EINFÜHRUNG IN DAS DRITTE BUCH.
ZU der Germanischen Gruppe, mit welcher dieser geschichtliche Überblick schliesst, gehören in erster Reihe die zu einer bibliopolisch-typographischen Einheit verbundenen zwei Kaiserstaaten Deutschland und Österreich-Ungarn, sowie die Schweiz; in zweiter Linie die stammverwandten skandinavischen Reiche: Dänemark, Schweden und Norwegen. An obige schliessen sich in dritter Reihe die, wennauch der Gruppe national fremd, zumteil sogar feindlich gegenüber stehenden SLAWISCHEN und magyarischen Länder, welche nicht nur ihr typographisches Material, sondern auch die arbeitenden Kräfte hauptsächlich Deutschland entnehmen oder wenigstens bis vor kurzem entnahmen.
Eine Eigentümlichkeit dieser Gruppe, soweit ihre Angehörigen germanischen Ursprungs sind, ist die Verwendung der von den zwei anderen Gruppen fast ganz ausgeschlossenen Frakturschrift. Trotzdem ist diese, wie bekannt, nicht die alleinherrschende geblieben. Von der Fraktur „will“, von der Antiqua „kann“ man nicht lassen. So hat sich ein geschäftlicher Usus eingebürgert, demzufolge den beiden Schriften in dem eigentlichen Bücherdruck fast ähnliche Stellungen zugewiesen werden, wie sie im Altertum die hieratischen und demotischen Schriften Ägyptens innehatten, sodass die Antiqua mehr die Schrift der Eingeweihten blieb, während die Fraktur mehr die Volksschrift wurde. Zu den Werken der strengeren Wissenschaften und zu Prachtausgaben verwendet man vorzugsweise die aristokratischere Antiqua, zu den Erscheinungen der schönwissenschaftlichen und populären Litteratur, zu Unterrichts- und Andachtsbüchern dient hauptsächlich die populärere Fraktur[150].
Die Accidenzien fallen in ganz überwiegender Weise der Antiqua zu, dagegen die Zeitungen fast ausnahmslos der Fraktur. Und so wird es wahrscheinlich noch lange Zeit bleiben[151].
Diese Doppelheit in der Schrift trägt allerdings eine grössere Vielseitigkeit zur Schau, hat jedoch für die deutschen Buchdruckereien den Nachteil gehabt, dass diese gleichmässig reich mit Antiqua- und Frakturschriften ausgestattet sein müssen. Somit schliesst jede Offizin eigentlich zwei Druckereien in sich: eine für Arbeiten in Fraktur, eine zweite für die in Antiqua, so dass bei einem gleichen Quantum von Schrift eine französische oder englische Offizin, weil nur nach einer Richtung hin ausgestattet, quantitativ fast eine doppelt so grosse Leistungsfähigkeit als eine deutsche besitzt.
Was den deutschen Arbeiter betrifft, so vereinigt er in sich vielleicht mehr als der irgend eines anderen Landes die mancherlei Eigenschaften, die dem Typographen eigen sein müssen. Er ist selbständiger im Arbeiten und leistet aus eigenem Antrieb in der Regel mehr, als ein anderer, weshalb man auch fast nie „schlechte“ Arbeiten aus Deutschland sieht. Seine Fähigkeiten sind vielseitiger; er bringt es aber selten zur Virtuosität in einem einzelnen Fach und es ist schwer, ihn zur Überschreitung der Grenzen des ihm „Gut genug“ scheinenden zu bringen. Das mag wohl auch darin liegen, dass es in vielen Fällen nicht anders mit den Prinzipalen, den Verlegern, den zeichnenden Künstlern und den sonst Beteiligten steht. So selten das wirklich Schlechte ist, dem man in der französischen Typographie täglich begegnet, so selten trifft man auf vollendete, stilvoll durchgeführte Leistungen in Deutschland. Viel Schuld dabei trägt die Verwendung der Antiqua und der Fraktur nicht nur „neben“, sondern geradezu „unter“ einander. Die richtige Behandlung der beiden Schriftarten beruht jedoch auf abweichenden Grundsätzen; es kommt deshalb trotz sonstiger Vorzüge der Arbeiter selten zu einem fest ausgebildeten Geschmacke.
Was in Bezug auf Deutschland gesagt wurde, gilt auch von Österreich, welches namentlich im Accidenzfache hinter Deutschland nicht zurücksteht, in dem xylographischen Farbendruck es sogar übertroffen hat. Auch Ungarn nimmt an den Bestrebungen teil. Die Schweiz und die Skandinavischen Länder, die, was Material, Schriften u. dgl. betrifft, hauptsächlich von Deutschland abhängig waren, schlossen sich ganz der deutschen Schule an und liefern jetzt, wennauch nicht gerade viel Hervorragendes, so doch sehr viel Beachtenswertes. Die Slawischen Länder machten wesentliche Fortschritte und leisten zumteil Gutes, jedoch stehen im allgemeinen die Erzeugnisse dieser Länder etwas zurück und es wird wohl aus leicht begreiflichen Gründen auch noch einige Zeit darüber vergehen, ehe sie eine, derjenigen der grossen Kulturländer ebenbürtige Stellung einnehmen werden.
Die Pressverhältnisse, die Technik und die Industrie in Deutschland waren zur Zeit des allgemeinen Aufblühens der Typographie zu Beginn des XIX. Jahrhunderts nicht derart, dass die Notwendigkeit des Maschinenbetriebes so wie in England und Amerika sich von selbst aufgedrängt hätte. Es kann deshalb Deutschland nicht so sehr zur Last fallen, dass es die erste Ausbeutung der, die Typographie umgestaltenden deutschen Erfindung der Schnellpresse, sowie die ersten Verbesserungen und die spätere Vervollkommnung derselben dem Auslande überliess, so dass die Erfindung sozusagen erst wieder aus dem Auslande importiert werden musste. Sobald die Verhältnisse sich jedoch einigermassen besser gestalteten, hat es gezeigt, dass es in der Technik und Mechanik nicht allein nicht zurückgeblieben, sondern auf dem besten Wege ist, sich den Weltmarkt zu erobern.
Wie in der Typographie macht sich auch in der Xylographie eine doppelte Strömung geltend. Der echte deutsche Holzschnitt der Gegenwart lehnt sich an die Arbeiten der Meister aus der Renaissancezeit an und seine Technik ist geradezu ein Gegenstück zu dem englischen. Der „tüchtige“ deutsche Xylograph unterordnet sich vollständig dem Zeichner und entsagt dem Ruhm, auf Kosten des Urhebers der Zeichnung ein schaffender Künstler zu sein. Er ist bestrebt, jeden Strich genau so wiederzugeben, wie er in der Zeichnung dasteht. Er lässt nichts weg, setzt nichts hinzu. Der deutsche Holzschnitt steht deshalb öfters gegen den englischen in der glänzenden Technik zurück, aber er hat den Vorzug, die Zeichnung in ihrem eigentümlichen Charakter wiederzugeben und er verdient deshalb die lebhafteste Unterstützung der Künstler.
Während die Geschichte der Buchdruckerkunst in Frankreich und England ziemlich mit der Schilderung der typographischen Wirksamkeit der beiden Metropolen Paris und London zusammenfiel, lagen die Verhältnisse in Deutschland etwas anders.
Zwar besitzt das deutsche bibliopolisch-typographische Reich in Leipzig einen Mittelpunkt des Verkehrs, der in mehrfacher Hinsicht einzig in seiner Art dasteht; zwar haben sich in Leipzig, einer Provinzialstadt mittleren Umfanges, durch die eigene Kraft und Thätigkeit bei kluger Benutzung günstiger Umstände nicht allein der ganze Kommissionsbuchhandel, sondern auch eine grossartige Verlags- und typographische Wirksamkeit entwickelt, und die Stadt gilt noch heute mit Recht als das Zentrum der bibliopolisch-graphischen Thätigkeit Deutschland-Österreichs. Es war jedoch in den Verhältnissen begründet, dass Berlin mit der zunehmenden Wichtigkeit der Machtstellung Preussens mehr und mehr ein Sammelpunkt wissenschaftlicher, künstlerischer und journalistischer Kräfte werden und damit für den Buchhandel und die Typographie eine hohe, sich namentlich über den Norden erstreckende Bedeutung gewinnen musste. Dass dies in einem noch weit höheren Masse von der jetzigen Reichshaupt- und Millionenstadt gilt, bedarf kaum der Erwähnung.
Andererseits entwickelte sich in dem Süden ein in mancher Beziehung schon aus religiösen Gründen von dem nordisch-protestantischen abweichendes Geistesleben, das in seiner Sonderrichtung zumteil von divergierenden politischen Neigungen genährt wurde. München, das durch seine Stellung in Kunst und Wissenschaft und durch seine Bedeutung als Hauptstadt des zweitgrössten Staates Deutschlands zur Führung des Südens berechtigt war, wusste nicht diese Berechtigung geltend zu machen. Wie im Zentrum, so gelang es auch im Süden einer Mittelstadt durch günstige Verhältnisse, Rührigkeit und Intelligenz den ersten Platz einzunehmen und es wurde Stuttgart möglich, wennauch nicht Leipzigs Bedeutung für das Ganze, so doch eine bevorzugte Stellung für den süddeutschen Buchhandel zu erreichen und letzterem eine gewisse Selbständigkeit in dem deutschen bibliopolisch-typographischen Reich zu erwerben.
Eine ausschliessliche Konzentration fand mit alledem nicht in den drei erwähnten Emporien statt. In Nürnberg, Augsburg und Frankfurt a. M. lebten die alten Traditionen noch lange fort; die freien Hansastädte waren nicht Provinzialstädte im englisch-französischen Sinne geworden, und in mancher der kleinen Residenzen spross öfters ein unabhängiges reiches Kulturleben hervor. Während in Frankreich z. B. ein in Nantes oder Bordeaux, in England ein in Liverpool oder Manchester erschienenes Verlagswerk, welches sich Geltung zu verschaffen wusste, ein Phänomen blieb, war es, um in Deutschland mit einem Werke durchzudringen, nicht notwendig, dies in Leipzig, Berlin oder Stuttgart erscheinen zu lassen, wenn dies auch seine geschäftlichen Vorteile hatte. Ein Verleger in Braunschweig, Gotha, Altenburg oder in jeder anderen kleinen Druckstadt konnte, wenn er der rechte Mann und seine Artikel gute waren, diese zur Geltung bringen. Infolge davon verbreiteten sich auch die typographischen Anstalten gleichmässiger über das ganze Reich.
Dies war der Segen der eigentümlichen Organisation des deutschen Buchhandels, der in der Zeit der nationalen Drangsale Deutschlands fast das einzige Band war, welches das politisch zersplitterte Reich zusammenhielt.
Solange der politische Druck auf Österreich und seiner Hauptstadt lastete, war es mit dem Press- und Buchgewerbe dort nur kümmerlich bestellt. Es konnte jedoch nicht fehlen, dass mit dem Fallen der Fesseln dies anders werden musste. Es war nicht denkbar, dass Wien, damals im Range die dritte der Weltstädte, sich einer Provinzialstadt Mitteldeutschlands bibliopolisch und typographisch unterordnen sollte. In rapider Weise entwickelte sich dort der Verlag und die Buchdruckerkunst und um die Kaiserstadt herum gruppierten sich nun wieder die Provinzialstädte des Reiches, die früher vollständig isoliert gestanden hatten.
So sehen wir nunmehr das deutsche Pressgewerbe, unter Beibehaltung seines eigentümlichen Wesens, namentlich in vier Emporien repräsentiert: Leipzig im Zentrum, Berlin im Norden, Stuttgart im Süden, Wien im Osten, während die übrigen Teile und Städte Deutschland-Österreichs sowohl als der von diesem geschäftlich abhängigen Umländer, je nach Lage, Sympathien oder nach der politischen oder geschäftlichen Attraktionskraft der Mittelpunkte, sich um diese gruppieren.
Von einer scharfen Abgrenzung kann dabei selbstverständlich nicht die Rede sein. Da es jedoch die Übersicht sehr erleichtert, den massenhaften Stoff nach den natürlichen Kreisen zu scheiden, so ist diese Vierteilung für die folgenden Kapitel beibehalten, jedoch unter Voranstellung einer Gesamt-Übersicht der Schriftgiesserei, der Xylographie, der Maschinenfabrikation und sonstiger für die Gesamtheit gleichen Verhältnisse.
IX. KAPITEL.
ALLGEMEINER ÜBERBLICK
ÜBER DAS DEUTSCHE PRESSGEWERBE.
Gedrückter Zustand des Pressgewerbes. Nachdruck und Presspolizei. Die kaiserl. Bücherkommission. Die Presse in den einzelnen Bundesstaaten. Die nationale Litteratur. Reform des Buchhandels. Der Börsenverein. Die Bücherproduktion. Der Buchdrucker-Verband und der Prinzipal-Verein. Statistisches. Die Papierfabrikation. Die Buchbinderkunst, der Masseneinband und die Handarbeit.
Gedrückter Zustand des Pressgewerbes.
DER gedrückte Zustand, in welchem wir das deutsche Pressgewerbe zum Schluss der früheren Periode verliessen (I, S. 168), sollte sich noch weit über den Schluss des achtzehnten Jahrhunderts ausdehnen. Der siebenjährige Krieg, die Revolutionskriege, die Zwingherrschaft Napoleons, die verkümmerten national-ökonomischen Verhältnisse lasteten schwer auf dem ganzen Volk und auf allen gewerblichen Verhältnissen, begreiflicherweise nicht in letzter Reihe auf Buchhandel und Bücherdruck. Diese hatten, ausser mit den allgemeinen, noch mit ihren besonderen Plagen, Der Nachdruck.Nachdruck und Presspolizei, zu kämpfen. Ersterer erhob in schamlosester Weise sein Haupt und brachte den Verlagshandel um die Früchte seiner Opfer und seiner Thätigkeit. Unter solchen Verhältnissen konnten keine angemessenen Honorare gewährt werden und die schlecht bezahlten Autoren versuchten zumteil ihr Heil in dem Selbstverlage ihrer Werke auf Subskription oder durch Vereinigungen zu den sogenannten „gelehrten Buchhandlungen“, die gewöhnlich ein trübes Ende nahmen und den Verlagsbuchhandel noch mehr diskreditierten.
Die Polizeiwillkür.
Doch nicht allein die Nachdrucker, sondern auch die Polizeiwillkür betrachtete ein Presserzeugnis als ein herrenloses Gut und die Erzeuger als ausserhalb des Schutzes der Gesetze stehend. Es ist nicht gerade notwendig, den extremsten Fall, die Erschiessung Palms in Braunau am 26. August 1806 durch Napoleon, heraufzubeschwören, das Dasein der der Presse Dienenden war ein Zustand von Hangen und Bangen, der, wennauch nicht das Leben, so doch oft Opfer an Gut und Freiheit kostete.
Die kaiserliche Bücherkommission und die Zensur.
Mit der Verlegung des Schwerpunktes der Pressgewerbe nach Leipzig war rechtlich keine Änderung in den presspolizeilichen Verhältnissen eingetreten. Ein kaiserliches Edikt vom 10. Februar 1746 beschäftigte sich sehr eingehend mit der Bücherzensur im heiligen römischen Reich und spricht „seine sonderbare Befremdung“ über die bisherige Nichtachtung der Reichsgesetze aus. Über alle Einzelheiten im Buchhandel und Buchdruck, selbst über Papier und Schriften wurden Bestimmungen getroffen. Dieser Standpunkt wiederholt sich in den Wahlkapitulationen bis 1792. Wie die Reichsregierung jedoch selbst klagt, es blieb meist bei den leeren Worten und die kaiserliche Bücherkommission war faktisch seit Verlegung der Messe nach Leipzig so gut wie von der Bühne verschwunden. Sie wusste, dass sie keinen Gehorsam finden würde und hielt sich deshalb möglichst hinter den Kulissen. Somit war die Presse fast lediglich von der Gesetzgebung der einzelnen Staaten und deren Politik abhängig; von einer Einheitlichkeit der Pressgesetzgebung, der Zensur und der Presspolizei war keine Rede[152].
Pressverhältnisse der einzelnen Bundesstaaten.
Preussen.
Preussen genoss schon vor Friedrich dem Grossen eine gewisse Freiheit und letzterer gewährte den Zeitungen einen noch grösseren Spielraum und bediente sich sogar derselben, um seine Massregeln vorzubereiten oder zu verteidigen. „Die Gazetten, wenn sie interessant sein sollen, müssen nicht geniert werden.“ Doch darf man dieses Wort nicht zu genau nach dem Buchstaben nehmen. Über Angriffe auf seine Person dachte der König allerdings sehr liberal, dagegen konnte er bei Einmischung in seine Verwaltung unduldsam werden. Die Zensur der Schriften, welche das öffentliche Recht behandelten, übertrug er dem Kabinettsministerium. Im Jahre 1747 wurde die Berliner Akademie mit der Zensur aller Schriften betraut. 1749 erschien ein etwas verschärftes Zensuredikt, welches bis zum Tode Friedrichs in Kraft blieb, jedoch mild gehandhabt wurde, wie der König überhaupt die Presse mit mehr Achtung behandelte, als man damals gewohnt war.
Nach dem Tode Friedrichs nahm die Lage in Preussen eine andere Gestalt an. In dem Jahre 1788 erschienen das berüchtigte Religionsedikt und das diesem geistesverwandte Zensuredikt vom 19. Dezember desselben Jahres. Natürlich „wollte man den Unterthanen alle erlaubte Freiheit gern akkordieren“ — aber „zugleich Ordnung im Lande haben“.
Die französische Revolution und Napoleons eiserner Druck auf Deutschland hemmten den Fortschritt gewaltig, wennauch sein Dekret vom 5. Februar 1810, durch welches die Angelegenheiten der Presse, des Buchhandels und der Buchdruckerei geordnet werden sollten, auf Grund der Schwerfälligkeit des gesamten Apparates in seinen Folgen nicht so schlimm wurde, als man hätte befürchten müssen[153].
In den nichtpreussischen Teilen des deutschen Reiches sah es bald besser, bald schlimmer aus, je nach dem Vorgehen der Einzelregierungen, denn die Reichsgesetze hatte man entweder im stillen beseitigt oder sie waren gar, wie in Holstein, wo die dänische Pressfreiheit eingeführt war, offiziell abgeschafft. Auch in Mecklenburg, Braunschweig, Weimar, Hessen-Darmstadt, Nassau bestand faktisch Pressfreiheit, ohne dass sie rechtlich garantiert war. In Hannover waren wenigstens die Werke der Professoren der Universität Göttingen zensurfrei. In Baden, Dessau und den freien Reichsstädten, namentlich in Hamburg, fand die Tagespresse in der Regel Bayern.eine sichere Zufluchtsstätte. Am traurigsten sah es in Bayern aus. Nach einem kurzen Lichtblick unter der Regierung des Kurfürsten Maximilian III. Joseph war ein ganz massloser Druck eingetreten, Württemberg.und auch in Württemberg wurde grosse Härte und Willkür geübt. Es kam dort zu Vorgängen — wie gegen den Dichter Schubart —, die sich denen der Säbelherrschaft Napoleons nicht unwürdig anreihen.
Die geistlichen Staaten.
In den geistlichen Staaten unterlagen die Presserzeugnisse neben der weltlichen Zensur auch noch der des römischen Stuhles und es kamen öfters Fälle vor, dass Schriften auf Befehl Roms nachträglich konfisziert wurden, nachdem sie bereits die Landeszensur passiert hatten.
Sachsen.
Sachsen, obwohl der Hauptsitz des Buchhandels, war nicht, wie man es wohl hätte erwarten können, geneigt, zu freisinnigen Pressinstitutionen die Initiative zu ergreifen, um damit Leipzig auch zum Zentrum der wissenschaftlichen Bewegung und der Tagespresse zu machen, wie es der Mittelpunkt des bibliopolischen Verkehrs geworden war. Es fehlte sowohl bei der Regierung wie bei dem Volke der eigentliche Schwung. Schon die Religionsverschiedenheit der Herrscher und des Volkes legte der freien Behandlung religiöser Fragen Hindernisse in den Weg. War man jedoch auch nicht freisinnig in der Gesetzgebung, so war man doch in der Praxis mild und suchte den Buchhandel auf Grund von Leipzigs Stellung zu demselben möglichst zu schonen[154]. Die Bücherkommission, zu welcher die Regierung Mitglieder der Universität, des Rats und später des Buchhandels ernannte, verfuhr mit grösster Schonung, nur über einen, den strengen Zensor Bel, war man sehr missgestimmt; ja es kam so weit, dass man von dem Wegbleiben der Auswärtigen von der Messe sprach.
Die nationale Litteratur.
Zeitschriften.
Mit dem Beginn der vorliegenden Periode beginnt auch das Aufblühen der nationalen Litteratur, die zu Ende des XVIII. und zu Beginn des XIX. Jahrhunderts ihre schönsten Blüten trieb. Zu der Zeitungslitteratur, welche sich mit Besprechung oder Kritik der öffentlichen Zustände beschäftigte, gab erst A. L. v. Schlözer in Göttingen, dem K. F. v. Moser nacheiferte, den Anstoss. Schlözers Staatsanzeigen 1782–1793 hatten zurzeit 4000 Abnehmer und waren selbst in den höchsten Kreisen beachtet. Von da ab wurden alle Der Buchhandel.Verhältnisse in den Wochen- und namentlich in den Monatsschriften erörtert und um 1785 gab es 400–500 Zeitschriften. Die politische Tagesschriftstellerei war damals noch nicht ein förmliches Gewerbe, die Unternehmer waren meist Professoren und Gelehrte, die Bücherkäufer bestanden hauptsächlich nur aus Gelehrten, Bibliotheken und Beamten, deren begrenzte Mittel sie jedoch gewöhnlich zwangen, sich auf das Nötigste zu beschränken. Das übrige Publikum begnügte sich nicht selten mit fader Unterhaltungslitteratur. Ein direktes Eingreifen des Buchhandels, um neue litterarische Erscheinungen hervorzurufen, war nur selten bemerkbar, der buchhändlerische Unternehmungsgeist war noch nicht erwacht.
Erst mit Friedr. Arnold Brockhaus beginnt das eigentliche tendenziöse Eingreifen der Verleger, welche die Verbreitung wirklicher allgemeiner und politischer Bildung ins Auge fassten. Aber welche Quelle der Sorgen und Plagen sollten ihm und seinen Gesinnungsgenossen aus solchem Beginnen erwachsen[155]!
Reform des Buchhandels.
Eine Reform des buchhändlerischen Geschäftsbetriebes war schon in der letzten Hälfte des XVIII. Jahrhunderts versucht worden, namentlich richteten sich die Bestrebungen auf die Unterdrückung des Nachdrucks und auf Gleichmässigkeit und Ordnung in den Rechnungsverhältnissen. Ph. E. Reich in Leipzig gelang es 1765, den ersten Buchhändler-Verein zustande zu bringen, doch war die Wirksamkeit desselben keine grosse und er verschwand bald ganz. 1792 versuchte P. G. Kummer in Leipzig wieder einen solchen zu begründen, jedoch erst der durch C. C. Horvath aus Potsdam hervorgerufene Börsenverein[156] war von Dauer und aus ihm entstand 1824 erst der wirkliche, jetzt noch bestehende Börsenverein der Deutschen Buchhändler, dem es namentlich durch die unermüdlichen Anstrengungen des 1833 am 25. Februar gegründeten Leipziger Buchhändler-Vereins und durch die liberale Unterstützung der Sächsischen Regierung gelang, am 1. Mai 1836 sich in dem eigenen stattlichen Börsengebäude versammeln zu können.
Börsenverein.
Seit der Zeit ist der Verein ruhig fortgeschritten und zählte 1882 1480 Mitglieder. Sein Haus besitzt er seit 1869 vollständig schuldenfrei; ausserdem eine höchst wertvolle, in ihrer Art einzig dastehende Fachbibliothek und reiche Sammlungen für die Geschichte der graphischen Künste[157], einen Verlag fachgeschichtlicher Schriften, ein wohlgeordnetes Finanzwesen und ein Vermögen von nahe an 400000 Mark.
Ein wesentlicher Einfluss auf die Gesetzgebung über das litterarische Eigentumsrecht und auf die Ordnung der Verhältnisse der Presse ist dem Verein durch das Vertrauen der Regierungen zugefallen. Einige in letzter Zeit in seinem Schosse entstandene Differenzen, die aus den Versuchen entsprangen, dem Verein Machtbefugnisse beizulegen, die ihn berechtigt haben würden, in geschäftliche Verhältnisse des Einzelnen einzugreifen, waren nicht derart, um für den so fest begründeten nützlichen Verein Gefahren zu bereiten.
Das Vereinsorgan ist das 1834 gegründete, seit 1867 täglich erscheinende „Börsenblatt für den deutschen Buchhandel“[158]; dieses im Verein mit dem „Naumburgschen Wahlzettel“, „Schulz' Adressbuch für den deutschen Buchhandel“ und dem „Hinrichsschen Bücherverzeichnisse“ sind geschäftliche Hülfsmittel von grossem Werte, wie sie in dieser Ausdehnung keine andere buchhändlerische Organisation besitzt[159].
Aufschwung der Pressgewerbe.
Fast gleichzeitig mit der Gründung des Börsenvereins und des Leipziger Buchhändler-Vereins war die grosse politische Bewegung infolge der Julirevolution in Paris 1830 und die bedeutenden technischen Verbesserungen der Typographie eingetreten. Die Produktion kam nun rasch in Fluss und trat in mancher Beziehung in andere Bahnen ein. War der Buchhändler früher weniger ein Spekulant gewesen, so wurde er jetzt vielfach ein Bücherfabrikant und unterlag als solcher mehr als sonst den Schwankungen der Zeitverhältnisse[160].
Die illustrierten Blätter.
Die Zeitschriften, selbst die belletristischen, schlugen unter Führung des jungen Deutschlands mehr oder weniger eine tendenziös-politische Richtung ein. Daneben wucherte die Broschürenlitteratur in üppigster Fülle.
Geradezu umwälzend wirkte 1832 das Erscheinen des Penny magazine (S. [94]) auf die deutsche Journallitteratur. Es entstanden die verschiedensten Nachahmungen und selbst die Verleger der nichtillustrierten Blätter waren wenigstens bemüht, diese durch Bilderprämien, zuerst Stahlstiche und schwarze Lithographien, später Chromolithographien, unter Zuhülfenahme der Colportage „bis in die Hütten“ zu verbreiten. Den Pfennigblättern folgte 1843 die „Illustrierte Zeitung“. Auch der Humor machte unter Vortritt der „Fliegenden Blätter“ (1845) seine Rechte in einer Reihe von periodischen Schriften geltend, in welchen hauptsächlich die lithographische Federzeichnung, bei welcher der Künstler ohne die Dazwischenkunft eines Anderen seiner Laune die Zügel schiessen lassen konnte, Verwendung fand.
Die Kalenderlitteratur.
Im Gefolge der illustrierten Blätter und unterstützt durch die grossen Fortschritte der Holzschneidekunst stellten sich die zahlreichen Volkskalender ein, von denen der von Fr. W. Gubitz (1833) herausgegebene der reichste an Inhalt sowie an Illustrationen, zugleich der am weitesten verbreitete war. Leider wurde dieser volkstümlichsten und bei ehrlichem Streben sehr beachtenswerten Gattung von Presserzeugnissen nicht allein durch die Höhe der daraufgelegten Stempelsteuer, sondern noch mehr durch die mit der Erhebung derselben in der Zeit der Vielstaaterei und der ausgebildetsten Zollplackerei verbundenen Schwierigkeiten sehr gehemmt und den Verlegern eine Quelle des fortwährenden Verdrusses und Nachteils eröffnet.
Die illustrierten Heftwerke.
Die Illustration bemächtigte sich jedoch nicht nur der Journallitteratur, sondern es entstanden auch illustrierte Lieferungswerke in grosser Zahl, welche bei der Erscheinungsweise in Heften zu 2½, 5 oder höchstens 10 Groschen leicht Eingang fanden, bis Missbrauch der Geduld und der Kasse des Publikums sie in Misskredit brachte.
Den Reigen begannen Werke mit lithographischen, zumteil kolorierten Bildern, dann folgten solche mit Stahlstichen, Holzschnitten und Chromolithographien. Leipzig und Stuttgart gaben den Ton an. Österreich blieb in der Produktion zurück, bildete aber das vorzüglichste Absatzgebiet. Für Holzschnittwerke wurden zuerst namentlich französische Clichés benutzt; bald aber konnte Deutschland Originale genug liefern und gab bereits im Jahre der Jubelfeier von Gutenbergs Kunst vollgültige Beweise seines selbständigen Schaffens. Die Stahlstichwerke wurden hauptsächlich mit englischen Produkten illustriert; dann wagte man sich daran, unter Beihülfe englischer Künstler, von denen viele sich in Deutschland etablierten, die Stiche selbst zu liefern.
An die Stelle der Taschenbücher in bescheidenem Format traten nach englischen Mustern die grossen Albums und Jahrbücher, die sich jedoch eben so wenig in Deutschland wie in England hielten und den illustrierten Dichterwerken Platz machten.
Die Klassiker-Ausgaben.
Ebenfalls eine andere von England nach Deutschland verpflanzte, jedoch sehr schnell verschwindende Mode war die der Klassiker-Ausgaben in einem Bande grossen Formats mit gespaltenen Kolumnen. Dahingegen fanden die sogenannten Schiller-Ausgaben (von 1845 ab) in einem kleinen breiten Sedez eine grosse Verbreitung und andauernden Beifall. Jeder Verleger spürte in seinem Verlagskataloge eifrigst nach, ob er nicht einen von ihm übersehenen „Klassiker“ im Verlage habe und mancher wunderbare Klassiker-Heilige zeigte sich mit der Schillerkutte angethan. Selbst umfangreichere wissenschaftliche Werke fielen der Schillerformat-Manie anheim. Für die epochemachende Tauchnitz-Collection war dies Format bereits 1842 angenommen.
Konversationslexika.
Die Bedürfnisse nach allgemeinen encyklopädischen Kenntnissen fanden reiche Nahrung durch die grosse Zahl von Konversationslexika mit oder ohne Illustrationen, die alle mehr oder weniger in Brockhaus' Kielwasser mit einer von ihm in billigster Weise entlehnten Ladung segelten. Sogar die Damen erhielten ein solches Lexikon und es fehlte auch nicht einmal eins für Kinder.
Die Zensurplackereien in den Jahren 1830–1848 überschritten alle Grenzen. Zwar waren Schriften über 20 Bogen zensurfrei geworden, jedoch musste 24 Stunden vor der Herausgabe ein Exemplar der Polizei überreicht werden, und diese Zeit genügte für die provisorische Beschlagnahme, die in ihren Wirkungen für Die politische Poesie.den Verleger einer definitiven ziemlich gleichkam. Für die politische Poesie und den politischen und sozialen Roman lag hierin ein Vorschub, da diesen Erzeugnissen nicht so leicht beizukommen war als denjenigen eines klar ausgesprochenen politischen Inhalts. Der Unterdrückte wird durch strenge Massregeln seiner Überwacher nur erfinderischer in der Auswahl seiner Mittel, diese zu umgehen, und die erwähnten Litteraturzweige blühten.
Pressfreiheit.
So hatte es lange unter der Asche geglimmt, bevor der Brand infolge der Pariser Februar-Revolution 1848 in Deutschland in hellen Flammen sich Luft machte. Eine Folge war die endliche Gewährung der seit mehr als 30 Jahren verheissenen Pressfreiheit und die unbehelligte Einfuhr der Bücher in Österreich, bei welcher jedoch der Buchhandel pekuniär vorläufig wenig gewann, da der Reiz des Besitzes des Verbotenen nunmehr aufhörte.
Die Zeitungen und Broschüren.
Für die erste Zeit nahmen Zeitungen und Broschüren[161] die Aufmerksamkeit des Publikums ausschliesslich in Anspruch. Viele Kontinuationswerke kamen ins Stocken; der Kredit des Buchhandels wurde beschnitten. Nur in der Zeitungslitteratur herrschte frisches Leben, aber auch eine grosse Zersplitterung der Kräfte, unter welcher die Erzielung grosser Resultate sehr schwer war. Jede Parteischattierung, jede Stadt, jedes Städtchen wollte ein Blatt oder Blättchen für sich haben.
Während die politischen Zeitungen mit ihren reichhaltigen litterarischen und schönwissenschaftlichen Feuilletons die eigentliche Unterhaltungslitteratur und auch die litterarischen Blätter ganz zurückdrängten, gediehen die illustrierten, halb unterhaltenden, halb belehrenden Wochenblätter, für welche die „Gartenlaube“ die Bahnbrecherin gewesen war, vortrefflich.
Modezeitungen.
Als ein bedeutendes Element trat die Mode hinzu. Die grossen Muster- und Modezeitungen, welchen zurseite die Frauen standen, die zum Schrecken der Männer alles Mögliche und Unmögliche behäkelten oder bestickten und in „Schnitten“ das Unglaublichste leisteten, fanden eine mitunter kolossale Verbreitung und wurden selbst in Paris massgebend.
Auch die politisch-soziale Satire hatte ihren Tummelplatz, auf welchem der „Kladderadatsch“ sich als Vorturner auszeichnete.
Die Reaktion.
Nachdem die Regierungen nach der Sturmperiode sich von ihrem Schrecken erholt und wieder festeren Boden unter sich fühlten, begann die Reaktion erst im stillen, dann offen ihr Spiel zu treiben und die Verfolgungen gegen Schriftsteller, Verleger und Drucker gehörten zur Tagesordnung. Von allen Seiten trat die Politikmüdigkeit ein, dagegen stieg die Lust an Büchern in demselben Verhältnis wie die Unlust an Zeitungen. Die Konkurrenz im Buchhandel erhob sich wieder mächtig. Sprach jemand einen Gedanken aus, so fiel gleich ein halbes oder ganzes Dutzend Verleger über denselben her und zeigte sich bereit, an der Abhülfe eines längst Die Kollektiv-Unternehmen.gefühlten Bedürfnisses mitzuwirken. Die Kollektiv-Unternehmungen aller Art schossen wie Pilze aus der Erde und fanden guten Absatz, mit Ausnahme der Romansammlungen, denn trotz der Billigkeit und der zumteil guten Auswahl derselben zog das Publikum doch vor, sich mit der schönen Litteratur durch die Zahlung von fünf Pfennigen oder einem Groschen Leihgebühren pro Band abzufinden.
Durch die Eisenbahnen war die Welt in eine fortwährende Bewegung gekommen. Es musste also auch für die Bedürfnisse des reisenden Publikums gesorgt werden, was in ergiebigster Weise durch Reisehandbücher und Reiseatlanten, Parleurs etc. geschah.
Der 9. November 1867.
Ein Tag von grosser Bedeutung in der Geschichte des Buchgewerbes war der 9. November 1867, an welchem die Verlagsrechte an die Werke der seit 30 Jahren oder länger verstorbenen Autoren Gemeingut wurden. Merkwürdigerweise hatten die hauptsächlichsten Verleger der Werke, die von der Bestimmung getroffen wurden, nicht versucht, der Gefahr beizeiten energisch zu begegnen, und überliessen den Konkurrierenden eine zeitlang das Feld. Diese hatten aber um so vorsorglicher gehandelt und sich zumteil vor Ablauf des Termins mit einigen Verlegern geeinigt, sodass sie noch vor dem 9. November ihre Kollektionen zu den wohlfeilsten Preisen beginnen konnten. Fast noch einschneidender als im Buchhandel wirkte dieser Tag in dem Musikalienhandel.
Der Colportage-Roman.
Neben den besseren Erzeugnissen der Unterhaltungs-Litteratur florierte die Schmarotzer-Pflanze des Colportage-Romans und tötete teilweise den Sinn für ernstere Lektüre, brachte auch nebenbei durch Beigabe grösstenteils mittelmässiger Prämienbilder die jugendlich frisch aufblühende Kunst des Farbendruckes in Misskredit.
Die Pracht-Albums.
Die grossen Fortschritte der Typographie, der Xylographie und der Chromolithographie in Verbindung mit der Photographie und den verschiedenen Lichtdruckverfahren hatten den Geschmack für schöne Bücher mächtig gefördert und riefen ARCHITEKTONISCHE und technische Werke von grossem Werte, sowie Mustersammlungen der besseren Erzeugnisse alter, mittlerer und neuerer Zeit hervor. Es folgten prachtvolle ethnographische Werke. Schliesslich entstand eine wahre Sintflut von Albums, hauptsächlich mit photographischen Illustrationen zu Gedichten, Romanen, Opern u. dgl.
Die „Mark-Bibliotheken“.
Als jüngste Phase des Buchhandels, deren Resultate noch nicht vorliegen können, müssen die Mark-bibliotheken bezeichnet werden, in welchen ein hübsch gebundener Band für eine Mark geliefert wird. Diese Kollektionen beschränken sich nicht auf die Unterhaltungs-Litteratur, sondern dehnen sich auch auf die wissenschaftliche aus.
Die Landkarten-Produktion.
Zum Schluss sei noch die Landkarten-Produktion erwähnt. Diese erhielt durch Hülfe der Chemitypie und der Zinkographie, sowie der Vielfarben-Druckmaschine eine gewaltige Ausdehnung und die Billigkeit der Erzeugnisse bei schöner Ausführung grenzt an das Wunderbare. Da diese Branche der Aufklärung ohne jeden bitteren Beigeschmack dient, so kann die Freude hierüber eine ungetrübte sein.
Buchdrucker-Gehülfen-Verband.
Unter den Errungenschaften des Jahres 1848 war auch das Associationsrecht. Es war selbstverständlich, dass die Buchdrucker-gehülfen dasselbe benutzten, um sich in Vereine zu sammeln behufs Vertretung ihrer Interessen mit gemeinsamen Kräften. Dass sie mässiger in der Benutzung ihrer Freiheiten hätten sein sollen als alle anderen Klassen, war nicht zu verlangen. Die alte „patriarchalische“ Zeit hatte ihnen durch willkürliche Berechnungs- und unregelmässige Zahlungsweise manche Unbill gebracht, für welche sie jetzt Revanche nahmen, dabei die Berechnung der Zinsen nicht vergessend.
Eine erste allgemeine Versammlung der Gehülfen aus ganz Deutschland fand in den Tagen vom 11. bis 14. Juni 1848 in Mainz statt. Die dort gefassten Beschlüsse hatten zwar einen Protest von gegen 200 Prinzipalen zur Folge, dabei blieb es jedoch und man liess den Verband der Buchdrucker- und Schriftgiesser-Gehülfen, welcher die lebhafteste Beteiligung fand, ruhig gewähren.
Der Prinzipal-Verein.
Erst nachdem der Verband fast unumschränkter Herr in den Druckereien geworden, dachten die Prinzipale daran, sich auch an einander zu schliessen und versammelten sich am 15. August 1869 ebenfalls in Mainz. Der dort konstituierte Verein wollte nicht nur Front gegen den Gehülfen-Verein machen und die persönlichen Beziehungen fördern und kräftigen, sondern auch in der Art des Börsenvereins der deutschen Buchhändler die Interessen des Geschäfts in allen Lagen vertreten. Zum Vorort wurde Leipzig bestimmt und ein Vorstand von neun Mitgliedern gewählt. 1872 zählte der Prinzipal-Verein mehr als 700 Mitglieder; der Gehülfen-Verband das Zehnfache (7295). Die Gesamtzahl der Gehülfen mochte gegen 11000 betragen. Von den etwa 4000 Nichtverbandsmitgliedern hielt sich eine ziemliche Anzahl nur als „Schlaumeier“ von den Verbandsbestrebungen zurück; im Herzen gönnten sie selbstverständlich, wenn sie auch nicht immer das Vorgehen des Verbandes im einzelnen billigten, wohl so ziemlich alle dem Verband die grösstmöglichsten Vorteile, denn auch sie genossen ja in ihrer gedeckten Position die errungenen Vorteile mit.
Differenzen zwischen Prinzipalität und Gehülfenschaft.
Nach einer langen Reihe von Differenzen und nach zahlreichen Übergriffen seitens des Verbandes fand zu Anfang des Jahres 1873 eine allgemeine Kündigung der Gehülfen seitens der Prinzipale statt. Da jedoch nicht alle Druckereien dem Verein angehörten, denn auch unter den Prinzipalen gab es viele „Schlaumeier“, und ein grosser Teil der Mitglieder den gefassten Beschlüssen nicht treu blieb, kam es nach vielen Verhandlungen zwischen den beiden Vereinen am 12. Januar 1874 zu einem Abkommen, das mit einem allgemein einzuführenden Tarif und dem Einsetzen eines Einigungsamtes in Differenzfällen endigte.
Der Prinzipal-Verein hat seinen Zweck bis jetzt nur im beschränkten Masse erreicht, weil er zu viel in einer zu kurzen Zeit erreichen wollte und weil manche seiner Mitglieder direkte Hülfe in ihren besonderen Angelegenheiten vom Verein erwarteten, während dieser nur für eine Anbahnung besserer Zustände im allgemeinen wirksam sein konnte. Jetzt, wo er seiner Thätigkeit engere Grenzen gesteckt hat, ist auch zu erwarten, dass er, wennauch nur Schritt für Schritt, zum Ziel gelangen wird, um so mehr, als die Gehülfen ihre prinzipielle Opposition gegen ihn aufgegeben haben[162].
Die offenbar zu grossen Einräumungen der Prinzipale im Jahre 1874 sind durch die Praxis gemildert, denn auch die Gehülfen haben einsehen gelernt, dass es im Geschäft gewisse Grenzen giebt, die man ohne sich selbst zu schädigen nicht überschreiten kann.
Ruhigere Verhältnisse.
So hat die beste Lehrmeisterin, die Erfahrung, am meisten dazu beigetragen, das Verhältnis im allgemeinen befriedigender zu gestalten. Die Versuche der Gehülfen, kooperative Druckereien zu begründen, haben aus den jedem Geschäftsmann leicht erklärlichen Gründen fast nur Misserfolge gehabt. Diese Thatsache hat ebenfalls gedient, die Gehülfen darüber aufzuklären, dass auch im Geschäft nicht alles Gold ist, was glänzt, und sie mit dem Los der Abhängigkeit zu versöhnen. Somit steht zu hoffen, dass künftig ein innigeres Zusammenwirken von Prinzipalität und Gehülfenschaft dazu beitragen wird, Gutenbergs Kunst stets mehr und mehr zu Ehren zu bringen.
Die Organe der Gehülfenschaft.
Das bedeutendste Organ der Gehülfenschaft ist der, jetzt dreimal wöchentlich erscheinende, 1862 gegründete „Correspondent für Deutschlands Buchdrucker und Schriftgiesser“. Früher fast nur und oft in massloser Weise polemisch wirkend, ist das Blatt mit den Verhältnissen auch ruhiger geworden, bringt jetzt manche technische und belehrende Artikel und hat namentlich um statistische Aufnahmen Verdienste. Der Leiter ist seit einer langen Reihe von Jahren Richard Härtel, der, früher zugleich Präsident des Verbandes, mit Klugheit und Geschick die Interessen desselben wahrgenommen hat. Das Organ der österreichischen Gehülfen ist „Vorwärts“ in Wien.
Statistisches.
Es erübrigt noch, einen kurzen Überblick über die Kräfte, welche bei der graphischen Produktion in Deutschland wirken, und über die Produktion selbst zu geben.
Buch- u. Steindruckereien.
Das Deutsche Reich hatte 1881 in 1471 Städten 3389 Buchdruckereien und 1994 Steindruckereien[163]. In diesen Offizinen sind 96 Rotationsmaschinen, 5811 typographische, 1369 lithographische Schnellpressen, 244 Tretmaschinen, 2463 typographische und 6687 lithographische Handpressen vorhanden. Jedoch darf nicht übersehen werden, dass der grösste Teil der typographischen Handpressen entweder nur als Korrekturpressen dienen oder auch ein vollständiges Stillleben führen. Beschäftigung fanden (1875) 52000 männliche, 11600 weibliche Mitarbeiter und 8400 Lehrlinge, in Summa also 71000 Arbeiter.
Von Schriftgiessereien waren 342 mit 2588 Arbeitern, von Schriftschneidereien und xylographischen Anstalten 371 mit 2353 Personen vorhanden. Von 66 Spielkartenfabriken wurden jährlich gegen 4500000 Pakete geliefert, auf denen Abgaben von etwa 1200000 Mark ruhten.
Buch- u. Kunsthandlungen.
Von Buch- und Kunsthandlungen gab es in 987 Städten 4376 mit 10590 Mitarbeitern. 11251 Buchbindereien beschäftigten 31624 Personen (darunter 7055 weibliche). Leihbibliotheken gab es 455, Zeitungs- und Annoncen-Expeditionen 326, Öldruck- und Globen-Anstalten 342.
Zeitschriften.
Im Jahre 1882 lieferten 1432 Städte 4998 Zeitschriften, von denen 76 in nichtdeutscher Sprache. Unter diesen vielen Zeitungen wurzeln bloss 9 in dem XVII., 89 in dem XVIII. Jahrhundert. Über 4000 entstanden seit 1830, von denen wieder über 2000 in den letzten zehn Jahren verschwanden, um wieder anderen Raum zu gewähren. Von den Zeitschriften kamen 2435 auf Preussen, 515 auf Bayern, 504 auf Sachsen, 216 auf Württemberg. Der Hauptvertrieb fällt der Post zu. Die Versendung betrug im Jahre 1880 gegen 300 Millionen Nummern.
Die Bücherproduktion.
Die Bücherproduktion des gesamten deutschen Buchhandels (also nicht nur des Deutschen Reiches) betrug 1879 14179 Nummern, 1880 14941 Nummern, 1881 15191 Nummern, und findet in ähnlicher Weise seit langer Zeit eine fortwährende Steigerung statt. In betreff der Ausfuhr deutscher Bücher ist Nordamerika für diese der bedeutendste Markt, auf welchem jährlich etwa für zwei Millionen Mark abgesetzt wird.
Zum Vergleich mit dem (S. [224]) gegebenen Verzeichnis, aus welchem hervorgeht, dass 26 Städte Frankreichs von mehr als je 50000 Einwohnern zusammen eine Bevölkerung von 2594100 Seelen, 343 Buchdruckereien, 390 lithographische Anstalten, 908 Buchhandlungen und 640 Zeitschriften haben, folgt umstehend eine ähnliche Aufstellung aus dem Deutschen Reiche.
Das Deutsche Reich hat demnach in 42 Städten mit über je 50000 Einwohnern und einer Gesamteinwohnerzahl von 4176000 Seelen 966 Buchdruckereien, 888 lithographische Anstalten, 1737 Buchhandlungen, 1153 Zeitschriften. Nehmen wir zu einem näheren Vergleich die 26 ersten Städte des Deutschen Reichs (von Berlin abgesehen) und stellen sie gegen die 26 Städte Frankreichs, so finden wir, dass erstere 3286000 Einwohner, 769 Buchdruckereien, 730 lithographische Anstalten, 1478 Buchhandlungen, 961 Zeitschriften haben; also gegen letztere ein Mehr von 692000 Einwohnern, 426 Buchdruckereien, 340 lithographischen Anstalten, 470 Buchhandlungen, 321 Zeitschriften aufweisen[164].
| Städte | Einwohnerzahl | Buchdrucker. | Lithogr. Anstalten | Buchhandl. | Zeitschriften |
| Hamburg | 290000 | 100 | 114 | 125 | 59 |
| Breslau | 273000 | 31 | 30 | 53 | 33 |
| München | 230000 | 49 | 38 | 95 | 71 |
| Dresden | 220000 | 43 | 52 | 126 | 61 |
| Leipzig | 149000 | 92 | 69 | 400 | 248 |
| Köln | 145000 | 43 | 32 | 47 | 27 |
| Königsberg | 141000 | 14 | 12 | 25 | 25 |
| Frankfurt a. M. | 137000 | 58 | 45 | 71 | 59 |
| Hannover | 123000 | 32 | 19 | 48 | 38 |
| Stuttgart | 117000 | 38 | 30 | 107 | 98 |
| Bremen | 113000 | 22 | 30 | 26 | 19 |
| Danzig | 109000 | 11 | 8 | 21 | 21 |
| Strassburg | 105000 | 15 | 16 | 26 | 32 |
| Nürnberg | 100000 | 26 | 45 | 40 | 26 |
| Magdeburg | 98000 | 30 | 18 | 38 | 19 |
| Barmen | 96000 | 10 | 31 | 12 | 9 |
| Düsseldorf | 95500 | 20 | 15 | 30 | 11 |
| Chemnitz | 95000 | 14 | 10 | 33 | 10 |
| Elberfeld | 93500 | 16 | 19 | 18 | 7 |
| Stettin | 92000 | 22 | 20 | 18 | 17 |
| Altona | 91000 | 17 | 16 | 14 | 5 |
| Aachen | 85500 | 14 | 13 | 17 | 15 |
| Braunschweig | 75000 | 16 | 12 | 31 | 18 |
| Posen | 75000 | 12 | 8 | 20 | 15 |
| Krefeld | 74000 | 11 | 21 | 10 | 4 |
| Halle | 71500 | 15 | 10 | 35 | 17 |
| Dortmund | 67000 | 10 | 5 | 12 | 12 |
| Mühlhausen | 64000 | 7 | 12 | 4 | 4 |
| Augsburg | 61500 | 13 | 7 | 23 | 19 |
| Mainz | 61000 | 22 | 25 | 24 | 17 |
| Kassel | 58500 | 19 | 14 | 25 | 14 |
| Essen | 57000 | 9 | 5 | 9 | 6 |
| Erfurt | 53500 | 6 | 9 | 12 | 14 |
| Metz | 53000 | 8 | 7 | 15 | 9 |
| Mannheim | 53000 | 11 | 7 | 8 | 11 |
| Würzburg | 51000 | 13 | 7 | 14 | 13 |
| Lübeck | 51000 | 11 | 9 | 10 | 6 |
| Frankfurt a. O. | 51000 | 2 | 5 | 8 | 4 |
| Wiesbaden | 50500 | 16 | 9 | 27 | 22 |
| Görlitz | 50500 | 11 | 4 | 13 | 8 |
| Karlsruhe | 50000 | 17 | 14 | 21 | 15 |
| Darmstadt | 50000 | 20 | 16 | 26 | 15 |
| Summa[164] | 4176500 | 966 | 888 | 1737 | 1153 |
Die Bedeutung von Paris für die graphischen Gewerbe Frankreichs ist bekanntlich eine weit tiefer eingreifende als die der Reichshauptstadt für Deutschland. Sollte der graphische Vergleich auf die Metropole ausgedehnt werden, so müsste man, der Deutschland eigentümlichen Organisation gemäss, Berlin und Leipzig zusammen Paris gegenüberstellen, um einigermassen zu einem richtigen Resultat zu gelangen. In diesem Falle würde dann Leipzig ausfallen und Posen als 26. Stadt einrücken und damit das Mehr der 22 deutschen Städte wesentlich beschränkt werden, nämlich auf: 618000 Einwohner, 346 Buchdruckereien, 279 lithographische Anstalten, 190 Buchhandlungen und 88 Zeitschriften.
Die Papierfabrikation.
Die Papierfabrikation Deutschlands ist eine sehr bedeutende und beträgt nahe an 250 Millionen Kilogramm. Zur Herstellung sind 785 Papiermaschinen und 185 Bütten und die Arbeit von etwa 80000 Menschen notwendig. Ausserdem wirkten noch 260 Holzschleifereien, 45 Rohstofffabriken und 20 Cellulosefabriken, zusammen mit etwa 7500 Arbeitern. Rechnet man hinzu etwa 40000 Menschen, die mit Hadernsammeln und Nebenarbeiten beschäftigt sind, so giebt das ein Arbeiterkontingent von rund 128000 Köpfen. Um den Umfang dieser einen Branche richtig zu beurteilen, wären noch alle diejenigen mitzuzählen, die sich mit dem Papierhandel und der Fabrikation von Brief- und Luxuspapieren, Pergamentpapier, Couverts, Tapeten, Handlungsbüchern, Papierwäsche etc. etc. beschäftigen[165].
Die Buchbinderkunst[166] stand, als nach der Mitte unseres Jahrhunderts die Buchdruckerkunst auf ihrem Höhepunkt angelangt war, noch beträchtlich zurück und es dauerte auch noch eine zeitlang, ehe sie einen frischen Anlauf nahm.
Der Leinwandband.
Der Leinwand-„Einband“ dominierte vollständig. Man begnügte sich nicht wie in England mit diesem als einer provisorischen Hülle, sondern die Leinwanddecke war in Deutschland das definitive Kleid des Buches für Jahrhunderte (?). In der Verzierung solcher Bände ging man noch weiter als in England und verwendete neben den Goldverzierungen oft die Hochprägung, bei welcher Medaillon-Porträts, Büsten, allegorische Figuren, Lyras, Palmenzweige, sogar Landkarten zur Verwendung kamen. Die Hautreliefs wurden bald flach gedrückt. Man gewöhnte sich, den Einbanddeckel als etwas zu betrachten, was er nicht ist und nicht sein soll: ein illustrierter Titel oder ein Frontispice, um den Inhalt des Buches zu erläutern.
Die Massenbände.
Der Betrieb des deutschen Buchhandels und die deutschen Verhältnisse waren dieser Verwendung des Leinwandbandes günstig. Die Verleger liessen ganze Auflagen in Leinwand binden und unter dem Publikum verbreiten. Ausser den Verlegern waren es noch die „Grosssortimenter“, welche dem Leinwandband Vorschub leisteten. Die Genannten kaufen von den Verlegern grosse Partien gangbarer Bücher, lassen dazu „stilvolle“ Platten anfertigen und verkaufen nun die gebundenen Bücher an die eigentlichen Sortimentshändler zu Bedingungen, die es den letzteren noch möglich machen, dem Publikum so wohlfeile Preise zu stellen, wie sie ein einzelner Privatbesteller beim Buchbinder auch nicht annähernd erzielen kann.
Im Prinzip ist diese Einrichtung gewiss eine höchst praktische, aber die Preise werden der Konkurrenz halber dem Buchbinder gegenüber so heruntergedrückt, dass Pfennige den Ausschlag geben, wodurch es dem Buchbinder fast unmöglich wird, auf Falzen, Heften und auf die Zuthaten an Pappe, Vorsetzblättern u. dgl. die nötige Sorgfalt und Ausgabe zu wenden.
Fortschritte im Geschmack.
Hinsichtlich der Dekoration des Leinwandbandes sind in jüngster Zeit ganz wesentliche Fortschritte gemacht worden. Die schreienden Farben der Leinwand haben den zarteren Modefarben und der Pergament-Imitation Platz machen müssen[167]. Das „Bemalen“ oder „Ausmeisseln“ der Bände durch Figurales, Landschaftliches etc. hat mehr und mehr aufgehört und wird durch Flachornamente ersetzt, für welche man die vielen trefflichen Vorbilder früherer Zeit benutzt oder tüchtige Künstler gewinnt. Ein Fehler ist noch ziemlich verbreitet: der übergrosse Reichtum der Ornamentierung und Überladung mit Silber, Gold und Mosaik imitierenden Farben. Je mehr man sich gewöhnen wird, die körnige Chagrin-Imitation und einfache Ornamentierung zu verwenden, um so mehr wird das Leder-Surrogat, welches wir nun einmal nicht werden entbehren können, seinen Platz in zweckmässiger Weise ausfüllen.
Die Handarbeit.
Die Handarbeit, namentlich den Halbfranz, lernt man in der letzten Zeit in Deutschland wieder schätzen und es sind hierin tüchtige Fortschritte gemacht worden. Von Lederbänden wird nicht viel die Rede sein können, solange die Kreise der wohlhabenden Kaufleute und Fabrikanten, sogar Magnaten keine gewählte Bibliothek besitzen. Die Sammler sind meist unter den Gelehrten, Beamten, selbst unter den weniger gut dotierten Landgeistlichen zu suchen. Deshalb haben die Buchbinder, falls es ihnen wirklich um die Förderung ihrer Kunst Ernst ist, sich vor der Klippe zu hüten, als Revanche für den Druck, den sie durch die Verleger und Grosssortimenter zu erleiden hatten, das Publikum zu überteuern und zu glauben, dass jeder, der gern ein Buch hübsch binden lassen will, ein reicher Büchernarr sei, dem man jeden Preis abverlangen könne. Begnügt sich der Buchbinder bei reeller Bedienung mit einem mässigen Vorteil, so wird er immer noch in Deutschland ein kaufendes Publikum finden.
Die Buchbinderkunst in Österreich.
In Bezug auf ein solches ist der Buchbinder in Österreich schon besser situiert und die Buchbindung hat demzufolge auch schon beträchtliche Fortschritte gemacht. Doch betreffen diese im allgemeinen noch mehr die Album- und Portefeuille-Fabrikation als die eigentliche Buchbinderei. Eine mächtige Einwirkung auf den Geschmack hat das Kunstgewerbe-Museum in Wien geübt. Man schliesst sich mehr der Art der Franzosen an und übertrifft diese in der Ledermosaik, die eine wirklich eingelegte Arbeit ist.
Die Vorteile der Maschinen.
Was den Betrieb der Buchbinderei betrifft, so hat dieser einen sehr wichtigen Anteil an den Vorteilen gehabt, welche das Maschinenwesen jedem Geschäft gebracht hat (vgl. Kap. [XI]). Die Maschinen besorgen das Falzen der Bogen, das Walzen des gefalzten Bogens, das Heften desselben mit Faden oder Draht, das Beschneiden und Pressen des Buches, das Abrunden des Rückens, das Einfassen, die Anbringung der Kapitäle, das Schneiden und Abschrägen der Pappen, das Pressen und Vergolden der Deckel. Für die sonstigen Arbeiten der Buchbinder sind die Couvert- und Klebemaschinen, Liniier- und noch viele andere Maschinen da.
Fußnoten:
[150] Zwei wertvolle neuere Einlagen in der Streitfrage „Antiqua oder Fraktur“ sind: F. Soennecken, Das deutsche Schriftwesen und die Notwendigkeit seiner Reform, Bonn 1881, und Dr. Johann Kelle, Die deutsche und die lateinische Schrift, Separatabdruck aus der Rundschau 1882.
[151] Um zu einiger Klarheit über das Verhältnis der Antiqua zu der Fraktur in der deutschen Typographie zu kommen, hat der Verfasser dieses Buches eine Zählung der litterarischen Erzeugnisse des Jahres 1881 nach dem Hinrichsschen Katalog unternommen. Von 14320 Nummern sind 8894 mit Fraktur, 5426 mit Antiqua gedruckt (gleich 62 zu 38 Proz.). In zwei grosse Gruppen nach den obigen Andeutungen der praktischen Verwendung geteilt, giebt die „wissenschaftliche Gruppe“ 7142 Werke, davon 2896 mit Fraktur, 4246 mit Antiqua (gleich 40 zu 60 Proz.); die zweite Gruppe, die „populäre Litteratur“, weist 7178 Werke auf, davon 5998 mit Fraktur, 1180 mit Antiqua (gleich 83½ zu 16½ Proz.). Zeitungen sind hierbei nicht mitgezählt, wohl aber Wochen- und Monatsschriften. Wie überwiegend die Antiqua in dem Accidenzfache verwendet wird, zeigt z. B. eine genaue Aufstellung der C. G. Naumannschen Accidenzdruckerei in Leipzig, nach welcher von 9447 Aufträgen in dem Jahre 1878 nur 161 in Frakturschrift bestellt waren.
[152] Lud. Hoffmann, Geschichte der Bücherzensur. Berlin 1879. — Die Preussische Pressgesetzgebung unter Friedr. Wilhelm III. Leipzig 1881. — Fr. Kapp, Aktenstücke zur Gesch. der Preuss. Zensur etc. (Archiv d. B.-B.-V. IV). Leipzig 1879. — R. E. Prutz, Zur Geschichte d. Presse in Preussen (Deutsch. Mus. 1857, 11).
[153] K. Biedermann, Deutschland im XVIII. Jahrhundert. 1. Bd. 2. Aufl. Leipzig 1880. — Friedr. Perthes' Leben. 6. Aufl. Gotha 1872.
[154] C. B. Lorck, Geschichte des Vereins der Buchhändler zu Leipzig. Leipzig 1883.
[155] H. E. Brockhaus, Friedrich Arnold Brockhaus. Sein Leben und Wirken. 3 Bde. Leipzig 1872.
[156] Fr. Frommann, Geschichte des Börsenvereins. — Der Börsenbau (Kap. [II] in Lorcks Gesch. d. Vereins d. Buchh. zu Leipzig). — Statut des Börsenvereins vom 25. April 1880.
[157] Katalog der Bibl. des Börsen-Vereins. Leipzig 1869. Nachtrag 1870.
[158] Ein Jahrgang des Börsenblattes bildet jetzt vier Quartbände, zusammen in einem Umfange von gegen 6000 Seiten. Seit 1856 wurde es von Jul. Krauss redigiert.
[159] E. Berger, Die Anfänge der period. Litteratur des Buchhandels (Publ. d. B.-B.-V. 11). Leipzig 1875.
[160] O. A. Schulz, Der Buchhandel (Schiebes Handelslexikon). — A. Schürmann, Der Buchhandel (Pierers Universallexikon). — K. Buchner, Schriftsteller und Verleger vor 100 Jahren. — Dr. A. Kirchhoff, Litteratur und Buchhandel am Schluss des XVIII. Jahrh. — J. H. Meyer, Die genossenschaftlichen Buchhandlungen des XVIII. Jahrh. (Archiv d. D. B.-B.-V. 11). Leipzig 1879. — A. Prinz, Der Buchhandel von 1815 bis zum Jahre 1863. 7 Teile. Altona 1855–1863. — E. Berger, Aus dem Buchhandel vor 50 Jahren (Publ. d. B.-B.-V. 11). Leipzig 1875. — Derselbe, Der deutsche Buchhandel in d. J. 1815–1867 (Arch. d. B.-B.-V. 11). Leipzig 1879. — K. Buchner, Beiträge zur Gesch. d. Buchhandels.
[161] R. E. Prutz, Geschichte des deutschen Journalismus. Hannover 1845. — Derselbe, Fortschritte der Zeitungspresse (Deutsch. Museum 1858 Nvbr.). — J. Kuranda, Deutsche Zeitungen und Zeitschriften. — H. Wuttke, Die deutschen Zeitschriften. 2. Aufl. Leipzig 1875. — Einen Einblick in die Herstellung einer Zeitung gewährt: J. H. Wehle, Die Zeitung. 2. Aufl. Wien 1883.
[162] Die Geschichte des Deutschen Buchdrucker-Vereins von 1869–1876 ist in den Annalen der Typographie 1870, Nr. 341–390 im Zusammenhang ausführlich behandelt. Die „Annalen“ waren von der Begründung des Vereins bis 1876 Organ desselben und wurden von dessen Sekretär Carl B. Lorck herausgegeben. Jetzt giebt der Verein selbst in unregelmässigen Zwischenräumen die „Mitteilungen aus dem Deutschen Buchdrucker-Verein“ heraus.
[163] Die etwa 700 Offizinen, welche Buchdruckerei und Steindruckerei vereinigen, sind doppelt angeführt.
Das Deutsche Reich, Österreich und die Schweiz als graphische Einheit betrachtet ergiebt die Zahl von 6993 graphischen Anstalten mit 9378 Schnellpressen und etwa 13500 Tret- und Handpressen. Die Details über Österreich und die Schweiz finden sich S. [406] und S. [436].
[164] Die Angaben hier können zwar keinen Anspruch auf absolute Genauigkeit erheben, kommen jedoch der Wahrheit so nahe, dass sie genügen, um sich ein richtiges Bild zu machen. Für die Angaben der Bevölkerung wurde Neumanns „Geographisches Lexikon“, Leipzig 1883, mit Abrundung der Einwohnerzahl auf 500 benutzt; für die der Buchdruckereien und der lithographischen Anstalten „Klimsch' Adressbuch der Buch- und Steindruckereien“, Frankfurt a. M. 1880; für die Buchhandlungen „Schulz' Adressbuch für den deutschen Buchhandel“, Leipzig 1882, für die Zeitschriften R. Mosses „Zeitungskatalog“, 1882; die in diesem fehlenden Zeitschriften sind ohne Einfluss auf das Gewerbe.
[165] J. Chr. Schäfer, Sämtliche Papierversuche. Regensburg 1772. — L. Müller, Die Fabrikation des Papiers. 4. Aufl. Berlin 1877. — Lenormand, Handbuch der gesamten Papierfabrikationen. 3. Aufl. Weimar 1881.
[166] R. Steche, Zur Geschichte des Bucheinbandes (Archiv d. D. B.-B.-V. Bd. I). Leipzig 1878. — G. Fritzsche, Moderne Bucheinbände. Leipzig 1878. — C. Bauer, Handbuch der Buchbinderei. Weimar 1881. — L. Brade, Illustriertes Buchbinderbuch. Halle 1881.
[167] Im Deutschen Reiche giebt es nur eine Fabrik „englischer Leinen“, die von Schultze & Niemann in Eutritzsch bei Leipzig.
X. KAPITEL.
DIE SCHRIFT UND DIE ILLUSTRATION
IN DEUTSCHLAND-ÖSTERREICH.
Aufschwung der Schriftgiesserei. Ed. Hänel. Die deutsche Druckschrift. Walbaum Vater und Sohn. Hamburg, Berlin, Leipzig, Frankfurt a. M. Österreich. G. Haase, C. Faulmann. Die Stereotypie, die Galvanoplastik, die Dynamo-Elektrik. Die Giessmaschine. Die Illustration: Verfall im XVIII. Jahrhundert, Wiedererwachen des Holzschnitts. Die Unger, Gubitz, Unzelmann, Kretzschmar u. a. Österreich: Prestel, Höfel, Knöfler u. a. Die Planotypie. Die Stigmatypie: Carl Fasol.
Aufschwung der Schriftgiesserei.
Ed. Hänel
LANGSAMER als in England und Frankreich entwickelte sich die Schriftgiesserei in Deutschland. Erst aus den dreissiger Jahren datiert der eigentliche Aufschwung des reineren Geschmacks in den Produktionen derselben und an Einfluss in dieser Richtung kam niemand Eduard Hänel gleich. Er führte die neuesten und schönsten französischen und englischen Antiquaschriften ein, liess die geradestehende griechische, Kanzlei, fette und halbfette, gothische und andere Zier- und Auszeichnungsschriften schneiden oder erwarb aus dem Auslande die besten Matern zu denselben.
Im Accidenzdruck brachte Hänel eine vollständige Umwälzung hervor und aus seiner Magdeburger Offizin, und nach dem Brande derselben im Jahre 1838 aus seinem Berliner Institut gingen vorzügliche Druckarbeiten hervor. Er war der erste, der den Compound-Druck (S. [80]), den er Congreve-Druck nannte, nach Deutschland brachte. Mit seinen Guillochen- und Unterdruckplatten, namentlich seinen Spitzenmustern enthusiasmierte er das deutsche Publikum. Fast kein Umschlag, ja kaum ein Rechnungsformular konnte damals ohne Guillochen und Buntdruck hergestellt werden. Bereits 1837 hatten seine Zierstücke die Zahl von 2813 erreicht.
Der Kampf mit der Lithographie ward damals mutig von den Buchdruckern aufgenommen. Viele der letzteren warfen sich mit Eifer auf das Accidenzfach und andere Schriftgiesser folgten dem Beispiel Hänels. Es war eine Zeit des regsten, lustigsten Schaffens, vom Guten, Halbguten und Geschmacklosen, vom Praktischen und Unpraktischen unter einander.
F. W. Gubitz.
W. Pfnorr.
Noch vor Hänel hatten F. W. Gubitz in Berlin und der Kammergerichtsassessor W. Pfnorr in Darmstadt manche Beiträge im Ornamentfache geliefert, unter welchen die Einfassungen mit Säulen, umwunden von Epheu- und Blumenguirlanden oder mit vollständigen schweren architektonischen Aufbauten einen wichtigen Platz einnehmen. Auch viele Polytypen stammen von Gubitz, der im Jahre 1836 bereits 1668 solcher geschnitten hatte. Nach Hänels Vorangehen trat nun auch ein besserer Geschmack in den Einfassungen und eine grössere Leichtigkeit in der Ausführung ein. Vielen Beifall fanden die sogenannten Kaleidoskop-Einfassungen, aus sehr kleinen systematischen Stückchen bestehend, die sich in die mannigfaltigsten Formen zusammenfügen liessen und congreveartig in verschiedenen Farben gedruckt manchmal eine recht hübsche Wirkung hervorbringen konnten. Auch zu Kapitel-Anfangs- und -Schlussvignetten wurden sie zusammengesetzt, in Gestalt von Schmetterlingen, Vasen, Kronen etc. Man näherte sich jedoch damit den zeitraubenden, wenig wahre Befriedigung erzielenden Arbeiten der Stigmatypie (S. [304]) und sie verschwanden bald von der typographischen Bühne.
