässern und auf den Inseln machen. Im Sommer und Herbste sehen wir ausser den alten Brutvögeln die junge Nachkommenschaft in den verschiedenartigsten Kleidern. Auf dem Herbstzuge kommen noch Hunderte von Gästen hinzu, welche der Vogelwelt (Ornis) eines bestimmten Gebietes oft ein ganz fremdartiges Aussehen verleihen.
Halten wir zunächst eine systematische Umschau unter denjenigen Vögeln, welche an den Ufern der Flüsse und Seen und auf den kleinen und grösseren Flussinseln ihre Wohnungen eingerichtet haben, und fassen wir dann die Gäste, welche sich zur Frühjahrs- und Herbstzugszeit an unseren Gewässern bald längere, bald kürzere Zeit aufhalten, etwas näher ins Auge. Als Brutvögel treffen wir aus der Ordnung der Raubvögel zuerst zwei Weihenarten an, Circus aeruginosus Sav., die Rohr- oder Sumpfweihe, und Circus cineraceus Mont., die Wiesenweihe. Beide werden im Volksmunde gewöhnlich „Grashoafk“ genannt. Wo dichtes Rohr- und Weidengestrüpp auf wenig belebten Flussinseln und auf den einsamen Groden der Flüsse sich findet, da kann man mit ziemlicher Sicherheit den Horst der einen oder anderen Weihe erwarten. Derselbe befindet sich im dichtesten Gestrüpp am Boden und ist nur dann mit Sicherheit aufzufinden, wenn man die Alten, welche an ihrem schwebenden Fluge, den langen, spitzen Flügeln und dem ziemlich langen Schwanze leicht von den Bussarden, Habichten und Milanen zu unterscheiden sind, beobachtet und sich genau die Stelle merkt, an welcher sie niedergehen. Dieses Ausspionieren muss jedoch mit der grössten Vorsicht geschehen; denn glaubt sich der Beobachter schlau, so ist der Beobachtete doch in vielen Fällen noch gewitzigter und hat ersteren oft viel eher bemerkt, als derselbe ihn. Viel leichter ist der Horst aufzufinden, wenn die Weihen Junge haben; dann braucht man nur aus möglichster Ferne das Männchen, bei welchem man sehr leicht mit einem guten Glase die Beute in den Fängen erkennen kann, zu beobachten. Ist es in der Nähe des Horstes angelangt, so erscheint mit einem lauten, scharfen „kirrr“ über der Rohrfläche das Weibchen, aber in bedeutend geringerer Flughöhe als ersteres. Ist das Männchen über der Gattin angekommen, so wirft sich letztere geschickt auf den Rücken in dem Augenblicke, in welchem der Gatte die Beute fallen lässt. Mit grosser Sicherheit greift das Weibchen dieselbe auf und eilt raschen Fluges dem Horste zu. Das Männchen streicht sofort von dannen, um neue Beute heranzubringen. Das ist der günstigste Augenblick, um sicher den Nistplatz auszukundschaften, denn wir brauchen uns nur genau den Platz zu merken, an welchem das Weibchen sich niederlässt. Ist das Glück uns in dieser Weise günstig gewesen, so finden wir im hohen Grase oder Rohre auf dem Boden ein ziemlich grosses mit trockenem Grase und Rohr ausgepolstertes Nest, in welchem sich drei bis fünf hungrige, gelbgraue Junge befinden. In dem Horste der Wiesenweihe findet man Mitte Mai etwa vier bis fünf weisse, etwas ins bläuliche übergehende Eier. Im Neste der Rohrweihe trifft man zur selben Zeit vier bis fünf grünlich weisse Eier. Befestigt man über dem Neste ein gutes Schlagnetz und entfernt sich dann möglichst weit, um im dichten Rohr eine gute Deckung zu suchen, so dauert es gewöhnlich nicht lange, bis das Weibchen zum Horste zurückkehrt, allerdings zuerst nur, um auszukunden, ob alles wieder in gewohnter Ordnung ist. Doch es lässt sich noch nicht sogleich nieder, sondern in weitem Bogen umkreist es einige Mal die nähere und weitere Umgebung des Nistplatzes. Bald ist aber die Furcht vor der Gefahr geschwunden, die Liebe zu den ängstlich kreischenden Jungen ist grösser, es streicht zum Horste, lässt sich nieder und — sitzt gefangen unter dem Schlagnetze. Schwieriger ist es, des Männchens habhaft zu werden, da letzteres selten das Füttern besorgt und noch seltener zum Horste geht. In den ersten Stunden nach dem Verlust der Gattin lässt es nur die Beute aus der Luft ins Nest fallen und eilt wieder fort, um neue Nahrung zu beschaffen; doch endlich ist auch bei ihm die Liebe zu seinen Jungen, die ihn durch ihr Geschrei auf ihren Hunger und ihre Einsamkeit aufmerksam machen, vollständig erwacht; es lässt sich nieder, um das Amt der Gattin zu übernehmen. Aber das Netz ist wieder aufgestellt worden, es schlägt abermals zu und nun sitzt auch der Gatte gefangen bei seinen Jungen. Nicht immer glückt ein solcher Jagdzug, viel Geduld und Vorsicht gehört dazu. — Die Nahrung der Weihen besteht aus jungen Vögeln, welche aus den am Boden befindlichen Nestern geraubt werden, und aus Mäusen. Der Nutzen, den sie durch Vertilgung der letzteren gewähren, wird wohl reichlich durch den Schaden, den sie durch Zerstören der jungen Vogelbrut verursachen, aufgehoben. Die Wiesenweihe erscheint im April, die Rohrweihe im März; beide verlassen uns im Oktober.
Von den Eulen treffen wir an unseren Gewässern als Brutvogel dann und wann Otus brachyotus Boie, die Sumpfohreule, im Volksmunde „Moorule“ genannt. Häufiger ist sie nur in reichen Mäusejahren zu beobachten. Den Horst findet man, allerdings nicht leicht, auf den alten Weidenköpfen, die sich stellenweise an den Flussläufen finden. Einzeln entdeckt man ihn auch im langen Grase oder im Rohrdickichte. Im Neste finden sich Anfang Mai vier bis sechs fast runde weisse Eier. Die Nahrung dieses nächtlichen Räubers besteht fast ausschliesslich aus Mäusen, und muss die Sumpfohreule daher zu den nützlichen Vögeln gerechnet werden.
Ein häufiger Bewohner unserer Inseln und Flussufer ist der Kuckuck, Cuculus canorus L. Nach der Meinung der Landleute ist derselbe im Sommer Kuckuck, im Winter „Stothoafk“. Die Erklärung dieser irrigen Meinung ist sehr leicht. Im Frühjahre und Sommer findet sich der „Stothoafk“, Astur nisus K. u. Bl., nicht in der Nähe der menschlichen Wohnungen, sondern in den dichten Wäldern bei seinem Brutplatze. Der Kuckuck lässt dann aber überall seinen Ruf ertönen. Im Herbst, wenn der Kuckuck längst über alle Berge ist, erscheint aber der Sperber in der Nähe der menschlichen Wohnungen. Da etwas Ähnlichkeit im Gefieder der beiden besteht, findet obige Fabel leicht Glauben bei der Landbevölkerung. Als Pflegeeltern seiner Brut wählt der Kuckuck sich die Rohrsänger, die gelbe Bachstelze, ja auch einzeln das Blaukehlchen. Letztere besorgen die Pflege mit der grössten Gewissenhaftigkeit und oft sogar mit Aufopferung der eigenen Jungen, welche vor diesem gefrässigen Stiefbruder zurückstehen müssen. Verfasser dieses hatte Gelegenheit, in der Marsch einen vollständig flüggen jungen Kuckuck zu beobachten, der sich durch sein klägliches „zirrk, zirrk“ bemerkbar machte, wie dieser grosse Bursche sich von seinen Pflegeeltern, Budytes flava Cuv., mit grosser Behaglichkeit noch füttern liess. Der Kuckuck erscheint Ende April und verweilt bis Anfang September.
Dem hinsichtlich seines Gefieders schönsten und an die Ornis der Tropen erinnernden Vogel, Alcedo ispida L., Eisvogel, begegnen wir häufig an den Flüssen und auf den Inseln, welche steile, lehmige Ufer haben. Regungslos sitzt dieser prächtige Geselle auf einem über die Wasserfläche hinhängenden Zweige, seinen Blick unverwandt nach unten gerichtet; plötzlich stösst er ins Wasser, um im nächsten Augenblicke wieder auf der Oberfläche mit einem erbeuteten Fische im Schnabel zu erscheinen, welcher in wenigen Sekunden gierig verschlungen wird. Dieses interessante Schauspiel kann man oft in ganz kurzer Zeit mehrmals beobachten. Sein Nest, welches sich immer an den steil aufsteigenden Wänden der Flussufer befindet, ist am Ende einer etwa einen Meter langen Röhre angelegt, und dort findet man auf Fischgräten, wenigen Hälmchen u. dgl. Mitte April sechs bis sieben glänzend weisse Eier.
Einen ähnlichen Brutplatz, wie den des Eisvogels, wählt sich auch aus der Familie der Schwalben die Uferschwalbe, Sand-, auch Bergschwalbe genannt, Cotyle riparia L. An den schroffen Stellen der Flussufer, an welchen die Geest unmittelbar an das Wasser tritt, kann man zur Frühjahrszeit Hunderte dieser geschickten Insektenjäger aus- und einfliegen sehen. Das Nest befindet sich am Ende einer oft zwei Meter langen, wagerechten Röhre, ist mit Federn weich ausgepolstert und enthält Ende Mai oder Anfang Juni fünf bis sechs schneeweisse Eier. Die Uferschwalbe erscheint Anfang Mai und verlässt uns Anfang oder Mitte September.
