Über die wissenschaftlichen Aufgaben biologischer Süsswasser-Stationen.
Von Dr. Otto Zacharias in Plön (Holstein).
Auch ausserhalb der Fachkreise dürfte es ziemlich allgemein bekannt sein, dass ich vor einigen Jahren (1888) die Errichtung einer besonderen Anstalt zum Zwecke eingehender Untersuchungen über die Tier- und Pflanzenwelt des Süsswassers angeregt und in ihrer Notwendigkeit begründet habe. Es geschah dies durch einen Aufsatz in No. 269 des „Zoologischen Anzeigers“. Seitdem sind drei Jahre verflossen und in der wissenschaftlichen sowohl wie in der Tagespresse ist der betreffende Vorschlag vielfach erörtert worden. Namhafte Zoologen und Botaniker zollten meinem Plane sogleich Beifall und bestärkten mich in meinem Vorhaben; andere, nicht minder ausgezeichnete Forscher nahmen aber das Projekt mit Zurückhaltung auf. Dies ist der gewöhnliche Gang der Dinge, sobald es sich um eine Neuerung handelt. Meistenteils werden in einem solchen Falle auch noch absprechende Stimmen laut; diese Regel bestätigte sich jedoch meinen Bestrebungen gegenüber nicht. Im Gegenteil gesellte sich zu den beistimmenden Kundgebungen alsbald noch der weitere günstige Umstand, dass wohlhabende Fach- und Privatleute das Projekt in freigebigster Weise durch Geldspenden förderten. Hierdurch und durch das wahrhaft liberale Entgegenkommen des Bürgermeisters[CXVII] und der Stadtgemeinde von Plön ist es mir schliesslich gelungen, meine Pläne zu verwirklichen, und gegenwärtig erhebt sich am Nordufer des Grossen Plöner Sees — in unmittelbarster Wassernähe — ein stattliches, villenähnliches Gebäude, welches eine hinlängliche Anzahl von Räumlichkeiten umfasst, in denen wissenschaftliche Untersuchungen mit derselben Bequemlichkeit vorgenommen werden können wie in den biologischen Laboratorien kleinerer Universitäten.
[CXVII] Joh. Kinder.
Von Seiten der Preussischen Staatsregierung wurde dem neubegründeten Institute in der Folge auch eine finanzielle Beihilfe (zunächst auf fünf Jahre) zu teil, sodass ein recht glücklicher Anfang für das lediglich durch Privat-Initiative ins Werk gesetzte Unternehmen zu verzeichnen gewesen ist.
Der Studien-Aufenthalt in dieser ersten „Biologischen Süsswasser-Station“ ist Jedem gestattet, der die zum selbständigen Arbeiten erforderlichen Vorkenntnisse mitbringt. Insbesondere freilich sind die fünf vorhandenen Arbeitsplätze für Naturforscher von Fach bestimmt, welche am Grossen Plöner See zoologische, pflanzenphysiologische oder auf das Fischereiwesen bezügliche Beobachtungen anstellen wollen. Für alle diese Zwecke sind in der Station die geeigneten Hilfsmittel (Fahrzeuge, Fanggerätschaften, Mikroskope, Reagentien und Aquarien) vorhanden.
Wer davon unterrichtet ist, mit welch interessanten Lebensformen uns die letztjährigen Durchforschungen unserer heimatlichen Tümpel, Teiche und Seen bekannt gemacht haben, der wird die Nachricht von der Begründung einer Dauerstation zur näheren Untersuchung jener Organismen mit aufrichtiger Genugthuung begrüssen. Die Umgebung von Plön ist in vorzüglicher Weise für diesen Zweck geeignet, insofern das Thal des Schwentine-Flusses, in welchem das freundliche Städtchen gelegen ist, fast lediglich aus einer Aneinanderreihung von Wasserbecken besteht, von denen die kleinsten so gross sind wie unsere ansehnlichsten mitteldeutschen Seen. Hier ist also ein weites Feld für faunistische und biologische Forschungen eröffnet, d. h. für Studien, welche die Feststellung der verschiedenen Tier- und Pflanzenorganismen des Süsswassers und die Ermittelung von deren Existenzbedingungen zum Ziel haben.
Fig. 51. Die Biologische Station zu Plön.
