EINFÜHRUNG IN DAS ERSTE BUCH.
Die englische Presse.
WENN die Presse in dem Zeitabschnitt von der dritten bis zur vierten Jubelfeier der Buchdruckerkunst einen derartigen Aufschwung nahm, dass man ihr einen Platz unter den Grossmächten einräumte, so hat man dies ganz besonders England zu verdanken. Nirgends hat man, nachdem schon frühzeitig der schwere, jedoch erfolgreiche Befreiungskampf der Presse gegen ihre Feinde geführt war, es in gleichem Masse verstanden, die Unabhängigkeit derselben von aller Despotie von oben und unten zu schützen, wie dort. Nirgends ist der Einfluss der Presse auf die öffentliche Meinung ein grösserer und wohlthätigerer gewesen; nirgends ist sie in gleicher Weise von dem Vertrauen des Publikums getragen worden, und nirgends hat sie sich eines solchen Vertrauens durch ihre Festigkeit und ihr Fernhalten von unreinen Tendenzen würdiger gezeigt, als in England. Kein Volk war so, wie das englische, von dem Bewusstsein durchdrungen, welch ein Palladium es in seiner freien Presse besass, ein Bewusstsein, welchem der bekannte Staatsmann und Dichter Sheridan in den stolzen Worten Ausdruck verlieh: „Gebt mir meinetwegen einen Tyrannen zum König, ein widerhaariges Oberhaus und ein demoralisiertes Unterhaus, lasst mir aber die Presse und ich will sie alle über den Haufen werfen“.
Verdienste der Engländer.
Kein Wunder, dass die Engländer, als einmal dies Bewusstsein von der Wichtigkeit der Presse bei ihnen Wurzel gefasst hatte, nun auch vor allen anderen Völkern es sich angelegen sein liessen, der Buchdruckerkunst ihre Teilnahme zu bekunden und sie derartig auszubilden, dass sie die ihr zu teil gewordene grosse Aufgabe auch vollständig zu erfüllen imstande war. Während in dem XVI. Jahrhundert druckende und zeichnende Kunst in so glänzender Weise auf dem Kontinente sich verbunden hatten, leisteten die Engländer auch nicht annähernd das, was Deutschland, Italien, Frankreich oder selbst die Niederlande schafften. Als jedoch mit dem XIX. Jahrhundert die Aufgaben der Presse für das politische und praktische Leben immer grössere Dimensionen annahmen, da waren es die Engländer, die mit dem ihnen innewohnenden praktischen Sinn, verbunden mit ihrer Energie, allen anderen voran ihr Augenmerk auf die technische Vervollkommnung der Kunst richteten, so dass von nun an der Schwerpunkt der typographischen Geschichte mehr in der Geschichte der mechanischen Erfindungen als in der der ausübenden Buchdrucker liegt.
Und da werden wir sehen, wie fast alle Verbesserungen und weitgehenden Reformen in der Technik der Druckkunst, der Schriftgiesserei, der Xylographie, der Farbenfabrikation, der Stereotypie und des Pressenbaues aus England stammen. Ja, selbst die rasche Einführung der deutschen, alle anderen weit hinter sich lassenden Erfindung der Schnellpresse haben wir, nach des Erfinders eigenen Worten, nur England zu verdanken, nicht minder die Dienstbarmachung des Dampfes für die Zwecke der Typographie.
Nordamerika.
Nordamerika gebührt der Ruhm, neben dem Mutterlande sehr vieles zur Vervollkommnung des typographischen Apparats beigetragen zu haben. Hinsichtlich des Pressenbaues, der Stereotypie und der Schriftgiesserei zahlte es seine typographische Schuld mit Zins vom Zins an das Mutterland redlich zurück, und nicht selten hatten die Erfindungen, welche in letzterem geschäftlich ausgebeutet wurden, ihre Heimat jenseit des Ozeans, nicht selten wurden auch wieder englische Erfindungen dort der Vollkommenheit nähergebracht.
Somit ist die typographische Geschichte Amerikas mit derjenigen Englands so eng verknüpft, dass beide sich nicht von einander trennen lassen, und wollen wir nicht Gefahr laufen, in der Erzählung vorzugreifen und Anachronismen zu begehen, so müssen wir den neuesten Abschnitt der Geschichte mit der anglo-amerikanischen Gruppe beginnen; lässt es sich doch nicht einmal umgehen, die Anfänge der Erfindung Fr. Königs in dem dieser Gruppe gewidmeten Kapitel zu behandeln.
Die Typographie Englands.
Betrachten wir die Erscheinungen der Typographie der Anglo-amerikanischen Gruppe und zunächst die Englands genauer, so finden wir, dass diese denselben Charakter der Solidität an sich tragen, der überhaupt den englischen Fabrikaten eigen ist. Kein Land hat in der Typographie der Mode geringere Konzessionen gemacht, als England. Es behielt seine breiten, etwas plumpen, aber sehr leserlichen Schriften bei und war selbst im Accidenzfache mit der Verwendung aller der unzähligen Zierschriften, die man gemeiniglich in Deutschland für nötig hielt, äusserst sparsam. Kann man auch nicht behaupten, dass sich in allen englischen Arbeiten ein geläuterter Geschmack kundgiebt, so bringen doch, selbst wo dieser fehlen sollte, in der Regel die Vorzüglichkeit des Materials, die Einfachheit, die Sauberkeit und die Korrektheit einen so befriedigenden Gesamteindruck hervor, dass man nicht zum Reflektieren über einen etwaigen Verstoss gegen den feinen Geschmack kommt.
Dass England in Indien, Ost-Asien und Australien seinen typographischen Einfluss geltend gemacht hat, versteht sich von selbst, ebenso, dass wir nicht berechtigt sind, aus diesen Erdteilen jetzt schon Erzeugnisse, die einen ganz besonderen typographischen Wert besitzen, zu verlangen, überall zeigt sich jedoch ein sehr rüstiges Vorwärtsschreiten, an welchem selbst der äusserste Vorposten der Kultur, Japan, sich eifrigst beteiligt.
Die Typographie Amerikas.
Die Typographie Nordamerikas kann keineswegs als blosser Abklatsch von derjenigen Englands betrachtet werden; sie hat sich vielmehr ihre eigenen Wege gebahnt.
In der Mannigfaltigkeit der Schriften wetteifert Amerika mit Deutschland, und es findet auch ein reger Verkehr der deutschen und amerikanischen Schriftgiessereien statt, der sich hauptsächlich auf Tausch von Matrizen gründet. Überhaupt geht ein gewisser germanischer Duktus durch die amerikanische Typographie; man liebt nicht die presbyterianische Einfachheit des englischen Werkdruckes, und ein in Deutschland mit Antiquaschrift gedrucktes Buch ähnelt viel mehr einem amerikanischen, als einem englischen oder französischen Presserzeugnis.
Xylographie.
Fassen wir auch die englische Xylographie, welche in dieser Periode einen enormen Aufschwung nahm, ins Auge[3].
Wie das gedruckte Wort den Gedanken eines Autors nicht in allgemeinen Grundzügen, sondern Wort für Wort, Buchstabe für Buchstabe, wie er niedergeschrieben wurde, wiedergeben soll, so ist es auch die eigentliche Aufgabe des Holzschneiders, jeden Strich wiederzugeben, wie der Zeichner ihn auf dem Holze gezeichnet hat. Eine andere Aufgabe hat der Kupferstecher. Ihm liegt ein in Farben ausgeführtes Bild oder eine Zeichnung vor, die in einer ganz anderen Manier behandelt ist, als die, in welcher er seinen Stich zu geben hat. Der Stecher hat seine ganz selbständige Technik. Ist er auch nicht mit dem Autor eines Dichterwerkes zu vergleichen, so doch mit einem poetisch begabten Übersetzer, dem es nicht gelingen würde, das Gedicht im Geist des Originals wiederzugeben, wenn er nicht selbst von dem Geiste beider Sprachen, der des Originals sowohl als der der Übersetzung, durchdrungen ist. Wenn deshalb der Stecher mit wenigen Ausnahmen auch dem Urheber des Bildes nachsteht, so steht er, wenn er ein Meister seiner Kunst ist, doch auf einer höheren Kunststufe als der Holzschneider, dessen erste Eigenschaft grösste Gewissenhaftigkeit ist.
Eigentümlichkeiten der engl. Schule.
So sollte es immer sein; in der Praxis stellt sich jedoch die Sache nicht selten anders. Denn wie es Autoren giebt, deren Gedanken wohl korrekt und verständlich sind, die aber dennoch keinen schönen Stil besitzen, so geht es oft mit dem Zeichner, der für den Holzschnitt arbeitet. Manchmal würde der Holzschneider dem Zeichner keinen Gefallen erweisen, wenn er genau so schneiden würde, wie letzterer zeichnete. Oft begnügt sich der Zeichner sogar mit einer estompierten Skizze, wo dann dem Holzschneider die gleiche Aufgabe obliegt, wie sie dem Kupferstecher zufällt, wenn dieser die Zeichnung in die Stichmanier zu übertragen hat. Und hiermit kommen wir auf die nationalen Eigentümlichkeiten der englischen Holzschnitte. In diesen ist der Tonschnitt ganz vorherrschend; für den englischen Holzschneider existieren kaum Konturen, viel weniger innere Linien. Nachdem er sich den Ton roh vorgeschnitten hat, verfährt er ganz selbständig. Ton wird auf Ton gelegt, ohne Scheidung durch Konturen. Er gewinnt in dem Technischen eine grosse Fertigkeit und kann unter Umständen, wenn er seine Sache versteht, aus einer schlechten Zeichnung einen anziehenden Schnitt zuwege bringen; er kann aber auch auf das gründlichste eine schöne Zeichnung verderben, die vom Künstler darauf berechnet war, in jedem Strich ihre Geltung zu behalten. Zeichnungen nun nach einer Richtung, wie die Jos. Führichs, oder, nach einer entgegengesetzten, wie die Ad. Menzels würden, auf englische Manier behandelt, vollständig charakterlos werden.
Im Landschaftlichen, wo alles auf die Farbe und den Ton ankommt, wird der Engländer Meister sein; in Figuren, überhaupt überall, wo das Hauptgewicht auf die charakteristische Linie und den individuellen Ausdruck des Künstlers fällt, wird er in der Regel zurückbleiben. Das alles ist bei der Beurteilung der englischen xylographischen Werke ins Auge zu fassen.
Die Quellen.
Zusammenhängende Darstellungen der neueren Geschichte der Buchdruckerkunst, die als Stützpunkte für die folgende Schilderung sowohl der anglo-amerikanischen Gruppe als der beiden anderen Gruppen dienen könnten, besitzen wir nicht. Selbst die Werke bekannter Autoren, als Falkenstein, Didot, Dupont u. a., die sich als Geschichten der Buchdruckerkunst im allgemeinen betiteln, begnügen sich, was die bei ihrem Erscheinen „Neue“ Geschichte betrifft, hauptsächlich mit Aufzählen einer Reihe von Namen, auch ist eine lange Zeit seit ihrer Veröffentlichung verflossen. Somit waren wir hauptsächlich auf ein Zusammensuchen der, sich oft vollständig widersprechenden Nachrichten aus technischen und anderen Zeitschr356iften; auf die nicht selten sehr stark gefärbten und übertreibenden Ausstellungsberichte; auf die technischen Lehrbücher einzelner Branchen oder Memoiren über einzelne Erfindungen; auf Nekrologe, Denkschriften u. dgl. und schliesslich auf die eigenen Wahrnehmungen angewiesen. Zwar ist die Fachzeitschriften-Litteratur eine ausnehmend reiche, sie hat jedoch mit der einzigen Ausnahme des „Journals für Buchdruckerkunst“ erst seit den siebenziger Jahren eine eigentliche Bedeutung[4]. Diejenigen, welche für die Geschichtschreibung im allgemeinen die grösste Ausbeute geben, finden erst am Schluss des Bandes Erwähnung, um sie nicht bei jedem Abschnitt zu wiederholen. Dasselbe ist der Fall mit der grossen Anzahl von offiziellen Berichten, zu welchen die Weltausstellungen in London 1851 und 1862; in Paris 1855, 1867, 1878; in Wien 1873, und in Philadelphia 1876 Veranlassung gaben.
Die Quellen für spezielle Fälle sind, wie im ersten Teil, jedesmal an der betreffenden Stelle angegeben.
Fußnoten:
[1] Die wichtigeren Erscheinungen der einschlägigen reichen Litteratur sind am Schlusse des Bandes zu finden.
[2] A. Senefelder, Vollständiges Lehrbuch der Steindruckerey. Mit einer Vorrede von Fr. v. Schlichtegroll. München 1818.
[3] J. Jacksons und W. A. Chattos: A treatise on wood engraving enthält in der zweiten Ausgabe von 1839 ein Zusatz-Kapitel: Artists and engravers on wood of the present day von Henry G. Bohn. Dasselbe giebt eine grosse Auswahl von Proben der Kunst neuerer englischer Zeichner und Holzschneider, jedoch ohne Charakteristik derselben und ohne kritische Würdigung der Leistungen.
[4] L. Mohr in Strassburg, der sich um die typographische Litteratur und die Bereicherung der Bibliothek des deutschen Buchhändler-Vereins vielfach verdient gemacht hat, lieferte, unterstützt von W. Blades in London, Chr. Huber in Paris und John Faehr in Cincinnati, in den „Annalen der Typographie“, IX. Bd. Nr. 432 und 433, ein Verzeichnis der Erscheinungen der periodischen Fachpresse älterer und neuerer Zeit. Ein Separat-Abdruck erschien 1879 in Strassburg.
I. KAPITEL.
SCHRIFTGIESSEREI UND SETZMASCHINEN
DER ANGLO-AMERIKANISCHEN GRUPPE.
Die Schriftgiesserei: W. Caslon II., J. Jackson, D. Bruce, Mac Kellar, Smiths & Jordan u. a. Die Holztypen. Der Blindendruck. Lord Stanhopes Stereotypie. Die Giessmaschine: Nicholson, Elihu White, D. & G. Bruce, Johnson und Atkinson, Westcotts Giessmaschine. Die Setzmaschine, frühere Versuche: T. Alden, W. Mitchell, A. Fraser u. a. Hattersley, Kastenbein, Mackie. Der Matrix compositor und ähnliche Apparate.
W. Caslon II. † 17. Aug. 1778.
WILLIAM Caslon dem ältern, dem Begründer der Selbständigkeit der englischen Schriftgiesserei, folgte in rühmlicher Weise der schon 1742 als Teilnehmer in das väterliche Geschäft aufgenommene Sohn William Caslon ii. Dieser hinterliess als Witwe Elisabeth Cartlich und zwei Söhne William iii. und Heinrich i., welcher letztere 1788 starb, während William 1793 aus dem Geschäft trat. Die Frau Heinrichs, Elisabeth Row, führte für ihren und ihres Sohnes Heinrich ii. Anteil das Geschäft bis 1795 in Verbindung mit ihrer Schwiegermutter fort, nach deren Tode allein. Trotz ihrer schwachen Gesundheit entwickelte sie eine grosse Umsicht. Als sie jedoch merkte, dass trotz aller Anstrengungen das Renommé des Hauses etwas hinter dem jüngerer Firmen zurückblieb, liess sie, unter Mitwirkung eines tüchtigen Künstlers, John Isaack Drury, sämtliche Schriften neu schneiden und nahm Nathanael Catherwood zum Associé, der auch allen von ihm gehegten Erwartungen entsprach. Später associierte sich Heinrich Caslon zuerst mit Jacob James Catherwood, seit 1821 mit Martin William Livermore. Sie führten eine neue Schreibschrift ein nach dem System des Franzosen Boileau.
Jos. Jackson * 4. Septbr. 1733, † 14. Jan. 1792.
Bei William Caslon II. hatte Joseph Jackson gelernt. Das Verfahren bei der Herstellung der Stempel wurde sehr geheimgehalten und Caslon verschloss letztere mit grosser Vorsicht, wenn er nicht daran arbeitete. Jackson bohrte nun, um die Arbeit Caslons zu beobachten, ein Loch durch die Wand und sein Vorhaben gelang ihm auch auf diese Weise, von deren nicht ehrenhafter Natur er wohl kaum das volle Verständnis hatte, denn mit grossem Stolz zeigte er dem Meister seine Arbeit, erhielt jedoch eine sehr strenge Zurechtweisung. Seine Mutter kaufte ihm nun das nötige Handwerkzeug und er benutzte jeden freien Augenblick, um zuhause zu arbeiten. Nach vollendeter Lehrzeit blieb er bei Caslon, bis er, weil Teilnehmer an einer Lohnbewegung, zugleich mit seinem Freunde Thomas Cotterell den Abschied erhielt. Jackson ging zur See und arbeitete dann bei Cotterell, der ein tüchtiger Schriftgiesser geworden war, und versuchte später selbst sein Glück. 1790 wurde seine Giesserei durch Feuer zerstört, ein Schlag, von dem er sich körperlich und geistig nicht erholen konnte. Unter seinen vielen vortrefflichen Schriften sind besonders hervorzuheben die Facsimile-Type der Schrift des Doomsday Book, seine alexandrinisch-griechische Schrift, sowie die Schrift zu der von Th. Bensley ausgeführten berühmten Bibel von Maclin, die jedoch in einer späteren Ausgabe durch Schriften von V. Figgins ersetzt wurde.
W. Caslon III.
Bei Jacksons Tode kaufte der aus dem väterlichen Geschäft ausgetretene William Caslon iii. dessen Schriften. Die Giesserei wurde sehr erweitert und namentlich mit schönen Ornamenten vervollständigt. Das Probebuch von 1785 war das schönste aller bis jetzt erschienenen. Caslon übergab, nachdem er noch glücklich von einer längere Zeit andauernden Blindheit geheilt war, das Geschäft an seinen Sohn William iv., der es 1819 an Blake, Garnett & Co. (jetzt Blake, Stephenson & Co.) verkaufte.
V. Figgins.
Von Bedeutung war der eben erwähnte Vincent Figgins. Er hatte bei Jackson gelernt und blieb bei ihm bis zu dessen Tode. So gern er es gewollt, konnte er doch nicht mit Caslon beim Ankauf des Geschäftes konkurrieren. Von Joh. Nichols kräftig unterstützt ward es ihm jedoch möglich, sich selbständig zu machen. Er schnitt manche schöne, zumteil seltene Schriften. Das Geschäft besteht noch unter der Firma V. & J. Figgins und arbeitet mit 70 durch Dampf getriebenen Giessmaschinen. Dass die Offizin imstande war, einer am Sonnabend vollständig abgebrannten Zeitungsdruckerei am folgenden Dienstag das Weiterarbeiten mit 40 Setzern möglich zu machen, mag als Probe der Leistungsfähigkeit einer modernen Schriftgiesserei dienen. Auch William Martin, der von Bulmer gestützt wurde, lieferte Vorzügliches.
A. Wilson * 1714.
Als Schöpfer der schottischen Schriftgiesserei wurde bereits Alexander Wilson erwähnt (I, S. 266). Er war in St. Andrews geboren, hatte viel Sinn für Mechanik und Astronomie, kam jedoch 1737 nach London in eine Droguenhandlung. Durch Zufall sah er eine Schriftgiesserei und fasste sofort den Gedanken, die Herstellung der Schriften in einfacherer Weise als bisher herbeizuführen. Zu diesem Zwecke verband er sich mit seinem Freunde Baine. Der Aufenthalt in London wurde ihnen jedoch zu teuer und sie zogen nach St. Andrews. Mit der Erfindung kam es nicht recht vorwärts, deshalb schritten die Besitzer, ohne dass sie die eigentlichen Kenntnisse dazu besassen, 1742 zur Einrichtung einer Schriftgiesserei in üblicher Weise. Die schottischen Buchdrucker, die hauptsächlich in Edinburgh etabliert waren, sahen gern die neue Giesserei entstehen, und unterstützten sie, da die Verbindung mit London noch schwierig war. Als Wilson & Baine, um mit dem grossen Verkehr, namentlich mit Amerika und Irland, leichtere Fühlung zu behalten, nach dem Dorfe Camlachie bei Glasgow gezogen waren, beschlossen sie 1747, dass einer von ihnen nach Irland gehen sollte; wer? das sollte durchs Los entschieden werden. Dieses traf Baine. Zwei Jahre später wurde die Verbindung ganz gelöst.
Wilson stand in engem Verkehr mit der Universität Glasgow und schnitt für diese in uneigennütziger Weise griechische Schriften, für welche er grosses Lob erntete. 1760 wurde er von der Universität mit dem Professorat in der praktischen Astronomie beehrt und die Schriftgiesserei nun von seinen beiden ältesten Söhnen fortgesetzt. Auf Grund der billigeren Löhne und Materialien konnten sie sogar in London mit den dortigen Giessereien konkurrieren. Ein anderer tüchtiger schottischer Giesser war Millar in Edinburgh.
Ph. Rusher.
Ungefähr gleichzeitig mit Lord Stanhopes Auftreten erhielt (1802) Philipp Rusher in Banbury, Oxfordshire, ein Patent für verschiedene Veränderungen und Verbesserungen in der Form der Typen, welche die Kosten und die Arbeit beim Setzen verringern und die Schönheit und Gleichmässigkeit des Satzes vermehren sollten. Rusher druckte mit diesen Typen den Rasselas, lieferte jedoch damit alles eher, als den Beweis für die obengenannten Eigenschaften der neuen Schrift.
Millar, Besley u. a.
Von englischen Schriftgiessern sind ferner zu erwähnen: Rob. Besley & Co. (später Reed & Fox), Müller & Richard u. a.[5]. Durch orientalische Schriften sind bekannt: Edm. Fry, W. M. Watts, Gilbert & Rivington und die Giesserei der Clarendon-Press in Oxford. Grossen Beifall gewannen die von Thorowgood in London eingeführten Schreibschriften. Sie konnten wegen der Leichtigkeit des Setzens, da jeder der 190 Charaktere wie in der Cursivschrift selbständig ist, sich neben den kunstvolleren, aber schwer zu behandelnden Schreibschriften Didots behaupten. Als die Renaissanceschriften in Frankreich aufkamen, den Spruch bewahrheitend: Il n'y a de nouveau en ce monde, que ce qui est vieux, veranstaltete der Buchdrucker Whittingham bei Caslon einen Neuschnitt der 1716 hergestellten Elzevier-Antiqua, jedoch mit etwas breiteren und runderen Buchstaben. Diese Mediæval gefiel ganz ausserordentlich und hiermit war der Weg für die Renaissance eröffnet, die selbstverständlich in England starke Verbreitung fand; jedoch hielt man sich von Übertreibungen, so wie auch von Ausschreitungen in den Titel- und Zierschriften ziemlich frei[6].
Schriftgiesserei in Amerika.
In Amerika lagen die Verhältnisse anders als in England. Man hatte mit keiner Tradition, mit keinem bereits ausgeprägten Geschmack oder früherer Gewohnheit zu rechnen, man nahm das Gute, wo es sich darbot, und erfand nach Herzenslust, wo etwas fehlte. In Ermangelung einer nationalen Litteratur hatte die Werkdruckerei noch keine grosse Bedeutung, man war auf billige Nachdrucke englischer Werke angewiesen. Die Anstrengungen der amerikanischen Giessereien richteten sich deshalb vornehmlich auf die Befriedigung der Bedürfnisse der Zeitungs- und Accidenzdruckereien. Um vielen Stoff in den Zeitungen zu häufen, und viele Zeilen auf die Spalte zu bringen, war es notwendig, möglichst kleine Schriftkegel zu wählen, dafür jedoch das Bild der Buchstaben so gross, wie es der Kegel nur zuliess, zu schneiden, wozu es erforderlich war, die herauf- und heruntersteigenden Buchstaben und die Versalien möglichst kurz zu halten. In solchen Schriften wurde Vorzügliches geschnitten und in vortrefflichem Metall gegossen.
In jüngster Zeit erreichte die Zahl der Accidenzschriften eine beträchtliche Höhe. Ausgezeichnet sind namentlich die Schreibschriften. In Titelschriften wurde vieles Gute unter vielem Unnützen produziert[7]. Einfassungen in allen möglichen Geschmacks- oder Ungeschmacks-Richtungen, sogar in japanischem oder chinesischem Stil, vertragen sich brüderlich mit den Antik- und Renaissance-Ornamenten.