An den Gewässern der gebirgigen Gegenden unseres Vaterlandes finden wir aus der Familie der Wasseramseln den Wasserstaar, auch Wasseramsel oder Wasserschmätzer genannt, Cinclus aquaticus Bechst. Ich hatte zu verschiedenen Malen Gelegenheit, diesen munteren halb Wasser- halb Singvogel in seinem Elemente zu beobachten, so unter anderen an den Berlebecker Quellen, an den Ilsefällen u. a. m. Bald watet er bis an den Hals durchs Wasser, bald steht er regungslos auf einem erhöhten Steine, um im folgenden Augenblicke ins Wasser zu stürzen; bald läuft er am Boden des Gewässers hurtig dahin, bald fliegt er durch herabstürzende Wasserfälle, wobei ihm sein dichtes Gefieder von grossem Vorteil ist. Das einzige Nest, welches der Verfasser Gelegenheit hatte näher zu betrachten, befand sich hinter einem Wasserfalle in einer kleinen Felshöhle; obwohl auch seitlich dahin zu gelangen war, nahm das kecke Tierchen jedesmal seinen Weg durch die herabströmende Wassermenge. In dem Neste befinden sich im April vier bis fünf weisse Eier.
Der schönste Vogel, welcher unsere Flussufer und Inseln bewohnt, ist unstreitig das Blaukehlchen, Cyanecula suecica Brehm. Wo dichtes Weidengebüsch an unserm Weserufer oder auf den Platen[CXX] vorhanden ist, da findet man auch dieses prächtige Tierchen, jedoch halten sie sich meistens sehr verborgen und laufen zwischen dem dichten Gestrüpp einher, aber ein klares, reines „fied, fied“ oder ein kurzes „täck, täck“ verrät bald ihr Vorhandensein. Das Nest dieses schönen Sängers ist immer recht versteckt angelegt und es gehört zu den grössten Seltenheiten, ein solches aufzufinden, da es auf unseren Weserplaten immer im dichtesten Gestrüpp, oft hart am Ufer in Weidenstümpfen sich befindet. Selten fliegt der Vogel vom Neste, um dadurch seinen Brutplatz zu verraten, sondern gewöhnlich springt er unbemerkt auf den Boden und läuft, ohne einen Laut von sich zu geben, im Gestrüpp davon. Es ist mir erst zweimal geglückt, ein solches Nest aufzufinden; dasselbe ist ziemlich kunstvoll gebaut und sitzt gewöhnlich in einer kleinen Vertiefung; es besteht aussen meist aus trockenen Grashalmen, innen dagegen vorwiegend aus der Wolle der Salix-Arten. In dem schön gerundeten tiefen Neste liegen gegen Ende April fünf schön grüngraue Eier, welche mit einzelnen zierlichen rotbraunen Tüpfelchen und Pünktchen bedeckt sind. Das Blaukehlchen erscheint schon Ende März mit dem Hausrotschwänzchen zusammen und verlässt seinen Brutplatz Ende August, streicht aber dann noch bis Ende September umher. In den letzten Tagen des September oder Anfang Oktober verlässt es uns; einzelne Nachzügler dagegen verweilen oft bis Ende Oktober in unserm Gebiete.
[CXX] „Platen“ heissen in Norddeutschland die kleinen mit Rohr und Weiden bewachsenen Flussinseln.
Mit dem Blaukehlchen zusammen an fast denselben Lokalitäten treffen wir das Braunkehlchen, Pratincola rubetra Koch, und einzeln auch die Braunelle, Accentor modularis Cuv., an. Beide haben mit ihm die versteckte Lebensweise sowie die Art des Nestbaues gemein; beide verlassen auch lautlos ihre Nester und eilen unter dem Gesträuch davon. Nur wenn die Vögel ihre Brut gefährdet sehen, lassen sie ihre Klagetöne hören und verraten allerdings dadurch dem aufmerksamen Beobachter, dass man sich unmittelbar beim Neste befindet, und trotzdem hält es manchmal recht schwer, dasselbe zu entdecken. Verfasser dieses Kapitels, welcher sich am 23. Mai 1891 unmittelbar bei einem solchen Neste befand, gebrauchte über eine halbe Stunde, um dasselbe endlich in einem dichten Grasbüschel, kaum einen halben Meter von ihm entfernt, zu gewahren. In dem sauber mit Tierhaaren ausgepolsterten Neste befanden sich vier grünlich blaue, fein rot punktierte Eier. Das Nest der Braunelle aufzufinden ist mir, trotz eifrigen Suchens, bislang noch nicht gelungen. Das Braunkehlchen erscheint Mitte April und verlässt uns Ende September. Die Braunelle dagegen kommt oft schon Mitte März und verschwindet erst gegen Mitte Oktober.
Die „Kuckucksamme“, Curruca cinerea Lath., ist ebenfalls nicht selten auf den Flussinseln anzutreffen. Die Dorngrasmücke führt den oben genannten Namen daher, weil der Kuckuck sehr gern sein Ei in ihr Nest legt und ihr auch die Erziehung seines Sprösslings überlässt Schon am frühen Morgen mit Sonnenaufgang lässt die Dorngrasmücke ihr munteres Lied ertönen, und sie ist einer von denjenigen Vögeln, welche am längsten singen, ja oft vernimmt man noch Anfang August ihren fröhlichen Gesang. Mitte April trifft dieser Vogel bei uns ein und verlässt uns wieder Mitte September.
An den Flussufern und auf den Inseln beobachtet man ziemlich häufig den Fitis-Laubvogel, Weidenzeisig, Phyllopneuste trochilus Bp. Sehr bald verrät sich dieses zutrauliche Vögelchen durch sein angenehm klingendes „hüid, hüid, hoid, hoid“. Es lässt sich auch ganz in der Nähe beschauen, aber desto schwieriger ist es, sein Nest aufzufinden. Dasselbe befindet sich am Boden, meist im dichten Gestrüpp oder Gewirr; es ist vollständig überwölbt und man sieht nur ein kleines seitliches Loch. Anfang Mai findet man in demselben fünf bis sieben kleine, weisse, rötlich gefleckte Eier, an deren stumpfen Ende sich die Makeln und Pünktchen dichter als am spitzen Ende gruppieren. Dieser niedliche Sänger verweilt bei uns von Anfang April bis Ende September.
War das Vorkommen der bis jetzt angeführten Sänger an den Flussufern und auf den Inseln kein ausschliessliches — auch ausserhalb dieser Gebiete werden dieselben angetroffen —, so wollen wir jetzt eine Gruppe kennen lernen, welche ausschliesslich ihre Heimat an den Ufern der Flüsse, auf den Inseln und Groden haben. (Unter „Groden“ versteht man die mit Weiden und anderm Gestrüpp bewachsenen Aussendeichsländereien, welche auch stellenweise Grasflächen haben.) Es ist dies die Gattung der Rohrsänger. Schon ihr Name sagt uns deutlich genug, wo wir diese Bewohner aufzusuchen haben. Nicht weniger als sechs Arten dieser Gattung bewohnen das in Frage kommende Gebiet unseres Vaterlandes. Ausserdem giebt es davon noch eine Reihe Spezies, welche mehr dem südlichen Europa angehören. Für uns kommen in erster Linie unsere heimatlichen Sänger in Betracht. Es sind folgende: Der Schilfsänger, Calamoherpe phragmitis Bp.; der Binsen-Rohrsänger, Calamoherpe aquatica Degland; der Sumpf-Rohrsänger, Calamoherpe palustris Boie; der Heuschrecken-Rohrsänger, Calamoherpe locustella Penn.; der Teich-Rohrsänger, Calamoherpe arundinacea Boie, und endlich der Drossel-Rohrsänger, Calamoherpe turdoides Meyer. Erstere werden im Volksmunde gewöhnlich „Reitmeeschen“, auch „Rohrsperlinge“ genannt; der letztere heisst gewöhnlich die „Rohrdrossel“. Fast alle erscheinen bei uns Anfang Mai und bleiben bis Anfang September. Nicht alle sind gleich häufig anzutreffen; einzelne dagegen, wie die Rohrdrossel, der Schilfsänger, der Sumpf- und Teich-Rohrsänger, sind sogar ziemlich häufig. Sie entziehen sich aber durch ihre versteckte Lebensweise im Röhricht und durch die Lokalitäten, an denen sie leben, sehr oft dem Auge des Beobachters und daher ist manche Spezies vielleicht viel häufiger als an manchen Orten allgemein angenommen wird. Der Drossel-Rohrsänger ist sofort durch seinen weit vernehmbaren Gesang, der etwa: „düi, düi, düi, karre, karre, karre, kei, kei, kei, kerr, kerr, kerr, karra, karra, kied“ klingt, zu erkennen. Der Gesang von Calamoherpe palustris Boie ist dem flötenden Gesange des Spottvogels, Ficedula hypolais Schlegel, nicht unähnlich und daher ein sicheres Erkennungszeichen des Sumpf-Rohrsängers, da der Spottvogel in den Gebieten, wo die Sumpf-Rohrsänger leben, nicht zu Hause ist. Beim Schilfsänger, C. phragmitis Bp., besteht der Gesang fast ausschliesslich aus einem langen, wohlklingenden, flötenartigen Triller. Der Gesang beim Teich-Rohrsänger, C. arundinacea Boie, gleicht mehr einem Geplapper der sehr rasch hinter einander ausgesprochenen Silben „terr, terr, terr, tri, tri, tri, zerrr, zerrr, zerrr, zäck, zäck, zäck“ u. a. m. Eine annähernde Ähnlichkeit hat der Gesang des Binsen-Rohrsängers, C. aquatica Degland, mit dem des Schilfsängers; doch kommen in dem melodischen Triller sehr häufig Töne wie „jüpp, jüpp, jüpp, jüpp, tütt, tütt, tütt, tütt“ vor. Den eigentümlichsten Gesang, wohl richtiger Geschwirre genannt, hat der Heuschreckensänger, C. locustella Penn. Mit aufgeblasener Kehle, am Boden zwischen den Rohr- und Weidenstengeln dahinlaufend, bringt er nur einen wie „sirrrrrrrirrr“ klingenden lange anhaltenden Ton hervor. Für einen aufmerksamen Beobachter ist es nicht allzu schwer, das Vorkommen der einen oder andern Art nach dem Gesange festzustellen, und um so bequemer, als das Eindringen in die im und am Wasser belegenen Rohrfelder sowie auf die mit Schlick bedeckten Groden, in welchen sich die Rohrsänger ebenfalls gern aufhalten, mit grossen Schwierigkeiten und Anstrengungen verknüpft ist. Auch im Nestbau gleichen sich unsere Rohrsänger mehr oder weniger. Zwischen drei bis vier bei einander stehenden Rohrstengeln an oder über der Wasserfläche, zwischen Nesselpflanzen oder zarten Weidenruten, zwischen starken Grashalmen oder anderen Pflanzenstengeln befestigen sie kunstvoll ihr Nest und zwar so, dass immer zwei oder drei Stengel durch die Seitenwandungen des Nestes hindurch gehen. Das schön gebaute Nest wächst mit den Pflanzen in die Höhe und ist so bei Hochwasser vor dem Überschwemmtwerden geschützt.