Die deutsche Druckschrift.
Die deutsche Druckschrift, die sogenannte Fraktur, nahm um die Mitte des XVIII. Jahrhunderts eine sehr niedrige Stufe ein. Die männliche Kraft und das Urwüchsige der gothischen Schrift, Eigenschaften, welche die Schwabacher Schrift wenigstens noch teilweise besass, waren ganz verloren gegangen, ohne dass die Fraktur durch Eleganz das ersetzte, was ihr an Kraft gebrach. Nachdem J. G. J. Breitkopf, wie es scheint, lange geschwankt hatte, ob er nicht seine reformatorischen Absichten der Verbesserung der Antiqua zuwenden sollte, folgte er schliesslich doch der Tradition und versuchte der Fraktur eine kunstgerechtere Haltung zu geben (S. [365]). Etwas Mustergültiges vermochte jedoch auch Breitkopf nicht zu schaffen, noch weniger J. F. Unger in Berlin.
Erich Walbaum.
Th. Walbaum † 12. Juli 1830.
Erst Erich Walbaum in Weimar und namentlich seinem Sohne Theodor Walbaum gelang es, eine Frakturschrift herzustellen, die auf längere Zeit und allgemein sich Geltung erwarb. Der Vater war anfänglich Konditor, zeigte jedoch einen solchen Geschmack im Ornamentieren, dass er von Sachverständigen veranlasst wurde, sich der Stempelschneiderei zu widmen. Der Sohn Theodor arbeitete erst als Gewehrgraveur wie der berühmte englische Schriftgiesser Caslon (I, S. 268), wurde jedoch später von seinem Vater als Stempelschneider ausgebildet.
Die Vorzüge der Walbaumschen Frakturschriften liegen namentlich in dem Ebenmass aller Buchstaben durch alle Grade hindurch von dem kleinsten bis zu dem grössten. Form und Zurichtung sind gleich gut; die Stärke ist gerade die rechte; Leserlichkeit geht mit Dauerhaftigkeit Hand in Hand. In der Fraktur nimmt die Walbaumsche Schrift fast die Stelle ein, wie in der Antiqua die Didotsche, und würde noch heute, neu mit den Hülfsmitteln der neuesten Technik zweckmässig durchgeführt, immer eine klassische Fraktur bleiben, wenn wir diese Bezeichnung überhaupt für eine Schrift modernen Ursprungs und, man sage für ihre nationale Berechtigung und ihre Zweckmässigkeit für das Volk was man will, nicht in dem Besitz derjenigen Schönheit, welche wir von dem, was wir klassisch nennen, verlangen, gebrauchen dürften.
Theodor Walbaum starb, als Künstler und Mensch gleich geachtet, in dem Bade Berka bei Weimar und wurde von seinem Vater überlebt. Das Walbaumsche Geschäft erwarb F. A. Brockhaus in Leipzig, welcher es im Jahre 1843 nach dort verlegte.
Die neueren Frakturschriften.
Seit Walbaum hat Deutschland eine grosse Zahl von Frakturschriften aufzuweisen, bald magerere, bald fettere; bald eckigere, bald rundere; vielen derselben ist die Korrektheit nachzurühmen. Oft sind sie sich selbstverständlich so ähnlich, dass nur ein sehr geübtes Auge einen Unterschied bemerkt. Leider haben sehr viele Druckereien die üble Gewohnheit, einzelne Grade aus den Garnituren verschiedener Giessereien untereinander anzuschaffen, indem sie bald den Launen der Besteller nachgeben, bald nur dem eigenen Antrieb folgen, nicht berechnend, dass selbst die weniger schönen Schriften konsequent durch alle Grade durchgeführt ein weit gelungeneres Ganzes hervorbringen, als Schriften sogar des schönsten Schnittes, wenn sie unter einander gemengt sind.
Im Jahre 1838 hatten Deutschland, Österreich und die Schweiz bereits gegen 100 Giessereien, die beständigen Zuwachs erhielten.
J. D. Trennert.
Genzsch & Heyse.
J. A. Genzsch * 14. Sept. 1800, † 29. Juni 1869.
Im Norden Deutschlands waren die bedeutendsten derselben J. D. Trennert in Altona und Genzsch & Heyse in Hamburg, welche hauptsächlich die Bedürfnisse des skandinavischen Nordens und Russlands deckten. Der Gründer der letztgenannten Firma, J. A. Genzsch aus Audigast in Sachsen, ward 1827 erster Faktor bei Fr. Dresler & Rost-Fingerlin, als diese in Frankfurt a. M. eine Schriftgiesserei etablierten. Im Jahre 1833 assoziierten sich Genzsch und J. G. Heyse aus Bremen und führten die Thorowgoodschen Schreibschriften in Deutschland ein. Die Firma, seit 1866 im Besitz von Emil Julius Genzsch, dem Sohne des Gründers, erwarb sich besondere Verdienste um die Einführung der Renaissance-Antiqua mit entsprechenden Kopfleisten, Vignetten und Initialen, sowie um die Umgestaltung der Schwabacher Schriften. Da man für letztere nicht so wie für die Antiqua ältere mustergültige Vorbilder hatte, weil die Stempelschneiderei Deutschlands zur Zeit der Einführung der Schwabacher (I, S. 41) auf keiner hohen Stufe stand, so musste der Versuch gemacht werden, etwas Neues zu schaffen, und es ist in der That Genzsch & Heyse gelungen, sehr ansprechende moderne Schwabacher Schriften in allen Grössen herzustellen. In jüngster Zeit etablierten Genzsch & Heyse eine Schriftgiesserei in München durch Ankauf zweier dortigen Firmen[168].
Fr. Vieweg & Sohn.
In Braunschweig wirkten als Schriftgiesser namentlich Fr. Vieweg & Sohn, allerdings nur für den eigenen Bedarf schaffend, aber sehr für Verbreitung des guten Geschmacks wirkend.
Berlin.
Hänel-Gronau.
Die Hänelsche Offizin in Berlin ging nach verschiedenem Wechsel in die Hände W. Gronaus über und behauptete sich unter dessen kräftiger und einsichtsvoller Leitung als eine der vorzüglichsten Anstalten Deutschlands. Im Hänelschen Geiste wurden Ornamente, Zier- und Brotschriften in reicher Fülle geschaffen, zugleich der Schnitt griechischer und russischer Schriften gepflegt. Auch als Druckerei behielt die Offizin einen ehrenvollen Platz. J. H. F. Bachmann * 8. Juli 1821, † 27. Juli 1876.Hier wirkte als Faktor J. H. F. Bachmann aus Stralsund. Acht Jahre verbrachte dieser in Kiew als Leiter erst der Universitätsbuchdruckerei, später der Regierungsdruckerei. Nach Deutschland zurückgekehrt, weilte er 1850–1860 bei J. H. Meyer in Braunschweig, wo er den Grund zu seiner ziemlich umfangreichen fachschriftstellerischen Thätigkeit legte. Sein letztes Werk war das 1875 in Weimar erschienene ausführliche „Handbuch der Buchdruckerkunst“.
Trowitzsch & Sohn.
v. Decker.
Eine bedeutende Thätigkeit entwickelten Trowitzsch & Sohn, auch als Kalenderverleger bekannt. Die von Deckersche Giesserei schaffte in erster Richtung hauptsächlich für den eigenen Bedarf. Ihre Frakturschriften von einer etwas eigentümlichen Form sind korrekt und tüchtig durchgeführt, konnten jedoch nicht allgemein gefallen. Es hat fast den Anschein, als wäre die Absicht vorhanden gewesen, nach dem Beispiel der Nationaldruckerei in Paris etwas Absonderliches für sich allein zu haben, ohne Rücksicht darauf, ob es zugleich etwas Schönes sei. Im Jahre 1873 zur Zeit der Wiener Ausstellung betrug die Zahl der Stempel und Matrizen über 100000. Deckers lieferten auch orientalische Schriften, die unter der Aufsicht der Akademie der Wissenschaften geschnitten wurden, welche letztere sich überhaupt um diesen Zweig der Schriftgiesserei verdient machte. Beyerhauss.Als Stempelschneider in dieser Richtung erwarb sich Beyerhauss einen Ruf. Unter anderem lieferte er für die amerikanische Mission in New-York 4000 chinesische Stempel, mit welchen 22000 der am häufigsten vorkommenden Kombinationen herzustellen waren. F. Theinhardt.F. Theinhardt lieferte Hieroglyphen nach der Anleitung des Professors C. R. Lepsius, die sich von den Niesschen dadurch unterscheiden, dass sie kein schwarzes Typenbild, sondern nur wie mit der Feder gezeichnete Umrisse bilden. Die Zahl der geschnittenen Charaktere beläuft sich auf über 1300. Auch Theinhardts sonstige fremdländische Schriften und andere Leistungen sind vorzüglich[169].
H. Ehlert.
W. Woellmer.
Treffliche Einfassungen und Ornamente lieferte Heinr. Ehlert. Rastlos schaffte im Accidenzfach Wilh. Woellmer, und namentlich erwarben sich seine Züge, Einfassungen und Schreibschriften, besonders die Rundschriften[170], grosse Beliebtheit, wozu seine von W. Büxenstein in Berlin genial arrangierten und meisterhaft gedruckten Proben das ihrige beitrugen.
Je grössere Dimensionen das Geschäft im allgemeinen annahm, um so vorteilhafter war es, wenn sich Spezialitäten vom Stamm abzweigten und besondere Geschäfte bildeten. Als eine solche Spezialität, welche eine ganz besondere Pflege nötig hatte, ist die Fabrikation von Messinglinien, galvanoplastischen Arbeiten u. dgl. H. Berthold.zu bezeichnen. In der Fabrikation der ersteren hat es H. Berthold in Berlin zu einer grossen Virtuosität gebracht. Besonderen Dank seitens seiner Berufsgenossen erwarb er sich durch seine Bemühungen für die Einheitlichkeit des Schriftkegels und die Herstellung eines Normaltypometers. Unter Beihülfe wissenschaftlicher Kräfte ersten Ranges, darunter des Direktors des Observatoriums in Berlin, Professor Dr. Forster, stellte er nach achtzehnmonatlicher Arbeit ein solches Typometer in einer Länge von 30 cm = 133 Nonpareil = 798 Punkte her[171]. Leider ist auch bei diesem neuen verdienstlichen Versuche nicht das Metermass nach seinen Einheiten genau zugrundegelegt. Man sieht hier, wie bei den orthographischen Verbesserungsplänen, wie schwer es ist, eine wissenschaftliche Reform durchzusetzen, wenn nicht ein Gebot des Staates dahintersteht. Bei dem enormen vorhandenen Setzmaterial und den übergrossen Schwierigkeiten, dieses schrittweise nach einem neuen System zu vervollständigen oder umzumodeln, ist auch nicht abzusehen, wann eine Einheitlichkeit durchgeführt sein kann, denn solche Radikalkuren anzuwenden, wie die Reichsdruckerei es that, indem sie ihre gesamten Schriftenvorräte ins Zeug warf und umgoss, sind nicht jedermanns Sache.
C. Hanemann.
In Jena schnitt C. Hanemann nach Angaben des Professors W. Lagus eine arabische Schrift für die Frenckellsche Offizin in Helsingfors.
Leipziger Schriftgiesser.
Leipzig nahm in der Schriftgiesserei nicht eine so bedeutende Stelle ein, wie man es hätte vermuten sollen. F. A. Brockhaus, Breitkopf & Härtel, Karl Tauchnitz, F. Nies und dessen Nachfolger C. B. Lorck und W. Drugulin u. a., welche hauptsächlich nur im Interesse der eigenen Druckoffizinen arbeiteten, finden Erwähnung bei der Besprechung der Wirksamkeit dieser (Kap. [XII]). Gustav Schelter zeichnete sich namentlich durch seine Musiknoten aus. Der talentvolle, leider zu früh aus dem Leben geschiedene Ernst Otto war ganz besonders um die Verbesserung des Schriftmetalls bemüht. Die einzige bedeutende Schriftgiesserei war langezeit J. G. Schelter & Giesecke.hindurch die von J. G. Schelter & Giesecke, die einen ganz besonders regen Verkehr mit dem Norden unterhielt und eine Filiale in Wien (jetzt Meyer & Schleicher) errichtete. Die Leipziger Anstalt ist in jüngster Zeit ganz nach amerikanischen Grundsätzen umgebildet und gehört durch ihren Umfang und die ausgedehnteste Anwendung von Hülfsmaschinen, welche sie selbst baut, zu den bedeutendsten Schriftgiessereien der Jetztzeit, liefert zugleich kleine Druckmaschinen und alles, was zum Arbeitsmaterial gehört. In jüngster Zeit haben Schelter & Giesecke sich besonders um das Schaffen schöner Ornamente und Einfassungen verdient gemacht[172].
J. Klinkhardt.
Die als Schriftgiesserei noch junge Firma Julius Klinkhardt, früher schon als Verlagshandlung und Buchdruckerei bekannt, entwickelt eine grosse Thätigkeit. Der Gründer der Firma, Julius Klinkhardt, kaufte 1864 die gut eingerichtete Buchdruckerei von Lüders & Umlauf, 1871 die bekannte lithographische Anstalt von J. G. Bach und die Schriftgiesserei von Gust. Schelter. Unter der Beteiligung der Söhne Robert und Bruno Klinkhardt nahm das Geschäft einen ungemein raschen Aufschwung; in Wien wurde 1877 eine Filiale errichtet. Die Anstalt machte namentlich in betreff der Musiknoten und der dekorativen Typographie bedeutende Anstrengungen[173].
Galvanoplastiker und Graveure.
Als Galvanoplastiker erwarb sich in Leipzig C. A. Kloberg, als Graveur R. Gerhold Ruf. In Magdeburg zeichnete sich in diesem Fache Feodor Schmitt (früher Falckenberg & Co.) aus, dessen Spezialitäten Numerierwerke und alle Messingarbeiten für Buchbinder sind.
Frankfurt a. M.
Frankfurt A. M. behielt, mit dem benachbarten Offenbach, selbst nachdem der Hauptsitz der Typographie und des Buchhandels nach Leipzig verlegt war, die Superiorität als Sitz der Schriftgiesserei. Ein verdientes Ansehen genoss dort schon lange die J. Andreae.Schriftgiesserei von J. Andreae (I, S. 131), die einen wesentlichen Einfluss auf die Ausbildung des guten Geschmacks geübt hat. Sie verbesserte das Konkordanzsystem und war eifrig für die Einführung des einheitlichen Kegel- und Höhesystems (I, S. 160) thätig. Im Jahre 1838 ging das Geschäft auf Benj. Krebs über, der auch die ersten guten deutschen Schreibschriften lieferte, deren Zeichen zwar, wie die der Anglaise, auf schrägem Kegel geschnitten, jedoch nicht wie die letztere aus verschiedenen Stücken zusammengesetzt werden mussten. Jedes Typenstück ist zugleich ein vollständiger Buchstabe, nur existieren, wie in der Ronde, von manchen Buchstaben Varianten (bis zu fünf) unter Berücksichtigung der Anschlüsse an die Nachbarbuchstaben. Krebs hat auch durch sein für die damalige Zeit (1827) vortreffliches und heute noch nicht übertroffenes „Handbuch der Buchdruckerkunst“ sehr wohlthätig gewirkt. Die Firma lieferte auch vorzügliche hebräische, und in jüngerer Zeit auch Frakturschriften, die zu den besten gehören; seit 1870 ist H. Poppelbaum alleiniger Besitzer der Firma.
F. Dresler.
Im Jahre 1827 gründete Friedr. Dresler mit Rost-Fingerlin in Frankfurt eine Schriftgiesserei, die bald einen weiten Ruf erlangte. Die Dreslerschen gothischen Schriften wurden allgemein nachgeahmt und seine Fraktur fand sogar Eingang in die Nationaldruckerei in Paris. Dresler schnitt auch Musiknoten ohne Linienansätze, welche für sich gesetzt und dann einer, die Linien enthaltende Druckform aufgedruckt wurden. Doch hat dieses Verfahren trotz des durch die Zweifarbenmaschine erleichterten Doppeldruckes sich nie einbürgern können. Die Verwendung von zweierlei Metall, Messing für die Linien und Schriftzeug für die Noten, bietet schon wesentliche Nachteile, da die Abnutzung eine verschiedene ist, der C. Meyer.H. Flinsch.Druck demnach nie ein recht gleichmässiger sein wird. Dreslers tüchtiger Nachfolger Carl Meyer verfolgte, unterstützt von Ferd. Michael, die begonnenen Pläne weiter und H. Flinsch, in dessen Besitz das Geschäft 1859 überging, vollendete sie.
Unter Flinsch ist die Anstalt zu der grössten Deutschlands, zu einer der grössten der Welt herangewachsen. Im Jahre 1882 waren vorhanden: 92 Giessmaschinen, welche täglich ca. 2 Millionen Typen liefern können, ausserdem 26 Schleif- und viele Hülfsmaschinen. Die Zahl der Arbeiter betrug über 200. An Stempeln besass die Offizin 106000, an Matrizen 198200. Flinsch war der erste in Deutschland, der die Johnson-Atkinsonsche Giessmaschine einführte und Matrizen von Stahl und Neusilber verwendete, auch für die Güte und Härte des Zeugs wurden grosse Anstrengungen gemacht.
J. C. Bauer * 1802, † 1867.
Als Schriftschneider erwarb sich Joh. Chr. Bauer aus Hanau ein grosses Ansehen. Nachdem er sich in England ausgebildet hatte, begann er 1828 seine schönen Frakturschriften auszuführen, von welchen die ersten 1852 erschienen. Nach und nach folgten andere und Bauer schnitt über 10000 Stempel. Seine Nachfolger wirken in gleicher Richtung. Sie haben das Patent auf die Hepburnsche Giessmaschine erworben (S. [295]), deren Erfinder seine Thätigkeit dem Frankfurter Hause widmet.
C. D. May.
Cosman Damian May gehört halb Frankfurt, halb London an. Geboren in ersterer Stadt, ging er 1828 nach England und war bis 1845 Teilnehmer der Schriftgiesserei Miller & Richard. 1852 kam er wieder nach Frankfurt; kehrte jedoch 1865 abermals nach London zurück. Er schnitt Frakturschriften sowohl in einer abgerundeteren Form (Midoline), als auch in der üblichen eckigen. Bekannter sind seine Antiquaschriften geworden, deren treffliche Ausführung alles Lob verdient.
J. Ch. D. Nies.
J. H. Rust.
C. J. Ludwig.
Die Firma J. Ch. D. Nies wurde 1834 gegründet. C. J. Ludwig, aus der Flinschschen Schule hervorgegangen, hat sich seit 1876 für seine junge Firma bereits einen guten Ruf erworben. In dem benachbarten Offenbach zeichnete sich J. M. Huck & Co. und J. H. Rust, letzterer namentlich durch seine eleganten Ornamente und Einfassungen, aus.
Stuttgart hat in der Schriftgiesserei keine grosse Bedeutung gehabt. In neuester Zeit machte sich Otto Weisert durch seine Zierstücke, Stoffler & Backé durch Holzschriften bemerkbar. Solche fabrizierten namentlich Sachs & Schumacher in Mannheim, Nachtigall & Dohle in Aachen.
Österreich.
Andr. Haase * 30. Aug. 1804, † 25. Juni 1864.
In Österreich stand die Schriftgiesserei lange auf einem ziemlich untergeordneten Standpunkte. Eine Änderung hat man erst Gottlieb Haase in Prag zu verdanken, der in Österreich ungefähr dieselbe Stellung einnahm, wie Hänel in Deutschland.
Der Begründer der Firma war 1798 nach Prag eingewandert. Sein rasch aufgeblühtes Geschäft arbeitete mit 18 Pressen und war mit einer Schriftgiesserei verbunden. Der Sohn Andreas widmete sich nach einer sorgfältigen Erziehung der Buchdruckerkunst und übernahm, kaum zwanzig Jahre alt, nach dem Tode des Vaters im Verein mit seinen beiden jüngeren Brüdern Gottlieb und Rudolph das Geschäft, das bald eins der bedeutendsten in Österreich wurde. Im Jahre 1836 disponierte es bereits über eine Doppelmaschine, drei einfache Schnellpressen, zwölf Stanhope- und vierzehn ältere Handpressen, nebst zwei hydraulischen Glättpressen. Die Schriftgiesserei zählte 45 Arbeiter und versah ganz Österreich und die Donauländer. Eine Maschinenfabrik wurde in Wran angelegt. Nach dem Tode Andreas' übernahm Gottlieb als Chef die Leitung der Buchdruckerei. Ihm zur Seite stand als Dirigent der Schriftgiesserei sein Neffe Guido; Rudolph leitete die Buchhandlung. Im Jahre 1871 ging das Geschäft in die Aktiengesellschaft Bohemia auf, bis es Andreas Haase später wieder übernahm.
Schriftgiesserei in Wien.
Der sehr bedeutende Aufschwung, welchen die Wiener Schriftgiesserei in neuester Zeit genommen hat, entstammt zumteil den Bestrebungen Auers, zumteil den bei der günstigen Wendung der Pressverhältnisse nach Wien eingewanderten deutschen Geschäften. Die jetzt bedeutendste Schriftgiesserei Meyer & Schleicher, welche ihre Verbindungen selbst bis Japan ausdehnt, wurde, wie bereits erwähnt, als Filiale von Schelter & Giesecke in Leipzig gegründet. Sie führte die Atkinsonsche Giessmaschine in Wien ein. J. H. Rust aus Offenbach etablierte 1856 ein Geschäft. Aus einer Filiale von Krebs in Frankfurt a. M. ward die Firma Poppelbaum & Bossow, jetzt Poppelbaum. In jüngster Zeit folgte Jul. Klinkhardt aus Leipzig.
Ausser der Staatsdruckerei verbanden auch andere Druckanstalten mit ihren Druckoffizinen Schriftgiessereien, so v. Waldheim, Zamarski, Fromme. Letzterer verkaufte jedoch die Giesserei an Brendler & G. Harler. Carl Brendler schnitt vortreffliche orientalische Schriften und die stenographischen Typen für Faulmann.
C. Faulmann und die Stenographie.
Carl Faulmann, erst Setzer, dann Stenograph und Linguist, Verfasser mehrerer Werke über Schrifttum und Typographie[174], hat sich ganz besondere Verdienste in betreff der Lösung der schwierigen Aufgabe, die Stenographie in die Typographie einzuordnen, erworben. Die ersten Versuche hatte bereits 1854 Gustav Schelter mit Typen nach Gabelsbergers System gemacht, sie fielen jedoch nicht genügend aus. Die Staatsdruckerei liess von Joseph Leipold und Christian Plesse Typen nach Stolzes System herstellen, die 1854 in München ausgestellt, für den praktischen Gebrauch jedoch zu gross befunden wurden. 1859 zeichnete Faulmann für die Staatsdruckerei neue Typen nach Gabelsbergers System, die, von Leipold geschnitten, sich als zweckmässig bewährten. 1864 erschienen wieder neue Typen von Faulmann, die er auf seine Rechnung von Brendler schneiden liess und die später von der Staatsdruckerei angekauft wurden. Diese neuesten Typen reihen sich ohne Verbindungsstücke an einander an, wie gewöhnliche Typen. Allerdings ist die Zahl derselben, trotz einer grossen Reduktion der früheren 1300 Stücke, noch eine bedeutende, 800, so dass ein Kasten sie nicht alle fassen kann, auch laufen die überhängenden Buchstaben beim Drucken leicht Gefahr, beschädigt zu werden. Liegt es nun auch in der Natur der Sache, dass die Geschwindschrift nie Gegenstand eines Geschwindsatzes werden kann, so ist doch das Problem des stenographischen Satzes als glücklich durch Faulmann gelöst zu betrachten[175].
Reichtum an Schriften.
Betrachten wir den grossen Reichtum an Material, welchen die Schriftgiessereien für Einfassungen, Ornamente, Titel-, Schreibschriften u. dgl. den Setzern in die Hände liefern, so können letztere nicht darüber klagen, dass es ihnen an Mitteln gebricht, ihre Kunstfertigkeit zu zeigen. Eher verleitet sie der Reichtum zur Verschwendung und unter den hunderten von Schriften wird mehr gewühlt als gewählt und sinnlose Zusammenstellungen gemacht. Erfreulich ist es zu sehen, wie jetzt das Ausland, das fast nur von den Derrieyschen Einfassungen zehrte, jetzt die deutschen Produkte vielfach benutzt, die selbst in Frankreich Eingang fanden.
Übersättigung führt zur Einfachheit und so haben in den letzten Jahren die einfache typographische Linie und der Punkt (S. [304]) eine bedeutende Rolle gespielt und oft werden mit diesen kleinen Mitteln wirkliche Meisterstücke ausgeführt, in welchen namentlich W. Büxenstein in Berlin, Jul. Klinkhardt in Leipzig und die Pierersche Hofbuchdruckerei in Altenburg excellieren, der in letzterer arbeitende taubstumme Watzulik ist ein ausserordentliches Setzer-Genie[176].
Die Stereotypie.
Das Stereotyp-Verfahren[177] wird in ausgedehnter Weise in Deutschland geübt, ohne dass dieses selbst bedeutende eigene Verdienste um dasselbe erworben hätte, wenn sich auch Spuren älterer Versuche zeigen.
Ältere Versuche.
Ein Steingutfabrikant, Schmidt in Durlach, fand auf einem Schutthaufen seiner Fabrik das Bruchstück einer Schriftplatte in Porzellan, welche den Schluss einer Dedikation oder eines Gesuches an den Grossherzog Karl von Baden seitens eines Müller d. ä., datiert Paris den 1. August 1787, enthält, des Inhalts:
„Diese Erfindung ist in Teutschland schlechterdings unbekannt. Sie gehört dem Amtmann Hoffmann, welcher aus einer alten Familie aus den Markgräflich-Badenschen Landen herstammt. Ich werde mich glücklich schätzen, wenn sie unter der Protektion Ew. Hochfürstlichen Durchlaucht, durch mich, durch Errichtung einer Polytypie eingeführt, und alle Kirchen- und Schulbücher meines gnädigsten Privilegii, zuerst in Teutschland polytypiert, von mir können abgedruckt werden. Ein Unternehmen, das der glorreichen Regierung meines gnädigsten Fürsten ein ewiges Denkmal stiften und den wärmsten Dank aller edlen Seelen verdienen wird; denn das Werk ist eines Fürsten würdig.
Ich ersterbe ehrfurchtsvoll
Ew. Hochfürstlichen Durchlaucht
unterthänigster treu-gehorsamer Knecht
Müller älter.“
V. v. Pallhausen.
Im Jahre 1805 machte Vincenz von Pallhausen in München, unterstützt von dem Xylographen Th. Neuer, einen Versuch zu stereotypieren. Ehe dieser einigermassen gelang, verunglückten verschiedene Platten. Von den hiervon noch übrig gebliebenen, deren Inhalt ein Gedicht auf Gutenberg bildet, veranstaltete Prögel in München 1836 einen Abdruck in einem Büchlein: „Denkmal in Stereotypen den Manen Gutenbergs 1805 gewidmet von Vincenz von Pallhausen“.
Polytypen, Plakat- und grössere Titelschriften waren längst mit der Hand clichiert worden. Die Clichiermaschine von Pfnorr in Darmstadt erleichterte sehr das Verfahren[178].
Stanhopes Stereotypie.
Die ersten, welche das Stanhopesche Verfahren in Deutschland erwarben und ausbeuteten, waren v. Decker und K. Tauchnitz; 1819 kam es nach Österreich. Die Stereotypendrehbank[179] vereinfachte die Arbeit. Eine grosse Förderung gewährte die Papierstereotypie (S. [153]). In Deutschland war Georg Jaquet in München der erste, der das Verfahren 1834 erwarb. Für die weitere Verbreitung wirkten namentlich Th. Archimowitz und J. Isermann in Hamburg[180].
Stereotypie in Eisen.
Versuche mit Stereotypen in Eisen wurden schon 1805 auf Veranlassung des Buchhändlers Gädicke in Berlin gemacht. Auf den Rübeländer Eisenwerken im Harz brachte Ziegler nach jahrelangem Arbeiten eine vollständige Bibel in dieser Weise zustande.
So vorteilhaft die Stereotypie ist, namentlich zur Herstellung der Clichés von Abbildungen, ohne welche die illustrierte Litteratur nie eine so enorme Ausdehnung hätte erreichen können, so wurde sie doch bedeutend durch die Herstellung von Clichés auf galvanoplastischem Wege übertroffen.
Galvanoplastik.
H. Jacobi * 21. Sept. 1801, † 10. März 1874.
Die Galvanoplastik[181] ist eine Erfindung des Deutschen Moritz Hermann Jacobi aus Potsdam. 1835 erhielt dieser einen Ruf nach Dorpat, 1837 nach St. Petersburg. Bereits in diesem Jahre erfand er das Verfahren, auf chemischem Wege Kupfer abzulagern, und, abgesehen von den sonstigen hochwichtigen Verwendungen, druckbare Kupferplatten sowohl für den Tiefdruck auf der Kupferdruckpresse als für den Hochdruck auf der Buchdruckpresse, je nach dem Original, zu erzielen. Das Verfahren kaufte die russische Regierung, die mit einer höchst anerkennenswerten Liberalität es der Allgemeinheit preisgab. Die erste Veröffentlichung geschah in dem Bulletin der Akademie zu St. Petersburg vom 5. Oktober 1838.
Missbrauch der Galvanoplastik.
Die Galvanoplastik ward jedoch für das Geschäft zu einer zweischneidigen Waffe. Die Möglichkeit, durch ihre Hülfe von einem Cliché oder einer Type eine getreue Mater herzustellen, somit ohne Kosten und Mühe sich die Arbeit des Stempelschneiders oder Holzschneiders anzueignen, wurde stark gemissbraucht. Nicht nur über die Produkte des Auslands fiel man her, sondern auch die Kollegen im Inlande wurden nicht geschont und ein Gesetz verbot diese kollegialische Beraubung nicht. Hier konnte nur Selbsthülfe wirken und am 15. Mai 1857 konstituierte sich auch ein deutscher Schriftgiesser-Verein, jedoch erstens waren nicht alle Schriftgiessereien Mitglieder des Vereins und zweitens konnte dieser weiter keine Strafe diktieren, als öffentliche Bekanntmachung von Kontraventionen, und diese genügte nicht immer. Erst der Erlass des Reichsgesetzes zum Schutze der Muster vom 1. Juli 1873 konnte dem Übel steuern.
Die dynamo-elektrische Maschine.
Ein grosser Fortschritt in der Galvanoplastik ist die Gewinnung von Clichés durch die dynamo-elektrische Maschine, welche als Ersatz für die galvanischen Elemente eintritt und einen kräftigen elektrischen Strom durch Verbindung eines mit Kupferdraht umwickelten, sich rasch drehenden Eisenringes und eines Elektromagneten hervorbringt, welcher stark genug ist, um damit in wenigen Stunden ein Cliché zu erzielen. Diese, namentlich von Sigm. Schuckert in Nürnberg und Siemens & Halske in Berlin erbauten Maschinen sind, wo Dampfbetrieb einmal vorhanden ist, mit einem geringen Kostenaufwande zweckmässigst zu benutzen[182].
Vernickelung.
Zu erwähnen bleibt noch die Vernickelung der Typen, eine Erfindung des Prof. Bötticher in Frankfurt a. M., die jedoch, da sie in Deutschland keinen Anklang fand, nach Amerika auswanderte, um dann von dort als Neuheit nach Deutschland importiert zu werden.
Die Schriftgiessmaschine.
Die Giessmaschine ist keine deutsche Erfindung, sie gelangte aber in Deutschland zur grossen Verwendung. E. Hänel war der erste, der sie hier baute, nachdem er das Patent Lauritz Brandts (Kap. [XVI]) erworben hatte. Ein Schüler Brandts, Corfitz Möller aus Kopenhagen, baute Giessmaschinen bei F. A. Brockhaus in Leipzig, Gursch & Klemm und C. Kisch in Berlin, Steiner in München und Rob. Kühnau in Leipzig waren bestrebt, sie zu verbessern. Grosse Verbreitung fanden die amerikanischen Apparate. Auf die neue Hepburnsche Maschine (S. [39]) hat, wie schon erwähnt, die Bauersche Giesserei in Frankfurt das Patentrecht.
Das anfängliche Misstrauen gegen die Giessmaschinen, hervorgerufen durch die, wegen der eingeschlossenen Luft verursachten Hohlheiten im Guss sowie die Unmöglichkeit der Verwendung von Hartmetall, ist nach Beseitigung dieser Übelstände durch verbesserte Konstruktion verstummt und die Giessmaschine steht jetzt in der Schriftgiesserei ebenbürtig der Schnellpresse in der Buchdruckerei zur Seite.
Die Setzmaschine.
Die Setzmaschine[183] (S. [40]) bahnt sich in Deutschland langsam den Weg und hat auch hier wenige praktische Verbesserungen gefunden. Erst in neuester Zeit nehmen die Erfindungen von Prasch in Wien, von A. v. Langen in Düsseldorf im Verein mit C. G. Fischer auf Schloss Holte in Westfalen[184], sowie von E. W. Brackelsberg in Hagen[185] die allgemeine Aufmerksamkeit in Anspruch, namentlich wird die Ablegemaschine der letzteren allgemein gelobt, jedoch sind diese Erfindungen noch zu neu, um ihnen in der Geschichte der Typographie jetzt schon einen bestimmten Platz anweisen zu können.
DIE ILLUSTRATION.
Die Illustration im XVIII. Jahrh.
Die grosse Ausdehnung der Illustration in dem XVI. Jahrhundert lernten wir bereits kennen (I, S. 105). Die Holzschnitte und Stiche Dürers hatten überall Eingang gefunden. Die Gegenstände aus dem profanen Leben waren jedem verständlich und auch die Darstellungen aus der heiligen Schrift in ihrer Naivetät ganz dem Fassungsvermögen des Publikums angemessen. Nicht so rasch gestaltete sich die Verallgemeinerung der Renaissance. Es fehlte dem grösseren Publikum der Sinn für die Schöpfungen derselben, der Zusammenhang mit dem Altertum war nicht wie in Italien vorhanden, und unter den Leiden des dreissigjährigen Krieges ging vollends der Geschmack an edleren Genüssen verloren. Die später eindringende französische Malerei diente namentlich zur Verherrlichung der Machthaber und stand dem Volke fern. Das Bedürfnis nach Schmuck im kleinen war aber doch nicht untergegangen und zeigte sich auch in der zweiten Hälfte durch einen Aufschwung in der Bücher-Ornamentierung und der Illustration.
D. Chodowiecki * 16. Okt. 1726, † 7. Febr. 1801.
Die Holzschneidekunst war inzwischen so gut wie abhandengekommen und man nahm deshalb Zuflucht zu dem Kupfer. Kaum ein Buch erschien, welches nicht wenigstens eine Titelvignette, einige Kapitel-Anfangs- und Schlussvignetten aufwies. Von dem Ornament ging man zur wirklichen Illustration über und diesmal kam der Anstoss von Frankreich, wo die Illustration jedoch einen mehr aristokratischen Anflug hatte, während sie in Deutschland, wie in früherer Zeit, den volkstümlichen Charakter annahm und namentlich eine Begleiterin der vielverbreiteten Kalender wurde.
Einer der grössten Meister in dieser illustrierenden Kleinkunst war Daniel Chodowiecki, geboren in dem damals noch zu Polen gehörenden Danzig. Da der Vater frühzeitig starb, musste Daniel ein Handwerk ergreifen, später konnte er jedoch seiner Neigung folgen und bildete sich unter der Leitung des Malers Haid mit Erfolg für die Kunst aus. Mit dem Jahre 1764 traten seine Arbeiten mit der Radiernadel in den Vordergrund; 1769 lieferte er die ersten zwölf Blätter Illustrationen zu Lessings „Minna von Barnhelm“. Von nun an häuften sich die Aufträge der Buchhändler derart, dass seine ganze Arbeitskraft dazu gehörte, um sie zu bewältigen, und es giebt kaum einen bedeutenden Schriftsteller damaliger Zeit, dessen Werke er nicht illustriert hätte.
Der Holzschnitt.
Der Holzschnitt trat jedoch nicht gleich die Erbschaft an und es dauerte noch eine Zeit, ehe man an diesem wieder Geschmack fand; wesentlichen Anteil an der Erweckung desselben haben die beiden Unger, Vater und Sohn[186].
J. G. Unger d. ä. * 1715, † 1788.
Johann Georg Unger, der Vater, stammt aus Pirna bei Dresden. Erst Schriftsetzer, widmete er sich seit 1757 ganz dem Holzschnitt. Zu seinen besten Arbeiten gehören „Fünf geschnittene Figuren, gezeichnet von O. Meil“.
J. F. Unger d. j. * 1750.
Joh. Friedr. Unger, der Sohn, war in Berlin geboren. Auch er begann als Buchdrucker, erwarb jedoch als Holzschneider einen noch grösseren Ruf als sein Vater. Bekannt sind seine „Sechs Figuren für Liebhaber der schönen Künste“ (1779) und von Vignetten lieferte er eine grosse Zahl. Als Schriftsteller versuchte er durch mehrere Fachbroschüren zu wirken; seine Bemühungen für die Verbesserung der Frakturschrift hatten keinen Erfolg. Im Jahre 1800 wurde er Professor der Holzschneidekunst.
F. W. Gubitz * 27. Febr. 1786, † 5. Juni 1870.
Derjenige Holzschneider neuerer Zeit, der zunächst als der geistige Erbe Chodowieckis angesehen werden kann und am meisten dazu beigetragen hat, den Holzschnitt aufs neue populär zu machen, ist Friedr. Wilh. Gubitz. Im Alter von 15 Jahren stellte er auf der Berliner Kunstausstellung sieben Vignetten aus, die ihm Ehre und Geld einbrachten. 1812 wurde er Professor der Holzschneidekunst. 1835 begann er seinen Volkskalender, der mit seinen zahlreichen Illustrationen rasch eine grosse Popularität erlangte. Für Buchdrucker lieferte er eine enorme Anzahl von Polytypen, darunter auch eine Serie für Didot in Paris. Sein in Farben gedruckter Heiland nach Lucas Cranach, das Bildnis der Gräfin Voss, seine Blätter in Tuschmanier gehören zu den besten Arbeiten ihrer Art. Gubitz gehörte noch ganz der alten Schule an, welche in dem Holzschnitt mit dem Kupferstich konkurrieren wollte. Er schnitt immer noch in Langholz. Eine eigentliche Schule bildete er nicht und sein talentvollster Schüler Unzelmann war in der Manier das gerade Gegenstück zu Gubitz.
Ritschl v. Hartenbach * 1797.
> W. Pfnorr.
Dan. Vogel d. ä.
Zu nennen sind noch J. Ritschl von Hartenbach, der sich jedoch nicht bis zur Meisterschaft erhob; der Kammersekretär Wilh. Pfnorr in Darmstadt, ein Dilettant, der aber Tüchtiges namentlich in ornamentalem Schmuck lieferte, und Daniel Vogel, der Vater, in Berlin.
Fr. Unzelmann * 1793, † 1855.
Der erste bedeutende Repräsentant der neuen Richtung der Holzschneidekunst ist Friedrich Unzelmann aus Berlin. Seine künstlerische Ausbildung erhielt er auf der königlichen Akademie. Bis 1827 arbeitete er für Gubitz. Nach seiner Trennung von diesem zeigte er sofort eine freiere Handhabung der Technik. Bis jetzt hatte er, wie Gubitz, nur mit dem Messer in Langholz gearbeitet, jetzt griff er zum Stichel und zu dem Hirnholze.
Unzelmann stellte sich die Aufgabe, die ja auch die einzig wahre des Holzschneiders ist, wenn eine für den Holzschnitt korrekt gezeichnete Vorlage vorhanden ist, die Zeichnung vollständig facsimile wiederzugeben. Er lieferte viele Blätter zu den damals erscheinenden illustrierten Werken, namentlich A. Menzels „Friedrich der Grosse“, und zu den auf Rechnung des Königs von Preussen herausgegebenen Werken seines grossen Vorfahren. Ein Jubelblatt aus dem Jahre 1840, Gutenberg und Fust an der ersten Presse, ist in dem Archiv des Berliner Kupferstichkabinetts deponiert, um 1940 aufs neue gedruckt zu werden. Im Jahre 1843 wurde Unzelmann Mitglied der Akademie, 1844 Professor.
Ed. Kretzschmar * 21. März 1807, † 1858.
Der bedeutendste Schüler Unzelmanns, vielleicht an Genialität ihm nicht ganz gleichkommend, aber von noch grösserem Einfluss auf die Förderung der deutschen Xylographie, war Eduard Kretzschmar, aus Oschatz gebürtig.
Schon frühzeitig äusserte sich seine Neigung für die zeichnenden Künste; Armut zwang ihn jedoch, als Laufbursche in der Brockhausschen Buchdruckerei zu dienen. Später wurde er Konditorlehrling, übte dieses Geschäft elf Jahre und zeigte sein plastisches Talent, indem er Formen für Kuchenverzierungen schnitt. Als im Jahre 1833 das Pfennigmagazin erschien, wagte er sich an einen Holzschnitt, den er mit einem Federmesser in Birnbaumholz ausführte. 1836 ging er nach Berlin und arbeitete unter Unzelmanns Leitung. Die erwähnte illustrierte „Geschichte Friedrichs des Grossen“ von Menzel war das erste Werk, durch das Kretzschmar eigentlich Gelegenheit bekam, sein Talent zu entfalten und das zugleich ihm Veranlassung wurde, ein xylographisches Institut in Leipzig zu gründen, um genügend tüchtige Kräfte heranzubilden, welche selbst die Anforderungen eines Menzel, dieses Schreckbildes der Holzschneider, befriedigen sollten, ein Vorhaben, das dem mit allen Eigenschaften eines guten Lehrers Ausgerüsteten auch vortrefflich gelang.
Als 1843 die „Illustrirte Zeitung“ erschien, waren die zu überwindenden Schwierigkeiten gross. Anfänglich musste natürlich das Ausland zum wesentlichen Teil mit Clichés aushelfen, doch dauerte diese Abhängigkeit nicht lange. Kretzschmar erweiterte sein Atelier und richtete es fast ganz auf die Bedürfnisse der „Illustrirten Zeitung“ ein. Bei seinem Tode ging es in die Hände der Expedition der „Illustrirten Zeitung“ über. Die von Kretzschmar meist zum Experimentieren angelegte vortreffliche kleine Kunstdruckerei erwarb Ph. Grumbach.
Alb. Vogel * 1814.
> Otto Vogel * 1816.
Die Brüder Albert und Otto Vogel in Berlin traten ganz in Unzelmanns Fussstapfen. Beide konnten auf Grund ihrer Verhältnisse nicht ihrer Neigung folgen, die Albert zum Kupferstechen und zur Malerei, Otto zur Skulptur hinzog. Beide lieferten Vortreffliches, doch ist Otto der bedeutendste und seine Schnitte nach Menzels Zeichnungen sind wahre Meisterstücke.
Caspar Braun * 1807, † 1877.
Eine besondere Bedeutung hat Caspar Braun aus Aschaffenburg[187], der den Holzschnitt in München heimisch machte und durch die „Fliegenden Blätter“ einen weitverbreiteten Namen erwarb. Erst ging er nach München, um sich in der Malerei auszubilden, und dann nach Paris, wo er zwei Jahre bei Brevière arbeitete. Nach seiner Rückkehr gründete er mit v. Dessauer ein Holzschneideatelier und arbeitete namentlich für die Cottaschen illustrierten Ausgaben, bis er sich mit Friedr. Schneider zur Herausgabe der „Fliegenden Blätter“ verband.
Hugo Bürckner * 1819.
Gaber.
Hugo Bürckner aus Dessau war erst Bereiter, wandte sich aber bald dem Zeichnen und Malen zu und ging 1837 nach Düsseldorf. Ein Zufall veranlasste ihn, sich für die Holzschneidekunst als Beruf zu entscheiden. Im Jahre 1840 folgte er dem nach Dresden übergesiedelten Maler Hübner, nachdem er erst einen kurzen Unterricht bei Unzelmann genossen hatte. Seine Thätigkeit widmete er namentlich den im strengeren künstlerischen Stil gehaltenen buchhändlerischen Unternehmungen G. Wigands und T. O. Weigels. In ähnlicher Richtung zeichnete sich Gaber in Dresden aus.
Heinr. Lödel * 1798.
Von Bedeutung sowohl als Kupferstecher wie als Holzschneider ist Heinr. Lödel aus Hameln. Er lernte die Buchbinderei, ging nach Göttingen und versuchte sich dort im Schneiden von Vergoldestempeln und Vignetten, schliesslich im Kupferstechen. Durch einen Holbeinschen Totentanz erwachte seine Neigung für den Holzschnitt, in welchem er sich besonders durch getreue Reproduktionen älterer Meisterwerke auszeichnete.
J. G. Flegel † 20. Dez. 1881.
Die Bestrebungen J. G. Flegels in Leipzig waren stets auf Vervollkommnung seiner Kunst gerichtet. Seine mikroskopischen, naturwissenschaftlichen und anatomischen Arbeiten sind nicht übertroffen und nur durch Betrachtung durch die Lupe ganz zu würdigen. Vorzüglich sind auch seine Nachbildungen Rembrandtscher Radierungen. Viele seiner besten Arbeiten finden sich in den Verlagswerken Wilh. Engelmanns verstreut. Besonders in technischen Illustrationen zeichnen sich Klitzsch & Rochlitzer aus.
In neuerer Zeit hat Stuttgart sich in der Xylographie namentlich durch das Institut von Ad. Closs ein hohes Ansehen erworben. Es wird Gelegenheit sein, hierauf in dem folgenden zurückzukommen (Kap. [XIV]). Eine hervorragende Stufe nimmt die Anstalt von R. Brend'amour & Co. in Düsseldorf mit Zweiganstalten in Düsseldorf, Berlin, Leipzig und Stuttgart ein.
J. G. Prestel * 1739, † 1808.
Österreich hat in der Xylographie, ganz besonders in dem Clairobscur- und dem Polychromdruck, bedeutende Namen aufzuweisen. Unter den wenigen Leistungen aus der zweiten Hälfte des XVIII. Jahrhunderts sind die Clairobscur-Blätter von Joh. Gottl. Prestel rühmlichst zu erwähnen, namentlich eine Kreuzabnahme nach Raphael. Auch Karl Friedr. Holtzmann (1740–1811) lieferte Tüchtiges in dieser Richtung. Die vorzüglichsten seiner Arbeiten erschienen gesammelt als „Abdrücke in Helldunkel nach verschiedenen Meistern“. Er wandte, wie schon ältere Künstler es gethan hatten, Kupferstich in Verbindung mit Holzschnitt an und druckte mit zwei bis zu sechs Platten. Auch von Karl Ruprecht (1799–1831) existieren gute Clairobscur-Blätter.
B. Höfel * 27. Mai 1792, † 17. Sept. 1863.
In seiner Arbeitsweise mit Gubitz verwandt, jedoch als Künstler weit bedeutender ist Blasius Höfel. Er war in Wien geboren und zeigte frühzeitig ein ungewöhnliches Zeichentalent. Nach vielen Schwierigkeiten gelang es ihm, einen Platz in der Akademie der bildenden Künste zu erlangen. Um dort am Tage studieren und arbeiten zu können, musste er in den Nachtstunden seinen ärmlichen Lebensunterhalt durch Illuminieren von Bildern erwerben. Anfangs widmete er sich mit Erfolg der Malerei, ging jedoch bald zum Kupferstich über und lieferte eine grosse Anzahl von Blättern, allein 120 Porträts für Artaria. Im Jahre 1820 erhielt Höfel die Professur des freien Handzeichnens an der Militär-Akademie in Wiener-Neustadt.
Auf einer Reise in Deutschland im Jahre 1829 lernte er Gubitz und Unzelmann kennen und sofort die Wichtigkeit der neuerwachten Holzschneidekunst begreifend, warf er sich mit Eifer auf dieses Verfahren. Eine seiner ersten Arbeiten: „Betende Alte“ nach Waldmüller wurde in 127000 Exemplaren verkauft. Die Aufmerksamkeit des Fürsten Metternich ward auf Höfel gelenkt, auf dessen Anregung erfasste er die von Collas erfundene Reliefmanier und lieferte treffliche Platten zu dem „Ehrentempel Österreichs“. Eben im Begriff nach Paris zu gehen, verlor Höfel Haus und Habe durch einen grossen Brand, welcher 633 Häuser in Wiener-Neustadt am 8. September 1834 in Asche legte, und er musste nun von neuem anfangen. Eine Verbindung mit der Nationalbank führte nicht zu einer dauernden Anstellung und infolge einer Reorganisation der Militär-Akademie in Neustadt wurde Höfel pensioniert. Er verband sich nun, um seine Erfindungen auszubeuten, mit dem Buchdrucker Sollinger. Letzterer erhielt bei der Industrie-Ausstellung in Berlin 1840 die goldene Medaille. Höfel ging leer aus. Bei seinem nun folgenden Versuch mit einer eigenen Buchdruckerei geriet er in Konflikt mit dem Gremium der Buchdrucker und Buchhändler, woraus ihm viel Verdruss und viele Verluste entstanden.
Im Jahre 1845 stellte er eine Anzahl der schönsten Farbendrucke aus, darunter eine Madonna nach Führich in 25 Platten auf Goldgrund. Die Verhältnisse des Jahres 1848 zwangen Höfel, sein Geschäft um jeden Preis zu verkaufen. Er ging nun nach Salzburg und baute sich in dem am Fusse des Gaisberges reizend gelegenen Dorfe Aigen einen Meierhof, wo er den Rest seiner Tage, mit der Ausführung verschiedener grosser Stahlplatten beschäftigt, verbrachte.
Auf Aufforderung von G. Haase Söhne lieferte er für die Ausstellung in München einen lebensgrossen Christuskopf nach Hübner in der Baxterschen Manier, 22 Platten Farbe auf Farbe ohne Konturen gedruckt. Das Bild erschien in vier Auflagen. Trotz seines schweren Kampfes mit dem Leben behielt Höfel noch im Greisenalter seine jugendliche Geistesfrische und seinen Unternehmungsgeist, bis eine Lungenlähmung seinem vielbewegten Leben ein Ende machte.
F. v. Exter * 7. März 1820, † 27. Juni 1860.
Friedrich Von Exter, ein Schüler Höfels und einer der geschicktesten Holzschneider der Anstalt von Braun & Schneider in München, wurde 1846 von Auer als Leiter der xylographischen Abteilung der Staatsdruckerei nach Wien berufen. Zu seinen besten Leistungen gehören „Kaiser Joseph an der Buchdruckerpresse“ und „Karl V. im Kloster St. Just“. Zu den Peintures de Polygnote à Delphe der Gebr. Riepenhausen lieferte Exter die ersten zwölf Tafeln in Chromoxylographie, die späteren Platten wurden lithographisch ausgeführt.
H. Knöfler * 1824.
Heinrich Knöfler aus Schmölln im Altenburgischen brachte es von einem einfachen Tischlergesellen zu einem hervorragenden xylographischen Künstler und Kunstdrucker. Prof. von Berger in Wien war der erste, welcher auf sein ausserordentliches Talent aufmerksam wurde. Den Unterricht in der Xylographie erhielt er von Bader, der von Stuttgart nach Wien übergesiedelt war. Ein Holzschnitt Knöflers, „Der Stephansturm“, wurde sehr bewundert und verschaffte ihm eine Anstellung in der Staatsdruckerei, welche er später mit einer solchen bei Zamarski vertauschte, bei dem er sich viel mit dem Chromodruck beschäftigte.
Seinen hauptsächlichsten Ruf erwarb sich Knöfler durch seine Miniaturen zu dem bei Reiss erscheinenden Missale und durch seine Illustrationen zu den liturgischen Werken Pustets in Regensburg. Eine ihm von Didot angebotene ehrenvolle und vorteilhafte Stellung lehnte er ab. Knöfler ist namentlich ein Meister in der Behandlung der Köpfe seiner kleinen Figuren. Eine seiner bedeutendsten Leistungen ist die Nachbildung des Marienfensters des Prof. Trenkwald in der Votivkirche zu Wien. Ferner sind die Illustrationen zu dem „Ägyptischen Joseph“ und zu Führichs „Geistliche Rose“ zu nennen.
Ein ehemaliger Schüler und Mitarbeiter Knöflers, Hermann Paar, arbeitete mit Biberhofer zusammen. Die Aufmerksamkeit wurde auf ihn durch den Druck der von Bader geschnittenen Trachtenbilder Albr. Dürers gelenkt. Sein Bildnis eines Unbekannten nach Jan van Eyck ist eine vollendete Leistung, ebenso sein Kegelschieber nach Ostade. Ein Xylograph ersten Ranges ist der mehrerwähnte Bader. Sein Panorama von Wien im Jahre 1873 hat bei einer Höhe von 77 cm eine Länge von 122 cm.
In Verbindung mit der Xylographie müssen wir noch zwei Verfahren nennen, die, wennauch ihr praktischer Wert kein ausserordentlicher ist, doch dem Fachmann von Interesse sind.
Die Planotypie.
Die erste ist die Planotypie[188]. Eine Zeichnung in Linien wird auf Lindenholz getragen. Mittels einer durch eine Stichflamme glühend gemachten Stanze wird die Zeichnung Strich für Strich in das Holz vertieft eingebrannt und so eine Matrize gebildet, in welche eine leicht flüssige Metalllegierung gegossen wird. So wird ein erhabenes Cliché erzielt, mit welchem man, nachdem die Oberfläche vollständig egalisiert worden ist, drucken kann. Das Verfahren wurde zuerst von Lepel, früher in Berlin, dann in Dresden, verwendet, namentlich für die sehr grossen Musterbogen der Modenzeitungen, auf welchen die verschiedenen Muster für das Zuschneiden auf einer Platte sich kreuzen.
Mit vielem Geschick ist diese Methode zur Illustrierung eines umfangreichen Werkes „Trachten der Völker in Bild und Schnitt“ (Dresden, bei Müller, Klemm und Schmidt) verwendet. Über 1000 Figurenbilder sind in dieser Weise in Umrissen wirksam und charakteristisch hergestellt.
Stigmatypie von Fasol.
Ein anderes Verfahren oder vielmehr eine besondere Verwendung der einfachsten typographischen Figur, des Punktes, zur malerischen Typographie, die Stigmatypie, fand besonders in Wien durch Carl Fasol Pflege.
Mit fünf Graden von Punkten liefert derselbe nicht allein die kompliziertesten Ornamente, sondern auch förmliche bildliche Darstellungen: Porträts, Architektonisches, Landschaftliches, Blumen- und Fruchtstücke mit Licht- und Schatteneffekten, die, wenn man des benutzten Materials eingedenk bleibt, geradezu wunderbar sind. Die Zeichnung wird auf karriertes Papier übertragen und zur Erleichterung beim Setzen die Stärke der zu wählenden Punkte durch Farbennuancierungen kenntlich gemacht. Um die unendliche Mühe einer solchen stigmatypischen Arbeit zu beurteilen, mag die Erwähnung des Umstandes genügen, dass zu einem Fruchtstück in der Grösse von 11×13 Zoll etwa 80000 Punkte gehörten. Man muss dem bedeutenden Talent und der grenzenlosen Ausdauer des Künstlers seine Achtung zollen, jedoch nicht ohne eine herbe Beimischung von Bedauern, dass doch nur bedingungsweise Gelungenes zustande gebracht werden kann, was man mit weniger Mühe und Aufwand in anderer Weise besser und leichter hätte erzielen können. Doch bleiben diese stigmatypischen Arbeiten eine Anspornung für den Typographen, sein Material gut zu benutzen, wenn er sieht, mit wie wenigen Mitteln sich etwas Hübsches schaffen lässt und deshalb verdienen die von Fasol herausgegebenen Proben („Album der Buchdruckerkunst“, fünf Hefte in Folio, 1868–1881) einen Platz in jeder grösseren Druckanstalt und in jeder typographischen Gesellschaft.
Fußnoten:
[168] Zu dem 50jährigen Jubiläum am 28. Februar 1883 erschien „Chronik der Schriftgiesserei Genzsch & Heyse“.
[169] C. R. Lepsius, Standard-Alphabet. II. Ed. London 1863. — Fr. Ballhorn, Alphabete orientalischer und occidentalischer Sprachen. 12. Aufl. Nürnberg 1880. — F. Theinhardt, Liste hieroglyphischer Typen. Berlin 1875. — H. Brugsch, Mémoire sur la réproduction imprimée des caractères démotiques. Berlin 1868.
[170] F. Soennecken, Das deutsche Schriftwesen. Bonn 1881. — H. Smalian, Praktisches Handbuch für Buchdrucker im Verkehr mit Schriftgiessereien. 2. Aufl. Leipzig 1877. — J. H. Bachmann, Die Schriftgiesserei. Leipzig 1868.
[171] Journ. f. B. 1879, Nr. 29.
[172] Die in zwanglosen Zwischenräumen erscheinenden „Typographischen Mitteilungen von J. G. Schelter & Giesecke“ dienen ihrem Geschäft als Organ, enthalten aber auch Nachrichten und Belehrungen von allgemeinem Interesse.
[173] Das „Probenalbum der Buchdruckerei Julius Klinkhardt“ 1882 ist eine Musterleistung moderner Ausstattung, namentlich neuerer Ornamentierung.
[174] Illustrierte Geschichte der Schrift. Wien 1880. — Das Buch der Schrift. Wien 1878. — Illustrierte Geschichte der Buchdruckerkunst. Wien 1882. — Illustrierte Kulturgeschichte. Wien. — Stenographische Unterrichtsbriefe. Wien.
[175] Österr. Buchdr.-Ztg. 1873, Nr. 29. — Journ. f. B. 1874, Nr. 16 u. 18.
[176] Eine „Anleitung zum Accidenzsatz“ von Heinr. Fischer. Leipzig 1877, versucht ein System für den titelförmigen Satz aufzustellen.
[177] H. Meyer, Handbuch der Stereotypie. Braunschweig 1838.
[178] Journ. f. B. 1835, Nr. 5; 1838, Nr. 1.
[179] Journ. f. B. 1837, Nr. 5.
[180] Th. Archimowitz, Die Papierstereotypie. Karlsruhe 1862. — A. von Flammenstern, Stereotypie in Österreich. Wien 1822.
[181] A. Hering, Die Galvanoplastik und ihre Anwendung in der Buchdruckerkunst. 7. Ausg. — F. von Roseleur, Handbuch der Galvanoplastik. Deutsche Übers. Stuttgart. — Dr. G. Seelhorst, Katechismus der Galvanoplastik. 2. Aufl. Leipzig.
[182] Journ. f. B. 1877, Nr. 38.
[183] Litteratur der Setzmaschine s. S. 40 u. ff.
[184] Journ. f. B. 1881, Nr. 33 u. 34.
[185] Österr. B.-Ztg. 1882, Nr. 34; 1883, Nr. 2.
[186] Max Schasler, Die Schule der Holzschneidekunst. Leipzig 1866.
[187] Ann. d. Typ. 1877, Nr. 425.
[188] H. Klemm, Die Planotypie. Dresden 1871.
XI. KAPITEL.
DIE TYPOGRAPHISCHEN MASCHINEN
IN DEUTSCHLAND.
Fr. König und die Schnellpresse. Die Bedeutung derselben. Jugendgeschichte Königs. Seine Rückkehr aus England. Etablissement König & Bauer in Oberzell. Kampf und Sieg. Die Zweifarbenmaschine. Die Endlose. Die Maschinenfabrik Augsburg und andere Fabriken Deutschlands. Helbig & Müller in Wien und andere Fabrikanten Österreichs. Die lithographische und die zinkographische Schnellpresse. Die Handpressen. Die Satinier-Schnellpresse. Die Farbenfabrikation.
Fr. König und die Schnellpresse.
AM 17. April 1874 waren hundert Jahre vergangen seit dem Tage, an welchem Friedrich König, der Erfinder der Schnellpresse, in Eisleben das Licht der Welt erblickt hatte[189]. „Eine kleine Stadt war sein Geburtsort, aber ihr Name hatte Weltruf erlangt, denn in Eisleben stand die Wiege des grossen Reformators, Luther, den hunderte, über das ganze Erdenrund verbreitete Millionen als den Befreier von dem auf dem Geiste lastenden Druck verehren; dessen Name jeder gebildete Deutsche, der Genuss und Belehrung in den Werken sucht, welche die Heroen der deutschen Litteratur und Wissenschaft schufen, als den des Reformators der Muttersprache hoch hält, selbst wenn er dem Träger desselben auch nicht als Reformator in Glaubenssachen huldigt.“
Kulturhistor. Bedeutung der Erfindung.
„Wie wäre jedoch die weltbewegende Wirksamkeit Luthers gehemmt gewesen, wenn er nur auf das gesprochene Wort und auf die Verbreitung desselben durch Niederschrift angewiesen gewesen wäre, wenn ihm nicht die thätigen Pressen Wittenbergs und Leipzigs fördernd zur Seite gestanden hätten. Glücklich müssen wir uns preisen, dass die deutsche Erfindung Gutenbergs es ihm möglich machte, seine zündenden Blitze nach überall hinzuschleudern.“
„Und doch, wie unvollkommen und langsam war die damalige Hülfe der Presse, wenn wir sie mit derjenigen vergleichen, welche sie uns heute leistet. Vergegenwärtigen wir uns, wie viel durchgreifender und wie unendlich schneller die Erfolge der reformatorischen Thätigkeit Luthers hätten sein müssen, wenn man derzeit über diejenigen mechanischen Hülfsmittel zu verfügen gehabt hätte, die uns jetzt zu Gebote stehen; wenn die Schnellpresse damals dienend zur Seite gestanden hätte; wenn diejenige Reform im Druckwesen, welche die Times vom 29. November 1814 den staunenden Lesern verkündete, gleichzeitig mit der Reform des Glaubens und der deutschen Sprache ins Leben getreten wäre.“
»Doch verlieren wir uns nicht in Phantasien über das, was hätte werden können, und halten wir uns an die grosse Errungenschaft, wie wir sie wirklich jetzt besitzen. Die Schnellpresse gehört unserer Zeit. Sie ist ein Kind des XIX. Jahrhunderts und hat wieder so unendlich viel dazu beigetragen, dieses zu einem der denkwürdigsten in der Geschichte der Entwickelung der Menschheit zu machen. Sie hat die Presse zu der sechsten, oder wenn wir wollen, zu der ersten Grossmacht herangebildet, sie hat der öffentlichen Meinung, verkörpert in dem Journalismus, eine Macht verliehen, vor der sich selbst die Mächtigsten der Erde beugen, sie trägt die Bildung bis in die Hütte und macht es dem Ärmsten möglich, an den geistigen Genüssen, welche gottbegabte Männer uns bereiteten, teilzunehmen, sie hat, wie die Grabschrift des Erfinders sagt, „der Presse Flügel verliehen, ohne welche sie ihr zehnfaches Tagewerk nicht genügend würde erfüllen können.“
Königs Jugendgeschichte.
Der Vater Königs war ein schlichter Ackerbauer, die Mutter eine vortreffliche Frau, die für einen guten Unterricht des Sohnes Sorge trug. Zu Johanni 1790 kam Friedrich in die Buchdruckerlehre bei J. G. J. Breitkopf und wurde Michaeli 1794 losgesprochen. Jede freie Stunde verwendet er auf seine Ausbildung, hörte später Vorlesungen und beschäftigte sich wahrscheinlich schon frühzeitig mit Plänen zur Verbesserung der Holzpresse und mit dem Gedanken, Stempel in Platten einzudrücken, um in letztere Stereotypplatten zu giessen. In betreff der Konstruktion einer Tiegeldruck-Schnellpresse[190] war er schon im Jahre 1805 mit sich ins Reine gekommen, denn in diesem Jahre wendete er sich von Wien aus an den Kaiser von Russland und bietet ihm die Erfindung an. Die Pläne wurden nach St. Petersburg gesandt; er selbst folgte am 12. Mai 1806. Anfänglich gestalteten sich die Aussichten vortrefflich und König schrieb an seine Mutter, mit der er auch später sich schriftlich in kindlicher Liebe unterhält, Berichte voll der schönsten Hoffnungen. Bald sollten jedoch diese vernichtet werden und noch in dem erwähnten Jahre ist König in London, um dort seine Pläne durchzusetzen.
König & Bauer.
Wie dies geschah ist bereits erzählt (S. [53]). König kehrte Ende August 1817 nach Deutschland zurück, wo es ihm gelungen war, das reizend gelegene frühere Benediktiner-Kloster Oberzell, eine halbe Meile von Würzburg, zu erwerben. Erst später, im Mai 1818, kam der treue Freund Bauer nach Oberzell. Dieser, 1783 in Stuttgart geboren, war ein sehr tüchtiger Mechaniker und hatte durch sieben Jahre treu alle Arbeiten und Sorgen mit König geteilt, ohne dass ein festes Geschäfts-Verhältnis zwischen beiden stattgefunden hatte. Erst wenige Tage vor Königs Abreise von London wurde, am 9. August 1817, der erste Vertrag zwischen beiden abgeschlossen. Nach demselben sollte König als Erfinder und als Ersatz für seine bisherigen Opfer zwei Anteile am Gewinn haben, während ein Anteil Bauer zufallen sollte; auch würde Oberzell Königs Eigentum bleiben. Im Jahre 1821 wurde der Vertrag dahin abgeändert, dass eine gleichmässige Teilung des Gewinns stattfand.
König über Bauer.
Über Bauers Anteil an der Erfindung und an der Fortbildung derselben thun wir am besten, uns an Königs eigene Worte zu halten, welche in wenigen Zeilen das Verhältnis so trefflich und schön charakterisieren: „Wenn zwei Männer gemeinschaftlich und im höchsten Vertrauen zu einander einen Zweck verfolgen, so dürfte es schwer sein, den Anteil zu bestimmen, den ein Freund gehabt hat, der bei allem zu Rate gezogen, mit dem jede Angelegenheit des Geschäfts überlegt worden ist und wir haben uns selbst nie Rechenschaft darüber abgelegt oder abgefordert“.
Man hatte nun nicht nur ein Dach über dem Kopfe, sondern war, was Lokalität anbetrifft, eingerichtet, wie es nicht besser sein konnte, aber es galt jetzt, alles aus nichts zu schaffen, nicht nur Werkzeug und Hülfsmaschinen, sondern auch Arbeiter, denn die Verhältnisse lagen nicht wie in England; aus rohen Bauern waren erst tüchtige Gehülfen auszubilden.
Erste Bestellung.
Dann mussten Bestellungen herbeigeführt werden. Cotta, an den man sich zuerst wandte, konnte „Staatsgeschäfte halber“ vorläufig sich nicht mit dem Maschinenwesen befassen. Dagegen fanden Königs Vorstellungen offene Ohren bei Georg Jacob Decker in Berlin und dessen Schwager K. Spener. Bereits während Königs Aufenthalt in England waren nähere Unterhandlungen mit Decker angeknüpft, die jedoch durch Königs Absicht, England zu verlassen, unterbrochen wurden. Am 15. Oktober 1817 kam es mit den Genannten zu dem Abschluss eines Kontraktes über die Lieferung von zwei Schnellpressen, die innerhalb zwei und einem halben Jahre fertig zu stellen waren. Die Abnehmer sollten 7000 Thaler zahlen, ausserdem alle Spesen tragen und, anstatt der von König anfänglich geforderten jährlichen Abgabe, ein für allemal ein Prämium von 10000 Thalern gewähren. Man sieht aus dem obigen, dass es den Bestellern nicht an Opferfreudigkeit und Zutrauen zu den Ideen Königs fehlte.
Schwierigkeiten aller Art.