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GRÖSSERES BILD
Im Hinblick auf den Reichtum an Lebewesen, welchen das Meer in seinem Schosse birgt, waren Viele von der Ansicht beherrscht, dass es sich wohl erst gar nicht verlohne, Zeit und Kraft an die Gewässer des Binnenlandes zu verschwenden. So wurde die Süsswassertierwelt allmählich zum Aschenbrödel der wissenschaftlichen Zoologie degradiert, und wer sich wirklich noch damit abgab, lief Gefahr, von seinen für das Salzwasser schwärmenden Fachgenossen als ein nicht ganz ebenbürtiges Mitglied der Forschergilde betrachtet zu werden. Glücklicherweise giebt es aber zu jeder Zeit Leute, die den Mut haben, allgemeinen Vorurteilen zu trotzen, und so hat auch die Süsswasserfauna in den jüngstverflossenen zwei Jahrzehnten ihre Freunde und Bearbeiter gefunden. Männer wie F. A. Forel, G. Asper und E. Imhof in der Schweiz, P. Pavesi in Italien, A. Fritsch, B. Hellich und W. Vavra in Österreich, O. Nordquist in Finnland, Jules Richard und Jules de Guerne in Frankreich (zahlreicher anderer nicht zu gedenken) haben mit bewundernswerter Unermüdlichkeit dem Studium der Wassertierwelt obgelegen und Erfolge erzielt, deren wissenschaftliche Bedeutung von Niemand mehr übersehen oder in Abrede gestellt werden kann. Ich selbst habe während des Zeitraumes von 1884 bis 1889 die Fauna der nord- und mitteldeutschen Seen, sowie diejenige der Eifelmaare durch eingehende Untersuchungen festgestellt. Durch eben diese Forschungen sind wir mit vielen neuen Arten von kleinen Krebstieren (Entomostraken) bekannt geworden, haben den Reichtum unserer Gewässer an schwimmenden und schlammbewohnenden Würmern, an Schnecken, Muscheln, Moostieren und einzelligen Lebewesen (Protozoen und niederen Algen) kennen gelernt, sind in die bunte Gesellschaft der Wassermilben und Wasserkerbtiere eingedrungen, deren Gewimmel hauptsächlich die seichtere Uferzone belebt — kurz, wir haben einen umfassenden Überblick über die mannigfaltige Bewohnerschaft unserer binnenländischen Seebecken erlangt, die bisher nur Fische und „Gewürm“ (als deren Nahrung) zu enthalten schienen. Unsere vermehrte Kenntnis erstreckt sich aber nicht nur auf die einzelnen Gattungen und Arten der äusserlich unscheinbaren Wasserfauna, sondern auch mit auf die Art und Weise, wie jede Spezies ihren besonderen Lebensverhältnissen angepasst ist, wie sie sich ernährt und ihren Platz im Kampfe ums Dasein behauptet, was für Mittel ihr zur räumlichen Ausbreitung verliehen sind und welcher Zusammenhang zwischen der Bevölkerung des Seegrundes und derjenigen der oberflächlichen Wasserschichten (bezw. der Uferzone) besteht. Aber mit Gewinnung dieser Einsicht sind wieder zahlreiche neue Probleme aufgetaucht, welche sich auf die Ursachen der Veränderlichkeit, die Wirkung der Isolierung, den mutmasslichen Einfluss des „äusseren Mediums“ u. dergl. beziehen, sodass es niemals an Arbeit für zahlreiche Forscher auf diesem Gebiete fehlen kann.
Der Hauptvorteil eines dicht am Seeufer gelegenen und mit allen Einrichtungen der modernen Forschungstechnik versehenen Stationsgebäudes besteht augenscheinlich darin, dass man auf solche Weise in den Stand gesetzt wird, alle Chancen des Wetters und der Beleuchtungsverhältnisse beim Einsammeln der Untersuchungsobjekte wahrzunehmen, und dass sich einem in beständiger Wassernähe die Möglichkeit zu zahlreichen Beobachtungen darbietet, welche auf nur gelegentlichen Ausflügen an dieses oder jenes Wasserbecken — aus Mangel an Zeit und Ruhe — überhaupt nicht gemacht werden können.