Trotz der sehr bedeutenden Produktion ist die Zahl der massgebenden Giessereien eine beschränkte (32). Die grossen Schriftgiessereien liessen die kleineren mit Originalproduktionen nicht aufkommen, gewährten ihnen dagegen einen so hohen Rabatt, dass die Kleineren ihren Vorteil dabei fanden, die Schriften der Grossen in ihre Proben aufzunehmen und als eigene Arbeit zu verkaufen. Dem typographischen Publikum entgingen zwar hierdurch die aus einer lebhaften Konkurrenz entstehenden Vorteile, es stand sich jedoch nicht schlecht dabei, indem die grossen Giessereien, um ihren Platz auszufüllen, sehr bedeutende Anstrengungen machten.
Um das Jahr 1800 existierte in den Vereinigten Staaten nur die eine Giesserei von Binney & Rolandson in Philadelphia, die durch Franklins Unterstützung gute Giessinstrumente aus Frankreich erhielt und diese noch verbesserte.
David Bruce * 12. Novb. 1770, † 15. März 1857.
Eine der ältesten und bedeutendsten Giessereien ist die von David Bruce, einem Schottländer, gegründete. Nachdem dieser in Edinburgh die Buchdruckerei gelernt hatte, siedelte er 1793 nach Amerika über und begann 1806 im Verein mit seinem jüngeren Bruder George Bruce (geb. 1781) eine Buchdruckerei. Die Wichtigkeit der Stereotypie hatte er ganz begriffen und ging deshalb 1812 nach London, um unter den Auspicien des Lord Stanhope die Stereotypie aus dem Fundament zu erlernen. Das Vorhaben gelang jedoch nicht ganz, so dass er noch den Weg der eigenen Erfahrungen einschlagen musste. Er lieferte die erste in Amerika stereotypierte Bibel und widmete sich nun ausschliesslich der Schriftgiesserei und der Stereotypie. Im Jahre 1822 zog er sich aus dem Geschäft zurück, welches sein Sohn David ii. sehr in die Höhe brachte. Die grosse Schriftprobe des letzteren aus dem Jahre 1869, bis auf den heutigen Tag durch achtzehn Supplemente vervollständigt, bietet eine unermessliche Auswahl von Schriften jeder Art[8].
James Conner * 22. Aug. 1798, † 10. Mai 1861.
Th. Mac Kellar.
Als Schriftgiesser waren ebenfalls bedeutend James Conner, dessen Sohn gleichen Namens zuerst galvanische Matern lieferte, und Mac Kellar, Smiths & Jordan. Der Teilhaber letzterer Firma, Thomas Mac Kellar, war Verfasser eines sehr guten Handbuches der Typographie: The American Printer und Herausgeber des Typographical Advertiser, ein Blatt, welches zwar zunächst den Interessen der Firma dient, jedoch manches allgemein Beachtenswerte bringt. Ähnliche Blätter werden von fast allen grossen amerikanischen Giessereien herausgegeben, sie verbreiten zugleich mit den Proben der neuen Leistungen ihrer Geschäfte mancherlei nützliche Kenntnisse[9].
George Guess.
Eine merkwürdige Erscheinung des amerikanischen Schriftenwesens ist das Cherokee-Alphabet des Indianers Sequoyah oder George Guess. Durch Umgang mit Weissen kam er erst auf eine Bilder-, dann auf eine Silbenschrift mit 68 Schriftzeichen, für welche er sich zumteil der Formen der lateinischen Buchstaben bediente, ohne jedoch von dem sprachlichen Wert derselben eine Vorstellung zu haben. Er vollendete seine Arbeit, für welche ihn die Cherokesen-Häuptlinge durch die Prägung einer Medaille ehrten, im Jahre 1821.
Die Holztypen.
Der Plakatdruck mit seinen grossen Schriften führte auf die geschäftsmässige Fabrikation der Holztypen. In Amerika begann diese im grösseren Massstab um das Jahr 1830 durch Wanderburgh Wills & Co. und durch Edw. Allen, der sich später mit der Firma W. H. Page & Co. verband. Zur Verwendung kommt fast nur Ahorn, mitunter Mahagoni oder Buchsbaum. Die Klötze werden erst in Querschnitte gesägt, mit Dampf behandelt und zwei Jahre lang aufgespeichert. Die Oberfläche poliert, man wiederholt mit Schellack und Sandpapier und teilt die Querschnitte in die benötigten Grössen. Die Buchstabenbilder werden vermittelst Maschinerie hergestellt[10].
Blindendruck.
Der in Frankreich zuerst geübte Blindendruck wurde in England wie auch Amerika in durchgreifender Weise verbessert. James Goll in Edinburgh wandte 1827 eckige Zeichen an; der Amerikaner Dr. Howe in Boston gab den gemeinen Buchstaben der Antiqua ebenfalls eckige Formen; ein ähnliches Alphabet von Fry in London erhielt 1857 von der dortigen Society of arts einen Preis. Das in England am meisten verbreitete und unter den willkürlichen eines der zweckmässigsten Alphabete ist das von T. M. Lucas in Bristol 1845 erfundene Chiffre-Alphabet, bestehend aus einem Zirkel und einem Halbzirkel in zwei Grössen, einer grösseren und einer kleineren Linie und einem Punkt. Hiermit liessen sich vierzig zweckmässige Zeichen kombinieren. — Der, selbst blinde, Vorsteher der Blinden-Anstalt in Brighton, Moon, erfand ein Chiffre-Alphabet von zehn Zeichen aus gebogenem Draht, die auf Zinkplatten gelötet wurden, ein Verfahren, das bereits 1839 von Frère geübt war. Nach Moons System wurden heilige Schriften in achtzig Sprachen gedruckt. Ausser den erwähnten bestehen jedoch noch viele Systeme.
Ausserordentlich zu bedauern bleibt es, dass man sich nicht über ein einheitliches System der Blindenschrift hat einigen können; nirgends wäre wohl eine Einheitlichkeit für den Lernenden sowohl als für den Lehrer nützlicher, und wie wäre die Bildung von Blindenbibliotheken hiermit befördert worden! Aus vielen Gründen dürfte eine Einigkeit, wenn sie überhaupt möglich ist, nur auf Grundlage des Antiqua-Alphabetes stattfinden können.
Die Stereotypie.
Die praktische Durchführung des vielfach versuchten Verfahrens der Stereotypie hat man, wie so manche andere Verbesserungen im Druckwesen, dem edlen Charles Mahon, Lord Stanhope zu verdanken. Derselbe war erst in Eton College, später unter des bekannten Le Sages Anleitung sorgfältigst erzogen. Mit besonderer Vorliebe wendete er seine Aufmerksamkeit der Typographie und der Schriftgiesserei zu, und fast zu gleicher Zeit traten sein Stereotypverfahren und seine eiserne Presse in Wirksamkeit.
W. Ged hatte seine Versuche nicht fortsetzen können (I, S. 266), Müller und van der Mey (I, S. 251) waren ganz in Vergessenheit geraten. Die Wichtigkeit der Stereotypie leuchtete aber mit der Zunahme der schwierigen Arbeiten und der grossen Auflagen immer mehr ein. Fast 50 Jahre nach Ged machte Dr. Tilloch in Glasgow, ohne dessen Erfindung zu kennen, eine ähnliche und übte diese in Verbindung mit dem Universitätsbuchdrucker Foulis. Sie brachten auch einige Bände fertig, gaben jedoch später ihre Arbeiten auf. Lord Stanhope liess sich von Tilloch und Foulis unterrichten und brachte es in Verbindung mit einem bekannten Londoner Buchdrucker, Wilson, nach zweijähriger Arbeit zur Vollkommenheit in dem Verfahren. 1804 konnte letzterer unter Lord Stanhopes Zustimmung beantragen, die Bibeln und Gebetbücher der Universität Cambridge mittels des neuen Verfahrens herstellen zu lassen. Es fand allgemeine Anerkennung und schleunige Verbreitung, denn Lord Stanhope litt durchaus nicht, dass diese, noch eine andere seiner Erfindungen Gegenstand eines Patentschutzes wurde; im Gegenteil, er liess jedesmal ein Caveat in dem Patent-Office einregistrieren, damit kein Unbefugter sich der Erfindungen bemächtigen und für sich patentieren lassen konnte.
Stanhopes Stereotypie.
Der Stanhopesche Prozess[11] ist folgender: Feiner, möglichst frischer Gips wird mit Boluswasser zu einem flüssigen Brei angerührt und die Schriftform oder die Holzschnittplatte, welche man stereotypieren will, mit der Masse erst eingepinselt, dann übergossen. Nachdem der Gips fest geworden, lässt er sich leicht von der Form abtrennen und man hat nun eine genaue vertiefte Kopie (Matrize) des zu stereotypierenden Gegenstandes. Diese wird mit grosser Vorsicht langsam in einem dazu eingerichteten Ofen getrocknet, dann, mit der Bildseite nach unten, in eine Pfanne gelegt, die in einen Kessel mit flüssigem Schriftzeug gesenkt wird. Letzterer dringt durch Öffnungen der Pfanne und füllt selbst die kleinsten Vertiefungen der Matrize aus. Nachdem die Pfanne aus dem Kessel herausgenommen und die Masse erkaltet ist, lässt sich die Mater von der Platte ablösen, erstere geht jedoch dabei verloren, dafür hat man das getreue Abbild des stereotypierten Gegenstandes in Schriftmasse[12].
Das Schriftmetall.
Doch nicht alle Druckarbeiten, bei welchen das Verfahren zweckmässig gewesen wäre, konnten stereotypiert werden, namentlich war dasselbe bei Zeitungen zu langsam, man musste deshalb die Aufmerksamkeit auf Verbesserung des Schriftzeuges richten. Während der drei ersten Jahrhunderte der Kunst war eine grosse Auflage eine Seltenheit gewesen und die Schriften hielten sich oft mehrere Generationen hindurch brauchbar, ausserdem nahm man es damals nicht so genau wie heute mit der Schärfe des Druckes. Als nun die vielen Abzüge die Abnutzung, also auch den Bedarf vermehrten, musste ein härteres Schriftmetall beschafft werden. Der Prozess des Schmelzens und die Mischung der Metalle geschah nicht mehr nach Gutdünken, sondern nach wissenschaftlichen Regeln, auch nicht in der Giesspfanne, sondern in grösseren Quantitäten in zweckmässigen Schmelzöfen. J. R. Johnson lieferte den Zeug so hart, dass man seine Typen als Stempel in gewöhnlichen Schriftzeug eintreiben konnte. Auch wurden Matern durch Prägung mittels hydraulischer Pressen in Stahl, anstatt durch Einschlagen in Kupfer, produziert, und Versuche gemacht, Typen aus Kupferstangen zu pressen oder die Schrift zu vernickeln und zu verkupfern. Zu diesem Zweck wurde die Newton Coppertype Company in New-York etabliert, welche die Schriften für etwa 18–20 Prozent des Schriftwertes verkupferte. Ausschluss wurde von Messing, Zink und Vulcanit herzustellen versucht.
Allein die Verbesserung des Stoffes genügte noch nicht, man musste auch auf Schnelligkeit und Billigkeit in der Produktion sehen, und hier konnte nur die Maschine Hülfe schaffen.
Die Schriftgiessmaschine.
Über den ersten Ursprung der Schriftgiessmaschine verlautet nur, dass dem Will. Nicholson in London im Jahre 1790 ein Patent auf eine solche für „konisch“ gebildete Typen erteilt wurde. Eine konische Form mit einer grösseren Bild- und einer kleineren Grundfläche hielt Nicholson für nötig, weil er die Schriften um den Cylinder einer Schnellpresse anbringen wollte, welch letztere er sich ebenfalls patentieren liess. Er hatte das, später von Didot in Paris versuchte, polyamatype Giessverfahren vor Augen, nach welchem viele Buchstaben auf einmal gegossen werden sollten. Es blieb, wie mit den übrigen Erfindungen Nicholsons, bei dem Patentnehmen.
Die praktische Durchführung der Giessmaschine gehört Amerika an. Die ersten Patente dort wurden 1805 und 1807 dem Elihu White und dem William Wing in Hartford erteilt. Auch hier hatte man zuerst das polyamatype Verfahren im Auge, ja man wollte sogar ganze Alphabete auf einmal giessen. White experimentierte zehn Jahre lang, ohne zu einem nennenswerten Resultate zu kommen. Die Schriftgiesser Binney & Rolandson hatten ebenfalls viele Versuche gemacht und schienen dem Ziele näher als White gerückt zu sein, hielten jedoch ihre Resultate sehr geheim. White schmuggelte in wenig ehrenhafter Weise einen seiner Arbeiter bei Binney ein, damit er hinter die Geheimnisse komme, reussierte jedoch dessenungeachtet und trotz seiner Verbindung mit dem Mechaniker Will. M. Johnson nicht.
Einen wirklichen Erfolg hatte erst David Bruce 1838. Es entspann sich jedoch ein bitterer Streit darüber, ob Bruce, wie er selbst auf das bestimmteste behauptete, oder einer seiner Arbeiter, der dänische Schlossergeselle Lauritz Brandt (s. Kap. [IX]), der eigentliche Erfinder sei. Bruces Maschine wurde von Will. M. Johnson verbessert.
Schleifmaschinen.
Seit 1840 sind Schleifmaschinen im Gang, haben jedoch nicht in demselben Umfange, wie die Giessmaschinen, Eingang gefunden. Selbst in Amerika, wo man doch sicherlich etwas von Arbeitsteilung und rationeller Ausnutzung der Maschinen versteht, wird Schleifen mittels Handarbeit jetzt noch vielfach geübt. Die Arbeiter haben sich eine solche manuelle Fertigkeit erworben, dass sie fast als Maschinen betrachtet werden können. In London wurden die Schleifapparate namentlich von Figgins gebaut.
Johnson und Atkinson.
Eine der interessantesten Maschinen ist die kombinierte automatische Giess-, Schleif- und Fertigmach-Maschine von Johnson & Atkinson, die ohne menschliche Beihülfe die Buchstaben gegossen, geschliffen, bestossen, gehobelt und in Reihen aufgestellt liefert[13]. Eine allgemeine Verbreitung hat diese Maschine, die in Deutschland durch Flinsch, Genzsch & Heyse und Meyer & Schleicher eingeführt wurde, jedoch nicht gefunden; es gehören verschiedene Vorbedingungen dazu, wenn ihre Arbeit genügend nutzbringend sein soll. Das Patent von 1862 ging auf die Patent Type Foundry über, die eine Reihe von Jahren von P. M. Shank geleitet wurde und dann in dessen Besitz überging. Sein Mitarbeiter J. M. Hepburn änderte die Maschine vollständig um, so dass sie bei vereinfachter Konstruktion nur die Hälfte des Raumes der älteren einnimmt und die Typen direkt in die Setzkästen oder in die für die Setzmaschine bestimmten Röhren legt. In letzterer Weise erhalten die Times alltäglich die neue Schrift für die Nummer des kommenden Tages und der Satz der vorigen wandert in die Giessmaschine; denn abgelegt wird nicht.
Westcott.
Noch weiter ging die amerikanische kombinierte Schriftgiess-, Schleif-, Bestoss- und Setzmaschine von Westcott. Ein Setzer spielt, wie bei der Setzmaschine, von der unten die Rede sein wird, sein Manuskript auf einer Klaviatur ab; durch Berührung einer Tangente rückt die gewünschte Mater vor die Öffnung des Schriftgiessinstrumentes und die Buchstaben werden gegossen, geschliffen, bestossen und gesetzt, nicht aber abgelegt, denn die Schrift wird nach Ausführung des Druckes in die Giesspfanne geworfen. Diese Maschine arbeitete auf der Ausstellung in Philadelphia vollkommen korrekt, aber sehr langsam und vermochte nur 2000 Buchstaben in der Stunde zu giessen und zu setzen[14].
Die Setzmaschine.
Es konnte nicht anders sein, als dass die grosse Errungenschaft der Druckmaschine die Gedanken der Techniker darauf leiten musste, ob es nicht möglich sei, die verhältnismässig langsam vorwärtsschreitende Arbeit des Setzens durch Mechanismus überflüssig zu machen oder wenigstens zu erleichtern. Einmal ausgesprochen, wird auch ein solcher Gedanke selten ad acta gelegt, und so ist es, trotz der unüberwindlich scheinenden Schwierigkeiten, gelungen, die Setzmaschine[15], wennauch nicht in der ausgedehnten Weise wie die Schnellpresse, in das praktische Leben einzuführen. Wie gross der damit zu erzielende Vorteil sein wird, lässt sich noch nicht genau übersehen. Fraglich erscheint es namentlich, ob die Schnelligkeit in der Herstellung der Zeitungen wesentlich gefördert werden wird. Gerade bei dem Zeitungssatz handelt es sich um die angestrengteste Ausnutzung der Zeit von dem Augenblicke ab, wo das letzte Manuskript in die Hände der Druckerei gelangt, und gerade da wirken viele, gleichzeitig arbeitende, tüchtige und möglichst selbständige Kräfte sicherer und rascher, als die Setzmaschine. Dass diese nichtsdestoweniger eine Zukunft haben wird, kann nicht in Abrede gestellt werden, es liegt aber in der Natur der Sache, dass die Thätigkeit des denkenden Setzers nicht ohne weiteres ersetzt werden kann. Die Maschine kann ihm zwar einen Teil der leichteren Arbeit abnehmen, ihn aber nicht entbehrlich machen. Soll die Setzmaschine für das Setzen dieselbe Bedeutung erlangen, wie die Schnellpresse für das Drucken, müssten wir alle typographischen Errungenschaften von vier Jahrhunderten über Bord werfen, die Typen müssten auf gleich grosse Körper (Gevierte oder Halbgevierte) gebracht werden und entweder die Versal- oder die gemeinen Buchstaben wegfallen, dann müsste man das Recht haben, eine Zeile ohne Rücksicht auf Silbenteilung zu brechen und selbst das würde nicht ganz genügen, denn jede Auszeichnung wäre in Wegfall zu bringen. So weit rückwärts wird sich wohl die Phantasie selbst des grössten Bewunderers der Setzmaschine kaum versteigen. Nehmen wir diese für jetzt für das, was sie ist, eine höchst beachtenswerte Hülfsmaschine, nicht aber für einen, das ganze Geschäft umgestaltenden Apparat, wie die Schnellpresse. Wenn bei der Setzmaschine zumeist weibliche Kräfte in Anspruch genommen werden, so sind allerdings die Billigkeit und die Fingerfertigkeit der Frauen mitbestimmend gewesen, Schuld tragen jedoch auch die Setzer selbst daran durch die feindliche Haltung, welche sie, wie seinerzeit die Drucker zu der Schnellpresse, der neuen Erfindung gegenüber einnahmen.
Ältere Versuche mit der Setzmaschine.
Von wem der Gedanke zuerst ausgesprochen wurde, ist schwer zu entscheiden. Friedrich König hat bereits im Jahre 1811 oder 1812 erfahren, dass ein junger Mann in Birmingham sich mit der Absicht trug, eine Setzmaschine zu bauen. König & Bauer selbst hatten ihre Gedanken auf eine solche gerichtet, liessen ihn jedoch fallen. Thatsache ist, dass ihn Dr. Church in Birmingham im Jahre 1822 dargelegt hat. Die Zahl der Versuche ist Legion; in England allein wurden in den Jahren 1822–1860 57 Patente erteilt. Mit dem Jahre 1840 gewinnen die Versuche zwar einen realeren Boden, doch gehören auch sie alle jetzt als Überlebtes der Geschichte an oder sind der Vergessenheit anheimgefallen. In dem erwähnten Jahre bildete sich in Pressburg eine Gesellschaft, um eine von Joseph v. Kliegel erfundene Setz- und Ablegemaschine zu erbauen, wozu der Franzose Etienne Robert Gaubert eine Ablegemaschine lieferte. In demselben Jahre erhielten der Engländer John Clay in Cottingham und der Schwede Fr. Rosenborg Patente, im Jahre 1841 James Hadden Young, Spinnereibesitzer, und Adrien Delcambre, Fabrikbesitzer, beide in Lille. Zu ihrer 1844 ausgestellten Maschine, welche nur auf das Setzen eingerichtet war, baute A. N. Chaix eine Ablegemaschine; beide fanden keinen Eingang. In Wien experimentierte, durch Auer unterstützt, L. Tschulik. Er lehnte sich zunächst an Rosenborg an, während J. X. WURM viele Verbesserungen an seiner Maschine anbrachte. Der eigentliche Schöpfer der lebensfähigen Setzmaschine war der Däne Chr. SÖRENSEN im Jahre 1851[16].
Tim. Alden * 14. Juni 1819, † 4. Dez. 1858.
Unter den älteren englischen und amerikanischen Setzmaschinen war die von Timotheus Alden die bedeutendste. Von 1835–1846 arbeitete Alden als Setzer und sprach bereits in seinem neunzehnten Jahre, 1838, die Absicht aus, eine Setzmaschine zu bauen. Obwohl vielfach ausgelacht, ging er mit aller Energie daran und konnte 1856 die letzte Hand an sein Werk legen. Er hatte sich jedoch dabei geistig und körperlich aufgerieben. Bei seinem Tode 1858 hinterliess er seinem Vetter Henry W. Alden, der ihm treu geholfen hatte, sein Werk. Die Aldensche Maschine war sehr kompliziert und demnach kostspielig. Henry Alden vereinfachte sie und übergab einer Gesellschaft die Erfindung zur Ausbeutung, sie fand jedoch keine grosse Verbreitung und die Gesellschaft löste sich 1874 auf[17].
Eine Maschine von William H. Mitchell in New-York war schon 1861 in Wirksamkeit bei dem Satz von Appletons Encyclopaedia. Alexander Fraser, Teilhaber der Firma Neill & Co. in Edinburgh, wollte erst nur eine Ablegemaschine für Hattersleys Setzmaschine konstruieren, lieferte jedoch 1862 eine brauchbare Setz- und Ablegemaschine, für fünf Schriftgrade benutzbar[17]. Ein anderer Apparat von Henry A. Burr[18], von welchem acht Stück in der Offizin der New-York Tribune arbeiten, ähnelt Kastenbeins System[19]; der Ablegeapparat erfordert Typen mit vielfachen Einschnitten. Von einer von Adie in London nach dem Fraserschen System in der Behring Manufacturing Company gebauten Maschine arbeitet eine grössere Zahl in verschiedenen Offizinen. Felts' 1861 gebaute Maschine versprach vieles, ob sie es gehalten, haben wir nicht erfahren. Die von Clowes' Druckerei eingeführte und nach dem Besitzer die „Clowes-Maschine“ genannte Erfindung des Setzers John Hooker[20], war 1874 in London ausgestellt, sie fand jedoch keine weitere Verbreitung. Es wird bei derselben die elektro-magnetische Kraft zur Anwendung gebracht. Anstatt Tasten finden sich kleine Kupferplättchen vor, mit leitenden Drähten an deren Rückseiten, die in Verbindung mit einem Elektromagnete stehen. Lässt nun der Setzer den mit einem Holzgriff umgebenen, mit dem negativen Pol der Batterie verbundenen Leitdraht eine Kupferplatte berühren, so wird die galvanische Kette geschlossen und ein Hebel in Bewegung gesetzt, der den begehrten Buchstaben vorschiebt. Das Ablegen muss durch Handarbeit besorgt werden. Ein diesem ähnliches Prinzip lag dem 1876 in Philadelphia ausgestellten Apparat von G. P. Drummond aus Canada zugrunde.
Die in der Caxton-Ausstellung 1877 zur Anschauung gebrachte Setzmaschine des in London lebenden Deutschen M. L. Müller[21] war für viele Schriftarten bestimmt und mit 200 Tangenten in sechs Reihen über einander versehen. J. Rob. Winder[22] in Bolton behauptet als Vorzüge für sein Fabrikat die gleichzeitige Beförderung mehrerer Buchstaben. Die in gewissen Verbindungen sehr oft vorkommenden Buchstaben sind demgemäss in mehreren, verschieden gelegenen Rinnen untergebracht. Wick, der Besitzer der Glasgow News, suchte nach ähnlichen Prinzipien den Vorteil in kombinierten Griffen, und seine Klaviatur hat sogar eine Anzahl von Tangenten für Logotypen der üblichsten Silben-Verbindungen der englischen Sprache[23].