Aus der Familie der Motacillidae halten sich am Gewässer und in der Nähe desselben die drei bekannten Bachstelzenarten auf. Motacilla alba L., die weisse Bachstelze, auch Quäksteert oder Wippsteert genannt; die graue Bachstelze, Motacilla sulphurea Bechst., und die gelbe Bachstelze oder Kuhstelze „gäle Quäksteert“, Motacilla flava Cuv. Obwohl man die erstere auch entfernt vom Wasser antrifft, so schlägt sie doch mit Vorliebe ihre Wohnung unter Brücken, an Mühlen und auf den in der Nähe des Wassers stehenden Weidenstümpfen auf. Die im nördlichen Deutschland seltene graue Bachstelze hält sich fast ausschliesslich an Bächen, Quellen, überhaupt an fliessenden Gewässern auf und baut auch ihr Nest stets in die Nähe des Wassers, in Höhlen, unter Brücken, in Felslöchern u. dgl. m. Die gelbe Bachstelze dagegen bewohnt die freien, von menschlichen Wohnungen fern liegenden Weiden auf den Inseln und an den Flussufern; mit Vorliebe diejenigen Weiden, auf welchen Vieh weidet. Das Nest derselben findet man nicht selten in Carices-Büscheln. Die weisse Bachstelze erscheint in unserm Nordwesten oft schon im Februar — nach dem verflossenen harten Winter 90/91 wurden die ersten Bachstelzen erst am 16. März 91 beobachtet — und verlässt uns Oktober. Die weisse Bachstelze ist nach dem Staar unser erster Frühlingsbote. Die gelbe Bachstelze trifft bei uns Anfang April ein und verweilt bis Mitte September.
In Gemeinschaft mit den gelben Bachstelzen trifft man ziemlich häufig den Wiesenpieper, Anthus pratensis L. Er wählt zu seinem Brutplatze dieselben Lokalitäten wie die Bachstelzen. Gewöhnlich erscheint er bei uns im März und bleibt oft bis November. Einzelne bleiben sogar in gelinden Wintern ganz bei uns. Charakteristisch und dabei ein sicheres Erkennungszeichen der Art ist ihr Verhalten beim Gesange, welcher etwa „witje, witje, witje, zick, zick, zick, jück, jück, jück, tirrrirrr“ lautet. Plötzlich erhebt sich der Pieper singend einige Meter in die Höhe und fällt ebenso rasch wieder zur Erde, um auf einem Carex- oder Scirpus-Büschel den Gesang fortzusetzen oder zu vollenden.
Von den Lerchen kommt für unser Gebiet nur die durch ihren jubilierenden herrlichen Gesang bekannte Feldlerche, Alauda arvensis L., insoweit in Betracht, als sie ziemlich häufig als Brutvogel auf den Flussinseln anzutreffen ist. Sie erscheint oft schon Mitte Februar und verkündet dann durch ihre schmetternden Lieder das Neuerwachen des Frühlings. Sie verlässt uns Ende Oktober oder zu Beginn des November.
Von den Ammern suchen auch einige zu ihrem Brutplatze die Nähe der Gewässer auf. So findet sich auf den Weserinseln gar nicht selten die Grauammer, Emberiza miliaria Bp. Ihr Nest ist meist tief versteckt in den Grasbüscheln angelegt; auf dem Festlande dagegen wählt sie mit Vorliebe die Getreidefelder zu ihrem Nistplatze. Wenn man im Frühjahre die grösste unserer Ammern auf irgend einem Weidenstumpfe sitzen sieht und das ziemlich eintönige „zick, zick, zick, sirrrr“ hört, so kann man sicher sein, dass in gar nicht zu grosser Entfernung sich das Nest befindet. Fast ausschliesslich an Gräbenufern nistet die bekannte Goldammer, „Gälgöschen“, Emberiza citrinella L. Der Gesang „si, si, si, si, siiiih“ unterscheidet sie sofort, ohne dass man den Vogel zu sehen braucht, von der Grauammer. Stets schlägt ihren Wohnsitz die Rohrammer, Rohrsperling oder Reithlüning, Emberiza schoeniclus L., in der Nähe der Gewässer auf. Das sehr verborgene Nest findet man in Carex-Büscheln. In demselben trifft man Anfang Mai fünf bis sechs rötlich weisse Eier, deren ganze Schale mit braunroten Strichen und grösseren Flecken bedeckt ist. Während die beiden erstgenannten Ammern den Winter über bei uns bleiben und uns nur einzeln bei sehr strenger Kälte verlassen, wohl auch nur etwas südlicher streichen, um bei der nächsten gelinden Witterung sich wieder bei uns einzustellen, verlässt uns die Rohrammer gewöhnlich schon Ende September, erscheint aber im März wieder auf der Bildfläche. In gelinden Wintern bleiben dann und wann auch wohl einzelne Pärchen hier.
Ganz einzeln trifft man auch den Hänfling, „Grauiserken“, Fringilla cannabina Bp., auf den Flussinseln an, welche viel hohes Gestrüpp haben. Auch der Feldsperling, Weidenspatz, Passer montanus Koch, ist als Brutvogel auf den Inseln zu finden, wo alte Weidenstümpfe, die er zu seinem Nistplatze wählt, stehen. Der Hänfling ist den ganzen Winter hindurch auf den Inseln, Platen und an den Flüssen anzutreffen, wenn kein Schnee fällt; ein Teil derselben verlässt uns im September und kehrt im ersten Frühjahre, im März, zurück. Der Feldspatz ist im ganzen Gebiete Standvogel.
Selbst die Ordnung der Hühner ist auf den grösseren, mit langem Grase bewachsenen Platen durch das Rebhuhn, Perdix cinerea Briss., vertreten. Wenn man am frühen Morgen oder gegen Abend in einem Boote an einer solchen Insel entlang fährt, so vernimmt man bald aus der nächsten Nähe, bald wieder aus weiterer Ferne den wohlbekannten Ruf des Rebhahnes „girrräk“. Noch häufiger hört man des Abends von den Inseln und Groden das „röärp, röärp“, den gewöhnlichsten Ruf des Wachtelkönigs, Crex pratensis Bechst., herübertönen. Obgleich dieser Vogel an den Flussufern und auf den Inseln ziemlich häufig ist — man kann an warmen Abenden oft drei, vier und mehr zu gleicher Zeit rufen hören —, bekommt man denselben doch sehr selten zu Gesicht, da er gewöhnlich im Grase rasch fortläuft, ohne aufzufliegen. Selbst vor dem suchenden Hunde fliegt er nicht eher auf, bis er in die Enge, etwa an einen Graben, getrieben wird. Das Nest findet man sehr selten und schwer. Die prächtigsten Gelege — zehn bis zwölf Eier von schöner graugelber Farbe mit vielen rötlich braunen Flecken —, die in meinen Besitz gekommen sind, verdanke ich ausschliesslich den Grasmähern. Der „Snarrentar“, wie er im Volksmunde nach seinem Rufe genannt wird, erscheint bei uns gewöhnlich Anfang Mai und verschwindet Anfang September.