Ich denke da in erster Linie an die Erforschung der Zusammensetzung der sogenannten pelagischen Süsswasserfauna (des Limnoplanktons) in den verschiedenen Jahreszeiten, und an die sehr wünschenswerte Klarstellung der Beziehungen dieser merkwürdigen Tiergesellschaften zu den übrigen Bewohnern des betreffendes Sees, besonders auch ihr Verhältnis zu den Fischen, von denen einige, wie man glaubt, vorwiegend in ihrer Ernährung auf gewisse pelagisch lebende, d. h. beständig im freien Wasser sich aufhaltende Krebstiere angewiesen sind. Im Grossen Plöner See besteht jene Fauna pelagica nach meinen Ermittelungen (von 1886 und 1891) aus folgenden Spezies:
Crustacea:
Leptodora hyalina Lilljeb.
Daphnella brachyura Liév.
Hyalodaphnia cucullata Sars., var. apicata Kurz.
Bosmina coregom Baird.
Bosmina cornuta Jur.
Cyclops simplex Pogg.
Diaptomus gracilis Sars.
Rotatoria:
Asplanchna helvetica Imhof
Anuraea longispina Kellic.
Anuraea cochlearis Gosse
Polyarthra platyptera Ehrb.
Dazwischen kommt auch noch in grossen Mengen ein zur Flagellaten-Gattung Dinobryon gehöriges Wesen (vergl. Fig. 35 im ersten Bande dieses Werkes) und das ebenfalls zu den Geisselträgern gehörige Ceratium hirundinella vor. Ein feines Schwebnetz aus Müllergaze, mit dem wir vom Boote aus bloss zehn Minuten lang die oberflächlichen Wasserschichten der Seenmitte abfischen, enthält nach Ablauf dieser kurzen Zeit einen förmlichen Brei auf seinem Grunde, welcher lediglich aus den soeben namhaft gemachten Krebs-, Rädertier- und Flagellaten-Spezies besteht.
Die nähere Erforschung der Lebens- und Ernährungsweise dieser pelagischen Tiere, welche in staunenswert grosser Individuenzahl unsere Binnenseen bevölkern, wäre — wie schon betont — eine sicher zu wichtigen Aufschlüssen führende Arbeit, welche von einer biologischen Süsswasserstation in Angriff genommen werden könnte. Freilich würden zur Bewältigung einer solchen Aufgabe keineswegs nur Wochen und Monate, sondern zweifellos mehrere Jahre erforderlich sein. Was wir bis jetzt über die Biologie jener rastlos schwimmenden Wesen wissen, ist durch die verschiedensten Forscher bei Gelegenheit von Ferienreisen, in Sommerfrischen u. s. w., wodurch die Betreffenden zufällig in die Nähe grösserer Süsswasseransammlungen gelangten, festgestellt worden. Hin und wieder (ich erinnere nur an die ausgezeichneten Forschungen Prof. Aug. Weismanns über Daphniden) sind solchen Gelegenheitsstudien die schönsten und weittragendsten Resultate zu verdanken gewesen. Aber eben darum, weil sich solche Untersuchungen schon öfters als im hohen Grade lohnend erwiesen haben, erscheint es geboten, dieselben fortzusetzen und sie so zu organisieren, dass wertvolle Ergebnisse nicht bloss vom Zufall abhängen, sondern vielmehr mit einiger Sicherheit erwartet werden können.
Eine andere Frage vom allgemeinsten wissenschaftlichen Interesse wäre die nach der Winterfauna unserer Landseen, d. h. eine Ermittelung derjenigen Tiere, welche während der Kältemonate unter der Eisdecke im Wasser ausdauern und weiter leben, während andere beim Eintritt der niedrigen Temperatur hinsterben, nachdem sie den Fortbestand ihrer Art durch die Produktion und Ablage von Dauer-Eiern (vergl. Bd. I S. 367) gesichert haben. Dass verschiedene Infusorienspezies, Spaltfusskrebschen und mancherlei Würmer in unseren Teichen während des Winters zu finden sind, weiss man schon seit längerer Zeit; aber auf diese wenigen Thatsachen beschränkt sich gegenwärtig unsere Kenntnis, sodass es angezeigt wäre, sich einmal näher darüber zu unterrichten, welche Tiere (bezw. niedere Pflanzen) es denn sind, deren Lebensfunktionen unter der Einwirkung von Kälte so gut wie gar keine Beeinträchtigung erfahren. Diese Aufgabe könnte gleichfalls auf das Programm einer nahe am Seeufer befindlichen Station gesetzt werden, und sie wird wohl auch einer solchen reserviert bleiben, da es vollkommen unthunlich ist, derartige Untersuchungen ausserhalb des Bereichs einer den Forscher sowohl wie das von ihm aufgefischte Material vor Frost schützenden Unterkunft vorzunehmen.