Eine der neuesten Setz- und Ablege-Maschinen ist die 1880 in Düsseldorf ausgestellt gewesene von A. von Langen und C. G. Fischer, die, was den Setz-Apparat betrifft, der Kastenbeinschen Maschine ähnelt, deren Ablege-Apparat jedoch den des letztgenannten an Brauchbarkeit bedeutend übertreffen soll.
Die Doppelmaschine Westcotts für Guss und Satz wurde bereits (S. [40]) erwähnt; als Halbmaschinen lassen sich die von Millar und Porter bezeichnen. Millars 1870 ausgestellte Maschine verwendet nur die gemeinen Buchstaben, die Ausschliessungen und einige der am häufigsten vorkommenden Versalien; die anderen Schriftzeichen müssen aus einem Kasten durch die Hand des Setzers hinzugefügt werden. Wenn nicht vollkommen, ist der Apparat wenigstens sehr billig. T. J. Porters Apparat[24] führt auf mechanischem Wege dem Setzer die Typen zu, welche er sonst aus den Fächern des Setzkastens nehmen musste, das eigentliche Setzen jedoch wird mit der Hand vollzogen.
Es wäre zwecklos, der obigen Reihe von Erfindern noch einige Dutzend Namen anzuhängen. Das hier bereits Angeführte mag hinreichend dafür sprechen, dass schwerwiegende Hindernisse, die oben schon angedeutet wurden, einem vollkommenen Setzapparat im Wege liegen. Es bleibt nur noch übrig, die drei Männer zu erwähnen, deren Erfindungen am meisten in die Praxis gedrungen sind: Hattersley, Mackie und Kastenbein, welch letzterer nach der augenblicklichen Sachlage die grösste Aussicht für die Zukunft zu haben scheint.
Robert Hattersley in Manchester erhielt 1857 ein Patent auf Verbesserungen an den Setz- und Ablegemaschinen. Die seinigen wurden zuerst 1859 in der Buchdruckerei von Bradbury & Evans in London verwendet. Über eine Klaviatur, deren Tasten nach dem Masse des Vorkommens der mit ihnen korrespondierenden Typen geordnet sind, befindet sich ein etwa 1½ Meter hoher Aufsatz von Eisen, an welchem sich zwei eiserne horizontale Tafeln befinden, auf welchen die Typen in Rinnen gereiht stehen. Wird eine Taste angeschlagen, so drückt ein, je über dem letzten Buchstaben einer Rinne befindliches Stäbchen diesen heraus, worauf letzteres in die frühere Lage durch ein sich zusammenziehendes Gummischnürchen zurückgeschnellt wird. Das Nachrücken der Buchstaben in der Rinne geschieht ebenfalls durch Zusammenziehen einer Gummischnur, welche mit einem Metallstück, das von hinten auf die Reihe drückt, verbunden ist, über diese sich hinzieht und vorn nach oben festgemacht ist. So befindet sich stets ein Buchstabe am vordern Rande der Rinne.
Die herausgestossenen Buchstaben gleiten durch Rinnen, die sich in einem vertikalen herzförmigen Behälter befinden, dem einzigen Mundstück an der unteren Spitze des Behälters zu und stellen sich einer neben dem andern in den Winkelhaken auf. Ist eine Zeile voll, wird eine Setzlinie auf den Satz gelegt und dieser in das unter dem Winkelhaken befindliche Schiff heruntergeschoben. In letztem wird nunmehr der Satz Zeile für Zeile ausgeschlossen.
Theoretisch ist die Leistungsfähigkeit 7–8000 Buchstaben pro Stunde, in der Praxis 4–5000. Eine Zeitlang schien es, als würde die Hattersley-Maschine einen Platz behaupten. Zwei Exemplare wurden 1874 in der Offizin der „Neuen Freien Presse“ in Wien aufgestellt; seitdem ist es jedoch still darüber geworden. Ein grosser Übelstand ist die Abhängigkeit von den durch die Witterung und Abnutzung beeinflussten Gummischnüren, mit denen keine bestimmte Rechnung sich machen lässt. Die Leistungsfähigkeit der Ablegemaschine ist ungefähr die Hälfte der Setzmaschine.
C. Kastenbein, wohnhaft in Brüssel, baute 1871 in Paris die erste Maschine für die Times-Druckerei in London. 1872 arbeiteten dort 5 Setzmaschinen und 8 Ablegemaschinen. Die Typen liegen in Rinnen eines hochaufsteigenden Behälters. Durch Niederdrücken einer Tangente wird ein Hebel in Bewegung gesetzt, der dem Buchstaben an der Fussfläche einen Stoss nach vorn giebt, wodurch er in horizontaler Lage aus der Rinne herausgestossen, jedoch durch den Bau der Rinne während des Heruntergleitens in vertikale Lage gebracht wird. Wie bei der Hattersley-Maschine befinden sich die Gleitrinnen in einem herz- oder birnenförmigen Behälter und endigen in einem gemeinschaftlichen Mundstück. Ein Glasverschluss gestattet dem Setzenden, jede in den Rinnen vorkommende Unregelmässigkeit zu bemerken. Die Rinnen für die schwersten Typen mit der grössten Fallgeschwindigkeit sind so angebracht, dass diese Typen den weitesten Weg zurücklegen, wodurch die erforderliche gleiche Beförderungszeit der verschiedenen Typen erzielt wird. Die in einem langen Winkelhaken sich aufreihenden Buchstaben werden nun dem Setzschiff zugeführt, das seitwärts auf einem schrägen Pult-Gestell ruht, an welchem der mit dem Umbrechen der Zeilen Betraute, das Gesicht dem Setzenden zugewendet, sitzt, und den Satz in Empfang nimmt, davon so viel für eine Zeile notwendig ist auf das Schiff schiebt und ausschliesst. Durch Treten eines Pedals senkt sich darauf das Schiff um so viel als notwendig ist, damit eine neue Zeile hinübergeschoben werden kann. Die Leistungsfähigkeit ist in der Praxis 3–4000 Buchstaben; in der Ausstellung zu Paris 1878 wurde sie jedoch probeweise bis zu 10200 gesteigert. Die Maschine ist, ausser in England, in Nordamerika, Dänemark, Italien vielfach verwendet. Die Reichsdruckerei in Berlin schaffte sie 1879 an.
Seinen ersten Ablegeapparat verwarf Kastenbein selbst als zu kompliziert; bei dem zweiten werden die Buchstaben förmlich in einen mit Löchern versehenen Kasten, wie sonst in die Fächer des Setzkastens mit der Hand, abgelegt. Durch Treten, oder durch Drehen eines Rades, wird ein Mechanismus in Bewegung gesetzt, welcher Stösser treibt, die die Buchstaben in die für sie bestimmten Reihen der Rinnen treiben. Man sieht, dass auch dieser Apparat nicht vollkommen und nur teilweise automatisch ist. Zu zwei Setzmaschinen gehören etwa drei Ablegemaschinen.
Ein von allen anderen abweichender Weg wurde von Dr. Alexander Mackie[25], einem praktischen Buchdrucker in Warrington, eingeschlagen. Das Städtchen liegt halbwegs zwischen Manchester und Liverpool, ziemlich im Zentrum eines Kreises kleinerer aufblühender Städte. Mackie fasste den Plan, für jede derselben eine eigene Zeitung zu gründen, die den leitenden und politischen Teil mit den anderen gemeinschaftlich, dabei jedoch einen lokalen selbständigen Teil besitzen sollte. So entstand eine ganze Familie von Guardians, sieben an der Zahl, die mit dem Manchester Guardian 1853 anfing. Um nun den gemeinschaftlichen Teil schnell für jedes der Lokalblätter herstellen zu können, kam Mackie auf eine Kombination von drei verschiedenen Maschinen, von welchen die eine, wenn man so sagen darf, die Manuskriptmaschine, die andere die Setz-, die dritte die Ablegemaschine bildete. Durch die ersten wird beim Anschlagen einer Taste ein Loch in einen Papierstreifen gebohrt. Die Löcher sind so rangiert, dass, wenn ein perforierter Streifen der Setzmaschine übergeben wird und ein Loch in diesem ein Loch in einer Walze, über welche der Streifen geführt wird, gerade deckt, ein Stift hineinfällt, der bis dahin einen Behälter, worin die benötigten Buchstaben sich befinden, zugeschlossen hielt. Aus dem nunmehr geöffneten Behälter fällt die Type auf eine schnell rotierende Gleitschiene und wird dem Winkelhaken zugeführt. Selbstverständlich beruht alles auf der richtigen Lage der, durch die mit den Tasten verbundenen Stifte in den Streifen gebohrten Löcher. Es ähnelt diese Manipulation dem Wirken der Stifte auf der Walze einer Spieldose, welche zur rechten Zeit die, den richtigen Ton angebende Metallfeder treffen müssen. Im Prinzip hat Mackies Maschine grosse Vorzüge. Sie ist, was die eigentliche Setzmaschine betrifft, vollständig automatisch. Das perforierte Manuskript kann gleichzeitig in mehreren Exemplaren hergestellt werden und somit behufs des Setzens durch eine Maschine nach verschiedenen Orten gesandt werden. Von einer grossen Verbreitung des Apparates verlautet indes nichts, dagegen wird berichtet, dass Mackie sich fortwährend mit Verbesserungen an demselben, namentlich am perforierenden Teil, beschäftigt, so dass anzunehmen ist, dass ihn die Leistungen noch nicht ganz befriedigen, obwohl er jetzt schon 350000 Buchstaben pro Woche garantiert.
Dr. Mackie ist ein so eigentümlicher und bedeutender Repräsentant moderner Arbeitsweise, dass es wohl geboten ist, seine Wirksamkeit etwas näher zu betrachten. Nachdem er Erfolge erzielt hatte, ging er noch weiter und errichtete im Jahre 1877 in einer kleinen Stadt Crewe, gelegen an einem Knotenpunkte der Londoner Nord-West-Bahn, mit 25000 Einwohnern, von denen ein bedeutender Teil in den umfangreichen dortigen Werkstätten der Eisenbahngesellschaft beschäftigt ist, eine grossartige Druckoffizin. In gothischem Stile erbaut, bildet sie eine mächtige Halle von 150 Fuss Länge und 30 Fuss Breite, in welcher 14 Mackiesche Setzmaschinen mit den nötigen Hülfsmaschinen, zwei Atkinsonsche Giessmaschinen und die erforderlichen Schnellpressen arbeiten. Unter den nahe an 150 Beschäftigten sind nur etwa 30 Männer. Indem Mackie die Offizin nach Crewe legte, rechnete er darauf, dass er unter den vielen Töchtern der dortigen Arbeiter sehr leicht tüchtige Hülfskräfte finden würde. Er, oder vielmehr die Kommandit-Gesellschaft Mackie, Brewthal & Co., druckt dort verschiedene Zeitschriften und viele Werke für Buchhändler in London[26].
Mit dieser Anstalt hat Mackie in jüngster Zeit auch ein Ausbildungs-Institut für werdende Berichterstatter, Unterredakteure und Zeitungsbesitzer vereinigt. Der Betreffende erhält Unterweisung: 1) im praktischen Setzen, um später richtig disponieren, Manuskript berechnen und die für das Setzen nötige Zeit beurteilen zu können; 2) im Korrekturenlesen, unter Berücksichtigung, wie bei der Korrektur die Zeit des Arbeiters geschont werden kann; 3) im Berichterstatten und der Art, das Manuskript für den Satz praktisch und korrekt abzufassen; 4) in der Buchführung für Journalunternehmungen. Es unterliegt wohl keinem Zweifel, dass ein solches Institut, seitdem die journalistische Thätigkeit ein wirklicher Lebensberuf so Vieler geworden ist, einen grossen Wert hat und wohl Nachahmung verdient.
Zu diesem und seinen übrigen Instituten fügte er noch im Jahre 1880 eine neue grossartige Offizin in Warrington. Das prächtige Gebäude von 200 Fuss Länge und 100 Fuss Breite im gothischen Stil hat wie das in Crewe nur ein Stockwerk. Der grosse Arbeitssaal von 126 Fuss Länge und 96 Fuss Breite wird durch zwei Reihen von eisernen Säulen in drei Längenschiffe geteilt.
Das Prinzip der Setzmaschinen: durch eine Tastatur Buchstaben in Bewegung zu setzen, führte zu den Versuchen mit dem sogenannten Matrix compositor (Matrizen-Setzer) des John E. Sweet & Daul (Paris 1867) und deren vielen Nachfolger als: D. Timiriazeff (London 1872), Jos. Liwtschack in Wilna (1876), Peterson in Wien, G. Hambruch in Elbing u. a. Sweets Gedanke war theoretisch ein sehr hübscher. Er wollte, indem er die Stempel durch die Tastatur in eine weiche Masse drückte, Matrizen auf dem Setzwege direkt herstellen. Dieselben Schwierigkeiten jedoch, die hinderlich waren, um einen korrekt ausgeschlossenen Satz durch die Setzmaschine zu liefern, stehen auch diesem Verfahren, und zwar in einem noch höheren Grade, entgegen. Sweets verschiedene Ausstellungsproben — und über diese hinaus scheint er nicht gekommen zu sein — waren äusserst wenig empfehlend.
Fußnoten:
[5] J. M. Powell gab 1875: Select specimens of the best faces of the british Founders.
[6] Wie würde es wohl Th. C. Hansard bei dem Anblick der heutigen Extravaganzen fast aller Länder zumute geworden sein, wenn er sich schon bei den damaligen zaghaften Überschreitungen zu dem folgenden Ausbruch veranlasst fühlte: „O, ihr geheiligten Schatten von Moxon und van Dyck, von Baskerville und Bodoni, was würdet ihr wohl zu den typographischen Monstruositäten heutiger Mode gesagt haben? Und die, welche uns nach ebensovielen Jahren folgen werden, als jene uns vorangegangen sind, in welches Zeitalter werden sie die Erzeugnisse, die uns hier vorliegen, versetzen? Solchen Ungeheuerlichkeiten gegenüber wird die Nachwelt sich manche sonderbare Vorstellung machen. Es ist keineswegs unmöglich, dass die jetzt in der City von London gedruckten Erzeugnisse in späterer Zeit dem Meistbietenden als echt ägyptische Seltenheiten antediluvianischen Ursprungs zugeschlagen und den ausgesuchtesten Teil der Schätze von Sammlungen der Kenner bilden werden“.
[7] Specimen Book von: G. Bruces Son & Co.; Farmer, Little & Co.; James Conners Sons; Mac Kellar, Smiths & Jordan.
[8] Als ein guter Einfall Bruces muss es betrachtet werden, dass er zur Vorführung seiner Schriften sich nicht sinnlos zusammengestellter Wörter bedient, sondern mit jeder neuen Schrift den Titel eines Werkes der typographischen Litteratur wiedergiebt. Um einen Buchdrucker sattelfest in der typographischen Bibliographie zu machen, giebt es kaum ein besseres mnemotechnisches Mittel. Wenn die Schriftgiesser statt des Quousque tandem etc. Sätze wählten, die für den Buchdrucker ein Interesse darbieten, so würden die Proben gewiss manchmal aufmerksamer ins Auge gefasst werden und die Schriften sich mehr dem Gedächtnis einprägen. Schliesslich gab Bruce noch als Beilage zu seinen Proben eine Geschichte der Buchdruckerei, 164 Seiten 4, mit zahlreichen Abbildungen, mit seinen verschiedenen Werkschriften gedruckt.
[9] Die Firma Schelter & Giesecke in Leipzig führte diese Sitte in Deutschland ein (vgl. [IX]. Kap.).
[10] History and Manufacture of Wood Type. Typographical Messenger 1869, Nr. 4.
[11] Thomas Hodgson, An essay on stereotype printing. Newcastle 1820. — J. F. Wilson, Stereotyping and electrotyping. London. — H. Meyer, Handbuch der Stereotypie. Braunschweig 1838.
[12] Über die früheren Versuche und die neueren Methoden der Franzosen vgl. Kap. [V].
[13] Journ. f. B. 1872, Nr. 42. — Print. Reg. 1881, Okt. — Ann. d. Typ. B. IV, Nr. 183.
[14] Oest. B.-Ztg 1876, Nr. 33.
[15] Th. Goebel, Die Setzmaschinen geschichtlich und technisch. Wiecks Illustr. Gewerbe-Ztg. 1877.
[17] Journ. f. B. 1866, Nr. 15, 17, 19, 24.
[18] Print. Reg. 1880.
[19] Journ. f. B. 1876, Nr. 38.
[20] Print. Reg. 1877, Nov.
[21] Journ. f. B. 1875, Nr. 7.
[22] Print. Reg. 1880, Dez.
[23] Journ. f. B. 1880, Nr. 13. Print. Reg. 1880, März.
[24] Print. Reg. 1880, Juni.
[25] Print. Reg. 1877, Okt. Ann. d. Typ. I, Nr. 24. III, Nr. 109.
[26] Eines der frühesten umfangreicheren Bücher, deren Satz mittels der Setzmaschine fertiggestellt wurde, ist: Italy and France. An Editors Holiday by Alex. Manckie. London 1874. xvi und 415 Seiten. Der Verfasser schildert darin die Eindrücke einer im Fluge unternommenen Ferienreise. Leider hält er sich nicht so lange bei der Schilderung der typographischen Etablissements Roms und Paris auf, als dem Leser gewiss lieb gewesen wäre.
II. KAPITEL.
DIE DRUCK- UND HÜLFSMASCHINEN
DER ANGLO-AMERIKANISCHEN GRUPPE.
Die Handpresse. Lord Stanhope und seine Nachfolger: Cogger, Clymer u. a. Die Auftragmaschine. Die Glätt- und Prägmaschine: Bramah. Die Schnellpresse: Friedr. König in England, Bensley, John Walter, der 29. November 1814, Kränkungen Königs, seine Abreise von London, Walters Eintreten für ihn. Die Nachfolger Königs: Napier, Applegath & Cowper, Hoe u. a. Die Endlosen: W. Bullock, die Walter-Maschine u. a. Die Mehrfarbe-Endlose. Die Tretmaschinen. Die Ausleger, die Anleger. Die Satiniermaschine. Die Feuchtapparate. Die Bronciermaschine. Die Falzmaschine. Diverse Hülfsmaschinen. Walzen und Farbe. Die Materialienhandlungen.
Druckpresse.
SEIT dreihundertundfünfzig Jahren hatte man sich zur Herstellung selbst der vorzüglichsten Druckwerke noch immer der alten hölzernen Presse bedient. Nach den Verbesserungen an dieser in den ersten fünfzig Jahren der Kunst waren im ganzen genommen keine, das eigentliche Wesen der Presse weiter ändernden eingetreten, namentlich blieb der zweimalige Zug, einer für jede Hälfte der Druckform. Erst gegen das Ende des XVIII. Jahrhunderts gelangten ernsthafte Verbesserungsversuche zur Ausführung, um den Druck grösserer Formate mit einmaligem Zuge zu bewerkstelligen. Besonders hierfür thätig waren W. Haas in Basel (Kap. [XIV]) und F. Didot in Paris (Kap. [V]).
Lord Stanhopes Presse.
Den eigentlichen Umschwung kennzeichnet erst die eiserne Presse Lord Stanhopes. Nach vielen kostspieligen Versuchen brachte er, mit Hülfe des tüchtigen Mechanikers Walker, diese zustande und das erste Exemplar wurde in der Offizin Will. Bulmers aufgestellt und beim Druck der grossen Prachtausgabe von Shakespeares Werken verwendet[27].
Wände, Krone, Ober- und Unterbalken der hölzernen Presse wurden jetzt durch ein Stück Gusseisen ersetzt. An Stelle der Schraube mit dem Bengel trat ein zusammengesetzter Hebel, der es möglich machte, in dem Augenblick des Druckes eine fast unbegrenzte Kraft zu entwickeln. Die Arbeiter, die früher mit Aufgebot aller Gewalt den Bengel an sich ziehen mussten, indem sie mit zurückgebogenem Körper den Fuss an den Antritt stemmten, konnten gar nicht begreifen, dass ein gelindes Anziehen im letzten Augenblick genügend sei, um einen kräftigen Abdruck zu erzielen. Das Zurückgehen des Tiegels wurde durch ein Gegengewicht bewerkstelligt. Nur der Fuss blieb anfänglich noch Holz, doch auch hiervon kam man bald ab und baute auch diesen Teil aus Eisen[28].
Die Druckwalze.
Die grossen Handpressen erforderten auch eine raschere Art der Einfärbung. Den Gedanken, die Ballen durch Walzen zu ersetzen, hatte schon früher der französische Holzschneider Papillon gehabt. Lord Stanhope liess viele Versuche machen, um einen zweckmässigeren Überzug derselben fertig zu bringen, gelangte aber nicht zum Ziel. Ein geschickter Drucker in Weybridge, Forster, kam, angeregt durch die Verwendung der Leimmasse in einer Töpferei in Staffordshire, auf den Gedanken, eine Masse von Leim und Syrup auf grobes Segeltuch zu giessen und, nach der Erkaltung, die Ballen damit zu überziehen. Erst später wurden hölzerne Walzengestelle mit Masse umgossen. Hiermit war ein wesentlicher Gewinn an Arbeit und Zeit erreicht, der namentlich der Schnellpresse zugutekommen sollte.
Fortwährende Verbesserungen.
Als einmal das Feld für den Pressenbau eröffnet war, entstanden eine Menge von Pressen, von welchen jede besondere Vorzüge haben sollte. Neben manchem Unwesentlichen kamen auch wirkliche Verbesserungen vor. Doch wie die hölzerne Presse schon jetzt ein Gegenstand ist, den mancher tüchtige Buchdrucker der Gegenwart nur von Hörensagen kennt, so wird es einst mit der eisernen Handpresse gehen, die jetzt schon fast der Vergangenheit angehört, so dass manche grosse Druckerei nur noch zum Abziehen der Korrekturen eine invalide Presse, von einem Drucker-Invaliden bedient, besitzt.
J. Cogger.
Die Coggersche Presse entwickelte eine noch grössere Kraft, als die Stanhopesche. Säulen von Schmiedeeisen bildeten die Presswände. Ein querarmiger zusammengesetzter Hebel gab die Kraft, die dicht unter dem Oberbalken in ausgedehnter Weise wirkte. Durch Federn wurde das Zurückgehen des Tiegels bewerkstelligt[29].
J. Clymer.
Einen hohen Ruf durch die ganze Welt erwarb sich die „Columbia-Presse“ John Clymers. Dieser stammte aus einer Schweizerfamilie, die nach Amerika ausgewandert war. Im Alter von sechzehn Jahren erfand der junge Clymer bereits einen neuen Pflug mit so besonderen Vorzügen, dass er die Aufmerksamkeit der Männer der Wissenschaft auf sich zog. Der Zustand der Druckerpresse erweckte seine Erfinderlust und bereits im Jahre 1797 begann er seine Verbesserungen an der Holzpresse, später an der eisernen, bis er seine berühmte „Columbia-Presse“ zustande brachte, die er 1818 in England einführte, wo sie allgemeine Verbreitung fand. In den dreissiger Jahren beherrschte sie fast alle Druckoffizinen, auch die des Kontinents. In dieser Presse wurde durch eine Kombination von Hebeln bei grosser Gleichmässigkeit des Druckes eine ausserordentliche Kraft geübt, und der Abdruck erschien, bei wesentlicher Schonung der Schrift, in grösster Schärfe. Das Zurückgehen des Tiegels geschah durch ein, auf einem langen Hebel angebrachtes, schweres Gewicht, meist in der Gestalt des auffliegenden amerikanischen Adlers. Die Presse hatte etwas Imposantes und konnte für sehr grosses Format gebaut werden[30].
W. Hagar.
Eine weite Verbreitung fanden ebenso diejenigen Pressen, welche bei geringer Kraftanwendung und bei elastischem Zug durch einen Kniehebel einen starken Druck ausübten. Der Tiegel wurde durch Spiralfedern getragen, das Einstellen für die verschiedenen Schrifthöhen geschah sehr leicht. Diese Pressen wurden zuerst von dem Amerikaner Hagar gebaut[31]. Das Prinzip des Kniehebels war bereits, jedoch nicht in glücklicher Weise, in der sehr komplizierten „Strebepresse“ von Hawkin[32] angewendet und wurde später bei mehreren englischen Pressen benutzt. Sehr verbreitet war die „Albionpresse“ von Hopkinson[33] und die „Imperialpresse“ von J. Cope[34].