Von den Gallinulidae treffen wir weiter auf den Inseln und an den Flussufern als Brutvögel das punktierte Rohrhuhn, Rallus porzana L.; die Wasserralle, Rallus aquaticus L.; das grünfüssige Rohrhuhn, Gallinula chloropus Lath., und das schöne, grosse Blässhuhn, Fulica atra L., an. Diese echten Wasserbewohner sind in unserm ganzen Nordwesten an und auf den grossen Flussinseln, in den undurchdringlichen Rohr- und Schilffeldern der Groden an den grösseren und kleineren Seen fast überall anzutreffen, aber äusserst schwer zu beobachten, da sie dem Auge des Naturbeobachters durch geschicktes Tauchen oder durch Verschwinden zwischen dem dichten Schilf und Rohr auszuweichen wissen. Es ist interessant, diese gewandten Schwimmer und Taucher in ihrem nassen Elemente beobachten zu können. Hat man sich unbemerkt mit dem Boote in irgend eine gedeckte Bucht oder in ein Rohrfeld gelegt, so erscheint oft, wenn das Glück günstig ist, in unmittelbarer Nähe des Bootes einer dieser munteren Vögel, aber im nächsten Augenblicke, kaum dass wir Zeit hatten, ihn auch nur halbwegs ins Auge zu fassen, verschwindet er in der kühlen Flut, schwimmt eine grosse Strecke unter der Wasserfläche fort, um oft in ganz entgegengesetzter Richtung wieder zu erscheinen; oft nimmt er sogar seinen Weg unter dem Boote durch, und im nächsten Augenblicke ist er auch schon wieder fort. Glaubt er sich erst in sicherer Entfernung, dann kann man ihn auch längere Zeit auf der Wasserfläche beobachten. Oft sieht man dann die ganze Familie, Alt und Jung, im bunten Durcheinander, bald ruhig dahinschwimmend, bald Tauchübungen anstellend, bald über die glatte Wasserfläche dahinlaufend; aber nie lassen sie dabei die nötige Vorsicht ausser Acht; bei dem geringsten verdächtigen Geräusch verschwindet die ganze Gesellschaft im nächsten Rohrfelde und lässt sich für lange Zeit nicht wieder blicken. Auch im Bau ihrer Nester, welche sehr versteckt und meist nach dem Wasser hin in den Rohr- und Binsenfeldern angebracht sind, gleichen sie sich. Auf niedergebogenem Rohr, oft auf halb schwimmendem Gestrüpp sind die ziemlich kunstlosen Nester angelegt. Die Zahl der Eier beträgt gewöhnlich acht bis zwölf. Die Gallinulidae erscheinen in unserm Gebiete Anfang Mai und verlassen uns Mitte September.
Von den Charadriidae bewohnt die Flussinseln und Groden als Brutvogel der allen bekannte Kiebitz, Vanellus cristatus Meyer und Wolf, welcher leider von Jahr zu Jahr an Zahl bedenklich abnimmt. Die Ursache dieser von Jahr zu Jahr sich steigernden Abnahme dieses nützlichen Vogels liegt in dem leidigen, unvernünftigen Eiersammeln, welches einzig den Zweck hat, den Gaumen des Gourmands zu kitzeln. Allerdings tragen auch ein gut Teil Schuld die Entwässerungsanstalten, welche in jedem Frühjahre die nassen und sumpfigen Wiesen trocken pumpen und es dadurch den Eiersammlern ermöglichen, auf die Poller und höher gelegenen Stellen, die Brutplätze des Kiebitzes, zu gelangen, um auch dort ihr Zerstörungswerk mit Erfolg zu betreiben. Der Kiebitz gehört zu unseren ersten Frühlingsboten; er erscheint gewöhnlich Mitte März und verlässt uns Ende September oder Anfang Oktober. In milden Jahren erscheint er oft schon im Februar und bleibt einzeln bis in den November. Manchmal aber, wenn sie sich zu früh hergewagt haben und Kälte und Schnee zurückkehren, müssen sie wieder flüchten und auch dabei gehen viele zu Grunde. Am 23. Februar dieses Jahres beobachtete Verfasser einen Trupp von etwa 50 Stück, welche sich trotz des vergangenen strengen Winters in unserm Nordwesten eingefunden hatten; als aber nach einigen Tagen von neuem Kälte eintrat und ziemlicher Schnee fiel, zogen sie auf einige Zeit wieder südlicher.
Mit dem Kiebitz erscheint und verschwindet fast zur selben Zeit der Flussregenpfeifer, Charadrius fluviatilis Bechst. Dieser hurtige, behende Geselle bewohnt mit Vorliebe die kahlen, kiesigen Ufer der Inseln und Flüsse und legt auch dort sein Nest an, welches sehr leicht übersehen werden kann. In einer kleinen Vertiefung fast ohne alle Unterlage liegen auf kiesigem Grunde drei bis vier graugelbe, mit dunkelgrauen Punkten und Strichen ausgestattete Eier, welche in ihrer Färbung so sehr der Umgebung ähneln, dass man oft, wenn man das Nest gefunden, es auch schon wieder aus den Augen verloren hat und von neuem suchen muss. So ging es am 18. Mai dieses Jahres dem Verfasser, der, kaum zwei Fuss vom Neste entfernt, es erst nach längerem scharfen Umhersehen wieder entdeckte.
Der Rotschenkel, Totanus calidris Bechst., welcher sich in grosser Zahl als Brutvogel an unseren Nordseeküsten findet, wird auch einzeln als solcher an den Ufern der Flüsse und auf den Flussinseln beobachtet. Er erscheint bei uns Mitte Mai und verlässt uns Anfang September. Häufiger als den Rotschenkel kann man an den sandigen Ufern als Brutvogel den Flussuferläufer, Actitis hypoleucos Brehm beobachten, derselbe erscheint im März und bleibt bis zum Oktober. Auf den feuchten, kurzgrasigen Wiesen unserer Flussniederungen stellt sich in ziemlich grosser Individuenzahl der durch seine possierlichen Kapriolen bekannte Kampfhahn, Machetes pugnax Cuv. ein. Stundenlang kann man, wenn ein Gestrüpp oder ein Grabenufer uns die nötige Deckung giebt, diesem tollen Treiben des Streithahns oder Streitvogels zusehen. Bei diesen sogenannten „Kämpfen“, die besonders zur Paarungszeit häufig sind, nimmt er die wunderbarsten Stellungen ein, sträubt sein Gefieder bald so und im nächsten Augenblick wieder anders. Sie stürzen auf einander los, vorwärts, rückwärts, und scheinbar mit einer solchen Wut, dass der uneingeweihte Beobachter glauben muss, keiner verlasse lebend den Kampfplatz; indessen scheint es mehr eine Spiegelfechterei zu sein, denn sie lassen kaum Federn dabei und nach einiger Zeit, wenn sie des Kampfes müde sind, eilen sie vergnügt von dannen, um sich für ein späteres Turnier, deren man täglich mehrere beobachten kann, wieder zu stärken. Das Nest, welches im Bau sowohl wie im Aussehen dem des Kiebitzes ähnlich ist, befindet sich in einer kleinen Vertiefung, einer Kuhspur oder dergleichen, und ist mit wenig Grashälmchen ausgelegt. Nach beendigtem Paarungsgeschäfte verlassen uns schon meistens die Männchen und ziehen an die Meeresküste, während die Weibchen und Jungen bis zum September an ihren Brutplätzen verweilen. Im März treffen sie wieder zusammen an letzteren ein.
Auf den feuchten, mit kleinen Wasserläufen durchzogenen Wiesen der Inseln der Aussendeichsländereien und Groden, auf den Dobben und Platen treffen wir in ziemlicher Zahl als Brutvögel die einfache Bekassine, auch „Häwelamm“ oder „Bäwerbuck“ genannt, Scolopax gallinago L., und die Doppelbekassine, Scolopax major L., an. Unter Dobben versteht man beweglichen Moorboden, der oben durch eine Grasnarbe bedeckt und ziemlich fest, weiter nach unten aber noch weich ist. Beim Betreten solchen Bodens bewegt sich die ganze Fläche und der auf diesem Boden Unbekannte bricht sehr leicht ein; es bedarf einer besondern Geschicklichkeit, darüber hinwegzugehen. Pferde, welche ihn betreten wollen, bekommen Holzschuhe angeschnallt, und die Räder der Wagen werden, damit sie nicht einschneiden und dann versinken, mit dicken, gedrehten Strohseilen umwickelt. An warmen Frühlingsabenden macht sich die einfache Bekassine durch ihr eigentümliches Gemecker, dem einer Ziege nicht unähnlich, daher „Häwelamm“, „Himmelsziege“ genannt, welches sie nur im Fluge vernehmen lässt, bemerkbar. An einzelnen Moorseen ist dieser, von Feinschmeckern sehr geschätzte Vogel oft zu hunderten anzutreffen, so am Balk-See, einem inmitten des unwirtlichen Moores bei Cadenberge unweit der niederelbischen Bahn gelegenen grossen Moorsees, dessen Ufer von grossen Dobbenfeldern gebildet werden. Auf solch sumpfigen Wiesen in der Mitte eines Carex-Busches findet sich das sehr schwer zu entdeckende Nest. Die gemeine Bekassine erscheint bei uns oft schon im März und bleibt bis zum November. Die Doppelbekassine kommt erst im April und geht schon im September.
Anfang Mai erscheint ebenfalls auf den feuchten Flussniederungen die Pfuhlschnepfe, Limosa melanura Leisler, um dort ihr Brutgeschäft zu verrichten; sie verlässt uns gewöhnlich schon Anfang September. Auch die grosse Rohrdommel, Botaurus stellaris Briss., „Iprump“ nach ihrem unheimlich klingenden Rufe „üü — prump“ so genannt, ist als vereinzelter Brutvogel der Flussinseln aufzuzählen. Es hält schwer, dieses stattliche Tier zu Gesicht zu bekommen, da es durch eine eigentümliche List sich dem Auge des Beobachters zu entziehen weiss. Bemerkt die Rohrdommel einen Feind in ihrer Nähe, so richtet sie sich gerade auf, zieht den Hals ein, streckt Kopf und Schnabel senkrecht in die Höhe und bleibt in dieser Stellung unbeweglich stehen, bis die Gefahr vorüber ist. In dem Weidengebüsch, in welchem sie sich gern aufhält, gleicht sie in dieser Stellung, wobei ihr die Färbung ihres Gefieders, welche mit der Umgebung grosse Ähnlichkeit hat, sehr zu statten kommt, täuschend einem alten abgebrochenen Weidenstumpfe. Die Rohrdommel erscheint im April auf ihrem Brutplatze und zieht Ende September wieder von dannen.