Ein reiches und anziehendes Arbeitsgebiet für den in unmittelbarer Seenähe stationierten Zoologen würde selbstredend auch die Beobachtung der Wasserinsekten und der Larvenzustände von solchen Landkerbtieren sein, welche ihre Eier ins Wasser ablegen. Es ist nicht zu bezweifeln, dass Studien dieser Art, wenn sie auf eine grössere Anzahl verschiedener Objekte ausgedehnt werden, interessante Aufschlüsse in allgemein biologischer Hinsicht zu liefern im stande sind. Ich erinnere hier nur an die schöne Untersuchung, welche Dr. E. Schmidt-Schwedt unlängst (1887) über Atmung der Larven und Puppen des Schilfkäfers (Donacia crassipes) veröffentlicht hat[121], und an die auf den Gehäusebau der Phryganiden-Larven (vergl. diesen Band [S. 94] und ff.) bezüglichen Beobachtungen der bekannten Naturforscherin Fräul. Marie v. Chauvin.
Ein nicht minder grosses Interesse würde die Erforschung jener eigentümlichen Fortpflanzungsverhältnisse darbieten, welche bei einigen unserer verbreitetsten Süsswasserturbellarien (Stenostoma leucops, Microstoma lineare) abwechselnd in der Form von geschlechtlicher und ungeschlechtlicher Vermehrung auftreten. Man weiss zwar, dass zu Beginn der kalten Jahreszeit die letztere an die Stelle der ersteren tritt, aber man ist noch sehr wenig darüber informiert, durch welche histologischen Vorgänge es zu einer Hervorbildung männlicher und weiblicher Zeugungsorgane in den bis dahin geschlechtslos gewesenen Würmern kommt, die sich nur auf dem Wege der Querteilung (vergl. Bd. I, S. 259) fortpflanzten. Dasselbe Problem liegt auch in betreff gewisser Anneliden, z. B. beim gemeinen Wasserschlängelchen (Nais) vor, und es wäre im hohen Grade wertvoll, über den Modus der geschlechtlichen Differenzierung in beiden Würmergruppen genauere Angaben zu erhalten. Dass wir solche noch vermissen, liegt an der Schwierigkeit der Materialbeschaffung. Befindet man sich nicht in nächster Nachbarschaft eines Sees oder grösseren Teiches, so ist es ganz unmöglich, den rechten Moment wahrzunehmen, um die genannten Tiere in den geeigneten Stadien einzusammeln.
In solchen und ähnlichen Fällen hängt der Fortschritt unseres Wissens im wesentlichen nur von der rechtzeitigen und bequemen Erlangung der Beobachtungsobjekte ab. Und das ist der Hauptpunkt, welchen ich bei Motivierung der Notwendigkeit von permanenten Stationen für die Erforschung der Süsswasser-Lebewelt nicht oft genug betonen kann.
Faunistische Exkursionen in irgend einer Seengegend sind ganz gewiss für die Erweiterung unserer Kenntnis der Wasserfauna von Wert; aber wer eine derartige ambulante Forschungsthätigkeit längere Zeit hindurch betrieben hat, wird wissen, dass man dabei eigentlich niemals zur Ruhe kommt. Man schwelgt bei solchen Ausflügen häufig in einer herzerquickenden Fülle von Material, hat aber unterwegs höchst selten so viel Zeit, um sich der Bearbeitung desselben mit der erforderlichen Musse zu widmen. Infolgedessen konserviert man möglichst zahlreiche Objekte und kehrt mit einer grossen Menge von Gläschen nach Hause zurück. Hier findet nun erst die eingehende Besichtigung der verschiedenen Funde statt, wobei man aber in der Regel die wenig erfreuliche Wahrnehmung macht, dass man von der einen Materialsorte viel zu viel, von der anderen aber leider lange nicht genug angesammelt hat. Wäre man an Ort und Stelle in der Lage gewesen, umfassendere Studien vorzunehmen, so würde bei demselben Zeit- und Kraftaufwande ein belangreicheres Resultat zu verzeichnen gewesen sein. Auch diese Erfahrung, mit der ich gewiss nicht ganz allein stehe, spricht klar für die Nützlichkeit von Dauerstationen, wenn es sich um das Studium unserer Süsswasserfauna handelt. Dasselbe gilt natürlich auch im Hinblick auf die lakustrische Pflanzenwelt.