J. Ruthven.
Alle die Abarten der Handpresse, die keine grosse Rolle gespielt haben, hier zu beschreiben, wäre eine unfruchtbare Arbeit; es seien nur noch einige, die sich durch Originelles in der Konstruktion auszeichneten, kurz erwähnt. Bei der von John Ruthven in Edinburgh 1813 erbauten „Schottischen Presse“ blieb das Fundament, welches mit Deckel, Rähmchen und Punkturen versehen ist, unbeweglich, während der Tiegel in Schienen hin und her ging und das Fundament durch einen unter demselben angebrachten Mechanismus kräftig angezogen wurde[35]. Sehr originell war die Konstruktion der 1820 in D. Treadwell.J. Saxton.England patentierten „Tretpresse“ des Amerikaners Daniel Treadwell. Das Fundament war, wie bei der Ruthven-Presse, fest. Sie arbeitete leicht, nahm aber einen grossen Raum ein und sah sehr hässlich aus, fand auch nicht Eingang[36]. Nicht besser ging es der „Hydrostatischen Presse“ Jos. Saxtons, in welcher der Tiegel an das Fundament gedrückt wurde durch die Kraft des Wassers, das sich in einem hohlen, elastischen, in der Art der Ziehharmonika geformten und mit dem Tiegel zusammenhängenden Behälter befand, während beim Abfluss des Wassers aus demselben der Tiegel sich wieder hob.
Die Auftragmaschine.
Der Gedanke, die Farbe auf mechanischem Wege aufzutragen, lag ziemlich nahe und ist auch verschiedentlich, jedoch nie in ganz befriedigender Weise, bei der Handpresse zur Ausführung gebracht. Die ersten Versuche geschahen 1820 durch Thomas Parkin. Sein Apparat nahm jedoch einen sehr grossen Platz ein und die Drucker leisteten gegen denselben passiven Widerstand, damit nicht der eine der bisher nötigen zwei Drucker ausser Brot kam.
In Amerika erfand 1833 Fairlamb in Boston, der sich mit einem erfahrenen Buchdrucker und Mechaniker Namens Gilpin vereinigte, einen solchen Apparat, von welchem viele hunderte gebaut wurden. Das Farbewerk stand mit der Kurbel in Verbindung und die Walzen gingen zweimal über die Form weg. Nach der Verbreitung der Schnellpresse verlor jedoch diese Erfindung fast ihren ganzen Wert, da Auflagen, wo Schnelligkeit notwendig war, nicht mehr auf der Handpresse gedruckt wurden.
Bramahs Glätte- und Prägpresse.
Dem Bedürfnis nach einer guten Glätte half namentlich Bramahs „Hydraulische Presse“ ab, die im Vergleich mit der Schraubenpresse den grossen Vorteil hat, dass die Reibung nicht mit der Zunahme des Druckes wächst, der in dem letzten Augenblick eine enorme Steigerung erreichen kann.
Weitere Verdienste erwarb sich Bramah durch seine Präg- und Numeriermaschinen, von welchen eine der frühesten 1809 bei dem Druck der Noten der englischen Bank Verwendung fand. Vor dieser Zeit mussten die Nummern und das Datum mit der Hand eingeschrieben werden. Es dauerte nicht lange, so verwendete die englische Bank 40 Bramahsche Maschinen[37].
Die Schnellpresse.
So wichtig nun auch alle die erwähnten Verbesserungen und Erfindungen waren, so verschwanden sie doch gegen die grosse, am 28. November 1814 der Welt als vollzogen angekündigte That, „dass die Times auf einer durch Dampf betriebenen, ohne Beihülfe von Menschenhänden arbeitenden Schnellpresse gedruckt sei“.
Fr. König.
Mit besonderem Stolz blickt Deutschland auf dieses Ereignis, denn der Name des deutschen Erfinders Friedrich König wird neben dem Gutenbergs auf ewige Zeit mit Anerkennung und Dankbarkeit genannt werden. Ganz ohne Bitterkeit bleibt die Freude hierüber allerdings nicht, denn die Verhältnisse lagen damals für Deutschland so schlimm, dass es, wie König selbst sagt, nicht möglich gewesen wäre, ohne die Beihülfe Englands die Erfindung für das praktische Leben nutzbar zu machen. Für uns erwächst hieraus die Notwendigkeit, die Anfänge der Geschichte der deutschen Erfindung der Schnellpresse in Verbindung mit der typographischen Geschichte Englands zu behandeln[38].
Th. Bensley.
Andr. Fr. Bauer.
John Walter.
Nachdem Königs Hoffnungen in Deutschland, Österreich und Russland vollständig gescheitert waren, kam er 1806 nach England und fand in dem folgenden Jahre in dem tüchtigen Buchdrucker Thomas Bensley einen Mann, der die nötigen Geldmittel zur Erlangung eines Patentes und zur gemeinschaftlichen Ausbeutung desselben herzugeben bereit war. Der neue Gutenberg war hierdurch, wie der Urvater der Typographie, ebenfalls an einen klug-berechnenden und eigensüchtigen Fust gefesselt, hatte jedoch das Glück, in seinem Peter Schöffer — Andreas Friedrich Bauer — nicht nur einen technisch tüchtigen Mitarbeiter, sondern auch einen treuen Freund für das Leben zu besitzen, und in seinem Conrad Humery — John Walter — nicht nur den wohlwollenden und vermögenden Beschützer, sondern den mächtigen direkten Förderer seiner Pläne zu finden.
R. Taylor und G. Woodfall.
Das erste Patent.
Zu König und Bensley traten noch Richard Taylor und G. Woodfall, bekannte Buchdrucker und rechtliche Männer. Es wurden nach und nach vier Patente für verschiedene Arten von Druckmaschinen in England genommen. Das erste Patent: „Für eine Methode mittels Maschinen zu drucken“, wurde Fr. König am 10. März 1810 erteilt; die Spezifikation ist am 27. September eingetragen. Alle Verrichtungen waren auf eine wiederkehrende Bewegung zurückgeführt, so dass Betrieb durch Dampf möglich war und die Arbeiter weiter nichts zu thun hatten, als die Bogen auf dem Deckel anzulegen und nach dem Druck abzunehmen. Deckel und Rähmchen waren ungefähr wie bei der Handpresse, nur mit dem Unterschied, dass das Rähmchen am unteren, statt am oberen Ende des Deckels angebracht war. Beide schlossen und öffneten sich durch einen einfachen Mechanismus. Die Druckfarbe wurde aus einem Behälter ausgepresst. Die Zerteilung der Farbe geschah durch rotierende, zugleich in der Längsrichtung sich bewegende Cylinder, das Auftragen durch Walzen, welche mit egalisiertem Ballenleder überzogen waren. 1811 im April war diese erste Tiegeldruck-Schnellpresse fertig und der erste Bogen, der darauf in der Bensleyschen Druckerei gedruckt wurde, war der Bogen H des Annual Register for 1810 in einer Auflage von 3000 Exemplaren.
Zweites Patent.
Das zweite Patent „für weitere Verbesserungen der Methode mit Maschinen zu drucken“ datiert vom 30. Oktober 1811, die Spezifikation vom 29. April 1812. In diesem Patent wird das Prinzip fast aller folgenden Schnellpressen ausgesprochen. Es enthält eine ausführliche Beschreibung und Abbildung der einfachen Cylinder-Druckmaschine, zugleich wird jedoch erwähnt, dass durch eine Kombination einer grösseren Anzahl derselben Teile oder Prinzipien die Wirkung verdoppelt und vervierfacht werden könne und dass überhaupt von einer Form eine grosse Anzahl von Abzügen in kürzester Zeit zu erhalten sei. Dies alles wurde durch Zeichnungen erläutert. Das dritte Patent, vom 23. Juli 1813, mit der Spezifikation vom 22. Juli 1814, bezieht sich „auf additionelle Verbesserungen der Methode mit Maschinen zu drucken, namentlich was den Farbenapparat, die endlose Bänderleitung, die Horn- und Segmenträder und die Verbindung des Druckcylinders mit dem Karren betrifft“.
Drittes Patent.
Die nach dem zweiten Patent zuerst gebaute einfache Cylindermaschine wurde im Dezember 1812 vollendet. Die ersten Leistungen dieser ganz cylindrischen Presse waren die Bogen G und X von Clarkson, Life of W. Penn. Vol. I. Die Maschine druckte 800 in der Stunde. Als der Eigentümer der Times, J. Walter, die Leistung gesehen, war er in wenigen Minuten entschlossen, zwei Doppelmaschinen zu bestellen. Diese Maschinen mit doppeltem, vorwärts und rückwärts wirkendem Druckcylinder lieferten in der Stunde 1100 Abdrücke in einer weit besseren Ausführung, als man bei Zeitungen gewohnt war. Am 29. November 1814 ging die erste Nummer der Times, mit diesen Maschinen gedruckt, aus der Offizin im Printinghouse-Square hervor. John Walter selbst machte dies dem Publikum in einem leitenden Artikel bekannt, an dessen Schluss es heisst:
„Über die Person des Erfinders haben wir wenig hinzuzusetzen. Sir Christophe Wrens[39] edelstes Denkmal ist das Gebäude, welches er errichtete; ebenso ist die beste Lobpreisung, welche wir dem Erfinder der Druckmaschine darbringen können, diese selbst, deren Macht und Nützlichkeit wir in schwachen Worten zu schildern versucht haben. Es mag genügen, zu sagen, dass der Erfinder von Geburt ein Sachse ist, dass er Friedrich König heisst und dass die Erfindung unter der Leitung seines Freundes und Landsmannes Bauer zur Ausführung gebracht wurde.“
Viertes Patent.
Das vierte Patent Königs „für weitere Verbesserungen an der Schnellpresse“ wurde am 24. Dezember 1814, die Spezifikation am 22. Juni 1816 registriert. Aus den Grundsätzen derselben gingen die Schön- und Widerdruckmaschine, die verbesserte einfache Druckmaschine und die verbesserte Doppelmaschine hervor. Die erste Komplettmaschine wurde im Februar 1816 in der Druckerei von Bensley & Son aufgestellt und lieferte stündlich 900–1000 auf beiden Seiten bedruckte Bogen. Die Literary Gazette war das erste Wochenblatt, welches von 1818 ab dort auf der Schnellpresse gedruckt wurde. In den Nummern vom 3. und 10. Januar äusserte sich Bensley selbst auf das günstigste über die Leistungen der Maschine. Eine verbesserte Doppelmaschine, welche 1500–2000 Exemplare pro Stunde lieferte, wurde in der Times-Offizin aufgestellt und der Eigentümer sprach sich am 3. Dezember 1824 in günstigster Weise über sie aus.
Aus den Patent-Akten geht also hervor, dass schon damals alle Hauptklassen von Maschinen nicht allein von König spezifiziert, sondern mit Ausnahme der achtfachen auch ausgeführt wurden: die einfache Maschine mit Tiegeldruck, die einfache Cylindermaschine, die Doppelmaschine mit abwechselnd stillstehendem Cylinder, die vielfache Maschine, die Schön- und Widerdruckmaschine, die verbesserte einfache Cylinderpresse, die verbesserte Doppelmaschine. Zur Ausführung der achtfachen Maschine wurde König und Bauer die Gelegenheit nicht gegeben. So lange sie in England verweilten, war die Notwendigkeit einer solchen noch nicht eingetreten, und als sie das Land verlassen hatten, war es natürlich, dass John Walter lieber mit den dortigen Mechanikern verkehrte, so dass die achtfache Maschine mit vertikalen Cylindern, welche man bis 1860 als ein Wunderwerk in der Times-Druckerei anstaunte, nach Applegaths Konstruktion ausgeführt wurde.
Umtriebe gegen König.
Nach diesen praktischen Resultaten und nach den Zeugnissen Walters und Bensleys wäre wohl zu erwarten gewesen, dass über die Erfindung der Schnellpresse kein Zweifel mehr obwalten konnte, und dass dem Erfinder auch der volle materielle Lohn geworden wäre. Das war jedoch nicht der Fall. Th. Bensley zeigte sich als ein egoistischer Teilhaber, der in der Sozietät das Übergewicht geltend machte. Ihm war es mehr darum zu thun, die Erfindung zur Hebung der eigenen Offizin zu benutzen, als darum, Bestellungen von seinen Konkurrenten zu erzielen. Statt den Vertrieb zu fördern, erschwerte er denselben und leitete, wie es scheint, die Unterhandlungen in einer der Sache wenig förderlichen Weise. Selbst die Ergebnisse der bereits abgeschlossenen Geschäfte suchte er sowohl Fr. König als auch dem anderen Teilhaber Taylor zu verkümmern. Ja sogar die Ehre der Erfindung sollte nicht unangetastet bleiben.
Will. Nicholson.
William Nicholson, ein heller Kopf und redlicher Mann, hatte sich früher mit der Idee einer Druckmaschine umgetragen und bereits am 29. April 1790 ein Patent genommen „auf eine Maschine oder ein Instrument, um auf Papier, Leinwand, Kattun, Wollenzeug und andere Stoffe in einer netteren, wohlfeileren und genaueren Manier zu drucken, als durch die jetzt gebräuchlichen Instrumente möglich ist“[40]. Seine Zeichnungen und Erklärungen sind sehr skizzenhaft. Es wird mehr angegeben, was Nicholson will, als „wie“ er es zu machen gedenkt. Nicholson hat seine Ideen nie ausgeführt; sie waren von ihm selbst längst beiseitegelegt und vergessen, als König und Bensley aus des Genannten eigenem Munde davon hörten, als sie ihn in ihrer Patentangelegenheit konsultierten; denn Nicholson übte die Vermittelung in solchen Geschäften als Erwerb. Bei dieser Gelegenheit äusserte derselbe, „er habe die Sache vor 17 Jahren versucht, sie gehe aber nicht“. Auch hat er, selbst als König öffentlich mit seiner Erfindung auftrat, sich ganz still verhalten.
E. Cowper.
Dagegen tauchten andere auf, die es sich mit dem Fortbauen auf den gemachten Erfahrungen bequem machten. Wäre hierzu nur Nicholsons geistige Hinterlassenschaft benutzt, so hätten König und Bauer keine Veranlassung sich zu beschweren gehabt; es wurden aber ihre Ideen vollständig, z. B. von E. Cowper in seiner Schön- und Widerdruckmaschine, ausgebeutet. Rechtsgelehrte erklärten, dass ein Einschreiten seitens Königs von Erfolg sein würde, aber Bensley stimmte gegen ein solches und die Klage musste demnach unterbleiben. Ja, es scheint sogar, dass Bensley in Übereinstimmung mit Cowper gehandelt habe. „Denn letzterer offerierte“ — so, sagt Savage, sei ihm berichtet worden — „als einen Akt der Gerechtigkeit und in Betracht der grossen Kosten von mindestens 16000 Pfd. Sterl., welche für Bensley bei der Durchführung der Erfindung der Druckmaschine entstanden waren, diesem einen Anteil an seinem Patent[41], was von Bensley angenommen wurde.“ Die Freundschaft der beiden scheint jedoch nicht von langer Dauer gewesen zu sein, denn später liess Bensley König ersuchen, gegen Cowper einzuschreiten, was jetzt jedoch König seinerseits ablehnte. Wie es Cowper machte, so thaten es auch andere; man nahm von Nicholson und König, was passte, und fügte einiges Neue hinzu.
König geht nach Deutschland.
Ermüdet von allen diesen Verdriesslichkeiten beschlossen König und Bauer im Jahre 1817, England zu verlassen und in das Vaterland zurückzukehren, dem sie fortan mit Ruhm und Erfolg angehören sollten. Das Verlassen Englands unter den obwaltenden Umständen war selbstverständlich gleich einem Aufgeben der Patentrechte und der daran geknüpften Aussichten. Die englische Presse vergass schnell den Namen König. Wenn von der Erfindung und Verbesserung der Schnellpresse die Rede war, so wurden Nicholson, Cowper, Applegath und andere genannt; König existierte nicht. Nur die Times fuhr fort, eine rühmliche Ausnahme zu machen, und stellte noch am 3. Dezember 1824 König das ehrendste Zeugnis aus. Es dürfte, wenn auch König keiner Ehrenrettung bedarf, eine Pflicht gegen die deutsche Erfindung sein, die hauptsächlichsten Stellen daraus wiederzugeben:
John Walter über König.
„Bei der ersten Einführung der Druckmaschinen erregte diese Erfindung grosse Teilnahme, und ihre Originalität wurde nicht bestritten, indem niemand einen Beweis für die frühere Anwendung derselben Grundsätze anführen konnte. Schon damals waren wir bemüht, den Ansprüchen des Erfinders, Herrn König, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, der einige Jahre später in sein Vaterland Deutschland zurückkehrte, jedoch — fürchten wir — ohne den Lohn empfangen zu haben, der seinem Verdienste für seine wunderbare Erfindung und deren Ausübung in England zukam.“ Es wird nun der ungerechten Versuche von anderer Seite, sich die Erfindung anzueignen und die Verdienste Königs entweder ganz zu ignorieren oder auf ein Minimum zu reduzieren, gedacht und dann fortgefahren: „Es ist ein so seltener Fall, dass ein Ausländer in England eine Erfindung zur Ausführung bringt; es giebt hier so viele eingeborene Talente in den mechanischen Künsten, und England steht in dieser Beziehung so hoch; dass es wohl ausländischem Verdienste Gerechtigkeit widerfahren lassen kann.“ Dies thut nun das Blatt, indem es die Ansprüche des Herrn Bensley auf null, die des Herrn Nicholson auf eine fallengelassene Idee und die der Nachfolger Königs auf das facile est inventis addere zurückführt. „Wir können zum Schluss nicht umhin, zu bezeugen, dass wir in Herrn König nicht nur einen Mann von hoher Bildung und feurigem Geiste, sondern auch von grösster Ehrenhaftigkeit und lauterster Rechtlichkeit gefunden haben. In dem kritischen und prüfungsreichen Zeitraum, wo seine Erfindung in unserer Offizin zur Ausführung gebracht wurde, standen wir in täglichem Verkehr mit ihm, so dass wir volle Kenntnis von seiner Art und Weise und von seinem Charakter erlangten; die Folge ist gewesen, dass wir für ihn innige Freundschaft und hohe Achtung für immer hegen.“
Ein Zeugnis, ehrend für König, ehrend für Walter!
Verbesserer der Schnellpresse.
Sehen wir von dem gegen König geübten Unrecht ab, so können wir den englischen Erbauern von Schnellpressen unmöglich die Anerkennung versagen, diese so wesentlich verbessert zu haben, dass die Leistungen der ersten Schnellpressen gegen die heutigen Rotationsmaschinen sich fast eben so verhalten, wie die Leistungen der Handpressen zu denen der ersten Schnellpressen. Nur diese Fortschritte haben es der englischen und amerikanischen Journalistik möglich gemacht, ihren hohen Rang zu erkämpfen und zu behaupten.
Napier.
Applegath & Cowper.
Unter den Verbesserern der Schnellpresse sind besonders zu erwähnen: Edw. Cowper, Aug. Applegath, D. Napier, Isaac Adam, R. Hoe & Co. Noch viele andere könnten genannt werden. Napier führte zuerst Greifer ein und baute Maschinen mit einem sehr grossen Druckcylinder, der sich in fortwährender Bewegung befand und von welchem nur etwa der dritte Teil als Druckcylinder benutzt wurde. Bekannt sind die von Applegath & Cowper im Jahre 1827 für die Times-Druckerei erbauten viercylindrischen Maschinen mit einer Leistungsfähigkeit von 4–5000 Exemplaren[42]. Noch renommierter wurde jedoch Applegaths Rotationsmaschine mit vertikalen Satz- und Druckcylindern. Der Satz war auf einem Teil des mittleren grossen Cylinders angebracht, dessen übriger, grösserer Teil als Farbentisch zum Verreiben der Farbe diente. Acht vertikale Druckcylinder von je 40 englischen Zoll Durchmesser waren derart um den Satzcylinder gruppiert, dass alle bei einmaliger Umdrehung des letzteren mit dem Satz in Berührung kamen, so dass also acht Bogen einseitig gedruckt waren. Durch keilförmige Spaltlinien und eben solche Kolumnenstege wurde fester Anschluss der Typen erzielt, die wie Mauersteine beim Bauen eines Bogens zusammenhielten. Jeder der Anleger führte alle vier Sekunden der Maschine einen Bogen zu, während acht Abnehmer die gedruckten Bogen in Empfang nahmen. Die Hauptschwierigkeit in der Konstruktion lag in dem Bändersystem, welches die in horizontaler Lage zugeführten Papierbogen in die für den Druck notwendige vertikale Lage zu bringen hatte. Die allergeringste Zögerung seitens eines Anlegers machte den Bogen zu Makulatur. Ein Vorzug der vertikalen Cylinder war, dass der abgehende Papierstaub nicht auf die Satzform, sondern zur Erde fiel. Die Maschine lieferte über 7000 Exemplare[43]. Applegath erfand auch eine solche, um zu gleicher Zeit mit sechs Farben zu drucken. Für sein System unnachahmlicher Banknoten zahlte ihm die englische Bank 18000 £ Sterl. Er starb in Dartford im Jahre 1871 in einem Alter von 84 Jahren.
C. A. Holm.
Ein Schwede, C. A. HOLM, nahm 1840 in London Patent auf seine, „Skandinavia-Presse“ genannte Tiegeldruckmaschine. Trotz ihres schweren Ganges und ihrer geringen Leistungsfähigkeit von 5–600 Exemplaren war sie doch in England sehr verbreitet und beliebt, namentlich zum Druck illustrierter Werke, die man damals noch nicht in heutiger Vollkommenheit auf der Cylindermaschine lieferte[44].
Rob. Hoe * 1784, † 1833.
Die Wundermaschine Applegaths wurde durch die von Hoe übertroffen, die 1860 in der Times-Offizin Aufstellung fand. Robert HOE war der Begründer der berühmten Anstalt für die Fabrikation aller Arten von typographischen Maschinen in New-York. Er war als Sohn eines Pächters in Leicestershire in England geboren und lernte als Zimmermann. Im Jahre 1803 ging er nach Amerika und heiratete dort, erst zwanzig Jahre alt. Zwei seiner Schwäger, Matthias und Peter Smith, letzterer Erfinder einer renommierten Handpresse, hatten ein Geschäft errichtet, welches nach dem Tode der Inhaber Hoe & Co.von Hoe 1823 übernommen wurde. Es war damals noch klein, hatte aber, als Robert Hoe 1832 aus demselben trat, einen bedeutenden Umfang erreicht. Sein ältester Sohn Richard M. Hoe und dessen Vetter Matthias Smith, welche seit 1823 Teilhaber des Geschäfts gewesen waren, übernahmen es nun ganz für sich. Smith, ein Mann von ungewöhnlichen Fähigkeiten, starb 1842 und Robert Hoe Jun. und Peter Smith Hoe nahmen seine Stelle ein.
Die Blitzpresse.
Im Jahre 1846 wurde die epochemachende Maschine mit rotierendem Cylinder: The type revolving printing oder Lightning Press (Blitzmaschine) gebaut. Die Schriftform ist auf einem grossen horizontalen Cylinder angebracht, um den sich 4–10 Druckcylinder bewegen, deren Anordnung je nach der Zahl derselben sich richtet. Bei der zehnfachen Maschine, wie sie in den Offizinen der Times und der Daily News arbeiteten, sassen die Anleger vier Etagen über einander. Die Bänderleitung war weniger kompliziert, als bei den Applegathschen Maschinen, weil die horizontal eingelegten Bogen in dieser Lage verblieben. Der grosse Cylinder hatte einen Durchmesser von 4½ Fuss englisch. Die Länge der Maschine war 35 Fuss, die Breite 12 Fuss und die Höhe 18 Fuss. Die Leistungsfähigkeit betrug gegen 25000 Exemplare. Der Anblick in der Offizin der Daily News, wo zwei solche Maschinen gleichzeitig arbeiteten, war wahrhaft sinnverwirrend, wenn die zwanzig grossen Bogen auf einmal in der Luft herumschwirrten[45].
Isaak Adam.