Aus der Ordnung der Schwimmvögel treffen wir zunächst an unseren süssen Gewässern einige Entenarten als Brüter an. Da mag zuerst die Löffelente, Rhynchaspis clypeata L., erwähnt werden, welche im dichten Rohr, umgeben von Wasser, ihr verstecktes Nest anlegt; ferner die Knäckente, Anas querquedula L., die Krickente, Anas crecca L., und die gemeine wilde Ente, auch Stockente genannt, Anas boschas L., gehören zu den häufigeren Arten der Entensippschaft, welche an den süssen Wassern brüten. Die Enten erscheinen auf dem Frühjahrszuge meist im März und ziehen Oktober wieder fort. Einzelne Exemplare von boschas und crecca trifft man fast den ganzen Winter an den Gewässern an und diese verlassen uns nur dann, wenn auch die letzten offenen Stellen der Flüsse und Seen mit einer Eisdecke verschlossen sind.
An dem in Betracht kommenden Gebiete trifft man von den Pelecanidae im Binnenlande einzeln die Kormoran-Scharbe, Halieus Carbo Ill., als Brutvogel an. Im Nordwesten Deutschlands ist nur eine Kolonie dieses der Fischerei sehr schädlichen Vogels bekannt und zwar im Lüneburgischen an der Elbe. Der Kormoran legt seinen Horst, entgegen der Gewohnheit der anderen Schwimmvögel, auf Bäumen an, benutzt aber gewöhnlich die Nester der Reiher und Raben für sich, wobei sich häufig ein hartnäckiger Kampf zwischen diesen und jenen entspinnt. Trotz seiner grossen Schwimmfüsse bäumt der Kormoran sehr geschickt auf und weiss sich ganz sicher auf den Ästen zu benehmen.
Wenn der eigentliche Aufenthaltsort der Seeschwalben und Möven auch das salzige Meer, die Watten und die Inseln des Meeres sind, so giebt es doch eine Reihe Arten davon, welche vorziehen im Binnenlande an den süssen Gewässern sich aufzuhalten und dort ihr Heim einzurichten. Es sind dies die Küstenmeerschwalbe, Sterna macrura Naum.; die Flussmeerschwalbe, Sterna hirundo L.; die kleine Seeschwalbe, Sterna minuta L., und die schwarze Seeschwalbe, Sterna nigra Briss., und von den Möven die Lachmöve, Larus ridibundus L. Ihre Nester, welche, fast ohne jegliche Unterlage, nur aus einer kleinen Vertiefung bestehen, finden sich auf den kiesigen, sandigen Stellen an den Gewässern und sind sehr schwer von der Umgebung zu unterscheiden, da die Plätze gewöhnlich alles Pflanzenwuchses entbehren. Im Winter bleiben immer einzelne dieser geschickten Segler bei uns, wenn auch als gewöhnlich anzunehmen ist, dass sie im März in grösseren Scharen erscheinen und uns im Oktober verlassen.
Endlich mögen noch zwei Brutvögel der Binnengewässer aufgezählt werden. Es sind dies der grosse Lappentaucher, auch Kronentaucher genannt, Podiceps cristatus L., und der kleine Lappentaucher, welcher im Volksmunde den etwas derben Namen „Pärködel“ führt, Podiceps minor L. Ersterer ist auf fast allen unseren Seen ein gemeiner Brutvogel. Schon von ferne hören wir seinen lauten Ruf „koar, koar, koar“ über die Wasserfläche zu uns herüberschallen, ehe man den geschickten Schwimmer und Taucher zu Gesicht bekommt. Er ist ein äusserst scheuer und schlauer Vogel, der seinen Beobachter immer in respektabler Entfernung hält; kommt man ihm trotzdem unvermerkt zu nahe, so verschwindet er plötzlich unter der Wasserfläche und erscheint weit weg nur mit dem Kopfe über derselben, um schon im nächsten Augenblicke von neuem zu verschwinden. Dieses Experiment wiederholt er so häufig, bis er sich wieder sicher fühlt. Einen Jäger lässt er daher sehr selten in Schussnähe kommen. Wird der Taucher angeschossen, und ist der Schuss nicht gleich tödlich, so taucht er fort und hält sich am Grunde des Gewässers am Rohr und Schilf fest, um nicht wieder an die Oberfläche zu kommen. Binsenschneider am Dümmersee brachten dem Verfasser, welcher sich zu der Zeit am See aufhielt, ein Exemplar des Kronentauchers, welcher am Vormittage von einem Herrn angeschossen war, ohne dass er ihn bekommen hatte. Das Exemplar hatten dieselben beim Schneiden mit herauf gebracht. Es hatte noch die Binse, an welcher es sich festgehalten hatte, im Schnabel, und dieselbe auch im Todeskampfe nicht losgelassen. Der kleine Taucher ist ebenso geschickt im Schwimmen und Tauchen, wie sein grösserer Vetter. Das Nest der Taucher ist fast immer frei auf der Wasserfläche zwischen Rohr befindlich und an einzelnen Stengeln befestigt, damit es vom Winde nicht fortgetrieben wird. Die Nester sind äusserst schwer aufzuspüren, da man nur von der Wasserseite mit dem Boote an die Rohr- und Binsenfelder gelangen kann, in welchen sie angelegt sind.
Im vorhergehenden ist versucht worden, dem Naturbeobachter in kurzen Zügen ein Bild zu entwerfen von den Brutvögeln, welche derselbe auf Flussinseln, an den Ufern der Flüsse und Seen aufzufinden vermag. Es ist damit aber nicht beabsichtigt, ein genaues, vollständiges Verzeichnis aller an den in Frage kommenden Lokalitäten brütenden Vögel zu geben; im wesentlichen sind die häufigeren und am meisten ins Auge fallenden Arten berücksichtigt, welche den Nordwesten unseres Vaterlandes bewohnen. Im östlichen und südlichen Deutschland finden sich noch einzelne Arten, welche nicht erwähnt worden sind. Auch im folgenden hat Verfasser vorwiegend die Bewohner der Gewässer unseres Nordwestens im Auge gehabt. Wenn bei manchen Vögeln Angaben über Brutzeit, über Eintreffen und Verschwinden an ihren Nistplätzen gemacht worden sind, so beziehen sich dieselben ebenfalls auf Beobachtungen, welche im Nordwesten angestellt worden sind.
Ist schon das Gesamtbild unserer befiederten Freunde zur Brutzeit ein buntes und mannigfaltiges, so gestaltet es sich noch viel reicher im Frühjahrs- und Herbstzuge, ja manchmal erhält das Bild ein ganz fremdartiges Aussehen; denn da erscheinen an unseren süssen Gewässern Gäste, die sonst nur im hohen Norden, am Meere oder anderen uns fern liegenden Orten anzutreffen sind. Es soll im folgenden versucht werden, dem Naturfreunde auch davon ein kleines, also nicht auf Vollständigkeit Anspruch machendes Bild zu entwerfen. Durchwandern wir im Geiste noch einmal die Vogelwelt und beginnen wir von neuem mit den Raubvögeln, so finden wir gar nicht selten zur Zugzeit auf den grossen Wasserflächen den Seeadler, Haliaëtos albicilla Leach, der besonders häufig erscheint, wenn viele wilde Gänse zur Herbstzeit in den Flussniederungen sich länger aufhalten. Im Volksmunde wird er deshalb gewöhnlich mit „Goosarnt“ bezeichnet. Der Fischadler, Pandion haliaëtos Less.; der Bussard, Buteo vulgaris Bechst.; die Gabelweihe, Milvus regalis Briss.; selbst der Wanderfalke, Falco peregrinus L.; der Baumfalke, Falco subbuteo L.; der Turmfalke, Falco tinnunculus L.; selbst der Hühnerhabicht, Astur palumbarius Briss., und der Sperber, Astur nisus K. und Bl., halten sich vorübergehend mit Vorliebe auf den Flussinseln und Flussniederungen auf, weil ihnen dort der Tisch reichlich und bequem gedeckt ist; ganz besonders finden sie zur Herbstzeit dort an Staaren und Feldmäusen reichliche Nahrung.
Der Mauersegler, Cypselus apus L.; die Haus- und Rauchschwalbe, Hirundo urbica L. und rustica L., halten sich, bevor sie fortziehen, eine Zeit lang an unseren Flüssen und in den Niederungen auf, um sich zu grossen Scharen dort zu versammeln. Ende September oder Anfang Oktober kann man Tausende dieser leicht beschwingten Flieger an den oben erwähnten Lokalitäten antreffen, bis sie auf einmal über Nacht fortgezogen sind.
Während des Herbstzuges sind auf den Platen die Blaumeise, Parus coeruleus L., der Krammetsvogel, Turdus pilaris L., und die Weindrossel, Turdus iliacus L., gar nicht selten anzutreffen. Selbst der grosse Würger, Lanius excubitor L., erscheint einzeln auf den alten Weidenstümpfen, um sich nach einem leckeren Mahle umzusehen. Der Volksmund hat ihn sehr treffend mit „Radäkster“ bezeichnet. In seinem Äussern hat er eine entfernte Ähnlichkeit mit der Elster und er macht an freistehenden Zweigen oft radförmige Bewegungen. Dieser im Fliegen ziemlich ungeschickte Räuber sucht seine Beute zu überlisten. Er sitzt bald auf den Zweigen, bald hängt er mit halbausgebreiteten Flügeln unter denselben, bald macht er radförmige Bewegungen um dieselben. Die kleinen arglosen Vögel werden durch dieses wunderliche Gebahren herangelockt, setzen sich auf die benachbarten Sträucher, oft ganz in seine Nähe, um diesem tollen Treiben zuzusehen, und im unbemerkten Augenblicke werden sie von diesem arglistigen Räuber gefangen. Seine erwischte Beute spiesst er oft auf Dornen, um sie dann stückweise und nach Bedarf zu verzehren.