Dass indessen auch faunistische Exkursionen, wenn sie mit Eifer und Gründlichkeit ausgeführt werden, nach verschiedenen Richtungen hin Neues zutagefördern können, dafür legt eine unlängst publizierte Arbeit von Prof. M. Braun („Die Turbellarien Livlands“, 1885) beredtes Zeugnis ab. Ebenso liefert die bekannte Abhandlung Dr. K. Ecksteins über die Rädertiere der Umgebung von Giessen eine schlagende Bestätigung für die beherzigenswerte Mahnung: „Sieh, das Gute liegt so nah’ ....“ Auch durch meine eigenen Arbeiten über die niedere Fauna einheimischer Seebecken und Teiche hoffe ich den Beweis erbracht zu haben, dass in unseren süssen Gewässern noch mancherlei Neues zu entdecken ist. Ich brauche in diesem Bezug nur an die schon erwähnte Auffindung einer den Monotiden nahestehenden Turbellarie in den Hochseen des Riesengebirges zu erinnern, deren Anwesenheit später in verschiedenen schweizerischen Seen und neuerdings (1890) durch Prof. Fr. Zschokke auch im See von Partnun (auf der Rhätikonbergkette) nachgewiesen wurde. Von nicht geringerem Interesse war die Entdeckung mehrerer Vertreter der ausserordentlich merkwürdigen Turbellarien-Gattung Bothrioplana, welche sich ebenfalls als Folge der von mir unternommenen Ausflüge an die Riesengebirgsteiche ergab. Hierzu kommt noch die Erbeutung mehrerer neuer Kruster- und Hydrachniden-Arten in den nord- und mitteldeutschen Wasserbecken bei Gelegenheit meiner Studienreisen in den Jahren 1885 und 1886. Besonders weise ich aber auch auf den von Dr. W. Weltner erst kürzlich konstatierten und bisher gar nicht vermuteten Reichtum der Spree an Spongillen (vergl. Bd. I, 6. Kapitel) hin und auf die umfassenden Ermittelungen W. Vavras über die Verbreitung der Ostracoden (Muschelkrebse) in Böhmen[122].
Solche Exkursionen werden auch fernerhin nicht zu entbehren sein, namentlich wenn es sich um vergleichende Untersuchungen über die Fauna verschiedener Landseen handelt. Für Studien dieser Art kann dann eine permanente biologische Süsswasserstation, welche in einem seenreichen Gebiet gelegen ist, ein recht fruchtbarer Mittelpunkt werden. Man wird von einem solchen Zentrum aus vielleicht auch die Frage nach den äusseren physikalischen Ursachen der Veränderlichkeit mancher Organismengruppen in Angriff nehmen können, und möglicherweise mit der Zeit nachzuweisen im stande sein, warum der eine See in dieser, der andere in jener Weise auf die Gestalt der in ihm lebenden Wesen abändernd einwirkt. Augenblicklich wissen wir über die Faktoren, welche hier in Betracht kommen, so gut wie nichts. Und doch ist der Einfluss der jedesmaligen Lokalität auf manche Organismengruppen mit ausreichender Sicherheit erwiesen. Clessin hat diese Thatsache schon vor einem Jahrzehnt für die Mollusken festgestellt, und er nimmt zur Erklärung derselben „die Anpassung an gegebene Verhältnisse“ in Anspruch. Es wird nicht überflüssig sein, in den Zusammenhang dieses Kapitels eine Stelle einzuschalten, die der Leser bereits auf [S. 138] dieses Bandes vorgefunden hat. Sie ist aber besonders dazu geeignet, das, was wir hier besprochen, zu illustrieren. Clessin fasst das Resultat seiner reichen Erfahrung in folgenden Zeilen zusammen: „Wer die Wassermollusken längere Zeit im Freien beobachtet, wird sehr bald zu der Überzeugung kommen, dass fast jeder einzelne Fundort eigenartige, mehr oder weniger ausgeprägte Abweichungen vom Typus der bezüglichen Art erzeugt, und dass es geradezu zu den allergrössten Seltenheiten gehört, zwei ziemlich übereinstimmende Formen an verschiedenen Fundorten zu konstatieren. Ja sogar der nämliche Fundort erzeugt bei geänderten Verhältnissen andere Varietäten, und oft genug finden sich verschiedene Formen einer und derselben Art an sich berührenden Stellen desselben Gewässers, wenn die Beschaffenheit des Grundes, die Strömung des Wassers, die Bewachsung u. s. w. sich ändert. So kommen in den grossen Seen der Voralpen Schnecken und Muscheln mit ausgeprägtem Seecharakter und solche, welche nicht oder kaum von jenen zu unterscheiden sind, die in Sümpfen leben, neben einander vor, und zwar jenachdem die bezüglichen Wohnplätze bei seichtem Wasser und mangelnder Bewachsung der vollen Wirkung des Wellenschlags ausgesetzt sind, oder die Ufer in sumpfige Stellen übergehen“.