Der Beifall, welchen diese und andere ihrer Maschinen erhielten, spornte Hoe & Co. zu noch grösseren Anstrengungen an. Nicht zufrieden mit den eigenen Erfindungen kauften sie auch noch von Isaak Adam aus Boston dessen mehr als fünfzig Patente für Hand- und Schnellpressen. Dieser war der älteste Pressenbauer Amerikas, der 1830 die Tiegeldruck-Maschine gebaut hatte, welche in Amerika noch viele Freunde besitzt. 1861 eröffneten Hoe & Co. auch ein Etablissement in London, namentlich um dort bequemer die Reparaturen und Verbesserungen an ihren vielen in England verbreiteten Maschinen ausführen zu können. Ein zweites Etablissement in New-York wurde 1870 eingerichtet und Hoes beschäftigten damals bereits 1000 Arbeiter. Ihr Katalog beweist den enormen Umfang ihrer Fabrikation, unter welchen die Billet- und Nummeriermaschinen für mehrfarbigen Druck einen hohen Rang einnahmen[46].
Die „Endlosen“.
Doch auch die Wundermaschinen Hoes gehören der Vergangenheit an und wurden durch die eigenen späteren Leistungen, zuerst aber durch die Rotationsmaschine für endloses Papier des Amerikaners Bullock in Schatten gestellt. Es wäre zwar anzunehmen gewesen, dass man bei der erreichten Arbeitsschnelligkeit Beruhigung gefasst habe. Jedoch weit gefehlt, denn man betrachtete das Geleistete nur als eine Abschlagszahlung. Die mit der Handhabung der grossen Schriftformen verbundene Gefahr war noch eine bedeutende und es gehörten immer noch zur Bedienung einer grossen Hoeschen Maschine 18 Personen. Die Arbeiterbewegungen hatten aber gezeigt, wie wünschenswert es sei, bei Unternehmungen, wo Viertelstunden entscheiden, von menschlicher Beihülfe oder Missgeschick der Arbeiter unabhängig zu sein. Die Aufmerksamkeit richtete sich deshalb auf möglichste Selbstthätigkeit der Maschine, die schliesslich in der „Endlosen“[47] in Verbindung mit der Segment-Papierstereotypie das Ideal erreichte. Zwanzig Minuten nach Fertigstellung der letzten Satzform einer Zeitung sind die segmentförmigen Stereotypplatten auf dem Satzcylinder befestigt. Mit einer Schnelligkeit, welche die Lieferung von 200 fertigen Nummern in der Minute ermöglicht, wird das endlose Papier von der Rolle abgewickelt, erst durch die Feuchtwalzen, dann zwischen die Satz- und Druckcylinder geführt, durch den Schneideapparat von der Rolle in einzelnen Bogen abgetrennt, dem Falzapparat übergeben und zum Versenden gefalzt; thatsächlich ohne eine weitere menschliche Beihülfe als die der Burschen, welche die zum Versand fertigen Haufen wegzuschaffen haben.
Bedenkt man nun, dass eine Endlose, wie sie in der Times-Offizin gebaut wird, in einer Stunde eine Papierlänge von zwei deutschen Meilen auf zwei Seiten druckt, faktisch also 4 Meilen Gedrucktes in der Stunde liefert, man demnach mit zwei solchen Maschinen und einem doppelten Exemplare von Stereotypen in wenigen Stunden 100000 Exemplare von einer grossen Zeitung beschaffen kann, so sollte man meinen, ein non plus ultra erreicht zu haben; doch selbst diese Schnelligkeit ist bereits übertroffen worden.
Ursprünge der Endlosen.
Wer zuerst eine mehr als allgemeine Idee der Endlosen gefasst hat, ist schwer zu sagen. Den Gedanken deutet schon der Erfinder der Schnellpresse selbst an. In England hat man früher die Priorität der Erfindung für die Firma Nelson & Sons in Edinburgh in Anspruch genommen, ein Modell ihrer projektierten Maschine befand sich auf der Londoner ersten Weltausstellung 1851. Auf der Caxton-Ausstellung 1877 waren jedoch Überreste eines Modells zu sehen, Rowland Hill * 3. Dezbr. 1795, † 27. Aug. 1879.welches der berühmte englische General-Postmeister Sir Rowland Hill 1835 hatte anfertigen lassen. Seine Maschine war darauf eingerichtet, dass keilförmige Typen oder gebogene Clichés auf einem Cylinder angebracht wurden und dass ein endloser Bogen zwischen den Schrift- und den Druckcylinder geführt wurde, wie bei den jetzigen Rotationsmaschinen. Die Maschine ward patentiert, in Chancery-Lane aufgestellt und von kompetenten Richtern sehr günstig beurteilt. Die Regierung gestattete jedoch nicht den Druck des damals noch bestehenden Stempels bei dem Durchgang des Bogens mit vorzunehmen, und die Sache unterblieb; ob allein aus diesem Grunde, wird wohl jetzt schwer zu entscheiden sein. Was die endlosen Pressen Auers betrifft, so verhielten sie sich zu den jetzigen wie chinesischer Tafeldruck zur Typographie Gutenbergs (vgl. Kap. [XIV]). Die Amerikaner behaupten, dass schon um das Jahr 1840 J. B. Wilkinson eine Endlose erfunden habe.
Will. Bullock * 1813, † 1867.
Auch wenn dies nicht wäre, gebührt jedenfalls doch einem Amerikaner William Bullock die Ehre, dem Gedanken zuerst eine praktische Lösung gegeben zu haben.
Derselbe war zu Greenville geboren. In Philadelphia lernte er als Eisengiesser und Maschinenbauer. 1849 gründete er dort eine Zeitung und baute 1853 für den eigenen Bedarf eine Holzpresse mit einem mechanischen Zubringer des Papiers. Schrittweise wurde er nun zu seiner Erfindung geführt, auf welche er am 14. April 1863 Patent erhielt. Seine Maschine ist in Amerika sehr geschätzt, hat aber in England keinen besonderen Beifall gefunden und ist auf dem Kontinent gar nicht eingeführt. Er verunglückte bei Prüfung einer seiner Maschinen.
Times-Presse.
Die eigentliche Aera der Endlosen datiert von der Erbauung der „Walter-Maschine“. Es war eine Wiederholung der Scene von 1814. Bereits lange zirkulierten mysteriöse Gerüchte von einer neuen Wundermaschine, die in der Times-Offizin gebaut werde. Aber es gelang niemand, durch den dichten Schleier zu dringen, mit welchem die Vorbereitungen bedeckt waren. Nicht einmal die ältesten Maschinenmeister oder die Vertrauensmänner im Geschäft bekamen Erlaubnis, den streng verschlossenen Raum zu betreten, in welchem das neue Wunder zusammengesetzt wurde, bis der Tag anbrach, an welchem es seine Pflicht zum erstenmal erfüllte. Der Constructeur war der erste Ingenieur der Offizin J. C. Macdonald, im Verein mit J. Calverley. Die Presse erhielt, dem Besitzer zu Ehren, den Namen „Walter-Presse“[48].
Prinzip der „Endlosen“.
Wenn auch die Lage der Cylinder und die Reihenfolge der Funktionen bei den verschiedenen Systemen eine verschiedene ist, so bleibt doch das Prinzip dasselbe. Das Papier wird von der Fabrik auf eine Rolle gewickelt geliefert; die Zapfen der Rolle drehen sich leicht in den Lagern, in welche sie eingelegt werden, so dass das Papier, wenn einmal den Cylindern zugeführt, durch den Zug der sich drehenden Cylinder von der Rolle abgewickelt wird. Der Streifen passiert (wenn das Papier nicht durch eine besondere Vorrichtung im voraus gefeuchtet wurde) einen Feuchtapparat, wird erst auf der einen Seite gedruckt und dann durch eine S-förmige Bewegung auf den Widerdruckscylinder geführt. Während des ferneren Passierens des Papiers zwischen den Schneidewalzen hindurch wird es derartig perforiert, dass die Löcher sich dicht an einander reihen, so dass das Stück, welches einen Bogen bildet, durch den Ruck, welchen Leitbänder, die mit ungleicher Schnelligkeit sich bewegen, hervorbringen, von der Rolle abgetrennt wird. Der fächerartige Selbstausleger legt nun die Bogen entweder einzeln oder mehrere zusammen auf einen Haufen, oder sie werden, wenn eine Falzmaschine, wie es gewöhnlich der Fall ist, zugleich mit der Druckmaschine verbunden ist, dieser zugeführt und fallen, wie Stroh aus der Dreschmaschine, fertig zum Versenden in einen Behälter. Dabei nimmt eine solche Maschine sehr wenig Raum ein; eine Walter-Maschine erfordert 14 engl. Fuss Länge, 5 Fuss Breite.
Segmentförmige Clichés.
Selbstverständlich gehören zu dieser Maschine segmentförmige Clichés. Boden und Decke des hierzu erforderlichen Giessinstrumentes liegen wie in den für flache Stereotypen bestimmten, parallel, jedoch nicht in der Ebene, sondern in einer Bogenform. Die biegsamen Papiermatern schmiegen sich an den Boden des gerundeten Giessinstrumentes an, der Deckel wird zugemacht und die Platte in üblicher Weise gegossen, voll, oder, wenn der Deckel des Giessinstrumentes darauf eingerichtet ist, nur auf Rippen ruhend. Um den nötigen Druck beim Eingiessen des flüssigen Schriftmetalls auszuüben, ist ein starker Anguss notwendig, dessen Beseitigung durch eine Kreissäge jedoch nur Sache eines Augenblicks ist. Die Justierung des Clichés geschieht ebenfalls in einer Minute oder weniger durch eine Hobelmaschine und die Platte ist zum Einsetzen in die schwalbenschwanzförmigen Halter des Schriftcylinders fertig. Ein Nachteil bei der Papier-Stereotypie ist, dass die Typen beim Trocknen der Matern heiss werden und zusammenbacken. Ryles & Son in Bradford haben nun eine Methode erfunden, die Mater, welche im feuchten Zustande von der Schrift abgehoben wird, in einem besonders konstruirten Rahmen festzuhalten und für sich ohne die Schrift zu trocknen.
Verschiedene „Endlose“.
Der Walterpresse folgte die „Victoriapresse“[49] von Duncan & Wilson in Liverpool. Diese, namentlich in der Provinz beliebte Maschine war die erste, die mit Falzapparat arbeitete; dann kam die „Prestonian“ der Herren Bond & Forster, welche sowohl für Platten- als für Schriftdruck eingerichtet ist; die „Northumbrian“ von Donnison & Son in Newcastle u. T.; die „Whitefriars“ des Jos. Pardoe, gebaut von A. H. Payne, die sowohl für Papier in Bogen als für endloses sich benutzen lässt und namentlich für illustrierte Blätter bestimmt ist.
In Amerika folgten Hoe & Co. und überboten an Leistungsfähigkeit ihrer Maschinen die Engländer. Die Fabrikate von Andr. Campbell sind neueren Datums und noch nicht recht in die Praxis gedrungen.
„Man möchte glauben, dass die äusserste Grenze erreicht sei, wenn die Erfahrung nicht den Menschen belehrte, nie das Wagnis zu unternehmen, der Vervollkommnung eines Menschenwerkes und den unerforschlichen Absichten der Vorsehung eine Grenze im voraus zu bestimmen“, so schrieb Ambr. Firmin-Didot, als er 1851 die Leistungen der Applegathschen Times-Maschine angesehen hatte. Wie sehr er Recht gehabt, zeigen die enormen Leistungen in der Druckerkunst, die wir seit jener Zeit erlebt haben. Jedoch trotz diesen, wer würde es heute wagen, zu sagen: „Nun ist die Grenze wirklich erreicht“.
Endlose für Illustrationsdruck.
Die Verwendung der Endlosen für Illustrationsdruck gelang bis jetzt in England nicht so gut wie in Deutschland. Die von Thomas Middleton & Co. 1874 für die Offizin der Illustrated London News gebaute, und dem Gründer des Blattes zu Ehren genannte „Ingram-Maschine“ wird zum Druck eines kleinen Blattes The Penny Paper benutzt. Die Konstruktion der Cylinder ist eine eigentümliche. Der vordere, für die Bilderform bestimmte hat einen grossen Umfang und nimmt drei Exemplare der Platten auf, man hat damit erzielen wollen, dass die Clichés nur wenig gebogen werden, damit nicht Verzerrungen in den Bildern entstehen. Der kleinere Cylinder für die Schriftform ist nur mit zwei Exemplaren des Textes belegt, infolge dessen muss sich dieser Cylinder mit ein Drittel grösserer Schnelligkeit bewegen, als der grosse. Diese Maschine lieferte 7000 Exemplare und ist, da die Zurichtung von fünf Formen selbstverständlich viel Zeit kostet, nur bei sehr grossen Auflagen zweckentsprechend.
Für Farbendruck bauten Conisbee & Son in London eine Endlose, die dreifarbigen Druck in 3000 Exemplaren liefert, ebenso D. F. Powell. In Chicago fabrizierten Suitterlin Claussen & Co., in Philadelphia T. O. Ferree Vielfarbemaschinen[50].
Die Tretpresse.
Wie die Extreme sich so oft berühren, so geschah es auch in dem Druckpressenbau, denn neben den ganz grossen Zeitungsmaschinen waren es namentlich die ganz kleinen, welche durch Treten in Bewegung gesetzt werden können und nur einen Arbeiter, in der Regel einen Burschen, zur Bedienung verlangen, welche die Aufmerksamkeit der Maschinenbauer in Anspruch nahmen.
Es war ganz natürlich, dass man besonders in den Ländern, wo der Spruch „Zeit ist Geld“ seine volle Gültigkeit hatte, und wo die Zahl der kleineren Accidenzarbeiten sich ins Kolossale steigerte und viele Druckereien sich ausnahmslos nur mit solchen „Job-Arbeiten“ beschäftigten — also in Amerika und England —, an diese kleinen Maschinen dachte. Man hatte nicht, wie in Deutschland, Zeit abzuwarten, bis ein Drucker an der Handpresse mit seinen langwierigen Vorbereitungen fertig war, um hundert Visitenkarten zu drucken, auch nicht Lust, deshalb eine 5000 Mark oder mehr kostende Maschine, deren Karren einen weiten Weg hin und zurück zu machen hatte, in Bewegung zu setzen. So entstand in England und Amerika eine Legion solcher Tretpressen unter verführerischen Namen, als: Universal, Nonpareille, Minerva, Non plus ultra, Franklin, Excelsior, Progress, Lilliput, Favorit, Star etc. etc. Die Bahn hatten zwei Deutsche, Degener & Weiler, in New-York mit ihrer Liberty-Press gebrochen. Die auf dem Kontinent verbreitetsten Tretpressen dürften jetzt neben den Degener & Weilerschen die „Gordon-Pressen“ sein. Trotz einiger, diesen kleinen Maschinen anhaftenden Mängel haben sie doch in zweckmässigster Weise eine bedeutende Lücke im Druckgewerbe ausgefüllt. Ein Kabinettstück unter den kleinsten Maschinen ist Mausel Baylys Kombinationspresse. Der Umstand, dass diese kleinen Pressen, welche ganz die Handpressen verdrängt haben, zum Nachteil des geregelten Druckgeschäfts in die Hände der sogenannten Trittmüller — kleine Papierhändler, Buchbinder und andere Nichtbuchdrucker — gefallen sind, hat sie in einen unverdienten üblen Ruf gebracht. Das Prinzip der Endlosen ist in geistreicher Weise durch Tiegeldruck auf diese kleinen Maschinen in der Kidder-Press mit feststehendem Tiegel und hin- und hergehender Schriftform zur Anwendung gebracht.
Die beim Druck von Wertpapieren so notwendigen Numeriermaschinen wurden von Bodel so konstruiert, dass sie die Nummern erhaben pressen und von beiden Seiten verschiedenartig färben.
Ausleger und Anleger.
Eine wesentliche Verbesserung bei den gewöhnlichen Schnellpressen waren die rechenförmigen Mechanischen Ausleger, die mit ihren, sich zwischen den Leitbändern auf- und niederbewegenden Rechen die Bogen von den Leitbändern wegnehmen und auf den Auslegetisch niederdrücken. Diese Verbesserung hat allgemeinste Verbreitung gefunden, was dagegen weniger mit den Mechanischen Anlegern der Fall ist. Die Schnelligkeit der Hand des Anlegenden hat eine Grenze, die sich nicht überschreiten lässt. Man suchte deshalb nach dem Mittel, die Hand entbehrlich zu machen, und kam auf den Gedanken, durch luftleer gemachte, in schwingender Bewegung sich befindende Saugröhren einen Bogen von dem Haufen ansaugen zu lassen, den man dann, wenn die Röhren bei ihrer Bewegung sich in der richtigen Lage über dem Anlegetisch befinden, durch Einführung von Luft zum Niederfallen bringt. Um zu verhindern, dass die Saugröhren zu gleicher Zeit zwei an einander anklebende Bogen von dem Haufen aufheben, wird durch einen zweiten Apparat Luft zwischen den obersten und den darauf folgenden Bogen eingelassen. Der erste Erfinder war J. F. Ashley in New-York.
Satiniermaschine.
Bei jedem Maschinenpapier ist die Seite, welche mit dem Drahtgewebe, auf welches der Lumpenbrei ausfliesst, in Berührung gewesen, rauher, als die obere, was schon bei jeder Druckarbeit eine Unannehmlichkeit war. Noch nachteiliger wirkten jedoch die Unebenheiten und Unreinlichkeiten im Papier auf die feineren Schriften, namentlich aber auf die Holzschnitte. Um nun dem Papier eine vollkommen glatte Oberfläche zu geben, kam man frühzeitig auf den Gedanken, nach dem Feuchten, aber vor dem Druck, jeden Bogen einzeln zwischen Zinkplatten zu legen und diese dann, 10–20 übereinandergelegt, unter starkem Druck zwischen zwei Hartgusswalzen durchzudrehen. Diese Manipulation mit der Satiniermaschine war langwierig und teuer, namentlich weil die Zinkplatten (Satinierbleche) sich leicht abnutzten und Nachlässigkeit der Arbeiter leicht das Papier verdarb. Die Versuche jedoch, die Bogen einzeln zwischen die sich drehenden Cylinder zu führen, gelangen erst in letzter Zeit (vgl. Kap. [X]).
Um nach dem Druck ein stärkeres Glätten als durch die übliche Glättpresse möglich war, zugleich um ein schnelles Trocknen der feuchten Bogen zu erzielen, bauten Furnival & Co. in Manchester nach Gills Patent eine Presse, die den Bogen zwischen zwei, mittels Dampfes erhitzte Stahlcylinder führt. Die Gefahr, welche durch das Abschmutzen der frisch gedruckten Bogen auf die Walzen droht, wird durch einen vorzüglichen Reinigungsapparat beseitigt. Die Ein- und Ausfuhr der Bogen geschieht auf endlosen Bändern.
Das heisse Glätten.
Das heisse Glätten des Papieres soll vor neunzig Jahren durch Thomas Turnbull erfunden sein, der an einer Presse beschäftigt war, in welcher Tuch durch heisse Cylinder gepresst wurde. Als nach dem Tode des Prinzipals die Witwe ein Zirkular an die Kundschaft druckte, missfiel die Rauheit des Druckes Turnbull und er glättete die Bogen, indem er sie zwischen glatte Pappen legte und durch die Tuchwalzen gehen liess. Die Resultate waren so befriedigend, dass er in London ein Geschäft eröffnete, um für die Buchdruckereien die Arbeiten zu glätten. Die Frage, ob das heisse Glätten im ganzen von Vorteil ist, kann noch nicht als entschieden betrachtet werden; ein Nachteil ist jedenfalls, dass jede kleinste Unreinlichkeit in dem Papier durch den starken Druck breitgequetscht und das Papier leicht verunstaltet wird.
Eine Trocken- und Glättpresse von J. W. Jones in Harrisburg (Pennsylvanien) trocknet, glättet und falzt von der Schnellpresse weg 6000 Bogen in der Stunde.
Die gewöhnliche Glättpresse erhielt durch Boomer & Borchert in London eine wesentliche Verbesserung. Ihre Presse ist sehr leicht zu handhaben und soll an Wirkung noch die hydraulische Presse übertreffen.
Feuchtapparate.
Das Feuchten des Papiers mit der Hand war bei den grossen Zeitungsbogen und den grossen Auflagen fast eine Unmöglichkeit geworden. Grössere Druckereien schafften deshalb Mechanische Feuchtapparate (Hoe & Co., Harrild & Sons) an, die das Papier entweder zwischen nassen, mit Filz überzogenen Walzen hindurchgehen liessen oder durch einen Sprühregen benetzten. Für feinere Arbeiten bleibt das Handfeuchten vorzuziehen, da man es, je nach der Beschaffenheit des Papiers und den sonstigen Verhältnissen, mehr in seiner Macht behält, das Feuchten rationeller zu betreiben. In Amerika wird sehr viel auf ungefeuchtetes Papier gedruckt, was für diejenigen, welche einen Spiegelglanz des Papieres lieben, als ein Vorteil erscheinen mag.
Die Bronciermaschine.
Bei einer grossen Anzahl von feinen Accidenzarbeiten kommt bekanntlich das Broncieren in Anwendung. Bronciermaschinen erleichtern diese Arbeit nicht allein, sondern sie verhindern auch das der Gesundheit so nachteilige, mitunter sogar tödlich wirkende Einatmen des Broncestaubes. Das Prinzip ist, die ganze Arbeit in einem verschlossenen Behälter durch ein System von Bürsten und Wischern vollziehen zu lassen, so dass die Arbeit vollständig fertig aus dem Behälter herauskommt[51]. Eine ähnliche Maschine von E. A. Clowes & John Baley verrichtet das der Gesundheit ebenfalls sehr nachteilige Einbürsten der zu galvanisierenden Matern mit Graphitstaub.
Die Falzmaschine.
Die bei der Schnellproduktion so wichtigen Falzmaschinen fanden namentlich in Amerika Beachtung. Sie wurden dort von Cyrus Chamber eingeführt, der, im Verein mit seinem Bruder Edwin, 1856 eine Fabrik in Philadelphia unter der Firma Chambers Brothers & Co. errichtete. Nach vielen Versuchen gelangten sie zu guten Resultaten und bauten im Jahre 1870 nach etwa 40 verschiedenen Systemen. Eine Maschine z. B. falzt einen und einen halben Bogen in einander, kleistert, heftet und beschneidet sie. Sehr verbreitet ist seit 1863 die Zeitungsfalzmaschine von S. C. Forsaith & Co. in Manchester in den Vereinigten Staaten, die sich für verschiedene Formate stellen lässt.
Verschiedene Hülfsmaschinen.
Weitere Erleichterungen gewähren die Buchheftmaschinen (Wheeler & Wilson) und die Zusammentragemaschine (Howe). Letztere ist in der Art der Kinder-Karussels gebaut. Auf einem sich drehenden Tisch, vor dem der Komplettierer steht, liegen die Bogenhaufen der Reihe nach und werden im Vorbeipassieren einer nach dem andern von dem Komplettierer ergriffen.
Von den unendlich vielen Hülfsmaschinen seien nur noch erwähnt die Couvertmaschine (G. Tidcombe & Son, J. Wilkinson; C. Godall & Son) und die Schneidemaschine. Spezialisten für letztere sind Furnival & Co. in Manchester, die sie in grosser Vollkommenheit bauen. Das Ingangsetzen des Messers, der Schnitt eines Ries Papiers und das Zurückgehen des Messers in seine erste Lage dauert nur vier Sekunden. Überhaupt ist die Fabrik Furnival berühmt wegen der Vortrefflichkeit aller ihrer Hülfsmaschinen, deren Fabrikation in ausgedehntester und rationellster Weise betrieben wird.
Die Utensilien.
Wie aus dem obigen hervorgeht, fehlt es an erleichternden Mitteln nicht, und doch war es nur möglich, das Hauptsächlichste zu erwähnen. Sowohl Hülfsmaschinen als Utensilien werden jährlich vermehrt und verbessert. Nicht wenig erleichtert ist die Anschaffung derselben durch die Utensilien-Geschäfte, welche alle notwendigen Gegenstände von der Ahle ab und bis zu der grössten Schnellpresse liefern, ja selbst die Einrichtung vollständiger Druckereien übernehmen, so dass der Besteller nur unter Angabe der besonderen Orts- und Geschäfts-Verhältnisse den Preis bestimmt, alles andere dem Lieferanten überlassend[52].