Auch die Familie der Finken schickt ihre Vertreter an die Gewässer. Auf dem Frühjahrszuge bemerken wir den Flachsfinken, Acanthis linaria Bp.; zur Herbstzeit treffen wir den Berghänfling, Linota montium Bp.; ebenso den Stieglitz, den muntersten und schönsten seiner Sippschaft, Carduelis elegans Steph.; den ungeschickten, im Baue etwas plumpen Grünling, Chlorospiza chloris Bp.; selbst „Jochen“, der wohl mit Unrecht so sehr gescholtene Strauchdieb und Gassenbube, der Sperling, Passer domesticus Koch, dem sogar der Ausrottungskrieg angekündigt werden soll, mischt sich unter die Gäste auf den Inseln und Platen. Wenn man aber diesen, allerdings bei vielen gehassten munteren und kecken Burschen während der Brütezeit beobachtet, wie er von Zweig zu Zweig, von Blatt zu Blatt, von Blüte zu Blüte die Obstbäume absucht, um die heisshungrigen Jungen zu befriedigen, die er fast ausschliesslich mit Kerbtieren und deren Larven füttert, dann muss man ihm doch wohl etwas freundlicher gesinnt werden, denn der Nutzen, den er dadurch unseren Obstgärten zuwendet, ist jedenfalls ein recht bedeutender und hebt gewiss einen grossen Teil seines Schadens auf. Nehmen sie zu sehr überhand und fügen sie später den Kornfeldern und Erbsenäckern zu grossen Schaden zu, so möge man sie im Herbste dezimieren, aber jedenfalls nicht zur Brutzeit, denn dann gerade stiften sie Nutzen. Ebenso thöricht ist es, die junge Brut zu zerstören, die gerade der Kerbtiere zu ihrer Nahrung bedarf.
Zu Tausenden und Abertausenden sind die Staare, Sturnus vulgaris L., im Spätsommer und zur Herbstzeit in den Flussniederungen, in den Rohrfeldern an Flüssen und Seen nach beendigtem Brutgeschäfte anzutreffen. Gegen Abend sieht man sie in dichten Wolken, bald nahe über dem Boden, bald hoch durch die Lüfte umherziehen, dann in die grossen Rohrfelder einfallen, um dort ihre Nachtruhe zu halten.
Ganz buntfarbig ist zur Herbstzugzeit das Bild der Sumpf- und Schwimmvögel. Da treffen wir den nordischen Kiebitzregenpfeifer, Squatarola helvetica Cuv.; den Goldregenpfeifer, Charadrius pluvialis L.; den Halsbandregenpfeifer, Pluvialis hiaticula Briss.; den gravitätisch einherstolzierenden Austernfischer, Haematopus ostralegus L.; die rasch über die Sandflächen dahintrippelnden Wasserläufer, Totanus glottis Bechst., Totanus fuscus Leisl., Totanus glareola Temm., Totanus ochropus Temm.; die zierlichen, blitzschnellen Strandläufer, Tringa subarquata Temm., Tringa alpina L., Tringa minuta Leisl. und Tringa Temminckii Leisl. Auch die stumme Bekassine, Telmatias gallinula Boie, gesellt sich hinzu.
Truppweise in Flügen zu dreien und vieren besuchen im August und September auch die „Unwährsvögel“, Numenius arquata Latham, ihr Flussrevier. Im Volksmunde führt dieser Vogel den Namen „Gütvoagel“ nach seinem eintönigen Rufe, der etwa wie „tlaüd, tlaüd“ klingt, oder „Unwährsvoagel“; denn meistens, wenn diese Vögel abends ziehen und ihren weitklingenden Ruf ertönen lassen, giebt es schlechtes Wetter, Unwetter. Ganz besonders zahlreich erscheinen zur Zugzeit die Gänse, Anser cinereus W. u. M., die Graugans, und Anser segetum Bechst, die Saatgans — vereinzelt findet sich auch darunter die Blässgans, Anser albifrons Gm., und die Ringelgans, Bernicla brenta Pall. — in den Flussniederungen und es wird in manchen Jahren eifrig Jagd auf die sehr scheuen Tiere gemacht. Doch selten wird in den Ebenen die Jagd mit Erfolg gekrönt, da die ausgestellten Posten den Jäger gewöhnlich viel zu früh wittern. Ehe derselbe zum Schuss kommen kann, geht die ganze Schar auf und davon. Günstiger ist der Erfolg, wenn mehrere Jäger sich verabreden und eine solche Fläche, auf welcher sich ein Gänseschwarm niedergelassen hat, unbemerkt umstellen können; dann treten plötzlich an der einen Seite die Jäger vor, die Gänse streichen sofort nach der entgegengesetzten Richtung ab und kommen nun den dort versteckt stehenden andern in die Schusslinie.
Sehr zahlreich erscheinen auch im Herbst die Vertreter der Entenfamilien. Da können wir an unseren Gewässern beobachten die schöne Brand-, Fuchs- oder Höhlenente, Vulpanser tadorna Pall.; die Schnatterente, Anas strepera L.; die Spiessente, Anas acuta L.; die Pfeifente, Anas Penelope L.; die Tafelente, Fuligula ferina L.; die Reiherente, Fuligula cristata Ray; die Bergente, Fuligula marila L.; die schöne Schellente, Glaucion clangula K. u. Bl.; die Eisente, Harelda glacialis Leach, und die stattliche Trauerente, Oidemia nigra Flemm. An manchen Flüssen und Inseln werden zur Zugzeit in eigens dazu angelegten Entenfängen oder in Entenhütten Hunderte dieser schmackhaften Schwimmvögel erlegt und liefern den Uferbewohnern eine nahrhafte und billige Fleischspeise. Auch der kleine Säger, Mergus albellus L.; der grosse Säger, Mergus merganser L., und der mittlere Säger, Mergus serrator L., erscheinen zur Herbstzeit auf den Binnengewässern. Einzelne Möven, Rissa tridactyla Leach, die dreizehige Möve; Larus canus L., die Sturmmöve; Larus argentatus Brünn., die Silbermöve — letztere fast nur im Jugendkleide —; ganz vereinzelt die grosse, stattliche Mantelmöve, Larus marinus L., und die mittlere Raubmöve, Lestris pomarina Temm., halten sich vorübergehend an unseren Binnengewässern auf. Und endlich trifft man auch noch den rotkehligen Taucher, Eudites septentrionalis Ill.; den Polartaucher, Eudites arcticus Ill., sowie den gehörnten Lappentaucher oder arktischen Steissfuss, Colymbus cornutus L., zur Herbstzeit auf den grösseren, mit Rohr bewachsenen Binnengewässern und Flüssen an.
Nachdem wir so in der Ornis Umschau gehalten haben nach dem, was der Naturfreund an Flüssen und Seen, auf Inseln und Groden von der befiederten Welt antreffen kann, wollen wir im Folgenden die Kaltblüter Revue passieren lassen. Die Klasse der Reptilien ist bald abgefertigt, denn hier kann es sich höchstens um ein Tier handeln, welches in dem oben bezeichneten Gebiete vorkommt. Es ist die europäische Sumpf-Schildkröte, Emys europaea Gray, welche in den Seen und Flussgebieten des baltischen und karpatischen Höhenrückens in Sachsen, Schlesien, Mecklenburg, Brandenburg u. s. w. gelegentlich, aber nicht gerade sehr häufig, vorkommt. Ihre Verbreitung im nördlichen Deutschland mag eine grössere sein, als augenblicklich allgemein angenommen wird, da sie sich durch ihre versteckte Lebensweise — am Grunde der Gewässer — dem Beobachter entzieht. Meistens wird in den bekannten Gebieten ihr Vorkommen durch frei auf der Wasseroberfläche schwimmende Fischblasen verraten. Ihre Nahrung besteht vorwiegend aus Fischen und ist sie daher der Fischzucht sehr schädlich. Die Vermehrung geschieht durch Eier, welche das Weibchen ausserhalb des Wassers im Mai in selbstgegrabenen kleinen Gruben ablegt. Aus dem Ei entwickelt sich das vollkommene Reptil ohne Metamorphose.
Die Amphibien gehören sämtlich dem Süsswassergebiete an, wenigstens zur Paarungszeit und in ihrem Kaulquappenzustande. Von den fünf deutschen Froscharten, dem braunen Grasfrosch, Rana fusca Rösel; dem Moorfrosche, Rana arvalis Nilsson; dem grünen Wasserfrosche, Rana esculenta L.; dem Seefrosche, Rana fortis Boulenger, und dem Springfrosche, Rana agilis Thomas, ist der letztere im nördlichen Deutschland noch nicht nachgewiesen worden. Ihren Laich legen sie klumpweise ab und sind auch nur dann, während der Begattungszeit, zahlreich bei einander und leicht zu fangen. Sie lassen sich bei der Begattung, ohne sich zu lösen, aus dem Wasser heben, ja zwei Pärchen von Rana arvalis, welche Verfasser in Spiritus abtötete, liessen auch im Tode nicht von einander und zieren jetzt in dieser Stellung die städtischen Sammlungen in Bremen.