Die Ausführung gestaltete sich für beide Teile zu einer langen Leidensgeschichte. Nicht nur die oben erwähnten Schwierigkeiten der Arbeiterverhältnisse, sondern auch der Mangel an Fonds machten sich in quälender Weise für König & Bauer geltend. Zwar erhielten sie ein zinsfreies Darlehen von 20000 fl., jedoch zunächst um eine Papierfabrik in Gang zu bringen. Die ersten 10000 fl. waren bereits absorbiert, ohne dass die Arbeiten, an welche die Auszahlung der zweiten 10000 fl. geknüpft waren, ihr Ende erreicht hatten. John Walter, für welchen König noch Arbeiten auszuführen hatte, ward unwillig, weil er sich unmöglich die Jämmerlichkeit der deutschen Arbeiterverhältnisse vorstellen konnte. Das langsame Vorwärtsschreiten machte Decker und Spener ärgerlich, trotzdem unterliessen sie nicht, der Fabrik allen möglichen Vorschub zu leisten. Erst im Juli 1822 konnte der erste Probedruck in Oberzell gemacht werden. Am 15. November 1822, also erst fünf Jahre nach der Bestellung, waren die durch Nachbestellung auf vier vermehrten Maschinen zum Versand fertig. Im Januar 1823 befanden sie sich zwar im Gange und das erste Produkt war die Nr. 11 der Spenerschen Zeitung vom 25. Januar 1823; es dauerte jedoch fast ein Jahr, bevor die Leistungen zufriedenstellend ausfielen. Mit allen dazu gehörigen Einrichtungen kamen die Kosten für die Besteller auf etwa 30000 Thaler zu stehen, dazu im Jahre 1827 noch 5500 Thaler für Umbau.
Vielfache Pläne.
Es war eine schwere und aufreibende Zeit gewesen. Mit der Papierfabrik wollte es nicht vorwärts. Im Herbst 1823 musste König selbst nach London gehen, um von den neuesten Erfindungen und Verbesserungen der Papierfabrikation Kenntnis zu nehmen. Die Geldsorgen endigten vorläufig durch den Beitritt Cottas zu diesem Geschäft; 1831 übernahmen jedoch König & Bauer dessen Anteil wieder. Obwohl das Unternehmen somit schliesslich festen Boden gewann, so war die Zersplitterung der Kräfte doch kaum als ein Glück für das Schnellpressen-Etablissement zu betrachten, dessen rasche Förderung noch nicht gelingen wollte, sie gewährte aber eine fortwährende Beschäftigung für Königs regen Geist. Er brachte an den Times-Maschinen Verbesserungen an, beschäftigte sich mit dem Gedanken einer Roundabout-Presse mit zehn Druckcylindern, welche stündlich 5000 Exemplare liefern sollte, und mit dem bereits erwähnten Verfahren, geschlagene Matern herzustellen. Selbst die Setzmaschine spielte eine Rolle in seinen damaligen Plänen.
Verbreitung der Schnellpresse.
Am 12. Juli 1824 erhielt Cotta eine Schnellpresse für die Allgemeine Zeitung in Augsburg. König selbst leitete die Aufstellung im Verein mit seinem Neffen Fritz Reichenbach, der bei Decker gelernt hatte und den König von Berlin mitgenommen hatte, um ihn als Maschinenbauer auszubilden; ein zweiter Neffe, Friedrich Helbig, zeichnete sich später in Wien aus.
Um die Anbringung der Maschinen zu erleichtern, wollte König solche auf eigenes Risiko bauen und sie auf Gewinn-Anteil ausleihen. König litt jedoch unter demselben Mangel an Betriebskapital, der die Buchdrucker selbst drückte, und der Plan liess sich nicht durchführen. Er musste nun darauf bedacht sein, kleinere und billigere Maschinen zu bauen, die sich durch Menschenhände bewegen liessen und von denen er gleichzeitig mehrere Exemplare bauen könnte, wodurch die Herstellung wesentlich billiger zu stehen kommen würde. Der Erfolg bewies, dass die Rechnung eine richtige gewesen. 1826 wurden elf Maschinen fertiggestellt, darunter die ersten für Stuttgart (J. B. Metzler) und Leipzig (F. A. Brockhaus). Schon Fr. Arn. Brockhaus hatte an Anschaffung einer Schnellpresse gedacht, schreibt jedoch 1819 an König, dass ihm der Mut fehle (Kap. [XII]). Nach Paris wurde die erste Maschine an A. Guyot & Scribe, die zweite an E. Pochard geliefert; für Enchedé & Sohn in Harlem waren bereits zwei solche abgesandt.
Rückgang und dann neue Erfolge.
Somit schien alles im besten Gange zu sein, da kam die Julirevolution. Die Drucker zerschlugen die Schnellpressen, die Bestellungen sowohl aus Frankreich wie aus Deutschland blieben aus; niemand hatte Lust, Kapitalien in Maschinen, welche der Zerstörung ausgesetzt waren, anzulegen, und als Ruhe und Vertrauen wiederkehrten, konnte Frankreich seinen Bedarf selbst decken. Die Fabrik in Oberzell, die über hundert Arbeiter beschäftigt hatte, behalf sich jetzt mit vierzehn. Die Teilhaber verloren jedoch den Mut nicht und machten alle Anstrengungen, um die Buchdrucker für die Maschinen zu interessieren. In einem diesbezüglichen Zirkular finden sich merkwürdige Äusserungen. Die Firma erklärt, vierfache Maschinen bauen zu können, die wenigstens 4000 Exemplare in der Stunde liefern, glaubt jedoch, „dass es nirgends Verhältnisse giebt, in welchen eine so grosse Geschwindigkeit besondere Vorteile gewähren würde“, und fährt dann fort: „Wir halten noch andere seltsamere Kombinationen — mit endlosem Papier — nicht nur für möglich, sondern auch für leicht ausführbar. Allein, obgleich man damit ein ungeheures Resultat erhalten würde, so treten doch, nach unserer Meinung, so viel praktische Hindernisse, die in der Beschränktheit des Bedarfs und den bestehenden Formen und Gewohnheiten ihren Grund haben, ein, dass wir uns nie zu einem Versuche entschliessen könnten, wiewohl wir dazu alle Mittel zur Hand haben. Zum wohlfeilen und schnellen Druck ist genug geschehen, zum besseren Druck bleibt noch viel zu thun übrig“.
Königs Verheiratung und Tod.
Im Jahre 1825 heiratete der 50jährige König eine 18jährige junge Dame aus Suhl. Sie schenkte König drei Kinder, zwei Söhne und eine Tochter. König fühlte sich sehr glücklich, sollte jedoch leider nicht lange sein Glück geniessen. Die Entbehrungen in den jüngeren Jahren, die fortwährenden Anstrengungen und aufreibenden Sorgen hatten seine Gesundheit untergraben. Er starb nach einem Schlaganfall am 17. Januar 1833. Seine treue Gefährtin lebte bis zum 1. April 1882. Sein Freund Bauer überlebte ihn fast 30 Jahre Königs Nachfolger.und ruht seit 1860 an seiner Seite. Die Söhne Wilhelm (geb. am 9. Dezember 1826) und Friedrich (geb. am 29. Januar 1829) übernahmen das Geschäft. König und Bauer, aus einem ganz verschiedenen Stoff gebildet, ergänzten sich vortrefflich. Der erste hochstrebend, weitblickend, rasch schaffend; Bauer bedächtig überlegend, minutiös im Arbeiten und genau rechnend. Nur einmal in dem schweren Jahre 1824 trat eine vorübergehende Missstimmung zwischen Beiden ein, die sich jedoch schnell ausglich.
Wachstum des Etablissements.
Bei Königs Tod waren im ganzen etwa 60 Schnellpressen ausgeführt. Es ging aber nun so rasch vorwärts, dass im Jahre 1865 die tausendste, am 6. September 1873 die zweitausendste Maschine fertiggestellt wurde, bei welcher Gelegenheit die beiden Brüder den Orden des heiligen Michael erhielten und damit in den Adelstand erhoben wurden. Für das erste 1000 waren 50 Jahre nötig gewesen, während das zweite 1000 nur acht Jahre brauchte. Von den 2000 Maschinen blieben 1243 in Deutschland. Leipzig erhielt davon 265, Stuttgart 117; 392 gingen nach Russland (208 nach St. Petersburg). Die stärksten Abnehmer waren Brockhaus und Teubner in Leipzig, die Staatsdruckerei in St. Petersburg mit je 33 Stück, Cotta mit 32[191]. Das dritte Tausend wurde 1882 voll.
Verbreitung der Königschen Schnellpressen.
Die Schnellpressen König & Bauers zeichneten sich stets durch die grosse Akkuratesse der Arbeit und durch Solidität aus. Die mit Kreisbewegung und Cylinderfärbung versehenen Maschinen erwarben in Deutschland wegen ihres ruhigen Ganges und der Vorzüglichkeit des Farbewerkes ihre Beliebtheit, obwohl sie schwerer zu bewegen und teurer sind, als die mit Eisenbahnbewegung und Tischfärbung. Welches Ansehen die Schnellpressen König & Bauers genossen, beweisen z. B. Bestellungen von 24 Stück auf einmal, darunter acht Zweifarbe-Maschinen, zum Banknotendruck nach Rom und von 20 Stück für die Bank von Frankreich. Die Banknotendruckerei von St. Petersburg beschäftigt vorzugsweise König & Bauerschen Tiegeldruckmaschinen, welche für die feinsten Arbeiten allen anderen vorgezogen werden, obgleich sie einen sehr grossen Raum einnehmen, langsam arbeiten und sehr teuer sind. Eine Eigentümlichkeit der Tiegeldruckmaschine sind die zwei Fundamente, von welchen man nach Belieben beide oder nur eins von beiden benutzen kann. Die Färbung, eine Kombination von Cylinder- und Tischfärbung, ist eine höchst vollkommene.
Die Zweifarbenmaschine.
Vorzüglich sind ebenfalls die Zweifarbe-Maschinen König & Bauers. Wenn sie auch nicht dieselben in die Praxis zuerst einführten, so gebührt ihnen der Ruhm, sie zuerst zur Vollkommenheit gebracht zu haben. Diese Maschinen müssen als eine besonders wertvolle Bereicherung des Materials der modernen Typographie betrachtet werden und fanden rasch eine grosse Verbreitung. Durch sie hat die ebenfalls neue Erfindung der Hochätzung erst ihren vollen Wert erhalten, indem es durch sie möglich geworden ist, farbige Landkarten zu einem solchen Preis zu liefern, dass sie überall Eingang finden können. Auch für die Accidenzarbeiten ist der Nutzen ein hervorragender und die harte Not des richtigen Registers beim Doppeldruck hat nun in manchen Fällen aufgehört.
In neuester Zeit bauten König & Bauer nach dem ursprünglichen Patent von A. H. Payne in Leipzig eine Dreifarben-Maschine, welche jedoch nach der Erwerbung seitens der Fabrik in Oberzell umkonstruiert worden ist. Die gebogenen Galvanos werden auf einem grossen Cylinder angebracht, der den dreimaligen Umfang eines der Druckcylinder hat. Die Maschine liefert in der Stunde sieben bis achthundert Drucke in drei Farben, lässt sich auch für eine grössere Anzahl von Farben bauen und wurde bereits für fünf nach Frankreich angefertigt[192].
Königs Endlose.
Als die „Endlosen“ aufkamen, verhielten König & Bauer sich eine ziemlich lange Zeit abwartend und liessen der Fabrik „Augsburg“ den Vorsprung. Erst als sie, ohne ihre Anstalt wesentlich zu schädigen, nicht zurückbleiben konnten, gingen sie ans Werk, dann aber auch mit der hergebrachten Energie. Sie hielten sich zunächst an die Konstruktion der Victory-Press, deren Cylinder alle in der Ebene liegen. Ihre derartigen Maschinen für die Kölnische Zeitung wurden nach den Angaben des Obermaschinenmeisters E. Bragard hergestellt[193].
Maschinenfabrik Augsburg.
Fr. Reichenbach † Juni 1883.
Nach der Anstalt von König & Bauer hat die Maschinenfabrik Augsburg die grösste Ausdehnung für den Schnellpressenbau in Deutschland gewonnen. Sie wurde von dem erwähnten Neffen Fr. Königs, Fritz Reichenbach, gegründet und ging dann später in die Hände einer Aktiengesellschaft über. Die Anstalt baute namentlich Maschinen mit Eisenbahnbewegung; grosse Verbreitung fanden ihre Zweifarben-Maschinen; sie war auch die erste, welche in Deutschland die Rotationsmaschine für endloses Papier baute und nahm sich namentlich die Walter-Presse als Vorbild. Das erste Exemplar wurde in der Spaarmannschen Offizin in Oberhausen aufgestellt. Bis 1880 hatte die Augsburger Fabrik 65 Rotationsmaschinen in 38 Formaten und nach 21 verschiedenen Konstruktionen gebaut, von denen 46 im eigentlichen Deutschland, 14 in Österreich-Ungarn blieben, eine nach Batavia ging. Ihr gelang es auch (1879) zuerst in zufriedenstellender Weise diese Maschinen für den Illustrationsdruck herzustellen. Auf dreien derselben, welche je 4000 Exemplare stündlich liefern, werden die Hallbergerschen illustrierten Blätter mit bestem technischen Erfolg gedruckt. Die Rotationsmaschine hat im allgemeinen in Deutschland eine viel schwierigere Aufgabe als in England. Teils ist das deutsche Papier für gewöhnlich geringer und schwächer, als das englische, reisst daher leichter und legt sich schwerer aus, dann aber vertragen die abwechselnden Schriften, namentlich die vielen Auszeichnungsschriften untermischt mit Illustrationen, welche die Inseratenseiten deutscher Blätter füllen, viel weniger den Mangel an Zurichtung als die englischen und amerikanischen Zeitungen mit ihren kompakten, den Kegel fast füllenden Antiquaschriften.
Die Endlose in Wien.
Bereits im Jahre 1859 war mit „Endlosen“ in Wien durch Auer experimentiert worden, doch können diese Versuche nicht als gelungen bezeichnet werden (vgl. Kap. [XV]). Nach Wien kamen die ersten zwei englischen Walterschen Rotationsmaschinen, durch Ludw. Lott, den Direktor der Druckerei der „Presse“, eingeführt, zunächst um den Ausstellungskatalog 1873 zu drucken. Ebenfalls zur Ausstellung liess die Druckerei der „Neuen Freien Presse“ eine ihrer grossen Marinoni-Maschinen nach des Direktors Reisser Angaben zu einer Endlosen umarbeiten, die in dem Pavillon der „Neuen Freien Presse“ in dem Prater die Ausstellungszeitung druckte und täglich, wenn das grosse Geräusch den Anfang der Arbeit verriet, eine grosse Masse Wissbegieriger sammelte, um von ihrem Wirken Zeugen zu sein. Die Presse konnte nicht mit den englischen Maschinen hinsichtlich der Leistungsfähigkeit konkurrieren. Überhaupt hat Wien mit dem Bau der „Endlosen“ bis jetzt kein grosses Glück gehabt.
Andere Rotationsmaschinen.
Auch C. Hummel in Berlin baute „Endlose“ und will das Patent von G. A. Horn auf eine Doppelrotationsmaschine mit zwei von einander ganz unabhängigen Systemen ausbeuten[194]. Jeder der Schriftcylinder wird von seinem Papierzubringer gespeist und ist mit zwei Farbewerken versehen. Stellt man eins der Drucksysteme ab und arbeitet nur mit dem andern, so wird dies von vier Farbewerken bedient, und eignet sich dann um so besser für die Lieferung feinerer Arbeiten. Die Bogen werden nach beiden Seiten der Maschine ausgeführt. Es muss sich ergeben, ob die Praxis hier mit der Theorie Hand in Hand gehen wird. Die bekanntesten Maschinen Hummels waren die nach den Angaben des Obermaschinenmeisters Eugen Bragard für den Druck der Kölnischen Zeitung mit Vor- und Rückwärtsbewegung gebauten, die stündlich 6000 Exemplare druckten.
Verschiedene Fabriken.
J. Forst † 14. Febr. 1879.
Von anderen Maschinenbauanstalten sind zu nennen: G. Sigl in Berlin, der schon 1865 etwa 1000 Schnellpressen geliefert hatte; Aichele & Bachmann in Berlin. Die Firma Klein, Forst & Bohn in Johannisberg a. Rh., begründet 1846 von Johannes Forst und Joh. Klein, hatte am 30. Januar 1875 die 1000. Maschine vollendet. Sie liefert auch Schnellpressen mit dem von E. C. Brunn in Münster konstruierten Querlinien-Druckapparat. Albert & Hamm in Frankenthal hatten 1879 300 Maschinen in die Welt gesandt. In Würzburg arbeitet die Firma Bohn, Fassbender & Herber, in Worms die Maschinenfabrik Worms. In Leipzig sind die bekanntesten Firmen Ph. Swiderski, dessen kleine Maschine „Lipsia“ vielen Beifall findet; Schmiers, Werner & Stein, die viele grosse Maschinen bauen. Tretmaschinen fabrizieren A. Hogenforst und Schelter & Giesecke. Eine Fünffarben-Rotationsmaschine konstruierte A. H. Schumann in Leipzig, welche in zehn Stunden 8000 fertige Bogen, also 40000 Druck, liefern soll. Zurichtung ist nur unter den Platten möglich[195].
Fr. Helbig * 1800, † 1842.
Leo Müller * 1800, † 1843.
In Österreich waren Helbig & Müller die ersten Schnellpressenfabrikanten. Fr. Helbig, ein Sohn aus erster Ehe der Schwester Fr. Königs, Marie Rosine, mit einem Bergmann Helbig in Eisleben, hatte bei König gelernt. Leo Müller war in Rieglern in dem Vorarlbergschen Walserthale geboren. Sein Vater war dort Bauer und der Sohn genoss nur den dürftigen Unterricht der Dorfschule. Seine Lust an Mechanik trieb ihn, 18 Jahre alt, das Handwerk eines Schreiners zu ergreifen und als solcher kam er nach Oberzell zu König & Bauer und wurde bald Leiter der Modellabteilung. Sein Wunsch, Teilhaber der Anstalt zu werden, konnte nicht erfüllt werden, weshalb er nun nach Österreich zurückging und seinen ersten Versuch im Schnellpressenbau in Imbach im Innthale für Rechnung von Rauch & Wagner in Innsbruck machte. Er führte viele Verbesserungen bei der Schnellpresse ein, zu denen namentlich der Doppel-Excenter behufs Erzielung des Stillstandes des Druckcylinders beim Rückgange der Form gehört, der Cylinder wurde freier gelegt, die Bänder beseitigt und durch Greifer ersetzt, auch verwendete er zuerst die Eisenbahnbewegung. Gerade eine Differenz mit Helbig in Patentangelegenheiten gab Veranlassung zu einer Verbindung beider (um 1836). Sie bauten nun sowohl einfache wie doppelte Maschinen und auch solche für zwei Farben; die Idee der letzteren war jedoch keine neue und König & Bauer hatten sich schon 1826 Erhard in Stuttgart gegenüber erboten, solche anzufertigen, was wegen der Kosten jedoch unterblieb[196].
Andere Fabrikanten in Österreich.
Als tüchtige Maschinenbauer sind Sigl, Ludw. Kaiser und J. Anger bekannt. Als Fabrikant von kleinen typographischen Maschinen hat G. Bernhardt Ruf und er baute bereits mehrere hundert solcher, deren System sehr gelobt wird. Auch die Tretmaschinen von O. O. Fuchs und Jeanrenaud & Co. finden Beifall.
Lithographische Schnellpressen.
Die Lithographie hat durch die Erfindung der lithographischen Schnellpresse eine enorme Ausdehnung erreicht und der Buchdruckerei ein bedeutendes Feld abgewonnen. Es gab dabei manche Schwierigkeit mehr als bei der typographischen Schnellpresse zu überwinden. Die lithographischen Steine haben nicht, wie die Schrift, eine gleiche Höhe, die Maschinen mussten deshalb jedesmal nach der Stärke des Steines eingerichtet werden. Der Druck musste ein sehr kräftiger, zugleich ein sehr elastischer sein, wenn der Stein nicht springen sollte. Neu hinzuzufügen war der Anfeuchteapparat, durch welchen der Stein bei dem jedesmaligen Druck abgewischt und angefeuchtet wurde. Massenwalzen konnten nicht verwendet werden, man musste deshalb Walzen von feinem Leder benutzen, bis es in England gelang brauchbare Kompositionswalzen herzustellen. Die erste lithographische Schnellpresse wurde im Jahre 1850 in der Maschinenfabrik von G. Sigl in Wien durch Hoppes für H. Engels Institut gebaut[197]. 1855 erschien die lithographische Schnellpresse auf der Pariser Weltausstellung. In Frankreich begann Marinoni 1864 den Bau und führte wesentliche Verbesserungen ein. Die Pariser Ausstellung von 1867 brachte eine Menge von Varianten durch Marinoni, Dupuy, Moulde & Vibart, Voirin, Alauzet u. a. In Deutschland bauen sie namentlich G. Sigl in Wien und Berlin; König & Bauer; Swiderski; Schmiers, Werner & Stein; Klein, Forst & Bohn.
Ferd. Schlotke.
Zinkdruckpresse.
Für den zinkographischen Druck hat Ferdinand Schlotke in Hamburg eine Maschine erfunden, durch welche mittels zweier je um eine Stahlwalze gelegter Platten der Bogen auf zwei Seiten gleichzeitig bedruckt wird, und zwar mit der Schnelligkeit von 1000 Exemplaren in der Stunde[198].
Verbesserungen der Handpresse.
Die eiserne Handpresse wurde in Deutschland vielfach nachgebaut und auch verbessert. Die Stanhopepresse lieferte namentlich Chr. Dingler in Zweibrücken. Die Columbiapresse wurde von Fr. Vieweg eingeführt und im Jahre 1825 in dem Hüttenwerk Zorge am Harz gebaut. Ein Nachteil bei diesen Pressen war das öftere Springen der Seitenwände. C. Hoffmann in Leipzig baute die Coggersche Presse nach, und seine Konstruktion wurde von Vielen der der Originalpressen vorgezogen, weil das Heben des Tiegels durch Kugelgewichte auf langen Hebeln und nicht durch Federn geschah. Die Presse von Koch in Magdeburg fand, weil sehr billig und leicht, vielen Beifall; auch war sie insofern sehr zweckmässig, als sie über den Tiegel hinaus keinen Oberbau hatte, so dass die Form voll belichtet war. Sehr verbreitet waren die Hagar-Pressen, die in vorzüglicher Qualität von Chr. Dingler in Zweibrücken fabriziert wurden. Dingler verstärkte noch die Kraft und die Sicherheit der Original-Konstruktion, indem er statt Hagars einfachen Kniehebels vier schrägstehende Knieteile verwendete, die, wenn der Tiegel sich in der Höhe befindet, die Form eines Andreaskreuzes bilden, während sie, wenn er angezogen ist, zu zwei und zwei senkrecht aufeinander, wie Säulen, stehen[199]. Die Pressen sind jetzt fast die einzigen im Gebrauch befindlichen, wenn man eine Anzahl unverwüstlicher Stanhopepressen nicht rechnet, die noch das Gnadenbrot als Korrekturpressen geniessen[200].
Farbeauftrag-Maschinen.
Mit einer Farbeauftrag-Maschine hatten schon B. Strauss in Wien, Hermsdorf in Mannheim und Schuhmacher in Hamburg experimentiert. Georgi in Bonn, im Verein mit dem Faktor der Brönnerschen Offizin in Frankfurt a. M., R. Gerhard, führte eine solche in brauchbarer Weise aus. Eine kombinierte Buch-, Stein- und Kupferdruckpresse baute Georg Jontzen in Bremen. Ein Mittelding zwischen Schnell- und Handpresse war die von Selligué. Tiegel und Fundament stehen fest, nur das Rähmchen mit dem Papierbogen ist beweglich. Während ein Drucker von der einen Seite den Bogen einlegt, hebt ihn ein zweiter von der andern Seite ab. Für Brockhaus in Leipzig baute der Schlosser Kallmeyer in Osterode einen ähnlichen Apparat.
Diverse Maschinen.
Von kleineren Maschinen sind zu erwähnen die Falzmaschinen von Sulzberger & Graf in Frauenfeld in der Schweiz, später von König & Bauer, Isermanns Hobelmaschine, Brockhaus' Zifferndruckmaschine und Farbereibmaschine, H. Zimmermanns und F. G. Wagners und B. Auerbachs Numeriermaschine, A. Fomms und Karl Krauses Schneidemaschinen, Brendler & Harlers Perforiermaschine, Hansens mechanischer Ausleger u. v. a. J. F. Klein in München liefert eine Kontrolle-Billetmaschine, die von endlosen Streifen 150 Stück in der Minute druckt und numeriert. Eisenbahnbilletmaschinen lieferten ferner Karig in Wien und G. Göbel in Darmstadt. Solche Maschinen schneiden das Papier, drucken den Text, die laufende Nummer, zählen die Exemplare und drucken schliesslich das Datum darauf. Albert & Co. in Frankenthal bauten Signiermaschinen, A. Fichtner in Wien Bronciermaschinen, A. Meyer & Schleicher Graphiteinreibungsmaschinen, B. Dondorf in Frankfurt a. M., Fr. Heim & Co. in Offenbach und noch viele andere stellten Liniiermaschinen etc. her.
Die Satiniermaschine.
Die Satiniermaschine mit zwei Stahlwalzen, zwischen welche Zinkplatten mit je einem zwischen zwei Platten gelegten Bogen unter starkem Druck gezogen wurden, hielt sich trotz aller Inkonvenienzen lange. Erst in letzterer Zeit wurde sie durch Satinierwerke mit zwei Hartgusswalzen und zwei äusserst harten und sehr glatt gedrehten Papiermassewalzen, welche durch den stärksten hydraulischen Druck eine völlig harte Masse geworden, abgelöst. Das Papier geht einen S-förmigen Weg und kommt somit von beiden Seiten mit den Stahlwalzen in Berührung. Schaber und Wischer halten die Walzen rein und stählerne Abstreifer verhindern das Ankleben des Bogens an die Walzen. Zuerst wurden sie nur mit einer Stahl- und einer Papierwalze gebaut, da jedoch die Seite des Papiers, welche mit der Papierwalze in Berührung kam, weniger glatt wurde, so musste das Papier zweimal umschlagen und nochmals eingelegt werden; was nun durch das doppelte Walzenpaar unnötig geworden ist.
Obwohl die Papierwalzen ausserordentlich hart sind, so hinterlassen doch die kleinen Knoten und Unreinheiten des Papiers nach und nach Eindrücke, die von Zeit zu Zeit durch Leerlaufenlassen der Massenwalze an die Stahlwalze oder durch Abdrehen beseitigt werden müssen. Diese Satinierwerke werden namentlich von W. F. Heim & Co. in Offenbach[201] und C. G. Haubold in Chemnitz gebaut; Karl Krause in Leipzig liefert sie auch mit sechs Cylindern, zwei von Stahl und vier von Papier. Auch F. Schlotke machte sich durch Anfertigung von Satiniermaschinen bekannt. W. Schroeder & Co. in Leipzig fertigen Satinierwerke, bei welchen die Massenwalzen mit einem Stahlblech umzogen werden, wodurch die vollkommene Glattheit der Stahlwalze sich mit der Elastizität der Massenwalze verbindet[202]. Die Werke von W. R. Schürmann in Düsseldorf haben zwei Hartgusswalzen, die nicht ganz cylindrisch geschliffen sind, damit der ausgeübte Druck sich ganz gleichmässig verteilt[203].
Für das heisse Satinieren nach dem Drucke lieferten C. G. Haubold jun. in Chemnitz und W. F. Heim in Offenbach Werke, die mit günstigem Erfolg 1000–1600 Exemplare in der Stunde satinieren und nur zwei Personen zur Bedienung gebrauchen[204].
Unter den Utensilienfabrikanten nehmen Schelter & Giesecke, A. Hogenforst und Alex. Waldow in Leipzig einen bedeutenden Platz ein. Klimsch & Co. in Frankfurt a. M. haben durch ihr „Adressbuch für Buch- und Steindruckereien“ und durch ihren „Allgemeinen Anzeiger für Druckereien“ Verdienste um die Erleichterung des Verkehrs und berücksichtigen mit ihrem Utensilien-Geschäft namentlich Steindruckereien, ebenso G. E. Baumann in Berlin; Gursch & Klemm in Berlin liefern Giesserei-Werkzeuge. In Stuttgart wirken Stoffler & Backé.
Die Farbefabrikation.
Nachdem die Buchdruckereien aufgehört hatten, selbst ihre Farbe zu bereiten, und grössere Anforderungen an den Druck gestellt wurden, war Deutschland, was die feinere, namentlich die Illustrationsfarbe betraf, dem Ausland, vorzüglich England, tributpflichtig geworden, und noch bis in die vierziger Jahre hinein waren Parson, Lawson u. a. die Hauptlieferanten für den deutschen Markt. Um diese Zeit fingen jedoch namentlich Jul. Hostmann in Celle und Gebr. Jänecke & Friedr. Schneemann in Hannover an, ihre Fabrikation durch rationellen Betrieb in die Höhe zu bringen. Kostete es anfänglich auch grosse Mühe, durchzudringen, so kam es doch so weit, dass der deutsche Fabrikant nicht allein auf dem deutschen Markte siegreich blieb, sondern auch im Auslande sich geltend machte. Nicht ohne grosse Bedeutung ist es, dass auf der Weltausstellung in Melbourne die letztgenannte deutsche Fabrik die goldene Medaille erhielt, während der berühmten Firma A. B. Fleming & Co. in Leith (S. [72]) nur der dritte Preis zufiel.
Teigfarben.
Von älteren und jüngeren Fabriken sind zu nennen: Fischer, Naumann & Co. in Ilmenau, J. Brönner in Frankfurt a. M., Kast & Ehinger in Feuerbach bei Stuttgart, Robert Gysae in Oberlössnitz bei Dresden, J. E. Breidt in Hammerling in Nieder-Österreich, Friedr. Wüste in Pfaffenstetten, Frey & Sening in Leipzig. Letztere brachten auch die sogenannten Teigfarben in Aufnahme, die sich jahrelang geschmeidig erhalten und vor der Verwendung nur eines leichten Anreibens unter Zusatz der nötigen Quantität von Firnis bedürfen; es ist dies eine sehr beachtenswerte Neuerung für Buchdruckereien, die nicht regelmässig mit bunten Farben arbeiten.
Die Kopierfarbe.
Nicht unwichtig war die Einführung der Kopierfarbe, denn diese macht es möglich, die mit solcher Farbe vorgedruckten Blanketts zusammen mit dem mittels Kopiertinte Hineingeschriebenen später zu kopieren, was besonders in dem ganzen Frachtverkehr von grossem Werte ist.
Surrogate.
Versuche, Farbe aus billigeren Stoffen, z. B. aus dem Saturationsschlamm der Zuckerfabriken, aus den tanninschwarzhaltigen Lederabfällen zu bereiten, sowie, eine abwischbare Farbe herzustellen, so dass Makulatur wieder in weisses Papier umzuändern wäre, haben alle für die Praxis keinen Wert gehabt. Mit der Farbefabrikation ist öfters die der sogenannten englischen Walzenmasse (S. [71]) verbunden.
Fußnoten:
[189] Die folgenden Zeilen sind einem Glückwunschschreiben entnommen, welches der Herausgeber dieses Buches als Sekretär des Deutschen Buchdrucker-Vereins an die Söhne Friedrich Königs zum 17. April 1875 abzufassen hatte (vgl. Annalen d. Typ. Nr. 301). Dieses Schreiben sowohl wie der Jubelartikel in dem Journ. f. B. 1875, Nr. 15 ff. kamen jedoch, wie nach späterer Feststellung des Geburtsjahres Königs hervorgeht, um ein Jahr zu spät.
[190] Th. Goebel, Friedrich König und die Erfindung der Schnellpresse. Braunschweig 1875. Eine von demselben verfasste umfangreiche Geschichte der Erfindung, zugleich der Firma König & Bauer, war bei dem Satz dieser Bogen und bei dem bereits erfolgten Druck der Bogen 4 und 5 noch nicht ausgegeben, konnte demnach nicht für die Darstellung hier benutzt werden. — J. H. Bachmann, „Die ersten Schnellpressen in Deutschland“; eine Reihe von Artikeln in dem Journ. f. B. 1868, Nr. 38–48, 1869, Nr. 2–17 enthält die ausführliche Geschichte des Baues von vier Schnellpressen für Spener und Decker in Berlin.
[191] König & Bauer, Verzeichnis der ersten 2000 Schnellpressen. 1873.
[192] Journ. f. B. 1881, Nr. 32.
[193] Journ. f. B. 1880. Nr. 17.
[194] Abgebildet und beschrieben im Journ. f. B. 1879, Nr. 36.
[195] Journ. f. B. 1879, Nr. 8.
[196] Österr. Buchdr.-Ztg. 1880.
[197] Österr. Buchdr.-Ztg. 1880, Nr. 2.
[198] Journ. f. B. 1882. Nr. 32.
[199] Journ. f. B. 1866, Nr. 21 u. 22.
[200] Fast alle hier erwähnten Handpressen sind in dem Journ. f. B. 1834–36 abgebildet und beschrieben. Näheres vergl. S. 51–53.
[201] Journ. f. B. 1877, Nr. 13.
[202] Journ. f. B. 1881, Nr. 3.
[203] Journ. f. B. 1881, Nr. 45.
[204] Journ. f. B. 1879, Nr. 19.
XII. KAPITEL.
DAS ZENTRUM DER GERMANISCHEN GRUPPE.
J. G. I. Breitkopf, seine Reformen, der Musiknotendruck vor Breitkopf und dessen Verbesserungen, Breitkopf & Härtel. G. J. Göschen. Friedr. Arnold Brockhaus und seine Nachfolger. B. G. Teubner. Karl Tauchnitz. Fr. Nies und seine Nachfolger. B. Tauchnitz. Das Jubelfest 1840. Giesecke & Devrient. Das Bibliographische Institut. Verschiedene Offizinen Leipzigs. — Dresden: Meinhold & Söhne u. a. — Halle: Waisenhausdruckerei, Schwetschke & Sohn. — Weimar: Hofbuchdruckerei. — Gotha: Just. Perthes. — Braunschweig: Vieweg & Sohn, G. Westermann, Dr. Heinrich Meyer und das Journal für Buchdruckerkunst.
J. G. I. Breitkopf.
ZIEMLICH gleichzeitig mit dem Begründer der nationalen Grösse Deutschlands, Friedrich II., und mit den Bahnbrechern des nationalen Kultur- und Kunstlebens: Lessing, Klopstock, Gellert, Kant, Just. Möser und Winckelmann wurde der Reformator der deutschen Typographie Johann Gottlob Immanuel Breitkopf am 23. November 1719 in Leipzig geboren, welches nunmehr unter der Führung Breitkopfs und anderer tüchtiger Gesinnungsgenossen die Stellung als Vorort der deutschen Typographie behaupten sollte[205].
Breitkopf war ein Sohn des rühmlichst bekannten Bernh. Christoph Breitkopf (I, S. 149). Von Natur sehr aufgeweckt und geistig begabt, hatte er keine Neigung, dem Wunsche des Vaters gemäss, sich der Buchdruckerei zu widmen, dagegen zog es ihn unwiderstehlich zu den Studien hin. Der Kampf zwischen dem Vater und dem Sohne schloss mit einem Kompromiss, wozu beide, und Gutenbergs Kunst dazu, sich nur Glück wünschen konnten: Johann Immanuel sollte sich sowohl den Studien, als dem Geschäft widmen.
Seine Ausbildung.
Er legte sich nun mit grossem Eifer auf die Wissenschaften und versuchte sich auch schriftstellerisch. Grossen Einfluss auf seine Ausbildung übte Gottsched. Erst in späterer Jugend machte sich die Lust an der Mathematik, der er später einen grossen Teil seines Ruhmes verdanken sollte, bei ihm geltend. Das Werk Albrecht Dürers „Unterweysung der Messung mit dem Zirkel u. s. w.“ fiel ihm in die Hände. Die mathematische Berechnung der Schriftverhältnisse interessierte ihn, und nun war er für die Typographie gewonnen. Er ging an das Vergleichen mit den alten Drucken und fand, wie die sich immer mehr verschlechternde Form mit dem Verfall der Schönschreiberei in Verbindung stand. Mit grossem Eifer fing er an die Buchstaben mathematisch zu berechnen. Er sammelte emsig alle Musterschriften und Werke über Schriftenkunde und begann nun seine Reformen, namentlich arbeitete er unablässig für die Verbesserung Breitkopf und die Fraktur.und Verschönerung der Frakturschrift. Die Gründe, die ihn bewogen an dieser festzuhalten und seine Anstrengungen der Regeneration derselben zu widmen, hat er später in einer Schrift: „Über Bibliographie und Bibliophilie“ (1793) entwickelt. Seiner Ansicht nach wäre die deutsche Schrift der lateinischen unbedingt vorzuziehen; sie eigne sich selbst für Transkription fremdländischer Werke, als hebräischer und arabischer, besser als die Antiqua. Nur die Verachtung, welche die Gelehrten der deutschen Schrift bewiesen, trage die Schuld, dass dieselbe nicht eben so verbessert und verschönert worden sei, wie die allgemein beliebte lateinische. Es bedürfe aber nur der Aufmunterung, um die Künstler zu veranlassen, unter Zugrundelegung der Schöfferschen Muster, oder der Theuerdank-Type eine Frakturschrift zu schaffen, welche der schönsten Antiquaschrift die Wage halte.
So lautete der Ausspruch Breitkopfs und er ging nun auch daran, seiner Ansicht praktische Geltung durch eine verbesserte Frakturschrift zu verschaffen, welche zuerst in: „Einige Lieder für Lebensfreuden“ angewendet wurde, während die neue Antiqua zuerst in Forbigers Ausgabe des „Catull“ zum Abdruck gelangte.
Wäre Breitkopf der Fraktur abhold und ein eifriger Freund der Antiqua gewesen und hätte er letztere zu einer Zeit, wo man anfing sich nach schön gedruckten Büchern zu sehnen, zum Gegenstand seiner reformatorischen Pläne gemacht, so hätte möglicherweise die Frage: „Antiqua oder Fraktur“ unter seiner Autorität längst eine Entscheidung im Sinne der Vertreter der Antiqua gefunden. Denn damals lag die Angelegenheit weit einfacher als heute, wo sie bei der Mehrzahl der Gegner der Antiqua weit eher eine nationale Gefühlssache als eine Frage der Zweckmässigkeit und der Schönheit geworden ist.
Der Musiknotendruck.
Einen ganz wesentlichen Anteil an dem Weltruhm Breitkopfs haben seine Verbesserungen des typographischen Musiknotendrucks. Der Umstand, dass die Buchdruckerkunst gleich bei ihren ersten Erzeugnissen auf die Bedürfnisse der Kirche geführt wurde, musste die Gedanken auf den Notendruck richten; doch war die Technik damals nicht so weit vorgeschritten, dass man an die Überwindung der durch die Verbindung des Druckes der horizontalen Linien und der vertikalen Notenzeichen entstehenden Schwierigkeiten denken konnte. Man musste deshalb beim Drucken des Textes Raum lassen, für die nachträglich einzuschreibenden Noten. Später wurden Linien und Text rot gedruckt, die Choralnotenköpfe eingezeichnet, teilweise auch mit der Hand durch Stempel einzeln aufgedruckt oder das Ganze in Holz geschnitten. Das erste mit Holzschnitt-Choralnoten gedruckte Buch ist das bei Hans Froschauer in Augsburg erschienene Lilium Musicae planae des Michael Kiensbeck aus dem Jahre 1473. Die ersten Proben von Figuralmusik in Holzschnitt kommen in einem Werke des Nic. Burtius vor, gedruckt von Hugo de Rugeriis in Bologna 1487.
Noten in Holzschnitt.
Solche in Holz geschnittene Noten wurden noch benutzt, nachdem das Verfahren mittels beweglicher Choralnotentypen zu drucken erfunden war, z. B. in den Liederbüchern Luthers. Wann und wo der Versuch mit letzteren zuerst geschah ist nicht zu ermitteln, denn das Verfahren wurde ziemlich gleichzeitig an vielen voneinander sehr entfernten Orten, z. B. um das Jahr 1488 in Basel, geübt.
Oct. dei Petrucci.
Hat es nun auch Choralnotentypen vor der Erfindung des typographischen Druckes der Figuralmusik gegeben, so ist es doch unzweifelhaft, dass letzterer eine Erfindung des Octaviano dei Petrucci aus Fossombrone war[206]. Dieser, von edlen jedoch armen Eltern geboren, kam als Buchdrucker nach Venedig. Im Jahre 1498 erhielt er seitens des Senates ein Patent auf Druck von mehrstimmiger Musik für „Gesang und Laute“, dem später ein ähnliches des Papstes Leo X., datiert 1513, folgte. Sein erster Notendruck war harmonice musices Odhecaton 1501. Er entwickelte eine so grosse Thätigkeit, dass er bereits in den Jahren 1501–1507 zwanzig verschiedene Werke gedruckt hatte. Unvermögenheit veranlasste ihn den Betrieb seiner Druckerei den thätigen Buchhändlern Amad. Scotti und Nic. da Raphael zu überlassen.
Petruccis System.
Petruccis System war auf Doppeldruck gegründet. Die Linien bestanden aus Stücken in der Grösse der Formatbreite. Die Noten wurden für sich gesetzt und auf die Linien gedruckt. Die Genauigkeit der Typen ist eine grosse und der Druck, besonders der Linien, ein vorzüglicher. In allen Ausgaben Petruccis sowie seiner Nachfolger für lange Zeit wurden die einzelnen Stimmen für sich meist nebeneinander gedruckt, für den Druck von Partitur-Ausgaben war man damals technisch noch nicht weit genug fortgeschritten.
Andere Notendrucker.
Den Druck mit Typen, in welchen jedes der Notenzeichen zugleich mit einem Stück des Liniensystems verbunden war, so dass nur ein Druck notwendig und die Schwierigkeit des Passens der Formen umgangen ward, führte Erhard Oeglin in Augsburg zum erstenmale vor in: Melopoiae sive Harmoniae tetracenticae 1507. Peter Schöffer in Mainz übte das Verfahren 1511.
Pierre Hutin.
In Frankreich schnitt der Graveur und Drucker Pierre Hutin 1527 die ersten derartigen Noten, mit welchen Pierre Attaignant in Paris und Tylman Susato in Antwerpen druckten. Bei allen diesen Versuchen waren die Notenköpfe noch eckig. Von diesen wurde zum erstenmale in den Werken des päpstlichen Kapellmeisters Eleazar Genet genannt Carpentras abgewichen. Als der genannte in seinen alten Tagen in Avignon seine Kompositionen drucken lassen wollte, veranlasste er Stephan Briard aus Bar-le-duc, Typen, welche die Handschrift nachahmte, zu schneiden. Jean de Channay in Avignon druckte damit 1532 das erste Liber primus Missarum Carpentras. Die Neuerung fand jedoch keine Folge.
Venedig blieb lange Zeit das Zentrum für den Musiknotendruck und den Musikalienverlag. Die bedeutendste Firma war die der Familie Gardano, die von 1536 ab bis tief in das XVIII. Jahrhundert blühte und die Werke Palästrinas verlegte.
Notendruck in Deutschland.
In Deutschland wurden nicht nur Originale gedruckt, sondern auch alles „Gangbare“ des Auslandes nachgedruckt. Hieronymus Formschneider schnitt gute Notentypen. Der bedeutendste Notendrucker des XVI. Jahrh. war Adam Berg in München, Verleger der Werke Orlando Lassos. Fast alle seine Drucke, bei denen er die Unterstützung des musikliebenden Herzogs von Bayern genoss, sind Prachtausgaben in Folio. Sein Hauptwerk ist das: Patrocinium musices aus 1573. Als das bedeutendste Werk aus dem XVI. Jahrhundert muss das von Nic. Heinrich in München gedruckte Magnum opus musicum genannt werden. In dem XVII. Jahrhundert war namentlich Gimel Bergen in Dresden thätig.
Frankreich.
In Frankreich lieferte Guillaume le Bée um 1550 vollkommenere Noten als die Hutins, deren sich Rob. Ballard und dessen Schwager Adrian le Roy bedienten. Die Familie Ballard, welche die Noten le Bées für die hohe Summe von 50000 Livres erwarb, war die bedeutendste Musikfirma nicht nur in Frankreich und erwarb sich namentlich durch die Herausgabe der Werke Lullys Weltruf. Sie druckte die Partituren fast aller französischen Opern und hielt sich beinahe 200 Jahre in Ansehen.
Englands Anteil an dem Musiktypendruck war kein bedeutender. John Day wandte um 1560 die verbesserte Methode an. Thomas Este (um 1600) brachte sehr elegante Drucke.
Verfall des Notendruckes.
Um 1725 war der musikalische Typendruck, dessen Wesen überhaupt seit Petrucci wenig fortgeschritten war, ganz in Verfall geraten und der Kupferdruck hatte dessen Platz eingenommen. Als letzte bedeutende Erscheinung können die in Venedig bei Domenico Lovisa in acht, mit allem, damals zugebote stehenden Luxus ausgeführten Foliobänden gedruckten Fünfzig Psalmen von Benedetto Marcello bezeichnet werden. —
Aus dem Gesagten geht hervor, dass es unrichtig ist, wenn Breitkopf, wie es gewöhnlich geschieht, als Erfinder des typographischen Notendruckes genannt wird, dagegen bleibt ihm, was ihm wieder von verschiedenen Seiten streitig gemacht worden ist, die Ehre, dem typographischen Notendruck eine solche Gestaltung gegeben zu haben, wie er sie noch heute hat. Die Bedeutung dieser That würde eine noch grössere Tragweite haben, wenn nicht die Erfindung der Lithographie und der lithographischen Schnellpresse in dem Notendruck und dem Musikalienverlag eine gewaltige Umwälzung zur Folge gehabt hätte.
Am allertiefsten fast stand vor Breitkopf der Notendruck in Leipzig; selbst die Arbeiten sonst verdienter Männer als Wolfg. Stöckel und Abr. Lamberg sind äusserst mangelhaft. Die Kolumnen sahen mit ihren unendlich vielen, jämmerlich zusammengesetzten Linienstücken vollständig gequirlt aus.
Breitkopfs Noten.
Da erschien im Jahre 1755 bei Breitkopf „Sonnet auf das Pastorell Il trionfo della fedelta“, ein Versuch, der bereits wenig zu wünschen übrig liess, doch ist die umfangreiche (283 S. in qu. fol. umfassende) Tondichtung der Kurfürstin Marie Antonie von Sachsen Il trionfo della fedelta selbst noch geeigneter, die Vorzüge von Breitkopfs Leistungen ins helle Licht zu setzen. In der Schlussschrift heisst es: „Stampato in Lipsia; nella stamperia di Giov. Gottlob Immanuel Breitkopf, Inventore di questa nuova maniera di stampar la Musica con Carratteri separabili e mutabili. E questo Dramma Pastorale la prima opera stampata di questa nuova guisa; comminciata nel Mese di Luglio 1755, e terminata nel mese d'Aprile 1756[207]“.
Der bewegliche Geist Breitkopfs liess ihn jedoch nicht bei solchem Siege Beruhigung fassen, sondern trieb ihn ein Feld zu bebauen, wobei man zwar volle Gelegenheit hat, seine Fähigkeiten zu bewundern, jedoch nicht ohne eine Beimischung des Bedauerns, dass dieselbe so unfruchtbaren Arbeiten zugewendet wurden.
Landkartensatz.
Zuerst wollte er die Herstellung der Landkarten der Buchdruckerei zuweisen. Die Berechnung aller der wellenförmigen Linien der verschiedensten Art für Terrainzeichnung; die Notwendigkeit, die Schrift kreuz und quer nach allen Richtungen hin zu setzen; kurz, alle die Schwierigkeiten, die eine Kartenzeichnung darbietet, machen die typographische Ausführung, wennauch nicht geradezu unmöglich, doch so schwer, dass die Kosten sich nicht in der Praxis erschwingen lassen. Dies fühlte wohl Breitkopf bald selbst, wie aus seiner 1777 herausgegebenen Broschüre: „Über den Druck der geographischen Karten“ hervorgeht, und die darin enthaltenen Proben würden überhaupt kaum an das Tageslicht getreten sein, wenn er sich nicht von dem sein Ehrgefühl verletzenden Verdacht hätte reinigen wollen, dass er mit seiner Erfindung später als Haas in Basel mit der seinigen gekommen sei.
Satz figürlicher Gegenstände.
Diesem Verdacht tritt er mit Entrüstung entgegen und kritisiert streng den Haasschen Versuch, den er „mehr ein opus musivum als typographicum“ nennt, „mit Thon und gekautem Papier nachgeholfen, wie man dergleichen schon längst in der Druckerei kennt“ (vgl. Kap. [XIV]). In demselben Jahre folgte noch „Die Beschreibung des Reichs der Liebe“ mit einer Karte; 1799 „Der Quell der Wünsche“ ebenfalls mit einer Karte, die beide als eine glückliche Lösung seiner Aufgabe nicht betrachtet werden können. Immerhin ist Breitkopfs typographischer Scharfsinn doch sehr zu bewundern, und seine kartographischen Versuche bleiben typographische Reliquien von hohem Wert. Der Satz, der noch heute erhalten ist, beseitigt jeden Verdacht, als sei durch Feile, Messer, unregelmässigen Ausschluss oder in anderer Weise nachgeholfen; alle Stücke sind streng systematisch und einfach, wie in jedem anderen Satz, an einander gereiht.
Chinesische Schrift.
Obgleich Breitkopfs klarer Verstand ihm sagte, dass er auf diesem Wege keine grossen praktischen Erfolge erzielen würde, so veranlasste ihn doch sein etwas hartnäckiger Charakter, sogar noch weiter zu gehen: er wollte es noch möglich machen, Porträts mit Typen herzustellen. Die Strichlagen des Kupferstechers liessen ihn glauben, durch parallel laufende Linienstücke das Ziel erreichen zu können. Seine Proben hat er nicht veröffentlicht, wer aber die neuesten Arbeiten Moulinets und anderer Meister in diesem Genre kennt, kann sich leicht von dem, was erreicht werden konnte, ein ungefähres Bild machen. Zwar gehören alle solche Versuche den Gebieten des an und für sich Unpraktischen an, wir können sie dennoch so wenig wie die späteren Stigmatypien Fasols als wertlos für die Fortbildung der Typographie bezeichnen.
Die Beschaffung des chinesischen Satzes mit beweglichen Lettern war eine der Aufgaben, die sich die Typographie gestellt hatte. Sowohl die französische als die päpstliche Regierung hatten darauf viel Geld unnütz verwendet. Die grosse Anzahl der Schriftzeichen machte die Anfertigung der Typen kostspielig und die Ähnlichkeit der Charaktere unter einander den Satz zu einem äusserst schwierigen. Indes, Breitkopf löste seine Aufgabe und sandte sofort eine allerdings nicht sehr ansprechende, im J. 1789 der Öffentlichkeit übergebene Probe an den Papst, der ihm durch den Kardinal Borgia in sehr schmeichelhaften Ausdrücken danken liess. Aber auch bei dieser Erfindung unterblieb die praktische Ausbeutung. Ein holländischer Verleger unterhandelte zwar mit Breitkopf über das Setzen eines chinesischen Textes in Leipzig, die Verhandlungen führten aber nicht zu einem Resultate.
Typographische Ornamentik.
Nun wollte Breitkopf auch mathematische Figuren mit beweglichen Typen setzen, ein Gedanke, der bei der Billigkeit des einfachen Holzschnittes keine grossen Erfolge in Aussicht stellen konnte und auch nicht zur Verwendung kam.
Schriftgiesserei.
Schliesslich wendete er seine Aufmerksamkeit darauf, die Verzierungen, die nach und nach den höchsten Grad von Ungeschmack erreicht hatten, durch geschmackvollere zu ersetzen. Zu diesem Zweck liess er gute ältere Vorbilder nachahmen und in Holz schneiden.
Auch das Giessen und das Drucken haben ihm Verbesserungen zu verdanken. Seine Giesserei war wegen der Vortrefflichkeit der Metall-Legierung berühmt. Einen Beweis für die Güte liefert die Reinheit der Abdrücke, die nach Verlauf von hundert Jahren von dem vorhandenen Landkartensatze gemacht wurden. Die Giesserei arbeitete mit vierzig Leuten und zwölf Öfen und sandte ihre Schriften nach allen Ländern der Welt. Dagegen misslangen eine von ihm angefangene Spielkartenfabrik und eine Tapetenfabrik, obwohl die Muster von dem besten Geschmack zeugen. Breitkopf war eben ein Erfinder, nicht aber in gleichem Masse für die pekuniäre Ausbeutung der Erfindungen geschaffen.
Sittliche Reformen.
Einem so feingebildeten Mann wie Breitkopf konnten die handwerksmässigen Roheiten, die mit der Lossprechung eines Lehrlings verbunden waren (I, 165), selbstverständlich nicht zusagen. Er schaffte deshalb die bei solchen Gelegenheiten üblichen scenischen Aufführungen ab und beschränkte sich darauf, den symbolischen Sinn der Marterwerkzeuge erklären zu lassen und in einer sinnigen Rede den Losgesprochenen über seine Rechte und Pflichten zu belehren. Solche Änderungen und Neuerungen, die auf das Beschränken der Völlerei und des Feierabendmachens abgesehen waren, fanden jedoch begreiflicherweise keine Gnade bei den Gehülfen, und man ging anfänglich so weit, die bei Breitkopf Ausgelernten nicht für voll anerkennen zu wollen, doch bahnten sich Vernunft und Sitte schliesslich ihren Weg.
Schriftstellerische Arbeiten.
Wie viele seiner technischen Pläne und Experimente, so blieben auch manche seiner schriftstellerischen Arbeiten nur Entwürfe. Um seinen Hauptplan, eine grossartig angelegte Geschichte der Buchdruckerei gründlich durchführen zu können, hatte er mit vieler Sorgfalt und mit grossen Kosten eine Bibliothek von Werken über Buchdruckerkunst und Proben von den Leistungen derselben gesammelt. Durch eine Reihe von Jahren legte er Kollektaneen an, hatte auch einige Partien des Werkes ausführlicher ausgearbeitet. 1779 erschien seine Broschüre „Über die Geschichte der Erfindung der Buchdruckerkunst“, welche den breit angelegten Plan seines Werkes entwickelte. Es folgte dann 1784 einer der durchgearbeiteten Abschnitte: „Versuch über den Ursprung der Spielkarten“. Erster Teil. Der zweite Teil wurde nach Breitkopfs Tode von J. C. F. Roch 1801 herausgegeben, welcher in der Vorrede darüber klagt, dass die hinterlassenen Notizen Breitkopfs nicht derart beschaffen seien, dass eine grössere Ausbeute daraus erwachse. Breitkopfs reger Geist führte ihn während der Arbeit immer weiter; die Noten überwuchern den Text. Er wollte alles, was ihn interessierte, auch ausführlicher bearbeiten, und so haben wir zu bedauern, dass wir nur einige, wenn auch sehr wertvolle Bruchstücke erhielten, statt einer vollständigen, noch heute nicht vorhandenen Geschichte der Buchdruckerkunst, die zu schreiben er, wie kaum ein zweiter, fähig gewesen wäre, wenn er nur die Kunst, sich zu beschränken, besser verstanden hätte.
Breitkopfs Tod.
Breitkopf starb am 28. Jan. 1794 und hinterliess seine Buchdruckerei als eine der am reichsten ausgestatteten wenn nicht gar als die reichste der Welt. Sie besass gegen 400 verschiedene Schriftgattungen, 16 Sorten Noten, einen grossen Vorrat von Vignetten und beschäftigte 120 Arbeiter. Das Geschäft wurde von dem Sohne Christoph Gottlob fortgeführt, der sich im Jahre 1796 mit Gottfried Christoph Härtel assoziierte. Die jetzige Firma Breitkopf & Härtel.Breitkopf & Härtel datiert aus dem Jahre 1798. Härtel war zwar kein gelernter Buchdrucker, stand jedoch dem Geschäft in vortrefflichster Weise vor. Er liess durch Schelter griechische Typen nach R. Härtel
Dr. H. Härtel † 5. Aug. 1875.Bodoni und Antiquaschriften nach Levrault schneiden und gründete auch eine Steindruckerei (1805). Nach dem Tode Härtels (am 25. Juli 1827) trat zuerst der jüngere Sohn Raymund Härtel, später (1835) der ältere Dr. jur. Hermann Härtel in das Geschäft. Sie brachten dasselbe, das während ihrer Minderjährigkeit etwas zurückgegangen war, bald wieder zur alten Blüte.
Der etwas altersgrau gewordene „goldene Bär“ wurde 1867 verlassen und ein neues immenses Geschäftshaus bezogen, wo es jedoch auch bald zu eng geworden wäre, hätte die Firma nicht ihre Pianofortefabrikation aufgegeben. Am 27. Januar 1869 beging das verjüngte Geschäft die Feier seines 150jährigen ruhmvollen Bestehens. Es arbeitet mit 30 typographischen und lithographischen Schnellpressen, 18 Handpressen und gegen 400 Arbeitern.
Als Musikverleger hält das Haus den alten Ruhm aufrecht. Das bis Ende 1878 ergänzte Musikverzeichnis umfasst in mehr als 15000 Werken das gesamte Gebiet der Musik, wie auch deren Litteratur und Pädagogik nach allen Seiten hin vertreten ist. Nach dem Ausscheiden Raymund Härtels im Jahre 1879 sind seine Neffen W. Volkmann und Dr. O. Hase die Chefs des Hauses.
G. J. Göschen * 1752.
Auf der Grenze des XVIII. und XIX. Jahrhunderts wirkte Georg Joachim Göschen[208], aus Bremen gebürtig. Seine Jugend verbrachte er in ärmlichen Verhältnissen. Drei Jahre lebte er in einer Pension bei einem Schullehrer in Arbergen, einem Dorfe bei Bremen, wo der Vater des bekannten Gelehrten Heinr. Ludw. Heeren Pastor war und Göschen zugleich mit seinem eigenen Sohne Unterricht erteilte. Nach überstandener Lehre erhielt er eine Stelle in Leipzig in der Crusiusschen Buchhandlung, die er 13 Jahre mit Erfolg bekleidete. Dann ging er nach Dessau, wo in ihm der Entschluss reifte, sich in Leipzig zu etablieren. Das Glück war dem strebsamen Manne hold, er trat nach und nach in Verbindung mit den besten Autoren und verschaffte sich rasch einen angesehenen Namen.
Um eine Prachtausgabe von Wielands Werken mit lateinischen Lettern zu drucken, fasste Göschen den Plan, selbst eine Buchdruckerei zu errichten, da die vorhandenen Druckereien seine Forderungen nicht erfüllen konnten. Das war aber in der damaligen Blüte des Innungswesens keine leichte Sache, da Göschen nicht gelernter Buchdrucker war. Er musste in seinem Konzessionsgesuche, welches am 4. Mai 1793 bewilligt wurde, geltend machen, dass er nur „mit lateinischen Lettern nach Didot“ drucken wolle, dass jedoch diese in Leipzig nicht vorhanden wären, und dass seine Typen noch schöner seien als die von Unger in Berlin, wodurch Leipzigs Buchdruckerruhm steigen würde; ausserdem wolle er nur für sich drucken und sogar nur solche Artikel seines Verlages, die Andere nicht ausführen könnten. Nichtsdestoweniger wurde von seiten der Innung mit allen Kräften gegen ihn gearbeitet; man hatte wohl das Gefühl, dass ein Mann von Göschens Geist, wenn er einmal sich der Typographie gewidmet hatte, nicht bei den „lateinischen Typen nach Didot“ stehen bleiben würde.
Prachtausgaben.
Er schritt nun an sein grosses Vorhaben, eine Gesamtausgabe von Wielands Werken zu liefern, die etwas noch nicht dagewesenes sein und in vier Gestalten erscheinen sollte. Von der Prachtausgabe in 42 Bänden in 4°, mit Antiqua gedruckt und mit 36 Kupfern geschmückt, kostete ein Exemplar 250 Thlr. Den 1794 in Leipzig anwesenden Wieland liess Göschen unter festlichem Gepränge den ersten Band von jungen, Genien vorstellenden Damen überreichen, während die Muse Wielands Haupt mit einem Lorbeerkranze schmückte. Auch von Klopstocks Werken wollte Göschen eine ähnliche Ausgabe veranstalten; sie blieb jedoch unvollendet. Bedeutende Leistungen seiner Buchdruckerei sind die, ebenfalls nicht vollständig gewordenen Prachtausgaben des Wolfschen Homer, sowie die Griesbachsche Ausgabe des Neuen Testamentes. Die Ausstattung aller dieser Werke ist die prachtvollste und sorgfältigste, ohne jedoch einen recht befriedigenden Eindruck zu machen. Die Antiquaschriften trafen den Geschmack des Publikums nicht und auch die griechischen Schriften sind charakterlos, der Satz des Homer ausserdem unschön weitläufig.
Um den erwähnten Beschränkungen in seinem Geschäftsbetrieb zu entgehen, hatte Göschen seine Buchdruckerei nach Grimma verlegt, in dessen Nähe er das Gut Hohnstädt besass, auf welchem er, 75 Jahre alt, am 5. April 1828 starb. Er hatte bis in sein hohes Alter seine volle Geistesfrische erhalten und sie durch seine grosse Wirksamkeit als Verleger bethätigt.
Fr. A. Brockhaus * 4. Mai 1772, † 20. Aug. 1823.
Von hervorragender Bedeutung für das Buchgewerbe im allgemeinen, wenn auch weniger für die Typographie war Friedrich Arnold Brockhaus.
Etablissement in Amsterdam.
Sohn eines Kaufmanns in Dortmund, lernte er die Handlung in dem väterlichen Geschäfte und lag später den Studien ein Jahr lang in Leipzig ob. Im Jahre 1798 eröffnete er in Verbindung mit zwei Genossen ein englisches Manufakturwarengeschäft in Dortmund, welches er nach Trennung von seinen Teilhabern, von welchen der eine einen traurigen Einfluss auf die ganze Zukunft Brockhaus' üben sollte, 1802 nach Amsterdam verlegte und 1805 aufgab, um sich einem buchhändlerischen Geschäft unter der Firma Rohloff & Co. zu widmen, welche Firma 1810 in Kunst- und Industrie-Comptoir geändert wurde und erst 1814 in F. A. Brockhaus überging.
Bei einem Besuche der Leipziger Michaelismesse im Jahre 1808 erwarb er das begonnene aber ins Stocken geratene Konversations-Lexikon, ein Unternehmen, welches bestimmend für seine ganze geschäftliche Zukunft werden sollte.
Altenburg und Leipzig.
Veranlasst durch den Tod seiner geliebten Frau und durch die Franzosenherrschaft in Holland siedelte Brockhaus im Jahre 1810 nach Altenburg über und verkaufte 1811 das Amsterdamer Geschäft an Johannes Müller. In Altenburg weilte er bis 1817, um dann, nachdem er zwischen Dresden und Leipzig geschwankt hatte, am letzteren Orte sich bleibend niederzulassen und das in Altenburg bereits nach grossen Dimensionen betriebene Verlagsgeschäft in noch grössere Bahnen zu lenken.
Das Konversations-Lexikon.
Seinen Scharfblick für die Bedürfnisse der Zeit, verbunden mit einer thatkräftigen patriotischen Gesinnung bekundete er durch viele Unternehmungen. Der Eckstein des ganzen grossen Gebäudes blieb jedoch das Konversations-Lexikon. Der Anfang hierzu war bereits um das Jahr 1793 von Dr. Renatus Gotthelf Löbel gemacht. Dieser verband sich mit einem Advokaten Chr. Wilh. Franke zu der Herausgabe; für die buchhändlerische Durchführung wurde Aug. Leupold ausersehen. Das Werk hatte jedoch keinen grossen Erfolg und die Unternehmer verkauften es an Leupold. Nach vielen Schicksalen kam es noch vor dem Erscheinen des sechsten (Schluss-) Bandes an Brockhaus, der nun mit seiner gewohnten Energie an die Vollendung und Umarbeitung ging[209].
Druckerei.
Mehr und mehr fühlte Brockhaus das Bedürfnis über eine eigene Druckerei disponieren zu können und hatte zuerst den Gedanken, diese in Altenburg zu errichten, wovon er jedoch zurückkam. Anfang des Jahres 1818 eröffnete er nun eine Offizin mit drei hölzernen Pressen, zu welchen bald noch weitere vier kamen. Die Innung legte Protest ein, weil Brockhaus kein gelernter Buchdrucker sei. Da musste sein Freund Teubner aushelfen und durch Verkauf, Rückkaufsvertrag etc. etc. wurde es Brockhaus möglich, faktisch seinen Willen durch die Errichtung einer „zweiten Teubnerschen Buchdruckerei“ durchzusetzen, bis der Sohn Friedrich, der bei Vieweg in Braunschweig gelernt hatte, am 21. Okt. 1820 die Konzession als Buchdrucker erhielt.
Die Schnellpresse.
Merkwürdig genug, dass ein Mann, begabt mit dem weiten Blick Brockhaus' und so gewohnt, pekuniäre Schwierigkeiten zu überwinden, sich die Ehre nehmen liess, als erster die Schnellpresse in Deutschland zur Anwendung zu bringen; dies um so mehr, als er die Sache scharf ins Auge genommen hatte und die Wichtigkeit der Schnellpresse vollständig erfasst hatte, wie aus einer Korrespondenz zwischen ihm und König & Bauer, die auch ein interessantes Streiflicht auf Königs weiten Geschäftsblick wirft, hervorgeht[210]. Bereits am 7. November 1818 wandte er sich an König & Bauer, um Näheres über die Leistungsfähigkeit der Schnellpresse zu erfahren, indem er betonte, dass 25 Handpressen nicht imstande gewesen, die Hälfte des Lexikons, fünf Bände in 12000 Auflage, innerhalb fast eines Jahres zu liefern, und dass die Arbeiter bei der Einförmigkeit der Arbeit ermüdeten und zuletzthin nur schlechte Arbeit lieferten. König & Bauer beleuchten in ihrer Antwort, dass 2–3 Schnellpressen genügen würden, um 25 Handpressen zu ersetzen, und dass trotz des Anlagekapitals von 15000 Gulden für jede Schnellpresse grosse Ersparnisse eintreten müssten. Sie machten dabei Brockhaus einen eigentümlichen Vorschlag, dass er seine Druckerei nach Oberzell verlegen sollte. Sie hätten noch Raum genug für eine Druckerei von 70 bis 80 Setzern und die nötigen Maschinen, welche durch Wasser betrieben werden könnten, auch enorme Trockenböden ständen zur Disposition. Da das Papier aus Bayern und Franken bezogen werden würde, könnten die Transportkosten demnach zum grossen Teil gespart werden, ja, sie selbst gingen mit der Idee um, eine englische Papiermaschine zu bauen, um gutes Papier zu liefern, „das deutsche Papier“, heisst es, „ist doch ein Schandartikel, womit kein englischer Buchhändler vor das Publikum zu kommen sich unterstehen dürfte“. Der Brief schliesst: „Was sagen Sie zu dieser seltenen Vereinigung von Mitteln für grosse litterarische Unternehmungen, in einen kleinen Raum zusammengedrängt? Vielleicht liesse sich zwischen unseren und Ihren Plänen, unseren und Ihren Mitteln eine Verbindung ausmitteln, die beiden Parteien vorteilhaft wäre“.
Hätte dieser Vorschlag einige Jahre früher gemacht werden können, wer weiss wozu das geführt haben würde. Jetzt antwortete Brockhaus und zwar erst nach einem halben Jahre, ablehnend, er wollte die Ausführung seiner Gedanken die Schnellpresse anzuschaffen seinem Sohne überlassen.
König liess trotzdem die Sache nicht fallen und machte im Juni 1819 den Vorschlag, „zu dessen Annehmen offenbar viel weniger Mut gehört, als Sie Ihren übrigen Unternehmungen nach zu urteilen besitzen“, auf ihre Kosten zwei Schnellpressen in Leipzig zu Brockhaus' ausschliesslichem Gebrauch aufzustellen, in Betrieb zu halten und nach 10 Jahren an Brockhaus unentgeltlich zu überlassen, wenn er auf 10 Jahre hinlängliche Beschäftigung garantieren wollte und zwar gegen um 25% wohlfeilere Druckpreise, als sie ihm in seiner eigenen Druckerei zu stehen kämen. Aber auch diesen Antrag lehnte Brockhaus ab, obwohl er nach seiner Angabe über fünfzig eigene und fremde Pressen beschäftigte. So kam es denn, dass Brockhaus' Offizin und Leipzig überhaupt erst 1826, drei Jahre nach Friedrich Arnolds Tod, in Besitz einer Schnellpresse kam, welche von den Arbeitern mit Demolierung bedroht wurde, die in Leipzig, wie anderswo, noch nicht einsehen gelernt hatten, dass sie hiermit nur gegen ihr eigenes Fleisch und Blut wüteten.