J. Vosseler hat auf den gleichen Einfluss der chemischen und physikalischen Unterschiede unserer Gewässer auf den Habitus, die Färbung und Gliedmassengrösse bei spaltfüssigen Krebsen hingewiesen. So existiert z. B. in den Maaren der Eifel ein Copepode, der augenscheinlich dem Cyclops agilis Koch nahesteht, aber kürzere Antennen, schwächer entwickelte Mundteile, längere Schwimmbeine und eine sehr gestreckte Schwanzgabel besitzt. Vosseler hat diesen von mir aufgefundenen Krebs näher untersucht und ihn seines beschränkten Vorkommens wegen Cyclops maarensis genannt. Höchstwahrscheinlich ist diese neue Spezies in den Maaren selbst entstanden und stellt eine interessante Lokalform dar, welche für ihre Bildung den Cyclops agilis als Ausgangsform gehabt hat.
Im Müskendorfer See bei Konitz in Westpreussen fand ich 1886 zahllose Exemplare einer merkwürdigen Varietät der Hyalodaphnia cucullata, deren Kopfteil sichelartig gekrümmt und ventralwärts stark herabgebogen ist. Diese Form (var. nov. procurva Poppe) kommt lediglich in dem genannten See vor[123] und ist anderwärts bis jetzt nicht aufgefunden worden. Manche Abweichungen geringern Grades vom Typus der Art sind für gewisse Fundorte überhaupt charakteristisch.
So variiert beispielsweise die bekannte Dinoflagellaten-Spezies Ceratium hirundinella O. Fr. M. von einem See zum andern hinsichtlich der Panzerbreite und der Hörnerlänge. Wahrnehmungen hierüber habe ich hauptsächlich bei meiner Durchforschung der westpreussischen Seen gemacht. Um dieselbe Zeit etwa konstatierte Prof. G. Asper ähnliche Gestaltungsdifferenzen zwischen den Ceratien des Thalalpsees und denen des Züricher Sees, wovon er in seiner Abhandlung über die Naturgeschichte der Alpenseen berichtet[124].
Das pelagische Rädertier Anuraea longispina, welches eine sehr weite Verbreitung besitzt, variiert nicht bloss hinsichtlich der Mächtigkeit seiner langen (nadelförmigen) Panzerfortsätze, sondern auch in der Form des Körperquerschnittes, der gewöhnlich ein Kreissegment darstellt, häufig aber auch vollkommen dreieckig ist. In Westpreussen zeigten oft sogar benachbarte Seen langdornige Anuräen, die in der angegebenen Weise von einander verschieden waren. Nach Asper ist ein nicht minder verbreitetes Rotatorium, Anuraea aculeata, ebenfalls bedeutender Variation unterworfen, welche sich aber vorzugsweise nur auf die Felderung und Skulptur des Panzers erstreckt. Ähnliche Abweichungen hat Imhof bei Anuraea cochlearis Gosse angetroffen und die weitgehendsten davon mit besonderen Speziesnamen (A. intermedia und A. tuberosa) bezeichnet.
Leptodora hyalina, der pelagische Krebs par excellence, zeigt an seinen verschiedenen Fundorten nicht bloss Verschiedenheiten der Körperlänge, sondern auch solche, welche die Grösse des Auges, die Entwickelung des ersten Paares der Schwimmfüsse und die Geräumigkeit des Brutraumes betreffen. Die gleichen Wahrnehmungen habe ich an Polyphemus pediculus, einem Kruster der Uferzone, gemacht, der in klaren und kühlen Bergseen grösser und farbenprächtiger zu werden scheint, als in den seichteren Gewässern der Ebene.