Bedeutend schwieriger ist die Geburtshelferkröte, Alytes obstetricans Wagl., zu beobachten. Diese Art lebt das ganze Jahr hindurch in tiefen Erdlöchern, aus denen sie spät abends zum Vorschein kommt, und nur auf ganz kurze Zeit begiebt sich das Männchen ins Wasser, um die um die Hüften gewickelte Eierschnur, aus welcher dann sehr bald die jungen Larven ausschlüpfen, abzustreifen. Am leichtesten findet man ihre Verstecke, wenn man abends sich genau den Ort merkt, von welchem der helle, flötenartig klingende Ruf, der an den Ton, welcher durch Anschlagen an eine Glasglocke hervorgebracht wird, erinnert, herüberschallt, und nun am folgenden Tage die Erdhöhlen, Spalten, Steinhaufen u. s. w. in dem betreffenden Reviere untersucht.
Auch die Knoblauchkröte, Pelobates fuscus Wagl., ist schwer zu beobachten, da sie den Tag über versteckt in der Erde lebt und nur zur Nachtzeit hervorkommt. Zur Paarungszeit im April geht sie ins Wasser und man trifft dann, wenn man einen solchen Laichplatz einmal ausgekundschaftet hat — sie wählen alljährlich denselben Laichplatz wieder —, immer eine grössere Anzahl beisammen, aber fast immer am Boden der Gewässer. Ihren Laich setzen sie schnurweise ab. Die Larven dieser Art sind von allen Anuren-Larven die grössten und erreichen etwa die Länge eines Decimeters. Schon an den Larven, die mit denen keiner anderen Art verwechselt werden können, lässt sich die Spezies identifizieren.
Die beiden Feuerkröten, Bombinator pachypus Bonap., mit gelbem Bauch und schwarzen Flecken, und Bombinator bombinus L., mit blauschwarzem Bauch und fast zinnoberroten Flecken, legen wie die Frösche ihren Laich klumpweise ab, sind auch fast ausschliesslich Wassertiere. Man findet sie mehr in gebirgigen Gegenden als in der Ebene, besonders in lehmhaltigen Tümpeln, welche sie, sobald sie sich beobachtet sehen, durch Aufwühlen des Bodens trübe machen und sich dadurch dem Auge des Beobachters entziehen.
Die bekannten Vertreter aus der Familie der Bufoniden sind die gemeine Kröte, volkstümlich „Ütze“, auch „Pädde“ genannt, Bufo vulgaris Laur.; die Kreuzkröte, Bufo calamita Laur., und die Wechselkröte, Bufo variabilis Pall. Nur zur Laichzeit trifft man sie zahlreich beisammen in stehenden Gewässern und vernimmt dann schon aus der Ferne ihren Unkengesang. Die Laichzeit beginnt oft schon im April und dauert gewöhnlich nur kurze Zeit; einzeln trifft man sie auch noch im Mai in der Begattung. Mit Vorliebe wählen sie mit Rohr bewachsene Tümpel und Gräben und man kann in denselben den Laich, welcher in Schnüren abgesetzt wird, um die Stengel geschlungen sehen. Bei Bufo vulgaris erreichen die Laichschnüre oft eine Länge von einigen Metern, die einzelnen Eier (oft mehrere Tausend) sind etwas schräg gestellt und dreireihig angeordnet. Beim Absetzen der Eier wird die Schnur bedeutend ausgedehnt und erscheint sie dann oft zwei-, ja sogar nur einreihig. Die jungen Kaulquappen schlüpfen gewöhnlich nach vierzehn Tagen aus und man trifft sie dann zu Tausenden im Wasser umherschwimmend. Die Eier in der 3–4 m langen Laichschnur von Bufo variabilis Pall. sind spiralig angeordnet und erscheinen daher bei einer oberflächlichen Betrachtung, als ob sie regelmässige Dreiecke bildeten. Bufo calamita Laur. setzt eine zweireihige dünne Laichschnur ab.
Aus der Abteilung der Discodactylia gehört schliesslich noch hierher der gemeine Laubfrosch, Hyla arborea L. Dieses muntere und zierliche Tier trifft man gewöhnlich nur einzeln auf den Blättern von Bäumen und Sträuchern an. Er weiss seine Farbe aber dem Blatte, auf welchem er sitzt, so anzupassen, dass er in den meisten Fällen von dem Beobachter übersehen wird. Anfang Mai jedoch, zur Paarungszeit, trifft man sie in grösserer Zahl bei einander und mit Vorliebe wählen sie alljährlich denselben Laichplatz wieder. Es sind gewöhnlich flache, etwas lehmige Tümpel, in denen sie ihren Laich, wie die echten Frösche, klumpweise absetzen, und auch nach beendeter Laichzeit trifft man sie dann noch einige Tage an den Ufern im Grase oder auf dem unmittelbar am Wasser stehenden Gesträuch.
Lassen wir nun auch noch die Urodelen, welche ebenfalls zur Laichzeit unsere süssen Gewässer bewohnen, im Geiste an uns vorüberziehen. Wir bemerken da zuerst den stattlichsten aller Molche, den Feuersalamander, Salamandra maculosa Laur. In den feuchten gebirgigen Teilen unseres Vaterlandes trifft man diesen langsamen, plumpen Molch zur Abendzeit gar nicht selten an. Viel schwieriger ist er in unseren Ebenen, von wo auch einzelne Aufenthaltsorte bekannt sind, aufzufinden. Bei uns treffen wir ihn nur in den allersumpfigsten dunkeln Wäldern und dort nur unter oder in alten halb vermoderten Baumstümpfen. Das Verbreitungsgebiet im Nordwesten ist ein eigentümliches. Bekannt ist er z. B. aus einzelnen feuchten Waldungen der Geest, welche auf der Wasserscheide zwischen Ems und Weser sich befinden. Aus dem Gebiete zwischen Weser und Elbe dagegen ist bislang kein Fundort bekannt. Es ist möglich, dass sein nächtliches und verstecktes Leben in den feuchten Wäldern, denn nur diese kommen für unsere Ebene in Betracht, ihn bislang noch vor dem weiteren Auffinden in unserm Nordwesten bewahrt hat. Aus den Eiern, welche in Waldtümpeln im Mai abgesetzt werden, schlüpfen die fast völlig ausgebildeten Larven aus.
Eine ebenfalls eigentümliche Verbreitung haben die Tritonen speziell in unserm Nordwesten. Die vier bekannten deutschen Arten sind sämtlich hier vertreten. Es sind der grosse Kammolch, Triton cristatus Laur.; der kleine Wassermolch, Triton taeniatus Schneider; der Alpenmolch, Triton alpestris Laur., und der Schweizermolch, Triton helveticus Razoumowsky. Die beiden ersten finden sich zur Laichzeit im April fast in jedem lehmigen Graben und Tümpel. Triton alpestris Laur. dagegen ist nur ziemlich häufig an einzelnen Orten der Oldenburger Geest; zwischen Weser und Elbe ist er nicht sicher nachgewiesen; aus dem Hamburger Gebiete dagegen ist er wieder bekannt. Noch eigentümlicher ist die Verbreitung unseres Triton helveticus Razoum. Von demselben hat Verfasser nur einen Fundort, und zwar auf der rechtsseitigen Wesergeest, aufzufinden vermocht, obgleich zur Laichzeit seit fast zwei Dezennien viele Lokalitäten nach diesem seltenen Gaste durchsucht sind. Der fadenförmige Schwanzanhang, sowie die starken Schwimmhäute der Hinterfüsse des Männchens und die Mittelleiste des Rückens statt des Flossensaumes bei den anderen Arten sind so charakteristische Unterscheidungsmerkmale, dass er bei aufmerksamem Beobachten gar nicht mit den anderen verwechselt werden kann. Die Tritonen legen ihre Eier gewöhnlich im April, in milden Frühjahren oft schon im März, einzeln an Pflanzen, Laub, Stengeln u. dergl. im Wasser ab. Die Larven haben ihre volle Entwickelung gewöhnlich Ende des Sommers erreicht, alsdann verlieren sie auch die äusseren Kiemen, oft trifft man aber auch noch im Winter und im folgenden Frühjahre vollständig ausgebildete Tritonen mit den äusseren Kiemen. Verfasser traf in einem Tümpel fast alljährlich zur Laichzeit im April 6 bis 10 cm lange Exemplare von Triton cristatus Laur. mit noch vollständig ausgebildeten äusseren Kiemen.