Der Verlag.
Neben dem Konversations-Lexikon pflegte Brockhaus mit besonderer Vorliebe den journalistischen Verlag, repräsentiert durch Okens „Isis“, „Zeitgenossen“, „Leipziger Kunstblatt“, „Hermes“ und „Litterarisches Wochenblatt“, die alle, mit Ausnahme des letzteren, welches noch als „Blätter für litterarische Unterhaltung“ besteht, kein langes Leben hatten. Auf seinen reichhaltigen sonstigen Verlag kann hier nicht näher eingegangen werden.
Tod Fr. Arn. Brockhaus'.
Die angestrengteste Geschäftsthätigkeit, die damit verbundenen Sorgen, zu welchen sich der bereits angedeutete ärgerliche, immer wieder auftauchende Streit von Dortmund her kam; seine fortwährenden Zensurkämpfe namentlich mit der preussischen Regierung; verdriessliche litterarische Händel, die durch sein heftiges Temperament genährt wurden; die Not, welche ihm Konkurrenz und Nachdruck des Lexikons verursachten, rieben seine Kräfte vor der Zeit auf, und brachten ihn um den ruhigen Genuss seines unermüdlichen Schaffens. Seine Gesundheit war untergraben. Obwohl im November 1822 dem Tode nahe und bereits allgemein totgesagt, erholte er sich wieder, unterlag jedoch einem neuen Anfall am 20. Aug. 1823[211].
Fr. Brockhaus † 15. Aug. 1865.
Das umfangreiche verwickelte Geschäft wurde von den jungen Söhnen Friedrich und Heinrich Brockhaus fortgesetzt. Friedrich hatte, wie schon erwähnt, die Leitung der Buchdruckerei übernommen, welche 1823 10 Holzpressen beschäftigte. Im Jahre 1833 wurde eine Stereotypie eingerichtet, 1836 die Walbaumsche Schriftgiesserei erworben (S. [283]). Friedrich war eifrig bemüht, der Buchdruckerei die Superiorität in dem in den vierziger Jahren aufblühenden Illustrationsdruck zu sichern, und scheute keine Opfer, um den Vergleich mit dem Auslande aushalten zu können. Die ersten epochemachenden illustrierten Werke: Vernets „Napoleon“, Menzels „Friedrich der Grosse“, die „Illustrirte Zeitung“ wurden unter der Leitung Friedr. Brockhaus' gedruckt, der sich am 1. Januar 1850 von dem Geschäft zurückzog.
H. Brockhaus * 4. Febr. 1804, † 15. Novbr. 1874.
Heinrich Brockhaus leitete die Buchhandlung. Er war ein mit einer ausserordentlichen Arbeitskraft und grossem Organisationstalent begabter Mann von unabhängiger Gesinnung. Am 4. Mai 1872 konnte er mit Genugthuung den hundertjährigen Geburtstag des Gründers begehen, denn das Etablissement war in seiner Art eines der vielseitigsten der Welt und in Wahrheit ein Universalgeschäft geworden, das mehr als 600 Personen beschäftigte. Der mit grösster Sorgfalt von Heinrich Brockhaus herausgegebene, 1148 Seiten starke Verlagskatalog verzeichnete damals bereits 2552 Artikel in 5851 Bänden. Als Teilnehmer waren die Söhne Heinrichs, Dr. Eduard und Rudolf Brockhaus, eingetreten. Heinrich Brockhaus, von der Universität Jena zum Ehrendoktor, von der Stadt Leipzig zum Ehrenbürger ernannt, starb am 15. November 1874[212].
Das Konversations-Lexikon bildet immer noch den Mittelpunkt des grossen Verlags und der Einfluss, welchen dieses jetzt in der 13. Auflage erschienene Werk auf die allgemeine Bildung geübt hat, ist ein grosser. Der Bilderatlas zum Konversations-Lexikon, 2. Aufl., ist ein Werk, wie es nur in einem Universalgeschäft, das über alle Arten der technischen Herstellungsmethoden gebietet, in solcher Weise durchgeführt werden konnte.
B. G. Teubner * 16. Juni 1784, † 21. Jan. 1856.
Benedictus Gotthelf Teubner, zu Grosskraussnigk in der Niederlausitz geboren, hatte noch vor Brockhaus sein später so bedeutendes Etablissement 1811 mit zwei Holzpressen angefangen. Bereits 1823 verband er mit seiner Buchdruckerei eine Buchhandlung, die sich durch ihren philologischen Verlag und korrekte Klassiker-Ausgaben einen grossen Ruf erwarb. Teubner war eifrigst für einen sorgsamen Druck bemüht, und hat in dieser Hinsicht wesentliche Verdienste um die Kunst, auch richtete er sein Streben auf eine, für damalige Zeit nicht gerade übliche, Eleganz in allen Accidenzarbeiten unter Verwendung des Guilloche- und Farbendruckes. Die von ihm herausgegebene Jubelschrift des Dr. K. Falkenstein zeigt, was das Geschäft auf den verschiedenen Feldern des graphischen Gebietes zu leisten vermochte. Sind diese Leistungen auch durch die der jüngeren Zeit überflügelt, so waren sie doch damals bedeutend und die Buchdruckerei Teubners gehörte mit zu den in der neuern Richtung tonangebenden. Bei seinem Tode waren sieben Schnellpressen in Gang, auch hatte er in Dresden eine Filiale gegründet. Die Nachfolger, seine Schwiegersöhne Ad. Rossbach und Albin Ackermann, verliessen die früher eingeschlagene Kultivierung des Accidenzdruckes und zeichneten sich durch ihren vortrefflichen Werk- und namentlich durch ihren Zeitungs-Illustrationsdruck aus. Der grossartige philologische Verlag, aus gegen 2000 Werken in über 3000 Bänden bestehend, wurde unter besonderer Leitung des jetzigen Geschäftsteilhabers Dr. Aug. Schmitt in kräftigster Weise fortgeführt. Ohne irgend eine typographische Prätension zu erheben sind unter diesen Werken unübertroffene und unübertreffliche Drucke, um einen unter vielen als Beispiel zu nennen Herodiani reliquiae in geradstehender griechischer Schrift. Die Offizin ist eine der am besten eingerichteten und grössten Deutschlands, sie arbeitet mit 35 Schnellpressen und gegen 400 Arbeitern, und druckt 18 Zeitschriften.
Karl Tauchnitz * 29. Okt. 1761, † 14. Jan. 1836.
In die Reihe derjenigen verdienten Männer, die als Bahnbrecher der deutschen Typographie zu bezeichnen sind, gehört als einer der ersten Karl Christoph Traugott Tauchnitz.
Tauchnitz war in Grossbardau bei Grimma geboren. Da er seiner Armut wegen nicht studieren konnte, ward er 1777 Buchdruckerlehrling und arbeitete später bei Unger in Berlin. 1792 kehrte er nach Leipzig zurück. Im Jahre 1797 gelang ihm der Ankauf einer kleinen Buchdruckerei. Das Geschäft gewann durch Tauchnitz' Fleiss und Akkuratesse an Ausdehnung. Bereits 1800 konnte er eine Schriftgiesserei und eine Buchhandlung mit der Buchdruckerei vereinigen. Seine Wirksamkeit muss namentlich von dem Standpunkte der Verbindung dieser Geschäfte zu einem ganz bestimmten Ziel beurteilt werden. Dies Ziel war die Herausgabe der griechischen und römischen Klassiker in guter Ausstattung, grösster Korrektheit und zu den billigsten Preisen.
Die Klassiker.
Im Jahre 1808 machte er damit den Anfang. Jedoch ohne das von Lord Stanhope eingeführte Stereotypverfahren, welches er durch den Engländer Watts gelernt hatte, wären die oben erwähnten Erfordernisse der Kollektion schwer zu erreichen gewesen.
In seinen Bemühungen um die Verbesserung der Antiqua, der griechischen und der orientalischen Schriften wurde er durch die Schriftgiesser J. G. Schelter und Matthes unterstützt.
Prachtwerke.
Seine Leistungen beschränkten sich jedoch nicht auf brauchbare billige Ausgaben; er lieferte auch Prachtdrucke ersten Ranges und wissenschaftliche Werke bedeutenden Umfanges. Zu den ersteren gehören sein Theokrit in Folio (1821); das Carmen Arabicum Szanicddini Helensis (1816), dessen Originaltext im orientalischen Stil in Gold und bunten Farben gedruckt ist; die Kuhnsche Hymne an König Friedr. August von Sachsen. Zu seinen bedeutendsten typographischen Leistungen zählen noch die arabische Ausgabe des Korans durch Flügel; die Fürstsche Bearbeitung der Buxtorffschen „Concordanz“, die stereotypierten hebräischen Bibeln von Hahn u. a.
K. Ch. Tauchnitz.
Mitten unter Plänen zu neuen wichtigen Unternehmungen rief ihn der Tod plötzlich ab. Sein Sohn Karl Christian Philipp, der eine ausgezeichnete Bildung genossen hatte, setzte das Geschäft, ohne demselben mit der vollen Neigung des Vaters zugethan zu sein, doch ganz im Sinne des Verstorbenen fort. Auf Veranlassung der Amerikanischen Mission in Syrien wurde eine neue arabische Schrift geschnitten, die sich dem Geschmack der Orientalen gut anpasst, jedoch im Satz grössere Schwierigkeiten bietet, als die ältere, mit welcher der Koran gedruckt wurde. Die Firma erlosch durch Verkauf der verschiedenen Geschäftsbranchen.
Fr. Nies * 6. Aug. 1804, † 16. Juni 1870.
In dem Streben für die Herstellung orientalischer Werke war Fr. Nies aus Offenbach mit Karl Tauchnitz verwandt, wenn auch der letztere von wissenschaftlichem sowohl als typographischem Standpunkte aus Idealeres anstrebte. Angeregt namentlich durch den genialen Verleger W. A. Barth, den Professor M. G. Schwartze und den Paläographen E. F. F. Beer, später auch durch Professor Seyfarth unterstützt, unternahm Nies das Wagnis, hieroglyphische Typen in seiner, 1831 angelegten Schriftgiesserei herzustellen. Die hieroglyphische Schrift bestand aus etwa 1500 Stücken. Diese in verschiedenen Grössenabstufungen sowohl nach links als nach rechts gewendet ausgeführten, oft einander sehr ähnlichen Figuren in ein richtiges Typensystem zu bringen war für damals wirklich eine That; sie gelang und viele Werke, darunter das Riesenwerk des Dr. M. G. Schwartze „Das alte Ägypten“[213], zeigen, dass die Offizin nach damaligen Verhältnissen Bedeutendes leistete. Nies konnte mit seinen selbstgegossenen Schriften in gegen 300 Sprachen drucken, vermochte jedoch nicht, sich mit dem Gedanken zu befreunden, heute das rückhaltlos zu verwerfen, was gestern gut gewesen war, und ermüdete deshalb unter den erhöhten Ansprüchen der fortschreitenden Wissenschaft und Technik in seinen Anstrengungen. Das sonst so blühende Geschäft verödete nach und nach. Im Jahre 1856 übernahm es Carl B. Lorck, der erst sich mit J. J. Weber zur Ausführung der unter dieser Firma in den Jahren 1837–1845 erschienenen grösstenteils illustrierten Werke und Zeitschriften vereinigt hatte. Die Druckerei und Schriftgiesserei wurde zeitgemäss reorganisiert und vervollständigt. Eine bedeutende Zahl von orientalischen Werken, besonders für das Ausland gedruckt, verliess in den Jahren 1856 bis 1868 die Pressen der Offizin. In letzterem Jahre übernahm sie W. Drugulin * 20. Aug. 1821, † 20. April 1879.W. Drugulin, welcher die bis dahin fortgeführte Firma Fr. Niessche Buchdruckerei in W. Drugulin änderte. Lorck gab die „Annalen der Typographie“ (1869–1877) und mehrere Fachschriften heraus[214]. Drugulin setzte das begonnene Werk im bisherigen Sinne fort. Hatte die Jury der Pariser Weltausstellung von 1867 bereits erklärt, dass in Frankreich nur die kaiserliche Druckerei ähnliches prästieren könne, wie diese Privatoffizin in Leipzig, so wurde nun in der That durch Drugulins Erwerbungen, unter welchen sämtliche Stempel und Matern der früheren Karl Tauchnitzschen orientalischen, älteren Renaissance- und holländisch gothischen Schriften sich befanden, ein Komplex geschaffen, wie er ausser in den Staatsanstalten zu Wien und Paris sich nicht wieder vorfindet. Drugulins aussergewöhnlichen Kunst- und antiquarischen Kenntnisse kamen ihm bei seinen vielen Reproduktionen und Imitationen von Drucken älteren Stils vortrefflich zu statten. Namentlich ist das grossartige Werk: „Die Chronik des Sächsischen Königshauses und seiner Residenzstadt“, ein Geschenk der Stadt Dresden zur Feier der silbernen Hochzeit des Königs Albert und der Königin Carola, ein Meisterstück dieser Gattung. Es war jedoch Drugulin nicht beschieden, den Schluss des Werkes zu erleben.
Hieroglyphendruck.
Die von Nies eingeführten hieroglyphischen Typen wurden zumteil durch die früher erwähnten eleganteren und kleineren Typen in Umrissen verdrängt (S. [285]), teils hat es in jüngster Zeit den Anschein, als wollte die Lithographie und speziell die Autographie der Typographie das Terrain der Ägyptologie streitig machen. Der bedeutende Verlag der J. C. Hinrichsschen Buchhandlung in Leipzig auf diesem Felde ist fast durchweg in Autographie hergestellt, z. B. das hieroglyphisch-demotische Wörterbuch von H. Brugsch-Bey, das 1728 Seiten in kl. Folio umfasst. Vorausgesetzt, dass der Verfasser es versteht, hieroglyphische Umrisse korrekt wiederzugeben und sonst leicht leserlich schreibt, ist die autographische Wiedergabe eine ganz zweckmässige. Wenn mit Typen gesetzt, würden die Kosten für ein Werk wie das genannte, dessen Absatz begreiflicherweise nur ein beschränkter sein kann, allerdings kaum erschwinglich sein; im Interesse der Wissenschaft muss man deshalb die Besiegung der Typographie durch die Lithographie auf diesem Gebiete mit Ruhe hinnehmen.
B. Tauchnitz.
Die Offizin des Neffen des K. Tauchnitz, Bernhard Tauchnitz, erneute den Weltruf des Namens ebenfalls hauptsächlich durch die konsequente und grossartige Durchführung eines einzigen Unternehmens, bei welchem jedoch weniger die typographische als die bibliopolische Bedeutung hervortritt. Wer kennt nicht die Tauchnitz Collection, die Sammlung von Werken englischer und amerikanischer Autoren, deren Bändezahl jetzt 2000 übersteigt, die in über 600000 Stereotypplatten vorhanden sind? Wie die Karl Tauchnitzsche Kollektion auf die altklassische Bildung, so hat das B. Tauchnitzsche Unternehmen ganz ausserordentlich zur Verbreitung der englischen Litteratur und Sprache auf dem Kontinent, daneben auch zur Mehrung des Ansehens des deutschen Buchhandels in England beigetragen. Der Umstand, dass der Unternehmer den Autoren resp. den Verlegern zu einer Zeit Honorar zahlte, wo dies noch nicht durch gesetzliche Bestimmungen geboten war, erwarb ihm sofort die Gunst der genannten, die er sich zu erhalten verstanden hat.
Ausser der Sammlung lieferte die Offizin für den Verlag des Besitzers — für Andere arbeitet sie nicht — eine Reihe von ebenso gut ausgestatteten wie durch ihre Korrektheit bekannten bedeutenden Werke, besonders in juristischer und linguistischer Richtung, unter welchen beispielsweise die fehlerfreien Logarithmen von Köhler genannt sein mögen.
Andere Firmen.
Ausser B. G. Teubner hatten bereits G. H. Maret, Wilh. Haack und namentlich C. L. Hirschfeld in allen Accidenzarbeiten einen sehr guten Geschmack gezeigt. Letzterer, durch einen längeren Aufenthalt in Paris tüchtig ausgebildet, verband Stereotypie und Gravieranstalt mit seiner Buchdruckerei. Im Bunt- und Golddruck leistete er Bedeutendes und das von ihm 1840 herausgegebene Tableau in etwa zwanzig Farbenplatten, Typographia jubilans, ist eins der bedeutendsten Erzeugnisse der Jubelpresse.
Das Jubelfest 1840.
Es dürfte hier, ehe wir zur jüngsten Gestaltung des graphischen Geschäfts in Leipzig übergehen, der Ort sein, mit einigen Worten des Jubelfestes 1840 zu gedenken, das sich nicht zu einer Lokalfeier, sondern zu einem grossen nationalen Feste gestaltete, welches in der Geschichte der Buchdruckerkunst einen Platz verdient.
Während im Jahre 1640 fünf Buchdruckereibesitzer mit 14 Gehülfen, im Jahre 1740 achtzehn Offizinen mit 138 Gehülfen dem Feste beiwohnten, zeigt die Liste der Beteiligten im Jahre 1840 24 Buchdruckereien mit 232 Handpressen, 11 Schnellpressen und 672 Gehülfen, dazu noch 7 Schriftgiessereien mit 62 Gehülfen, schliesslich 108 Buchhandlungen mit 121 Gehülfen. Das Kontingent, welches allein das Brockhaussche Geschäft stellte, betrug mehr als die Gesamtzahl der das Fest von 1740 Feiernden.
Die Sammlungen der Buchdrucker zu einem Festfond begannen bereits 1837. Die Buchhändler traten 1839 hinzu und die Stadt bewilligte 3000 Thaler. Das unter den günstigsten Auspizien vorbereitete Fest nahm den würdigsten Verlauf.
Bereits am Nachmittag des 23. Juni hatte die ganze Stadt sich festlich geschmückt. Die Häuser waren mit Guirlanden und Kränzen behängt, Fahnen wehten und Triumphbogen waren errichtet.
Früh am 24. durchzog eine grosse Reveille die Stadt. Um 8 Uhr versammelten sich die anwesenden Kammermitglieder, die königlichen und städtischen Behörden, die Konsuln, das Offiziercorps, die Geistlichkeit, die Schulrektoren, die Spitzen der Universität und die Professoren, die Handlungsabgeordneten, die Obermeister und Beisitzer der Innungen, schliesslich die Festgeber: Buchdrucker, Schriftgiesser und Buchhändler, an verschiedenen Orten. Von Deputierten des Festcomités geleitet begaben sich die einzelnen Züge nach der Thomaskirche zu dem, vom Superintendenten Dr. Grossmann abgehaltenen Festgottesdienste. Als Text war gewählt: „Es ward ein Mann von Gott gesandt, der hiess Johannes; derselbe kam und zeugte von dem Licht“.
Um 10 Uhr begann der grosse Festzug von dem Gewandhause aus nach der Buchhändlerbörse, wo die von den Frauen gestiftete Fahne den Buchdruckern übergeben wurde. Von da ab ging der Zug nach dem Marktplatze, dessen dritten Teil die amphitheatralische Zuschauer- und Musiker-Tribüne einnahm. Nach Absingung der von Felix Mendelssohn-Bartholdy komponierten Festkantate hielt Raymund Härtel eine begeisterte und zündende Festrede, die mit den Worten schloss:
„Du Allmächtiger, der du jedem Volke seine Bestimmung zugeteilt hast, lass unser Jubelfest der Buchdruckerkunst dir ein Dankfest sein für die hohe Gabe und hilf du selber, dass sie forthin durch menschliche Willkür weder gemissbraucht, noch verkümmert werde. Ein Jubelfest ist auch ein Ausruhen von hundertjähriger Arbeit, und das ernste Geschäft des Lebens verklärt sich zum heiteren Festspiele: Darum öffne sich die Werkstatt und der alte Meister erscheine mitten unter seinem Feste!“ Als dann die Hülle sank, welche bis jetzt die im Mittelpunkte des Marktes befindliche Festoffizin mit den arbeitenden Giessern, Setzern und Druckern, weit überragt von dem kolossalen Gipsabguss der Mainzer Gutenberg-Statue Thorwaldsens, den Blicken der Menge entzogen hatte, entstand ein unbeschreiblicher Jubel. Es war ein unvergesslicher Augenblick, der, im jugendlichen Alter erlebt; noch dem Greise in späten Jahren so lebhaft in der Erinnerung vorschwebt, als handle es sich um ein Ereignis von gestern, und den miterlebt zu haben als eine Gunst des Schicksals betrachtet werden muss.
Um 3 Uhr fand in der Halle am Augustusplatze ein Festessen statt, an welchem etwa 3000 Personen teilnahmen. Bei Eintritt der Dunkelheit bekundete eine glänzende Erleuchtung der Stadt die allgemeine Teilnahme aller Behörden und Bürger an dem Feste.
Am 25. vormittags fand eine Versammlung fremder und einheimischer Gelehrter, Künstler und Buchhändler in der Festhalle statt. Gleichzeitig wurde in der Buchhändlerbörse eine interessante Ausstellung älterer und neuerer Druckwerke, Xylographien u. a. eröffnet. Um 3 Uhr füllte die Aufführung des von Mendelssohn für das Fest komponierten Lobgesanges, die unter Leitung des Komponisten und unter Beihülfe von über 500 Sängern und Musikern stattfand, die Thomaskirche. Abends war grosser Ball von über 4000 Personen in der Festhalle. Die Familien der Beamten, Professoren, Prinzipale und Gehülfen verkehrten im fröhlichsten Durcheinander und selbst der eindringende Gewitterregen musste dazu beitragen, die Heiterkeit zu erhöhen.
Am 26. vormittags war eine interessante Festvorstellung im Schauspielhause veranstaltet: Theaterschau von der Erfindung der Buchdruckerkunst bis auf die neueste Zeit. Um 1 Uhr begannen die Festzüge der Innungen, sich nach dem Exerzierplatz am Rosenthal, wo ein echtes Volksfest abgehalten werden sollte, in Bewegung zu setzen. Der mit Zelten in grosser Zahl, Fahnen, Buden, Caroussels, Tribünen etc. geschmückte, dicht an den Wald sich lehnende Platz bot mit den etwa 60000 Anwesenden ein höchst belebtes und anmutiges Bild. Am Abend ward noch ein glänzendes Feuerwerk abgebrannt. Dann zogen die Innungen nach und nach wieder mit klingendem Spiel und fliegenden Fahnen nach der Stadt. Den Beschluss machte der grosse Zug der Festgeber mit 1000 Fackeln, die unter Gesang und Jubel auf dem Marktplatze zusammengeworfen wurden.
Nicht ein Misston hatte das herrliche Fest gestört, welches Leipzig mit dankbaren und stolzen Gefühlen hatte begehen können, denn es war zugleich ein Huldigungsfest Leipzigs als Führerin auf dem Gebiete der Buchdruckerei und des Buchhandels im Vaterlande Gutenbergs geworden. Dass Leipzig willens ist, seine ehrenvolle Stellung zu behaupten, wird ein Blick auf die jüngste Vergangenheit und auf den Augenblick zeigen.
Giesecke & Devrient.
Eine eigentliche Umgestaltung des Geschmacks für das Accidenzfach, das heutzutage einen so wichtigen Platz einnimmt, ging erst von der Firma Giesecke & Devrient aus. Diese, jung an Jahren, reich an Ehren, zeigte, dass eine Staatsdruckerei nicht notwendig ist, um das zu leisten, was man von Staatsanstalten verlangt und mit Recht verlangen kann, weil diese in erster Reihe zu Ehren der Kunst und nicht um eine Existenz zu begründen arbeiten.
Die Firma wurde von Hermann Giesecke und Alphonse Devrient am 1. Juni 1852 begründet, zu einer Zeit, wo der typographische Geschmack und der Sinn für schöne Accidenzarbeiten namentlich durch Hänel einen wesentlichen Aufschwung genommen hatte (S. [281]). Die genannten waren Männer, wie sie die Zeit eben verlangte, um dem Geschmack eine bestimmte Richtung zu geben. Sie haben hierin bedeutende Verdienste und waren stets redlich bemüht, das Halbgute durch das wirklich Gute zu ersetzen.
Nach und nach entstand in ihrem Hause eine Reihe von graphischen Spezialanstalten, die namentlich zur Herstellung der unendlich vielen Wertzeichen nötig waren, mit deren Anfertigung die Firma nicht nur von den verschiedenen Regierungen und Geldinstituten Deutschlands betraut wurde, sondern die ihnen auch aus der Schweiz, Italien, Holland, Schweden, Finnland, Rumänien und Amerika zuflossen. Es war die glänzendste Zeit der Gründungen, des Aktien- und Papiergelddruckes, welcher erst der Krach, dann die Gründung der Reichsbank eine Grenze setzte.
Aber der Ruhm der Firma war nicht allein von diesem höheren Accidenzdruck abhängig, sondern wurde noch durch hervorragende Werkdrucke gesteigert. Unter diesen muss einer erwähnt werden, welcher, wenn auch von kaiserlicher Munifizenz getragen, als eine der hervorragendsten Leistungen intelligenter Typographen dasteht: die Reproduktion des von Const. Tischendorf entdeckten Codex Sinaiticus.Codex Bibliorum Sinaiticus, welche für Rechnung der Besitzerin dieses Schatzes, der russischen Regierung, ausgeführt wurde. Zuerst wurden photographische Facsimiles derjenigen unter den einzelnen Buchstaben, welche dem Herausgeber den Charakter der Handschrift am besten auszudrücken schienen, veranstaltet, und hiervon zwei Gattungen, eine grössere für den Text und eine für die Noten, dazu später noch eine dritte geschnitten. Als es sich jedoch ergab, dass die Abstände zwischen den einzelnen Buchstaben in dem Original manchmal in einem anderen Verhältnis zu einander standen als in dem Satz, mussten verschiedenartige Güsse gemacht oder durch Unterschneiden der einzelnen Buchstaben nachgeholfen werden. Der Raum der einzelnen Buchstaben wurde durch Tischendorf nach Millimetern ausgerechnet und die Zahl solcher an jeder einzelnen Stelle im Manuskript verzeichnet. Nachdem Tischendorf ferner entdeckt hatte, dass vier verschiedene Kalligraphen bei dem Codex thätig gewesen waren, mussten eine Menge Ergänzungstypen geschaffen werden, um die Eigentümlichkeiten der verschiedenen Schreiber wiederzugeben. So hatte z. B. das Omega sieben Varianten. Auch die getreue Wiedergabe der Zusätze zwischen den Zeilen des Manuskripts musste statthaben, ja selbst die Abweichungen der alten Kalligraphen von der üblichen Regel waren getreulich nachzuahmen. So entstand ein Werk ohne Rivalen.
Papyros Ebers.
Ebenfalls als eine höchst gelungene Facsimile-Ausgabe ist der durch Lithographie im Verein mit der Typographie hergestellte Papyros Ebers (bei Wilh. Engelmann in Leipzig) zu bezeichnen. Die Nachahmung der Färbung der Schrift und der Pflanzentextur des Papyrus ist so vollkommen gelungen, dass man auf Carton aufgezogene Papyrosblätter vor sich zu haben glaubt. Während die lithographische Nachbildung aus der Offizin von Giesecke & Devrient stammt, ist der textliche Teil mit den hieroglyphischen Typen des F. Theinhardt von Breitkopf & Härtel gedruckt.
Alph. Devrient * 21. Jan. 1821, † 1878.
Alphonse Devrient, der berühmten Künstlerfamilie Devrient angehörend, starb frühzeitig auf einer Erholungsreise nach Berlin am Ostermorgen 1878. Er hatte bei Fr. Nies gelernt und arbeitete vier Jahre in der Imprimerie royale in Paris in der sogenannten Chambre arabe unter der strengen, jedoch wohlwollenden Leitung Lud. Rousseaus und des gelehrten Orientalisten Jul. Mohl und ging dann nach England. Er war einer der tüchtigsten Typographen seiner Zeit. Der überlebende Chef Herm. Giesecke entstammt dem bekannten Hause Schelter & Giesecke, als Sohn des C. F. Giesecke.
Bibliographisches Institut.
Eine aus kleinen Anfängen rasch zu einem Weltgeschäft angewachsene Druck- und Verlagsanstalt ist das Bibliographische Institut.
Jos. Meyer * 9. Mai 1796, † 27. Juni 1856.
Im Jahre 1826 gründete Joseph Meyer in seiner Vaterstadt Gotha das Institut, welches 1828 nach Hildburghausen verlegt wurde. Das mit Stahlstichen illustrierte „Universum“ erreichte eine für damalige Zeit ganz enorme Auflage von 80000 Exemplaren. Es folgten verschiedene Klassiker-Bibliotheken, deren Rechtmässigkeit bestritten wurde, die aber durch eine bisher ungekannte Billigkeit die Kauf- und Leselust anregten und eine weite Verbreitung fanden. Dann kam das grosse Konversations-Lexikon in 52 starken Bänden. J. Meyer war ein Mann von ausgebreiteten Kenntnissen mit einer staunenswerten Arbeitskraft, die er jedoch über alles Mass anstrengte, indem er neben der bibliopolisch-typographischen Wirksamkeit noch grossartige industrielle Pläne verfolgte.
H. J. Meyer.
Sein Sohn Hermann Julius Meyer zog mit dem Institut 1874 nach Leipzig[215]. Jetzt steht dasselbe als eines der grossartigsten und am besten geleiteten nicht nur in Deutschland da. So imponierend auch schon die äusseren Einrichtungen wirken, so ist es doch namentlich die innere Organisation dieser mit zwei Rotationsmaschinen und 31 Schnellpressen arbeitenden Anstalt, welche Bewunderung erregt. Das Geschäft sucht und findet seine Kraft in der Konzentration und in der Erreichung möglichster Vollkommenheit innerhalb der selbstgesteckten Grenzen für seine Wirksamkeit. Von der dritten Auflage des grossen Konversations-Lexikons wurden über 100000 Exemplare abgesetzt, daneben erlangte das kleine Lexikon in zwei Bänden eine grosse Popularität. Ein Werk von hohem Wert ist A. E. Brehms „Tierleben“ in zehn prachtvoll illustrierten Bänden.
J. Klinkhardt.
Ein Geschäft, welches ebenfalls in verhältnismässig kurzer Zeit eine grosse Entwickelung und Ausdehnung gewann, ist das bereits (S. [287]) erwähnte von J. Klinkhardt, welches mit 21 Schnellpressen, 22 Handpressen und 35 Giessmaschinen über 400 Personen beschäftigt und vortreffliche Arbeiten im modernen Stil liefert.
Verschiedene Druckereien.
Dass diese und die sonst genannten Offizinen dem Illustrationsdruck alle erdenkliche Sorgfalt widmen, ist selbstverständlich, ausser denselben besitzt Leipzig jedoch noch eine Reihe von Druckereien, die sich vorzugsweise mit Illustrationsdruck beschäftigen. Des von Ed. Kretzschmar begründeten Geschäfts (jetzt C. Grumbach) wurde bereits (S. [298]) gedacht. Vieles zur Bildung einer tüchtigen Schule von Holzschnittdruckern trug Kretzschmars erster Gehülfe Joh. Chr. Benedict bei. A. H. Payne druckt mit Rotationsmaschine und 18 Schnellpressen für den eigenen Verlag eine grosse Anzahl von illustrierten Blättern und Werken. Alex. Edelmann und Otto Dürr wirkten erst zusammen, dann getrennt und lieferten mehrere der grossen Berliner Modezeitungen und viele Prachtwerke für Alf. Dürr, während A. Hundertstund & A. Pries namentlich den Seemannschen Kunstverlag druckten. Alex. Wiede beschäftigt 18 Schnellpressen fast nur mit der Herstellung der „Gartenlaube“. Aus den Pressen der Firma Fischer & Wittig stammen sehr viele der schönsten illustrierten Prachtwerke neuerer Zeit sowohl aus dem Verlag von Leipziger als auswärtigen Buchhändlern.
Mit wissenschaftlichen Werken beschäftigten sich vorzugsweise Metzger & Wittig, A. Th. Engelhardt, C. Hirschfeld, Otto Wigand und Bär & Hermann, welche letztere den Druck russischer Werke als Spezialität pflegen; Ph. Reclam jun. liefert mit 22 Schnellpressen fast ausschliesslich Zwanzigpfennigbände seiner Universalbibliothek; Otto Spamer druckt seine zahlreichen illustrierten Jugendschriften und populären Werke; C. G. Naumann hat seine umfangreiche Offizin nur für Accidenzien eingerichtet; Alex. Waldow verwendet die seinige nur für den Druck des „Archiv der Buchdruckerkunst“ und anderer in seinem Verlage erscheinender, zumteil von ihm verfasster typographischer Fachschriften[216].
An Tagesblättern ist Leipzig geradezu arm und manche Provinzialstädte Deutschlands von 30–50000 Einwohnern haben eine weit reichere Zeitungslitteratur aufzuweisen. Das umfänglichste Journal, namentlich zur Zeit der Messen, ist das „Leipziger Tageblatt“. Der Verleger E. Polz beschäftigt für den Druck desselben und ausserdem hauptsächlich für den des C. F. Winterschen Verlags drei Rotationsmaschinen und elf Schnellpressen.
Nicht alle graphischen Firmen Leipzigs, die tüchtiges liefern, können wir hier aufzählen. Die Zahl der Buchdruckereien Leipzigs (incl. der Vororte) beträgt 92 mit 7 Rotationsmaschinen, 437 Schnellpressen und 292 Tret- und Handpressen. Die 69 lithographischen Anstalten beschäftigen 146 Schnellpressen, 517 Handpressen. In beiden Branchen sind gegen 6200 Personen thätig.
C. G. Röder.
Den enormen Aufschwung, welchen das Musikaliengeschäft in Leipzig nahm, veranlasste ein Institut für Notendruck, das seinesgleichen sucht. C. G. Röder gründete mit kleinsten Mitteln 1846 seine Notendruckanstalt, welche jetzt mit 34 Schnellpressen, 25 Handpressen und einem Personale von 400 Köpfen arbeitet und namentlich die äusserst umfangreiche Édition Peters im Verlage des Bureau de musique druckt. An eigentlichen lithographischen Kunstinstituten hat Leipzig keinen Überfluss, dagegen ist die Anstalt für Phantasieartikel und Luxuspapiere von Meissner & Buch, die mit 15 Schnellpressen, 30 Handpressen und 46 Präg- und anderen Maschinen arbeitet, von grosser Bedeutung; auch die Offizin von Wetzel & Naumann hat einen enormen Aufschwung genommen und arbeitet hauptsächlich für den Export mit 32 Schnellpressen, 27 Handpressen und 450 Arbeitern. H. Wagner & E. Debes beschäftigen sich ausschliesslich mit kartographischen Arbeiten. Als Lichtdrucker leisten A. Naumann & Schröder vorzügliches. Die Zahl der xylographischen und chemigraphischen Anstalten ist eine beträchtliche.
Die die Typographie fördernden Verleger.
Es würde zu weit führen, alle die Verleger aufzuzählen, die, ohne eigene Druckereien zu besitzen, doch auf die Typographie einen grossen Einfluss übten. Den Buchdruck für wissenschaftliche Zwecke förderten u. a. namentlich J. A. Barth, W. Engelmann, Sal. Hirzel, L. Voss, die J. C. Hinrichssche Buchhandlung, F. C. W. Vogel[217], T. O. Weigel (I, S. 6), Rud. Weigel (I, S. 103), O. Wigand und C. F. Winters Verlag.
Für den illustrierten Verlag waren J. J. Weber und Georg Wigand in den dreissiger Jahren bahnbrechend. J. J. Weber führte 1832 das „Pfennig-Magazin“ und 1843 die „Illustrirte Zeitung“ ein. Die von Ad. Menzel illustrierte Geschichte Friedrichs des Grossen wurde noch während der Zeit der ersten Neuentwickelung des Holzschnittes in Deutschland (S. [297]) unternommen, überhaupt wirkte geschmackvolle Ausstattung aller Weberschen Artikel sehr anregend sowohl auf die Buchdruckereien wie auf die Verleger.
Gleichzeitig mit Weber wirkte Georg Wigand, dessen im Verein mit seinem Bruder Otto Wigand 1840 unternommene Ausgabe von dem Nibelungenlied, illustriert von Hübner und Bendemann, eine schöne Jubelerinnerung bildet. Sowohl durch eigene Neigung als namentlich durch seine innige Verbindung mit Loda, Richter und Schnorr von Carolsfeld wurde er auf die mehr ursprüngliche echt deutsche Art des Holzschnitts geführt, von welchem Schnorrs Bibel in Bildern ein monumentales Denkmal bleibt.
In neuerer Zeit waren es namentlich E. A. Seemann und Alf. Dürr, welche den illustrierten Verlag förderten. Seemann lieferte eine grosse Reihe von Werken über die verschiedenen Zweige der Kunst und der Kunstgewerbe, Alf. Dürr pflegte namentlich die strengere Richtung der illustrierenden Kunst in den Werken von J. Führich, Preller u. a., daneben lieferte er eine Reihe von Jugendschriften in höchst anziehender Weise durch Osc. Pletsch illustriert. Auch Fr. Brandstetter, J. A. Baumgärtner, E. Keil, Velhagen & Klasing, K. Bädeker, Schmidt & Günther u. a. leisteten durch ihren Verlag den Illustrationsdruckern grossen Vorschub.
Dresden.
Unter den sonstigen Städten des Königreichs Sachsen hat die Residenzstadt Dresden allein einen bedeutenden Platz und unter den 47 Buchdruckereien und 54 lithographischen Anstalten, die mit 209 Schnellpressen und 251 Tret- und Handpressen arbeiten, nimmt wieder die Firma C. C. Meinhold & Söhne die hervorragendste Familie Meinhold.Stellung ein. Der Begründer derselben, Carl Christian Meinhold, Sohn eines Bergmannes aus Marienberg, erwarb die Hofbuchdruckerei, welche ihren Ursprung dem Herzog Georg dem Bärtigen verdankt, der 1524 den Buchdrucker Wolfg. Stöckel aus Leipzig nach Dresden berief, um reformatorische Schriften zu drucken. Stöckels Geschäft kam 1590 an die Familie Bergen, in welcher es blieb, bis Meinhold es 1778 übernahm und bald zu einer grösseren Blüte brachte. Er druckte die sächsischen und polnischen Kassenbillets und Staatspapiere und machte auch glückliche Verlagsspekulationen. Im Jahre 1816 übergab er die Geschäftsleitung seinen C. I. Meinhold * 1784. † 1861.Söhnen, von welchen Christian Immanuel Meinhold es nach dem Tode des Vaters allein übernahm. Zu der Buchdruckerei fügte er Schrift- und Stereotypengiesserei. Seine Söhne Julius und Theodor wurden 1855 Teilnehmer und von 1875 führte Julius das Geschäft allein fort und feierte am 28. Januar 1878 das hundertjährige Jubiläum der Firma.
Andere Offizinen.
Zu erwähnen sind noch namentlich B. G. Teubners Filiale des Leipziger Geschäfts (6 Schp.), E. Blochmann & Sohn (2 Rotm., 5 Schp.), der von Leipzig übersiedelte W. Baensch (8 Schp.), R. H. Dietrich (8 Schp.), Gleissner (Rotm. und 7 Schp.), C. Heinrich (12 Schp.), H. G. Münchmeyer (9 Schp.), Liepsch & Reichhardt (Rotm., 4 Schp.), J. Pässler (7 Schp.), Ad. Wolf (7 Schp.). Von den lithographischen Anstalten waren früher besonders angesehen: H. Hanfstängl und Fürstenau, ersterer auf Grund seines Galeriewerkes, letzterer wegen seiner brillanten Accidenzarbeiten; jetzt sind die grössten Institute W. Brückner & Co. (8 Schp., 6 Hdp.), R. Bürger (6 Schp., 5 Hdp.), R. Friedländer (7 Schp., 7 Hdp.). Als Lichtdrucker haben Römmler & Jonas (7 Schp.) bereits lange einen Namen. W. Hoffmann arbeitet mit 8 Lichtdruckschnellpressen. Als Verlagsort hat Dresden Bedeutung durch seine Kunstverleger, als: E. Arnold, A. Gutbier, Hanfstängl, F. & O. Brockmann Nachfolger, G. Gilbers, H. Krone u. a.
In der Fabrikstadt Chemnitz beschäftigen sich die Buchdruckereien wesentlich nur mit Zeitungs- und Accidenzdruck. Einen ungewöhnlichen Umfang erreichte das Geschäft von Pickenhahn & Sohn (1 Rotm., 20 Schp. und 150 Arb.). Unter den lithographischen Anstalten ist R. Oschatz (8 Schp., 16 Hdp.) die grösste. Bautzen hat eine sehr leistungsfähige Steindruckerei und Luxuspapierfabrik, Gebr. Weigang (23 Schp., 12 Hdp.); in dem Fabrikort Buchholz liefert G. Adler tüchtige Accidenzarbeiten für seine eigene bedeutende Cartonnagenfabrik. In Plauen wirkt ebenfalls für den Bedarf der Fabriken Mor. Wieprecht (6 Schp.), in Meissen C. E. Klinkicht & Sohn (4 Schp.).
Durch die Eisenbahnverbindung kann Altenburg fast als eine Vorstadt des typographischen Leipzig betrachtet werden. Wohlfeilere Lebensverhältnisse setzten in der tariflosen Zeit die dortigen Buchdrucker in den Stand, vorteilhaft mit den Leipzigern konkurrieren zu können. Diese Verhältnisse verstanden erst H. A. Pierer, welcher 1832 das von dem Vater Joh. Pierer erworbene Druckgeschäft übernommen hatte, und dann dessen Söhne Eugen und Alfred mit Geschick zu benutzen, so dass das gut und mit genügenden Mitteln geleitete Geschäft den Leipziger Druckereien öfters eine schwer zu bestehende Konkurrenz bereitete. Das in Pierers Verlag erschienene „Universal-Lexikon“ besass neben dem Brockhausschen Konversations-Lexikon ein grosses Ansehen, wenn auch die Verbreitung sich innerhalb mässiger Grenzen hielt[218].
Am 1. Januar 1872 ging die Druckerei in die Hände eines Leipziger Konsortiums über, unter Leitung des Mitbesitzers Steph. Geibel. Die Offizin wuchs rasch (19 Schp.) und hat sich namentlich einen Ruf durch ihre Accidenzarbeiten erworben (S. [292]).
Thüringen hat viele gut eingerichtete aber keine besonders hervorragenden Druckanstalten aufzuweisen. In Gera lieferte Issleib & Rietschels Hofbuchdruckerei (6 Schp.) Beachtenswertes, namentlich im chemigraphischen Landkartendruck. Hildburghausen hatte früher durch das Bibliographische Institut (S. [346]) Bedeutung; eine tüchtige Druckanstalt daselbst ist noch die von Gadow & Sohn (5 Schp.). Die Hofbuchdruckerei in Weimar datiert aus dem Jahre 1624, als der an allen Kulturbestrebungen regen Anteil nehmende Herzog Friedrich Wilhelm von Sachsen in seinem Schloss eine Offizin errichten liess, in welcher er selbst und seine Gemahlin an dem Satz Lutherscher Werke arbeiteten. Die Hauptstücke der christlichen Lehre fasste er als Enchiridion für den Unterricht seiner beiden Töchter zusammen.
Nach manchen Wandlungen durch zwei Jahrhunderte kam die Offizin in den Besitz Hermann Böhlhaus[219], in welchem sie sowohl durch Arbeiten für den eigenen Verlag, wie für fremde Rechnung einen raschen Aufschwung genommen hat.
Eine rastlose Thätigkeit entwickelte die Weimarer Druck- und Verlagsfirma B. F. Voigt. Verfolgt sie auch keine idealen Zwecke, so hat sie doch durch ihren grossen technischen Verlag (gegen 1500 Artikel und 20 Zeitschriften), namentlich durch ihren „Schauplatz der Künste und Handwerke“ in etwa 300 Werken, von welchen mehr als die Hälfte neue Auflagen (öfters sechs bis acht) erlebten, vieles zur Verallgemeinerung technischer Kenntnisse beigetragen. Die Natur des Verlages lässt keine Prachtwerke zu, doch sorgt die Firma für gute Ausführung der Werke sowohl als der vielen lithographischen Beilagen.
Justus Perthes * Septbr. 1785. † 1. Mai 1816.
In Gotha gehört die Engelhard-Rheyersche Hofbuchdruckerei zu den besten Anstalten Deutschlands. Der Besitzer Fr. Engelhard hat sich ausserdem um die Organisation der Krankenkassen der Gehülfen sehr verdient gemacht. Einen Weltruf hat das geographische Institut von Justus Perthes erlangt. Der Gründer war Joh. Georg Justus Perthes aus Rudolstadt; die ausschliesslich geographische Richtung erhielt das Geschäft erst durch den Sohn Wilh. Perthes, der auch den Gothaischen Hofkalender und den Almanach de Gotha erwarb. Stielers Handatlas eröffnete die Reihe des bedeutenden kartographischen Verlags, bei welchem H. Berghaus, Bernh. Perthes * 27. Okt. 1857.v. Stülpnagel, v. Spruner u. a. mitwirkten. Die grösste Blüte erlangte die Anstalt unter der Direktion des Bernhard Perthes, die noch während der Lebenszeit des Vaters begann, leider aber bereits vier Jahre nach des letzteren Tod ihre Endschaft erreichte.
Aug. Petermann „Mitteilungen“.
Unter der wissenschaftlichen Leitung des Dr. August Petermann bildete sich das Geschäft, unterstützt durch die seit 1855 monatlich erscheinenden „Mitteilungen aus Justus Perthes' geographischer Anstalt“, zu einem Mittel- und Einigungspunkte der Bestrebungen für die gesamte Erdkunde aus.
Perthes' Absichten in technischer Beziehung gingen nicht darauf, alle graphischen Künste in ein äusserlich grosses Etablissement zu vereinigen, sondern er verteilte die Arbeiten auf etwa dreissig selbständige Unternehmer, welche nahe an 400 Arbeitern den Unterhalt brachten.
In Erfurt geben die vielen Gärtnereien und die Eisenbahndirektion zu einem lebhaften Accidenzgeschäft Veranlassung. Die bedeutenderen Offizinen sind die von Ohlenroth (6 Schp.), Fr. Bartholomäus und G. A. König. H. C. Bestehorn in Aschersleben beschäftigt 8 Schnellpressen und viele Arbeiter mit Luxuspapierfabrikation. Th. Müller in Nordhausen liefert mit 8 Schnellpressen Etiquetten, Geschäftspapiere u. dgl.
Die Cansteinsche Bibelanstalt.
In Halle befindet sich die altehrwürdige Waisenhausbuchhandlung und Buchdruckerei nebst der damit verbundenen v. Cansteinschen Bibelanstalt. Die erstere wurde 1697 durch den Pfarrer Heinr. Jul. Elers als Teil der Franckeschen philanthropischen Stiftungen begründet[220]. Für eine Buchdruckerei wurde wenige Jahre nachher ein Privilegium erteilt. Die Cansteinsche Bibelanstalt ist durch die Anstrengungen des Barons Carl Hildebrandt von Canstein durch gesammelte Beiträge gegründet. Bereits 1712 konnte das Neue Testament, 1713 die ganze Bibel gedruckt werden. v. Canstein starb am 19. Juli 1719, worauf Francke die Anstalt übernahm, die im Jahre 1713 ebenfalls eine eigene Buchdruckerei erhielt.
Eine neue Epoche für dieselbe begann mit der Gründung der Britischen Bibelanstalt 1804 (S. [99]) und der deutschen Hauptbibelgesellschaft. Im Jahre 1830 konnte die erste Schnellpresse aufgestellt und 1839 eine Stereotypie eingerichtet werden. Die Zahl der von 1712–1872 gedruckten Bibeln und Neuen Testamente betrug nahe an sechs Millionen. Seit dem Jahre 1860 sind die beiden Druckereien der Franckeschen Stiftungen im Betrieb vereinigt (12 Schp.) unter der sicheren Leitung des tüchtigen Buchdruckers C. Bobard. Einen besonderen Aufschwung nahm die Buchhandlung O. Bertram † 10. April 1876.seit 1858 unter der umsichtigen Direktion von Osw. Bertram, der sich auch um den Deutschen Buchdrucker-Verein sehr verdient gemacht hat. Sein Nachfolger ist der durch seine höchst verdienstlichen bibliopolischen Schriften bekannte Aug. Schürmann[221].
Carl August Schwetschke * 29. Sept. 1756.
Ein angesehenes Geschäft ist das Gebauer-Schwetschkesche. Carl August Schwetschke aus Glauchau kam 1783 als Faktor in die Buchhandlung der Witwe Hemmerde, welche ihn 1788 als Mitbesitzer aufnahm. Die Firma wurde nun Hemmerde & Schwetschke und, als des letzteren Sohn Carl Ferdinand im Jahre 1828 eintrat, Dr. Carl Gust. Schwetschke * 5. April 1805, † 5. Okt. 1881.Schwetschke & Sohn. Im Jahre 1820 war ihm die Gebauersche Buchhandlung und Buchdruckerei zugefallen, die er als besonderes Geschäft seit 1828 mit seinem jüngeren Sohne Dr. Carl Gustav Schwetschke fortführte.
Bereits am 30. September 1878 konnte die Familie eine dreifache Jubelfeier begehen, die des hundertjährigen Bestehens des Geschäfts, die fünfzigjährige der geschäftlichen Wirksamkeit Dr. Gustavs und die fünfundzwanzigjährige derjenigen seines Sohnes Carl Ferdinand. Zu den bedeutenden Unternehmungen der Firma gehören: Suidae Lexicon graece et latine und Freytagii Lexicon arabico latinum. Dr. G. Schwetschke erwarb sich einen bekannten und beliebten Namen durch seine litterarischen Arbeiten[222].
Die frühere Bedeutung Magdeburgs als Druckplatz ging bald verloren. Erst durch Ed. Hänel (S. [281]), dessen Etablissement noch heute besteht, gewann es wieder einen Namen. Zu nennen sind besonders das Etablissement von E. Baensch jun. (10 Schp.) und die Druckerei der Brüder Alexander und Robert Faber, welche die in ihrem Verlage erscheinende „Magdeburgische Zeitung“, die eine einflussreiche Stellung und eine grosse Verbreitung erreicht hat, mit 3 Rotationsmaschinen und 5 Schnellpressen druckt.
Fr. Vieweg † 25. Dez. 1835.
Ed. Vieweg * 15. Juli 1797, † 1. Dez. 1869.
Braunschweig hat, obwohl nicht durch besondere örtliche Verhältnisse begünstigt, eine ziemlich bedeutende Rolle in der deutschen Typographie gespielt. Hier wirkte die Firma Vieweg & Sohn, welche durch ihr Beispiel grossen Einfluss auf die Fortschritte in der deutschen Bücherausstattung geübt hat. Der Begründer des Geschäfts war Fr. Vieweg (1799), den Höhepunkt erreichte dasselbe nach dem Beitritt des Sohnes Hans Heinrich Eduard Vieweg im Jahre 1825. Er war zu Berlin geboren und hatte sich für seinen Beruf in Frankreich ausgebildet. In Paris schloss er eine für das Leben dauernde Freundschaft mit dem berühmten Chemiker Justus v. Liebig, die für Viewegs geschäftliche Wirksamkeit von grösstem Einfluss wurde. Aus England brachte er die erste Columbiapresse nach Deutschland und unternahm es, auf der Zorger Eisenhütte im Harz dergleichen Pressen bauen zu lassen (S. [316]).
Einfluss Viewegs.
Vieweg wurde ein Bahnbrecher für den guten typographischen Geschmack. Durch die Verwendung des instruktiven Holzschnittes in einem Maasse, wie früher nicht gekannt war, hat er ganz ausserordentlich zu der wahren Popularisierung der Wissenschaft, welche nicht mit dem oberflächlichen Naschen durch Hülfe zusammengeschriebener, sogenannter populärer Litteratur verwechselt werden darf, beigetragen. Seine Druckwerke, zu denen die eigenen Werkstätten die Schriften, die Holzschnitte und das Papier lieferten, waren ein Spiegelbild seiner eigenen Persönlichkeit. Alles durch und durch gentlemanlike: gediegenes Innere in einfach nobler Hülle. Das ganze Viewegsche Institut erinnert an die besten Werkstätten der früheren Blütezeit der Typographie mit ihren begeisterten, nach einem festen Ziele strebenden Leitern. Für das allgemeine Interesse des Buchgewerbes trat Vieweg stets mit Energie ein. Er unterlag in seinem 73. Jahre langen und schweren Leiden. Das Geschäft blüht fort und beschäftigt 14 Schnellpressen und 10 Handpressen.
G. Westermann * 23. Febr. 1810, † 7. Sept. 1869.
In ähnlicher Weise wie Vieweg wirkte George Westermann, welcher mit seiner 1838 gegründeten Buchhandlung 1845 eine Buchdruckerei vereinigte. Beide Geschäftszweige gelangten zur vollen Blüte und die Westermannschen Leistungen sind ebenso vorzüglich wie seine Offizin (15 Schp.) eine schön eingerichtete ist. Unter seinen Verlagsunternehmungen sind am bekanntesten seine nach amerikanischem Muster angelegten illustrierten „Westermanns Monatshefte“ (seit 1856). Durch E. Gäbler errichtete er in Leipzig eine chemitypische Anstalt, in welcher er seine äusserst billigen Kartenwerke herstellte. Von Langes Schulatlas ist bereits mehr als eine Million Exemplare verbreitet.
Unter den Druckanstalten Braunschweigs nimmt auch die von Julius Krampe (1 Rotm., 8 Schp.) einen angesehenen Platz ein. Die lithographische Anstalt der Firma H. Litolff (8 Schp., 5 Hdp.) druckt den bedeutenden Musikalien-Verlag der Firma.
Dr. H. Meyer.
An Braunschweig und die Firma Joh. Heinr. Meyer knüpft sich noch die Erinnerung an einen Mann, der von den deutschen Typographen stets hoch in Ehren gehalten zu werden verdient. Wie Vieweg auf dem praktischen Wege bahnbrechend wirkte, so Dr. Heinrich Meyer auf dem theoretischen durch sein „Journal für Buchdruckerkunst“. Dasselbe wurde 1834 begründet, zu einer Zeit des regsten Schaffens auf allen graphischen Gebieten. Kaum eine Woche verging, welche nicht eine Verbesserung, eine neue Schrift, eine neue Maschine u. dgl. brachte. Das Verdienst, alle diese Neuheiten nicht nur gewissenhaft registriert, beschrieben und abgebildet, sondern auch ihrem wahren Werte nach unparteiisch und nüchtern beurteilt zu haben, gehört Meyer. Fast immer war sein Urteil zutreffend und die Zukunft lehrte gewöhnlich, wie recht er gehabt hatte. In seiner Selbstlosigkeit war ihm die Sache alles; nie liess er sich von persönlichen Sympathien bestechen oder von Antipathien zu Ungerechtigkeiten hinreissen; sein Blatt blieb frei von allem Koteriewesen. In seinem Urteil war er mild, konnte jedoch auch, wenn es sein musste, gegen anmassende Dummheit derb, jedoch nie gehässig werden.
Dr. Meyer starb am 4. November 1863, schwerlich Feinde hinterlassend, wohl aber viele Freunde, die seinen Hingang als einen schweren Verlust für die deutsche Typographie betrauerten.
Nach seinem Tode litt das Blatt unter einem langen Schwanken in den redaktionellen Verhältnissen, bis im Herbst 1872 Theodor Goebel, an Kenntnissen und Sammelfleiss Meyer ebenbürtig, die Redaktion antrat und bis zum Herbst 1879 fortführte. Namentlich seine vielen ausführlichen und sachkundigen Ausstellungsberichte bieten wichtige Beiträge zur Kunde der Fortschritte auf allen graphischen Gebieten. Nach Goebels Rücktritt folgte wieder eine Periode der Unsicherheit, bis das Blatt im Herbst 1881 in den Verlag und in die Redaktion von Ferd. Schlotke in Hamburg überging.
Das „Journal für Buchdruckerkunst“ wird bald sein fünfzigjähriges Bestehen feiern können. Es bleibt die wichtigste Quelle für die Geschichte der typographischen Entwickelung in dem letzten halben Säkulum, in dessen Gewirr es einer späteren Generation schwer werden würde, sich ohne seine Hülfe zurechtzufinden.
Fußnoten:
[205] K. G. Hausius, Biographie J. G. I. Breitkopfs. Leipzig 1794. — Dr. O. Hase, Breitkopf & Härtel, 1883.
[206] Fr. Chrysander, Abriss einer Geschichte des Musikdruckes von XV. bis zum XIX. Jahrhundert. In der Allg. Musik. Ztg., 1879, No. 11 u. ff. — Ant. Schmid, Ottaviano dei Petrucci da Fossombrone. Wien, 1845.
[207] Über diesen sowie über die sonstigen Musikdrucke Breitkopfs vergl. Lorck, „Der Buchhandel und die graphischen Künste auf der Kunstgewerbe-Ausstellung zu Leipzig 1879“. Sep. Abdr. aus dem Börsenbl. f. d. d. B.
[208] Chr. G. Lorenz, Zur Erinnerung an G. J. Göschen. 4. Grimma 1861.
[209] Herm. Francke, Das Konversations-Lexikon und seine Gründer. Börsenbl. f. d. d. B. 1873. No. 23.
[210] H. E. Brockhaus, Friedrich Arnold Brockhaus. Leipzig 1872. II. B. VI. K.
[211] Sein Enkel Dr. Ed. Brockhaus setzte ihm in dem Werke „Friedrich Arnold Brockhaus, sein Leben und Wirken“. 3 Bde. Leipzig 1872–1881 ein würdiges Denkmal. Neben der interessanten und lehrreichen Darstellung hat das Buch das, bei einem so entstandenen Werke gewiss seltene Verdienst der grössten Offenheit und einer fast bis zum Äussersten gehenden Unparteilichkeit, die auch nicht den geringsten Versuch zulässt, die Schwächen und Fehler des bedeutenden Mannes zu bemänteln.
[212] Seine Erlebnisse auf einer grossen Reise in den Jahren 1867–1868 schilderte Brockhaus in der ihn charakterisierenden schlichten Weise in seinem „Reisetagebuch“. 2 Bde. 1873.
[213] Den Satz dieses Werkes von gegen 2200 Seiten in Quart übernahmen, nachdem verschiedenen Setzern die Geduld ausgegangen war, ohne vorher ein orientalisches Wort gesetzt zu haben, zwei Setzerlehrlinge F. Essigke und H. Kauxdorf, deren der Verfasser, ein gewiss seltener Fall, in der Vorrede in der ehrendsten Weise gedenkt.
[214] Als: Die Herstellung der Druckwerke. 4. Aufl. 1883. — Die graphischen Künste auf der Wiener Ausstellung 1873; amtlicher Bericht. — Die Druckkunst und der Buchhandel in Leipzig. 1879. — Geschichte des Vereins der Buchhändler in Leipzig; Jubelschrift. 1883.
[215] Das Etablissement, durch Pläne illustriert, ist im Journ. f. B. 1876, Nr. 27 ausführlich beschrieben.
[216] Darunter: Die Buchdruckerkunst in ihrem technischen und kaufmännischen Betriebe. 2 Bde. 4. 1874–1877. — Illustrierte Encyklopädie der graphischen Künste. 1880–1883.
[217] Früher hatte diese Firma eine 1811 eingerichtete, namentlich mit orientalischen Schriften gut ausgestattete Druckerei, die 1858 auf G. Kreysing überging.
[218] Über Pierers Verhältnis zu Brockhaus und dessen Konversations-Lexikon, sowie über das Entstehen des Universal-Lexikons enthält das bereits erwähnte Werk des Dr. Ed. Brockhaus sehr interessante Details.
[219] H. Böhlau, Zur Geschichte der Hofbuchdruckerei in Weimar. Einleitung zu seinem Verlagskatalog.
[220] Osw. Bertram, Geschichte der Cansteinschen Bibelanstalt in Halle. 1863. — Die Stiftungen A. H. Franckes. Halle 1863. — G. Kramer, A. H. Francke. Halle 1880. — Ann. d. Typ. 1873, Nr. 204 u. 205.
[221] Die Usancen des deutschen Buchhandels. 2. Aufl. Leipzig 1867. — Magazin für den deutschen Buchhandel 1874–1876 u. a.
[222] Vorakademische Buchdruckergeschichte von Halle. 1840. — Codex nundinarius Germaniae literatae bisecularis 1850. — In weiteren Kreisen fanden grossen Beifall seine prosaischen und poetischen Schriften in korrumpiertem Latein, darunter Novae epistolae obscurorum virorum.
XIII. KAPITEL.
DER NORDEN DER GERMANISCHEN GRUPPE.
Berlin: wachsende Bedeutung. Die Familie Decker, Unger Vater und Sohn, Gebr. Unger, Familie Spener, Reimer, Mittler u. a. Ed. Hänel-Gronau. Die Zeitungsdruckereien. Die Accidenzdruckereien. Die lithographischen und sonstigen Kunstanstalten. Breslau. Frankfurt a. O. Posen. Königsberg. Danzig. Stettin. Lübeck. Hamburg. Bremen. Hannover. Köln: Die Offizin der „Kölnischen Zeitung“.
Allmähliche Fortschritte.
BERLIN hatte, als die neue Periode der Buchdruckerkunst anfing, noch keine Bedeutung als Druckstadt; dieselbe zeigte sich erst nach und nach unter der Regierung des grossen Königs, hielt jedoch immer noch nicht Schritt mit der zunehmenden Bedeutung der Residenz eines mächtig emporblühenden Landes.
Die Hofbuchdrucker.
Im Jahre 1757 wurde Christ. Friedr. Henning zum zweiten deutschen Hofbuchdrucker ernannt mit der Aussicht, die Stelle des ersten, Chr. Alb. Gäberts, nach dessen Tode zu erhalten. Neben den „deutschen Hofbuchdruckern“ gab es auch „französische“. Den Titel eines solchen hatte bereits 1696 Robert Roger aus Amsterdam. In dem Jahre 1718 ging Rogers Offizin in die Hände J. G. Michaelis über. Er sowohl als Henning waren sehr tüchtige Buchdrucker, die einen wesentlichen Anteil an der Hebung des typographischen Geschmacks in Berlin hatten.
Die Familie Decker.
Die berühmtesten Hofbuchdrucker gehörten jedoch der Familie Decker an, der eine so glänzende Rolle zufiel, wie wenigen in Deutschland[223].
Die Familie stammt aus Eisfeld im Thüringschen. Der am 23. April 1596 geborne Georg Decker siedelte nach Basel über und Joh. Jac. I Decker * 1635.erwarb 1635 durch Heirat mit der Witwe des Buchdruckers Johann Schröter dessen Offizin, die er so rasch zur Blüte brachte, dass er bereits 1636 zum Universitätsbuchdrucker ernannt wurde. Sein Sohn und Nachfolger Johann Jacob i zog 1680 mit einem Teile der Druckerei nach Neu-Breisach, um Drucker des dortigen französischen Gerichtshofes zu werden.
Joh. Jac. II Decker * 1666, † 1726.
J. Heinr. I Decker * 18. März 1679, † 29. Dez. 1741.
Von dessen beiden Söhnen Johann Jacob ii und Heinrich i führte der erste, als der Vater nach Breisach übersiedelte, das Geschäft in Basel fort und behielt nach dessen Tode im Interesse der Familie die Leitung, erwarb jedoch ausserdem die dortige Ludinsche, früher Henric Petrische Offizin. Der Bruder Joh. Heinrich I gründete in Colmar, welches durch den Ryswicker Frieden 1697 französisch geworden war, eine Offizin, um Regierungsarbeiten zu drucken.
Joh. Heinr. II Decker.
Der kinderlose Joh. Jacob ii vermachte sein Geschäft dem Joh. Heinrich ii, Sohn des Heinrich I, welcher ausserdem mit Erfolg das Colmarer Geschäft fortsetzte. Leider wurde er durch einen Verwandten zur Gründung einer Papierfabrik veranlasst, welche ihn in Verlegenheiten und Verdriesslichkeiten verwickelte, die ihn so erschütterten, dass er in einen Zustand von Geistesschwäche verfiel, unter welchem das Geschäft fast zugrundeging.
G. Jac. I Decker * 12. Febr. 1732, † 17. Nov. 1799.
Johann Heinrich II hatte zwölf Kinder, unter diesen Georg Jacob i. Derselbe lernte die Buchdruckerei, studierte dann in Strassburg, wo er im Hause seines Oheims, des bekannten Geschichtschreibers der Typographie, Joh. Schöpflin, gute Aufnahme und Nahrung für seine Liebe zur Typographie fand. Im Jahre 1750 ging Georg Jacob auf Reisen und kam, nachdem er vergeblich Aufnahme in der Breitkopfschen Offizin in Leipzig gesucht hatte, nach Berlin, wo er sechs Monate in der Henningschen Druckerei arbeitete.
Joh. Grynäus.
Ein französischer Emigrant Arnold Dussarrat hatte 1713 Konzession für eine französische Buchdruckerei erhalten, welche sich 1721 in den Händen des Johann Grynäus aus Basel befand. Letzterer kam, obwohl ein tüchtiger Mann, nicht vorwärts, und die Druckerei befand sich bei seinem Tode 1740 in misslicher Lage. Als Helfer trat nun Georg Jacob heran, der mit der Tochter des Grynäus, Louise Dorothea, einen Bund des Herzens geschlossen hatte. Nachdem er erst Ordnung in die verwickelten Angelegenheiten des väterlichen Geschäfts in Basel gebracht hatte, infolge welcher das Colmarer Haus auf den Bruder Johann Heinrich III überging, dessen Nachkommen noch in Besitz des dortigen angesehenen Geschäfts sind, übernahm Georg Jacob die alleinige Leitung der Grynäusschen Offizin und wurde 1756 Mitbesitzer, wodurch sich die Firma in Grynäus & Decker änderte.
Grynäus & Decker.
Der nun folgende rasche Aufschwung konnte nicht einmal durch den siebenjährigen Krieg gehemmt werden, da die grosse Zahl von Flugschriften und Neuigkeitsblättern eine lebendige geschäftliche Bewegung veranlasste. Nach dem Einzug der Russen in Berlin hielt der verschiedentlich kompromittierte Decker es jedoch für geraten, zeitweilig die Stadt zu verlassen.
Im Jahre 1763 wurde er alleiniger Inhaber des Geschäfts und von nun war sein Glück in stetem Wachsen. Er erhielt das Direktoriat der für das Lotto errichteten königlichen Druckerei mit einem Gehalt von 300 Thalern und nach erfolgtem günstigen Urteil der Akademie der Wissenschaften den Titel eines Hofbuchdruckers mit der Anwartschaft auf die klingenden Vorteile eines solchen. Die Versuche Deckers, diese Stellung sich erblich zu sichern, strandeten damals, ohne dass er deshalb den Gedanken daran aufgab.
Schriftgiesserei in Berlin.
Mit der Schriftgiesserei in Preussen war es noch schlecht bestellt. Seit Thurneyssers Anlauf (I, S. 152) war Berlin bis 1743 ohne Schriftgiesserei, und spätere Versuche waren nicht günstig abgelaufen. Das war für Decker ein günstiger Moment. Er kaufte die besten Baskervilleschen und Fournierschen Matern und liess einen gut geschulten Faktor kommen, versprach auf seine Kosten eine tüchtige Schriftgiesserei einzurichten und „alle französischen Bücher von Wert nachzudrucken, wodurch viel Geld dem Lande erhalten werden würde“. Dies schlug bei dem König, dem der Decker erblicher Hofbuchdrucker.nervus rerum stets wichtig war, durch, und am 4. Januar 1769 erhielt Decker die erbliche Würde eines Hofbuchdruckers, ausserdem ein Privilegium für die nachzudruckenden Bücher. Der König blieb Decker stets gewogen und gehörte als Schriftsteller zu dessen Kunden; eine solche war auch die Königin Elisabeth Christine, die sich mit der Herausgabe frommer Bücher beschäftigte.
Aufblühen des Verlagsgeschäfts.