Nach Anführung dieser Beispiele, welche noch durch Beobachtungen von A. Wierzejski über die Unbeständigkeit der Artcharaktere bei Spongilla lacustris vervollständigt werden könnten[125], wird es einleuchten, dass auch die Süsswasserfauna Stoff zur Diskussion des Speziesproblems zu liefern im stande ist. Durch eine vergleichende Untersuchung bestimmter Mitglieder der Wassertierwelt aus verschiedenen Seen dürfte sich im Laufe der Zeit etwas Genaueres über die Richtung der Abweichungen und über deren Betrag bei einzelnen Arten ergeben.
Schliesslich möchte ich aber auch einen ganz praktischen Gesichtspunkt geltend machen, welcher die Errichtung von ständigen Beobachtungsstationen in der Nähe von grösseren Süsswasserseen wünschenswert erscheinen lässt. Dies ist nämlich unsere noch sehr ungenügende Einsicht in die Ernährungs- und sonstigen Lebensbedingungen der Fische. Auf diesem Felde ist noch sehr viel zu thun, um für die Bewirtschaftung unserer Seen und Teiche rationelle Grundlagen zu schaffen. Ein guter Anfang dazu ist von dem österreichischen Fischzüchter Josef Susta in Wittingau gemacht worden durch dessen bekannte Untersuchungen über die Ernährung des Karpfens[126]. Aber nicht bloss die Umstände, welche das Gedeihen der Fische begünstigen, sondern auch deren natürliche Feinde und die Ursachen solcher Krankheiten, welche gelegentlich eine Massensterblichkeit unter denselben hervorrufen — alles dies ist der näheren Erforschung wert und würdig. Aber die zahlreichen Fragen und Probleme, die wir im Vorstehenden als zum Programm der Thätigkeit einer Biologischen Süsswasserstation gehörig bezeichnet haben, sind unmöglich von einem einzigen Forscher zu bewältigen, sondern es müssen sich mehrere zu diesem Zwecke verbünden, und es bedarf hinsichtlich mancher Aufgaben längerer Zeiträume (oft vieler Jahre), um sie in befriedigender Weise zu lösen. Hierüber macht man sich in Laienkreisen häufig recht falsche Vorstellungen, und ich nehme deshalb in diesem Werke, welches seiner Tendenz nach für weitere Kreise bestimmt ist, Gelegenheit, allzu sanguinischen Hoffnungen vorzubeugen.
Das Plöner Stationsgebäude liegt, wie schon erwähnt, unmittelbar am Grossen Plöner See und die umgebende Naturszenerie ist so beschaffen, dass ein Zeitungsberichterstatter[CXVIII] davon gesagt hat:
[CXVIII] Berliner Tageblatt 1891 No. 154.
„Ein König könnte sich keinen herrlicheren Fleck der Erde auswählen, wenn er, der Welthändel müde, glückliche Tage im Vollgenusse eines grandiosen Landschaftsbildes verleben wollte“. Für die hier vorzunehmenden Forschungen ist die „herrliche“ Lage selbstverständlich ganz gleichgültig, aber der See ist durch seine Grösse (50 qkm = 20000 preussische Morgen) und durch seinen Organismenreichtum besonders dazu geeignet, ein Arbeitsfeld für zoologische und pflanzenphysiologische Untersuchungen zu bilden. Dazu kommt noch die Nachbarschaft anderer grosser Wasserbecken (Kleiner Plöner See, Trammersee, Behlersee, Dieksee, Kellersee, Grosser und Kleiner Eutiner See, Ukeleisee u. s. w.), sodass hierdurch zugleich die denkbar günstigste Gelegenheit zur Vornahme von faunistischen Ausflügen gegeben ist. Den Verkehr auf den einzelnen Seen vermitteln grosse Segel- und Ruderboote. Der Biologischen Station steht ausserdem noch die Benutzung eines Petroleum-Schraubenbootes[CXIX] zur Verfügung, welches eine ansehnliche Fahrgeschwindigkeit (10–15 km pro Stunde) besitzt.
[CXIX] Daimlers Patent (geliefert von der Firma Meyer u. Remmers in Hamburg).