So bedeutend auch der Fortschritt von dem Ballen und der Lederwalze zu der Massenwalze war, so litt die letztere doch unter wesentlichen Mängeln, namentlich war ihre Brauchbarkeit sehr von der Temperatur und der Witterung beeinflusst. Zu Zeiten schwanden die Walzen, dann wurden sie hart wie Stein, bald nahmen sie, wenn sie zu feucht waren, die Farbe nicht an, bald wurden sie so weich, dass sich die Form mit Walzenmasse vollschmierte, bald mussten sie am Ofen oder mittels brennender Fidibusse erwärmt, bald mit Sägespänen abgerieben, geschabt, gewaschen, schliesslich, unter Ersatz der klumpig gewordenen Masse durch neue, umgegossen werden. Waren die lokalen Verhältnisse nicht besonders günstig, so konnte man wohl rechnen, dass der zehnte Teil der Arbeitszeit durch Pflege der Walzen verlorenging.
Englische Walzenmasse.
Diesen Übelständen ist durch die Englische Walzenmasse, die hauptsächlich aus Gelatine und Glycerin besteht, abgeholfen. Jede Fabrik solcher behauptet, im Besitz von geheimen Rezepten zu sein; das hauptsächlichste Geheimnis besteht wohl darin, das vorzüglichste Material zu nehmen und alle wässerigen Teile daraus zu scheiden. Ohne solche Walzen würden der vollen Ausnutzung der Rotationsmaschinen bei der starken Reibung und dem schnellen Gang immer noch grosse Schwierigkeiten erwachsen.
Eine weitere Verbesserung sind die Lanham-Walzen. Waren sie anfänglich nur für lithographische Schnellpressen bestimmt, so liefert der Erfinder jetzt auch ein Fabrikat für typographische Maschinen, das sich vorzüglich bewährt. In der Offizin des Daily Telegraph druckt jede Hoesche Maschine stündlich 1000 Exemplare mehr seit Verwendung der Lanham-Walzen. Der Hauptbestandteil derselben ist vulkanisierter Kautschuk, der wieder mit einem in besonderer Weise präparierten Kautschuk-Überzug versehen ist.
Die Farbenfabrikation.
Nachdem die Druckereien aufgehört hatten, ihre Farbe selbst zu fabrizieren, entstanden Etablissements, die sich ausschliesslich mit dieser Fabrikation beschäftigten, deshalb auch imstande waren, rationell zu fabrizieren und gute Farben billig zu liefern. Auch hier standen die englischen Fabrikate obenan, und es gab eine Zeit, bis um das Jahr 1840, wo in Deutschland kein illustriertes, oder selbst ein in der Ausstattung nur einigermassen hervorragendes Werk mit anderer Farbe als der von Parson oder Lawson gedruckt werden durfte. Ist die englische Farbe auch jetzt ziemlich vom Kontinent verdrängt, so behauptet sie doch ihren guten Ruf. Sie zeichnet sich durch ihren tiefen, etwas ins Bläuliche spielenden Ton aus, der ausserordentlich schön ist, den Illustrationen jedoch etwas Kaltes giebt. Die bedeutendsten Fabrikanten sind Parsons, Fletcher & Co. in London und A. B. Fleming & Co. in Leith, wohl die grösste Farbenfabrik der Welt.
Fußnoten:
[27] Die Sitte in England, manchmal eine Offizin als Press zu bezeichnen, hat in Deutschland öfters zu Missverständnissen Anlass gegeben. So stand in einem deutschen Fachblatt, dass Lord Stanhopes eiserne Presse unter der Bezeichnung Shakespeare-Press verbreitet sei, während diese Bezeichnung die Firma für Bulmers Offizin war, wo die Stanhope-Presse zuerst arbeitete.
[28] Journ. f. B. 1834, Nr. 10; 1835, Nr. 24.
[29] Beschrieben und abgebildet Journ. f. B. 1834, S. 62.
[30] Über die von J. Clymer erfundene Patent-Columbiapresse. Braunschweig 1828. — Journ. f. B. 1834, S. 95.
[31] Journ. f. B. 1836, Nr. 42.
[32] Journ. f. B. 1835, Nr. 33.
[33] Journ. f. B. 1838, Nr. 33.
[34] Journ. f. B. 1835, Nr. 81.
[35] Journ. f. B. 1835, Nr. 4.
[36] J. f. B. 1834, Nr. 62.
[37] Journ. f. B. 1835, Nr. 55; 1836, Nr. 122.
[38] König & Bauer, Die ersten Druckmaschinen erbaut in London bis zu dem Jahre 1818. Mit Abbildungen. Leipzig 1851. — S. Smiles, Frederick König, Inventor of the steam printing machine. MacMillans Magazine, Dzbr. 1869. — Th. Goebel, Fr. König und die Erfindung der Schnellpresse. Braunschweig 1875. — Königs Jugendgeschichte und die spätere Geschichte des Etablissements König & Bauer in Kloster Oberzell ist in Kap. [X] behandelt.
[39] Erbauer der Paulskirche in London.
[40] Repertory of arts vol. 1, 1796. — Savage, Dictionary of the art of printing. 1841.
[41] Cowpers Maschine ist in Monthly Magazine vom 1. Jan. 1819 beschrieben und abgebildet.
[42] A description of A. Applegaths & Cowpers horizontal machine and of Applegaths vertical machine for printing the Times. London 1851.
[43] Wenn in dem Folgenden von Leistungen der Maschinen ohne eine Zeitbestimmung gesprochen wird, ist stets damit in einer Stunde gemeint.
[44] In Deutschland arbeitet unseres Wissens nur ein Exemplar in der Viewegschen Buchdruckerei in Braunschweig.
[45] Journ. f. B. 1860, Nr. 30.
[46] R. Hoe & Co., The typographical Messenger, 1869.
[47] Diese Bezeichnung wurde halb im Scherz von den „Annalen der Typographie“ gebraucht und dann von Anderen acceptiert. „Rotationsmaschine“ ohne nähere Bezeichnung deckt den Begriff der „Endlosen“ nicht genau.
[48] Eine Reihe von Artikeln, welche die englischen und amerikanischen Endlosen beschreiben und abbilden, sind separat erschienen als: J. F. Wilson, Typographic Printing Machine and Machine Printing. London 1871.
[49] Ann. d. Typ. 1. Bd. Nr. 32; V. Bd. Nr. 235.
[50] Fr. Noble, The principles and practice of colour printing. London 1881.
[51] Tapley. Leming Ray & Lynede in Manchester. L. Poirier & G. Legrand in Paris. A. Fichtner (für Haufler & Schmuterer) in Wien.
[52] Wer die unendlich vielen Gegenstände, welche ein solches Geschäft verhandelt, näher durch Beschreibung und Abbildungen kennen lernen will, dem ist eine Reihe von Artikeln im Journ. f. B. 1867, Nr. 31, 32, 36, 37 zu empfehlen. Nicht weniger Interesse bieten die grossen illustrierten Kataloge, die fast alle bedeutenden Utensilienhandlungen herausgeben.
III. KAPITEL.
DIE TYPOGRAPHIE UND DAS BUCHGEWERBE ENGLANDS.
England. Aufblühen der Typographie: J. Baskerville, Bowyer Vater und Sohn, J. Nichols, Miller-Ritchie, W. Bulmer, Th. Bensley, Hansard Vater und Sohn. Die Xylographie: Thom. Bewick. Der Farbendruck: G. Baxter, W. Savage, W. Congreve. Oxford, Cambridge, Edinburgh u. a. Die Zeitungspresse: Die Times und die Familie Walter; Stempel; Telegraphischer Verkehr; Inseratenwesen; Statistisches. Der Accidenzdruck. Der Buchhandel: die illustrierten Blätter, Ch. Knight. Der Bibeldruck. Die Bibliophilie: Lord Spencer, T. F. Dibdin. Die Buchbinderkunst.
Asien: Indien, China, Japan, der Indische Archipel. — Australien, die Südseeinseln. — Afrika.
John Baskerville * 1706, † 8. Jan. 1775.
ALS der eigentliche Schöpfer der neueren englischen Typographie gilt John Baskerville, 1706 in Wolverley in Worcestershire geboren. Im Jahre 1726 leitete er eine Schreibschule in Birmingham; 1745 übernahm er ein Lackiergeschäft, durch welches er viel Geld verdiente. Seine Neigung war jedoch der Buchdruckerei zugewandt. Von der Universität Cambridge erhielt er die Erlaubnis, eine Bibel in Folio und zwei Ausgaben des Common Prayer Book zu drucken, gegen Zahlung einer Abgabe an die Universität von 20 resp 12 £ Sterl. für je 1000 Exemplare und an die Stationers Company weitere 12 £ Sterl. für die Erlaubnis, seinen Ausgaben die Psalmen anzufügen. Zu seinen berühmtesten Druckwerken gehören die Ausgaben des Virgil in 4° und in 12°, sowie sein Horaz von 1762. Baskerville wendete seinen Arbeiten eine unausgesetzte Aufmerksamkeit zu. Er bereitete selbst seine Farben und baute selbst seine Pressen. Namentlich waren seine schönen Buchschriften, ganz besonders seine Cursivschriften, berühmt. Auch dem Papier und dessen Behandlung widmete er die grösste Sorgfalt, die gedruckten Bogen wurden einzeln zwischen zwei erwärmten Kupferplatten gepresst. Jetzt ist jedoch das Aussehen seiner Drucke keineswegs schön, mutmasslich hat unrichtige Behandlung bei der warmen Pressung nachteiligen Einfluss auf das Papier geübt.
Trotz aller Liebe zur Kunst wurde doch Baskerville derselben müde und erklärte, er bereue es bitter, je ihre Ausübung angefangen zu haben. Seinem letzten Willen gemäss wurde er in seinem Grundstück in ungeweihter Erde unter einer Windmühle begraben.
Nachkommen hinterliess Baskerville nicht. Seine Witwe hörte schon 1775 zu drucken auf, setzte aber die Schriftgiesserei noch bis 1777 fort. So viele Vorzüge auch Baskervilles Schriften besassen, so fanden sie doch nicht allgemeinen Beifall bei dem englischen Publikum, das den Schriften Caslons und Jacksons den Vorzug gab. Sie lagen nun als tote Masse da, bis der bekannte Beaumarchais in Paris sie im Jahre 1779 um den Preis von 3700 £ Sterl. kaufte; die Universität Cambridge hatte die angebotene Erwerbung abgelehnt.
W. Bowyer d. ä. * 1663, † 1737.
Ein grosses Ansehen als einer der gelehrtesten, tüchtigsten und bravsten Buchdrucker erwarb sich William Bowyer d. j. Bereits sein Vater Will. Bowyer d. ä. besass einen höchst geachteten Namen. Er hatte 1686 ein Verlagsgeschäft, 1699 eine Buchdruckerei begründet. Wie gross die Achtung war, die er genoss, zeigte sich, als sein Geschäft in der Nacht vom 29. zum 30. Januar 1712 vollständig durch Feuer zerstört wurde. Durch rasche Subskription deckten Freunde und Konkurrenten mehr als die Hälfte des ihm entstandenen Schadens von 5000 £ Sterl.
W. Bowyer d. j. * 19. Dez. 1699, † 18. Nov. 1777.
Der Sohn William Bowyer d. j. studierte in Cambridge, wo er von 1716–1722 mit litterarischen Arbeiten und Korrekturen wissenschaftlicher Werke beschäftigt war. Dann trat er in das Geschäft des Vaters und fuhr fort, den mehr litterarischen Teil desselben zu besorgen, worin ihn seine zweite Frau, Elizabeth Bill, vortrefflich unterstützte. 1729 wurden Bowyer die Arbeiten des Unterhauses übertragen, die er fast 50 Jahre lang lieferte[53].
John Nichols * 15. Juli 1779, † 26. Mai 1826.
Im Jahre 1766 hatte Bowyer John Nichols zum Teilhaber genommen. Dieser hatte bei Bowyer gelernt und sich so gut betragen, dass Bowyer die Hälfte des Lehrgeldes an den Vater Nichols' zurückzahlte. Aus dem Lehrherrn und dem Lehrling wurden Freunde und Associés. Nach Bowyers Tod behielt Nichols das Geschäft allein. Er war nicht nur Erbe der Tüchtigkeit und Gelehrsamkeit seiner Vorgänger, sondern auch von deren Unglück, denn am 8. Februar 1808 war wieder das Feuer Verheerer alles dessen, was seit fast hundert Jahren, seit dem ersten Brande, an Verlag, seltenen Büchern, Druckmaterial u. s. w. gesammelt war. Nichols war jedoch nicht der Mann, den Mut zu verlieren. Mit seinem Sohne und Associé, der den Zunamen Bowyer angenommen hatte, richtete er alles aufs neue ein. 1804 war er Vorsteher der Stationers Company geworden und hatte damit das Ziel seines geschäftlichen Ehrgeizes erreicht. Seit 1806 beschäftigte er sich zumeist mit litterarischen Arbeiten.
Will. Strahan * 1715.
William Strahan kaufte einen Teil des Patentes eines königlichen Buchdruckers, erwarb für so hohe Honorare, wie sie selten bezahlt worden waren, die Verlagsrechte von Arbeiten der hervorragendsten Autoren seiner Zeit und ward 1774 Vorsitzender der Stationers Company. Er stand zu einer Reihe von bedeutenden Persönlichkeiten in naher Beziehung, unter anderen zu Franklin, mit Andr. Strahan † 1831.
Thom. Spilburydem er in London zusammen gearbeitet hatte. Noch in einem seiner letzten Briefe an Strahan bespricht Franklin in von der Buchdruckerkunst entlehnten Allegorien und Ausdrücken scherzhaft die Politik. Der Sohn Andrew Strahan trat in die Fussstapfen des Vaters und fand in Thomas Spilbury einen würdigen Nachfolger, der französische Klassiker mit solcher Korrektheit druckte, dass sie selbst in Frankreich den französischen Ausgaben vorgezogen wurden.
Miller Ritchie † 28. Nov. 1828.
Die Vervollkommnung des Werkdruckes, in welchem die Engländer so bedeutendes geleistet haben, hat man wesentlich Miller Ritchie, einem geborenen Schottländer, zu verdanken. Er begann seine Laufbahn 1785 mit einer Royal-Oktav-Ausgabe der englischen Klassiker, für welche zum erstenmale das gelblich gerippte Papier Whatmans benutzt wurde. Eine Quartbibel in zwei Bänden folgte. Wie Baskerville hatte er schwer mit dem alten Schlendrian der Arbeiter zu kämpfen und oft musste er zu den Druckerballen greifen, wenn er einen ihn befriedigenden Druck haben wollte[54]. Er fand jedoch zwei mächtige Bundesgenossen für seine Bestrebungen in dem Papierfabrikanten Whatman und dem Farbefabrikanten Blackwell, wie überhaupt das vortreffliche Papier und die gute englische Farbe ausserordentlich viel zu dem Übergewicht englischer Werkdrucke beigetragen haben. Trotz seiner Tüchtigkeit, oder vielleicht eben weil er die Vorzüglichkeit der Arbeit höher stellte als den Gewinn, konnte Miller Ritchie keine unabhängige Stellung behaupten.
Will. Bulmer * 1754, † 1830.
Als ein würdiger, zugleich glücklicherer Nachfolger in denselben Bestrebungen muss William Bulmer genannt werden, dessen Name mit dem Schönsten und Korrektesten verbunden ist, was die Buchdruckerkunst Englands, die durch ihn auf die höchste Stufe der Vollendung gebracht wurde, aufzuweisen hat. Bulmer, in Newcastle geboren, wurde während seiner Lehre dort mit dem später so berühmten Holzschneider Thomas Bewick, für den er die Probedrucke besorgte, bekannt und brachte ihn auf den Gedanken, die Holzschnitte abzuflachen, so dass die leichteren und verschwindenden Stellen tiefer zu liegen kamen, wodurch der Abdruck eines Holzschnittes, selbst ohne jede Zurichtung, sich in den richtigen Abstufungen der Farbentöne zeigt. Durch einen Zufall kam er in Verbindung mit dem Buchhändler George Nicol, der eine grosse Prachtausgabe von Shakespeares Werken vorbereitete, die in artistisch-typographischer Hinsicht alles übertreffen sollte, was bis dahin geliefert war. Das Werk, 9 Bände Folio und ein Band Kupfer (1794–1801), wurde in Bulmers Offizin, genannt Shakespeare-Press, gedruckt mit Schriften, die von William Martin in Birmingham geschnitten waren. Der Druck des Werkes, das im Jahre 1794 begonnen wurde und allein wohl mehr Bogen enthielt, als alle Bodonischen Prachtausgaben zusammen, ist von unübertroffener Gleichmässigkeit; der letzte Bogen sieht genau aus wie der erste. Neben diesem Werk ist die grosse Ausgabe von Milton, 3 Bände Folio, zu erwähnen, die typographisch vielleicht noch höher als die von Shakespeare steht; dann die Ausgabe von Goldsmith und Parnell. 1798–1803 wurde das prachtvolle Museum Worsleyanum, zwei Bände Folio, gedruckt, auf welches Richard Worsley 27000 £ Sterl. verausgabte und das nie in den Handel kam. Aus der Reihe der grossartigen Druckwerke Bulmers nennen wir noch Dibdins Typographical Antiquities und die Bibliotheca Spenceriana, wohl das brillanteste bibliographische Werk, das existiert. Ein Meisterstück der Bulmerschen Pressen ist ferner Dibdins Bibliographical Decameron mit einer grossen Anzahl von Vignetten. Er druckte auch 1808 Wilkins Sanskrit Grammar, ein Quartband von 662 Seiten in prachtvoller Ausstattung. 1819 zog er sich ganz vom Geschäft zurück, das auf Will. Nicol, den Sohn seines Freundes, überging. Auch Bulmer wurde vortrefflich durch Whatman und ausserdem durch den Holzschneider Bewick unterstützt. Als der bedeutendste Drucker und Mitarbeiter Bulmers wird Daniel Grimsshaw genannt. Ein Hauptstreben Bulmers war auf eine vorzügliche Farbe gerichtet. Diese lieferte erst Rob. Martin in Newcastle; bei der Unmöglichkeit für diesen, Bulmers Bedarf zu decken, fand letzterer sich veranlasst, selbst die nötigen Einrichtungen zur Gewinnung eines zufriedenstellenden Fabrikates zu treffen.
Th. Bensley und andere.
Ein Rival Bulmers, dessen Verhältnis zu König und Bauer schon erwähnt wurde, war Thomas Bensley. Als jener seinen Shakespeare druckte, folgte Bensley mit seiner prachtvollen Bibel von Maclin in sieben Bänden in Quarto. Ganz vorzüglich war auch die Ausgabe von Thomsons Jahreszeiten.
Ch. Whitaker.
Schöne Drucke lieferte im Beginn dieses Jahrhunderts auch Charles Whitaker. Seine Ausgabe der Magna Charta, ganz in Golddruck von hervorragender Schönheit mit illuminierten Initialen, ist eine grosse Seltenheit. Seinen Golddruck behandelte er als Geheimnis und schlug das Anerbieten der Gesellschaft zur Förderung der Kunst ab, das Verfahren gegen eine öffentliche Belohnung bekannt zu geben.
Zu den schönsten englischen Presserzeugnissen gehört das Gedicht The Press, von dem Buchdrucker John M'Creery im Jahre 1803 gedichtet und gedruckt, und von Holl illustriert.
Ch. Whittingham * 16. Juni 1767.
Charles Whittingham war in Calledon bei Coventry geboren. Im Jahre 1792 etablierte er sich in London, wo er bis 1811 viele schöne Werke für Londoner Verleger druckte. Er war einer der ersten, welche die Zurichtung der Holzschnitte zur Vollkommenheit brachten. Im Jahre 1811 überliess er seinem Teilnehmer Rowland die Leitung des Londoner Geschäfts und zog nach Chiswick. Aus seiner Chiswick-Press ging unter anderen bedeutenden Werken in den Jahren 1819–1822 eine vortreffliche, nur in 500 Exemplaren gedruckte und auf einmal herausgegebene Oktav-Ausgabe der englischen Dichter in 100 Bänden hervor. Das Geschäft ging auf Whittingham II. * 30. Okt. 1795.den Neffen Charles Whittingham über, der jedoch daneben eine von ihm selbst begründete Offizin in London hatte, wo er, mit Peels Werken beginnend, eine Reihe von schönen Ausgaben für Will. Pickering bis zu dessen 1854 erfolgtem Tode druckte. Sein Sohn Ch. John Whittingham starb am 21. April 1876.
Luke Hansard * 5. Juli 1752, † 28. Okt. 1828.
Berühmt wurden auch Hansard Vater und Sohn. Ersterer, Luke Hansard, ist namentlich als Parlamentsdrucker bekannt. Er lernte in seiner Vaterstadt Norwich und arbeitete später in dem Geschäft des Parlamentsdruckers John Hughs. Hansard wurde erst Dirigent der Buchdruckerei, dann Teilhaber und im Jahre 1800 Alleinbesitzer. Sein Ruf wurde durch die ungewöhnliche Promptheit, mit welcher er stets die Regierungsarbeiten ausführte, fest begründet. Freilich war es auch lohnend, für die Regierung zu arbeiten. Die Rechnungen Hansards d. j. betrugen 1829 125772 £ Sterl.; in dem Jahre 1830 wurde für 86217 £ Sterl. gedruckt. 1831 machten die Parlamentsakten 120 Foliobände aus[55]. Luke Hansard starb, 77 Jahre alt, im Besitz des allgemein verbreiteten Rufes, ein seltener Mensch gewesen zu sein[56].
Th. C. Hansard * 6. Nov. 1776, † 14. Mai 1833.
Thomas Curson Hansard, der Sohn und Nachfolger Lukes, ist namentlich bekannt als Verfasser der Typographia, des renommiertesten englischen Handbuches der Geschichte und Technik der Buchdruckerkunst, welches eine Menge schätzbares Material enthält, dessen bessere Sichtung und Durcharbeitung jedoch sehr zu wünschen gewesen wäre.
Xylographie.
Gleichzeitig mit der Wiedergeburt der Typographie erhob sich auch die Xylographie aus dem Elend, in welches sie versunken war, eine Renaissance, die wir ebenfalls einem Engländer verdanken, was um so mehr überrascht, als England zu einer Zeit, wo diese Kunst in Deutschland, Frankreich und Italien blühte, noch gar keine Holzschneidekünstler aufzuweisen gehabt hatte. Auf welcher Stufe der Unbedeutendheit die Xylographie sich befand, geht daraus hervor, dass zu Anfang des XIX. Jahrhunderts London nur zwölf Holzschneider zählte. Man kann sonach, was England betrifft, fast richtiger von einer Geburt als von der Wiedergeburt der Kunst durch Thomas Bewick reden.
Th. Bewick * 12. Aug. 1753, † 8. März 1828.
Die ersten Übungen seines Zeichnertalentes bestanden in dem mit Kreide Bemalen fast aller Häuser in Cherry-Burn, seinem Geburtsorte. Mit dem 14. Jahre kam er in die Lehre bei einem tüchtigen Graveur in Newcastle: Ralph Beilby.
Als ein Gelehrter, Dr. Hutton, ein grosses Werk über die Messkunst herausgab, riet ihm Beilby, statt Kupferplatten Holzschnitte für die Illustrationen zu wählen. Hutton ging auf diesen Gedanken ein und die Ausführung der Holzschnitte wurde Bewick anvertraut, der sich seiner Aufgabe so geschickt entledigte, dass ihn Beilby aufmunterte, seine gesamten Kräfte dieser vernachlässigten Kunst zu widmen. Nachdem er sich eine zeitlang in London und in Schottland aufgehalten hatte, kehrte er nach Newcastle zurück und wurde in dem Geschäft seines Lehrers Teilhaber. Er bildete nun auch seinen Bruder John für die Kunst aus. Eine Ausgabe von Gays Fabeln gab den Brüdern Gelegenheit, ihr Talent in einer höheren Kunstrichtung zu zeigen. Ein Holzschnitt „Der alte Hund“ erhielt im Jahre 1775 die von der Gesellschaft der Kunst ausgesetzte Prämie für den besten Holzschnitt. Die „Geschichte der Vierfüssler“ erschien 1790; das berühmte Werk „Die Geschichte der englischen Vögel“ folgte 1797. Kühnheit der Zeichnung, Lebendigkeit und Naturtreue in den Stellungen, Korrektheit und Unterscheidung des Charakters, der Lebensweise und der Bewegung in allen Figuren sind Vorzüge der Holzschnitte Bewicks. Der Bruder John starb bereits am 21. Oktober 1795 in seinem 25. Jahre. Er kam seinem Bruder an Talent gleich, lebte aber nicht lange genug, um einen solchen Ruf wie dieser zu erlangen. Die Holzschnitte des Thomas Bewick sind zum grossen Teil in einem im Jahre 1870 erschienenen Album vereinigt[57].