Das frischere geistige Leben, welches seit dem Hubertusburger Frieden 1763 in Berlin pulsierte, unterliess nicht, seinen Einfluss auf das Deckersche Geschäft zu üben. Georg Jacob trat in Verbindung mit den vielen schriftstellerischen Berühmtheiten und fing nun 1769 selbst an zu verlegen, und zwar mit einem solchen Eifer, dass die Zahl seiner Verlagsartikel bald an 400 betrug. Damals begann auch allgemein eine bessere Ausstattung der Bücher; selten erschien ein solches ohne Zuthat bildlichen Schmuckes namentlich unter der Mitwirkung Chodowieckis. Die Druckerei war hierdurch und durch fremde Arbeiten so stark beschäftigt, dass Decker viele Aufträge auswärts ausführen lassen musste. Als Verleger ging er jährlich zweimal zur Messe nach Leipzig, wo er in freundschaftlichem, zugleich geschäftlichem Verkehr mit Bernhard Breitkopf, später mit dessen Sohn Immanuel, stand. Das Baseler Geschäft wurde von ihm und dem Bruder in Colmar der Direktion eines Geschäftsführers überlassen.
Gunst Friedrich Wilhelms II.
Nach dem Tode Friedrichs II. 1786 bestätigte der König Friedrich Wilhelm II. nicht allein die Privilegien Deckers, sondern er hatte ausserdem Decker und der Vossschen Buchhandlung das Recht gewährt, französische und ins Deutsche übersetzte Werke Friedrich des Grossen zu drucken unter der Bedingung, dass sie in einer besonderen, im königlichen Schlosse zu Potsdam dazu angewiesenen Lokalität hergestellt wurden. Decker stellte schleunigst zehn und dann noch weitere zehn Pressen auf und schon im Frühjahr 1789 waren die 25 Bände der Werke gedruckt. Der König war mit der raschen Ausführung so zufrieden, dass er Decker, als besonderen Beweis seiner Gnade, für sich und seine Erben für alle Zeiten zum Geheimen Ober-Hofbuchdrucker ernannte. Die Ausgabe genügte jedoch nicht in derselben Weise den Anforderungen der Kritik. Die Redaktion war eine des grossen Autors ganz unwürdige. Hierdurch und auf Grund von Nachdrucken wurde das Unternehmen für die Verleger ein verfehltes.
Letzte Jahre G. Jacobs I.
Das Ziel von Deckers Ehrgeiz war erreicht. Das Glück hatte ihn im Geschäft und in der Familie begünstigt. Vier Töchter verheirateten sich mit Männern von Fach, den Brüdern Christ. Spener und Joh. Carl Spener, dem Buchhändler H. A. Rottmann und dem berühmten Schriftgiesser Wilh. Haas d. ä. in Basel. Der Mann der fünften Tochter, Ph. Rosenstiel, war zwar Oberfinanzrat, spielte jedoch auch in der geschäftlichen Geschichte der Familie eine Rolle.
Beim Eintritt in sein 60. Jahr am 25. Juni 1792 überliess Georg Jacob I seinem Sohne Georg Jacob ii sein Geschäft käuflich und führte im Kreise der Seinigen sowie von Künstlern und Männern der Wissenschaft ein, wennauch mit körperlichen Leiden verbundenes so doch heiteres Leben, bis der Tod den Achtundsechzigjährigen am 17. November 1799 abrief.
Georg Jacob II * 9. Novbr. 1765, † 26. Aug. 1819.
Der Sohn Georg Jacob II hatte die Buchdruckerei im väterlichen Hause und bei H. G. Effenbart in Stettin, den Buchhandel bei Treuttel & Würtz in Strassburg gelernt und sich auf längeren Reisen weiter ausgebildet. Teilhaber des Geschäfts war er bereits 1788 geworden.
Zensurschwierigkeiten.
Ihm sollte das Leben nicht ohne schwere Sorgen und harte Prüfungen verlaufen. Ein Hemmnis für die Verlagsthätigkeit Deckers wie für den ganzen Buchhandel wurden die schon im Jahre seines Eintritts in das Geschäft 1788 erfolgenden Edikte des Ministers Wöllner, die besonders empfindlich die Zeitungen trafen, von welchen eine nach der andern einging. Die Verlagshandlung wurde von der Druckerei getrennt und in die Hände Rottmanns, unter dessen Firma, gelegt, dafür wurde aller Fleiss und jede Mühe auf die Verbesserung der Buchdruckerei und der Schriftgiesserei seitens Georg Jacob d. j. verwendet. Er schaffte Matern von Bodoni, W. Haas und Didot an, sowie das beste Material für die Typen und die Farbe.
Das Posener Geschäft.
Die Regierung wünschte in dem durch die zweite Teilung Polens ihm zugefallenen Posen die Anlage einer Druckerei. Decker kam den vertraulichen Aufforderungen nach. Das Unternehmen machte ihm jedoch viele Sorgen und ging 1819 in die Hände des Schwagers Deckers, Rosenstiel, für dessen Sohn über.
Kalamitäten des Baseler Geschäfts.
Noch grössere Sorgen sollte ihm das Baseler Geschäft bereiten. In dieses hatte er einen sehr talentvollen, jedoch extravaganten Mann, Maximilian Schoell, erst als Disponent, dann als Teilhaber aufgenommen, der, nicht zufrieden mit der buchhändlerischen Wirksamkeit, Decker in Banquierunternehmungen verwickelte und ihn in ein seine Existenz bedrohendes Meer von Sorgen stürzte, so dass dieser noch froh sein musste, das Baseler Geschäft mit einem Verlust von 180000 Livres an den dortigen Buchdrucker und Verleger Thurneisen übergeben zu können.
Die Notjahre Preussens.
Auch in Berlin sollten schwere Schläge nicht ausbleiben. Die fortwährende Ausdehnung des dortigen Geschäfts hatte den Erwerb eines schönen Grundstückes in der Wilhelmstrasse veranlasst. Die Notjahre Preussens konnten jedoch nicht spurlos an Decker vorübergehen. Keine Schwierigkeiten vermochten indessen seine Energie und Anstrengungen für die technischen Fortschritte in der Druckerei zu schwächen. So war er der erste in Berlin, der die grossen Erfindungen der Neuzeit, die Lithographie, die eiserne Presse, die Stereotypie einführte, mit seinem Schwager Spener der erste in Deutschland, der eine Schnellpresse erwarb. Die Freude, letztere in Gang zu sehen, als Lohn für seine dabei bewiesene Opferwilligkeit, war ihm nicht beschieden.
Tod G. Jacob II Deckers.
So überstand Decker rüstig und mutvoll kämpfend die schweren Jahre, obwohl er während der französischen Okkupation an 80000 Thaler Lasten und Verluste zu tragen hatte. Vom Jahre 1813 aber trat wieder eine so starke Beschäftigung ein, dass er sich für die gehabte Not reichlich entschädigt sah. Nach langen Leiden entschlief er am 26. August 1819.
Über acht Jahre lang wurde das Geschäft unter Vormundschaft vortrefflich weiter geleitet, bis am 31. Januar 1828 der jüngste Sohn Rudolf Ludwig nach erreichter Volljährigkeit mit dem älteren Bruder Carl Gustav (der älteste der Brüder war bereits gestorben) das Geschäft übernahm, welches nach dem bereits 1829 erfolgenden Tode Carl Gustavs dem Rudolf allein zufiel.
Rudolf Decker * 8. Jan. 1804, † 12. Jan. 1877.
Rudolf Decker war durch eine vorzügliche technische und wissenschaftliche Ausbildung auf das beste für seinen Beruf vorbereitet und widmete sich mit vollem Eifer demselben. Durch ihn erreichte der Ruf des Hauses seinen Höhepunkt.
Seine Aufmerksamkeit war namentlich der Schriftgiesserei gewidmet, in welcher er sich sowohl im väterlichen Hause, wie in der Schriftgiesserei Molé in Paris tüchtige Kenntnisse erworben hatte. Mit besonderer Vorliebe pflegte er die Fraktur (S. [285]). Die Bestrebungen der Schriftgiesserei fanden Ausdruck in der grossen für die erste Londoner Ausstellung 1851 angefertigten und später vervollständigten Schriftprobe. Die Akademie der Wissenschaften in Berlin übertrug Decker den Schnitt ihrer koptischen, arabischen, Sanskrit- und anderen orientalischen Schriften, die in fast allen Universitätsbuchdruckereien eingeführt wurden. Für diese Arbeiten wirkten die Schriftschneider Beyerhauss, J. Schilling, Wotze, Schultz, Krumwiede u. a.
Prachtwerke.
Œuvres de Frédéric le Grand.
Die Druckerei blieb nicht zurück, und lieferte Werke, die für alle Zeiten ihren Rang behaupten werden. Anlässlich der Gutenbergfeier 1840 wurde das Prachtwerk „Zwanzig alte Lieder von den Nibelungen“ herausgegeben von Prof. Carl Lachmann mit eigens dazu in Annäherung an die gothische Schrift geschnittenen Typen gedruckt. Eine wahre Zierde der deutschen Druckkunst und Xylographie ist die Jubelausgabe der Œuvres de Frédéric le Grand, 30 Bände Quart, durch welche die redaktionellen Fehler der ersten Ausgabe in gelungenster Weise gutgemacht wurden. Die Redaktion leitete auf Veranlassung des Königs Friedrich Wilhelm IV. Professor Preuss. Das Werk, mit den trefflichsten Holzschnitten von Unzelmann und den Brüdern Vogel nach den genialen Zeichnungen Menzels geschmückt, wurde in 200 Exemplaren gedruckt, die nur zum Verschenken bestimmt waren. Nichts wurde an Arbeit, Material und Kosten verabsäumt, um ein wahres Meisterwerk zu schaffen, welches, 1844 begonnen, erst nach dem Tode des königlichen Förderers 1860 vollendet wurde[224].
Das Neue Testament.
Das Krönungswerk.
Ein Druckwerk ersten Ranges ist ebenfalls das nur in 80 Exemplaren für die Londoner Ausstellung ausgeführte „Neue Testament“ nach Luther in gr. Folio mit bildlichem Schmuck von Cornelius und Kaulbach. Als eine „grosse“ Leistung in den verschiedenen Bedeutungen des Wortes ist die Krönung I. M. des Königs Wilhelm und der Königin Augusta am 18. Oktober 1861 zu nennen. Das Buch hat eine Höhe von 74 cm und eine Breite von 53 cm; aufgeschlagen bedeckt es eine Tischfläche von 7844 □cm. Die 135 Blätter des Buches sind einzeln gedruckt und auf Falz geklebt. Typographisch konnte das Werk nicht besser ausgeführt sein, als geschehen. Die edle Einfachheit verdient volles Lob. Von den genealogischen Tafeln misst die eine in der Länge 416 cm. Kopf- und Schlussvignetten sind dem einfachen Stil des Werkes angepasst. Das Buch hat eine besonders interessante Geschichte. Zweimal wurde der Druck durch Kriege unterbrochen und als es im Sommer 1872 erschien, konnte der Bericht über die Krönung des preussischen Königs Wilhelm dem deutschen Kaiser Wilhelm dediziert werden.
Lieder des Mirza Schaffy.
Rudolf von Deckers — denn er war anlässlich des hundertjährigen Bestehens des Hauses in den Adelsstand erhoben — letzte typographische That war die Jubelausgabe der „Lieder des Mirza Schaffy“, ein Prachtwerk, in welchem die Leistungen der Typographie und der Chromolithographie sich den Rang streitig machen.
Doch nicht nur die Prachtwerke, sondern jede auch die gewöhnlichste Arbeit wurde mit der grössten Sorgfalt behandelt. So waren das Coursbuch und nicht minder die demselben beigegebene typographisch ausgeführte Eisenbahnkarte, eine Arbeit des späteren Frankfurter Buchdruckers A. Mahlau, ganz vorzügliche Leistungen. Zu dem umfangreichen Geschäft erwarb R. Decker im Jahre 1852 noch die Papierfabrik Eichberg in Schlesien.
Wennauch das Verhältnis zu der Regierung dem Deckerschen Geschäft ausserordentliche Vorteile brachte, so lässt es sich andererseits nicht in Abrede stellen, dass die Reihe der Besitzer ernstlich bemüht war, ihre Anstalt auf eine Stufe, die einer solchen bevorzugten Stellung entsprach, zu bringen und auf einer solchen zu erhalten[225].
J. G. Unger * 26. Okt. 1715, † 15. Aug. 1788.
J. F. Unger * 1753, † 26. Dezb. 1804.
Unter den älteren Buchdruckereien Berlins aus dieser Periode werden mit besonderer Achtung Unger Vater und Sohn genannt. Ersterer, Johann Georg Unger, bei Pirna geboren, kam 1740 als Drucker nach Berlin. Er etablierte sich hier als Formenschneider und starb als angesehener Künstler[226]. Der Sohn Johann Friedrich Unger erfreute sich ebenfalls eines guten Rufes als Formenschneider, erwarb 1780 eine Buchdruckerei und legte 1791 eine Schriftgiesserei an, namentlich um die Didotschen Schriften allgemein einzuführen, welche damals so sehr beliebt waren, dass die Fraktur Gefahr lief, von ihnen verdrängt zu werden (S. [283]). Später wendete sich jedoch Unger, wie früher Breitkopf, der Fraktur zu, suchte aber das Heil für diese auf einem Irrwege durch Annäherung ihrer Formen an die runde Antiqua. In dieser Weise schuf er die sogenannten Ungerschen Lettern und liess diese durch Joh. Chr. Gubitz, den er aus der Breitkopfschen Offizin in Leipzig engagiert hatte, schneiden, welche Schriften sich jedoch nicht einbürgern wollten[227]. Im Jahre 1800 wurde Unger zum Professor ernannt. Nach seinem Tode konnte die Witwe trotz all ihrer Tüchtigkeit und Arbeitsamkeit doch nicht das weitverzweigte Geschäft in dem bisherigen Schwung erhalten. Während der Drangsale der Kriegsjahre verfiel es nach und nach und gelangte 1821 zum grossen Teil in den Besitz von Trowitzsch & Sohn, die den grössten Kalenderverlag haben und mit der umfangreichen Buchdruckerei (9 Schp.) eine bedeutende Schriftgiesserei verbinden.
Gebr. Unger.
Mit der genannten Familie Unger stehen die Gründer der Firma Gebr. Unger in keiner verwandtschaftlichen Beziehung. Otto Ludwig Unger[228] und Jul. Ferd. Unger erwarben 1824 die von F. W. Maas gegründete Buchdruckerei. Der Sohn des Julius, Carl Joh. Friedr. Unger, ward 1856 Hofbuchdrucker. Die an orientalischen Schriften reiche Offizin lieferte viele vorzügliche Werkdrucke.
Die von Chr. S. Spener 1773 erworbene Buchdruckerei ging bei dessen Tod 1813 auf seinen Bruder J. K. Ph. Spener über, der mit derselben 1815 die, 1785 gegründete, vorzügliche Offizin von G. H. Wegner vereinigte. Wie erwähnt, führte er zugleich mit Decker die Schnellpresse in Berlin ein (S. [308]). 1826 gingen das Geschäft und die „Berlinischen Nachrichten von Staats- und gelehrten Sachen“ in den Besitz des Bibliothekars Dr. S. H. Spiker über.
G. A. Reimer * 27. Aug. 1776, † 26. April 1842.
G. A. Reimer aus Greifswalde war eine der Zierden des deutschen Buchhandels, ebenso bekannt durch seine patriotische Gesinnung als seine geschäftliche Tüchtigkeit. Im Jahre 1817 legte er eine Buchdruckerei für seinen eigenen Bedarf an. Zu seinem bedeutenden Verlag erwarb er noch die Weidmannsche Buchhandlung in Leipzig und gehörte somit sowohl Berlin als Leipzig C. Reimer † 29. Juli 1859.an. Der Weidmannsche Verlag ging 1830 auf den ältesten Sohn Carl Reimer über, der ihn, zuerst im Verein mit seinem Schwager Salomon Hirzel, dann allein fortsetzte. Im Jahre 1855 verlegte C. Reimer das Geschäft nach Berlin.
E. S. Mittler * 26. Jan. 1785.
E. S. Mittler aus Halle war einer der tüchtigsten und beliebtesten der deutschen Buchhändler. Im Jahre 1816 übernahm er, erst als Leiter, dann als Besitzer, die Buchdruckerei seines Schwiegervaters Wilhelm Dieterici und druckte seinen eigenen meist aus Militaria bestehenden Verlag. Im Jahre 1862 nahm er seinen Enkel Dr. Th. Töche als Teilnehmer auf, der nach Mittlers Tode das Geschäft mit aller Energie fortsetzt.
Die Druckerei der Akademie der Wissenschaften (jetzt unter Leitung von G. Vogt) ist an Umfang nicht bedeutend, jedoch reich an seltenen Schriften, mit welchen die Werke der Akademie gedruckt wurden, darunter Schotts chinesische Grammatik.
Ed. Hänel * 1804, † 16. Aug. 1856.
Auf die Verdienste Ed. Hänels ist bereits oben (S. [281]) hingewiesen. Er war in Magdeburg geboren, wo sein Vater C. J. Hänel königl. Hofbuchdrucker war, hatte sich in England tüchtig ausgebildet und ging später nach Paris und Belgien. 1835 druckte er die preussischen Kassenanweisungen, zu welchem Zweck er eine Zweiganstalt in Berlin etablierte. Nachdem das Magdeburger Geschäft durch Feuer verheert worden war, zog er ganz nach Berlin und überliess seinem Bruder Albert das Magdeburger Etablissement. Das Berliner Geschäft, welches er 1852 an Carl David verkauft hatte, kam nach einigen Wandlungen 1864 in die festen Hände Wilh. Gronaus, der es im Hänelschen Geiste fortführt und namentlich der Schriftgiesserei seine Thätigkeit zuwendet.
J. Sittenfeld * 1801.
Carl Schultze * 30. Juli 1821.
Im Jahre 1835 kaufte Jul. Sittenfeld eine kleine Buchdruckerei, die er schnell in die Höhe brachte. Die Offizin war im Hebräischen besonders leistungsfähig; unter anderen druckte er den Talmud in acht Foliobänden. Der jetzige Besitzer (Dr. O. Löwenstein) hat das Geschäft bedeutend erweitert (15 Schp., 200 Arb.). Die Buchdruckerei von C. F. Amelang ging durch Kauf auf Carl Schultze über. Er richtete dieselbe besonders auf den Druck schwieriger wissenschaftlicher, namentlich orientalischer Schriften ein.
Der Zeitungsdruck.
Ein sehr bedeutender Teil der Druckkräfte Berlins wird durch das Zeitungsgeschäft in Anspruch genommen, indessen haben die einzelnen Blätter nicht solchen Umfang und Verbreitung, dass man dort Zeitungsdruckereien wie in England und Amerika aufweisen könnte, selbst Blätter von dem Umfang und dem Einfluss wie die „Kölnische Zeitung“ und die „Neue Freie Presse“ besitzt Berlin nicht. Im allgemeinen lassen Druck, Papier und Korrektheit der Zeitungen viel zu wünschen übrig. Das verbreitetste Blatt war 1880 das „Berliner Tageblatt“ mit 70000 Abnehmern. Diesem kamen am nächsten „Berliner Zeitung“, „Volkszeitung“, „Vossische Zeitung“ mit zwischen 20–30000 Exemplaren; dann folgten „Staatsbürger-Zeitung“, „Berliner Börsenzeitung“, „National-Zeitung“ in 15–20000 Auflage. Von Rotationsmaschinen besitzt Berlin 19. Die Zahl der Journale beträgt etwa 478, darunter 43 amtliche, 66 politische. Der Zeitungsdebit durch die Post bezifferte sich 1880 auf etwa 80 Millionen Nummern.
Zu den bedeutendsten Zeitungsdruckereien gehört die von Lessing („Vossische Zeitung“) mit 2 Rotations-, 4 Doppelmaschinen, nebst 5 Stereotyp-Apparaten; Ed. Krause (15 Schp. „Nationalzeitung“, „Bank- und Handelszeitung“, „Kladderadatsch“, „Wolffs Depeschen“ u. a.); Norddeutsche Buchdruckerei und Verlags-Anstalt (12 Schp. „Norddeutsche Allgemeine Zeitung“, „Reichsanzeiger“ u. a.); R. Mosse (18 Schp. „Berliner Tageblatt“ etc.); Büxenstein (3 Rotm. und 21 Schp. „Börsen-Courier“, „Gerichtszeitung“, „Neue Volkszeitung“); Adam Wilh. Hayns Erben (9 Schp. „Berliner Intelligenzblatt“); die Buchdruckerei der „Berliner Börsenzeitung“ (10 Schp.).
Der Illustrationsdruck war bis jetzt nicht die starke Seite der Berliner Offizinen, doch dürfte bei dem Umstand, dass mehrere der grossen Berliner illustrierten Blätter in Leipzig gedruckt werden, neben dem guten Druck noch andere geschäftliche Verhältnisse mitreden. Die verbreitetsten sind: der von L. Schaefer gegründete „Bazar“, jetzt im Besitz einer Aktiengesellschaft; F. Lipperheides „Modenwelt“; „Das Berliner Modenblatt“, die „Illustrierte Frauenzeitung“. Von den politischen Witzblättern fand der „Kladderadatsch“ eine grosse Verbreitung.
Der Accidenzdruck.
Auch das Accidenzfach war bis vor nicht langer Zeit in Berlin etwas vernachlässigt und ausser Hänels Druckerei hatte keine einen besonderen Ruf auf Grund von Accidenzarbeiten. In jüngster Zeit ist dies vielfach anders geworden. Ein grosses Ansehen geniesst W. Büxenstein (S. [268]), dessen neu eingerichtete mit Lithographie verbundene Buchdruckerei vorzügliches im Accidenz- und Illustrationsdruck liefert. In letzterer Richtung erwarb sich W. Möser (13 Schp.) einen sehr guten Namen. Auch Gebr. Grunert lieferten höchst beachtenswertes im Accidenz- und Luxusdruck. Ein eigentümliches Accidenzgeschäft ist das der Gebr. Litfass, welches sich namentlich dem Plakatdruck widmet und das Monopol der Anschlagesäulen besitzt. Während der Kriegszeit 1870 befand sich das „Depeschenhaus“ im andauernden Belagerungszustand, denn von Litfass' Offizin aus gingen die lakonischen aber inhaltsschweren Telegramme „aus dem Hauptquartier“ in das Publikum.
Der Letteverein.
Wollten wir alle grösseren Druckereien Berlins nennen, würden wir Seiten damit füllen, hier sei nur noch erwähnt die Aktiengesellschaft Letteverein, welche unter der Direktion von C. Janke dessen frühere Offizin als Frauendruckerei seit 1875 im Gang erhält; sie beschäftigt 45 weibliche, 20 männliche Arbeiter und 7 Schnellpressen.
Zuletzt ist noch die im Range erste Druckerei Deutschlands zu erwähnen.
Die Preussische Staatsdruckerei und die Reichsdruckerei.
Seit dem 1. April 1879 ist das Reich im Besitz einer Reichsdruckerei, entstanden aus einer Verschmelzung der Deckerschen geheimen Oberhofbuchdruckerei mit der königlich preussischen Staatsdruckerei.
Kgl. Preuss. Staatsdruckerei.
Letztere, verhältnismässig junge Druckanstalt hatte sich einen sehr guten Ruf erworben. Früher wurden die preussischen Banknoten und Kassascheine, wie erwähnt, bei Ed. Hänel und auch in der Deckerschen Offizin ausgeführt. Eine Zentralisation der Regierungsarbeiten wurde jedoch als notwendig erachtet und durch Kabinettsordre vom 30. August 1851 die Königliche Staatsdruckerei für Anfertigung von Wertpapieren ins Leben gerufen. Nach Auflösung des Königlichen Lithographischen Instituts fiel der Staatsdruckerei auch die Herstellung der Generalstabskarten zu.
Reichsdruckerei.
Im Jahre 1877 am 1. Juli wurden die Deckerschen Grundstücke und die Oberhofbuchdruckerei für die Summe von 6780000 Mark vom Reich angekauft. Von dieser Summe kamen auf die letztere 1780000 Mark. 1879 am 1. April beschloss der Reichstag, die Königlich Preussische Staatsdruckerei für die Summe von 3573000 Mark für das Reich zu erwerben und mit der Deckerschen Offizin zu einer Reichsdruckerei zu vereinigen. Die Lokalitäten der Staatsdruckerei in der Oranienstrasse wurden in zweckmässiger, auch äusserlich imponierender Weise umgebaut und beide Druckereien im eigentlichen Sinne des Wortes verschmolzen, denn die ganzen Schriftenvorräte von 333000 Kilo wurden ins Zeug geworfen und umgegossen, weil die Systeme der beiden Offizinen nicht mit einander stimmten, zugleich wohl auch, weil vieles veraltet war. Auch neue Maschinen wurden angeschafft, so dass die Reichsdruckerei augenblicklich mit einem Werte von etwa sieben Millionen Mark angesetzt wird. Ob, wenn einmal das Reich eine eigene Druckerei haben musste, eine solche nicht von neuem viel zweckmässiger und viel billiger hätte hergestellt werden können, ist nunmehr allerdings eine müssige Frage. Jetzt bleibt mehr zu wünschen, als zu hoffen, dass diese Anstalt sich streng auf diejenigen Arbeiten beschränken werde, welche wirklich nur die Bedürfnisse der Reichsregierung befriedigen. Nach manchen Zeichen zu urteilen, beabsichtigt man jedoch, aus der Reichsdruckerei eine Art von Vorbild für die deutsche Typographie zu schaffen, wie es seinerzeit die Wiener Staatsdruckerei für Österreich war, wobei man jedoch vollständig vergisst, dass erstere seit lange mündig geworden. Selbst die Herstellung der schwierigsten orientalischen Werke, diese Ausstellungs-Paradepferde der Staatsanstalten, mit Ausnahme der vortrefflichen St. Petersburger Wertpapierdruckerei, hat sich in den Privatdruckereien Deutschlands in einer Weise ausgebildet, dass es nur als eine Schädigung der ohnehin durch die starke gegenseitige Konkurrenz bedrohten Privatinteressen betrachtet werden müsste, wenn der Staat ihnen Konkurrenz bereiten sollte.
Die Anstalt beschäftigt 700 Personen, besitzt 55 Schnellpressen, 18 Handpressen und über 200 Hülfsmaschinen. In runder Summe werden jährlich 100 Millionen Bogen gedruckt und über 800 Millionen Poststempel und andere Wertzeichen zu einer Gesamtsumme von etwa 123 Millionen Mark, ferner etwa 3½ Millionen Stück Reichsbanknoten, Kassenscheine und andere Papiere, die einen Wert von nahe an einer Milliarde für die Besitzer repräsentieren.
Das Budget von 1881–82 ergab eine Einnahme von 3240000 Mark, eine Ausgabe von 2221980 Mark, doch da hiervon über 700000 Mark Zinsen und Abschreibungen abgehen und die Stellung der Preise bei Mangel an Konkurrenz keine geschäftliche Bedeutung hat, so ist es schwer zu sagen, wie es mit der Rentabilität, wenn mit den Leistungen von Privatdruckereien verglichen, sich verhält.
Die Reichsanstalt ist unter der bisherigen vorzüglichen Leitung der Königlich Preussischen Staatsdruckerei geblieben, die Direktion hat somit Herr Geheimrat Busse, die technische Führung Herr E. Ringer. Die neuesten, künstlerisch wenig befriedigenden Produktionen, die Fünfzig-, Zwanzig- und Fünfmarkscheine, sind auf Papier gedruckt, in dessen Masse, nach dem in Amerika angewendeten Verfahren, farbige Fasern strichweise hineingearbeitet sind. Das Papier wurde unter Aufsicht von Beamten der Reichsdruckerei von Gebr. Ebart in Spechthausen bei Eberswalde angefertigt. Über die Untrüglichkeit des Systems wird gestritten.
Lithographie.
Berlin ist der Hauptsitz für den lithographischen Farbendruck geworden in seinen verschiedenen Zweigen, welche sowohl der Herstellung von Öldruckbildern als der Zeitschriften- und Bücher-Illustrationen, sowie den vielen Bedürfnissen des Papeteriegeschäfts dienen. Die eigentliche Bedeutung erhielt der lithographische Farbendruck durch die Bemühungen Schinkels und Beuths, unterstützt durch das Wohlwollen, welches der nachmalige König Friedrich Wilhelm IV. schon als Kronprinz dem neuen Kunstzweig entgegentrug. Den Wert desselben bezeugte in glänzender Weise das grosse Werk Prof. Zahns über pompejanische Altertümer.
Kunstanstalten.
Guten Ruf erlangte die Anstalt J. Winckelmanns, der zuerst 1816 in Verbindung mit Heinr. Arnz das bekannte Institut Arnz & Co. in Düsseldorf begründet hatte. Die Leitung desselben lag eine zeitlang in den Händen von J. Storch, der später sich mit C. Kramer verband und tüchtiges im Landschaftsfache lieferte. Ganz vortrefflich sind Storch & Kramers für die Arundel-Society in London ausgeführte Reproduktionen der Freskogemälde altitalienischer Maler (S. [103]). Als Meister im architektonischen und landschaftlichen Aquarelldruck zeichneten sich Loeillot Und R. Steinbock aus, bekannt sind unter anderen Hildebrandts „Reise um die Welt“ und Köhlers polychrome Meisterwerke. Mit dem eigentlichen Ölbilderdruck beschäftigten sich mit mehr oder weniger Glück eine nicht kleine Anzahl von Firmen und es bleibt nur zu bedauern, dass neben dem Guten so vieles Geschmacklose, zumteil elendes Machwerk hervorgebracht wurde, welches eine Kunst für den Augenblick in Misskredit gebracht hat, die ein besseres Schicksal verdient hatte, und nun neue Wege suchen muss, um sich die verscherzte Gunst wieder zu erwerben. Unter den Firmen, die ausser den erwähnten tüchtiges leisteten, sind zu nennen Carl Gerold, Otto Troitzsch, Böhme & Fränkel.
Einen bedeutenden Einfluss auf die Verwendung des Farbendruckes übten die Gropiussche Buchhandlung (später Ernst & Korn) durch ihre grossartigen architektonischen Unternehmungen, Rud. Wagner durch die erwähnte Hildebrandts „Reise um die Welt“ und ähnliche Aquarell-Albums, Alex. Duncker durch eine Reihe von Prachtwerken aus.
In neuerer Zeit hat die Verwendung der Chromolithographie zu gewerblichen Zwecken eine enorme Ausdehnung gewonnen. Die Anführung einiger der bedeutendsten Firmen wird einen Begriff von dem Umfang solcher Etablissements geben.
W. Hagelberg beschäftigt 38 Schnellpressen, 29 Handpressen, 94 Hülfsmaschinen und 700 Arbeiter; Carl Hellriegel 9 Schnellpressen, 42 Handpressen, 450 Arbeiter; Schäfer & Scheibe, deren hauptsächlichste Produktion in Neujahrs- und Gratulationskarten besteht, 9 Schnellpressen, 50 Handpressen, 350 Arbeiter; A. Kaufmann & Co. 23 Schnellpressen, 16 Handpressen und 250 Arbeiter. Umfangreich sind ferner Albrecht & Meister, die Berliner Luxus-Papierfabrik, Kutzner & Berger und noch manche andere. Man findet hierin die Bestätigung, wie sehr in dem Druckgewerbe der Zeitungs- und der Accidenzdruck dem eigentlichen Bücherdruck über den Kopf wächst.
Als Verleger von Karten und Globen wurden namentlich Dietrich Reimer, E. Schotte & Co. und das Berliner Lithographische Institut massgebend.
Als Herausgeber von Werken unter Zuhülfenahme des Lichtdruckes entwickelte E. Wassmuth eine enorme Thätigkeit, auch Paul Bette war in dieser Richtung sehr rührig. Die Photographische Gesellschaft besitzt einen ausserordentlich grossen Fond von photographischen Blättern, auch G. Schauer lieferte viele Blätter und Albums. Den eigentlichen Kunstverlag pflegten E. H. Schröder (R. Schuster), Sachse & Co., Amsler & Ruthardt, Goupil & Co. (Filiale von Paris). Unter den Verlegern, die einen besonderen Einfluss auf das Druckgewerbe übten, sind noch zu nennen: G. Grote, Duncker & Humblot, Veit & Co. (beide jetzt in Leipzig), Jul. Springer, Gebr. Paetel, P. Parey, Dümmlers Verlag, A. Hirschwald, G. Langenscheidt (selbst Buchdrucker), A. Asher & Co., Wiegandt & Grieben.
Breslau.
In der drittgrössten Stadt des Deutschen Reiches Breslau[229] hat die Druckerei im Verhältnis zur Grösse der Stadt keine Rolle gespielt, so wenig wie in den anderen grossen Städten des Nordens Königsberg, Danzig, Hamburg, Magdeburg und Köln.
Grass, Barth & Co.
Im Jahre 1748 übernahm Carl Wilh. Grass die Stadtbuchdruckerei in Breslau von den Baumannschen Erben (I, S. 145), dem sein Bruder Friedr. Sigm. Grass folgte. Nach dessen Tode erwarb Joh. Aug. Barth das Geschäft und vermehrte es durch die Druckerei der katholischen Landes-Universität. Ein schönes Denkmal der Leistungsfähigkeit der Offizin ist das 1818 erschienene Pacis annis 1814 et 1815 foederatis armis restitutae monumentum in Gross-Folio, welches Jubelgedichte in 42 grösstenteils fremdländischen europäischen und orientalischen Sprachen enthält. Die Firma wurde Grass, Barth & Co., sie verbindet jetzt Typographie mit Lithographie und arbeitet mit 14 Schnellpressen.
W. G. Korn.
Einen grossen Umfang erreichte die Verlagshandlung und Buchdruckerei von W. G. Korn, welche am 13. Januar 1882 ihr 150jähriges Jubiläum beging. Joh. Jos. Korn eröffnete an diesem Tage 1732 sein Geschäft und erhielt 1741 Privilegium zur Herausgabe der „Schlesischen Zeitung“. Sein Sohn Joh. Gottlieb Korn trat 1828 die Buchhandlung, 1836 die „Schlesische Zeitung“ an seine beiden Söhne ab. Im Jahre 1851 übernahm Heinr. Korn das Etablissement. Anlässlich des Jubiläums errichtete er, abgesehen von manchen anderen Schenkungen, für seine Mitarbeiter eine Stiftung mit einem Kapital von 100000 Mark und wurde in den Adelsstand erhoben. Das Geschäft arbeitet mit 15 grossen Maschinen und etwa 150 Arbeitern, besitzt auch bedeutende Papierfabriken.
S. Schottländer hat einen reichhaltigen Verlag und arbeitet mit 15 Schnellpressen. Von grossen Verlagshandlungen sind noch zu nennen Max & Co., Ferd. Hirt und E. Trewendt.
C. Flemming * 10. Mai 1806, † 1. Nov. 1878.
Einen bedeutenden Umfang erreichte das Geschäft von Carl Flemming in Glogau, welches sich namentlich der Produktion von Landkarten widmet und damit 11 typographische und lithographische Schnellpressen beschäftigt.
Posen.
In Posen wurde, wie erwähnt, von G. J. Decker ein Etablissement errichtet, das jetzt als W. Decker & Co. typographisch und lithographisch mit 7 Schnellpressen arbeitet. Frankfurt a. O., die erste Stadt Preussens, in welcher die Druckerei eingeführt wurde, hat so wenig wie andere Städte des östlichen Preussens eine besondere Stellung in der Typographie erworben. Die bedeutendste Druckanstalt dort ist Trowitzsch & Sohn (gegr. 1779) mit 6 Schnellpressen.
Königsberg.
Selbst die Königs- und Universitätsstadt Königsberg misst sich kaum mit mancher Stadt von 20–30000 Einwohnern hinsichtlich graphischer Produktion. Erst 1523 war die Druckerei dort durch Hans Weynreich eingeführt, dessen Offizin nach vielen Wandlungen zur Zeit des dritten Jubelfestes in den Händen Joh. Fr. Reussners war.
J. H Hartung * 17. Aug. 1699, † 5. Mai 1756.
Das bedeutendste Geschäft ist das von Joh. Heinr. Hartung, durch Übernahme der J. Stelteschen Buchdruckerei 1732 gegründet. Durch Umsicht und Unermüdlichkeit erwarb sich Hartung allgemeines Ansehen. Die Stände von Livland und Kurland übertrugen ihm den Druck der lettischen Bibel und der cyrillischen Postille; für erstere erhielt er 7000 Thaler. Neben seiner Buchdruckerei trieb er bedeutenden Verlags- und Sortimentshandel und sein 1746 erschienener Sortimentskatalog war über 400 Seiten stark. In Leipzig hatte er während der Messe offenes Gewölbe. Zu seinem grossen Geschäft erwarb er noch die erwähnte Reussnersche Hof- und akademische Buchdruckerei. Er verschied in Leipzig 1756 während der Ostermesse.
Gottl. Hartung * 12. Aug. 1747, † 19. Nov. 1797.
Nachdem sein ältester Sohn bereits 1759 gestorben war, übernahm 1763 der jüngere Gottlieb Leberecht Hartung das Geschäft, nach dessen Tode dirigierte es seine Witwe Sophie Charlotte mit Mut und Ausdauer, bis sie es 1817 ihrem Sohne Georg Friedrich Hartung übertragen konnte. Die von Hartung herausgegebene „Königsberger Zeitung“ ist eine der ältesten Deutschlands und ihre Geschichte lässt sich bis auf das Jahr 1640 verfolgen. Vom 6. Februar 1758 bis 1. Juli 1762 und dann vom 19. Juli bis 10. August 1762 musste der ihre Kopfzeile schmückende preussische Adler mit dem russischen vertauscht werden. In den Jahren 1807 und 1808 hatte die Zeitung eine grössere Bedeutung erreicht, da der Krieg in der Nähe um Königsberg geführt wurde, wodurch indes Hartung verschiedenen Gefahren ausgesetzt wurde.
Wie wenig bedeutend der Umfang des Druckgewerbes in Königsberg war, geht aus den Aufzeichnungen über die vierte Jubelfeier hervor. Dieselben weisen nur 7 Druckereien mit 45 Gehülfen und 28 Lehrlingen auf; da die Hartungsche Druckerei 20 Gehülfen und 7 Lehrlinge beschäftigte, so kommen auf sechs Druckereien 25 Gehülfen und 21 Lehrlinge[230]. Jetzt arbeitet die Hartungsche Buchdruckerei mit sechs Schnellpressen und etwa 100 Personen.
Marienwerder.
Von Königsberg aus wurde, als Friedrich der Grosse bei der ersten Teilung Polens Westpreussen erhielt, der Buchdrucker R. Kanter nach Marienwerder als Hofbuchdrucker berufen, um die königlichen Arbeiten zu liefern; die Offizin besteht noch heute Danzig.mit 5 Schnellpressen. In Danzig sind die bedeutendsten Druckanstalten die von Jul. Sauer und von A. W. Kafemann, letztere ist Stettin.zugleich mit Schriftgiesserei verbunden. Stettin hat nur Bedeutung im Accidenz- und Zeitungsdruck; die dortige Firma H. G. Effenbart beging 1879 ihr 300jähriges Jubiläum. Noch um zwei Jahre älter ist die, jetzt mit 8 Schnellpressen arbeitende, Firma H. Hessenland. R. Grassmann, zugleich Schriftgiesserei, beschäftigt elf Schnellpressen und gegen 100 Arbeiter.
Mecklenburg.
In Rostock besteht die Offizin von Adlers Erben (6 Schp.) seit 1635. Ausser in Rostock hat D. C. Hinstorff, bekannt als der Verleger und Drucker von Fritz Reuters Werken, noch Geschäfte in Wismar (5 Schp.) und Ludwigslust. Die grösste Druckerei Schwerins ist die von W. Sandmeyer (8 Schp.).
Neuruppin kann Armeen aus der Presse stampfen. Die Firma Gustav Kühn arbeitet mit Rotationsmaschine, 11 Schnellpressen und einer grossen Zahl von Hülfsmaschinen, welche von gegen 400 Arbeitern bedient werden. Oehmigke & Riemschneider beschäftigen 6 Schnellpressen und 200 Arbeiter hauptsächlich mit den bekannten Bilderbogen.
Lübeck. Hamburg.
Lübeck verlor seine Bedeutung, die es in der früheren Periode eine zeitlang hatte, und auch Hamburg nimmt nicht eine solche Stellung ein, wie man es von dem ersten Handelsplatze und der, der Bevölkerung nach, zweiten Stadt des Reiches erwarten könnte. Vielleicht wären seinerzeit die Bemühungen des Friedr. Andreas Perthes, Hamburg zu einem Emporium des buchhändlerischen Verkehrs mit dem Auslande zu erheben, gelungen, wenn nicht die schwere Zeit des Napoleonischen Druckes auf Deutschland im allgemeinen und Hamburg im besonderen hemmend gelastet hätte[231]. Nur für den Zeitungsverlag hatte Hamburg einige Bedeutung und erst in neuerer Zeit ist es Sitz einiger grösserer Verlagshandlungen geworden.
Selbst der Accidenzdruck hat keinen rechten Aufschwung genommen. Der solide Hamburger Kaufmannssinn giebt wenig auf Eleganz der Druckarbeiten.
Lessing als Buchdrucker.
Inzwischen sollte doch das wenig poetische Hamburg einen grossen Dichter Deutschlands unter seinen Buchdruckern zählen. Eine zeitlang war nämlich Lessing Associé des Buchdruckereibesitzers Joh. Joach. Christ. Bode. Ostern 1767 hatte letzterer auf dem Holzdamm eine Buchdruckerei angelegt und Lessing trat gleich nach seiner Ankunft in Hamburg als Sozius ein. Die „Hamburgische Dramaturgie“, die „Antiquarischen Briefe“ und die Abhandlung „Wie die Alten den Tod gebildet“ sind von den eigenen Pressen Lessings gedruckt, und das Projekt, die Werke der bedeutendsten Gelehrten mit lohnenderem Ertrage für Verfasser und Verleger zu veröffentlichen, erregte in den beteiligten Kreisen so grosse Aufmerksamkeit, dass Klopstock schon im Sommer 1767 versprach, für das geplante „Deutsche Museum“ seine „Hermanns Schlacht“ und Gerstenbergs „Ugolino“ herzugeben. Die Publikationen dieser Druckerei und Verlagsfirma erhielten ein seltsames Kleinquart-Format; zum Druck wurde ein fein gestreiftes resp. geripptes italienisches Papier verwendet, so dass der eigentümliche Geschmack Bodes und Lessings vielfach Spottreden hervorrief. Die junge Firma wurde schon 1768 unter bedeutenden Verlusten für Lessing aufgelöst, dessen finanzielle Bedrängnisse, welche seinen Abgang von Hamburg bis zum Jahre 1770 verzögerten, jedenfalls zum grössten Teil diesem Misserfolg zuzuschreiben sind.
Hamburger Offizinen.
Das grösste der heutigen Etablissements ist das von J. F. Richter (2 Rotm., 14 Schp., 15 Hdp., 150 Arb.). Als Zeitungsdruckereien sind zu nennen die Aktiengesellschaft Neue Börsenhalle, welche die „Börsenhalle“ und den „Correspondent“ druckt, Hermanns Erben (1 Rotm., 6 Schp.), Diederich & Co. (1 Rotm., 5 Schp.). C. Adler verbindet mit Buchdruckerei und lithographischer Anstalt (9 Schp., 8 Hdp.) ein ausgedehntes Geschäft mit Lehrmitteln. F. Schlotke wurde schon in dem Kapitel über Maschinen erwähnt, ist ausserdem durch seine litterarische Wirksamkeit bekannt und jetzt Besitzer, Redacteur und Drucker des „Journal für Buchdruckerkunst“ (S. [356]).
Das holsteinische Städtchen Itzehoe besitzt die bedeutende Buchdruckerei von G. J. Pfingsten, dessen weitverbreitete „Itzehoer Nachrichten“ namentlich vor und während der dänischen Kriege einen grossen Einfluss übten.
Wandsbeck.
G. W. Seitz * 6. Febr. 1826.
In dem als eine Vorstadt von Hamburg zu betrachtenden Wandsbeck hat die bedeutendste chromolithographische Anstalt Deutschlands ihren Sitz aufgeschlagen. Gustav W. Seitz lernte erst als Setzer, versuchte sich dann ohne jedwede Anleitung als Holzschneider, bis er später in München seine weitere Ausbildung erhielt. Dann wagte er sich in Hamburg an den Verlag. Durch Zufall mit dem lithographischen Farbendruck bekannt geworden, erblickte er in diesem die Illustrationsmethode der Zukunft. Nach Überwindung unendlicher Schwierigkeiten gelang es Seitz, zwanzig Handpressen zu beschäftigen, bis der Krieg 1866 wieder Stockungen brachte. Trotzdem beschloss er, sich ein Domizil zu bauen und zwar in dem äussersten Ende von Wandsbeck. Ein kleines humoristisches Bild von Süs, „Der erste Gedanke“, wurde in 18000 Exemplaren verkauft. Trotz der Abmahnungen des Künstlers selbst wagte er sich nun an Carl Werners Nilbilder in Aquarelldruck und errang einen vollständigen Sieg. Unter seinen vielen Blättern ist der grosse Aquarelldruck „Auroras Triumphzug“ nach Guido Reni eine ausserordentlich gelungene Leistung.
Besondere Verdienste hat Seitz durch die Vervollkommnung des Reduktionsapparates. Schon im Jahre 1860 tauchte die englische Erfindung auf, ein Bild auf eine Gummihaut, die in einem Rahmen von vier durch Schrauben verstellbaren Stäben angebracht war, durch stärkere Anspannung resp. durch Lockerung der Spannung der Haut zu vergrössern oder zu verkleinern. In dieser veränderten Gestalt wurde dann das Bild auf einen Stein übertragen, so dass man Kopien in verschiedenen Grössen ohne eine neue Zeichnung erhalten konnte. Alles kommt natürlich auf die ganz verhältnismässig richtige Vergrösserung oder Verkleinerung nach Höhe und Breite an. Seitz ist es gelungen, die Apparate so fein zu vervollkommnen, dass Bilder von zwanzig und mehr Farben, zu welchen ebenso viele Steine gehören, im vollkommensten Passen der Umränderungen hergestellt werden können.
Stenochromie.
In Wandsbeck übte um 1875 Otto Radde (durch Mühlmeister & Johler dort, später in Hamburg) ein eigentümliches Verfahren, um Öldruckbilder herzustellen. In der Art, wie die einzelnen Glas- oder Steinstückchen zu einem Mosaikbild gefügt werden, setzte Radde die aus festen Teichfarben mittels Blechschablonen in die nötigen Formen gebildeten Blöcke in einem Rahmen zu einer Bilderform zusammen. Wurde nun ein mit Terpentin gefeuchteter Bogen darauf gelegt und Form und Bogen in einer Presse einem gelinden Druck ausgesetzt, so erhielt man ein Öldruckbild, das jedoch nur als eine Untermalung zu betrachten war, welche erst durch Aufdruck mehrerer lithographischer Farbenplatten Ausdruck und Schattierung erhielt. Das Verfahren war nicht neu. Bereits Senefelder hatte in seinem Werke daran gedacht und der Maler Liepmann in Berlin lieferte 1842 einige recht hübsche Bilder in dieser Weise. 1873 zeigte sich Jul. Greth aus Charlottenburg damit auf der Wiener Weltausstellung. Auch ein Engländer, J. M. Johnson, hatte es geübt, um Landkarten zu illuminieren, sowie um Tapeten und andere Arbeiten herzustellen, wo die Farben sich bestimmt abgrenzen und nicht in einander übergehen müssen. Von dem mit grossem Eclat in Scene gesetzten Verfahren (Stenochromie) ist es ganz still geworden.
Bremen.
Die Handelsstadt Bremen ist so wenig wie Hamburg ein bedeutender Verlagsplatz geworden, deshalb beschränkten sich die Buchdruckereien hauptsächlich auf Zeitungs- und Accidenzarbeiten. Die grössten Offizinen sind die von C. Schünemann (9 Schp., 120 Arb.), welche die „Bremer Nachrichten“ und die „Weser-Zeitung“ druckt, und Gebr. Hauschild, die hauptsächlich Accidenzarbeiten liefern.
Oldenburg.
In Oldenburg sind G. Stalling und die Schulzesche Hofbuchdruckerei, je mit 4 Schnellpressen, thätig. In dem kleinen Detmold besteht seit 1570 die Meyersche Hofbuchdruckerei, welche, jetzt mit Steindruckerei verbunden, 8 Schnellpressen und 9 Handpressen in Gang hält.
Hannover.
In Hannover findet eine rege Druckthätigkeit hauptsächlich für Zeitungs- und Accidenzdruck statt; namentlich ist dasselbe ein Hauptplatz für die Herstellung von Handlungsbüchern geworden. Obenan in letzterer Richtung stehen J. C. König & Ebhardt mit 29 Schnellpressen, darunter 14 für mehrere Farben, 16 Liniiermaschinen, 30 Buchbinderpressen, 12 Papierschneidemaschinen nebst zahlreichen sonstigen Hülfsmaschinen und einem Personal von 350 Köpfen. Auch Edler & Krische (10 Schp., 200 Pers.) und die Hannoversche Geschäftsbücherfabrik arbeiten in ähnlicher Richtung, während R. Leunis & Chapman die Handeltreibenden mit Tüten und ähnlichem versorgen und damit ein grosses Personal beschäftigen.
Die Gebr. Jänecke (als Farbenfabrik Jänecke & Schneemann S. [319]) gaben ihrem Druckgeschäft eine grosse Ausdehnung (10 Schp., 11 Hdp.), sowohl als Zeitungsdruckerei („Hannöverscher Courier“) wie als Werk- und Accidenzdruckerei. Von Bedeutung sind ferner Klindworths Hofbuchdruckerei (10 Schp., 9 Hdp.) und die Schlütersche Buchdruckerei (2 Rotm., 7 Schp.). In der Zeit der Privilegien hatte die Hahnsche Hofbuchhandlung fast den ganzen Sortimentshandel des Königreichs in den Händen. Ihr bedeutender Verlag hat seinen Sitz in Leipzig. — Die Universitätsstadt Göttingen hat als Druckplatz nie eine grosse Bedeutung gehabt.
Westfalen und Rheinland.
Münster, in der Zeit der Humanisten ein so wichtiger Platz (I, S. 51), macht sich wie Paderborn und Trier (Fr. Lintz, 7 Schp.) hauptsächlich nur durch seinen streng katholischen Verlag bemerkbar. Oberhausen verdient Erwähnung als der erste Platz in Deutschland, wo die Rotationsmaschine (durch A. Spaarmann) eingeführt und zum Bücherdruck verwandt wurde. In Minden liefert E. C. Brunn (6 Schp.) namentlich Post- und merkantile Arbeiten.
Verschiedene Städte.
G. D. Bädeker in Essen beschäftigt 150 Arbeiter und zehn Schnellpressen, die Bädekersche Buchdruckerei in Elberfeld 6 Schnellpressen namentlich mit Eisenbahnarbeiten; daselbst drucken auch S. Lucas mit 14, R. L. Friderichs mit 10 Schnellpressen.
L. Schwann übersiedelte von Neuss nach Düsseldorf und errichtete dort eine grosse Offizin (10 Schp., 120 Arb.), welche namentlich bedeutende Accidenzien in Chromoxylographie liefert. Dass Düsseldorf als Sitz der berühmten Kunstschule sich auch im Kunstverlag auszeichnet, ist fast selbstverständlich. Als Kunstdruckerei hat L. Baumann, früher Arnz & Co., einen Ruf; die „Düsseldorfer Monatshefte“ waren weltbekannt. A. Bagel, früher in Wesel, hat eine sehr bedeutende typographisch-lithographische Anstalt (21 Schp., 150 Pers., Papierfabrik) und liefert namentlich Arbeiten für Schulen, Bilderbücher u. dgl.
Bonn gehört zu denjenigen Universitätsstädten, wo namentlich der orientalische Druck gepflegt wird, besonders durch die Druckerei von C. H. Georgi.
Köln.
Köln, im frühen Mittelalter die berühmte hohe Schule der Wissenschaft und der Typographie, von wo aus das Licht Gutenbergs über die Niederlande und den Norden ausgegangen war, lieferte später nur ultramontane Schriften und musste sogar seinen berühmten Namen zur Einschmuggelung verbotener oder gar schmutziger Bücher hergeben, die überall hin mit der Firma „Peter Hammer“ oder „Pierre Marteau“ und Druckort Köln verbreitet wurden.
Von den Offizinen hat die der Verlagshandlung J. P. Bachem in der katholischen Welt eine grosse Bedeutung und druckt mit ihren 9 Schnellpressen mehrere Zeitschriften und Zeitungen mit katholischer Richtung. Die Langensche Buchdruckerei beschäftigt 16 Schnellpressen, die von W. Hassel 10.
Am öftesten wird jedoch in der neuern typographischen Geschichte Köln auf Grund der Offizin der Kölnischen Zeitung genannt, mit der auf dem Kontinent nur die der Wiener „Neuen Freien Presse“ in den technischen und redaktionellen Einrichtungen wetteifern kann.
Du Mont-Schauberg und die „Köln. Zeitung“.
Bereits 1651 gab es zu Köln eine Zeitung, die als Stammmutter der jetzigen „Kölnischen Zeitung“ zu betrachten ist: die im Besitz von Franz Köntgen erscheinende „Postamts-Zeitung“, welcher er den Namen „Kölnische Zeitung“ gab. Sie wurde bei Schaubergs Erben gedruckt, eine Offizin, die von Gereon Arnold Schauberg bereits anfangs des XVIII. Jahrhunderts gegründet war[232].
Als Schauberg das Blatt von Köntgen erwarb, hatte es eine Auflage von 250 Exemplaren. Der frühere Besitzer erhielt eine Rente von monatlich zwei Kronenthalern; stiege die Zahl der Abonnenten auf 400, so sollte monatlich ein halber Thaler zugelegt werden.
Am 10. Juni 1805 gingen sowohl die Schaubergsche Offizin als die „Kölnische Zeitung“ auf Marcus Du Mont über, welcher sich in demselben Jahre mit Catharine Schauberg verheiratete. Köln schmachtete damals wie das ganze linke Rheinufer unter der Herrschaft Napoleons und da in jedem Departement nur ein Regierungsblatt geduldet wurde, so musste die „Kölnische Zeitung“ 1809 einfach zu erscheinen aufhören. Der Kaiser entschädigte jedoch den Verleger durch eine Jahresrente von 4000 Franken. 1814 ist das Jahr der Wiedergeburt des Blattes und 1822, wo der Zeitungsstempel in Preussen eingeführt wurde, hatte es bereits über 2000 Abonnenten. Die Ereignisse von 1830, 1848 und namentlich die Kriegsjahre 1866 und 1870 trugen wesentlich zur Hebung und Verbreitung des Journals bei. Riesig waren die Opfer, welche dasselbe durch Errichtung eigener Telegraphenlinien, und Entsendung eigener Korrespondenten brachte, allein diese Aussaat ist auf guten Boden gefallen, die „Kölnische Zeitung“ ist heute ein Weltblatt und druckt täglich eine Auflage von 30 bis 40 tausend Exemplaren.
Unter solchen Verhältnissen wurden die Lokalitäten mehrmals zu enge und im Jahre 1846 entstand mit einem Aufwande von über 300000 Mark in der Breitenstrasse ein höchst zweckmässiger Neubau, der am 26. September 1847 bezogen und im Jahre 1871 durch Neubauten vergrössert wurde. Das erste Telegramm der Zeitung erschien am 5. Oktober 1849. Am 1. Januar 1858 nahm sie das Format an, in welchem sie noch heute erscheint.
Am 1. Januar 1845 hatten bereits die Brüder Joseph und Michael Du Mont das Geschäft im alleinigen Besitz und zwar übernahm Michael die Buchhandlung, Joseph behielt die Zeitung. Leider starb dieser bereits am 3. März 1861 und hinterliess seiner Witwe und seinen vier Kindern sowie seinem treuen Freunde und Associé Wilhelm Ferdinand Schultze aus Magdeburg, welcher 1844 in das Geschäft getreten war, das umfangreiche Institut. Am 31. Juli 1874 erhielt sie ihre eigene Drahtleitung von Berlin, nachdem bereits früher der Telegraph in grossartiger Weise benutzt worden war. In den Prozessen Kullmann und Graf Arnim betrugen die Kosten für Telegramme 25000 M. und öfters wurden mehr als 20000 Worte hintereinander depeschiert. Eine Wochenausgabe der Zeitung hatte bereits im Jahre 1866 am 5. Oktober begonnen.
Nachdem die „Kölnische Zeitung“ mehrmals ihre Pressen durch neue verbesserter Konstruktion ersetzt hatte, wurden 1877 Rotationsmaschinen, und zwar von König & Bauer gebaute, angeschafft. Die drei vorhandenen Exemplare liefern stündlich je 16200 komplette Bogen. Als Motoren für diese und noch für 10 Schnellpressen dienen vier Gasmaschinen. 1880 betrug die Zahl der Angestellten 155, ausserdem waren 78 Knaben beschäftigt. Reich dotierte Kranken- und Unterstützungskassen sind mit der Offizin verbunden.
Kurz nach dem Tode Ludwigs, des ältesten Sohnes Josephs, starb am 30. November 1881 der mit den reichsten Gaben des Verstandes und des Herzens ausgerüstete W. F. Schultze, der ausserordentlich viel dazu beigetragen hat, dass die Zeitung heute eine so hohe Stufe einnimmt, dabei war er von einer so grossen Bescheidenheit, dass nicht einmal sein Name in der erwähnten aus seiner Feder stammenden Festschrift genannt wird.
Es ist begreiflich, dass kaum ein Reisender, der die Aufgabe der Presse zu würdigen versteht, bei einem Aufenthalt in Köln die Offizin der „Kölnischen Zeitung“ unbesucht lässt. So erschien eines Nachmittags im Herbst 1877 der Feldmarschall Graf Moltke. Rasch entwarf einer der Redacteure, Hermann Grieben, einige begrüssende Zeilen, die, in wenigen Minuten gesetzt und in der Presse abgezogen, dem berühmten Besucher überreicht wurden; sie mögen hier einen Platz finden:
Heil und Dank Dir, Schlachtenleiter, dass Du auch bei uns erschienst,
Und auch unsre wackren Streiter inspizierst in ihrem Dienst.
Ja die kleinen Bleisoldaten sind, verhunderttausendfacht,
Wohlgeführt und wohlberaten eine respektable Macht.
Täglich rückt ihr Kriegsgeschwader tapfer aus zum Geisterstreit,
Ihre grossen Hinterlader schiessen tausend Meilen weit. —
Sieh im Kasten hier die Letter! Einzeln ist sie nur ein Zwerg,
Doch im Chor ein Siegsgeschmetter: „Freiheit, Licht und Gutenberg“.
Fußnoten:
[223] Aug. Potthast, Die Abstammung der Familie Decker. Berlin 1863. — Börsenbl. f. d. d. B. Januar 1877. — Ann. d. Typ. 1877, Nr. 388.
[224] Durch eine mit allerhöchster Erlaubnis dem Buchhändler Rud. Wagner in Berlin gestattete Ausgabe der Holzschnitte, welche ganz vorzüglich in der Staatsdruckerei ausgeführt wurde, sind diese glänzenden Schöpfungen Menzels dem Publikum seit dem Jahre 1882 zugänglicher geworden.
[225] Die letzte Wandlung der Anstalt wird weiter unten zu behandeln sein.
[226] J. Fr. Unger, Denkmal eines Berlinischen Künstlers und braven Mannes, von seinem Sohne. Berlin 1789.
[227] J. Fr. Unger, Probe einer neuen Art deutscher Lettern. Berlin 1793. — Die zweite Probe erschien unter der Form: „Die neue Cäcilia“, 1794. Unger schrieb ferner: „Etwas über die Holz- und Formschneidekunst“.
[228] Schrieb flüchtige Blicke auf die letzten 40 Jahre der Buchdruckerkunst. Berlin 1840.
[229] Geschichte der seit 300 Jahren in Breslau befindlichen Stadtbuchdruckerei. 1804.
[230] Geschichte der Buchdruckerkunst in Königsberg. 1840.
[231] Clemens Th. Perthes, Friedr. Perthes' Leben. 6. Aufl. Gotha 1872.
[232] Geschichte der „Kölnischen Zeitung“ und ihrer Druckerei. Diese wahrhaft prächtige Gelegenheitsschrift erschien anlässlich der Gewerbe-Ausstellung in Düsseldorf 1880, wo M. Du Mont-Schauberg eine komplette Zeitungsdruckerei mit Rotationsmaschine ausgestellt hatte. Das Werk enthält höchst interessante Beiträge zur Geschichte der Zeitungen, zeichnet sich daneben durch eine fast beklagenswerte Abwesenheit alles und jeden Hervorhebens der leitenden Persönlichkeiten aus.
XIV. KAPITEL.
DER SÜDEN DER GERMANISCHEN GRUPPE.
Emporwachsen Stuttgarts: Die Familie Cotta. J. B. Metzler. Die illustrierte Litteratur. Ed. Hallberger, Gebr. Kröner u. a. Die Xylographie. Der Buchhandel. Statistisches. Tübingen. München: Aufschwung aller graphischen Künste, Kasp. Braun, Fr. Hanfstängl, J. Albert, Fr. Bruckmann u. a. Nürnberg. Regensburg. Augsburg. Rheinische Städte. Frankfurt a. M. Mainz und das Einweihungsfest. Freiburg i. Br. Dornach: Ad. Braun. Strassburg: Das Gutenbergdenkmal, die Bibliothek.
Die Schweiz. Lokale Schwierigkeiten. Basel: Die Familie Haas. Zürich: Orell Füssli & Co., Kartographie. St. Gallen: Chr. Zollikofer. Einsiedeln: Gebr. Benziger. Bern.
Sinken der Bedeutung des Südens.
NOCH vor Ablauf der vergangenen Periode hatten der Westen und der Süden Deutschlands ihr typographisches Übergewicht verloren. Die blühenden Hauptsitze der Buchdruckerei und des Buchhandels, Nürnberg und Augsburg, waren von ihrer Höhe zurückgegangen und wurden zu Anfang unseres Jahrhunderts bayrische Provinzialstädte, während die Hauptstadt Bayerns keine Anstrengungen machte, um ein Emporium des Bücherverkehrs in Süddeutschland zu werden, wie es wohl möglich gewesen, wenn Gutenbergs Kunst von oben dieselbe Unterstützung und Förderung gefunden hätte, wie die bildende Kunst. Der hohe Glanz Basels war hinfällig geworden; es blieb zwar eine sehr respektable schweizerische Universität, der europäische Ruf war jedoch dahin. Strassburg zählte seit seiner Überrumpelung durch die Franzosen im Jahre 1681 nicht mehr zu Deutschland und galt in jüngster Zeit mehr als Festung denn als Sitz der Wissenschaft und Kunst. Frankfurt am Main hatte als Bücheremporium längst Leipzig den Platz räumen müssen, war auch nicht bestrebt, wenigstens als Verlagsort, ein bedeutendes Gewicht in die Wagschale zu legen, und die Heimat der Druckkunst, Mainz, hatte es nie versucht, die günstigen Antezedentien zu benutzen und die Erbschaft Gutenbergs im Geiste des Erfinders anzutreten.
Emporblühen Stuttgarts.
Unter diesen Verhältnissen gelang es einer bis 1750 in der Geschichte der Typographie kaum genannten Stadt, die noch tief in unser Jahrhundert herein hauptsächlich nur als Sitz der Cottaschen Verlagshandlung und des Nachdruckes in der graphischen Welt bekannt war, in der Zeit von knapp einem Menschenalter sich zum dritten typographisch-bibliopolischen Hauptplatz des Deutschen Reiches emporzuschwingen, und zwar hauptsächlich nur durch die Energie der Gewerbtreibenden selbst, verbunden mit Tüchtigkeit, kaufmännischer Klugheit und dem nötigen Mut „ins Zeug zu gehen“ gepaart.
Joh. Fr. Cotta * 27. April 1764, † 29. Dez. 1832.
Seinen ersten Ruhm verdankt Stuttgart, wie erwähnt, der Familie Cotta. Johann Friedrich Cotta, ein Urenkel des Begründers des Cottaschen Geschäfts in Tübingen (I, S. 134), Enkel des Kanzlers der Universität, war in Stuttgart geboren. Sein Vater hatte im österreichischen Reiterdienst gestanden und auch er fühlte Neigung für den Militärdienst und widmete sich namentlich dem Studium der Mathematik, ergriff jedoch als Brotstudium die Rechtswissenschaft und trat 1785 in Tübingen als Hofgerichtspraktikant ein. Die seinem Onkel gehörende Buchhandlung in Tübingen war in Verfall geraten und Johann Friedrich musste, um sie der Familie zu erhalten, sich entschliessen, die buchhändlerische Carrière zu ergreifen. Er trat am 1. Dezember 1787 unter unendlichen Sorgen und Mühen in Besitz des Tübinger Geschäfts und verband sich zuerst mit einem redlichen, aber für den Buchhandel nicht geeigneten Mann, Dr. Zahn. Dieses Geschäftsverhältnis wurde jedoch nach wenigen Jahren gelöst.
Cottas Verbindung mit Schiller und Goethe.
Bekannt ist Cotta namentlich durch sein intimes Verhältnis zu Goethe und Schiller, ein Verhältnis so schön, wie es zwischen Autor und Verleger nur gedacht werden kann. Cotta hatte den Plan zu einer deutschen Zeitung gefasst, die von Schiller redigiert werden sollte, jedoch Goethes Pläne führten zur Herausgabe der Horen (1795). Nun verständigte sich Cotta mit Dr. Posselt über die Herausgabe der Allgem. Zeitung.„Allgemeinen Weltkunde“, aus der dann die „Allgemeine Zeitung“ entstand. Posselt erkannte jedoch selbst, dass er sich zur Herausgabe einer Tageszeitung nicht eigne. Nach mehrmaligem Redactionswechsel wurde die Zeitung 1798 nach Augsburg verlegt und ging nunmehr gewöhnlich unter der Bezeichnung „die Augsburgerin“.
Übersiedelung nach Stuttgart.
Cotta siedelte 1810 nach Stuttgart über; der alte Adel wurde wieder aufgenommen und Cotta Freiherr von Cottendorf.
Thätigkeit Cottas.
Es gelang Cottas Thätigkeit, Umsicht und Liberalität, nach und nach alle deutschen Dichter von Bedeutung und viele andere hervorragende Schriftsteller an seinen Verlag zu fesseln. Für ein aufkommendes Talent wog der Umstand, sein Werk im Cottaschen Verlag erscheinen zu sehen, mehr als alle sonstigen Empfehlungen. Bezeichnend für Cotta und seine Handlungsweise sind seine Worte an Schiller: „Ich wünsche, Sie bestimmten das Honorar für die Sammlung Ihrer theatralischen Schriften. Sie werden dabei finden, dass Sie es mit einem Manne zu thun haben, der neben der Überzeugung, dass bei Schriftstellern, wie Sie, das Honorar nie ein Äquivalent für die Arbeit sein könne, und dass mithin ein Akkord nie die Verbindlichkeiten des Buchhändlers in einem solchen Falle erschöpfe, sobald der Erfolg ihm noch mehr zu thun erlaubt, auch Ihre Freundschaft zu schätzen weiss“.
Münchener Unternehmungen.
Im Jahre 1815 ging Cotta im Auftrag mehrerer der geachtetsten Buchhändler Deutschlands nach Wien, um bei dem Kongress die Interessen des Buchhandels zu wahren. Eine seiner erfolgreichen Unternehmungen aus damaliger Zeit war Dinglers „Polytechnisches Journal“. Von seiner Liebe zur Kunst geleitet gründete er in München eine grossartige Anstalt für Kupferstecherei und Lithographie, verbunden mit einer Kunst- und Landkarten-Handlung. Dort erfolgte nun die Herausgabe vieler grösserer die Kunst fördernder Werke: Gaus' Prachtwerk über „Nubien“; Platners topographisches Werk über „Rom“, das jedoch nicht zur Vollendung gelangte; Bröndsteds „Reise in Griechenland“; die Werke von Moritz Retzsch, Eugen Neureuther, Weitbrecht u. a.
Johann Friedrich starb am 29. Dezember 1832. Seine Thätigkeit im Dienste des Vaterlandes und seine Vorzüge als Landwirt gehen über den Rahmen dieses Handbuches hinaus.