Den deutschen Süsswasserfischen und ihren Lebensverhältnissen ist in diesem Bande schon eine eingehende Abhandlung gewidmet. Wenn im folgenden auch noch wieder von den Fischen die Rede sein soll, so geschieht es nur zu dem Zwecke, dem Naturbeobachter auch hier ein Bild einer lokalen Fischfauna des süssen Wassers zu geben, um daran zu zeigen, welche Arten an bestimmten Lokalitäten zu finden sind. Zuerst möge das Bild einer Flussfischfauna, sodann das eines Geestsees und endlich das eines Moorsees folgen. Der Fischreichtum in unserer Weser — ich habe dabei das Gebiet etwa eine Meile unter- und oberhalb Vegesack im Auge — ist ein ziemlich bedeutender. Von den Barschen finden sich ziemlich häufig der Flussbarsch, Perca fluviatilis L., sowie der Kaulbarsch, Acerina cernua Cuv. In grossen Mengen ist im Frühjahre in allen Buchten der gemeine Stichling, Gasterosteus aculeatus L., zu beobachten. Ebenso wird recht häufig die schmackhafte Quappe, Lota fluviatilis Bl., gefangen. Von den Pleuronectae ist Platessa flesus, der kleine Wasserbutt, fast nur im ersten Jugendstadium, etwa 2–4 cm gross, vorhanden. Einzeln kommen auch den Weserfischern der Karpfen, Cyprinus carpio L., die Karausche, Carassius vulgaris L., die Schleihe, Tinca vulgaris Cuv., und die Barbe, Barbus fluviatilis Cuv., ins Netz. Letztere gehört allerdings mehr dem oberen Flussgebiete der Weser an. Zwischen den einzelnen Schlengen und in den flachen Ausbuchtungen ist sehr häufig der zierliche Gründling, Gobio fluviatilis Cuv., zu finden. Zu den gewöhnlichsten und am meisten von den Fischern gefangenen Fischen gehören der Alander, Leuciscus Idus Selys-Long., der Rotflossen, Leuciscus erythrophthalmus Valenc., der Döbel, Leuciscus Dobula Valenc., das Rotauge, Leuciscus rutilus Agassiz, der Bresen, Abramis Brama L., und der Schnäpel, Abramis vimba L. Auch wird einzeln der Lachs, Trutta salar L., und die Lachsforelle, Trutta trutta L., gefangen. In grossen Zügen erscheint im Januar, Februar und auch noch im März der Stint, Osmerus eperlanus Art. An Individuenzahl hat in den letzten Jahren der Tielemann, Corregonus oxyrrhynchus L., bedeutend abgenommen, ebenso der Maifisch, Alosa vulgaris Cuv. Letzterer wird jetzt viel weiter weserabwärts gefangen. Häufige Bewohner der Weser dagegen sind der Hecht, Esox lucius L., und der Aal, Anguilla anguilla L. — Alljährlich wird in einzelnen, oft recht stattlichen Exemplaren auch der Stör, Acipenser sturio L., gefangen. Von den Rundmäulern sind beide Neunaugen, die Lamprete, Petromyzon marinus L., und das Flussneunauge, Petromyzon fluviatilis L., zu den Weserbewohnern zu rechnen. Erstere ziemlich selten, letztere dagegen häufig. Gefangen werden die Neunaugen vom Dezember bis zum Februar.
Zum Vergleich möge nun eine Aufzählung der Fische folgen, welche im Zwischenahner Meere, einem auf der Geest gelegenen grossen See, leben. Bekannt aus diesem „Meere“ sind: Der Barsch, Perca fluviatilis L.; der Kaulbarsch, Acerina cernua Cuv.; der Stichling, Gasterosteus aculeatus L., und der kleine Stichling, Gasterosteus pungitius L.; die Quappe, Lota fluviatilis Bl.; der Schlammpeitzger, Cobitis fossilis L.; der Karpfen, Cyprinus carpio L.; die Karausche, Carassius vulgaris L.; die Schleihe, Tinca vulgaris Cuv.; der Gründling, Gobio fluviatilis Cuv.; der Alander, Leuciscus Idus Selys-Long.; der Rotflossen, Leuciscus erythrophthalmus Valenc.; das Rotauge, Leuciscus rutilus Agass.; der Brassen, Abramis Brama L.; der Weissfisch, Abramis Blicca Agass.; der Lachs, Trutta salar L.; die Lachsforelle, Trutta trutta L.; der Stint, Osmerus eperlanus Art.; der Hecht, Esox lucius L., und der Aal, Anguilla anguilla L.
Und endlich ein Verzeichnis der Fische des Balk-Sees, eines mitten im Moore gelegenen 800 Morgen grossen Wasserbeckens. Häufig werden dort der Sandard, Lucioperca sandra Cuv.; Perca fluviatilis L., der Barsch; Lota fluviatilis Bl., die Quappe; Tinca vulgaris Cuv., die Schleihe; Abramis brama L., der Brassen; Esox lucius L., der Hecht; Anguilla anguilla L., der Aal, und vereinzelt auch Cyprinus carpio L., der Karpfen, gefangen.
Was die Mollusken anlangt, so ist denselben in diesem Bande schon ein längerer Aufsatz gewidmet. Im folgenden soll deshalb dem Naturbeobachter nur gezeigt werden, was er im und am Süsswasser von dieser Tierklasse auffinden kann. Von den Nacktschnecken findet man auf den Inseln der Flüsse, an den Ufern unter Genist und Steinen die schwarze Theerschnecke, Arion empiricorum Fér., Arion fuscus Müller, den gefrässigen Limax agrestis L. und den zierlichen braunen Limax brunneus Drap. Unter feuchten und faulenden Weidenblättern lebt die glänzende Hyalina nitida Müller. An den Schlengen Helix hispida L.; Helix rubiginosa Zgl.; Helix liberta West. und besonders häufig da, wo Aster salicifolius Scholler wächst, Helix arbustorum L. In Gesellschaft mit Hyalina trifft man Cionella lubrica Müll.; Cionella lubricella Zgl.; Cionella acicula Müll.; Pupa antivertigo Drap. und Carychium minimum Müll. An den Pflanzen am Wasser ist sehr häufig Succinea putris L. (die Bernsteinschnecke) mit ihren zahlreichen Varietäten, an Pflanzen im Wasser ebenso häufig Succinea Pfeifferi Rossm. und am Boden Succinea oblonga Drap. Von den eigentlichen Wasserschnecken findet der Naturfreund eine ganze Reihe: zunächst die zahlreichen Limnaeen, von der grossen Limnaea stagnalis L. bis zur kleinsten Limnaea truncatula Müll., dann die eigenartig gewundenen Tellerschnecken, Planorbis; die Napfschnecken, Ancylus; ferner eine Reihe von Paludinen, Bythinien, Bythinellen und Valvaten, darunter in der Weser und Elbe die seltene Valvata fluviatilis Colbeau, ferner Neritina fluviatilis L. Von den Lamellibranchien gehören die sämtlichen Unionen, Margaritana, Anodonten, Sphaerien und Pisidien hierher und endlich die seit 1828 in Deutschland bekannte, aus dem Osten eingewanderte Dreyssena polymorpha Pall. Es würde zu weit führen, die sämtlichen Süsswasserschnecken und Muscheln hier eingehender zu behandeln und es möge genügen, im obigen auf die zahlreichen Vertreter dieser Gruppe hingewiesen zu haben. Eine besondere Aufmerksamkeit verdient die neuerdings aus dem Osten eingewanderte Süsswasserschnecke, Lithoglyphus naticoides Fér., welche vor einigen Jahren zuerst in der Weichsel aufgefunden wurde, dann etwas später auch in der Umgegend von Berlin und Küstrin entdeckt ist und schliesslich auch bei Rotterdam nachgewiesen ist. Bislang war sie nur bekannt aus dem südöstlichen Deutschland und aus den Flussgebieten des Schwarzen Meeres.
Werfen wir nun noch einen flüchtigen Blick auf die Vertreter der niederen Tierklassen, so kann man sich nicht genug wundern über die Menge und Mannigfaltigkeit der niederen Geschöpfe. In einem kleinen Raume, den das Auge bequem mit einem Male übersehen kann, welche Vielfachheit der Gestalten, welches Spiel der Farben, welche Emsigkeit in ihrem Leben und Weben, welch ein Huschen und Flattern, welch ein Springen und Hüpfen an Blüte und Strauch, auf Stein und Boden. In dem von der Flut eben zurückgelassenen Geniste wimmelt es von verschiedenen Käferarten. Hier sieht man die hurtigen Tachys, dort huschen von dannen Nebria- und Elaphrus-Arten; hier über Pflanzenstengel und Gestein, bald drüber, bald drunter weg, eilen Blethisa, Bembidium, Panagaeus und manch andere Arten der kleinen und kleinsten Läufer. Dort erscheinen an der Oberfläche des Wassers Dytisciden und Hydrophiliden. Hier tummeln sich im buntesten Durcheinander die lebendigen und nimmer rastenden Gyriniden. Auf den Blüten der Aster und am Weidengesträuch schwirren die Canthariden und an ebendenselben Pflanzen kriechen die bedächtigen Curculioniden. Auf den Blüten der Umbelliferen tummeln sich die graziösen Cerambiciden. Hier wiegen sich auf schwankendem Rohr die metallisch glänzenden Donacien und dort auf beweglichen Grashalmen schaukeln sich die oft in den herrlichsten Farben schillernden Chrysomeliden. Auf den Blüten von Cirsium oleraceum Scop. gaukeln bunte Falter. Raschen Fluges von Blüte zu Blüte, nirgends lange verweilend, eilen die Sesien dahin; dort sitzt bedächtig an einer Weide, die Flügel übereinandergeschlagen und den Abend erwartend, der Weidenbohrer, Cossus ligniperda F., und neben ihm läuft hastig bald auf bald ab am Stamme der Moschusbock, Aromia moschata L. Hier schwirren über die Wasserfläche die schlanken Agrion-Arten, dort sieht man bald am Rohr sitzend, bald raschen Fluges dahinschwirrend die stattlichen Aeschna- und Libellula-Arten. Über dem Wasser, besonders an warmen Sommerabenden, treiben Hunderte von Fliegen und Mücken ihr lustiges Spiel. Über die Wasserfläche eilen die flinken, langbeinigen Hydrometriden und unter Steinen treiben die lichtscheuen Myriapoden ihr Wesen, daneben hüpfen von Blatt zu Blatt, von Stein auf Stein die bunten Thysanuren. Überall regt sich Leben, am Rohr und im Gras, auf Blüte und Strauch, auf der Wasserfläche und am Grunde des nassen Elements, im Geniste und auf dem Sande des Ufers; ein Leben, welches den Naturfreund fortdauernd mit Wissbegier erfüllt und ihn anspornt, sich den noch unerforschten Problemen desselben mit Eifer zu widmen.
Druck von J. J. Weber in Leipzig.