Das Stationshaus ist ein zweistöckiges Gebäude, welches ausser den erforderlichen Arbeitsräumen (Laboratorium, Experimentierzimmer und Bibliothek) auch die Wohnung für den Direktor enthält. Im Erdgeschoss sind die Aquarien untergebracht, welche durch eine Röhrenleitung mit fliessendem Wasser aus dem See gespeist werden können. Der Mikroskopiersaal hat dreiflügelige grosse Fenster und die Arbeitstische sind mit vorzüglichen Instrumenten aus der Optischen Werkstätte von C. Zeiss in Jena ausgerüstet. Bei aller Bescheidenheit ihrer Einrichtung besitzt die Plöner Station, wie man sieht, doch Alles, was zur Ausführung von mikroskopisch-anatomischen und entwickelungsgeschichtlichen Arbeiten erforderlich ist. Mehr ist nicht versprochen worden und zu einer luxuriösern Ausstattung wären auch die Mittel nicht vorhanden gewesen. Vom 1. April 1892 ab werden die Arbeitsplätze in der Biologischen Station zu Plön für süsswasserfreundliche Zoologen und Botaniker[127] benutzbar sein.
Mit Genugthuung übermittele ich am Schlusse dieses Kapitels dem Leserkreise unseres Buches die Nachricht, dass der bekannte und verdienstvolle österreichische Zoolog, Prof. Anton Fritsch in Prag, neuerdings gleichfalls eine stabile Station für Erforschung der Süsswasserfauna ins Leben gerufen hat. Dieselbe hat ihren Stand am Unterpocernitzer Teiche bei Bechovic in Böhmen. Es ist ein festgebautes, hübsches Häuschen, welches ausser einem Arbeitszimmer von 12 qm Fläche noch einen kleinen Wohnraum von 6 qm enthält. Dieses Forscherheim hat ein Privatmann, Béla Freiherr v. Derschenyi, im Interesse der durch Fritsch so tüchtig geförderten Kenntnis der Wassertierwelt Böhmens auf eigene Kosten erbauen lassen. Überdies benutzt der Prager Forscher (schon seit Juni 1888) zu seinen Studien noch eine ortswechselnde Station in Gestalt eines zusammenlegbaren hölzernen Häuschens, welches in 2½ Stunden aufgestellt und in 1½ Stunden wieder abgebrochen werden kann[128]. Diese „fliegende Station“ steht jetzt am Gatterschlager Teich bei Neuhaus, und hier ist besonders der Assistent des Prof. Fritsch, Herr W. Vavra, während des verflossenen Jahres thätig gewesen. Unter Anderem wurde in diesem Teiche unlängst ein neuer zu den Cytheriden gehöriger Muschelkrebs entdeckt, der vorläufig den Namen Limnicythere stationis erhalten hat. Es ist der kleinste bisher bekannte Vertreter seiner Gattung.
An die Errichtung solcher eigens dem Studium der Tier- und Pflanzenwelt des Süsswassers gewidmeter Forschungstationen ist merkwürdigerweise erst in allerneuester Zeit gedacht worden, obgleich dieselben Gründe, welche für die Anlage mariner Stationen zum Zwecke biologischer Studien sprechen, sich auch für lakustrische Observatorien ins Feld führen lassen. Das Weitere wird nun die Erfahrung und der Erfolg lehren. Da, wo etwas Neues ins Werk gesetzt wird, tauchen stets auch einige Pessimisten auf, welche Erwägungen darüber anstellen, ob es sich wohl auch verlohnen werde, die süssen Gewässer in der von Fritsch und mir inaugurierten Weise zu durchforschen. Besonders giebt es unter den Praktikern, d. h. unter den Fischzüchtern und Fischerei-Interessenten, Leute, welche in erster Linie die Frage des „Verlohnens“ auf der Zunge haben, ohne manchmal auch nur einen blassen Schimmer von den Aufgaben zu haben, welche durch die Thätigkeit einer Süsswasserstation in Angriff genommen werden sollen. Derartigen Leuten empfehle ich folgenden Ausspruch Prof. Anton Fritschs zur Beherzigung: „Eine genaue Kenntnis dessen, was der Teich in seinem Wasser beherbergt, ist die Grundbedingung für dessen rationelle Bewirtschaftung“. Es ist zu hoffen, dass die Richtigkeit dieses Satzes in immer weiteren Kreisen zur Anerkennung gelange, und dass auch von massgebender Seite das Streben der Naturforscher gebührende Würdigung und Unterstützung finde.