Seit Bewicks Zeit hat England eine sehr grosse Zahl tüchtiger Xylographen aufzuweisen, und es gab eine Zeit, wo die englischen Holzschneider auch auf dem Kontinent massgebend waren.
Der Farbendruck.
W. Savage.
Wie England sich in der neueren Xylographie als bahnbrechend zeigte, so auch in dem Farbendruck. Zuerst ist William Savage zu nennen, geboren zu Houdon in Yorkshire, wo er sich auch mit seinem Bruder James 1790 als Drucker und Buchhändler etablierte. William ging 1797 nach London, und wurde dort vorzüglicher Drucker und Verfasser der epochemachenden: Hints on decorative Printing in zwei Teilen (1819–1832). 1840 folgte sein bekanntes Werk Dictionary of the Art of Printing. Übertroffen wurde er von George Baxter.George Baxter, der seine ersten Versuche 1835 machte und Patent auf den Druck von Bildern mit Ölfarben nahm. Baxter druckte den Untergrund und die Umrisse mit Stahlplatten, dann die einzelnen Farben von Holzstöcken, deren Zahl mitunter zwanzig überstieg. Seine besten Arbeiten finden sich in seinem Pictorial-Album, das 1837 bei Chapman & Hall erschien. In Landschaften ist er nicht übertroffen worden. Von einem kleinen Blatt „Die Dreieinigkeit“ nach Rafael wurden über 700000 Exemplare verkauft.
Will. Congreve * 1772.
Eine weitere Art des Farbendruckes, welche eine zeitlang eine bedeutende Rolle spielte, ist diejenige von dem, auch durch seine Tod und Verderben schleudernden Raketen bekannten Sir William Congreve erfundene. Congreve war Zeuge von dem mühsamen zweifarbigen Druck in der Applegathschen Buchdruckerei gewesen, und da die englische Regierung einen Preis auf die Herstellung unnachahmlicher Banknoten gesetzt hatte, richtete er alle seine Gedanken auf diesen Punkt. Er erhielt ein vierzehnjähriges Patent auf eine von Donkin für ihn gebaute Maschine. Das Prinzip des Congreveschen Druckes beruht darauf, die verschiedenen Teile einer Metallplatte, insoweit diese mit einer und derselben Farbe gedruckt werden sollen, knapp aus der Platte herauszusägen, so dass sie, wieder in einander gefügt, ein Ganzes bilden. Nach einander werden die Teile, welche eine und dieselbe Farbe bekommen sollen, durch Unterlagen hochgestellt und eingefärbt, bis schliesslich das Ganze, welches nach Entfernung aller Unterlagen eine glatte Oberfläche bildet, mit einem Zug des Bengels abgedruckt werden kann. Im Verein mit einem Buchdrucker Whiting legte Congreve eine Buchdruckerei an, die sich hauptsächlich mit Druck von Etiquetten u. dgl. beschäftigte. Durch die Fortschritte der Lithographie und die Erfindung der Mehrfarbenmaschinen ist Congreves Methode so gut wie verdrängt. Die Engländer nennen sie Compound Printing, die Bezeichnung „Congreve-Druck“ rührt von Ed. Hänel her, der das Verfahren nach Deutschland brachte.
Ausser London haben als Druckorte in England nur Oxford und Cambridge, in Schottland Edinburgh eine grössere Bedeutung.
Oxford.
Von den Buchdruckereien der beiden englischen Universitäten nimmt die in Oxford den bei weitem wichtigeren Platz ein. Nachdem sie von 1669–1713 in dem Sheldonian Theater installiert gewesen war, wurde sie in den Clarendonbau übergeführt und blieb dort, bis sie 1830 die schöne und geräumige Lokalität bezog, die sie jetzt noch innehat. Bei der Abgesondertheit von dem grossen Verkehr war es notwendig, alle Branchen, sogar Farbe- und Walzenfabrikation, zu vereinigen. Gebunden wurden die Bücher in der Universitätsbuchbinderei in London. Das Papier lieferte eine der Universität gehörende Fabrik in Wolvercote. Eine besonders gepflegte Spezialität war neben dem Bibeldruck die Herstellung orientalischer Werke. Die Druckerei erhielt seit der Clarendonschen Stiftung noch öfters wertvolle Dotationen, so z. B. 1785 eine von Lord Godolphin im Betrag von 5000 £ Sterl.
Cambridge.
Die Universitätsdruckerei in Cambridge, Pitt-Press genannt, befindet sich seit 1834, gerade drei Jahrhunderte nach ihrer Begründung, in einem neuen, im Stil des XV. Jahrhunderts, erbauten kirchenähnlichen Gebäude, das 1860 erweitert wurde. Die Kosten wurden zumteil aus den Überschüssen des zu einem Denkmal für William Pitt gesammelten Fonds bestritten. Die Offizin kann sich an Bedeutung für die Wissenschaft zwar nicht mit der Clarendon-Press in Oxford messen, hat jedoch in neuerer Zeit einen raschen Aufschwung genommen, welcher namentlich C. J. Clay, seit 1856 Direktor und Teilnehmer sowohl des Cambridger als des Londoner Geschäfts der Universität, zuzuschreiben ist.
Edinburgh.
In Edinburgh, dem „Neuen Athen“, herrschte zu Beginn des laufenden Jahrhunderts ein sehr bewegtes litterarisches und typographisch-bibliopolisches Leben.
James Balantyne * 1772, † 16. Juni 1821
Der bekannteste Buchdrucker war dort James Balantyne[58]. Nachdem er der Jurisprudenz, seinem vorherigen Berufe, Lebewohl gesagt hatte, etablierte er in seiner Vaterstadt Kelso eine Buchdruckerei. Ein Zufall brachte ihn auf einer Reise mit seinem früheren Schulkameraden Walter Scott zusammen, woraus eine, für beide erst glänzende, dann verhängnisvolle Geschäfts-Verbindung entstand. Die von Balantyne gedruckte Ausgabe der Balladen Walter Scotts erregte durch ihre schöne Ausstattung solche Aufmerksamkeit, dass man Balantyne veranlasste, nach Edinburgh überzusiedeln. Seine Offizin nannte er The Border-Press, nach dem Werke Scotts Minstrelsy of the Scottish Border. Bis 1826 druckte er nun alle Werke Walter Scotts, der Teilhaber der Druckerei und des wöchentlich erscheinenden Edinburgh Journal wurde. Walter Scott sowohl als sein Drucker erlitten — wie es kam, ist nicht ganz aufgeklärt — einen gemeinschaftlichen finanziellen Ruin. Thatsache ist, dass ihre Freundschaft diesen überlebte. Balantyne war auch ein von Walter Scott gern gehörter Kritiker, der mit grosser Sorgfalt und vielem Verständnis die manchmal flüchtigen Manuskripte des Dichters verbesserte.
Die letzte Veranlassung zu der erwähnten Katastrophe gab der plötzliche Fall des Verlegers Walter Scotts Archibald Constable, der zugleich Verleger der Encyclopaedia Britannica geworden und 1802 das Edinburgh Review begründet hatte, welche Werke später alle auf A. Ch. Black übergingen.
A. Black * 1784.
Der Begründer dieser Firma war Adam Black im Verein mit seinem Neffen Charles Black. Das Edinburgh Review erwarben sie 1826 gemeinschaftlich mit Th. N. Longman, allein kauften sie die Encyclopaedia Britannica, die eine glänzende Aufnahme fand. Die Kosten der 1842 beendigten siebenten Auflage, 21 Bände in Quarto, betrugen über 2½ Millionen Mark; 1851 wurden Blacks Besitzer des Verlagsrechtes auf Scotts Romane.
Ebenfalls einen bedeutenden Ruf hatten die Firmen W. Blackwood & Sons und R. & W. Chambers.
Blackwood d. ä. * 20. Dez. 1776, † 16. Sept. 1834.
Blackwood d. j. * 7. Dez. 1818, † 29. Okt. 1879.
Erstere wurde von William Blackwood 1804 begründet. Blackwood trieb erst Antiquariatsgeschäfte; 1811 fing er an zu verlegen. Das 1817 begonnene Edinburgh Monthly Magazine wollte nicht „ziehen“. Nach sechs Nummern erschien als Nr. 7 Blackwoods Magazine, das sofort Beifall fand. 1827 wurde die Edinburgh Cyclopaedia in 18 Bänden vollendet. Der Sohn Will. Blackwood, der von 1840–1845 das Londoner Geschäft der Firma verwaltet hatte, dann aber nach Edinburgh gezogen war, redigierte das Magazin bis zu seinem Tode mit der äussersten Sorgfalt[59].
W. Chambers * 1800.
Rob. Chambers * 4. Febr. 1802, † 17. Mai 1871.
Vor etwa sechzig Jahren gründeten die Brüder William und Robert Chambers erst eine Buchhandlung und dann eine Buchdruckerei mit einem Kapital von 3 £ Sterl., einem halben Zentner Schrift und einer elenden Holzpresse in der Absicht, gute und billige Bücher zu drucken. Tüchtigkeit und Energie brachten das Geschäft rasch in die Höhe. Am 4. Februar 1832 wurde das heute noch blühende Chambers Edinburgh Journal, das sofort 50000 Abnehmer fand, und 1845 deren 90000 zählte, gegründet. Dieses Journal, das vier Wochen vor dem Penny Magazine begann, hat sehr viel zu der Bildung des englischen Publikums beigetragen. 1844 begann Rob. Chambers ein höchst verdienstliches Werk: Cyclopaedia of English Litterature, enthaltend Biographien und kritische Charakteristiken von 832 Autoren nebst Proben ihrer Werke. 130000 Exemplare davon wurden in England verbreitet, eine nicht geringere Anzahl in Amerika[60].
Buchdrucker in der Provinz.
Von den bedeutenden Buchdruckern Edinburghs in neuester Zeit nennen wir Nelson & Co. mit ihrer grossen, sehr praktisch eingerichteten Offizin und W. C. Blackie & Co., namentlich in Accidenzien bedeutend. Unter den Buchdruckern der Provinz zeichnet sich Stephan Austin in Hereford durch seine schönen orientalischen Drucke aus. John Heywood in Manchester besitzt vier Etablissements von grösster Ausdehnung, namentlich für die Stationery. Durch ein kleines Werkchen: The bona fide Pocket Dictionary hat sich John Bellow in Gloucester einen Namen unter den Meistern aller Zeiten erworben. Die zu dem Büchlein verwendete Schrift, nur 3⅜ typographische Punkte gross, schnitten Millar & Richard in Edinburgh und London.
Die Zeitungspresse.
Am staunenswertesten ist die Entwickelung, welche die Zeitungspresse trotz des erschwerenden Zeitungsstempels nahm. 1761 wurde letzterer auf einen Penny, 1776 auf anderthalb, 1789 auf zwei Pence festgestellt; 1794 musste der ganze Bogen drittehalb, 1799 viertehalb, schliesslich gar vier Pence zahlen. Im Jahre 1833 brachte diese Steuer dem Staate gegen 10½ Millionen Mark ein, zu welchen die Times allein zeitweilig über zwei beizutragen hatten. Für jedes Inserat musste 3 sh 6 d Abgabe gezahlt werden, infolge dessen die kleinste Bekanntmachung mit 7 sh berechnet wurde. Jede Zeitungsnummer kostete gewöhnlich 7 Pence.
Die Times.
Es ist nicht hier die Aufgabe, die Entwickelung des Zeitungswesens Schritt für Schritt zu verfolgen, geboten scheint es jedoch, in einem Handbuch der Buchdruckerkunst wenigstens der historisch gewordenen Offizin der Times, welche für alle folgenden grossartigen Zeitungsoffizinen als Muster galt, einige Worte zu widmen, um so mehr, als die Besitzer immer voran waren, wenn es galt, neue Erfindungen zu benutzen oder selbst die Initiative zu solchen zu ergreifen.
John Walter d. ä.
Der Begründer der Times, John Walter d. ä., war ein bedeutender Kohlenhändler. Als er sich vom Geschäft zurückgezogen hatte, verlor er als Beteiligter bei Schiffsassekuranzen sein ganzes Vermögen, nicht aber den Ruf eines braven und redlichen Mannes. Zum Glück für den Journalismus wurde durch einen Ministerwechsel seine Hoffnung auf eine Staatsanstellung zunichte. Damals führte ihn der Zufall mit einem Setzer Henry Johnson, einem Schwärmer für ein ihm patentiertes Logotypsystem, zusammen. Walter erwarb dessen Patent, modifizierte das System jedoch so wesentlich, dass man es wohl als „System Walter“ bezeichnen kann. Die Typen wurden wie andere, jedoch etwas niedriger als üblich, gegossen, durch Untergiessen von Metall verbunden und auf die richtige Höhe gebracht. Walter etablierte sich nun als Logographic Printer und wurde von Benjamin Franklin und Sir Josuah Banks, Präsident der Gesellschaft der Wissenschaften, aufgemuntert. Er selbst nährte die ausschweifendsten Hoffnungen in betreff der Erfolge und teilte die Menschheit in zwei Klassen, Freunde und Feinde der Logotypen. In jedem, der Zweifel an seinem System hegte, erblickte er einen persönlichen Feind, so in dem bisher mit ihm eng befreundeten Schriftgiesser Caslon und dem berühmten Buchdrucker John Nicol. Der gekränkte Walter wollte, nachdem er es bereits mit einem Büchlein: Gabriel, the Outcast, versucht hatte, nun auch der Welt zeigen, dass man Zeitungen mit Logotypen zweckmässig herstellen könne. Am 1. Januar 1785 erschien Nr. 1 des Daily Universal Register. Es fand jedoch keinen grossen Beifall und mit dem 1. Januar 1788 wurde der Titel in Times umgeändert, deren erste Nummer jedoch in der angefangenen Reihenfolge weiter als Nr. 940 erschien.
So war der Anfang der Times, die später zwar den Besitzern reichen Segen, anfänglich jedoch schwere Sorgen brachten. Das Logotypsystem wurde von Walter selbst als unpraktisch über Bord geworfen.
John Walter II.
Dem alten Walter folgte der Sohn John Walter ii. Denselben klaren Blick, welcher ihn sofort sich der Erfindung Friedr. Königs bemächtigen liess, zeigte er auch in allen anderen Verhältnissen. Es giebt Zeitungen mit einer weit grösseren Auflage, als die Times sie je gehabt, aber kein Blatt hat je eine bedeutsamere Stellung eingenommen. Sie wurden eine förmliche Macht, auf deren Stimmabgabe Behörden, Richter, die Vertreter des Handels und der Industrie spannten und mit der Regierungen wie mit einer gleichberechtigten unterhandelten. Jeder Engländer betrachtete dieses Institut wie einen Teil seines eigenen Ichs und eine Schädigung desselben wie eine ihm selbst zugefügte. Kein Fremder, der nach London kam, vergass, wenn er die Erlaubnis zu einem Besuch in der Offizin im Printinghouse-Square erhielt, einen solchen abzustatten.
Die neue Times-Druckerei.
Doch diese historisch berühmten Räume wurden dem Blatt nach und nach zu eng und mussten durch Neubauten ersetzt werden. Die Hauptfaçade derselben, in einer Länge von 100 englischen Fuss und einer Höhe von 60 Fuss, die für den breiten Giebelteil auf 80 Fuss steigt, liegt nach der Victoriastrasse. Das Kellergeschoss bildet einen grossen, 16 Fuss hohen Raum und ist ausschliesslich dem Bau der „Waltermaschine“ gewidmet. Das Gebäude, von roten und gelben polierten Ziegeln aufgeführt, enthält ausserdem noch ein Parterre und vier Stockwerke; jede Etage hat neun halbbogenförmige Fenster. Der Eingang, architektonisch reich geschmückt, in gehauenen Steinen ausgeführt und mit Bogen, die auf polierten Granitsäulen ruhen, befindet sich an dem westlichen Ende. Ein vier Fuss hoher Karnies aus gehauenen Steinen wird durch den Giebelbau, der fast zweidrittel der Länge einnimmt, unterbrochen. Als Ausschmückung sind auf diesem drei grosse offene Bücher, von reichem Eichenlaub mit Eicheln umgeben, angebracht. Auf dem mittelsten derselben ist mit grossen schwarzen Buchstaben zu lesen: Times; auf dem links: Past Times; auf dem rechts: Future.
Die Times haben direkte Drähte von Wien, Berlin und Paris. Mit den Sälen der Parlamentshäuser stehen sie durch telephonische Leitung in Verbindung. Das Endstück in der Offizin ist mit zwei Tuben versehen, welche an den Ohren des an der Kastenbeinschen Setzmaschine arbeitenden Setzers angebracht sind. Der Reporter spricht ihm die Verhandlungen zu, der Setzer spielt sie auf seinem Klavier ab, und der Satz ist fertig. Man hat dabei alle die Vorteile des mündlichen Verkehrs, um Nichtverstandenes zu wiederholen und Missverstandenes aufzuklären. Gegen die bisherige telegraphische Verständigung bietet die telephonische den Vorteil, dass die Wiedergabe der Berichte über die in der Nacht stattfindenden Parlaments-Debatten fast um eine Stunde weiter reichen kann, als früher der Fall war.
John Delane.
Von 1841–1879 leitete John Thaddeus Delane das Blatt als Hauptredacteur mit grossem Geschick und feinem Takt, ohne jedoch bei der Herausgabe litterarisch thätig einzugreifen. Wenn man die Times so oft als das „leitende Blatt“ bezeichnet, so ist dies insofern vielleicht nicht ganz korrekt, als sie nicht den Anspruch erheben, die öffentliche Meinung zu „machen“. Ihr Hauptverdienst ist, rasch und sicher zu fühlen, was die öffentliche Meinung will, und dies dann bestimmt auszusprechen, oft ehe sich das Publikum selbst darüber recht klar geworden ist. Ihre Ansichten gegen den Strom durchsetzen wollen die Times nicht, und deshalb sind oft Vorwürfe gegen dieselben erhoben worden, als hätten sie einen nachteiligen Einfluss auf den englischen Volksgeist und die englische Politik geübt. Damit haben wir es jedoch hier nicht zu thun; als Institution des Buchgewerbes muss den Times unbedingte Bewunderung ausgesprochen werden und es mögen die von Sir Ed. Lytton Bulwer im Parlament gesprochenen Worte noch hier stehen: „Wenn ich in der Lage wäre, ein Denkmal unserer Civilisation der späteren Nachwelt hinterlassen zu müssen, so würde ich nicht in erster Reihe unsere Docks, unsere Eisenbahnen, nicht unsere öffentlichen Gebäude, selbst nicht den Prachtbau, in welchem wir tagen; ich würde einen Band der Times wählen“. John Walter II. speziell muss jeder Deutsche seine Achtung zollen wegen der Art und Weise, wie er für Friedr. König eintrat. Ohne den festen Rückhalt, den letzterer an Walter fand, wäre er wahrscheinlich, als ein zweiter Gutenberg, in den Händen kleinlicher Geldmenschen, verkümmert.
Das Fallen der Stempelsteuer.
Das Sinken der fesselnden Steuer auf Zeitungen ging rascher als das Steigen. 1851 war sie ganz abgeschafft, 1861 die Papiersteuer. Jetzt stand der Entwickelung einer wohlfeileren Zeitungspresse, dem sogenannten Monopol der Times gegenüber, nichts im Wege, und man verfehlte nicht, rasch von der Lage Gebrauch zu machen. Zwar fehlte es nicht an ängstlichen Gemütern, welche gerade in den Erleichterungen einen Ruin der „guten Presse“ und ein Heraufbeschwören der bösen Geister erblickten. Diese Stimmen sind durch die mit den Times um den Einfluss kämpfenden Penny-Blätter zum Schweigen gebracht und noch jetzt gelten die Worte Macaulays: „Während eines Zeitraums von 170 Jahren ist die Freiheit unserer Presse immer vollständiger geworden und während dieser 170 Jahre ist die Beschränkung, welche das allgemeine Urteil der Leser den Schriftstellern auferlegt, immer strenger geworden. Noch heutzutage sind Fremde vollständig ausser Stande, zu begreifen, wie es geschehen kann, dass die freieste Presse in Europa zugleich die rücksichtsvollste ist.“
Statistik der Zeitungspresse.
Was die Zahl der Organe betrifft, steht die englische Zeitungspresse nicht nur weit hinter Amerika, sondern selbst gegen Deutschland und Frankreich zurück, ihre Macht ist jedoch nicht in der Zahl, sondern in dem Umfang, der Reichhaltigkeit und der starken Verbreitung der Zeitungen zu suchen[61].
Im Jahre 1881 hatte Grossbritannien 1986 Zeitschriften, von welchen 378 in London, 1087 in der Provinz, 66 in Wales, 181 in Schottland, 181 in Irland und 20 auf den Kanalinseln erschienen. Unter diesen waren nur 153 Tagesblätter, von welchen 18 London, 94 der Provinz, 3 Wales, 21 Schottland, 16 Irland, 1 den Kanalinseln gehörten. 69 derselben kosteten nur 1/2 Penny, 70 1 Penny, die übrigen waren im Preise verschieden bis zu 3 Pence. Die Post allein versandte im Jahre 1880 131 Millionen Zeitungsblätter, was jedoch nur einen Bruchteil des Konsums, namentlich der Wochenblätter, repräsentiert. Der Daily Telegraph druckte eine amtlich beglaubigte Auflage von täglich 242215 Exemplaren im Durchschnitt; der Standard versandte 209555 Exemplare. Das macht für die zwei Blätter jährlich 135531000 Nummern, während die Gesamtzahl aller Tageszeitungen im Jahre 1851 nur 18 Millionen erreichte, zu welchen die Times allein etwa zweidrittel beitrugen. 1821 brachten es alle Zeitungen und Zeitschriften zusammen auf gegen 25 Millionen Nummern, heute beträgt die Jahressumme Einer Wochenschrift: Lloyds Weekly, bei einer Durchschnitts-Auflage von 612902 Exemplaren, 32 Millionen.
Und dabei, welchen Umfang haben die jetzigen Zeitungen! An einem aufs Geratewohl gewählten Tage, dem 13. Mai 1880, wiesen Times 120 ihrer Riesenspalten auf, davon 80 mit Anzeigen. Daily Telegraph hatte 96 Spalten, von welchen die Inserate 62 in Anspruch nahmen. Daily News und Standard brachten je 64 Spalten, erstere 36 Anzeigenspalten, letzterer 28. Eine Nummer eines Provinzialblattes, The Scottsman in Edinburgh, bestand aus 112 Spalten in Folio mit 33000 Zeilen und über 2 Millionen Buchstaben, etwa doppelt so viel, als ein dreibändiger Roman enthält.
Das Anzeigewesen ist sehr praktisch eingerichtet und man kennt in England nicht das Übermass von Accidenzschriften, Abbildungen u. dgl., von welchem der Inseratenteil der deutschen Zeitungen strotzt. Der Preis einer Inseratzeile ist gewöhnlich 1 sh.
Der telegraphische Verkehr.
Von enormer Bedeutung ist der telegraphische Verkehr der Zeitungen. Es gab eine Zeit, wo die Tagespresse sich rühmte, jetzt nur fünf Monate für die Herbeischaffung von Nachrichten aus Gegenden zu gebrauchen, wozu früher dreizehn Monate gehört hatten. Am 1. Oktober 1880 war 23 Minuten nach der Eröffnung der Welt-Ausstellung in Melbourne die Nachricht davon bereits von Reuters Bureau in London gedruckt ausgegeben, obwohl die Depesche fast durch ein Dutzend Linien hatte gehen müssen.
Im Jahre 1880 wurden 313500000 Wörter für die Zeitungen in England telegraphiert. In einer Nacht beförderte das Hauptamt in London oft 100000 Wörter, wobei der bedeutende Verkehr der Privatleitungen der Zeitungen nicht gerechnet ist.