G. v. Cotta * 19. Juli 1796, † 1. Febr. 1863.
Sein Sohn Georg von Cotta fand ein zwar hochberühmtes, aber auch auf Grund der Vielseitigkeit der Unternehmungen stark belastetes Geschäft vor. Es gelang ihm aber durch seine grosse Energie, alle Schwierigkeiten zu beseitigen, dabei doch vollständig im Geiste des Vaters fortwirkend. Im Jahre 1839 erwarb er das Göschensche Geschäft in Leipzig, wodurch er so ziemlich der Alleinverleger der deutschen Klassiker wurde. Im Jahre 1845 kaufte er noch die Vogelsche Verlagshandlung in München und brachte die litterarisch-artistische Anstalt dort in lebhaften Schwung. Er veranstaltete zahlreiche neue Ausgaben der Klassiker. Gegen die Autoren war er äusserst liberal, weniger gegen den Sortimentshandel, auch wurde nicht immer die nötige Sorgfalt auf die Korrektheit und gute Ausstattung der Ausgaben verwendet. Unter den von ihm ins Leben gerufenen Zeitschriften hat die „Deutsche Vierteljahrsschrift“ besondere Bedeutung.
Cotta war, der politischen Gesinnung nach, ein ausgeprägter Grossdeutscher und in diesem Sinne wurde auch die „Augsburger Allgemeine“ geleitet, bis die Ereignisse auch dieser einen anderen Stempel aufdrückten (S. [398]). Im Jahre 1882 siedelte die Zeitung nach München über.
Änderungen im Geschäft.
Mit dem Tode Georg Cottas 1863 ging das Geschäft in den gemeinschaftlichen Besitz der Familie über. Die Firma Cotta war selbstverständlich diejenige, welche die grösste Einbusse durch den Bundesbeschluss: vom 6. November 1867 ab alle Privilegien zu gunsten des Schutzes der Schriften einzelner Autoren nicht zu erneuern, erlitt. Im Jahre 1869 wurde die Literar.-Artistische Anstalt in München verkauft.
1879 übergaben Cottas ihre Buchdruckerei für zehn Jahre in Pacht an Gebrüder Kröner. So ganz ausserordentlich gross die Verdienste der Firma um die Litteratur sind, so lässt es sich nicht leugnen, dass die Typographie nicht in derselben Weise von ihr begünstigt wurde. Erst in späterer Zeit schloss sich die Cottasche Druckerei den besten Deutschlands an und lieferte Prachtwerke von Bedeutung, z. B. Goethes Faust, illustriert von G. Seibertz; Reineke Fuchs in Goethes Übersetzung, illustriert von W. v. Kaulbach; Herders Cid, illustriert von E. Neureuther; die Jubelausgabe von Schillers Gedichten u. a.
Ihre früheren, selbst die Prachtausgaben der deutschen Klassiker leiden an wesentlichen Mängeln. So sehr auch ihre sogenannten Schillerausgaben zur weitesten Verbreitung der besten Werke noch vor Ablauf der diesen gewährten Schutzfrist beigetragen haben, so wenig dienten sie, den Geschmack für hübsche Buchausstattung zu wecken. Dagegen muss in die Wagschale gelegt werden, dass nie ein Buch aus ihren Pressen hervorging, bei welchem die Spekulation über die Ehre der Litteratur ging.
J. B. Metzler.
Eine alte ehrenwerte Firma Stuttgarts ist die 1681 gegründete J. B. Metzlersche, die, was ein seltener Fall ist, sich in letzter Zeit vollständig verjüngt hat und kühn den Kampf mit den jungen frisch aufblühenden Firmen aufnehmen konnte. Im Jahre 1876 trennten sich die Besitzer Ad. Bonz und L. Werlitz. Letzterer setzte das Stammgeschäft fort, welches 1881 sein zweihundertjähriges Jubelfest feiern konnte.
A. Bonz * 1824, † 1878.
Adolf Bonz ist als der eigentliche Stifter des Deutschen Buchdrucker-Vereins zu betrachten. Schon jahrelang vor dem Entstehen desselben hatte er für das Zustandekommen gewirkt. Seine grosse geschäftliche Erfahrung, sein reiches positives Wissen als studierter Mann und Jurist, verbunden mit einer grossen Klarheit und einer unerschütterlichen Ruhe, befähigten ihn ganz besonders zur Leitung grösserer Versammlungen, und er hatte gute Gelegenheit, dieses Talent bei zwei der schwierigsten Verhandlungen in dem Vereinsleben, dem Eisenacher Buchdruckertage am 10. März 1872 und der ausserordentlichen Generalversammlung zur Statuten-Revision in Frankfurt am Main am 14. und 15. September 1874, zu bewähren. Er war bei dem schweren Kampfe, um Stuttgart dem Vereine treu zu erhalten, stets das vermittelnde und versöhnende Prinzip[233].
Für den Aufschwung der Metzlerschen Buchdruckerei interessierte er sich lebhaft und es entstanden unter seiner Leitung mehrere schöne Illustrationswerke, als Scheffels „Trompeter von Säkkingen“; Scheffels „Bergpsalmen“ sowie dessen „Gaudeamus“ und „Juniperus“. Die nach dem Tode von A. Bonz entstandene neue Firma A. Bonz Erben strebt in ähnlicher Richtung und gehört zu denen, die allen ihren Druckwerken grosse Sorgfalt widmen und diese auf die ganze Einrichtung und die Behandlung des Formats ausdehnen.
Gebr. Kröner.
Eine ebenfalls auf eine lange Vergangenheit zurückschauende Buchdruckerfirma ist die der Gebrüder Mäntler, jetzt Gebrüder Kröner. Durch ihre Illustrationsdrucke glänzt diese Firma als ein Stern erster Grösse, und kein Jahr vergeht, in welchem nicht Prachtwerke von Bedeutung, teils dem eigenen Verlage zugehörend, teils für fremde Rechnung gedruckt, ihre Pressen verlassen. Es seien darunter einige aus dem eigenen Verlage Kröners genannt: „Unser Vaterland“ in den verschiedenen Abteilungen: das bayrische Gebirge, Tirol, Steiermark, Nord- und Ostsee, Rheinfahrt; Jägers Wanderungen durch die Tierwelt. Eines der weniger bekannten und umfangreichen, „Hugdietrichs Brautfahrt“, dürfte in konsequenter und korrekter Durchführung als eine typographische Musterleistung bezeichnet werden.
Im Jahre 1879 nahmen Kröners die Cottasche Offizin mit 27 Schnellpressen auf zehn Jahre in Pacht. Nachdem die ehemalige Mäntlersche Buchdruckerei in das Cottasche Lokal übergesiedelt war, bietet sich das für den Typographen interessante Schauspiel zweier, nach verschiedenen Systemen eingerichteter und vollständig getrennt in einem Raum arbeitender Druckereien; doch wird wohl auch die Zeit kommen, wo diese beiden Druckereien wie die Preussische Staatsdruckerei und die Geheime Oberhofbuchdruckerei v. Deckers in eine „zusammengeschmolzen“ werden.
Beginn des illustrierten Druckes.
Doch die genannten Firmen sind nur einige der Anstalten, die dazu beigetragen haben, Stuttgarts Ruhm als Verlags- und Druckort zu begründen. Derselbe datiert von dem Ende der dreissiger und dem Beginn der vierziger Jahre. Als in Paris um diese Zeit die illustrierten Unternehmungen sich geradezu überstürzten, erwachte auch der Unternehmungsgeist in Stuttgart und die rührigen Verleger und Drucker dort fanden, ganz im Gegensatz zu den Verhältnissen in Leipzig, bereitwillige Unterstützung bei den dortigen Geldmännern. Unter denjenigen, welche die Mittel in Bewegung F. G. Franckh.zu setzen wussten, stand obenan F. G. Franckh. Unter der Firma „Verlag der Klassiker“ in Pforzheim, der 1839 in den Besitz von Dennig, Finck & Co. überging und nach Stuttgart übersiedelte, erschien eine Reihe von Unternehmungen, die hauptsächlich mit französischen Clichés illustriert wurden. Doch wagte man sich bald daran, Eigenes zu produzieren. So waren die Illustrationen zu „1001 Nacht“ deutsche Originale, dienten jedoch zur Ausschmückung einer französischen Ausgabe. J. Scheible brachte ein kleines „Universum“, C. Krabbe die Übersetzung von Swifts „Gullivers Reisen“ u. s. w.
Ed. Hallberger * 22. März 1822, † 29. Aug. 1880.
Derjenige, welcher die grössten und andauerndsten Erfolge in dieser Stuttgart charakterisierenden Richtung erringen sollte, war Eduard Hallberger, eine der bedeutendsten Erscheinungen des modernen Buchhandels und der neuen Typographie.
Hallberger trat zuerst in das väterliche Geschäft, gründete jedoch 1848 eine eigene Firma und übernahm 1850 die mit drei Schnellpressen arbeitende Buchdruckerei des Vaters. 1853 gründete er die Zeitschrift „Illustrierte Welt“; 1858 fasste er den Plan zu einem „Über Land und Meer.“grossen illustrierten Unterhaltungsblatt „Über Land und Meer“[234]. Hackländers Name als Redacteur war ein tüchtiges Zugmittel; 1862 wagte Hallberger den Sprung von acht Thalern auf vier Thaler Abonnementspreis und hiermit war sein Erfolg entschieden. Holzschnitte und Zeichnungen sind durchweg vortrefflich und haben einen grossen Einfluss auf die Xylographie in Stuttgart geübt.
Dorés Bibel.
Unter den Druckwerken Hallbergers nimmt die Heilige Schrift, illustriert von Gustav Doré, in zwei Ausgaben, für Lutheraner und Katholiken, einen hohen Platz ein. Sein Meisterstück ist jedoch „Ebers' Ägypten“.„Ägypten in Wort und Bild“ mit mehr als 700 Illustrationen und mit Text von Georg Ebers. Alles ist hier deutschen Ursprungs und bildet ein hervorragendes Monument der graphischen Künste Deutschlands im XIX. Jahrhundert. Würdig schliesst sich an dieses „Palästina“.an, wenn es dasselbe auch nicht ganz erreicht: „Palästina“, zu welchem Werk England einen Teil des künstlerischen Schmuckes lieferte. Auch die grossen Ausgaben von Shakespeare, Goethe und Schiller zusammen mit gegen 2400 Holzschnitt-Illustrationen sind bedeutende Erscheinungen, die von vielen geringeren Umfanges gefolgt wurden. Ein wichtiges Werk sind die „Klassiker der Musik“, herausgegeben von J. Moscheles. Der Romanverlag, dessen Perlen die ägyptischen Romane von G. Ebers sind, ist daneben ein sehr ausgedehnter.
Hallbergers Offizin.
Hallbergers Druckerei kann als eine Musteranstalt betrachtet werden. Früher wurden seine illustrierten Blätter auf Alauzetschen Komplettmaschinen vorzüglich gedruckt, jetzt verrichten drei Rotationsmaschinen der Augsburger Fabrik die Arbeit und Hallberger selbst hat wesentlichen Anteil an der glücklichen Durchführung der Aufgabe dieser Maschinen; ausserdem sind 27 Schnellpressen in Thätigkeit. Die Zahl der Arbeiter war etwa 400, dazu beschäftigt die Buchbinderei jetzt 24 Maschinen und etwa 400 Personen; grosse Papierfabriken gehören der Anstalt.
Allgemein betrauert starb Hallberger auf seinem schönen Landsitz Tutzing am Starnberger See[235]. Er besass eine grosse und ideal angelegte Natur, die sich in seinen Unternehmungen ausprägt, weshalb diese auch sympathisch wirken. Dasselbe gilt auch von seinen Bestrebungen zur Gründung einer allgemeinen deutschen Pensions- und Invalidenkasse für Typographen, die vielleicht von Hallbergers Seite zu viel Idealismus enthielten und an dem zu wenig dieser Eigenschaft bei seinen Kollegen strandeten. Für seine eigenen Arbeiter hat er in mehrfacher Hinsicht vortrefflich gesorgt. In seinen Arbeiten wurde er treu von seinem Bruder Karl Hallberger unterstützt.
Aus dem Geschäft wurde eine Aktiengesellschaft Deutsche Verlags-Anstalt unter Karl Hallbergers Direktion. Eine Expedition in Leipzig war bereits 1871 gegründet.
Verschiedene Druckereien.
Eine umfangreiche Druckanstalt ist die von H. Schönlein (24 Schp.), in welcher dessen weit verbreitete illustrierte Blätter gedruckt werden.
Von Druckereien seien noch erwähnt: Greiner & Pfeiffer, die (mit 14 Schp.) namentlich Accidenzien und illustrierte Werke drucken. Die von Gehülfen gegründete Vereinsdruckerei liefert sehr gute Accidenz-, besonders Farbendrucke. J. F. Steinkopf druckt vorwiegend die religiösen Werke seines Verlags; C. Grüninger ist der einzige Buchdrucker Stuttgarts, der sich auf orientalische Druckarbeiten legt und namentlich russische Bücher liefert. C. Hoffmann druckt mit 7 Schnellpressen hauptsächlich die Verlagsartikel von K. Thienemann.
Xylographie.
Die Stuttgarter Xylographie hat begreiflicher Weise eine hohe Bedeutung. Die Anstalt von A. Closs ist eine so vorzügliche, wie wenige, und ist fast ausnahmslos in jedem Stuttgarter Prachtdrucke vertreten. Die Stuttgarter Holzschnitte verbinden so sehr französische Eleganz mit den deutschen Vorzügen, dass vor dem Kriege viele Holzschnitte nach Paris geliefert wurden.
Lichtdruck.
Ausser der Xylographie hat auch der Lichtdruck eine grosse Verbreitung. Die Anstalt von Martin Rommel & Co. liefert vortreffliches und finden ihre Erzeugnisse namentlich ihren Platz in den Prachtwerken von Paul Neff. Auch in der Chromolithographie hat Stuttgart Tüchtiges aufzuweisen durch die Anstalten von Emil Hochdanz, Max Seeger, Gustav Weise. Die Leistungen finden hauptsächlich Verwendung in den Jugendschriften von W. Nitzschke, Schmidt & Spring, Levy & Müller, F. Loewe, K. Thienemann und Gustav Weise. Eine Spezialität des letzteren sind die, in grossen Massen verbreiteten „Bilder für Jung und Alt“. K. Thienemann lieferte auch eine Reihe naturwissenschaftlicher illustrierter Werke.
Schriftgiesserei.
Die Schriftgiesserei hat erst in neuester Zeit begonnen, einen Aufschwung in Stuttgart zu nehmen (S. [290]). Der Verlagsrichtung gemäss findet vorzugsweise die Produktion zu dekorativen Zwecken Beachtung und ist in dieser Richtung namentlich Otto Weisert thätig. Im Jahre 1882 siedelte der bekannte Schriftschneider Bauer sen. von Frankfurt nach Stuttgart über. Als Farbenfabrikanten sind Kast & Ehinger von Bedeutung, namentlich in bunten Farben.
Kunststellung Stuttgarts.
„Das eigenste, was Stuttgart besitzt, gehört nicht der schaffenden idealen Kunst, sondern der schmückenden, dekorierenden, vorab dem Kunstgewerbe. Wer die Kunst beobachten will, der begebe sich vor allem in die Werkstätte der Holzschneider, Lithographen, Zeichner, Buchbinder, der Holz- und Metallarbeiter, der Bauhandwerker. Die schwäbisch-industrielle Regsamkeit hat sich da mit einem Geschmack verbunden, der in Stuttgart, als einer Hauptstadt der deutschen Litteratur und des Buchhandels, von den verschiedensten Seiten angeregt wurde. Hierbei ist der unmittelbare Einfluss der Bücher-Illustration auf die Stuttgarter Kunstgewerbe durchaus nicht zu unterschätzen[236].“
Stuttgarter Verleger.
Unter den Werken, die einen ganz wesentlichen Einfluss in der angedeuteten Richtung geübt haben, steht obenan die „Gewerbehalle“ von J. Engelhorn. Die ersten Künstler und die besten Schriftsteller unterstützen diese, 1863 begonnene Zeitschrift. Ausser der stark verbreiteten deutschen Ausgabe existieren Ausgaben in Amerika, England, Italien, Frankreich, Böhmen, Spanien und Holland. Die „Gewerbehalle“ kann demnach als ein Weltblatt bezeichnet werden.
Ausserdem liess Engelhorn eine Anzahl der vorzüglichsten illustrierten Werke erscheinen: „Italien“ mit etwa 400 Illustrationen, das „Schweizerland“ von Kaden mit 450 Illustrationen, die „Kunstschätze Italiens“ von Karl v. Lützow, „Unser Jahrhundert“ von Otto von Leixner.
Ebner & Seubert gaben eine Reihe von wertvollen, prachtvoll geschmückten Werken über Kunst von Lübke, Burckhardt, Weiss, Schnaase, Kugler heraus. C. Witwer wendete seine Thätigkeit den Werken der Architektur zu.
Paul Neff benutzt für seinen grossartigen Verlag vorzugsweise den Lichtdruck als Illustrationsmittel. Obenan stehen „Die goldene Bibel“ und die „Klassiker der Malerei“. Sowohl hinsichtlich der Ausdehnung als was Ausführung betrifft, höchst bedeutende Werke sind: Ludw. Weisers „Bilderatlas zur Weltgeschichte“, welcher auf 146 Grossfolio-Tafeln über 5000 Darstellungen bringt; die „Denkmäler der Kunst“ mit gegen 200 Tafeln in Stahlstich; M. v. Schwinds „Die schöne Melusine“ und „Die sieben Raben“; A. Racinets „Das polychrome Ornament“, 100 Tafeln in Gold- und Farbendruck; „Die Kunst für alle“ von Gutekunst: das sind einige der Publikationen von Neff; alle anzuführen würde zu weit gehen.
W. Spemann.
Eine der jüngsten und jetzt bereits eine der umfangreichsten Verlagshandlungen ist die, 1873 von W. Spemann gegründete. Grossen Erfolg hatte Johannes Scherrs „Germania“; Jakob von Falkes „Hellas und Rom“; Bruno Buchers „Geschichte der technischen Künste“; die illustrierten Werke von Friedrich v. Hellwald u. a. Die „Kollektion Spemann“ eröffnete den Reigen der Mark-Kollektionen und in Kürschners „Deutscher National-Litteratur“ unterbot der Verleger sich selbst durch Lieferungen zu 50 Pf. Die Monatsschrift „Vom Fels zum Meer“ hat eine sehr bedeutende Verbreitung. Um das typographische Publikum machte sich Spemann verdient durch die Herausgabe des epochemachenden Werkes „Gutenberg“ von Dr. A. v. d. Linde in Wiesbaden.
Die übrigen Verleger Stuttgarts, die weniger Einfluss auf die graphischen Gewerbe übten, müssen hier unerwähnt bleiben.
Tübingen.
Tübingen verlor sehr an Bedeutung durch Übersiedelung Cottas nach Stuttgart. In Esslingen liefert J. F. Schreiber (6 Schp., 8 Hdp.) Bilderbücher und Vorlagen. In Ulm druckt J. Ebner (9 Schp.).
Reutlingen und der Nachdruck.
Einen üblen Ruf erwarb sich Reutlingen als hauptsächlichster Sitz der grössten Nachdruckfirmen: Mäcken, Ensslin und Fleischhauer, welche ihr böses Handwerk natürlich nur im „Interesse der Litteratur“ mit aller Kraft betrieben und schliesslich gar als Wohlthäter der Menschheit womöglich ein Ehrendenkmal verdient zu haben glaubten.
Württemberg besitzt im ganzen 173 Buchdruckereien und 71 lithographische Anstalten mit 398 Schnell-, 350 Tret- und Handpressen. Die Druckereien verteilen sich auf 76 Städte; Stuttgart allein hat 68 Buchdruckereien mit 191 Schnellpressen und 32 lithographische Anstalten mit 43 Schnell- und 104 Handpressen. Im Jahre 1840 besass Stuttgart zwar bereits 24 Buchdruckereien, diese hatten jedoch zusammen nur 30 Schnellpressen, also nicht mehr als eine der grossen jetzigen Druckanstalten, ganz abgesehen von der Leistungsfähigkeit der Maschinen von heute gegen die damaligen. 1882 betrug die Bücherausfuhr Württembergs 3110301 Kilo zu einem Werte von wenigstens 6 Millionen Mark.
München.
München erlangte, wie bereits erwähnt wurde, bei weitem nicht die Bedeutung für den Buchhandel und die Buchdruckerei wie für die Kunst, doch ist es in jüngster Zeit eifrig bemüht das Versäumte nachzuholen. Der wissenschaftliche Verlag hatte keine grosse Ausdehnung und die wichtige Branche der Unterrichtslitteratur befand sich ganz in den Händen der Regierung, welche durch den sogen. Der Schulbücher-Verlag.„Schulbücher-Verlag“ dafür sorgte, „dass kein Gift der Jugend verabreicht wurde“. Durch Reskript vom 12. Oktober 1785 wurde das Privilegium, welches der Buchbinder G. Ruprecht und dann J. B. Oettl auf planmässige Schulbücher innegehabt hatten, zu gunsten des „Deutschen Schulfonds“ erneuert und letzterem der Verlag „aller verlegender Schulbücher auch anderer zur Erziehung dienlicher Schriften“ vorbehalten.
Durch spätere Reskripte wurde dieses Privilegium noch erweitert. Die verschiedentlichen Remonstrationen der Buchhändler blieben, trotz der ihnen zur Seite stehenden Rechts- und Vernunftgründe, unbeachtet. Dass die allgemeine Bildung und der Verlagshandel darunter leiden mussten, ist begreiflich; aber auch der Sortimentshandel wurde geschädigt, da der Schulfond, unter Umgehung der Sortimenter, den Vertrieb durch eigene Zwischenhändler und durch Lehrer besorgen liess, die billiger verkauften, als die Buchhändler einkaufen konnten[237].
E. Mühlthaler.
E. Mühlthaler (seit 1867) war der erste in München, der sich im illustrierten Prachtdruck versuchte, und zwar mit den im Bruckmannschen Verlag erscheinenden „Die Schweiz“ von Gsell-Fels und „Rhododendron“. Bei unverkennbarer Tüchtigkeit und anerkennenswertester Sorgfalt erreichten diese Ausgaben doch nicht ähnliche Stuttgarter Leistungen. Seit 1875 druckt Mühlthaler die Münchener „Fliegende Blätter“ und entwickelt auch seine Intelligenz in merkantilen Accidenzarbeiten. Er beschäftigt bereits 15 Schnellpressen.
Knorr & Hirth.
Eine der angesehensten Firmen ist die von Knorr & Hirth, die mit zwei Rotationsmaschinen, zwei vierfachen und verschiedenen einfachen Schnellpressen arbeitet. Dr. Hirth ist bekannt durch seine Bestrebungen zur Erweckung des Sinnes für die Renaissance, worauf namentlich die in seinem Verlag erscheinenden Werke: Formenschatz der Renaissance; Butsch, Bücherornamente u. a. hinzielen. Nebenbei liefert die Offizin hübsche Accidenzarbeiten und druckt die „Münchener Nachrichten“ in 33000 Exemplaren. Noch weiter als Knorr & Hirth greift in seiner Geschmacksrichtung in der Zeit M. Huttler.zurück Dr. M. Huttler aus Augsburg, welcher eine Filiale in München errichtet hat. Seinen Verlag von Erbauungsbüchern druckt er in gothischer oder Schwabacher Schrift in streng durchgeführter Imitation älterer Drucke.
F. Straub.
J. G. Weiss.
Die „Akademische Buchdruckerei“ von F. Straub beschränkt sich namentlich auf gelehrte Arbeiten und amtliche Drucke, ebenso die Universitätsbuchdruckerei von J. G. Weiss.
R. Oldenbourg.
Unter den neueren Offizinen zeichnet sich die von R. Oldenbourg (13 Schp.) sowohl durch ihre vortrefflichen Einrichtungen als durch ihre Arbeiten aus. Im Jahre 1874 übernahm Oldenbourg von Pustet in Regensburg den Zentral-Schulbücherverlag, ausserdem erscheinen bei ihm sechs Zeitschriften; dagegen werden Accidenzarbeiten weniger gepflegt.
Verschiedene Druckereien.
Zu erwähnen sind noch folgende Offizinen: C. Wolff & Sohn (8 Schp.); F. Wild (7 Schp.); J. Deschler (8 Schp.); E. Huber (6 Schp.), dessen Spezialität hebräische Bücher sind; W. Weifenbach, welcher feine Accidenzarbeiten liefert. Die Cottasche Buchhandlung verlegte die Druckerei der „Allgemeinen Zeitung“ nach München (1 Rotm. und 4 Schp.).
Die Xylographie.
Kasp. Braun * 13. Aug. 1807, † 29. Oktb. 1877.
Unter den Münchener xylographischen Anstalten erwarb sich die von Braun & Schneider einen weit verbreiteten Ruf. Kaspar Braun aus Aschaffenburg hatte sich als Künstler in mehreren Techniken versucht; durch den Anblick von Grandvilles Illustrationen zu Lafontaines Fabeln wurde der Gedanke in ihm fest, den Holzschnitt in Deutschland zu dem alten Ansehen zu bringen. Rasch führte er den Entschluss aus nach Paris zu gehen, um sich, unter des trefflichen Brevière Anleitung, im Holzschnitt auszubilden. Das beste Zeugnis für Braun dürfte es sein, dass Brevière seinerseits später seinen Sohn in die Lehre zu Braun gab. Zuerst gründete er mit v. Dessauer eine xylographische Anstalt, dann vereinigte er Fr. Schneider * 1815, † 9. April 1864.sich mit Friedrich Schneider aus Leipzig zu einem ebenso innigen als erfolgreichen Zusammenwirken. Die „Fliegende Blätter“ behaupten sich bis auf den heutigen Tag in der unveränderten Gunst des Publikums und kaum wird eine ähnliche Sammlung von Gaben des köstlichen Humors sich zusammenfinden, wie in den 2000 Nummern dieses Blattes, aus welchem wieder die „Münchener Bilderbogen“ entstanden. Brauns typische Figuren als: Eisele und Beisele, Wühlhuber, Heulmeier sind jedem bekannt. Durch Schneiders Tod erlitt Braun und sein Humor einen nicht zu verwindenden Stoss. Sein 70. Geburtstag brachte ihm noch Ehren und Freude, dann folgte er seinem vorausgegangenen Freunde.
In jüngster Zeit haben die grossen Verlagsunternehmungen von Friedr. Bruckmann und Th. Stroefer einen bedeutenden Einfluss auf die Münchener Xylographie geübt, einen besonderen Namen erwarben sich: Hecht, Th. Knesing, J. Walle u. a.
Jubiläum.
Als München am 28. Juni 1882 das 400jährige Jubiläum der Einführung der Buchdruckerkunst feierte, hatte dasselbe 49 Buchdruckereien, 38 lithographische Anstalten mit 5 Rotationsmaschinen, 148 Schnellpressen und 229 Tret- und Handpressen. Zu Ehren des Einführers der Buchdruckerkunst, Hans Schauer, dessen ersten Druck mirabilia urbis Romae man in dem Kloster Tegernsee aufgefunden hat, wurde eine Denktafel an seinem Druckhause in der Rosenstrasse Nr. 10 angebracht. Die älteste der noch existierenden Druckereien Münchens ist die aus dem Jahre 1769 stammende F. S. Hübschmannsche.
Die Lithographie.
Dass die lithographische Kunst sich in München, der Wiege derselben (S. [7]), weiter entwickelte und in den dortigen reichen Sammlungen Stoff zu Vervielfältigungen fand zu einer Zeit, wo die Lithographie den Kunstsammlungen gegenüber fast die Stellung einnahm, wie jetzt die Photographie, ist natürlich.
Fr. Hanfstängl * 1. März 1804, † 18. April 1877.
In beiden Kunstzweigen erwarb sich Franz Hanfstängl grossen Ruhm. Er war, als Sohn wenig bemittelter Bauern, in Tölz geboren. Obwohl für die Laufbahn eines Malers bestimmt, machte der Zufall es, dass er sich der Lithographie widmete. Gleich gewandt als Zeichner und als Lithograph, etablierte er 1830 eine lithographische Anstalt, ging jedoch 1834 nach Paris, um sich bei Lemercier noch mehr auszubilden. Schnell erwarb er sich neben Strixner, Piloty und Bodmer einen Namen, besonders durch seine genialen Portraitaufnahmen. Als die kgl. sächsische Regierung den Plan gefasst hatte, die Meisterwerke der Dresdner Galerie durch Steindruck zu veröffentlichen, ward Hanfstängl ausersehen, die Ausführung zu übernehmen; ihm gefiel jedoch die Abhängigkeit nicht und das Unternehmen geschah auf seine Kosten. Seine Wirksamkeit in Dresden war an Ehren reich. Inzwischen hatte die Photographie Boden gewonnen. Hanfstängl fühlte die Wichtigkeit der neuen Kunst sofort heraus und warf sich mit aller Kraft auf dieselbe. Als es sich um Herausgabe der bedeutendsten Bilder der alten Pinakothek handelte, blieb er unter 22 Konkurrenten Sieger, und lieferte eine Sammlung, die in ihrer Art ebenso hervorragend ist wie die in Dresden veranstaltete.
J. Albert.
Einen bedeutenden Namen erwarb sich gleichfalls Jos. Albert, besonders durch seine Lichtdrucke (Albertotypie) und seine Photographien in Farben. Als der eigentliche Erfinder des Lichtdruckes, der jedoch das Verfahren nicht zuerst praktisch in Anwendung brachte, gilt J. B. Obernetter. Die Arbeiten desselben stehen in hohem Ansehen, darunter die Facsimile-Ausgabe der „Meister von 1440–1694“; die „Kunstschätze aus dem bayrischen Nationalmuseum“ u. s. w. Ein Portrait des Kaisers wurde in einer Auflage von einer Million gedruckt. Auch Jul. Allgeyer und C. Bolhoevener zeichneten sich in ihrem photochemischen Verfahren aus. In neuester Die Autotypie.Zeit erregte die Autotypie des Ingenieurs G. Meisenbach Aufsehen. Ein Mangel bei der Zinkhochätzung war die Notwendigkeit, eine Vorlage in scharfen Linien oder mit lithographischem Korn versehen zu haben; eine getuschte Zeichnung, sowie eine Aufnahme nach der Natur oder einem Ölgemälde war nicht zu benutzen. Dem will die Autotypie abhelfen. Die Aufnahme des Bildes für die Hochätzung findet durch ein System von Linien statt, wodurch der notwendige Halt für die Reproduktion in Zinkographie geschaffen wird.
Fr. Bruckmann.
Die berühmte Bruckmannsche Kunstanstalt, jetzt eine Aktiengesellschaft, wurde 1865 gegründet. Im Jahre 1869 erwarb Friedr. Bruckmann das durch Patent geschützte Woodbury-Verfahren; 1875 nahm er den Lichtdruck auf; 1882 die Photogravüre, die sich namentlich zur Reproduktion von Ölgemälden eignet[238]. Bruckmann lieferte eine grosse Anzahl Galerien zu den vielen deutschen Dichtern und unter Zuhilfenahme der Xylographie grossartige Prachtwerke, z. B. Krelings „Faust“ und die „Geschichte der Hohenzollern“, die zu den bedeutendsten Erzeugnissen der neuen Zeit gehören.
Der Farbendruck.
Die Chromolithographie wird in ziemlichem Umfange in München betrieben. Bekannt sind die Anstalten von Gebr. Obpacher, Lehmann & Wentzel, W. Forndran, F. Gypen, Th. König, Mey & Widmayer, sie arbeiten hauptsächlich für das Papeteriegeschäft oder beschäftigen sich mit der Herstellung religiöser Bilder. Als Kunstverleger sind thätig A. Ackermann, F. Finsterlin, E. A. Fleischmann, G. Franz, P. Kaeser u. a.
Nürnberg.
Nürnberg erhielt in neuerer Zeit wieder eine erhöhte Bedeutung durch das Germanische Museum und seine Kunstgewerbeschule, welche beide direkt und indirekt, auch durch Ausstellungen, auf das graphische Gewerbe fördernd wirken. Die Stadt ist auch der Sitz verschiedener Fabrikationen, die mit den graphischen Gewerben in naher Verbindung stehen, z. B. Bronce, Farbe, Zeichenmaterial. Auch die Zahl der eigentlichen graphischen Anstalten ist noch eine bedeutende, namentlich für den lithographischen sowie für den Kupfer- und Stahldruck. Die Zahl der Buchdruckereien ist 26 mit 49 Schnellpressen, darunter G. B. J. Bieling (5 Schp.), U. E. Sebald (7 Schp.). Die älteste Druckerei ist die von W. Tümmel, seit Ende des XVI. Jahrhunderts bestehend, welche mit 2 Rotationsmaschinen den „Fränkischen Kurier“ druckt. Unter den 46 lithographischen und Kupferdruck-Anstalten, welche mit 79 Schnellpressen und gegen 300 Handpressen arbeiten, sind zu nennen: G. Brunner, hauptsächlich Phantasieartikel liefernd (15 Schp., 24 Hdp.); Karl Mayer für Farbendruck, Luxuspapier und Kupferdruck (5 Schp., 30 Hdp.); C. A. Pocher (16 Schp., 35 Hdp.); C. Schimpf (5 Schp., 18 Hdp.); Franz Schemm; H. Serz & Co.; J. G. Martin (4 Schp., 22 Hdp.); E. Nisler (12 Schp., 14 Hdp.). Man sieht aus diesen Angaben, dass der Export Nürnbergs immer noch ein bedeutender ist. In dem benachbarten Fürth arbeiten J. Hesse (5 Schp., 15 Hdp.) und G. Löwensohn (5 Schp., 5 Hdp.).
Regensburg. Fr. Pustet.
Regensburg ist berühmt durch die liturgischen Druck- und Verlagswerke von Fr. Pustet (17 Schp.) und J. G. Manz (9 Schp.). Einzelne mit Aquarellen geschmückte Bände erreichen einen Preis von 1000 fl. und mehr. Viele der Ausgaben sind mit vortrefflichen Miniaturen in xylographischem Farbendruck von Knöfler in Wien geschmückt. Von den Pustetschen Drucken seien erwähnt: das Missale in Gross-Folio von 1863; das Graduale in zwei mächtigen Folianten; die musica sacra des Kanonikus C. Proske, 6 Bände in Quart; das Missale Romanum mit Einfassungen und Illustrationen von Prof. Klein in Wien. Dass neben dem wirklich Schönen auch mancher Flitterstaat vorkommt, lässt sich bei Werken dieser Art J. G. Manz.kaum vermeiden. Manz wendet in seinem Verlag mehr den Stahlstich an, hat ausserdem noch einen bedeutenden katholisch-wissenschaftlichen Kempten.Verlag. In Kempten verfolgt Jos. Kösel ebenfalls den liturgischen Verlag, ohne sich mit dem Regensburger messen zu können. Dort wirkt auch Tob. Dannheimer.
Augsburg.
Augsburg wurde oft genannt als Druckort der „Allgemeinen Zeitung“. Eine lange Reihe von Jahren war diese das einflussreichste Journal Deutschlands, namentlich auf Grund der besonderen Freiheiten, welche das Blatt in Österreich genoss, und ihrer intimen Beziehungen in den höchsten Wiener Regionen. Berühmt waren ihre wissenschaftlichen Beilagen, welche, dank den weitverzweigten litterarischen Verbindungen der Firma Cotta, die vortrefflichsten Artikel in Bezug auf Kultur-, Litteratur- und Kunstzustände enthielten. Von den 13 Druckereien Augsburgs sind noch anzuführen J. P. Himmer (7 Schp.) und Gebr. Reichel (7 Schp.). Des Dr. Huttler wurde bereits gedacht (S. [394]). Dasselbe ist der Fall mit der grossen Maschinenfabrik Augsburg (S. [313]).
Würzburg u. a. Städte.
Von anderen Städten Bayerns sind zu erwähnen: Würzburg mit der B. Stahelschen (4 Schp.), der Bonitas-Bauerschen (5 Schp.) und Theinschen Offizin (6 Schp.), sowie mit der Maschinenbauanstalt von König & Bauer im Kloster Oberzell; Landshut mit der J. Thomannschen Buchdruckerei (6 Schp.); Ansbach, wo C. Brügel & Sohn (6 Schp.) drucken. Auf Grund seiner vortrefflichen Accidenzarbeiten verdient J. B. Dorn in Kaufbeuren genannt zu werden.
Frankfurt a. M.
Hatte Frankfurt a. M. auch seine frühere Bedeutung als Emporium des Buchhandels verloren, so behauptete es wenigstens, wie schon früher erwähnt, seine Suprematie in der Stempelschneiderei und der Schriftgiesserei, zeichnete sich daneben auch in der Verwendung der verschiedenen graphischen Künste für den Accidenzdruck Accidenzdruckereien.aus. Ganz besonders traten hervor die Firmen C. Naumann (14 Schp., 23 Hdp.) und B. Dondorf (9 Schp., 12 Hdp.), mit Bunt- und Congrevedruck, pantographischen Arbeiten, Reliefdruck und dergleichen, sowohl jeder für sich, als wenn sie zu einzelnen Zwecken zusammentraten. Bedeutendes in technischer und quantitativer Hinsicht wurde von ihnen bei der Anfertigung des italienischen und japanischen Papiergeldes geleistet, bis auch diese Länder soweit fortgeschritten waren, dass sie ihren „Bedarf“ in diesem wichtigen Artikel selbst decken konnten.
Verschiedene Druckanstalten.
In neuester Zeit hat A. Osterrieth sein Geschäft zu einem, alle graphischen Zweige umfassenden (18 Schp., 12 Hdp., 150 Arb.) ausgebildet. Albert Mahlau, Inhaber der Firma Mahlau & Waldschmidt, wurde bereits (S. [364]) erwähnt. Bedeutend ist die Steindruckerei E. G. May Söhne (10 Schp., 12 Hdp.). Die C. Knatzsche Anstalt liefert in Etiquetten und dergleichen mannigfach Gutes. K. Klimsch verbindet Buch- und Steindruckerei (S. [319])[239].
Auf dem Rossmarkte steht das Gutenberg-Monument (I, S. 36); hätten doch im Leben Gutenberg, Fust und Schöffer so fest zu einander gestanden wie hier auf dem Bildwerke des Freiherrn v. d. Launitz.
Darmstadt.
In Darmstadt, das auch durch die Firmen Jonghaus & Venator, F. Lange und W. Leske für den Kunsthandel eine gewisse Bedeutung hatte, drucken C. F. Winter und L. C. Wittich; in Wiesbaden die L. Schellenbergsche Hofbuchdruckerei; in Cassel Gebr. Gotthelft und die Hof- und Waisenhausbuchdruckerei, je mit 5 Schnellpressen. In letzterer Stadt liefert Th. Fischer zu seiner Palaeontographica (ein Exemplar kostet über 2000 Mark) und anderen Werken tüchtige Abbildungen in lithographischem Farbendruck. Noch sei das Städtchen Allendorf a. d. Werra genannt, mit der Offizin Bodenheim & Co., die mit 10 Schnellpressen und 150 Arbeitern hauptsächlich Schreibhefte, Kapseln und dergleichen liefert.
Mainz.
Kein Jünger Gutenbergs hört den Namen Mainz nennen ohne den Gedanken an dessen frühere Herrlichkeit für die Buchdruckerkunst. Dass die Erfindung in Mainz geschah, war in Zufälligkeiten begründet und für die Entwickelung einer Kunst oder eines Gewerbes sind Verhältnisse mitwirkend, die zu regeln und zu ändern nicht in der Macht des Einzelnen liegt. Deshalb lässt sich, wenn das goldene Mainz nicht eine Gutenbergsche Hochschule geworden, darüber mit den Mainzern nicht rechten, wohl aber dürfte sie der Vorwurf treffen, dass sie nicht beizeiten an die Gründung eines Gutenberg-Museums gedacht und dass sie noch leichteren Kaufes, als die, allerdings sehr ungünstigen, Verhältnisse es notwendig machten, ihre typographischen Schätze dahingegeben haben, die jetzt hauptsächlich Zierden der Nationalbibliothek in Paris sind. Trotzdem wird Mainz ein Wallfahrtsort der Jünger Gutenbergs bleiben, um wenigstens das Standbild des Meisters zu schauen, das seit dem 14. August 1837 den Das Einweihungsfest des Monuments.Gutenbergsplatz schmückt. Die Einweihung desselben gestaltete sich zu einem glänzenden Feste. Ein grossartiger Festzug von den aus allen Gauen Deutschlands, ja selbst aus fremden Ländern zusammengeströmten Gästen begab sich erst nach dem Dom, wo der Bischof einen feierlichen Gottesdienst abhielt und wo ein Te Deum von Sigm. Neukomm gesungen wurde. Von dort bewegte sich der Zug nach dem Festplatze, wo der Vorsitzende des Gutenberg-Vereins die Übergabe-Rede hielt, worauf die Enthüllung der Statue Thorwaldsens vollzogen wurde. Am zweiten Tag ward ein Volksfest, auf dem Rhein ein Fischerstechen, abends ein glänzender Fackelzug und im Schauspielhause ein Ball abgehalten. Am dritten Festtage fand eine Versammlung der Fachgenossen statt, um über die Säkularfeier zu beraten, deren Abhaltung für den 24. Juni 1840 endgültig bestimmt wurde. Thorwaldsen ward zum Ehrenbürger der Stadt erwählt und ihm ein kunstvolles Diplom in silberner Decke übersandt[240].
Offenbach a. M.
Mannheim.
Offenbach a. M. hat eine Bedeutung in der Geschichte der Lithographie durch die Verbindung Senefelders mit Joh. André, der die Erfindung erwarb, um sie für die Herstellung seines Musikalienverlags nutzbar zu machen. Mannheim hat 12 Buchdruckereien, darunter M. Hahn & Co. (7 Schp.) und die Mannheimer Vereinsbuchdruckerei (5 Schp.). In dem gegenüberliegenden Ludwigshafen Karlsruhe.befindet sich die Baursche Buchdruckerei (4 Schp.). In Karlsruhe mit 17 Offizinen ist die grösste die Ch. F. Müllersche Hofbuchdruckerei und lithographische Anstalt (8 Schp., 11 Hdp.). Tüchtiges liefern die G. Braunsche Hofbuchdruckerei und C. & G. F. W. Hasper * 31. Juli 1796, † 21. Juni 1871.Macklot. Hier wirkte auch Friedr. Wilhelm HASPER, bekannt durch sein „Handbuch der Buchdruckerkunst“ 1835, das jedoch nicht ganz den gehegten Erwartungen entsprach. Karlsruhe hatte zu der Zeit, wo die Stahlstich-Illustration florierte, eine ziemliche Anzahl von Kunstinstituten aufzuweisen, als W. Creuzbauer, F. Gutsch, T. B. Veit, J. Velten. Obwohl Universitätsstadt hat Heidelberg keinen bedeutenden Platz in der Geschichte der Buchdruckerkunst; A. Emmerling & Sohn beschäftigen 4 Schnellpressen.
Freiburg i. Br.
Nach erfolgter Einführung nahm die Buchdruckerkunst in Freiburg einen ziemlichen Aufschwung, verfiel jedoch unter der österreichischen Zensur und Jesuitenherrschaft. Erst mit Maria Theresia und Joseph II. begannen freundlichere Tage für die Presse. 1840 zählte Freiburg 7 Buchdruckereien und 6 Kupfer- und Steindruckereien. Besondere Bedeutung hat die Herdersche, 1801 gegründete Anstalt. Herder war der erste, der einen Bilderatlas zu dem Konversations-Lexikon, unter der Leitung des Geographen Heck, versuchte. Seine geographischen Verlagsartikel, namentlich die grossen Arbeiten Wörls; Kausslers „Schlachtenatlas“; J. Löwenbergs „Historisch-geographischer Atlas“ sind von Wichtigkeit. Auch Rottecks Weltgeschichte, die seinerzeit eine sehr grosse Verbreitung fand, erschien bei Herder, der ausserdem den katholischen Verlag sehr pflegte.
In Lahr hatte seit 1800 J. H. Geiger, jetzt M. Schauenburg, ein umfangreiches Etablissement (19 Schp., 11 Hdp., 150 Arb.). Allgemein bekannt ist der „Lahrer hinkende Bote“.
Elsass-Lothringen.
Metz besitzt neun Buchdruckereien und sieben lithographische Anstalten; die bedeutendste Offizin (5 Schp.) ist die nach dem Kriege von Gebr. Lang begründete. In Mülhausen arbeiteten für die dortigen Fabriken sieben Buchdruckereien und zwölf lithographische Anstalten, darunter W. Baader & Co. (6 Schp., 12 Hdp.). Das Strassburg gegenüber liegende Kehl war für eine kurze Zeit bekannt durch die Beaumarchaissche Druckerei (S. [184]). Weltberühmt Ad. Braun.ist die von Ad. Braun 1858 in Dornach gegründete photographische Anstalt. Braun begann seine Laufbahn als Musterzeichner in einer Kattundruckerei. Berühmt wurden seine Schweizer Landschaften; auch liess er später ganz Mitteleuropa bereisen, um Aufnahmen zu machen, welche 1862 bereits die Zahl 15000 erreicht hatten. Seit 1866 trieb er den Pigmentdruck im grossen Stil. Sämtliche Museen Europas wurden bereist und eine grosse Zahl der berühmtesten Handzeichnungen grosser Meister als treue Facsimiles reproduziert, ebenso die interessantesten Gemälde fast aller Galerien. Die Anstalt, welche in eine Aktiengesellschaft umgestaltet wurde, besass bei Brauns Tod 1877 mehr als 60000 Negativplatten. In Colmar besteht noch das von Decker gegründete Geschäft unter der Firma C. Decker Witwe (S. [358]).
Strassburg.
Mit hoher Befriedigung wird jeder Deutsche in Strassburg, der „ersten Wiege“ der Druckkunst, welche injuria temporum Deutschland, wie es fast den Anschein hatte für immer, verloren gegangen war, einkehren, da er jetzt nicht nötig hat, deshalb die Grenzen des Reichs zu überschreiten. Wird auch der Politiker und Kriegsführer Metz mit derselben Freude als deutsch begrüssen, das Herz des Volkes und der Fachgenossen besonders hängt doch mehr an Strassburg.
Gutenbergdenkmal.
Mag das Denkmal Gutenbergs (I, S. 36) von Franzosen errichtet sein, mag das Buch, welches der Meister in der Hand hält, immerhin die französische Inschrift Et la lumière fût tragen, hoffentlich wird nie der, in einem Augenblicke hoher Aufregung ausgesprochene, Gedanke, das Monument, oder wenigstens die Inschrift, zu entfernen, wieder entstehen. Ist doch die Huldigung, dem deutschen Manne von einem grossen Volke dargebracht, keine Schande für ihn, der für alle Völker segensreich gewirkt hat, wie es auch das Relief des Denkmals versinnlicht, wo sich Repräsentanten aller Völker sammeln, um dem Meister enthusiastische Huldigung darzubringen. Das Denkmal steht, wo es hingehört, auf deutschem Grund und Boden, da mag es mit französischer Aufschrift stehen.
Strassburg unter Frankreich.
Mit dem Übergang Strassburgs in die Hände der Franzosen erlosch nach und nach das frische deutsche Kultur- und Kunstleben, das nicht durch eine französische Akademie ersetzt werden konnte. Doch hatte Strassburg in der Geschichte der graphischen Künste gute Namen zu verzeichnen: Berger-Levrault (S. [187]), Treuttel & Würtz (S. [186]), Gustav Silbermann (S. [205]), zu denen Engelmann Vater und Sohn aus Mülhausen sich gesellen (S. [206]). Jetzt zählt Strassburg 15 Buchdruckereien und 16 lithographische Anstalten mit 64 Schnellpressen und 98 Tret- und Handpressen. Die hervorragendste Druckanstalt bleibt die wennauch geteilte Offizin Berger-Levrault (S. [186]), jetzt eine Kommanditgesellschaft unter der Firma R. Schultz & Co. mit 22 Schnellpressen, 18 Handpressen und 250 Arbeitern. Die berühmte Silbermannsche Anstalt ging erst auf M. Schauenburg in Lahr, dann auf Silbermanns früheren Geschäftsführer R. Fischbach über (9 Schp., 7 Hdp.), ausserdem ist die Universitätsbuchdruckerei von J. H. E. Heitz (4 Schp.) zu nennen.
J. D. Schöpflin * 8. Sept. 1694, † 6. Aug. 1771.
Einen gewichtigen Namen in der Geschichte der typographischen und geistigen Interessen Strassburgs hat der gelehrte Joh. Dan. Schöpflin. Er schrieb die bekannten Vindiciae typographicae (1760) und überliess 1765 der Stadt gegen eine mässige Leibrente seine historischen Sammlungen und seine bedeutende Bibliothek, fuhr jedoch fort, diese auch nach der Abtretung zu vermehren. Die Bibliothek.Durch die Einziehung der Klöster und durch jährliche Erwerbungen war die Sammlung auf gegen 12000 Handschriften und gegen 180000 gedruckte Bücher angewachsen, darunter gegen 2000 Inkunabeln zumteil der seltensten Art. Als ein Kleinod der Sammlung galt das Manuskript der Äbtissin Herrade von Landsberg, Hortus deliciarum, aus dem XII. Jahrhundert, in Gross-Folio, mit den kostbarsten Miniaturen fast auf jedem Blatt. Auch eines der wichtigsten Dokumente aus der Erfindungsgeschichte der Buchdruckerei, die Zeugenaussage in dem Prozess zwischen Gutenberg und den Brüdern des Andr. Dritzehn aus dem Jahre 1439 (I, S. 25), befand sich unter den Schätzen, welche seit dem Jahre 1805 in die neue evangelische Kirche verlegt wurden, wo bereits eine andere wichtige Sammlung, die Universitätsbibliothek, untergebracht war.
Einige leider zu gut gezielte Bomben haben das alles vernichtet und die Opferfreudigkeit, mit welcher die Strassburger Bibliothek neu und grossartig errichtet wurde, konnte den unersetzlichen Teil nicht wiederschaffen[241].
Hoffen wir, dass materielle und nationale Wunden mit der Zeit vernarben, dass das alte Strassburg wieder als eine der hauptsächlichsten deutschen Kulturstätten erstehe und neuen typographischen Ruhm erwerbe, dass zum nächsten Jubelfeste die Angehörigen der verschiedenen Nationalitäten sich um das Abbild des Meisters brüderlich die Hand reichen. Gutenbergs Kunst kann zwar schwere Wunden schlagen, aber sie heilt auch solche!
DIE SCHWEIZ.
Örtliche Schwierigkeiten.
Als einige Geistliche in Cellarina im Ober-Engadin den Gedanken gefasst hatten, eine Druckerei anzulegen, liessen sie einen Setzer und einen Drucker aus Bergamo kommen, welche die kleine Letternanschaffung in ihrem Ranzen auf dem Rücken trugen. Eine abgenutzte Holzpresse wurde auf einen Esel gepackt, weil noch kein Fahrweg vorhanden war. Ein Zimmermann schlug auf dem Boden eines Heustalles Regale auf und zimmerte Setzkasten. Als Gespan des Druckers fungierte ein Bauernbursche, welcher auch die Abwartung des im unteren Stock einlogierten Esels zu besorgen hatte. Wenn der Winter herannahte, ging das Personal nach Bergamo heim und kam mit dem Frühjahr wieder zurück. Durch dessen Arbeit entstand eine Sammlung geistlicher Lieder, welche noch nach dem Jahre 1840 das allgemeine Kirchengesangbuch des Engadin bildete.
Wenn nun auch dieses kleine typographische Genrebild, selbst in der Schweiz, wohl nicht viele Pendants hat, so kann es doch als eine hübsche wennauch drastische Illustration der Schwierigkeiten dienen, welche der raschen Verbreitung der Typographie in einem Berglande mit zerstreuter Bevölkerung, kleinen Städten und einem Erfreuliches Emporblühen.schwierigen Verkehr entgegenstanden. Diese Verhältnisse müssen die Achtung für die Schweizer Typographen steigern, die, obwohl die Litteraturen des mehrsprachigen Landes sich denen der grossen Nachbarvölker anschliessen müssen, gewusst haben, ihre gewerbliche Selbständigkeit zu wahren und, allerdings kräftigst durch eine wennauch kleine so doch hochgebildete und hochpatriotische Bevölkerung unterstützt, eine bedeutende Produktion zu erzielen.
So bildet die schweizerische Typographie das Bild einer allmählichen, ruhigen, den Verhältnissen angemessenen Fortentwickelung. Man ist eifrig bemüht gewesen, nicht zurückzubleiben, strebt aber andererseits nicht danach, eine der Sachlage nicht angemessene blendende Stellung einzunehmen.
Statistisches.
Die Schweiz besitzt in 164 Städten, Städtchen, Flecken und Dörfern 325 Buchdruckereien und 184 lithographische Anstalten mit zusammen 534 Schnellpressen und 812 Tret- und Handpressen, von welchen die Tretpressen verhältnismässig sehr stark repräsentiert sind. In dem Druckgewerbe werden überhaupt gegen 5000 männliche und 1000 weibliche Arbeiter beschäftigt.
Zeitschriften-Litteratur.
Wenn die Schweiz vorzugsweise reich an Zeitschriften ist — es giebt eine solche auf je fünfhundert Einwohner —, so liegt dies an der Zersplitterung der Interessen durch die kantonale und kommunale Kleinregierung, an den verschiedenen Nationalitäten und an der örtlichen Lage. Deshalb hat die Schweiz keine Blätter von grosser Verbreitung und allgemeiner Bedeutung und die Auflagen sind oft winzig klein. Die Zahl der in 158 Druckorten erscheinenden Journale politischen oder lokalen Inhalts beträgt 307, darunter 60 täglich, 161 zwei- oder dreimal wöchentlich erscheinende; 222 davon in deutscher, 75 in französischer, 7 in italienischer, 2 in romanischer, 1 in englischer Sprache. Von nichtpolitischen Zeitungen giebt es 253; darunter 166 deutsche, 78 französische, 7 italienische und 2 romanische. Bei weitem die meisten dieser Blätter sind sauber gedruckt. Die Zahl der jährlich erscheinenden Bücher beträgt etwa 1200.
Basel.
Basel mit seinen grossen Traditionen war nicht in der Lage, unter veränderten Verhältnissen seinen hohen typographischen Ruhm aufrecht zu erhalten. Doch hat es zum Beginne der neuen Periode eine Druckerfamilie von europäischer Bedeutung aufzuweisen[242].
Die Familie Haas.
W. Haas d. ä. * 23. Aug. 1741, † 8. Juni 1800.
Wilhelm Haas war in mancher Beziehung ein ebenbürtiger Zeitgenosse J. G. I. Breitkopfs. Sein Vater war ein geschickter Schriftschneider und Schriftgiesser aus Nürnberg, der das Bürgerrecht in Basel erworben hatte. Der Sohn Wilhelm Haas zeigte schon in seiner Jugend ein entschiedenes Talent für den Beruf des Vaters und wurde gründlich von Daniel Bernoulli in Mathematik und Mechanik unterrichtet. Er übernahm das Geschäft des Vaters und brachte es bald dahin, dass seine Schriftgiesserei als eine der Seine Typen.vorzüglichsten Deutschlands angesehen wurde. Die Frakturschriften betrachtete man in Bezug auf Regelmässigkeit und Klarheit als mustergültig. Für seine Antiqua nahm er Baskerville zum Vorbild; sie ist z. B. in der bei Thurneysen erschienenen Ausgabe von Voltaires Werken verwendet, auch schnitt er eine nicht unbeträchtliche Zahl von orientalischen Schriften. Zu seinen Verbesserungen gehört sein System der Spatien und der Stücklinien, worüber er sich in einer besonderen Schrift (1772) aussprach.
Verbesserte Handpresse.
Sein Hauptaugenmerk galt jedoch der Verbesserung der Druckpresse, die seit dem Jahre 1500 so ziemlich ungeändert geblieben war. Haas lebte aber noch in der Blütezeit des Innungszopfes. Er war kein kunstgemäss gelernter Buchdrucker und seine freundlichst gesinnte Kollegenschaft brachte es glücklich so weit, dass er nicht mit der von ihm konstruierten Presse arbeiten durfte, die er deshalb an Schweighauser verkaufte. Er selbst musste sich mit der Herausgabe einer deutschen und einer französischen Beschreibung begnügen. Die Hauptbestandteile seiner Presse waren aus Eisen und ruhten auf einem Steinblock; der Tiegel hatte die Grösse des Fundaments, so dass für den Druck einer Form nunmehr nicht zwei Züge notwendig waren. Der Bengel wurde an dem Kopfende der Spindel angebracht und der Hebel mit einer Schwingkugel versehen.
Landkartensatz.
A. G. Preuschen.
In das Jahr 1775 fallen Haas' Versuche, Landkarten und Musiknoten mit Typen herzustellen. Den ersten Gedanken zu dem Landkartensatz fasste der Hofdiakon A. G. Preuschen in Karlsruhe, der sich an Haas mit dem Vorschlag wandte, mit ihm in eine Association für diese neue Kunst, die „Typometrie“, zu treten. Haas ging mit Energie und Überzeugung auf den Gedanken ein. Als erstes Probestückchen erschien zu Anfang des Jahres 1776 in Basel ein Blättchen mit einer Waldung und dem Lauf eines Flusses; das zweite griff schon weiter und wurde der Kaiserl. Akademie zu St. Petersburg und dem berühmten Geographen Büsching vorgelegt, der Feuer und Flamme für die Erfindung wurde.
Nun trat Breitkopf hervor und erklärte, er habe sich schon zwölf Jahre mit denselben Versuchen beschäftigt, und versandte seine Proben. Im Oktober 1776 gab Haas eine Karte des Kantons Basel in Quart heraus, von welcher 1777 eine neue Ausgabe im üblichen Landkartenformat erschien, der eine Nachbildung der Karte von Sicilien von Hubert Jaillot aus dem Jahre 1736 folgte. Sie wurde dem König Ferdinand IV. von Neapel dediziert und erschien auch in einer französischen Ausgabe. Wilh. Haas gab noch etwa ein Dutzend solcher Karten heraus. Nach den neueren Erfindungen hat die Typometrie jedes praktische Interesse verloren, das nie ein nennenswertes gewesen, und nur das historische ist geblieben.
Haas und Thurneysen.
Im Jahre 1780 errichtete Haas im Verein mit dem talentvollen Buchdrucker und Buchhändler Joh. Jak. Thurneysen ein Geschäft, das sehr elegante Arbeiten lieferte. Die Verbindung hörte jedoch nach sechs Jahren auf und Haas der Sohn übernahm die Leitung der Buchdruckerei und führte sie nach dem Tode seines Vaters, der zugleich Brigade-Chef und General-Inspektor der helvetischen Artillerie war und auf einer artilleristischen Inspektionsreise zum allgemeinen Bedauern starb, fort.
W. Haas d. j. * 15. Januar 1766, † 22. Mai 1838.
W. Haas d. j. hatte eine sehr sorgfältige Erziehung genossen und zeigte frühzeitig ein entschiedenes Talent für die Typographie. Als achtjähriger Knabe setzte er ein Frag- und Antwortspiel aus Nonpareil mit einer Einfassung und druckte es in zwei Farben. Als sechzehnjähriger Gehülfe stellte er, unter Benutzung der systematischen Stücklinien des Vaters, die grosse Karte der Weltgeschichte von F. K. Fulda (Augsburg, Stagesche Buchhandlung) fertig, die aus zwölf grossen Formen besteht, welche zusammen ein Tableau von 5 Fuss Höhe und 6 Fuss Breite bilden.
Weitere Reformen.
Nach der oben erwähnten Übernahme des Geschäfts im Jahre 1786, welches die Firma Wilhelm Haas der Sohn annahm, heiratete er 1788 die Tochter Georg Jacob Deckers (S. [361]). An der Druckpresse brachte er noch weitere Verbesserungen an und vervollkommnete den Satz der Landkarten, von welchen viele Blätter bei ihm erschienen. Nach dem Beispiel Baskervilles fertigte er nach seiner eigenen und des Vaters Idee eine Satiniermaschine, die er jedoch, als er die von Bodoni konstruierte gesehen hatte, verwarf. Seine Musiknoten sind elegant. Er druckte auch verschiedene hebräische Werke, darunter eine Bibel in vier Bänden, Grossoktav. Auch den Accidenzarbeiten wurde grosse Sorgfalt gewidmet.
Wilhelm und Eduard Haas.
Zu der im Jahre 1830 in Basel stattgehabten Kunst- und Industrie-Ausstellung hatte Haas „Das Gebet des Herrn“ in hundert Sprachen, wie er bemerkt: die vierzigste derartige Sammlung, ausgestellt. Das Geschäft überliess er seinen Söhnen Wilhelm und Eduard, von denen letzterer sich bei Didot als Stempelschneider ausgebildet hatte, und erlebte in Zurückgezogenheit noch sein 77. Jahr. Das Geschäft besteht noch heute als geachtete Schriftgiesserei.
Eine bekannte Baseler Druckerfamilie war die Thurneysensche, die ihre Aufmerksamkeit namentlich dem Bibeldruck zuwendete. In jüngster Zeit hat die Schweighausersche Offizin durch Benno Schwabe mehrere vorzügliche Arbeiten, namentlich im Renaissancestil, geliefert, welche den besten aus der Glanzzeit Basels ebenbürtig sind.
Zürich.
Wenn Bern auch die Hauptstadt der Schweiz ist, so bleibt doch Zürich, sowohl was Einwohnerzahl betrifft, als auch in Beziehung auf Kultur, Litteratur und Druckgewerbe, die erste Stadt der Schweiz. Sie besitzt 22 Buchdruckereien und 18 lithographische Anstalten, die 55 Schnellpressen, 136 Tret- und Handpressen beschäftigen. Der Kanton Zürich hat 40 Buchdruckereien, 30 lithographische Anstalten mit 97 Schnellpressen, 190 Handpressen und 800 Arbeitern und überragt weit jeden anderen der Kantone. Berühmt war Zürich schon in der älteren Druckgeschichte als Sitz des Geschäfts Christ. Froschauers, als dessen würdige Nachfolgerin Orell Füssli & Co.die Firma Orell Füssli & Co. noch heute sich zeigt (I, S. 140). Die Offizin würde auch in Deutschland zu den bedeutenderen zählen (10 Schp., 15 Hdp.); sie vereinigt alle Branchen der graphischen Künste und liefert in allen Vorzügliches. Das am 25. August 1881 bezogene neue Haus „Zum Bären“ ist ein höchst stattlicher Bau. Einen eigentümlichen äusseren Schmuck desselben bildet ein, eine ganze Wand des vierstöckigen Hauses einnehmender, Bär. Die frühere Lokalität war durch 105 Jahre von der Firma benutzt gewesen. Ein grosses Geschäft ist die Firma Zürcher & Furrer (6 Schp.).
Zürich besitzt mehrere bedeutende lithographische Anstalten. Die Lithographische Genossenschaft (4 Schp., 7 Hdp.), ebenso J. J. Hofer & A. Burger liefern sehr gute Chromodrucke. Berühmt ist Kartographie.die Anstalt von Wurster, Randegger & Co. durch ihre kartographischen Arbeiten, in welcher Richtung H. Mühlhaupt & Sohn sowie R. Leuzinger in Bern und H. Furrer in Neuenburg sich ebenfalls einen Namen erwarben. Überhaupt geniesst die Schweiz hinsichtlich ihrer kartographischen Arbeiten eines grossen Rufes. Die geringe Ausdehnung des Landes bei den interessanten Bodenformationen und den komplizierten hydrographischen Verhältnissen luden ganz besonders zur Anfertigung detaillierter, malerisch ausgeführter Terrainkarten ein. Den mächtigsten Anstoss gab der General Dufour, dessen Generalkarte der Schweiz noch heute als das bedeutendste Meisterwerk kartographischer Darstellungskunst gilt.
Winterthur.
In Winterthur befindet sich die ziemlich bedeutende Offizin von Bleuler, Hausheer & Co. (4 Schp.). J. Westpheling liefert sehr gute Arbeiten und introduzierte sich in sehr empfehlender Weise in grösseren Kreisen durch seinen Schweizer-Ausstellungs-Katalog (Wien 1873), der denselben Beifall fand, wie die ganze Kollektiv-Ausstellung der Schweiz.
St. Gallen.
Joh. Zollikofer.
Chr. Zollikofer.
Emil Zollikofer.
St. Gallen umschliesst eine der besten Offizinen der Schweiz. Dieselbe wurde von Joh. Zollikofer, aus einer alten, vom Kaiser Rudolf 1578 geadelten Familie stammend, im Jahre 1789 gegründet. Durch Ankauf erwarb er 1792 noch eine zweite kleine Buchdruckerei und blieb bis 1802 der alleinige Buchdrucker in St. Gallen. Im Jahre 1834 wurde der Sohn Christoph Associé. Durch Eintritt C. P. Scheitlins ward die Firma in Scheitlin & Zollikofer umgeändert und ein bedeutender Verlag gegründet, der später auf den Schwager Christoph Zollikofers, Iwan v. Tschudi, überging, während der erstgenannte die Druckerei behielt. Der Sohn Emil Zollikofer wurde 1867 Teilnehmer. Durch längeren Aufenthalt im Auslande ausgebildet, reformierte er die Buchdruckerei übereinstimmend mit den Forderungen der Zeit. Ein neuer stattlicher Bau ward 1868 ausgeführt, fiel jedoch bereits am 17. Juli 1880 den Flammen zum Opfer. Ein zweiter Neubau wurde mit fabelhafter Energie betrieben und vier Monate nach dem Brande stand ein Prachtbau, hauptsächlich aus Glas und Eisen, fertig da. Christoph Zollikofer war, von seinen Mitbürgern hochangesehen, bereits Anfang September 1870 verstorben.
Unter den schweizerischen graphischen Anstalten giebt es nur eine, die für den Weltmarkt arbeitet und auch einen Weltruf sich erworben hat. Der Bergflecken Einsiedeln mit 7000 Einwohnern, berühmt durch sein Benediktiner-Kloster mit dem wunderthätigen Muttergottesbilde und deshalb jährlich von hunderttausenden von Wallfahrern besucht, ist in der typographischen Geschichte durch Gebr. Benziger.die grossartige Anstalt der Gebr. Benziger merkwürdig geworden. Das Geschäft, welches nur auf die Bedürfnisse strenggläubiger Katholiken berechnet ist, wurde von dem Landamman Josef Karl Benziger 1805 gegründet und ging von ihm auf seine Söhne Karl und Nikolaus (letzterer vom Papst in den Grafenstand erhoben) über. In allen Erzeugnissen der Anstalt, auch den billigsten, ist das Streben sichtbar, nur Gutes zu liefern. Die Erzeugnisse der Phototypie sowohl in Vergrösserungen als Verkleinerungen gehören zu den besten Leistungen in dieser Richtung. Die Anstalt verfügt über 27 Schnellpressen und eine grosse Anzahl von Buchbinderei- und anderen Maschinen und soll 700–1000 Menschen, Erwachsene und Kinder, beschäftigen. In New-York, Cincinnati und St. Louis besitzt die Firma Filialen[243].
Um den Leistungen dieser Anstalt vollkommen gerecht zu sein, muss man der örtlichen Lage derselben eingedenk bleiben. Dieselbe machte die Fürsorge für die Arbeiter durch Kosthäuser, Kassen und andere humanitäre Einrichtungen, die nach vielen verschiedenen Richtungen hin vorhanden sind, noch notwendiger, als bei gewöhnlichen Verhältnissen.
Bern.
Die Hauptstadt Bern zählt, was Bevölkerung betrifft, erst als die fünfte Stadt der Schweiz und bietet in graphischer Hinsicht nichts Bemerkenswertes dar. Die bedeutendsten Offizinen sind die Stämpflische mit 7 Schnellpressen, Rieder & Simmen, Jent & Reinert, K. J. Wyss und B. F. Haller. Dieser war der erste, der eine eiserne Presse in der Schweiz einführte; die erste Schnellpresse erhielten Orell Füssli & Co. im Jahre 1832.
Genf.
In der französischen Schweiz ist Genf durch das rege wissenschaftliche und litterarische Leben bekannt. Die Stadt hat 18 Buchdruckereien und 17 lithographische Anstalten, doch kein Geschäft von bedeutendem Umfang. Die grössten derselben sind Chr. Schuchardt und J. Lang mit je 4 Schnellpressen. Auch in Lausanne ist ein regeres geschäftliches Leben. Unter den 17 typographischen und lithographischen Anstalten daselbst ist zu nennen die von G. Bridel (4 Schp.), die gute Werk- und Accidenzdrucke liefert.
Fußnoten:
[233] Annalen d. Typ. 1872, Nr. 172, und 1874, Nr. 273. 274.
[234] Die Nummer 1000 von „Über Land und Meer“ ist Nr. 12 des Jahrg. 1878.
[235] Biographische Skizzen lieferte Paul Lindau in der „Gegenwart“, Theod. Göbel in dem „Journ. f. Buchdrk.“, 1880, Nr. 36.
[236] Riehl, Deutsche Kunststädte. Augsb. Allg. Ztg. 1870.
[237] C. Wolff, Über den gegenwärtigen Zustand des Buchhandels in Bayern. München 1827.
[238] Ein sehr interessantes Probenbuch der Firma aus dem Jahre 1882 giebt eine Übersicht der vielen verschiedenen photographischen Verfahren.
[239] Klimsch' „Adressbuch der Buch- und Steindruckereien“ ist eine grosse Zahl von statistischen Einzelheiten zu verdanken. Das Buch will für das Druckgewerbe das werden, was O. A. Schulz' „Adressbuch“ bereits lange für den Buchhandel ist. Da die Angaben von den Buchdruckerei-Besitzern selbst herrühren, kann der Herausgeber des Adressbuches nicht für die Richtigkeit jeder Zahl verantwortlich gemacht werden; der auf die Zusammenstellung verwendete Fleiss ist ein ausserordentlicher.
[240] Teil I, S. 36 ist durch einen Schreibfehler der erste Festtag als der 17. August statt 14. August angegeben.
[241] Die „Annalen der Typographie“, welche, nebenbei gesagt, die erste öffentliche Aufforderung zur Wiedererrichtung der Strassburger Bibliothek bereits in ihrer Nr. 65 vom 8. Oktober 1870 enthielten, sagen in Nr. 62 desselben Jahres bei Gelegenheit eines Rückblickes auf die Geschichte der Bibliothek, deren endliches Schicksal damals noch nicht genau bekannt war:
„Eine solche Sammlung von Schätzen sollte rettungslos verloren gegangen sein!? Das glauben wir nun und nimmermehr auf die vagen Äusserungen (des Bibliothekars Zeller in Paris) hin. Die brennende Bibliothek hat ja nicht urplötzlich die Einwohner aus tiefem Schlafe geweckt. Wochenlang war vorauszusehen, was kommen würde. Und da sollte nicht ein verdienstvoller Bibliothekar, der über seine Bücherschätze ängstlich wacht, wie der Vater über seine Kinder, nicht ein um das Eigentum der Stadt besorgter Beamter daran gedacht haben, wenigstens das Unersetzlichste in Sicherheit zu bringen? Die Wechselfälle, denen eine belagerte Stadt ausgesetzt ist, sind doch nicht unbekannt, selbst wenn die Belagerer nicht aus „Attilas Horden“ beständen. Da sollte nicht Zeit gefunden worden sein, ein halbes Dutzend Kisten mit den grössten Seltenheiten beiseite zu schaffen? Das halten wir trotz aller Kopflosigkeit, trotz aller Zuversicht der Franzosen zu den eigenen Waffen und der souveränen Verachtung gegen den „Landsturm« nicht für möglich.“ — Noch heute muss es jedem unbegreiflich erscheinen, wenn nichts gerettet sein sollte. Dann wäre die Barbarei Deutschlands, „das seine Gelehrsamkeit nur im Verwüsten zeigt“, wie der Bibliothekar Zeller sagt, doch durch die passive Barbarei des der Verwüstung ruhig Zusehenden übertroffen.
[242] P. W(egelin), Die Familie Haas (im Baseler Taschenbuch 1855). — W. Haas, Beschreibung und Abriss einer neuen Buchdruckerpresse, erfunden in Basel 1772. 1790. — A. G. Preuschen, Grundriss der typometrischen Geschichte. Basel 1778.
[243] Phototypie Benziger, Reproduktionen von Holzschnitten, Lithographien, Stahlstichen, Handzeichnungen, auf Metallplatten, hochgeätzt für Buchdruck.
XV. KAPITEL.
DER OSTEN DER GERMANISCHEN GRUPPE.
Presszustände in Österreich. J. T. Trattner. J. G. Trassler. J. v. Kurzbeck. A. Schmid. Familie Gerold. J. V. Degen. A. Auer. Die Hof- und Staatsdruckerei. W. v. Braumüller. Das Museum und die Gesellschaft für vervielfältigende Kunst. Der Buchdrucker-Verein. Neuere Buchdruckereien Wiens. Die Druckereien in den Provinzen. Ungarn. Druckereien in Budapest und an anderen Orten. Statistisches aus Österreich-Ungarn.
Gedrückte Zustände der Presse.
ZU derselben Zeit, wo die Presse in Preussen beinahe einer uneingeschränkten Freiheit sich erfreute, hatte sie in Österreich mit dem schwersten Druck zu kämpfen. Unter dem Kaiser Karl VI. wurde noch glimpflich verfahren, unter Maria Theresia trat jedoch grössere Strenge ein. Ein Patent vom 12. Juli 1752 befahl den Unterthanen, alle geistlichen Bücher ihren Seelsorgern zur Prüfung zu übergeben, diese hatten die irrlehrigen an sich zu nehmen, die unverdächtigen, nachdem sie mit Siegel versehen waren, zurückzustellen. Selbst die Buchbinder waren verpflichtet, die ihnen zum Binden übergebenen Bücher den Geistlichen vorzulegen. Politische und staatswissenschaftliche Schriften wurden mit ähnlichem Argwohn behandelt und die Jesuiten hatten sich ganz der Zensur bemächtigt. In Ermangelung von gedruckten Zeitungen wurden geschriebene „Gassenblätter“ regelmässig versandt. Zeitungsschreibern, welche falsche Nachrichten verbreiteten, wurde mit Auspeitschung und Landesverweisung gedroht und Angebern 100 Dukaten Belohnung zugesagt. Die einzige in Wien erscheinende Zeitung, das im Jahre 1703 gegründete „Diarium“, durfte nur solche inländische Nachrichten verbreiten, die ihr von der Hofstelle zukamen. Ausländische privilegierte Zeitungen konnten eingeführt werden, sie unterlagen jedoch einer Revision und wurden nur durch die kaiserlichen Postämter vertrieben. Damals entstanden auch die verschiedenen Stufen des Verbotes und der Zulassung. 1765 erschien das erste Verzeichnis der verbotenen Bücher, welches schliesslich selbst verboten wurde, damit man nicht die Titel der „schlechten“ Bücher kennen lernte.
Freiere Bewegung unter Joseph II.
Dem unhaltbaren Zustand setzte die Thronbesteigung Josephs II. (1780) eine Grenze. Er hob die geistliche Zensur ganz auf und bildete eine Zensurkommission aus aufgeklärten und unabhängigen Männern. Das Pressgesetz von 1781 war in seinen Grundlagen nach den eigenen Bestimmungen des Kaisers entworfen. Das Verzeichnis der verbotenen Bücher wurde revidiert und mehr als 2500 derselben wieder erlaubt. Nur gegen schmutzige Bücher wurde mit aller Strenge verfahren. Im Jahre 1787 wurde es gestattet, anstatt der Manuskripte die bereits gedruckten Werke der Zensurbehörde vorzulegen. Es ward dem Kaiser nicht leicht, bei diesen Reformen den passiven Widerstand der Beamten zu überwinden. In der letzten Zeit seiner Regierung ward er auch selbst weniger freisinnig und die zuletzt erwähnte Massregel wenige Wochen vor seinem Tode durch eine Verordnung vom 21. Januar 1790 zurückgenommen.
Neue Beschränkungen.
Kaiser Leopold II., eingeschüchtert durch die französische Revolution, ergriff strengere Massregeln gegen die Presse, und sein Nachfolger, Franz II., verschärfte diese noch mehr. 1801 ward die Zensur der Polizeihofstelle übergeben; 1803 begann eine Rezensurkommission ihre Thätigkeit und setzte wieder tausende von früher freigegebenen Büchern auf den Index. Während der Besitznahme Wiens durch Napoleon fand 1809 eine temporäre Erleichterung statt und die Druckereien waren nicht imstande, alle ihnen angebotenen Aufträge auszuführen. Dieser Zustand nahm jedoch mit Patent vom Nov. 1810.dem Patente vom 1. November 1810 zur Regelung der Pressverhältnisse ein schnelles Ende. „Kein Lichtstrahl, er komme, woher er wolle, soll künftig unbeachtet oder unbekannt in der Monarchie bleiben“, so hiess es und die Geschichte lehrt die Wahrheit dieser Worte des Programms kennen, wennauch nicht in der vermuteten Auslegung; es blieb in der That kein Lichtstrahl unbeachtet — seitens der Polizei. Übertretungen der Zensurmassregeln wurden streng geahndet. Das Recht, Buchhandel und Buchdruckerei zu Abstufung der Bücherverbote.betreiben, beruhte natürlicherweise auf Privilegien. Die Abstufungen der Zulässigkeit der Werke wurden genau reguliert. Professoren und Gelehrten von Fach sollte nur in besonderen Ausnahmefällen ein Buch verweigert werden. Einige Bücher erhielten admittitur, d. h. sie waren ganz freigegeben; andere, denen das transeat zu teil geworden, durften verkauft, jedoch nicht öffentlich angekündigt werden. Um andere beziehen zu können war wieder eine besondere Erlaubnis notwendig (erga Schedam). Inländische Verlagsartikel erhielten das imprimatur entweder ohne Beschränkung oder nach Weglassungen resp. Änderungen, andere fielen dem damnatur anheim. Es ist bekannt genug, wie die Bestimmungen über die Einfuhr der Bücher vielfach umgangen wurden und wie wöchentlich ganze Ballen nichterlaubter Bücher von Leipzig nach Wien gesandt wurden. Dort waren Bestechungen selbstverständlich an der Tagesordnung; das Geschäft wurde demoralisiert, aber im Sortimentshandel viel Geld verdient, während der Verlagshandel und die Buchdruckerei darnieder lagen. Kein Autor von Bedeutung mochte sein Werk in Österreich verlegt oder gedruckt sehen und ein in Österreich gedrucktes Buch war fast gleichbedeutend mit einem schlecht gedruckten.
Zustand der graphischen Gewerbe.
Der Festredner bei dem vierhundertjährigen Jubelfest (1882) der Einführung der Buchdruckerkunst in Wien Karl v. Scherzer, im Jahre 1846 noch ein enthusiastischer Jünger Gutenbergs, schrieb damals: „Es ist in dem Volke noch nicht das Bedürfnis zu lesen erwacht; es begnügt sich, die ‚Wiener Zeitung‘ durchzublicken und alle Jahre die renommiertesten französischen Schauerromane in deutscher Übersetzung durchzublättern. Es fehlt uns hier auch an nichts weniger als an allem, um selbst die geringste litterarische Unternehmung mit Ehren ins Leben rufen zu können. Kein genialer Zeichner, kein fähiger Holzschneider, kein tüchtiger Drucker und so fort bis zum Farbenjungen. Während das Ausland seit Jahren uns mit illustrierten Ausgaben überflutet, haben wir hier kaum den Mut gefasst, ein einziges grosses Werk mit Holzschnitten zu verzieren; selbst die ‚Theaterzeitung‘ hat ihr illustriertes Gewand seit dem neuen Jahre wieder abgelegt und noch bei dem neuesten illustrierten Werk ‚Erzherzog Karl von Österreich‘ mussten, durch unübersteigbare Hindernisse dazu gezwungen, die beabsichtigten Holzschnitt-Illustrationen den in den Text gedruckten Lithographien weichen“[244].
Mit den Accidenzien ging es nicht besser, als mit dem Werkdruck. Die Privilegien der „Wiener Zeitung“ verursachten ausserdem, dass Accidenzien im Interesse des Handels und der Gewerbe fast gar nicht vorkamen.
Zeitungslitteratur.
Mit der Zeitungslitteratur war es gar schlecht bestellt; nur die verflachenden, witzelnden und pikanten Theater-, Kunst-, Litteratur- und Modeblätter erfreuten sich eines bedeutenden Absatzes. Alle Zeitungen, mit Ausnahme der „Wiener Zeitung“ und des „Österreichischen Beobachters“, unterlagen einer Vorzensur und kamen dann erst in die Hände des bekannten Grafen v. Sedlnitzky und erfolgten aus diesen gewöhnlich in einem Zustande zurück, von dem man sich heute schwer eine Vorstellung wird machen können. Die willkürlichsten Änderungen wurden getroffen, die sich nicht bloss auf Politik und ernstere Interessen bezogen; es konnte auch einem Theaterkritiker, welcher erzählt hatte, wie sehr Fräulein X. missfallen, passieren, dass er in seiner Zeitung las, wie ausnehmend sie gefallen. Adlige Bösewichte gab es in Romanen und Theaterstücken gar nicht; sie mussten vorher ins Bürgerliche übersetzt werden.
J. T. Trattner * 1717, † 1798.
Unter solchen Verhältnissen ist es immer noch zu verwundern, dass Wien einige bedeutende Männer unter den Ausübern der Druckkunst aufzuweisen hat. Die populärste Erscheinung aus dieser Periode des Rückgangs ist Johann Thomas Trattner. Er gehört nicht zu denjenigen Koryphäen der Druckkunst, zu denen wir mit Ehrerbietung emporblicken. Seine Hauptthätigkeit war eine, welche der Staat zwar zuliess, die öffentliche Meinung und das Rechtsbewusstsein aber verurteilten: Trattner war ein Nachdrucker ersten Ranges[245].
Er war als Sohn eines armen Pulvermüllers zu Jahrmannsdorf unweit Güns geboren und frühzeitig verwaist. In seinem 18. Jahre kam er in die Lehre. Als Drucker erwarb er sich in der Offizin Johann von Gehlens (I., S. 144) etwas Geld und einige vermögende Gönner, die bereit waren, den jungen strebsamen Mann zu unterstützen. Seine Bemühungen, eine Konzession sich zu verschaffen, blieben jedoch vergeblich. Da fasste er den kühnen Entschluss, sich persönlich an die Kaiserin Maria Theresia zu wenden, die ihn gnädig beschied. Nun kaufte Trattner am 12. März 1748 die im Laufe der Zeit sehr herabgekommene Buchdruckerei der Frau Eva Schelgin. Den Ertrag seiner ersten Arbeit, ein vom Abte des Stiftes Mölk verfasstes Gebet, widmete er den Armen, wodurch er sich das Wohlwollen der Jesuiten erwarb, die nun alle ihre Arbeiten bei ihm drucken liessen, so dass er zeitweilig sechzehn Pressen beschäftigen konnte; sie aber regelmässig im Gange zu halten war eine schwere Aufgabe. Trattner legte sich deshalb auf das Nachdrucken der Werke der besten deutschen Autoren und machte sich hiermit eben so verhasst in Deutschland wie beliebt in Österreich, wo man den Nutzen der guten und billigen Bücher hatte. Es ging ganz wie in neuerer Zeit in Nordamerika: der durch den Nachdruck gebildete Geschmack des Publikums kam wenigstens später den einheimischen Autoren und Verlegern zu gute, welche den Boden vorbereitet fanden.
Der Trattnerhof.
Eine grosse Erweiterung seines Geschäfts (bis auf 34 Pressen) entstand, als ihm bei der Studienregelung im Jahre 1752 der Druck der sämtlichen Schul- und Lehrbücher übertragen wurde. Er legte Filialen seiner Druckerei in Pest, Triest, Innsbruck, Linz und Agram an, erwarb zwei Papierfabriken, gründete eine Schriftgiesserei, alle Arten von artistischen Anstalten und unterhielt 23 Bücherlager. Am „Graben“ erbaute er den schönen Trattnerhof, welcher seinen Wahlspruch „Labore et favore“ trug. Seine Bücher stattete er mit grosser Sorgfalt aus, so dass es von einem guten Druck hiess: „Der ist wie von Trattnern“. Bis in sein 78. Jahr war er der alleinige Leiter des Geschäfts und erlebte 1798 noch sein goldenes Jubiläum. Von zwei Frauen hatte er 21 Kinder, von denen jedoch nur zwei am Leben blieben. Vom Kaiser Franz war er 1764 in den Adelstand erhoben. Das Geschäft wurde nach Trattners Tod geteilt und ging auf verschiedene Personen über.
J. G. Trassler † 1816.
Neben Trattner nahm Josef Georg Trassler aus Wien eine bedeutende Stelle ein. Im Jahre 1779 erwarb er eine Buchdruckerei in Troppau, die bereits 1785 mit 25 Pressen arbeitete. Eine zweite Buchdruckerei errichtete er 1786 in Brünn; diese beschäftigte bis 60 Pressen. Eine dritte Offizin etablierte er 1795 in Krakau, die jedoch 1809 von den Polen demoliert wurde. Ausserdem hatte er noch verschiedene graphische Geschäfte und eine Buchhandlung.
Seine Erfolge verdankte er zum nicht geringen Teil den Freimaurern und den mit diesen in Verbindung stehenden Gesellschaften, welche letztere zur Bildung des Volkes unzählige Nachdrucke mit der Bezeichnung „Gedruckt bei Josef Georg Trassler und im Verlage der Compagnie“ verbreiteten. Ausserdem besass Trassler selbst einen grossen Verlag zumteil bedeutender Werke, darunter A. F. Büschings grosse Erdbeschreibung in 30 Bänden; die 34 Bände starke Sammlung der besten Reisebeschreibungen; die „Allgemeine Weltgeschichte“, 88 Bände; Krünitz' „Encyklopädie“, 129 Bände. Die bedeutendste Leistung war jedoch J. C. Adelungs berühmtes Wörterbuch in vier starken Bänden in Grossquart von zusammen 7587 Seiten[246].
Obwohl der Verlag nach Trasslers Tod noch vermehrt wurde, ging das Geschäft in den Händen der Kinder doch zurück. Der zweite Sohn, Adolf, zog mit dem übrig gebliebenen Teile desselben nach Troppau, wo es wieder emporblühte und seit 1879 im Besitz Alfreds, des Sohnes von Adolf, gedieh.
Josef v. Kurzbeck * 21. Nov. 1736.
Ein sehr verdienter Buchdrucker war Josef Kurzbeck. Nach vollendeten Studien widmete er sich der Buchdruckerei und übernahm die väterliche, nur mit zwei Pressen arbeitende Offizin, die nunmehr bald 15 Pressen beschäftigte. Im Jahre 1770 richtete er sich für den Druck des Illyrischen, Walachischen und Russischen ein, später schaffte er noch verschiedene orientalische Schriften an. Da es sehr an Setzern für fremdländische Sprachen fehlte und es schwierig war, solche in dem Geschäft selbst auszubilden, ersuchte Kurzbeck den Kaiser Joseph II., die Ausbildung einiger seiner Zöglinge an der K. K. Orientalischen Akademie zu gestatten, was auch gewährt wurde. Hierzu wurden die späteren Buchdruckereibesitzer Anton Schmid, Josef della Torre und M. Santner bestimmt. Kurzbeck liess die als Mannsfeldsche bekannten Schriften schneiden, verschaffte sich die besten Amsterdamer Matern und druckte dann mehrere umfangreiche hebräische Werke, als den Talmud, Mischnajoth und Machsorim, welche allgemeine Anerkennung fanden. In Kurzbecks Offizin erschien auch 1775 das von Kaiser Maximilian I. 1514 beabsichtigt gewesene Prachtwerk „Weisskunig“ (I, S. III) von Treitzsauer v. Erentreitz mit 237 grossen Holzschnitten von Hans Burgkmair. Durch den Tod des Kaisers geriet dieses Werk wie mehrere von seinen litterarisch-artistischen Unternehmungen ins Stocken, die Holzschnitte waren jedoch in Graz glücklicherweise erhalten geblieben. Als der Druck Kurzbecks veranstaltet wurde, hatte man leider kein Verständnis für die Reproduktion eines Werkes älteren Stils, so dass die Ausführung nicht eine würdige wurde (S. [429]).
Kurzbeck erzielte durch sein Wirken sowohl Gewinn als Ehre; im Jahre 1773 verlieh ihm die Kaiserin Maria Theresia eine goldene Kette und erhob ihn in den Adelsstand.
Anton v. Schmid * 1765, † 26. Juni 1855.
Unter den Schülern Kurzbecks befand sich, wie erwähnt, Anton Schmid, später der hebräische Schmid genannt. Der Abt des Klosters der Zisterzienser zu Zwetl, wo Schmid geboren war, liess ihn im Lateinischen unterrichten. Seine an der Universität begonnenen Studien musste er auf Grund seiner Armut unterbrechen und trat in seinem zwanzigsten Jahre bei Kurzbeck in die Lehre, wo er später die Leitung des Druckes der hebräischen Bücher übertragen erhielt. Er bewog den kränklichen Kurzbeck, der keine rechte Freude mehr am Geschäft fand, ihm seine hebräischen Schriften zu überlassen, um damit ein selbständiges Geschäft zu beginnen. Kurzbeck ging auf den Gedanken ein, Schmid wurde jedoch mit seinem Konzessions-Gesuch abgewiesen, bis der Kaiser direkt zu seinen Gunsten einschritt. Nun ging er mit aller Kraft auf sein Ziel los. Seine Offizin wurde reich mit syrischen, persischen und arabischen Schriften ausgestattet und alle Lehrbücher in diesen Sprachen für die theologischen Anstalten wurden bei Schmid gedruckt. Seine Bücher waren vorzüglich ausgestattet und sein Ruf drang in fremde Länder.
1839 übergab Anton Schmid, der 1825 in den Adelsstand erhoben war, seinem Sohne Franz Edlen von Schmid sein Geschäft. Ein der Hofbibliothek geschenktes Exemplar der Schmidschen orientalischen Druckwerke umfasst 148 Werke im Gesamtumfange von 12447 Bogen. Vor allen zu nennen ist die 1795 in mehreren, rasch aufeinanderfolgenden, Ausgaben veranstaltete vollständige hebräische Bibel mit Übersetzung von Mendelssohn und einem Kommentar in hebräischer Sprache, an welchem eine Reihe der berühmtesten Gelehrten mitgewirkt hat. Die Druckerei ging auf Adalbert della Torre über.
Familie Gerold.
Karl Gerold † 23. Sept. 1854.
Unter den älteren Buchdruckereien Wiens, die bis auf den heutigen Tag ihre Bedeutung behalten haben, ist diejenige, welche Josef Gerold 1775 von J. Kalliwoda erwarb. Der erstgenannte sowohl wie sein Sohn Karl Gerold erweiterten das Geschäft bedeutend. Durch den Druck mehrerer mathematischer und technischer Werke für das unter Prechtls Direktion gestellte Polytechnische Institut erwarb Gerold sich einen so guten Ruf, dass Cotta ihm den Druck der 20 Bände starken Prechtlschen Encyklopädie übertrug. Die gedrückten Pressverhältnisse veranlassten Gerold, sich weniger dem Verlag als dem Sortiment zu widmen. Aus den 1848 geänderten Zuständen zog jedoch auch die Geroldsche Offizin Nutzen und das Geschäft erweiterte sich in dem Besitz der in den Adelsstand erhobenen Söhne Karls: Friedrich und Moriz von Gerold ausserordentlich[247].
Pichlersche Buchdruckerei.
Die Pichlersche Buchdruckerei wurde durch den Druck der Werke Karoline Pichlers in Fachkreisen bekannt, jedoch mehr durch den Druck der 1838 in vier Blättern dreifarbig ausgeführten, in Typen gesetzten Post- und Reisekarte der österreichischen Monarchie von F. Raffelsberger[248]. Die Arbeiten derselben stehen weit über denen von Breitkopf und Haas, sind jedoch, wie diese, mehr auf Grund der mühsamen Arbeit bewundernswert als für die Praxis nutzbringend.
Anton Strauss.
L. Sommer.
Ein tüchtiger Buchdrucker war Anton Strauss, der aus geringen Anfängen die Zahl seiner Pressen auf 20 brachte. Nach seinem Tode ging das Geschäft auf Leopold Sommer über, der grossen Schwung hineinbrachte und 1848 an Zeitungen und Zeitschriften allein zwanzig druckte. Er war auch der erste, der in Österreich eine politische Zeitung gründete, welche wirklich diesen Namen verdiente, die unter E. v. Schwarzers Leitung unternommene „Österreichische Zeitung“.
M. Salzer * 1799, † 4. Jan. 1878.
Matthäus Salzer, Sohn des Kaspar Salzer, der zu den Zeiten Josephs II. Buchhändler und Buchdrucker war, lernte erst als Sattler, trat aber bald in das Papiergeschäft seines Bruders Franz und wurde später Leiter der Papierhandlung seines verstorbenen zweiten Bruders Jakob, dann durch Verheiratung mit dessen Witwe Besitzer des Geschäfts. Nach und nach erwarb er die Papiermühlen in Wiener-Neustadt, Ebenfurth und Stettersdorf. 1866 kaufte er die Überreuthersche Buchdruckerei und beschäftigte 11 Schnellpressen und 150 Arbeiter, namentlich mit Aufträgen seitens der Eisenbahnen und ähnlicher Anstalten. Im Jahre 1874 feierte Salzer sein goldenes Geschäftsjubiläum.
J. V. Degen * 11. März 1763, † 5. Okt. 1827.
Als ein Stern in der langen Nacht der österreichischen Typographie leuchtet Josef Vincenz Degen aus Graz. Er studierte dort und in Wien, widmete sich dann dem Buchhandel, kaufte 1800 die vorzüglich eingerichtete Albertische Buchdruckerei und errichtete zugleich eine Schriftgiesserei. Durch die Tüchtigkeit seiner Leistungen erwarb er sich bald ein bedeutendes Renommé. Im Jahre 1804 richtete er die K. K. Hof- und Staats-Aërial-Druckerei ein und brachte sie auf einen blühenden Stand. Vertragsmässig arbeitete diese Anstalt nur für Behörden. Eigentum des Staates wurde sie erst im Jahre 1814. Degen, der in den Adelsstand als Edler von Elsenau erhoben worden war, wurde zum Direktor der nunmehrigen Staatsdruckerei ernannt, die sich durch ihre Arbeiten in vorteilhaftester Weise auszeichnete.
Staatsdruckerei.
Anders ward es nach Degens Tod unter der Direktion J. A. von Wohlfahrts. Aus übertriebener Sparsamkeit liess man die Anstalt verfallen und als Wohlfarth 1840 in den Ruhestand versetzt wurde, war es so weit gekommen, dass die Staatsbehörden sich mit ihren Aufträgen an Privatdruckereien wandten.
Wie es in der Staatsdruckerei aussah, so war es auch in den anderen Offizinen mit Ausnahme der einzelnen erwähnten und vielleicht noch einiger weniger anderen.
Der Buchhandel.
Der Buchhandel, der sich unter Maria Theresia sehr entwickelt hatte, verfiel unter Joseph II. trotz der milden Zensur. Man zersplitterte die Kräfte meist in Broschürenlitteratur, durch welche sich eine Reihe von Winkeldruckereien, die jedoch wieder mit dem Tode des Kaisers verschwanden, nährte. Von den bedeutendsten Werken dieser Periode seien noch erwähnt: Jacquins Historia stirpium americanarum; Hortus Vindebonensis; Observationes botanicæ mit 150 Kupfern; Icones plantarum rariorum mit 649 Kupfern; Flora austriaca mit 500 kolorierten Kupfern, Herrgotts Monumenta Aug. Austriacæ in Grossfolio mit vielen Tafeln, die von den Geistlichen des Stiftes St. Blasien gedruckt wurden; Maninskys grossartiges „Orientalisches Wörterbuch“ u. a.
Als der Regenerator der österreichischen Buchdruckerei, die in der jüngeren Zeit so enorme Fortschritte gemacht hat, muss Auer betrachtet werden.
Al. Auer * 11. Mai 1813, † 10. Juli 1869.
Alois Auer war zu Wels in Österreich als der Sohn eines armen Traunflössers am 11. Mai 1813 geboren. Da es ihm unmöglich war, seinem Drang zum Studieren nachzugehen, trat er im Beginn des Jahres 1825 als Setzer in die Lehre bei dem Buchdrucker Michael Haas in Wels. Nach vollendeter Tagesarbeit benutzte er die späten Abendstunden, um sich gründliche Kenntnisse der Muttersprache anzueignen. Nach Beendigung seiner fünfjährigen Lehrzeit begann er mit Energie die Sprachkunde zu treiben, da er eingesehen hatte, von wie grossem Nutzen dieselbe für den Typographen ist. Seine Mussestunden benutzte er nun zur Erlernung der französischen, italienischen, englischen, spanischen und portugiesischen Sprache, so dass er sich schon im Oktober 1835 einer Prüfung in der französischen und englischen, im Mai 1836 einer in der italienischen Sprache an der Universität zu Wien mit günstigem Resultat unterwerfen konnte. Gleichzeitig bestand er die Prüfung in der Erziehungskunde. Sein guter Ruf verschaffte ihm bald eine öffentliche Anstellung in Linz als Lehrer der italienischen Sprache. Auer begann nun eine Schriften- und Vaterunser-Sammlung anzulegen, die hinsichtlich ihrer Vollständigkeit fast allen Ansprüchen genügte, und benutzte diese Sammlung, um die Raumverhältnisse aller Schriftarten genau zu berechnen[249]. Auf diese Art entstand sein „typometrisches System“, über dessen praktischen Wert sich allerdings nicht viel sagen lässt.
Danach machte er sich an die Ausarbeitung verschiedener Sprachlehren, zunächst der französischen und italienischen Sprache, und indem er nach gleicher Methode alle Sprachen der Erde darzustellen beabsichtigte, keimte in ihm die Idee auf, einen Sprachen-Atlas zu entwerfen. Eine solche Aufgabe zu lösen reichten aber Metternich und Auer.die Kräfte eines einzigen Menschen nicht aus. Es gelang ihm indes den zu jener Zeit in Österreich noch allmächtigen Fürsten Metternich für seine Sache zu gewinnen.
Nach Verlauf von einem Monat überreichte ihm Auer in Wien einen Plan zur Gründung eines Polygraphischen Instituts als Vorbereitung einer „Zentral-Verlagsstätte Deutschlands in Wien“. Während dieser Plan die verschiedenen Staatsbehörden durchwanderte, bereiste Auer 1839 England, Frankreich und die Schweiz, um die typographischen Anstalten des Auslandes kennen zu lernen, fand jedoch nirgends ein Institut, wie es seiner Phantasie vorschwebte.
Im Jahre 1841 wurde nun Auer zum Leiter der Staatsdruckerei ernannt. Mit jugendlicher Kraft ging er an sein reformatorisches Werk zur Verwirklichung seiner Lieblingsidee. Vorerst mussten die Personalverhältnisse und der Geschäftsgang der Anstalt geregelt werden; die alten Schriften wurden eingeschmolzen und andere nach dem neuen typometrischen System gegossen, veraltete Pressen durch zweckmässigere ersetzt. Dann wurde eine Stempelschneide-Anstalt eingerichtet, fremde Schriften geschnitten, Matrizen geschlagen und Lettern gegossen, und um der Staatsdruckerei in der That den Charakter einer polygraphischen Anstalt zu geben, wurden in ihr Offizinen für Lithographie, Stereotypengiesserei, Kupferdruck, Galvanoplastik, Photographie, Chemitypie und später für Naturselbstdruck errichtet. Die Anstalt selbst wurde mit einer Dampfmaschine zur Bewegung der Schnellpressen und zur Heizung sämtlicher Lokale, mit Gasbeleuchtung und mit anderen Verbesserungen der Neuzeit versehen. Ferner gründete Auer unter dem Personal eine Kranken- und Unterstützungskasse, ordnete das Lehrlingswesen und führte einen Unterricht für die Zöglinge in den Abendstunden ein, so dass diese Technik, Sprachen (Lateinisch, Griechisch, Französisch, Englisch, Italienisch, Sanskrit, Persisch), Geographie, Geschichte, Stil u. s. w. unentgeltlich lernen konnten.
Schnell mehrten sich die Arbeiten der neuorganisierten Anstalt. 1860 beschäftigte sie schon über 1000 Arbeiter und besass 48 Schnellpressen, 50 Handpressen, 30 lithographische, 24 Kupferdruckpressen, 21000 Stahlstempel, 80000 Matrizen, 6000 Zentner Lettern. Die Ausstellungen von London und Paris[250] verbreiteten den Ruhm der Anstalt, welche der höchsten Auszeichnungen teilhaftig wurde. Aber auch Auer ging nicht leer aus. Er wurde in den Adelsstand als Ritter Auer von Welsbach erhoben und 24 Orden zeugen dafür, dass er die Kunst, sich Anerkennung zu verschaffen, nicht übel verstanden hat.
Die Erfindungen Auers.
Mit seinen vielbesprochenen Erfindungen, die öfters, und wohl nicht mit Unrecht, ihm nicht für voll angerechnet wurden, hatte er in der Praxis kein rechtes Glück. Diejenige, die am meisten von sich reden machte, war der Naturselbstdruck (Auto-Typographie). Dieser bestand darin, von einer Pflanze, einem Gewebe u. dgl. nach dem Einlegen zwischen einer Stahlplatte und einer anderen von weichem Metall durch eine starke hydraulische Pressung eine vertiefte Druckplatte zu gewinnen, die mittels Galvanisierung in eine Hochdruckplatte verwandelt werden konnte. Ein grossartiges, von Konstantin v. Ettinghausen herausgegebenes Werk, Physiotypia plantarum, wurde in Angriff genommen und auf den Ausstellungen sehr bewundert[251]. Das Verfahren wurde durch kaiserlichen Beschluss der Allgemeinheit preisgegeben, hat jedoch für die Praxis keinen grossen Wert.
Die „Endlose“.
Eine zweite „Erfindung“ war der Druck vom endlosen Papier. Der Gedanke, den Papierbrei der Papiermaschine an dessen oberen Ende zuzuführen und von dem anderen Ende in die Schnellpresse zu leiten, so dass er aus dieser als gedruckter Bogen herauskam, musste für einen so elastischen Geist wie Auer grosse Anziehungskraft haben. Er brachte ihn auch in seiner Weise, d. h. blendend, zur Ausführung; für die Praxis war der Nutzen ein geringer. Das Papier wurde in eine gewöhnliche Schnellpresse geführt, nach dem Schöndruck durch Mechanismus zerschnitten und die Bogen durch den Hansenschen Ausleger ausgeführt. Der staunende Beschauer ahnte in den seltensten Fällen, dass der Widerdruck auf gewöhnliche Weise, auf einer anderen Schnellpresse besorgt werden musste, und konnte nicht wissen, dass der Lohn eines Anlegers oder einer Anlegerin das einzige war, was hätte gespart werden können, wenn nicht dieser Gewinn durch die Kosten des ganzen Apparates weit überwogen worden wäre.
Maispapier.
Ebensowenig Glück sollte Auer mit seiner Maispapierfabrikation haben[252]. Er brachte zwar eine Ausstellung zustande, in welcher nicht allein verschiedene Sorten Papier, sondern auch manche der Gegenstände zu sehen waren, welche Chinesen und Japanesen aus Papierstoff fabrizieren. Damit blieb aber auch diese Sache ruhen.
Selbst mit dem orientalischen Druckapparat, dem Stolz der Staatsdruckerei, hatte es mitunter einen Haken. Viele Schriften figurierten in den prachtvollen Proben; in der Wirklichkeit sah es mit deren Bestand öfters schwach genug aus.
Auers Hauptfehler war, sich nicht mit dem Schaffen von Tüchtigem zu begnügen, sondern auch blenden zu wollen, und dafür war ihm kein Preis — auf Kosten des Staates — zu hoch. Seine Eitelkeit war noch grösser als seine Tüchtigkeit.
Auers Feinde.
Es konnte an Angriffen — begründeten, unbegründeten, durch Neid hervorgerufenen u. a. — nicht fehlen. v. Plener, des genialen Bruck Nachfolger als Finanzminister, war nicht so geneigt wie letzterer, über die Finanzfrage leicht hinwegzugehen. Auer wurde am 2. März 1866, nach verschiedenen Misshelligkeiten, in Anerkennung seines 25jährigen verdienstlichen Wirkens mit seinem vollen Gehalt definitiv in den Ruhestand versetzt.
Auers Tod.
Auer war nicht geschaffen, männlich den Schlag, die mit diesem verbundene Unthätigkeit und das Vergessensein zu überwinden. Sein Gemütszustand wurde ein immer reizbarerer und die Kräfte aufreibender; er starb bereits am 10. Juli 1869 in Hietzing.
Auers Einfluss auf die deutsche Typographie.
Hat nun Auer auch dem Glanze zu viel geopfert und nach Alchymistenart öfters Thaler zu Groschen destilliert, so muss sein Einfluss auf die Typographie im allgemeinen und auf die österreichische insbesondere doch sehr hoch angeschlagen werden. Vor seiner Zeit war, wie erwähnt, ein in Österreich gedrucktes Buch ziemlich gleichbedeutend mit einem schlecht gedruckten; dass dies so ganz anders geworden ist, dazu hat Auer direkt und indirekt wesentlich beigetragen; selbst „draussen im Reich“ wurde sein Einfluss gespürt. Die ganze deutsche Typographie hat aus der Weltberühmtheit der Wiener Staatsdruckerei ihren Teil an Ehre und Vorteil gehabt; sie ist verpflichtet, Auers Namen in Ehren zu halten.
Staatsdruckerei unter Beck.
Seit Auers Tod steht die Staatsdruckerei unter der Direktion eines nicht fachmännischen Staatsbeamten, Hofrat Dr. Beck, der sie in angemessenster Weise auf einer achtunggebietenden Stufe erhält, während nicht prätendiert wird, die Führung der jetzt mündig gewordenen österreichischen Typographie fortzusetzen. Ein Hindernis für die rechte Entfaltung der Anstalt ist die vollständig ungenügende Räumlichkeit.
Blindendruck.
Neben dem Geld- und Wertpapierendruck wird unter Mitwirkung des Direktors der Blindenanstalt in Ober-Döbling, Fr. Entlicher, in anerkennenswerter Weise besonderes Gewicht auf den Druck für Blinde gelegt. Bei diesem Druck wird der Pressendeckel mit einem Überzug von Gutta-Percha versehen und darin ein scharfer Abzug von den Typen gemacht. Ist der Gutta-Percha-Überzug vollständig erhärtet, in welchem Zustand er 2–3000 Abzüge aushält, so wird die Schrift mit dem Papierbogen bedeckt, welcher, um eine grössere Zähigkeit zu erzielen, in einem mit Glycerin und Alaun versetzten Wasserbade gefeuchtet ist, in die vertiefte Gutta-Percha-Masse geprägt. Unter den verschiedenen Leistungen im Blindendruck befinden sich auch hebräische Lesebücher und durch erhabene Figuren illustrierte naturgeschichtliche Lehrbücher[253].
Auch die Chromolithographie wird mit Glück von der Staatsdruckerei geübt. Eine ausgezeichnete Leistung ist z. B. das Prachtwerk über die Votivkirche in Wien 1879. Die Reproduktion des Marienfensters (S. [303]) übertrifft bei weitem ähnliche Arbeiten Silbermanns.
Budget.
Das Budget der Staatsdruckerei zeigt bei einer Einnahme von etwa zwei Millionen Mark einen Überschuss von etwa 200000 Mark, bei Staatsanstalten ohne Konkurrenz Ziffern ohne grosse Bedeutung. Die Schriftenmasse beträgt 500000 Kilo in etwa 1500 verschiedenen Arten von Typen, darunter gegen 350 fremdländische[254]. Die Zahl der Schnellpressen beträgt 57, der Handpressen 54, ausserdem sind etwa 80 Hülfsmaschinen vorhanden. Die Schriftgiesserei arbeitet mit 14 Giessmaschinen und besitzt etwa 30000 Stempel und 200000 Matern. Die Gesamtzahl der Arbeiter ist gegen 900.
W. v. Braumüller.
Haben wir die Verdienste Auers und der Staatsdruckerei gebührend anerkannt, so ist es Pflicht, einen Mann zu erwähnen, der, obwohl nicht Buchdrucker, einen ganz eminenten Einfluss auf die Buchdruckerkunst in Österreich gehabt hat; es ist der Buchhändler Wilhelm Ritter von Braumüller. Früher bekannt als einer der bedeutendsten Sortimenter Wiens, die mit ihren vollen Börsen oder Portefeuilles und ihrem jovialen Wesen vorzugsweise gern gesehene Gäste zur Leipziger Messe waren, widmete sich Braumüller erst seit dem Jahre 1840 dem Verlag und zwar mit ebenso grossem Geschick und Energie als Glück.
„Von dem Streben geleitet, die wissenschaftliche Litteratur Österreichs dem Auslande gegenüber zur vollen Geltung und Anerkennung zu bringen, hat meine Handlung einen Verlag geschaffen, welcher sowohl nach seinem Werte als der Ausdehnung und Ausstattung nach den ersten Rang einnimmt, und welcher dadurch noch eine ganz besondere Bedeutung gewinnt, dass, hauptsächlich durch die geschmackvolle typographische Ausstattung angezogen, eine grosse Zahl litterarischer Notabilitäten fremder Universitäten durch gediegene Werke dabei vertreten ist. Vor allen ragt quantitativ und qualitativ die Medizin hervor, und die dominierende Stellung, welche Österreich durch seine medizinischen Celebritäten in der wissenschaftlichen Welt Deutschlands einnimmt, spiegelt sich auch in diesem Verlagszweige wieder. Eine Reihe veterinärwissenschaftlicher Werke, durch die Professoren des K. K. Tierarznei-Institutes würdig repräsentiert, schliesst sich demselben an. Die land- und forstwirtschaftliche Litteratur, bis dahin in Österreich gar nicht gepflegt, ist jetzt ausschliesslich in meinem Verlage vereinigt, und durch die Werke der Professoren an den berühmten Fachschulen in Mariabrunn, Ung.-Altenburg, Eulenberg, Hohenheim, Eisenach etc. würdig repräsentiert. Die vortreffliche Ausstattung, welche ich allen Werken mit der grössten Sorgfalt gewidmet, hat ohne Zweifel wesentlich zu einer allgemeinen besseren und würdigeren Ausstattung der litterarischen Erzeugnisse in Österreich beigetragen und auf die Entwickelung anderer Industriezweige, die Papier-Fabrikation, Buchdruckerei, Holzschneidekunst, welchen die obenangeführten Summen zugeflossen, einen nicht zu unterschätzenden Einfluss geübt[255].“
Äusserte sich der Einfluss von Braumüller zunächst auf den Werkdruck zu wissenschaftlichen Zwecken, so hat Wien das Glück, zwei ebenso bedeutende Förderer der Verbindung der graphischen Museum für Kunst.
Gesellschaft für vervielf. Kunst.illustrierenden Künste mit der Typographie zu besitzen: das Museum für Kunst und Industrie und die Gesellschaft für vervielfältigende Kunst. Wenn es in Wien möglich geworden ist, Werke zu schaffen, in welchen Radierung, Xylographie, Hochätzung, Farben- und Lichtdruck in glücklichster Weise zusammenwirken und öfters nahe an die Vollkommenheit reichen, so haben die beiden erwähnten Anstalten durch die von ihnen ausgehenden Anregungen und Druckwerke den Vorwärts-Bestrebungen Wiens einen mächtigen Vorschub geleistet[256].
Prachtwerke.
Unter den Erscheinungen des Museums behaupten Teirichs „Blätter für Kunstgewerbe“ einen hervorragenden Platz. Die Gesellschaft für vervielfältigende Kunst brachte eine Reihe brillanter Publikationen; den grössten Einfluss übt sie jedoch durch ihre Zeitschrift „Die graphischen Künste“, welche nicht nur durch ihren Inhalt, sondern auch durch ihre vorzügliche technisch-artistische Ausführung belehrend und fördernd wirkt.
Unter der Ägide des Vorstandes der K. K. Kämmerei, des kunstsinnigen Grafen v. Crenneville, erschien ebenfalls eine Anzahl der schönsten Prachtwerke. „Die Kunstwerke der Schatzkammer des österreichischen Kaiserhauses“ (1870–1873), „Schloss Schönbrunn“ (1875), „Der kaiserliche Thiergarten“ (1876), „Laxenburg“ (1877). In neuester Zeit kommt zu diesen Erscheinungen das „Jahrbuch der künstlerischen Sammlungen des allerhöchsten Kaiserhauses“, zu welchem als Beilagen der „Frydal“, der „Theuerdank“, der „Weisskunig“, der „Triumph“, die „Ehrenpforte“, die „Heiligen aus der Familie des Kaisers“ gegeben werden, alles Werke, die von dem Kaiser Maximilian veranlasst oder vorbereitet waren und zu welchen die Originale der grossen Zeichenkünstler von damals noch vorhanden sind.
Buchdrucker-Verein.
Aber auch die Buchdrucker selbst haben als Korporation die Hände nicht in den Schoss gelegt. Der unter vielen Opfern im Jahre 1874 gegründete Buchdrucker-Verein hatte zwar zunächst die materiellen und sozialen Verhältnisse des Geschäfts vor Augen, liess jedoch die Fachzeitschrift „Österreichische Buchdrucker-Zeitung“ erscheinen, die bestrebt war, nicht nur für die obgedachten Interessen, sondern auch für die technische Bildung zu wirken. Der Verein löste sich zwar im Jahre 1880 wieder auf, die Zeitung besteht jedoch fort im Besitz des „Graphischen Klubs“, der ausserdem durch Vorträge, Ausstellungen und technische Diskussionen anzuregen sucht. Auch das Gehülfenblatt „Vorwärts“ folgt dem Beispiel des „Correspondent“ und widmet seine Aufmerksamkeit jetzt nicht nur den sozialen Interessen, sondern auch der Technik und der Geschichte.
G. Gistel * 16. Okt. 1825, † 10. Mai 1883.
Durch die Bemühungen des Vereins ist auch seit 1874 eine Fachschule errichtet, von der gute Erfolge zu erwarten sind. Die Seele dieser Vereinsbestrebungen ist namentlich G. Gistel gewesen. Auch um den Unterstützungs-Verein der Buchdrucker und Schriftgiesser Niederösterreichs und die Pensionskasse für Faktoren und deren Witwen hatte Gistel grosse Verdienste, war auch bei allen Tarifverhandlungen, bei der Säkularfeier, kurz bei jeder Gelegenheit, wo die Buchdrucker vereinigt auftraten, bereit, seine Kräfte dem Allgemeinen rückhaltslos zu opfern.
L. C. Zamarski.
An Bedeutung der Staatsdruckerei am nächsten stehend ist die Offizin L. C. Zamarski (früher H. Engel & Sohn und L. C. Zamarski), die namentlich in der Gründerperiode eine erstaunliche Masse von Wertpapieren druckte. Die Anstalt, welche unter der Leitung von A. Pietzsch sich vortrefflich bewährt hat, wurde 1881 an die Papierfabrik Steyermühl um 800000 Gulden verkauft und mit einem Kapital von 3700000 Gulden in eine Aktiengesellschaft umgeformt. Es werden in der Anstalt die „Neue Illustrirte Zeitung“, das „Wiener Tageblatt“, die „Vorstadt-Zeitung“ und die „Deutsche Zeitung“ gedruckt. Vorzüglich sind ihre, unter Leitung von A. Frantz hergestellten Heliographien. Die Offizin arbeitet mit 28 Schnellpressen und beschäftigt gegen 350 Personen. Engels Erben befassen sich namentlich mit lithographischen Arbeiten; sie lieferten u. a. die japanischen Postmarken.
R. v. Waldheim.
Ein vielseitiges, grosses Institut ist ebenfalls die Verlagsbuchhandlung und Artistische Anstalt von R. v. Waldheim (22 Schp., 25 Hdp. und gegen 250 Arbeiter), die eine bedeutende Zahl von illustrierten Werken namentlich technischen Inhalts herausgiebt und vielen technischen, kriegswissenschaftlichen oder in das Eisenbahnwesen einschlagenden Zeitschriften, wir nennen nur Teirichs „Blätter für das Kunstgewerbe“ und die „Allgemeine Bauzeitung“, druckt, verlegt oder debitiert, auch viele Accidenzien liefert.
C. Fromme.
Carl Fromme zeichnet sich besonders durch seine geschmackvollen und korrekten Accidenzarbeiten aus. Eine Spezialität, die er mit Virtuosität betreibt, ist der Kalenderdruck. Typographische Kraftstücke Frommes sind die Bilderreihe der Regenten Österreichs und die Stammtafel der Zisterzienser-Klöster. Diese zehn Meter lange Tafel besteht aus 108 Formen, in zwei Farben ausgeführt. Der Druck und die Zurichtung sind so vorzüglich, dass die Zusammensetzung dem Auge vollständig unbemerkbar ist.
Rollinger & Mössner.
Die Arbeiten von Rollinger & Mössner sowohl im Accidenz- als im Werkdruck gehören mit zu den vollendetsten der neueren Typographie. Die Genannten zählen unter die nicht zu zahlreichen Buchdrucker, welche nichts für unbedeutend halten und eben deshalb Mustergiltiges liefern, z. B. die „Geschichtsquellen der Stadt Wien“. Zu derselben Klasse, jedoch meist in anderer Richtung A. Holzhausen.arbeitend, gehört Adolf Holzhausen, dessen Offizin an orientalischen Schriften sehr reich ist und dessen Drucke denen der Staatsdruckerei vollkommen ebenbürtig sind. Er lieferte den Druck des oben erwähnten Jahrbuchs der kaiserlichen Sammlungen und Albrecht Dürer würde gewiss den „Ansichten aus der Presse“ von seinen und der gleichzeitigen Meister Arbeiten sein imprimatur G. Gistel.
Fr. Jasper.nicht verweigert haben. Zu den strebsamen Buchdruckern der jüngsten Zeit gehören der erwähnte G. Gistel und Fr. Jasper. Letzterer druckte die Festgabe zu dem 400jährigen Jubiläum, und liefert sehr gute Illustrationsdrucke.
H. Reiss * 28. Aug. 1799.
Einen ganz besonderen Ruf hat sich Wien durch seinen xylographischen Farbendruck erworben. Der erste, der sich durch diesen auszeichnete, war Heinrich Reiss, aus einer Familie, die von altersher eine Buchdruckerei besass, welche er, nachdem er erst verschiedene Reisen gemacht hatte, 1828 übernahm. 1850 folgte er jedoch einem Rufe der Staatsdruckerei, leitete später die Buchdruckerei von Zamarski und gab sich seit 1857 ganz der Kunstdruckerei hin. Seine Hauptarbeit, an der er 23 Jahre lang gearbeitet hatte, ist das Missale Romanum mit etwa 90 Miniaturen von H. Knöfler. Zu der Herstellung eines Bildes wurden bis zu 15 Platten verwendet. Vorzüglich sind die zwei grossen Titelblätter, das Abendmahl und Christus am Kreuze. Der Text bildet einen Folioband von mehr als 700 zweispaltigen Seiten. Die Grundschrift ist eine fette Gothisch, zu der besondere Initialen geschnitten wurden. Das Papier, ein geripptes Büttenpapier, ist jedoch, wie auch der Textdruck, von sehr ungleicher, mitunter sogar geringer Qualität. Aus diesem Grunde fehlt, trotz der ausserordentlichen Aufopferung seitens Reiss' und der Vorzüglichkeit des Bilderdruckes, dem Werk, als Ganzes betrachtet, doch gar vieles, um als ein typographisches Denkmal ersten Ranges zu gelten. Derartige Werke dürfen nicht Not leiden und müssen in Händen eines Herausgebers sein, dem es möglich ist, bis ans Ende ruhig auszuhalten. Deshalb aber nicht weniger Ehre dem Andenken eines echten Jüngers Gutenbergs. Sein Geschäft übernahm Ludw. Lott, vorher als technischer Leiter der „Alten Presse“ und als Einführer der „Endlosen“ auf dem Kontinent bekannt. Er wirkte im Geiste seines Vorgängers fort und seine Arbeiten fanden in England und Amerika allgemeine Bewunderung. Seine Drucke auf Blech sind ebenfalls vortrefflich.
Prag.
Eine ziemlich bedeutende Thätigkeit entwickeln in Prag 33 Buchdruckereien und 30 lithographische Anstalten mit ihren 114 typographischen und 25 lithographischen Schnellpressen. Die bedeutendste Offizin ist die von A. Haase (S. [290]) mit 21 Schnellpressen und 18 Handpressen. Ign. Fuchs (11 Schp., 19 Tr.- u. Hdp.) liefert sehr gute lithographische Arbeiten, auch J. Farsky bringt Tüchtiges in dieser Richtung. Dr. Ed. Grégrs Offizin arbeitet mit Rotationsmaschine und 5 Schnellpressen. H. Mercy (9 Schp.) druckt namentlich Werke. Die Buchdruckerei der K. K. Statthalterei beschäftigt 7, die Buchdruckerei für Politik 8, J. Otto 7, B. Styblo 6, C. Bellmann 7 Schnellpressen.
Reichenberg.
Die Fabrikstadt Reichenberg besitzt eine grossartige graphische Anstalt, die der Gebr. Stiepel, welche durch 13 Schnellpressen und 20 Tret- und Handpressen die zahlreichen Fabriken mit Etiketten, Geschäftskarten, Rechnungsformularen etc. versieht. Tetschen.Das kleine Tetschen an der Elbe hat auch eine bedeutende Druckanstalt aufzuweisen, die von F. W. Stopp, welche (mit 7 Schp., 7 Hdp.) hauptsächlich für lithographische Arbeiten eingerichtet Teschen.ist. In Teschen in Österr. Schlesien befindet sich die Offizin von K. Prochaska (10 Schp.), eine der besten Provinzdruckereien Österreichs. Sie wurde 1806 von Thomas Prochaska gegründet.
Brünn.
Lemberg.
In Brünn arbeiten hauptsächlich für Lokalbedürfnisse W. Burkart (7 Schp.), Buschak & Irrgang (4 Schp.), Carl Winiker (5 Schp.), R. M. Rohrer (6 Schp.). Galizien bietet nur wenig von Interesse. In Krakau, einst von Bedeutung in der typographischen Geschichte, druckt die Offizin des Czas (5 Schp.) und die Buchdruckerei der Akademie der Wissenschaften H. Lisicki & Co., in Lemberg E. Winiarz (4 Schp.).
Graz.
Unter den Offizinen des südlichen Österreichs ist die Aktiendruckerei Leykam-Josefsthal (15 Schp., 16 Tr.- u. Hdp.) in Graz eine weit verzweigte graphische Anstalt, die manches Gute geliefert hat. Die Grazer „Post“ wurde 1882 an eine zweite Gesellschaft Leykam für gegen 1100000 M. verkauft. Die Gesellschaft Styria und die Gutenberg-Druckerei in Graz beschäftigen je 5 Schnellpressen. In Innsbruck verfolgt die Wagnersche Buchdruckerei eine wissenschaftliche Richtung. In Linz wirken A. Eurich und J. Wimmer. Die älteste Druckerei Österreichs besitzt Klagenfurt. Hier etablierte sich Ferd. v. Kleinmayr 1548. Sein Nachfolger gründete 1777 die „Klagenfurter Zeitung“. In Laibach feierte die Offizin von J. v. Kleinmayr & F. Bamberg (4 Schp.) 1882 ihr Triest.100jähriges Jubiläum. In Triest hat sich die Buchdruckerei des Österr.-Ungar. Lloyd als eine tüchtige Vertreterin der Kunst bewiesen und wirkte auch früher als bedeutende Verlegerin illustrierter Werke.
Von der Holzschneidekunst in Wien und den Meistern, welche diese förderten J. G. Prestel, Blasius Höfel, Friedr. v. Exter, H. Knöfler u. a., wurde bereits (S. [300]) berichtet, auch fanden die Paul Pretzsch * 1808, † 28. Aug. 1873.wichtigen Erfindungen von Paul Pretzsch (S. [14]) Erwähnung. Je weniger das verdienstvolle Wirken dieses Mannes vom Glück begünstigt war und je öfter der Versuch gemacht wurde, seine Erfinderehre zu schädigen, namentlich seitens englischer Erfinder, um so mehr gebietet es die Pflicht, hier seiner mit einigen Worten noch zu gedenken.
Pretzsch war als Sohn eines Goldarbeiters in Wien geboren, lernte dort die Buchdruckerkunst und trat nach längerem Aufenthalt im Auslande in den Dienst der K. K. Hof- und Staatsdruckerei, welche er 1851 auf der Londoner Weltausstellung vertrat. Dort erhielt er auf Grund der von ihm ausgestellten Photographien eine Prämie und nun entstand in ihm der Gedanke, Photographien druckbar zu machen, weshalb er sein Engagement bei der Staatsdruckerei aufgab, 1854 wieder nach London ging und dort neun Jahre blieb, um seine Pläne zur Ausführung zu bringen. Seine Erfindung, Tiefdruckplatten von Photographien herzustellen, nannte er Photogalvanographie und sie wurde einer Patent-Photo-Galvanographic-Society zur Ausbeutung übergeben, welche 1856 fünf Hefte eines Werkes in Grossfolio unter dem Titel Photographic Art Treasures herausgab. Nach etwa zweijährigem Bestehen löste sich jedoch die Gesellschaft auf und Pretzsch war wieder auf sich selbst angewiesen, während Fox Talbot, der die Erfindung gemacht hatte, durch Ätzung Photographien druckbar zu machen, ihn auf Grund seines Patentes verfolgte, wennauch ohne Resultat, da Pretzschs Verfahren sich nicht auf Ätzen gründete.
Nach der Weltausstellung 1862 kehrte Pretzsch nach Wien zurück und war längere Zeit schwer leidend, so dass er erst 1864 seine Thätigkeit wieder aufnehmen konnte. Diese richtete sich nun vornehmlich auf Herstellung von Hochdruckplatten und nach mannigfachen, mühsamen und kostspieligen Versuchen gelang ihm auch die Fertigstellung solcher, von welchen Proben 1873 in Wien ausgestellt waren.
Hiermit war das wichtigste Problem der Illustration der Zukunft zwar Wirklichkeit geworden, jedoch noch nicht in zufriedenstellender Weise; denn die Platten besassen nicht Tiefe genug, um mit Leichtigkeit in der Buchdruckerpresse behandelt zu werden. In Berücksichtigung der hohen Bedeutung, welche die Erfindung möglicherweise würde erreichen können, erhielt Pretzsch eine Staatsunterstützung, um seine Versuche weiterzuführen, und noch wenige Stunden vor seinem Tode war er mit diesen beschäftigt.
In der Zeit der Blüte der Schwarzlithographie erreichte Kriehuber im Porträtfache eine bis dahin unbekannte Meisterschaft. Die Chromolithographie fand einen günstigen Boden, der zuerst von der K. K. Staatsdruckerei bebaut wurde. Das erste Werk von Bedeutung waren die Aquarellbilder nach niederösterreichischen Bauwerken von Conr. Grefe, welcher Künstler überhaupt besondere Verdienste um den Buntdruck hat. Ed. Hölzel lieferte namentlich viele gute Landschaftsbilder; sein bestes Blatt und eines der besten der Öldruckbilder überhaupt dürfte „Die beiden Brüder“, nach v. Defregger sein. Seine instruktiven, geographischen und naturwissenschaftlichen Blätter und die architektonischen Bilder nach J. Langl, in Sepiamanier gedruckt, sind höchst wertvolle Erscheinungen. Reifenstein und Rösch (jetzt G. Reifenstein), Haupt & Czeiger, A. Hartinger & Sohn, Fr. Paterno lieferten gutes, die ersteren beiden Firmen im figürlichen, die beiden letzteren im naturwissenschaftlichen und geschichtlichen Unterrichtsfache.
Ed. Sieger * 12. Dezbr. 1810. † 21. Jan. 1876.
Im lithographischen Accidenzfache zeichnete sich Ed. Sieger aus. Seine Riesenplakate wurden angestaunt und seine Erfindung des Ivoirit, einer täuschenden Imitation des Elfenbeins, brachte, in Bücherbänden oder in Ebenholz-Kassetten und Möbeln eingelegt, eine frappante Wirkung hervor.
Die Zinkhochätzung fand tüchtige Vertreter, unter welchen C. Angerer & Göschl ihr Verfahren zur ganz besonderen Vollkommenheit brachten. Auch C. Haack erwarb sich einen Namen, Moritz und Max Jaffé traten mit der Jaffétypie auf. Die Kupferstecherkunst, welche sehr zurückgegangen war und wesentlich nur in den Prämienblättern und den Nieten der Kunstlotterien fortvegetierte, trat durch die Ernennung Louis Jacobys (jetzt in Berlin) zum Professor dieser Kunst in ein neues Stadium des Fortschrittes. Die Radierung kam besonders durch W. Unger zu Ehren. Die Photographie, namentlich die Porträtphotographie, wurde mit viel Glück in Wien geübt.
In der Verwendung aller graphischen Kunstzweige, namentlich der in der Photographie wurzelnden, ist das Militär-geographische Institut berühmt geworden. Es entstand 1839 durch Vereinigung der topographisch-lithographischen Anstalt des K. K. Generalstabes in Wien mit dem zu Mailand bestandenen Deposito della Guerra. Die Anstalt kultiviert die Kartographie in ausgedehntester Weise unter Verwendung aller neueren Verfahren. Unternehmungen wie die Karte der Umgebungen Wiens in 48 Blättern; die Spezialkarte der Österreich-Ungarischen Monarchie in 720 Blättern, die Generalkarte von Zentral-Europa in 192 Blättern, und viele andere gehören zu den Meisterwerken der Kartographie.
Die Buchbinderkunst steht in Wien schon seit langer Zeit im Ansehen, wird jedoch noch mehr in den sogenannten Galanterie-Arbeiten als in der eigentlichen Buchbindung geübt. Vortrefflich sind in letzterer Richtung die Mosaikbände mit wirklichen Ledereinlagen, nicht nach französischer Art mit nur aufgelegtem dünn geschabten Leder. Namen wie A. Klein, Leop. Groner, Conr. Berg u. a. haben den besten Klang.
Unter solchen Verhältnissen wie den obengeschilderten konnte Wien, wo die Zustände im Jahre 1840 den Gedanken an ein fröhliches Gutenbergfest, wie das in Leipzig, nicht aufkommen liessen, sich mit Befriedigung zur Begehung des vierhundertjährigen Festes der Einführung der Kunst in Wien (I, S. 49) rüsten. Schon Jahre vorher waren die Vorbereitungen getroffen, namentlich für die Herausgabe einer bedeutenden Festschrift, einer Geschichte der Kunst in Wien seit vier Jahrhunderten, welche zugleich Proben der Leistungsfähigkeit der graphischen Anstalten vorführen sollte[257]. Das Fest fand am 24.–25. Juni 1882 statt und wurde durch einen Aktus, verbunden mit einer durch v. Eitelberger arrangierten historischen Ausstellung, eröffnet. Die eigentliche Festrede hielt der österreichische Generalkonsul in Leipzig, Karl v. Scherzer, wie bereits erwähnt ein früherer Gutenbergsjünger. Ein allgemeines Fest fand am 25. Juni in Hietzing in der „Neuen Welt“ statt, wo gegen 14000 Festgenossen sich versammelt hatten und wo Karl Höger als Festredner auftrat.
Ungarn. Buda-Pest.
In Ungarn steht die Buchdruckerei im allgemeinen nicht auf einem sehr hohen Standpunkte. Buda-Pest ist selbstverständlich der Sammelpunkt der bedeutendsten Offizinen. Im Jahre 1851 waren dort 8 Druckereien vorhanden mit 22 Schnellpressen; 1870 bereits 50 mit 140 Schnellpressen; 1882 48 Buchdruckereien und 23 lithographische Anstalten mit 130 Schnellpressen und 200 Tret- und Handpressen.
Staatsdruckerei.
Die Staatsdruckerei Ungarns besteht in ihrem jetzigen Umfange (16 Schp., 18 Hdp., 250 Arbeiter) erst seit der Trennung der Verwaltung Ungarns und Österreichs und befand sich früher in Temesvar als Filiale der Staatsdruckerei in Wien. Sie liefert sehr viele Accidenzarbeiten und Wertpapiere, die nicht auf der Höhe der Vollkommenheit stehen. Neben Gutem findet sich unter ihren Arbeiten manches Mittelgute. Die, unter ausgedehnter Anwendung der Galvanoplastik, gelieferten Kartenwerke haben einen grossen Umfang.
Druckereien in Buda-Pest.
Einen bedeutenden Aufschwung hat die Pester Buchdruckerei-Aktien-Gesellschaft, geleitet von Siegm. v. Falk, genommen; sie arbeitet in gedeihlicher Weise mit 15 Schnellpressen, 8 Handpressen und 200 Personen. Die Aktiengesellschaft Athenäum (12 Schp., 12 Giessm., 250 Arb.) druckt nicht weniger als zwanzig periodische Schriften. Die Offizin der Aktiengesellschaft Franklin-Verein (Rotm., 11 Schp., über 200 Arb.) hat sowohl als Werk- wie als Accidenzdruckerei einen guten Ruf. Im Jahre 1873 erwarb der Verein den bedeutenden Verlag von Gustav Heckenast, der einen wesentlichen Anteil an dem Aufblühen des Buchhandels in Ungarn gehabt hat. Er kam als Apotheker nach Pest, übernahm aber, als der dort etablierte Otto Wigand aus Göttingen auf Grund politischer Verhältnisse Ungarn schleunigst verlassen musste, dessen Geschäft und verband sich 1840 mit dem Buchdrucker Landerer. Mit seinen nationalen Verlagsunternehmungen hatte Heckenast viel Glück, namentlich mit dem von Kossuth redigierten Pesti Hirlap. Später gab er die illustrierte „Sonntags-Zeitung“ heraus.
Die von der Gesellschaft Hungaria 1869 gegründete, schön eingerichtete, Buchdruckerei (verbunden mit Verlagsgeschäft) druckt mit Rotationsmaschine das „Neue Pester Journal“ und das „Volksblatt“ und beschäftigt 170 Arbeiter. Das grosse Geschäft von Gebr. Légrádý liefert namentlich zahlreiche Jugendschriften, Victor Hornyánsky viele sehr gut gedruckte Bibeln in verschiedenen Sprachen. Ausserdem sind zu erwähnen die Universitäts-Buchdruckerei (7 Schp.) und die bedeutenden Zeitungsdruckereien: Khór & Wein, welche das „Illustrirte Tageblatt“ auf Augsburger Rotationsmaschine drucken, Ph. Wodianer, M. Deutsch (10 Schp.). Vortreffliche Arbeiten im kaufmännischen Accidenzfach gehen aus den Pressen der typo-lithographischen Anstalt von C. L. Posner (7 Schp., 11 Hdp.) hervor.
Mor. Ráth gab als Verleger zwar eine Reihe von vorzüglich ausgestatteten Prachtwerken heraus, da er jedoch die Mehrzahl in Wien drucken liess, so kann man aus denselben sich kein Bild der Leistungsfähigkeit der Pester Typographie machen.
Hervorragende Druckanstalten besitzt Transleithanien sonst nicht. In Agram befindet sich die wohleingerichtete Druckerei und lithographische Anstalt von C. Albrecht mit 6 Schnellpressen und die der Landesregierung gehörende Offizin des Narodne Noviny (4 Schp.). Gutes leisten in Raab Sandor Czéh; in Temesvar Gebr. Magyar; in Szegedin Burger & Co.; in Neusatz befindet sich die Druckerei des Serbischen National-Vereins. Das „okkupierte“ Bosnien hat eine nach neuestem Zuschnitt gut eingerichtete K. K. Landesbuchdruckerei in Serajewo.
Während in dem Jahre 1856 der österreichische Gesamtstaat (die italienischen Provinzen nicht mitgerechnet) kaum 200 Druckoffizinen aufwies, besassen die cis- und transleithanischen Länder 1882 in 372 Städten 756 Buchdruckereien, 345 lithographische Anstalten, 29 Schriftgiessereien und 1183 Buchhandlungen. Die Zahl der vorhandenen Schnellpressen betrug 1568, die der Hand- und Tretpressen 2250. Beschäftigung fanden gegen 15000 männliche, 3500 weibliche Arbeiter und 2000 Lehrlinge. 38 Gehülfen-Vereine hatten 4162 Mitglieder und, darin eingerechnet das Vermögen des Wiener Unterstützungs-Vereins von etwa 300000 Mark, ein Gesamtkapital von über einer Million Mark.
Vergleichen wir die Österreichisch-Ungarische Monarchie mit dem Deutschen Reiche, so geht hervor, dass erstere bei einem Umfange von 11300 Meilen und einer Bevölkerung von etwa 37500000 Menschen in der graphischen Produktion sehr gegen letzteres zurückbleibt. Scheiden wir die österreichische Monarchie in vier graphische Gruppen, so erhalten wir als Resultat folgende Zahlen:
| Buchdruck. | Lithogr. Anstalten | Typogr. Schnellpr. | Lithograph. Schp. | ||
| I. | Die nördliche Gruppe: Schlesien, Böhmen, Mähren, Galizien, Bukowina | 251 | 148 | 442 | 75 |
| II. | Die mittlere Gruppe: Nieder- und Oberösterreich, Salzburg | 190 | 111 | 450 | 79 |
| III. | Die südliche Gruppe: Tirol, Steiermark, Kärnthen, Krain, die Küstenländer | 73 | 31 | 450 | 79 |
| IV. | Die östliche Gruppe: Ungarn, Siebenbürgen, Slawonien, Kroatien, Bosnien | 242 | 55 | 344 | 11 |
| 756 | 345 | 1369 | 199 |
Die rein deutsche Gruppe II, mit der Kaiserstadt, in welcher fast alle bedeutenden graphischen Anstalten ihren Sitz haben, und in der über eine Million Menschen lebt, ist mehr als anderthalbmal so gross an Umfang als das Königreich Sachsen und zählt nur etwa 200000 Einwohner mehr. Nichtsdestoweniger beträgt in Sachsen die Zahl der Buchdruckereien 136, der lithographischen Anstalten 101 und der Schnellpressen 663 mehr als in der österreichischen Gruppe II.
Das Deutsche Reich, einen Umfang von etwa 2000 □Meilen weniger als Österreich-Ungarn besitzend und etwas über 5 Millionen Einwohner mehr zählend, hat 2633 Buchdruckereien, 1649 lithographische Anstalten, 5708 Schnellpressen und etwa 3000 Buchhandlungen mehr. Bei einer solchen Zusammenstellung darf jedoch nicht übersehen werden, dass in den cis- und transleithanischen Ländern die Zahl der Deutschsprechenden nicht viel mehr als den vierten Teil der Einwohner beträgt.
Ebenso ungünstig stellt sich das Verhältnis, wenn wir die österreichisch-ungarischen Städte mit 50000 Einwohnern und mehr mit den deutschen (S. [276]) zusammenstellen. Es giebt in Österreich deren nur zehn, nämlich:
| Städte | Einwohnerzahl | Buchdruck. | Lithogr. Anst. | Buchhandl. | Zeitschriften |
| Buda-Pest | 365000 | 49 | 24 | 57 | 83 |
| Prag | 190000 | 33 | 30 | 83 | 84 |
| Triest | 124000 | 10 | 4 | 12 | 6 |
| Lemberg | 104000 | 15 | 4 | 22 | 33 |
| Graz | 94000 | 7 | 9 | 26 | 17 |
| Brünn | 82000 | 12 | 6 | 15 | 24 |
| Szegedin | 76000 | 4 | 1 | 4 | 2 |
| Krakau | 61000 | 6 | 2 | 15 | 8 |
| Debreczin | 52000 | 3 | 1 | 2 | 2 |
| Pressburg | 50000 | 6 | 3 | 4 | 2 |
Die Bücherproduktion Österreichs lässt sich nicht wohl aus der des ganzen deutschen Litteraturgebietes ausscheiden. Die Büchereinfuhr in Österreich betrug 27620 Meterzentner, die Ausfuhr 9378; da von letzterer jedoch die Remittenden der in Kommission versandten Artikel abgehen, so kann die wirkliche Ausfuhr kaum auf 4000 Meterzentner geschätzt werden. Merkwürdigerweise stellt sich das Verhältnis bei Musikalien noch ungünstiger, da bei einer Einfuhr von 937 Meterzentner nur 66 Zentner ausgeführt wurden. Trotz der geringen Ziffern hat sich die Einfuhr seit 1860 zwei und einhalbmal, die Ausfuhr einmal erhöht.
Die Zahl der Journale war zum Beginne des Jahres 1880 in den im Reichsrate vertretenen Kronländern 1074, darunter 340 politische Tages- und Wochenblätter. Von der Gesamtzahl erschienen 79 täglich, 80 mehrmals wöchentlich, 310 wöchentlich, 211 vierzehntägig, 226 monatlich. 728 Journale waren in deutscher, 73 in polnischer, 131 in tschechischer Sprache. Wien beteiligte sich mit 483 Zeitschriften. 1872 hatte ein Rückgang in der politischen Zeitungspresse stattgefunden und es erschienen 19 Tagesblätter weniger als 1871.
Ungarn lieferte damals 558 Zeitungen, davon 356 in magyarischer, 120 in deutscher, 56 in slawischer und 21 in rumänischer Sprache. Die Zahl der magyarischen Blätter hat seit der Zeit um 70 zugenommen, in Buda-Pest erschienen 168; in den übrigen Sprachen ist die Zahl ziemlich unverändert geblieben.
Fußnoten:
[244] Journ. f. B. 1846.
[245] J. T. v. Trattner, Der gerechtfertigte Nachdrucker. Wien 1778.
[246] Während Trassler noch als Faktor bei Trattner arbeitete, hatte letzterer für den nachmaligen Kaiser Josef II. eine kleine Buchdruckerei eingerichtet. Ein grosser vortrefflicher Holzschnitt von F. v. Exter (S. [302]) hat eine Szene aus dieser Druckerei verewigt, wo der Prinz an dem Bengel zieht, Trassler die Ballen einschwärzt und Trattner gute Lehren erteilt. Die Presse selbst befindet sich in dem Museum der K. K. Staatsdruckerei.
[247] Annalen d. Typ. 1875, Nr. 327. — „Zur hundertjährigen Gründungsfeier“ etc. Wien 1815.
[248] Franz Raffelsberger, Proben der ersten graphischen Typen. Wien 1838.
[249] A. Auer, Über das Raumverhältniss der Buchstaben. Wien 1848.
[250] A. Auer, Geschichte und Beschreibung der K. K. Hof- und Staatsdruckerei. 1851. — Der polygraphische Apparat, 1851. — Album der K. K. Hof- und Staatsdruckerei. 1853. — Die K. K. Hof- und Staatsdruckerei auf der Pariser Ausstellung. 1855.
[251] A. Auer, Die Entdeckung des Naturselbstdruckes. 1853. — K. v. Ettinghausen und A. Pokorny, Die wissenschaftliche Anwendung des Naturselbstdruckes. Wien 1856.
[252] J. Arenstein, Österreich auf der internationalen Ausstellung 1862.
[253] Jos. Trentsensky, Erzeugung von Schriften en haut-relief für Blinde. Wien 1836. — Freisauff v. Neudegg, Die Ektypographie für Blinde. Wien 1837.
[254] 1876 erschien die zweite Auflage der Alphabete des gesamten Erdkreises.
[255] Die obigen nicht wenig zuversichtlichen Worte gehören dem Herrn v. Braumüller selbst und sind dem Vorwort zu seinem Jubelkatalog entnommen. Es ist eine eigene Sache, in einem geschichtlichen Buch jemand sein eigenes Lob aussprechen zu lassen; wenn man jedoch mit gutem Gewissen jedes Wort unterschreiben kann, weshalb dann nicht? — C. Beyer, Wilh. v. Braumüller und Heinr. v. Cotta.
[256] Eitelberger, Die Kunstbewegung in Österreich. 1878.
[257] Das Werk gewann einen grösseren Umfang, als anfänglich vorgesehen war. Bis jetzt erschien der erste Band, gedruckt bei Fr. Jasper, mit vielen Beilagen.
XVI. KAPITEL.
DIE ZWEIGE DER GERMANISCHEN GRUPPE.
Dänemark. Fortschritte der Typographie: B. Luno, Gebr. Thiele, C. Ferslew & Co. u. a. Die Chemitypie: C. Piil. Die Giessmaschine: L. Brandt. Die Setzmaschine: C. Sörensen. Die Schreibkugel: Malling Hansen. Island, Grönland. Norwegen. Geistiges Leben. Schweden. Norstedt & Söner, Central-Tryckeriet u. a. Finnland. Russland und Polen. Die Staatsdruckerei und andere Offizinen. Das Zeitungswesen. Die Donauländer: Serbien, Rumänien, Bulgarien. Griechenland.
DÄNEMARK UND NORWEGEN.
Die Presse in Dänemark.
GEGEN das Ende des XVIII. Jahrhunderts ergriff die politische und geistige Gährung auch Dänemark und übte ihre Wirkung auf die Presse aus. Unter dem allmächtigen Ministerium Struensee wurde 1770 am 14. September die schrankenloseste Pressfreiheit eingeführt, was nicht ohne gröbliche Ausartungen abging. Wie gewöhnlich trat dann als Gegensatz eine weit über das Ziel schiessende Reaktion ein, deren Schlussstein die Verordnung vom 27. September 1799 war, durch welche die Zensur wieder eingeführt wurde und die Verfolgungen gegen die Presse ihren freien Lauf nahmen. Ausserdem begann das XIX. Jahrhundert sehr unglücklich für Dänemark, welches die damals herrschende Politik mit dem Bombardement von Kopenhagen, dem Verlust seiner glänzenden Flotte und der Abtretung Norwegens bezahlen musste[258].
Unter diesen Verhältnissen konnte die Typographie Dänemarks in der ersten Hälfte der Periode und noch länger keine grossen Fortschritte machen. Es herrschte kein guter Geschmack und die Produktionen gingen nur selten über das Mittelgute hinaus. Als bedeutendere Erscheinungen sind zu nennen: Den danske Vitruvius, 2 Bände, Folio; Langebecks Scriptores rerum danicarum, 8 Bände, Folio; Beskrivelse over danske Mönter og Medailler, 3 Bände, Folio; Flora Danica, ein sehr bedeutendes und umfangreiches Werk.
Die Typographie in Kopenhagen.
Die Buchdruckereien in Kopenhagen beherrschten, durch Innungsverhältnisse begünstigt, die Buchdruckereien der Provinz. Die Autoren suchten, da der Buchhandel nicht gut organisiert war, zumteil Verleger im Auslande.
E. H. Berling * 1689, † 1759.
Carl Heinrich Berling, Sohn des eingewanderten E. H. Berling (I, S. 156), erwarb das Privilegium der Posttidender, welche den Titel Statstidende, später Berlingske Tidende annahm, unter welchem Namen sie noch heute besteht. Viele Jahre hindurch waren dieses und ein anderes, ungefähr auf derselben Stufe der Mittelmässigkeit stehendes Blatt, Dagen, die einzigen Quellen tagesgeschichtlicher Weisheit.
Das Volk verfiel in ein durch Geistesspielereien gewürztes weichliches Wohlleben, aus welchem der Nationalgeist erst durch die Dichtungen Adam Oehlenschlägers erwachen sollte. Allmählich fielen die Schranken der Presse wieder und es erblühte ein überaus reges geistiges Leben, das ebenfalls die Entwickelung der Buchdruckerei und des Buchhandels im Gefolge hatte.
Bianco Luno * 27. Juni 1795, † 12. Aug. 1852.
Im Jahre 1825 kam die erste Schnellpresse nach Dänemark. Der eigentliche Schöpfer des guten Geschmacks und der Typographie im Sinne der Neuzeit war Bianco Luno[259], der sich, nach vielfachen Wanderungen in Italien, Ungarn und Deutschland, 1831 in Kopenhagen etablierte. Die Ausstattung und Ordnung seiner Druckerei war eine noch nicht in Dänemark bekannte und würde selbst im Auslande als eine mustergültige gegolten haben. Er lieferte namentlich in Werk- und tabellarischen Arbeiten vortreffliches. Die Druckerei arbeitet jetzt mit 9 in Kopenhagen von Eickhoff gebauten Schnellpressen.
Gebr. Thiele.
J. R. Thiele † 1876.
In feineren Accidenz- und illustrierten Drucken sind die Brüder Just und Andreas Thiele, Nachkommen eines 1770 aus Lemgo eingewanderten Buchdruckers Joh. Rud. Thiele, in Dänemark unübertroffen. Sie erhielten ihre Ausbildung in der Brockhausschen Offizin in Leipzig und können sich mit den besten Illustrationsdruckern Deutschlands messen. Als Beispiele ihrer Leistungen seien erwähnt: Illustreret Tidende, The old northern Runic monuments und Queen Dagmars Cross in Farbendruck. Die Offizin ist die grösste in Dänemark und arbeitet mit 17 König & Bauerschen Schnellpressen. Die Gebrüder Thiele drucken auch die Noten der Bank, die Postmarken und fast alle dänischen Wertpapiere.
C. Ferslew.
Als Zeitungsdruckerei steht die Offizin C. Ferslew & Co. obenan. Sie verbindet Typographie mit Lithographie und Papierfabrikation. Ferslew druckte zuerst mit einer „Victoria-Endlosen“. Drei grosse Tageszeitungen werden in der Offizin hergestellt, in welcher 9 Kastenbeinsche Setzmaschinen und 11 Ablegemaschinen arbeiten, wohl mehr als für den Augenblick im ganzen Deutschen Reich. Bei der Bedienung sind mehr als dreissig Mädchen unter Leitung einer Directrice beschäftigt. Um den Satz zu beschleunigen, werden schlecht geschriebene Manuskripte erst mittels der Malling Hansenschen Schreibkugel (S. [446]) umgeschrieben und dann dem Setzer übergeben, wodurch es möglich wird, den Hauptteil einer grossen Zeitung in zwei Stunden herzustellen. Die als eine Neuheit von Beschke in Deutschland eingeführten Wetterkarten werden schon seit fünf Jahren bei Ferslew hergestellt.
Das Beispiel Lunos und Thieles hat sehr befruchtend gewirkt und der dänische Druck nimmt im ganzen eine sehr respektable Stellung ein. Die Offizin von Berling, welche jetzt nur die Berlingske Tidende mit Rotationsmaschine aus der Fabrik Eickhoff in Kopenhagen druckt, hat sich durch Einführung der technischen Verbesserungen und Erfindungen des Auslandes verdient gemacht. Der letzte männliche Besitzer der Firma Carl Berling spielte als Kammerherr, Reisemarschall und Günstling des Königs Friedrich VII. eine Rolle. Er starb auf einer Reise in Ägypten am 30. März 1871. Geachtete Namen erwarben sich unter anderen Andreas Seidelin und die von J. F. Schultz begründete Hofbuchdruckerei, jetzige Universitätsbuchdruckerei von J. H. Schultz, welche mit 12 Schnellpressen namentlich Regierungs-, Universitäts- und Kommunalarbeiten liefert. In der Provinz ist zu nennen die über 110 Jahre bestehende Fyens Stifts-Buchdruckerei in Odense, wo die Wiege der dänischen Buchdruckerei stand (I, S. 74).
Statistisches.
Zur Zeit hat Dänemark 175 Buchdruckereien (davon 71 in Kopenhagen) mit einem Arbeitspersonal von 1438 Köpfen, darunter 746 Setzergehülfen, 354 Setzerlehrlinge; 69 Setzerinnen, namentlich bei den Setzmaschinen thätig; 176 Drucker, 82 Druckerlehrlinge. Die Zahl der Schnellpressen ist 294, der Tretpressen 36 (davon in Kopenhagen 151 Schnellpressen, 35 Tretpressen). 90 Handpressen werden wohl, wie überall, fast nur als Korrekturpressen dienen[260].
Die litterarische Produktion ist nicht so genau wie in Deutschland anzugeben, da die einzige Kontrolle in der angeordneten Ablieferung eines Exemplars jeden Druckwerkes an die königliche Bibliothek besteht. Eingereicht wurden im Jahre 1880 349 Zeitschriften, 1806 Bücher und Broschüren. In Kopenhagen erscheinen 14 Tageblätter zumeist im Format der grossen Pariser Zeitungen; in den Provinzen 50. Kopenhagen hat 14 illustrierte Wochenblätter, unter welchen die humoristischen eine grosse Verbreitung haben.
Xylographie und Chemitypie.
Die Xylographie, früher hauptsächlich durch Deutsche geübt, leistet sehr anerkennenswertes; die bedeutendsten Anstalten sind die der Illustreret Tidende, H. P. Hansen, F. Hendrikson und J. J. Rosenstand. Die Chemitypie verdankt dem Dänen Chr. Piil[261] ihr Dasein und ist in Dänemark sehr beliebt geworden. Öfters wird sie mit der Zinkhochätzung verwechselt, jedoch beruht sie auf anderen Grundsätzen (S. [18]). Piil brachte seine Erfindung nach Leipzig und übte sie dort in Verbindung mit dem Buchhändler H. Friedlein. Auch die Zinkographie fand sehr geschickte Ausüber in Dänemark.
Schriftgiesserei.
Auf Grund des kleinen Geschäftsgebietes konnte die Schriftgiesserei nicht mit der deutschen Schritt halten. Schriften wurden hauptsächlich von Trennert in Altona und Genzsch & Heyse in Hamburg, dann auch von Berlin und Leipzig bezogen. Gute Arbeiten liefert H. A. F. Fries in Kopenhagen.
Die Schriftgiessmaschine.
L. Brandt * 6. Sept. 1807.
In Deutschland gilt (S. [295]) der Däne Lauritz Brandt allgemein als Erfinder der Schriftgiessmaschine. Er stammte aus Faaborg auf der Insel Fühnen. Als Schlossergeselle ging er nach St. Petersburg, wo er allerlei mechanische Instrumente anfertigte, reiste kreuz und quer durch Deutschland, verheiratete sich dort und segelte dann nach Amerika. Hier führte er den Gedanken, die Giessmaschine zu konstruieren, aus und baute diese in dem Hause der bekannten Schriftgiesserei David Bruce jun. in New-York. 1844 ging er nach Deutschland und verkaufte sein Patent an Eduard Hänel in Berlin. Brandt erntete hieraus weder grosse pekuniäre Vorteile noch Ehre, denn Hänel verschwieg seinen Namen, sodass bald dieser selbst, bald Steiner in München als Erfinder galt. Brandt verliess Deutschland und ging nach Dänemark, wo er mehrere Maschinen für die Schriftgiesserei Fries baute, die noch heute in Wirksamkeit sind. In Schweden erwarb L. Hierta das Patent, welches später auf die Firma Norstedt & Söner überging. Nach einem etwa vierjährigen Aufenthalt in Europa ging Brandt nach New-York zurück und gründete dort ein Etablissement, aus dem eine grosse Anzahl Maschinen hervorging. 1859 zog er sich ins Privatleben zurück und übergab sein Etablissement an N. Erlandsen, der, ebenfalls ein Däne, als armer Junge von seinen Eltern aufgenommen worden war. Gegen Brandts Ansprüche machte David Bruce sein Erfindungsrecht geltend (S. [39]).
Die Setzmaschine.
Chr. Sörensen * 7. Mai 1818, † 30. Jan. 1861.
Wennauch mit Setzmaschinen verschiedentlich experimentiert worden war, so muss doch Christian Sörensen[262] in Kopenhagen als der Erfinder betrachtet werden, denn er war der erste, der eine wirklich lebensfähige Maschine herstellte, die auf den Prinzipien beruhte, welche von allen späteren Erfindern, mit Ausnahme von Mackie, angenommen wurde.
Sörensen war von ganz armen Eltern geboren und musste schon als Kind zum Verdienst mit beitragen durch Arbeit bei einem Leineweber, und konnte nur in den Abendstunden einen notdürftigen Unterricht geniessen. Durch einen Zufall kam er später in Setzerlehre.
Er war ein mechanisches Genie. In seinem zwanzigsten Jahre entstand bei ihm der Gedanke, eine Setzmaschine zu schaffen. Von den vor ihm gemachten Versuchen hatte er keine Ahnung. Am 29. April 1846 erhielt er ein Patent für eine Setz- und Ablegemaschine und eine Unterstützung zur Ausführung eines Modells. Während Sörensen hiermit noch beschäftigt war, ergingen die Einladungen zur ersten Weltausstellung in London. Gelang es, dort mit der Setzmaschine zu erscheinen, so war das Ziel erreicht! Das Erscheinen gelang ihm zwar, aber — die Maschine erhielt nicht einmal eine ehrenvolle Erwähnung.
Das war ein harter Schlag für Sörensen, und seine Gönner fingen nun an, sich von ihm zurückzuziehen. Da erschien als Retter in der Not der Publizist J. F. Gjödwad, Herausgeber der Zeitung Fädrelandet, und bestellte eine Maschine und, als sie gut ausfiel, noch eine zweite. Ehe diese zur Vollendung kam, trat die Pariser Ausstellung von 1855 ins Leben. Der Besteller war liberal genug, Erfolge in Paris.zu gestatten, dass sie erst in Paris ausgestellt würde. Hier erregte sie allgemeines Staunen und wurde einstimmig von dem Jury-Kollegium der höchsten Belohnung würdig befunden, welche für diejenigen Männer bestimmt war, „die sich um die Gesellschaft besonders verdient gemacht“ hatten.
Die Maschine war eine doppelte, eine Setz- und eine Ablegemaschine, und wurde erst durch eine Giessmaschine vervollständigt, die auch sehr schwieriger Natur war, da viele (bis auf 6) komplizierte Signaturen notwendig waren; doch gelang alles nach Wunsch.
Not, Sorge und Tod.
Der pekuniäre Vorteil des Pariser Erfolges blieb jedoch für Sörensen aus. Er fiel in Paris Schwindlern in die Hände und nach vielen vergeblichen Anstrengungen für die Einführung der Maschine in Frankreich, Deutschland und Österreich kehrte er krank und gebeugt nach Dänemark zurück. Hier fand er wieder Beistand und Aufmunterung bei seinem alten Gönner Gjödwad. Zwar geschahen auch von anderer Seite Schritte, die Sörensens Zukunft wenigstens sorgenfreier gestalteten, aber Kummer und frühere Nahrungssorgen hatten seinen Lebensfaden durchschnitten und er erlag seinen Leiden am 30. Januar 1861.
Die Schreibkugel.
R. Malling Hansen.
Mit der Setzmaschine verwandt ist die Schreibmaschine oder Schreibkugel. Der erste, der mit einer solchen wirkliche Erfolge erzielte, war der Direktor der königlichen Taubstummenanstalt in Kopenhagen, R. Malling Hansen. Durch sein Nachsinnen über die Mittel zu einer leichteren Verständigung zwischen Taubstummen und Blinden kam er auf den erwähnten Apparat, den er nach und nach sehr vervollkommnet hat.
Durch die Oberfläche einer hohlen metallenen Halbkugel geht eine Anzahl von Stahlstiften, die wie Radien eines Kreises nach dem Mittelpunkte zusammenlaufen, was durch künstliches Unterschneiden der Stifte ermöglicht wird. Auf dem unteren Ende eines jeden derselben ist ein Antiqua-Versalbuchstabe erhaben geschnitten, wie jeder Typenstempel. Unter dem Mittelpunkte, wo alle Buchstaben zusammentreffen, liegt das Schreibpapier mit einem Farbepapier bedeckt. Durch den Druck mit dem Finger auf den Knopf eines Stempels wird dieser nach dem Zentrum geführt und übt einen Druck auf das Farbepapier, wodurch der Buchstabe auf das weisse Papier abgefärbt wird. Nach jedem Druck bewegt sich das Papier soweit seitwärts zurück, dass der nächste Buchstabe in die richtige Entfernung von dem vorhergehenden zu stehen kommt. Ist die Zeile voll, schiebt sich das Papier so weit nach oben, dass es in die richtige Lage kommt, um die folgende Zeile aufzunehmen. Eine Schnelligkeit von 20000 Buchstaben in der Stunde ist noch keine übertriebene. Durch Übereinanderlegen von bis zu zehn Schreib- und Farbeblättern ist es möglich, eine ebenso grosse Anzahl Drucke gleichzeitig zu schaffen, die wieder durch elektrische Verbindung mehrerer Apparate nach Belieben gesteigert werden kann.
Die Maschinenfabrikation.
J. G. A. Eickhoff * 4. März 1809, † 30. Mai 1875.
Die erste eiserne Handpresse in Dänemark wurde 1836 von Hüttemeyer, die erste Schnellpresse 1847 von J. G. A. Eickhoff aus Wittenförden in Mecklenburg-Schwerin nach dem System König & Bauer hergestellt. Seine 200. Maschine folgte 1874. Über 125 davon gingen nach dem Auslande, namentlich nach Schweden und Russland. Eickhoff baut auch Rotationsmaschinen.
Die Papierfabrikation ist besonders durch die Familie Drewsen in die Höhe gebracht. Das dänische Fabrikat ist in den Mittelsorten ein sehr brauchbares. Die Buchbinderei nahm stets einen respektablen, wennauch keinen hervorragenden Platz ein.
Lithographie.
Die Lithographie wurde durch C. C. Lose von einem Deutschen Heinrich Wenzler 1811 eingeführt und hauptsächlich für den Notendruck benutzt. Der Kunstsinn, welcher, durch die von Thorwaldsen gegebene Anregung in allen Schichten der Bevölkerung geweckt, einen mächtigen Einfluss auf das Kunstgewerbe geübt hat, wirkte auch auf die Lithographie. Es entstanden nicht nur vorzügliche Kartenarbeiten, sondern auch wirkliche Kunstblätter, letztere namentlich durch Emil Bärentzen & Co., jetzt Hoffensberg & Trap, welche auch vorzügliche Chromos liefern. Neben diesen verdienen J. W. Tegner & Kittendorf genannt zu werden.
Der Buchhandel in Dänemark ist nach deutschem System gut organisiert. Das offizielle Organ des skandinavischen Buchhandels ist das seit 30 Jahren von O. H. Delbanco herausgegebene Nordisk Boghandlertidende.
Island.
Auf der Insel Island blieb stets der Sinn für die Litteratur herrschend. Es bestehen dort 5 Druckereien mit 7 Pressen und 4 Journale erscheinen daselbst. Die Offizinen von Einar Thordarson und Björn Jónsson besitzen je eine Schnellpresse. Im Jahre 1799 kam die Isländische Litterarische Gesellschaft[263] in den Besitz einer kleinen Druckerei, in der bereits 1840 über 100 Werke gedruckt waren. Auch die Färinseln besitzen eine Offizin und ein Blatt. Selbst Grönland.Grönland ist nicht zurückgeblieben. Unter den in den dänischen Kolonien wohnenden 12000 Eingeborenen ist die Fertigkeit im Lesen und Schreiben so verbreitet, wie irgend in Europa. In den Jahren 1857–61 machte der Inspektor von Süd-Grönland, nachdem ihm auf Rechnung der Grönländischen Handelsdirektion eine Buchdruckpresse gesendet war, einen Versuch, einen Eingeborenen, Lars Möller, im Setzen und Drucken und einen andern im Holzschneiden zu unterrichten. 1861–62 hielt sich ersterer in Kopenhagen auf und wurde dort ordentlich im Buch- und Steindruck unterrichtet. Nach seiner Rückkehr liess der Inspektor ein kleines Gebäude aufführen und als Buch- und Steindruckerei einrichten. Ausser einigen kleinen erzählenden Schriften gingen zwei periodische Unternehmungen aus dieser Offizin hervor: Atuagagdliutit (Unterhaltungslektüre), worin auch Beiträge von Eingeborenen und viele Abbildungen enthalten sind; das andere enthält die Jahresberichte der Ortsvorsteher mit lithographierten Tafeln. In der Kolonie Godthaab (Gute Hoffnung) befindet sich eine zweite Herrnhutische Missionspresse, aus der eine Anzahl von Erbauungs- und Unterrichtsbüchern hervorgingen. Das erste dort gedruckte Buch war eine Legendensammlung Kalladtit Okalluktua alliaït mit zwölf von Eingeborenen gezeichneten und geschnittenen Holzstöcken und acht Liedern mit Musiknoten.
Norwegen.
In Norwegen[264] kann man, sieht man von der altehrwürdigen Litteratur der Eddas und des reichen Sagenschatzes in der Norröna-Zunge ab (I, S. 156), eigentlich erst seit etwa 70 Jahren von einer Nationallitteratur reden.
Christiania.
In Christiania wurde die zweite Druckerei erst im Jahre 1807 angelegt. Nachdem die politische und die damit verbundene Pressfreiheit im Jahre 1814 urplötzlich und in einem Maasse, wie es in der Geschichte nicht oft vorkommt, errungen war, begann auch eine grosse Regsamkeit in der Litteratur. Man machte bedeutende, mitunter etwas krampfhafte Anstrengungen, um eine nationale norwegische Litteratur zu schaffen, und damit fing auch die Buchdruckerkunst an, einen bedeutenderen Platz einzunehmen.
Zeitungswesen.
In einem Lande, wo die grosse räumliche Ausdehnung, die kleine, weit zerstreute Bevölkerung und die Naturschwierigkeiten einen schnellen Paketverkehr notwendig machten, war die Journalpresse von grosser Wichtigkeit und oft die einzige Quelle der Belehrung und Unterhaltung. Die Spuren derselben reichen bis auf das Jahr 1760 zurück. Die erste eigentliche Zeitung waren die 1763 begonnenen Norske Intelligenzsedler. Die Zeitungen unterlagen, wie in Dänemark, der Zensur und zwar einer sehr strengen. Zur Empfangnahme von Zeitungen durch die Post gehörte eine besondere Erlaubnis. Im Jahre 1814 war die Zahl der periodischen Schriften nur fünf. 1815 wurde das erste täglich erscheinende Morgenbladet gegründet. Die wissenschaftliche Journalistik ist nicht ohne Wichtigkeit. Unter den 85 Journalen Norwegens befinden sich auch mehrere illustrierte.
Bücherproduktion.
Statistisches.
Auch die Bücherproduktion wurde eine regere. Im Jahre 1868 konnten bereits 650 Autoren bezeichnet werden. Zum Betrieb des Buchhandels nach deutschem Zuschnitt gab der Däne Johann Dahl den Anstoss und Norwegen hat seitdem eine Reihe von tüchtigen Buchhändlern und Buchdruckern aufzuweisen. 1840 zählte man dort schon 33 Buchdruckereien, von welchen Christiania 15 mit 35 Pressen und 95 Arbeitern aufwies. 1879 war die Zahl der Buchdruckereien auf 126 gestiegen, davon 29 in Christiania mit 72 Schnellpressen und 483 Personen. Die Gröndahlsche Buchdruckerei dort hat das Verdienst, 1830 die erste eiserne Presse, 1840 die erste Schnellpresse, 1854 den Dampfbetrieb eingeführt zu haben. Von ihr stammt auch die Annahme des Didotschen Kegelsystems. Bis vor kurzem hatte die Fraktur entschieden das Übergewicht, sie weicht aber Schritt für Schritt der Antiqua. Bergen hatte 8 Offizinen und 9 Schnellpressen.
Zur Papierfabrikation trägt Norwegen indirekt durch eine starke Ausfuhr von Holzstoff bei, deren Wert 1879 nahe an 1½ Millionen Mark betrug.
SCHWEDEN UND FINNLAND.
Schweden.
In Schweden, dessen Einwohner so oft die Franzosen des Nordens genannt werden, zeigte sich eine besondere Vorliebe für französische Litteratur und französisches Wesen. Vielleicht hat dies mit dazu beigetragen, dass die Schweden rascher und allgemeiner als die Dänen und Norweger die Antiquaschrift als übliche Buch- und Zeitungsschrift annahmen, so dass thatsächlich die Fraktur nur für kirchliche oder wirklich nur für das Volk bestimmte Litteratur beibehalten wurde. Es dürften überhaupt in den drei skandinavischen Ländern die Tage der Fraktur gezählt sein.
In betreff des Bezuges von Schriften, Druckmaterial und Utensilien ist Schweden noch mehr als Dänemark auf das Ausland, namentlich Deutschland, angewiesen, und stand auch im allgemeinen etwas hinter Dänemark in der Typographie zurück.
Typographen.
Einer der bedeutendsten Buchdrucker war Peter Momma († 1772), ein Rechtsgelehrter, der auf seinen Reisen die Buchdruckerei in Holland lernte. Er war auch der erste, der eine Schriftgiesserei in Schweden errichtete. J. S. Ekmansson führte 1796 die Didotschen Schriften ein. In Lund erwarb der Däne C. Gustav Berling 1745 eine Offizin, welche Bedeutung erlangte und mit der eine, hauptsächlich den akademischen Bedürfnissen gewidmete Schriftgiesserei verbunden wurde. Sie blüht noch in den Händen der Familie Berling.
P. A. Norstedt.
Den bedeutendsten Platz unter den typographischen Anstalten Schwedens nimmt die von P. A. Norstedt in Stockholm gegründete ein. Er kaufte 1821 die Offizin von J. P. Lindh, nahm seine beiden Söhne Adolf und Carl zu Teilnehmern und firmierte seit 1823 P. A. Norstedt & Söner. Im Jahre 1862 ging das Geschäft auf die Verwandten Norstedts Gustav Laurin und Albert Laurin über, beide starben jedoch zum allgemeinen Bedauern zeitig. Das jetzt noch blühende Geschäft hat Werke geliefert, welche mit den besten des Auslandes konkurrieren können. 1869 begannen Norstedts die Nordisk Bogtryckertidende, welche leider 1875 wieder zu erscheinen aufhörte[265].
Im Jahre 1874 gründete eine Aktiengesellschaft ein grosses graphisches Institut, Central-Tryckeriet, unter der Direktion von Hans Forsell, welches im Jahre 1875 15 periodische Schriften, darunter 11 illustrierte Blätter, druckte. In der Nacht vom 20. zum 21. Dezember desselben Jahres brannte die Anstalt teilweise ab, bei welcher Gelegenheit der verdiente Dirigent der lithographischen Abteilung, der Deutsche A. SEEDORF, einen jämmerlichen Tod in den Flammen fand.
Selbst die Hauptstadt des schwedischen Lapplands, Haparanda, dicht an der Grenze des russischen Finnlands, hat eine Druckerei und zwar mit einem adeligen Besitzer, G. C. von Klercker, und ein Wochenblatt Nyaste Riksgränsen.
Zeitungen.
Die periodische Litteratur weist 321 Nummern auf. 91 Journale erscheinen in Stockholm, 18 in Gothenburg, 10 in Malmö, 7 in Lund. 14 Blätter erscheinen täglich, davon 4 in doppelten Ausgaben; Stockholm hat deren 6, Gothenburg, Helsingborg, Malmö je zwei.
Durch die Bestrebungen der eingewanderten Dänen C. W. Gleerup in Lund und Ad. Bonnier in Stockholm ist der schwedische Buchhandel ganz in der Art des deutschen organisiert. Die Zahl der Buchhandlungen beträgt 261.
Der Schwede liebt das Bunte und neben einer grossen Anzahl von geschichtlichen Werken und Romanen werden auch viele illustrierte, namentlich ethnographische Prachtwerke mit Chromolithographien gedruckt, doch werden sie auch zumteil in Deutschland ausgeführt. Die Lithographie kam 1818 nach Schweden. Eine Anstalt von Bedeutung ist Lithographiska Aktie Bolaget i Norrköping, welche namentlich vortreffliche Landkarten geliefert hat.
Die Papierfabrikation.
Die Papierfabrikation Schwedens hat eine grosse Bedeutung und die Zahl der Fabriken beträgt etwa 60. Es wird sehr gutes Papier fabriziert, wennauch für gewöhnlich ein recht mittelmässiges Fabrikat zur Verwendung kommt. Schweden mit seinem grossen Reichtum an Holz und Wasserkraft hat die Fabrikation des Holzstoffes mit Eifer ergriffen und führt bedeutende Quantitäten aus. Seine erste Farbenfabrik erhielt es erst vor wenigen Jahren durch O. Marin in Söderköping.
Finnland.
Finnland, politisch mit Russland vereinigt, im Besitz seiner nationalen Sprache und einer, wennauch nicht bedeutenden, nationalen Litteratur, in dem höheren litterarischen Verkehr sich der schwedischen Sprache bedienend, ist in betreff des Buchgewerbes mehr zu Schweden als zu Russland gehörend zu betrachten.
Typographen.
Die bedeutendste typographische Familie ist die Frenckellsche. Statt der nach Stockholm verlegten Druckerei (I, S. 158) erhielt Åbo 1772 eine neue Offizin, die im Jahre 1750 in die Hände von J. C. Frenckell kam, welcher 1755 zum akademischen Buchdrucker ernannt wurde, und 1802 noch eine Druckerei in Helsingfors, wohin 1829 die Universität von Åbo verlegt wurde, gründete, die noch kräftig blüht.
Zeitungen.
Im Jahre 1771 erschien die erste schwedische Zeitung in Åbo; 1776 die erste in finnischer Sprache. Unter der strengen Zensur konnte die Zeitungslitteratur nur einen sehr langsamen Fortgang nehmen, erst in den sechziger Jahren unseres Jahrhunderts trat ein erheblicher Umschwung ein, so dass im Jahre 1878 24 Zeitungen in schwedischer, 30 in finnischer Sprache erschienen. 1871 hatte Finnland 20 Buchdruckereien, die sich auf 12 Städte verteilten, davon kamen 7 auf Helsingfors. Die Zahl der Gehülfen betrug 118, der Lehrlinge 99. Schnellpressen gab es 12, Handpressen 45. Jetzt hat Finnland 40 Buchdruckereien.
Die von Tilgmann aus Helsingfors erfundene Tiegeldruck-„Endlose“ Mia hat wohl nicht den in Deutschland gehegten Erwartungen ganz entsprochen[266].
RUSSLAND UND POLEN.
Langsame Entwickelung der Typographie.
Dass die Typographie in Russland und Polen nicht in der Weise blühen konnte, wie in Ländern, wo die politische Freiheit eine frische litterarische Bewegung und eine lebhafte Wechselwirkung mit den bedeutendsten Kulturvölkern hervorrief, ist selbstverständlich. Hierzu kommt noch als erschwerendes Moment die grosse räumliche Ausdehnung des Reiches. Wie (S. [257]) bereits erwähnt wurde, erhielt Russland nicht nur sein typographisches Material aus Deutschland, sondern auch die Ausüber der Buchdruckerkunst sowohl als des Buchhandels waren grösstenteils Deutsche. Diese haben erst Ordnung und System in das graphische Geschäft gebracht. Der national-russische Buchhandel war noch 1840 in einem desolaten Zustande. Smirdin in St. Petersburg und Simin in Moskau gehörten zu den wenigen, welche das Geschäft kaufmännisch regelrecht betrieben.
Die Buchdruckereien verbreiteten sich langsam; 1874 war die Zahl derselben in St. Petersburg 107, die der lithographischen Anstalten 105, der Schriftgiessereien 11, der Buchhandlungen mit offenem Laden 77. Den Bemühungen eines Deutschen, R. Schneider, ist die Errichtung einer typographischen Lehrlingsschule zu verdanken. Derselbe gab auch 1867–1869 ein typographisches Journal in russischer und deutscher, später nur in russischer Sprache heraus, das auf Ed. Hoppe überging. Schneider verliess 1882 Russland und ging nach der Schweiz.
Die Staatsdruckerei.
Eine eben so eigentümliche wie vortreffliche Anstalt ist die kaiserliche Staatsdruckerei oder, wie die offizielle Bezeichnung lautet: „die Kaiserlich Russische Expedition zur Anfertigung der Staatspapiere“, ein Institut, das jedes, selbst das in den graphischen Künsten am weitesten fortgeschrittene Land mit Stolz das seinige nennen würde. Durch ihre wahrhaft eminenten Leistungen in photographischen Hoch- und Tiefdruckplatten, durch die geistreiche Kombination von Heliographie und Galvanoplastik und durch die vielfachen wichtigen Anwendungen der verschiedenen graphischen Künste zur Herstellung von Staats- und Wertpapieren hat sie tief eingreifende Erfolge erzielt. Die Fabrikation von Papier mit Wasserzeichen in unvergleichlicher Klarheit und Zartheit, sowie von geschöpftem Handpapier mit allen den Eigenschaften, die man von einem für Wertzeichen bestimmten Papier verlangt, wird in grossartigem Maassstabe betrieben. Die Festigkeit ist namentlich dem vorzüglichen russischen Hanf zuzuschreiben. Die Kontrolle beginnt mit der Feststellung des Gewichts des abgelieferten Papiers und lässt sich für jeden Bogen auf seiner Wanderung durch die Anstalt verfolgen. Die Fabrik arbeitet mit sechs grossen Maschinen und vierzehn Bütten[267].
Stempel und Matrizen, Clichés in Kupfer und namentlich in Eisen, eine Spezialität der Anstalt, die gerade für die Herstellung des farbigen Druckes in grossen Auflagen sowohl der Dauerhaftigkeit, als der Unangreifbarkeit durch Farben wegen von wesentlich praktischem Werte sind, werden in vorzüglichster Qualität geliefert. Buch- und Holzschnittdruck, Kupferdruck, Lithographie, Autographie, Chromographie, Photogalvanographie, Heliographie, Elektrotransformatypie, ein Verfahren zur Herstellung einer Platte mit Bildstellung beliebig nach rechts und links, kurz, jeder nennbare graphische Prozess wird dort zur Vollkommenheit gebracht. Ebenfalls vorzüglich sind die durch Georg v. Scamoni photographisch erzielten mikroskopischen Schriften. Derselbe, aus Würzburg gebürtig, hat einen grossen Anteil an den Erfolgen der Anstalt in allen heliographischen Verfahrungsweisen[268].
Die Anstalt wurde 1818 unter Leitung von Theod. Schneider aus Mannheim gegründet und besteht seit 1866 als selbständiges Geschäft, das seine Überschüsse an die Staatskasse abliefert. Der Chef ist seit 1861 der Staatsrath Theod. von Winberg. Bereits im Jahre 1873 hatte die Anstalt 17 Dampfmaschinen mit 362 Pferdekraft zur Disposition. Die Druckerei arbeitete mit 58 Schnellpressen, darunter 35 aus der Fabrik von König & Bauer, 60 Handpressen, eine ausserordentliche Zahl von Hülfsmaschinen und beschäftigte im Hause 1400–1800, ausser dem Hause 300–1200 Arbeiter.
Eine eigentümliche Einrichtung ist die Beteiligung des ganzen Personals bis zum jüngsten Arbeiter herunter an dem Gewinn der Anstalt, der ein bedeutender, zwischen 3–400000 Rubel jährlich, sein soll. Die eine Hälfte derselben fliesst in die Staatskasse, die andere wird unter das Personal in der Weise verteilt, dass jeder Arbeiter mindestens einen Monatslohn als Anteil empfängt.
Die baulichen Anlagen der Anstalt, welche in dem südlichen, nicht sehr bebauten Stadtteil sich befinden, bedecken einen grossen, an drei Seiten von Strassen begrenzten Flächenraum, auf welchem ausser der eigentlichen Druckerei auch die Papierfabrik und die Wohnungen der Beamten sich befinden.
Zum Schutze der Anstalt hält eine Wache von 36 Mann die verschiedenen Zugänge bei Tag und Nacht besetzt. Die Gebäude sind durchweg massiv und feuersicher, fast nur von Stein und Eisen. An der Spitze der Anstalt, welche dem Finanzministerium unterstellt ist, steht ein technisch gebildeter Direktor. Als Vorsteher der einzelnen Abteilungen, sowie zur Wahrnehmung der Kassen- und Rechnungsgeschäfte und der Kontrolle sind 160 Beamte und 280 Meister und Meistergehülfen angestellt. Sehr zu loben ist, dass die mächtige Anstalt nur auf die Bedürfnisse des Staats beschränkt bleibt, obwohl es in Russland eher als in anderen Ländern zu entschuldigen wäre, wenn sie Privaten Konkurrenz machte.
Verschiedene Firmen.
Die Universitätsbuchdruckerei wurde 1755 gegründet. 1871 beschäftigte sie 16 Schnell- und viele Handpressen und ist reich mit orientalischen Schriften versehen; das Vaterunser konnte in 325 Sprachen gesetzt werden. Eine zweite orientalische Buchdruckerei, namentlich für armenischen Druck bestimmt, errichtete 1836 Joachim Lazareff. Unter den älteren Buchdruckereien nimmt die von J. J. Glasanow (Oberbürgermeister, wirklicher Staatsrat, Excellenz), welche bereits ihr hundertjähriges Bestehen feierte, einen bedeutenden Platz ein, während unter den jüngeren die von B. M. Wolff hervorragend ist. Der kürzlich verstorbene Wolff verband Verlagshandel mit Buchdruckerei und hat Verdienste um die Verschönerung der russischen Schrift und der Anpassung der Renaissance-Antiqua an diese. Eine bedeutende Accidenzdruckerei ist die von Golowin. Alex. Bencke liefert ebenfalls viele Accidenzarbeiten und beschäftigt nur Nationalrussen. Hermann Hoppe giebt das illustrierte Journal, von Ed. Hoppe gedruckt, heraus. Die Gesellschaft Allgemeiner Nutzen ist ein ausgedehntes Etablissement, besonders für Herausgabe illustrierter Blätter. Bedeutende Schriftgiessereien sind die Filiale von Flinsch in Frankfurt a. M. (Franz Mark), Revillon & Co. und O. J. Lehmann. Die lithographische Anstalt von A. Iljin liefert gute Landkarten.
Die Provinzen.
In Moskau wird die graphische Kunst in ziemlich umfangreicher Weise geübt. Im Jahre 1881 bestanden 237 Offizinen, in welchen mit 202 Buchdruck-, 147 Steindruck-Schnellpressen und 712 Tret- und Handpressen gearbeitet wurde. Die Schriftgiessereien, unter welchen Seliwanowski bedeutend ist, arbeiteten mit 47 Giessmaschinen. Die bekannte Synodalbuchdruckerei (I, S. 279) erhielt eine neue und zweckmässige Einrichtung. Mor. NEUBINGER druckt namentlich Wertpapiere.
Dorpat hatte schon 1624 eine Offizin, Mitau 1774, Odessa 1825. Charkow mit seiner 1804 gegründeten Universität erhielt 1820 eine Druckerei. In Warschau sind namentlich H. & M. Orgelbrand durch ihre hebräischen Drucke bekannt.
In den baltischen Provinzen erschienen 1871 22 deutsche, 7 esthnische und 6 litauische Zeitungen und nur eine russische.
Die armenische Typographie wurde namentlich in dem berühmten Kloster Etzschmiazin bei Eriwan, der Hauptstadt Armeniens, gepflegt. Ein zweiter Druckort ist Nachitschewan, wo 1794 unter anderem eine Übersetzung von Fénelons Télémaque erschien. Tiflis hat mehrere Offizinen. In der Herrnhuter-Kolonie Sarepta befand sich seit dem Jahre 1763 eine unbedeutende Missionsdruckerei. Astrachan erhielt zu Anfang des Jahrhunderts, Kasan 1815 Offizinen.
In den Gouvernementsstädten Sibiriens finden sich zwar Buchdruckereien, jedoch primitivster Einrichtung, nur Jekaterinenburg und Irkutsk haben gut versehene Offizinen. Die einzige offizielle Zeitung Sibiriens, welche in Irkutsk erschien, wurde 1880 verboten. In Selenginsk wurde auf Veranlassung der Londoner Missionsgesellschaft die ganze Bibel 1834 in mongolischer Sprache gedruckt.
Die russischen Papierfabrikanten beschweren sich sehr über Mangel an Lumpen, die namentlich nach England ausgeführt werden. Die Kartenfabrikation ist ein Monopol der Regierung; die einzige Fabrik liefert jährlich etwa sieben Millionen Spiele.
Statistisches.
Im Jahre 1874 hatte Russland 322 Buchhandlungen und die Zahl der erschienenen Bücher betrug 2589. 1870 war der Wert der Büchereinfuhr 1153082 Rubel, von welcher Summe die Million auf Deutschland fiel, die Ausfuhr bezifferte sich auf 83714 Rubel.
Die Zahl der Zeitschriften ist eine verhältnismässig sehr geringe und betrug 1881 nur 776, davon 80 in polnischer, 43 in finnischer, 39 in schwedischer, 36 in deutscher, 13 in lettischer, 10 in esthnischer Sprache und 26 in verschiedenen Idiomen. Es erscheinen von diesen Zeitschriften 197 in St. Petersburg, 75 in Moskau, 79 in Warschau, 36 in Helsingfors, 23 in Riga, 21 in Tiflis, 20 in Kiew, 19 in Odessa.
Zeitungswesen.
Die verbreitetste Zeitung (71000 Auflage) war der „Golos“ (die Stimme)[269], sie hatte so wenig wie die Times eine bestimmte Tendenz, aber ein ebenso feines Gehör für das, was kommen würde. „Die neue Zeit“, ein chauvinistisches Slawenblatt (30000 Auflage) hatte etwas an Verbreitung eingebüsst. Im Hetzen gegen Deutschland hatte es fast den Sieg über die russische St. Petersburger Zeitung davongetragen, wogegen die „Russische Wahrheit“ einen gebildeten Ton anschlug. Auch das „Gerücht“ hielt sich von Chauvinismus frei. Die „Moskauer Zeitung“ hatte namentlich in Moskau selbst und in dem Lande südlich und östlich von Moskau Geltung.
Die Regierung besass nur ein offizielles Organ, „Der Regierungsbote“. Als offiziös konnten das Journal de St. Pétersbourg und die Agence générale russe und im Auslande der Brüsseler Le Nord, allenfalls auch der „Russische Invalide“ gerechnet werden. Neben der russischen St. Petersburger Zeitung existiert auch eine deutsche; beide gehören der Akademie der Wissenschaften, welche sie verpachtet, und haben bereits 1877 ihr 150jähriges Jubiläum gefeiert.
Die grossen Petersburger Zeitungen stehen zwar nicht unter Präventiv-Zensur, müssen aber 5000 Rubel Kaution stellen. Sobald sie ausschreiten, werden sie verwarnt und nochmaliges Verwarnen zieht zeitweiliges oder auch vollständiges Verbot nach sich. In ausländischen Angelegenheiten haben die grossen Blätter ziemlich freien Spielraum, und sind selbst hinsichtlich der inneren bei weitem nicht so beengt, wie man gewöhnlich annimmt. Der Ton gegen Deutschland ist bekanntlich im allgemeinen voller Hass und zur Schau getragener Verachtung.
Manche Städte von 10000 und mehr Einwohnern haben keine Zeitung, so dass oft ein grosser Kreis oder ein Gouvernement ohne Organ ist. Mit welchen Schwierigkeiten ein Zeitungsherausgeber oft zu kämpfen hat, mag daraus erhellen, dass z. B. aus Neu-Tscherkask erst das Manuskript, dann die Korrektur eines Blattes nach Moskau gesendet werden muss, womit zehn Tage verloren gehen, dazu noch die Zeit für Satz und Druck.
DIE DONAULÄNDER.
Die jüngsten Staaten.
Wir wenden uns jetzt den jüngsten selbständig gewordenen Mitgliedern des europäischen Staatenbundes zu, deren Bedeutung für die Presse erst der Zukunft gehört. Mit der Erlangung des politischen Selbstbestimmungsrechtes eines Volkes ist ja auch stets das Aufblühen des geistigen Lebens verbunden gewesen, und ist die erste Gährung überstanden, so ist es bei der Bildungsfähigkeit der betreffenden Völker auch zu erwarten, dass sie eine angemessene Stellung auf dem Gebiete der Presse einnehmen werden. Zu hoffen und zu wünschen bleibt, dass es nicht deutschfeindlichen Einflüssen gelingen möge, nationale und geistige Antipathien gegen germanische Kultur zu erregen, wodurch die Völker selbst am meisten gegen ihre Unabhängigkeit und ihr geistiges Interesse handeln würden.
Serbien.
Serbien[270]. Als die neue Ära in unserem Jahrhundert für Serbien begann, standen das Volk, welches belehrt werden musste, und die Geistlichkeit, welche belehren sollte, ziemlich auf derselben Stufe des Wissens oder vielmehr der Unwissenheit.
Das erste Buch, welches in Serbien erschien, ist eine von dem Woiwoden von Celat, Georg Cernojević, 1493–1495 veranstaltete, mit cyrillischen Lettern gedruckte Ausgabe des Psalters, welche Schafarik den schönsten slawischen Druck nennt, wie überhaupt die Erzeugnisse der südslawischen Pressen an innerem und äusserem Wert die ihnen um einige Jahre vorausgegangenen Krakauer cyrillischen Drucke übertrafen.
Doch dauerte dieser Glanz nicht lange und erlosch bereits im XVI. Jahrhundert in den Kämpfen mit dem Halbmond. Von da ab versorgte Russland die südslawischen Länder mit Kirchenbüchern, bis die eigene Staatsdruckerei die Lieferung derselben übernehmen konnte. Ferner that die englische Bibelgesellschaft manches für die Verbreitung des Neuen Testaments, welches sie von dem bekannten Gelehrten Vuk übersetzen und mit cyrillischen Lettern drucken liess. Auch andere Werke, namentlich Übersetzungen, wurden in Österreich und Deutschland gedruckt.
Die Staatsdruckerei.
Die Grundlage zu der Staatsdruckerei war durch ein Geschenk des Kaisers Nikolaus, bestehend in zwei Druckerpressen, 1830 gelegt. Dieselben wurden zuerst in Kragujevac aufgestellt, um unter der Leitung Berrmanns aus Wien erst nur liturgische Bücher mit russischen Lettern zu drucken. Im Jahre 1831 wurde die Druckerei vom Fürsten Milosch nach Belgrad verlegt und mit noch drei Handpressen, später mit zwei König & Bauerschen Schnellpressen ausgestattet. Die Schriftgiesserei wurde von dem Stuttgarter Ockenfuss eingerichtet. Um den Typenschnitt machten sich zwei andere Deutsche, Schröpel († 1864) und dessen Faktor Walter aus Frankfurt, verdient. Nach 1864 traten zwei junge in Deutschland ausgebildete Serben an die Spitze der Anstalt. Die alt- und neuslawischen Typengattungen sind gut vertreten, auch Musiknoten sind vorhanden und xylographische, galvanoplastische und Stereotypie-Anstalten wurden eingerichtet. Im Jahre 1870 waren mehr als 50 Setzer und Lehrlinge beschäftigt und zahlreiche Arbeiten wurden sowohl für den Staat wie für Private ausgeführt, ausserdem die Landeszeitung und mehrere andere Journale dort gedruckt.
Um 1850 wurde auch die Lithographie durch einen Deutschen, Braumann, eingeführt. Karten, Pläne und andere chromographische Arbeiten wurden in guter Ausstattung geliefert, auch die serbischen Postmarken sind sehr gut gedruckt.
Die serbische Sprache.
Die serbische Sprache, die auch seit 1830 von den Kroaten als Schriftsprache adoptiert wurde, wird von Kennern als reich, kurz, energisch und melodiös geschildert. Der Linguist Vuk führt in seinem Wörterbuch mehr als 62000 Wörter auf. Bis jetzt beschäftigte sich die serbische Presse meist mit dem Druck von Lehrbüchern und mit Übersetzungen, doch hat die Originallitteratur schon bedeutende Anfänge aufzuweisen. Das 1838 vom Fürsten Milosch gegründete Lyceum wurde 1863 Universität. 1841 gründete Fürst Michael die „Gesellschaft für serbische Litteratur“, die ein Mittelpunkt der geistigen Bestrebungen wurde und durch ihr Jahrbuch (Glasnik) viel wirkte.
Zeitungen.
Als Gründer der politischen Presse im europäischen Stil ist Miloš Popović zu betrachten, der von 1841–1861 fast ununterbrochen die offizielle Zeitung redigierte und dann im Verein mit Dr. Rosen eine quasi offiziöse Zeitung gründete. Da diese die gelesenste von allen war und trotzdem nur in 750 Exemplaren gedruckt wurde, so lässt sich ein Schluss auf die Grösse des Lesepublikums der übrigen im Jahre 1866 in Belgrad erschienenen Blätter ziehen. Mit dem Buchhandel ist es auch noch nicht sonderlich bestellt.
Graphische Künste.
Auf dem Gebiete der vervielfältigenden Künste haben sich einige Persönlichkeiten vorteilhaft bekannt gemacht. Natal, Bonifacij und Martin Rota-Kolunić wirkten als Kupferstecher bereits im XVI. Jahrhundert in Rom. Unter den zahlreichen Stichen des letzteren ist namentlich „Das jüngste Gericht“ bekannt. Zu Anfang unseres Jahrhunderts gab Joseph Milowuk Bildnisse berühmter Serben in Kupferstich heraus. Sein Sohn machte einen Versuch mit einer illustrierten Zeitung in Belgrad und suchte somit für den Holzschnitt in Serbien Bahn zu brechen; doch war der Erfolg kein bedeutender.
Um die Lithographie und die Photographie in Serbien erwarb sich die meisten Verdienste Nastas Jovanović. Vom Fürsten Milosch nach Wien gesandt, um dort die Kupferstecherkunst zu lernen, gründete er später einen nationalen Kunstverlag, in welchem sich zahlreiche Blätter mit historischen Vorwürfen befanden. In seinen Unternehmungen ward er von Wiener Künstlern, namentlich von Vincenz Katzler, unterstützt.
Rumänien.
Rumänien. Das Rumänische ist die Muttersprache von über zehn Millionen Menschen, hat also für die Typographie der Zukunft eine nicht geringe Bedeutung. Es wird nicht allein in Rumänien gesprochen, sondern ist auch in den östlichen Teilen Ungarns, im Banat und in Siebenbürgen, in Bessarabien, Podolien und in der Bukowina verbreitet. Von manchem wird die rumänische Sprache irrtümlich für eine slawische gehalten; sie stammt jedoch aus dem Lateinischen und schliesst sich ziemlich eng an das Italienische an, erscheint deshalb auch den Bewohnern der eigentlichen Kulturländer Europas nicht so fremdartig als die slawischen Idiome.
Die dortige Typographie befindet sich schon im raschen Aufblühen. Bereits in der Mitte der siebenziger Jahre unseres Jahrhunderts befanden sich in Rumänien in zwölf Städten verteilt 34 Buchdruckereien mit 217 Gehülfen und 117 Lehrlingen. Von diesen kamen auf Bukarest zwölf Druckereien mit 138 Gehülfen, 108 Lehrlingen, 27 Maschinen und 11 Handpressen. Die Regierung ist sehr um die Einführung der Papierfabrikation bemüht. Für das Interesse, welches in diesem jungen, der Kultur zugeführten Staat für die Typographie herrscht, spricht das Erscheinen zweier Fachzeitschriften.
Bulgarien.
Bulgarien. Diese jüngste Staatenschöpfung in Europa hat begreiflicherweise noch zu sehr mit den notwendigen Existenzfragen zu kämpfen, um auf dem Gebiete der Presse schon wesentliches leisten zu können. Erst kommen, wie überall, die Zeitschriften und die Unterrichtsbücher. Seit 1824 liessen bulgarische Emigranten zahlreiche Schul- und kirchliche Bücher im Auslande drucken und Druckereien wurden 1870 in Salonik und Smyrna zu diesem Zwecke begründet. Ein Journal Ljuboslovic erschien bereits in den Jahren 1844–1846 in Smyrna. Die erste in Bulgarien in der Landessprache erschienene Zeitung war 1849 Czarigradskij Vestnik, sie fand jedoch keine grosse Verbreitung und ging 1861 ein. Ein in Odessa herausgegebenes Blatt Mirozrenie wurde, obwohl politisch ganz harmlos, verboten. 1879 erschienen in Konstantinopel und Rumänien 14 bulgarische Zeitschriften.
Sofia hat jetzt sechs Zeitungen aufzuweisen, unter welchen das wöchentlich erscheinende Regierungsblatt. Die in deutscher Sprache erscheinende „Bulgarische Korrespondenz“ ist zur Aufklärung des Auslandes bestimmt. Unter den Zeitungen befindet sich auch eine illustrierte, Bolgarskaya Illywstratsiya. Rustschuck hat zwei Journale, unter welchen das oppositionelle Bolgarin die stärkste Verbreitung hat. In Sistowa, Tirnowa, Philippopel und Sliwnia giebt es je eine Zeitung.
GRIECHENLAND.
Griechenland.
Griechenland war eines der letzten Länder, nicht nur in Europa, in welchem die Buchdruckerkunst ein festes Heim fand.
Unter der Herrschaft der Türken hatte sich nur ab und zu eine wandernde Druckerei eingefunden, um rasch wieder zu verschwinden, eine bleibende Stätte für die Typographie gab es nicht. Die notwendigsten liturgischen, daneben einige wenige Unterrichtsbücher wurden bei Nikolas Glyky in Venedig, einige auch in Wien und Paris gedruckt.
Der Errichtung zweier Offizinen auf den jonischen Inseln durch General Bonaparte wurde bereits (S. [172]) gedacht. Zu Anfang des Jahrhunderts fanden schwache Versuche zur Gründung griechischer Zeitungen in Konstantinopel, Smyrna und Bukarest statt. Auszüge aus der heiligen Schrift in neugriechischer Sprache liess 1817 der Missionär Wilson auf Corfu drucken. 1818 folgte dort eine politische Zeitschrift in italienischer und neugriechischer Sprache. Bereits früher hatte der Missionär Lowndes eine albanesische Bibel, wahrscheinlich das erste gedruckte Buch in albanesischer Sprache, dort ausführen lassen.
Der Freiheitskampf.
Als 1821 der Freiheitskampf der Griechen überall in Europa die grösste Teilnahme erweckte, und die Bildung der philhellenischen Vereine veranlasste, fassten letztere auch die Beschaffung einer griechischen Druckoffizin ins Auge. Firmin Ambroise Didot, ein eifriger Griechenfreund, schenkte Griechenland eine vollständige Druckerei-Einrichtung (S. [180]), die in Nauplia ihre Stätte fand. Missolunghi erhielt eine Offizin durch Lord Byron, und Lord Stanhope brachte eine solche nach Athen; ausserdem erhielten Korinth, Patras, Hydra, Chios und Aegina Pressen. Auf Aegina erschien während der Präsidentschaft des Grafen Capo d'Istria das Regierungsblatt „Ephemeriden“; auf Hydra „Der Freund des Gesetzes“, in Missolunghi die „Hellenische Chronik“, in Korinth die „Trompete von Hellas“.
Regierung König Ottos.
Als König Otto 1833 nach Griechenland kam, war der Zustand der Druckereien, zu denen inzwischen noch einige lithographische Anstalten gekommen waren, ein so kläglicher, dass es nicht einmal möglich war, die notwendigsten Regierungsarbeiten alle im Lande auszuführen. Unter den mit dem Könige angekommenen bayrischen Soldaten befanden sich 11 Buchdrucker, 7 Lithographen und 13 Papiermacher, die nun bessere Dienste leisten konnten, als die Muskete tragen; von G. Jacquet in München war auch noch eine Druckerei-Einrichtung gesandt worden. In Athen wurde das, noch 1870 dreimal wöchentlich erscheinende „Jahrhundert“ gegründet. „Der Erlöser“ erschien zweimal wöchentlich in italienischer und neugriechischer Sprache. 1834 gründete die Amerikanisch-Englische Gesellschaft zur Verbreitung religiöser Ansichten eine gut eingerichtete Buchdruckerei, die viele Schulbücher, an welchen Griechenland noch sehr arm war, lieferte[271].
Ein organisierter Buchhandel[271] existierte natürlich noch nicht. Auch hier waren es, wie an so manchen Orten, Deutsche, denen die Aufgabe zufiel, in diesen Ordnung zu bringen, in welcher Hinsicht der am 27. Juli 1882 verstorbene Buchhändler und deutsche Konsul Karl Wilberg durch seine seit 1827 bestehende, vortrefflich organisierte Buchhandlung sich besondere Verdienste erwarb. Die deutsche wissenschaftliche Litteratur hat Wilberg viel zu verdanken, denn er trug nicht allein zur Verbreitung ihrer Erzeugnisse ausserordentlich bei, sondern stand auch den in Griechenland reisenden Forschern mit Rat und That zur Seite.
Aufblühen der Presse.
Bis 1837 gab es kein Pressgesetz. 1843 wurde durch die Verfassung vollkommene Pressfreiheit garantiert, diese jedoch trotzdem 1850 sehr beschränkt, bis die Presse nach der Thronbesteigung König Georgs 1863 wieder ganz frei wurde. 1873 erschienen 152 Journale, davon 74 in Athen, und das litterarische Leben ist in raschem Aufblühen begriffen. Eine illustrierte griechische Zeitung Hesperos, herausgegeben von Dr. J. Pervanoglou, wird in Leipzig (bei W. Drugulin) gedruckt.
Bevor in Griechenland das Licht der Kultur, welches einst über dessen glückliche Gefilde so herrlich leuchtete, vollständig erlosch, um einer tiefen, wie es schien ewigen, Finsternis Platz zu machen, hatte es jedoch den „Barbaren“ seine unvergleichlichen Geisteswerke hinterlassen, die so vieles dazu beitrugen, bei letzteren die Aufklärung zu verbreiten und der Buchdruckerkunst den Weg zu ebnen.
Der „Barbar“ Gutenberg glich die Rechnung mit Griechenland aus, indem er ihm seine äusserlich unscheinbare, aber in ihren Wirkungen unvergängliche und unvergleichliche Erfindung als Entgelt brachte. Mit dieser erhielt Griechenland, wie jedes Land des Erdkreises, für immer die Gewähr, dass es nicht zum zweitenmal der geistigen Verkümmerung und Finsternis anheimfallen könne. Und so mögen die folgenden, dem Denkmal im Hofe „Zum Gutenberg“ entlehnten Zeilen hier statt eines Kolophons stehen.
Was einst Pallas Athene dem griechischen Forscher verhüllte,
Fand der denkende Fleiss deines Gebornen, o Mainz!
Völker sprechen zu Völkern, sie tauschen die Schätze des Wissens;
Mütterlich sorgsam bewahrt, mehrt sie die göttliche Kunst;
Sterblich war einst der Ruhm; SIE gab ihm unendliche Dauer,
Trägt ihn von Pol zu Pole, lockend durch Thaten zur That;
Nimmer verdunkelt der Trug die ewige Sonne der Wahrheit,
Schirmend schwebt ihr die Kunst, Wolken verscheuchend, voran.
Wandrer, hier segne den Edlen, dem so viel Grosses gelungen,
Jedes nützliche Werk ist ihm ein Denkmal des Ruhms.
Fußnoten:
[258] Cam. Nyrop, Bidrag til den danske Boghandels Historie. 2 Teile. Kopenhagen 1870. — Klein, Adressebog for den danske norske og svenske Boghandel. — Nyerop in Læsendes Aarbog for 1801.
[259] C. Nyrop, Bianco Luno og den danske Bogtrykkerkonst. Kopenhagen 1881.
[260] M. Truelsen, Statistisk Oversigt over Typographien i Danmark. Kopenh. 1881.
[261] C. Piil, Die Chemitypie. Leipzig 1846.
[262] C. Nyrop, Christian Sörensen. Et Industribillede. Kopenhagen 1869.
[263] Det islandske Literaire Selskabs Love. Kopenhagen 1851. — Nyerop, Læsendes Aarbog for 1801.
[264] Paul Botten-Hansen, La Norvège littéraire. Christiania 1868. — Beretning om Säcularfesten i Christiania 1840.
[265] Einer der neuesten Verlagsartikel der Firma ist J. G. Nordins Handbok i Boktryckare konsten, ein so vorzügliches, nebenbei gesagt typographisch so vortrefflich ausgestattetes Lehrbuch der Kunst, wie es Deutschland nicht besitzt. Am 1. April 1883 begann ein neues Fachjournal: Nordisk Typograf-Tidning. Am 1. Juli 1883 und den folgenden Tagen feierte Schweden die 400jährige Einführung der Kunst, bei welcher Gelegenheit eine Festschrift des erwähnten J. G. Nordin im Verein mit dem um die Bibliographie Schwedens verdienten Bibliothekar G. E. Klemming: Svensk Bogtryckeri-Historia 1483–1883, 1. Teil, erschien. Der Teil reicht leider nur bis zu dem erwähnten Momma (etwa bis 1770). Aus demselben geht jedoch hervor, dass nunmehr die Thatsache feststeht, dass gleichzeitig mit Joh. Snell (I, S. 75) ein zweiter deutscher Buchdrucker, Nic. Gothan, der früher schon in Magdeburg eine Offizin hatte, 1483 in Stockholm ein Buch, Vita St. Katherine, druckte.
[266] Journ. f. B. 1878, Nr. 7.
[267] Das Journ. f. B. 1872 bringt eine sehr detaillierte Beschreibung des Instituts, von Th. Goebel.
[268] Seine Erfahrungen hat er in seinem „Handbuch der Heliographie“ mit Atlas, Berlin 1872, niedergelegt.
[269] Die folgenden Angaben beziehen sich auf das Jahr 1879. „Golos“ ist seitdem eingegangen.
[270] F. Kanitz, Serbien. Leipzig 1868.
[271] Coromilas, Dem., Catalogue des livres publiés en Grèce. L'Exposition Vienne 1873.