Grosse Summen werden von englischen Blättern auch auf die Spezialkorrespondenten verwendet, die ebenfalls mit Telegrammen nicht sparsam sind. So erzählt man von einem Korrespondenten in Paris, dass er, um für eine zu erwartende wichtige Nachricht sich die Benutzung des Drahtes vorher zu sichern, stundenlang ganze Kapitel aus der Bibel telegraphiert habe.
Statistik der Buchdruckerei.
Die Anzahl der Buchdruckereien in Grossbritannien wird auf 4000 geschätzt. England besitzt eine verhältnismässig kleinere Zahl von Schnellpressen, was sich durch die grosse Leistungsfähigkeit der neuen Rotationsmaschinen erklärt. Rechnet man die graphischen Nebengeschäfte mit, so ist die Zahl der direkt und indirekt dem Pressgewerbe angehörenden eine enorme. London allein zählte im Jahre 1881 871 Druckereien, 60 Schriftgiessereien, Stereotyp- und galvanische Anstalten, 74 Maschinen- und Utensilien-Fabriken, 32 Farbe- und Walzenfabriken, 231 lithographische Anstalten, 80 Kupferdruckereien, gegen 2000 Papierhandlungen, 400 Buchbindereien, 850 Sortimentshandlungen, 460 Buch- und Musikalienverleger, 950 Zeitungshandlungen, 130 Inseratagenturen.
Da viele Geschäfte 300–1000 Personen beschäftigen, so ist das Heer der Arbeiter ein mächtiges. Im Jahr 1882 betrug die Zahl der Mitglieder des Londoner Setzer-Vereins 4960; die Einnahme war 10000 £ Sterl., das Einkommen der verschiedenen Gehülfen-Organisationen bezifferte sich im ganzen auf 257439 £ Sterl., die Fonds betrugen 272413 £ Sterl.
Die Frauen als Setzerinnen.
Die Versuche, Frauen als Setzerinnen auszubilden, haben keine bedeutenden Erfolge gehabt. Miss Emily Faithfull, die Gründerin der seit 1858 bestehenden „Victoria-Druckerei“, gab 1880 ihren Posten auf. Nur bei den Setzmaschinen finden Frauen in grösserer Zahl Beschäftigung.
Arbeitsweise.
In den grossen Buchdruckereien werden die Arbeiten in fabelhaft kurzen Fristen ausgeführt und das vorhandene Material ist ein enormes. Umfangreiche Werke in mehreren Bänden bleiben oft in Formen geschlossen stehen, bis über einen etwaigen Neudruck entschieden wird. Solche Arbeiten müssen selbstverständlich den Anforderungen entsprechend bezahlt werden, während gewöhnliche, die mit Musse betrieben werden können, billig zu haben sind. Hierbei zeigt sich so recht der geschäftliche Vorteil, der darin liegt, erstens nur eine Druckschrift nötig zu haben, und dann nicht von dem individuellen Geschmack eines jeden Bestellers abhängig zu sein, wie es in Deutschland der Fall ist, wo, abgesehen von Fraktur oder Antiqua, bald eine breite, dann eine schmale, bald eine runde, dann eine eckige Schrift verlangt wird, stets natürlich zugleich eine neue.
Für seine wirkliche Arbeit wird der englische Setzer gut bezahlt, den „Speck“ der deutschen Buchdruckereien kennt er nicht. Die Setzer teilen sich in Establishment hands (oder Stabhands), die den festen Stamm bilden und im festen Gelde arbeiten; Full framers, die nach Stück bezahlt werden und in der Regel auch tüchtige Arbeiter sind; Suppers, die nur volle Arbeit haben, wenn das Geschäft flott geht, denen jedoch ein Minimum garantiert wird; und Grasscutters, die täglich nachfragen, ob augenblicklich Arbeit vorhanden ist.
Die Lokale sind in der Regel nicht besonders bequem eingerichtet, weil der Raum ein sehr kostspieliger, so dass in dem von einer deutschen Buchdruckerei in Anspruch genommenen eine englische Druckerei des doppelten Umfanges Platz finden würde.
Die Accidenzarbeiten.
Eine enorme Quantität von Arbeiten zu einem Betrage von jährlich etwa 10 Mill. Mark absorbiert der Staat. Als Beispiel übernahm eine Firma, McCorquodale & Co., eine Lieferung von 2610 verschiedenen Regierungsaccidenzen, in Auflagen, die von 10 bis zu 300000 Exemplaren variierten, ausserdem eine von 40 Millionen Briefcouverts. Die Firma beschäftigte in sechs enormen Offizinen an verschiedenen Orten gegen 2000 Personen und etwa 550 Maschinen aller Art fast nur mit Regierungs- und Eisenbahn-Arbeiten. Eine andere Firma, Harrison & Co., erhielt auf einmal eine Bestellung auf 137 Millionen Telegrammformulare. Grosse Summen setzt jedesmal eine Parlamentswahl in Umlauf. Die beiden Parlamentshäuser beanspruchen für ihre jährlichen Druckarbeiten etwa 1500000 Mark. Die Bank von England druckte im Laufe eines Jahres 15000000 Noten zu einem Geldwert von 338 Millionen £ Sterl. Die Druckarbeiten der Bank mehren sich bedeutend dadurch, dass sie eine an sie zurückgekehrte Banknote, und wenn sie nur eine Stunde in Zirkulation gewesen, nie wieder ausgiebt. Eine solche wird ungiltig gemacht und fünf Jahre aufgehoben. In dieser Weise liegen bis gegen 100 Millionen Noten in einer Weise geordnet, dass eine etwa zur Stelle gewünschte im Augenblick zu finden ist.
Ansehen des Pressgewerbes.
In welcher hohen Achtung das Pressgewerbe in England steht, zeigte unter anderem die imposante Caxtonfeier in London im Jahre 1877 mit ihrer interessanten Ausstellung[62]. In Ermangelung eines Portraits von Caxton beschloss man, von einer Statue zu seiner Erinnerung abzusehen, und stiftete in der Margarethenkirche in Westminster, nahe dem Schauplatz seiner Thätigkeit, ein gemaltes Fenster. Als ein fernerer Beweis von der bedeutenden Stellung der Pressgewerbe muss auch betrachtet werden, dass schnell hintereinander drei Ausüber derselben: der Schriftgiesser Besley, der Buchdrucker Sidney Waterlow und der Drucker und Stationer Francis Truscott das angesehenste bürgerliche Ehrenamt der Welt, das eines Lord Mayors von London, bekleidet haben; es spricht zugleich für den Flor des Geschäfts, denn es ist ein mit grossen Ausgaben verbundenes Amt. Den Kostenanteil für „seinen Tag“ muss der Lord Mayor auf 50000 Mark anschlagen, und es heisst, Sir Truscott habe für die Zeit seiner Amtsführung eine Summe von 10000 Mark wöchentlich als Repräsentationskosten ausgeworfen.
Der Buchhandel.
Der Buchhandel, ohne welchen die Buchdruckerei nicht die eigentliche Blüte erreichen kann, nahm in England, besonders in London, mächtige Dimensionen an und weist eine Reihe der intelligentesten und bedeutendsten Verleger auf. Im allgemeinen ist der Buchhandel weit einfacher organisiert, als in Deutschland. Der Verlagsbuchhändler beschäftigt sich selten mit Buchdruckerei und anderen Nebengeschäften und zersplittert nicht seine Kräfte, behält damit den freien Blick und kann jede Konjunktur rasch benutzen. Kommissions- und Halbpartgeschäfte kommen oft vor, während berühmte Autoren grossartige Honorare beziehen. Der Absatz eines Buches ist rasch durch die mit einem splendiden Diner verbundenen Verlagsauktionen und die Subskriptionen der Zwischenhändler und grossen Leihbibliotheken entschieden. Eine der letzteren, die von Muddie, welche die grösste ist, nimmt nicht selten 1–2000 Exemplare von einem hervorragenden Werke. Durch das Alleinrecht des Verkaufs auf allen Eisenbahnstationen spinnt die grosse Zeitungsanstalt und Buchhandlung von Smith & Son ihre Fäden über das ganze Land. Mit einer Abonnementskarte von ihnen versehen, kann man überall auf den Stationen Bücher leihen und sie wieder auf jeder beliebigen Station abgeben. Die sogenannten Wholesale-booksellers, unter welchen Marshal & Co. die bedeutendsten sind, versehen die eigentlichen Sortimentshändler (Retaillers), welche in der Regel ihren Bedarf nur aus einer Hand beziehen. Bedeutenden Anteil an dem Absatz haben die Stationers (Schreibmaterialienhändler) und die vielen Secondhand-Booksellers. Das deutsche System mit seinen Kommissionssendungen kennt man nicht, weshalb auch die Buchläden in den kleineren Städten nicht so gut assortiert sind, wie dies in Deutschland der Fall ist.
Im Laufe eines Jahres erscheinen zwischen 5–6000 Werke (1881, neue Auflagen ungerechnet, 5406), darunter eine bedeutende Zahl der schönsten illustrierten Reisewerke, Prachtausgaben der englischen Klassiker, philologischen, theologischen und Geschichtswerke und eine grosse Menge von Romanen. Die Zahl ist, wie bei den Zeitungen, eine viel kleinere, als in Deutschland; aber man muss, wie bei diesen, nicht bloss zählen, sondern auch wägen, sowohl was Umfang, als was Auflage betrifft.
Die Stationers Company.
Gegen Nachdruck schützt die Eintragung in die Rolle der Stationers Company und die Abgabe von 5 Pflichtexemplaren. Der Schutz gilt für 42 Jahre — jedenfalls bis zum Tode des Verfassers und 7 Jahre nach demselben. Vor dem Jahre 1709 ist es nicht zu ermitteln, wie viel Bücher jährlich in die Rolle der Stationers Hall eingetragen wurden. Von 1709–1766 betrug die Durchschnittszahl ungefähr 50; im Jahre 1732 war die Zahl auf die tiefste Stufe, 17, gefallen. Beim Beginn dieses Jahrhunderts hatte sie sich wieder auf 3–400 gehoben; 1814 auf 541; 1815 auf 1244; von da ab und bis 1826 blieb die Durchschnittszahl etwa 1000.
Ausfuhr.
Der Absatz des Buchhandels nach dem Ausland übersteigt 20 Millionen Mark, der der Stationary-Artikel wird auf etwa 14 Millionen, des Papiers auf etwa 16 Millionen gerechnet. Fügt man noch den Umsatz in Druckfarbe und Druckmaschinen hinzu, so wird die Gesamtausfuhr von allen zu dem Druckgewerbe gehörenden Gegenständen die Summe von 60 Millionen Mark nicht unbedeutend übersteigen.
Die Fachpresse.
J. M. Powell * 2. Juni 1822, † 17. Sept. 1874.
Unter den Blättern der Fachpresse, die sich zunächst mit der Typographie beschäftigen, nehmen namentlich zwei eine bedeutende Stellung ein. Joseph Martin Powell gab seit dem Jahre 1863, unter dem Titel Printers Register, ein Fachblatt heraus, welches viele Verdienste, namentlich um die Förderung der Maschinen-Fabrikation, hat und oft die Maschinenbauer zu Erfindungen anregte. Das Blatt wird jetzt von Powells ältestem Sohne Arthur geleitet. Eine mehr ideelle und theoretische Richtung verfolgt The Printer and the Lithographer, welches Blatt die Firma Wyman & Son verlegt und mit vielem Geschick und Geschmack redigiert. Es bringt hauptsächlich sehr ausführliche belehrende Artikel, aus welchen, zu besonderen Lehrbüchern gesammelt, bereits manches tüchtige Werk entstanden ist. Auch das Printers Register lieferte solche Artikelreihen. Ein Vorzug der englischen Pressorgane ist, dass sie sich hauptsächlich nur mit dem Technischen abgeben, und die sozialen Verhältnisse und die darin einschlagenden Kontroversen nur leise berühren und alles vermeiden, was zu einem gehässigen Federkrieg Veranlassung geben könnte.
Im Interesse des Buchhandels erscheinen das vierzehntägige Publishers Circular (gegründet 1837) und der monatliche The Bookseller (gegründet 1838), seit 1860 mit dem, 1802 begonnenen, Bents Literary Advertiser vereinigt. Der von Whitaker herausgegebene Reference-Catalogue of current Literature giebt in der Form von Verlagskatalogen eine Übersicht der gangbarsten litterarischen Erscheinungen Englands.
Die Annuals.
R. Ackermann * 30. April 1764, † 26. März 1834.
Eine Episode in dem englischen Buchhandel bildet die Herausgabe der illustrierten Annuals, hervorgerufen 1822 durch den Kunsthändler Rudolph Ackermann. Geboren zu Stollberg, kam er als einfacher Sattlergehülfe nach London. Erst erwarb er durch seine Zeichnungen Aufmerksamkeit, dann wurde er Kunsthändler und Verleger bedeutender Prachtwerke. Die später so beliebten Taschenbücher wurden von diesem „Vater der Almanache“ mit dem Forget me not zuerst in Scene gesetzt und eine Reihe von Jahren hindurch von den besten künstlerischen Kräften Englands unterstützt[63]. Mit Heaths Book of Beauty wurde 1833 eine Reihe von poetischen Werken von Klassikern und neueren Schriftstellern mit Illustrationen sowohl in Stahlstich wie in Holzschnitt begonnen, denen eine grosse Anzahl von illustrierten geographischen und ethnographischen Werken folgte. Als Drucker und Herausgeber solcher machte sich namentlich Henry Fischer bekannt.
Gereicht schon die Herstellung schöner Luxuswerke den englischen Buchhändlern und Buchdruckern zur Ehre, so gebührt ihnen eine noch grössere Anerkennung, weil sie allen anderen Nationen vorangegangen sind, als es sich darum handelte, die Verbindung der Xylographie mit der Typographie zur Verbreitung nützlicher Kenntnisse und allgemeiner Bildung selbst in Kreisen der nicht mit Glücksgütern Gesegneten zu benutzen. Das Penny Magazine, später die Illustrated London News, sind massgebend geworden für die ähnlichen Erscheinungen aller anderen Länder.
Das Penny Magazine.
Das epochemachende Ereignis des Erscheinens der ersten Penny Magazine-Nummer fand am 1. April 1832 statt. Charles Knight[64], der bekannte Buchhändler und Schriftsteller, war der geistige Urheber des Unternehmens, welches von der Society for the diffusion of usefull knowledge ausging; gedruckt wurde das Blatt bei Clowes. Von den Nummern 1–106 fanden 20 Millionen Exemplare Verbreitung. Die gewöhnliche Auflage war 200000. Im Jahre 1780 schätzte Edm. Burke die Gesamtzahl der Leser in England auf 80000; 1833 zählte das Penny Magazine allein jedoch deren mehr als eine Million[65]. Zwei Applegath- und Cowpersche Maschinen verrichteten in zehn Tagen die Arbeit, zu welcher zwei Drucker an der Handpresse ein halbes Jahr nötig gehabt haben würden, in Clowes' Buchdruckerei, die mit 18 Schnellpressen und 15 Handpressen und einem wöchentlichen Papierverbrauch von 2000 Ries, neben der Times-Druckerei, geradezu ein Weltwunder war.
Ch. Knight.
Ganz abgesehen von dem durch das Penny Magazine geübten Einfluss erwarb sich Charles Knight grosse Verdienste durch eine Reihe von ihm veröffentlichter, zumteil von ihm geschriebener oder herausgegebener populärer illustrierter Unternehmungen, unter welchen The Library of Entertaining Knowledge, 43 Bde.; The Penny Cyclopaedia, 1833–1858, 30 Bde.; die Shillings Volumes, 186 Bde.; The English Cyclopaedia, 23 Bde.; Popular History of England, 8 Bde.; Pictorial Bible, 4 Bde., u. a. m. hervorzuheben sind.
Die illustrierten Zeitungen.
Waren die Herausgeber des Penny Magazine und ähnlicher Blätter hauptsächlich bemüht, allgemein nützliche Kenntnisse unter dem Volke zu verbreiten, so versuchten als Bahnbrecher die Illustrated London News, begründet von Cook & Ingram, die Tagesgeschichte in den Bereich der Illustration zu ziehen. Mit ihrer ersten Nummer vom 14. Mai 1842 beginnt eine illustrierte Geschichte der Gegenwart von grossem Wert, der mit den Jahren noch steigt. Die gewöhnliche Auflage ist etwa 100000 Exemplare. Viele Versuche wurden gemacht, dem Blatte Konkurrenz zu machen, jedoch nur The Graphic gelang es auf die Dauer, sich neben der älteren Schwester in der Gunst des Publikums zu halten. Die Weihnachtsnummern beider Zeitschriften werden mit einem Kostenaufwande von je 300000 Mark in etwa 400000 Exemplaren gedruckt. Grosse Verbreitung erreichten auch die vielen illustrierten technischen und Modeblätter. In der humoristischen Zeitungspresse trug der Holzschnitt den Sieg über die Radierung, deren hauptsächlichster Vertreter George Cruikshank (geb. 1792, gest. 1878) war, davon; der Punch, begründet 1841, behielt seine Popularität bis auf den heutigen Tag.
Den hauptsächlichsten Schauplatz des pressgewerblichen Lebens und Treibens in London bildeten von der ältesten Zeit bis auf heute Fleet-Street, St. Pauls Church-Yard, Farringdon-Street, Printinghouse-Square und Paternoster-Row. Letztere wird bereits 1367 genannt, kam aber namentlich nach dem grossen Brande im Jahre 1666 in Aufnahme und wurde in der letzten Hälfte des XVIII. Jahrhunderts besonders fashionable als Sitz der grossen Verlagshandlungen, während Fleet-Street vorzugsweise dem Journalismus und den Buchdruckereien Obdach bot. Hier reihen sich als Glieder einer ununterbrochenen Kette an einander Druckoffizinen, Zeitungsbüreaus, Telegraphenstationen, Inseratagenturen, Associationen der Presse, Sortiments-, Zeitungs-, Stationers-Laden und andere Geschäfte, die mehr oder weniger mit der Typographie in Verbindung stehen. Hier hat auch der Londoner Setzer-Verein sein Büreau, und je nach dem grossen oder kleinen Belagerungszustand, in welchem die Zugänge zu diesem sich befinden, kann man mit Sicherheit auf den Gang des Londoner Geschäfts schliessen.
Es würde, ohne die gesteckten Grenzen zu sehr zu überschreiten, nicht möglich sein, alle grossen Druck- und Verlagsfirmen aufzuführen[66]. Ausser den bereits an anderen Orten genannten seien nur einige erwähnt. Eine mächtige Zahl von Zeitschriften drucken Spottiswoode & Co.; Accidenzien Spottiswoode & Eyre, Harrison & Co. Als Hersteller von Wertpapieren und kaufmännischen Arbeiten sind bedeutend Wilkinson & Co., Waterlow & Sons[67] und Blades, East und Blades. Der Senior dieser Firma William Blades ist namentlich durch seine typographisch-litterarischen Arbeiten bekannt, vorzugsweise durch seine klassische Biographie Caxtons, zu dessen Popularität in England Blades viel beigetragen hat. Sein neuestes Werk ist eine Medallic History of Printing mit vielen Abbildungen[68], das zuerst in den Printing-Times erschien. Eine der jüngeren Offizinen, die in kurzer Zeit riesenhafte Dimensionen angenommen J. Cassell * 23. Jan. 1817, † 1. Apr. 1865.hat, ist die von Cassell, Petter & Co. Der Gründer John Cassell war erst Zimmermann und lernte in den Werkstätten die geistigen Bedürfnisse der Arbeiter kennen. Als The Total Abstinance-Bewegung 1833 entstand, war er erst ein begeisterter Reise-Apostel derselben, entschloss sich aber dann in wirksamster Weise durch die Presse der Mässigkeits-Sache zu dienen. Zur Herausgabe angemessener Schriften vereinigte er sich mit den Besitzern einer bis dahin nicht bedeutenden Druckerei, Petter & Galpin. Bald ging man aber weiter und gab illustrierte Lieferungswerke heraus. Das Geschäft erhielt eine solche Ausdehnung, dass es 1880 34 illustrierte Werke in Lieferungen auf einmal in der Presse hatte. Das bedeutendste Verlagswerk war die Family-Bible, die, mit einem Aufwand von 2 Millionen Mark hergestellt, innerhalb sechs Jahren einen Absatz von 350000 Exemplaren erzielte. Bei John Cassells Tod hatte das Personal bereits die Zahl von 500 erreicht, jetzt ist diese auf 1000 gestiegen.
Sam. Bagster & Sons liefern namentlich polyglotte Werke, Gilbert & Rivington orientalische. In letzterer Richtung hat jedoch Deutschland ein Übergewicht und viele orientalische Werke werden für englische Rechnung in Deutschland gedruckt.
Von den grossen Verlagsfirmen haben besonders Longman, Green & Co. und John Murray Weltruf erlangt.
Th. Longman * 1699, † 10. Juni 1755.
Der Begründer ersterer Firma Thomas Longman erwarb 1724 den Verlag von Will. Taylor und damit zugleich zwei Häuser: „Der schwarze Schwan“ und „Das Schiff“ in Paternoster-Row. Er ward Mitbesitzer von Ephraim Chambers Cyclopaedia, das Vorbild der vielen in und ausserhalb Englands erscheinenden Encyklopädien, ausserdem auch von Johnsons Dictionary of the English Language. Th. Norton Longman * 1771, † 28. Aug. 1824.Noch folgten in drei Generationen Thomas Longmans, von welchen Thomas Norton Longman der bedeutendste war. Welche Grösse das Geschäft erreicht hatte, sieht man daraus, dass der Genannte ein Vermögen von 200000 £ Sterl. hinterliess, ein Teilhaber Green ebensoviel, während ein dritter Teilhaber Brown 100000 £ Sterl. in Legaten aussetzen konnte.
Obwohl Longmans Verlag ein universeller ist und auch die Namen der berühmtesten Dichter Englands (den Verlag von Byrons Schriften hatten sie abgelehnt) ihren Katalog schmücken, so haben sie doch namentlich ihren vielen encyklopädischen Verlags-Artikeln, und vor allem Macaulays Geschichte ihren Ruhm und ihre Stellung zu verdanken. Von der ersten Auflage des III. und IV. Teils des letztern Werkes waren 25000 Exemplare gedruckt. Diese waren jedoch bereits am Tage der Veröffentlichung, 17. Dezember 1855, verkauft und 11000 Bestellungen mussten unexpediert bleiben. Von den amerikanischen Ausgaben soll ein Buchhändler in zehn Tagen 73000 Bände verkauft haben. Innerhalb vier Wochen sollen überhaupt mehr als 180000 Exemplare verbreitet worden sein.
John McMurray * 1745, † 6. Nov. 1793.
John Murray II. * 1778, † 27. Juni 1843.
John McMurray gründete 1768 ein Geschäft und erzielte damit gute Erfolge. Sein Sohn John Murray ist namentlich als Verleger und Freund Byrons (1807–1823) bekannt und wurde bei seinem Tode wieder von einem Sohn John gefolgt. Grosse Verbreitung fand die billige Home and Colonial Library und die vielen bedeutenden illustrierten Reise- und naturwissenschaftlichen Werke. Murrays rote Reisebücher sind jedem bekannt, und wir können uns kaum einen reisenden Engländer ohne ein solches in der Hand oder unterm Arm denken.
H. Colburn † 16. Aug. 1855.
Unter den Verlegern der schönen Litteratur in Prosa sind Colburn und Bentley die bekanntesten. Henry Colburn verlegte eine Unzahl von Romanen, von James allein 225 Bände, einer wie der andere in drei, in Leinwand gebundenen, Bänden, jeder ziemlich genau 300 Seiten stark und einer wie der andere zum Preise von anderthalb Guineen (31 Mark 50 Pf.). Im Jahre 1819 gründete er Colburns Monthly; 1817 ward die Literary Gazette begonnen. 1832 R. Bentley † 1871.verkaufte er sein Geschäft an Richard Bentley, der früher sein hauptsächlichster Buchdrucker und kurze Zeit sein Associé gewesen war. Colburn verpflichtete sich, unter bedeutender Konventionalstrafe, kein Geschäft innerhalb 20 englischer Meilen Entfernung von London zu eröffnen. Der „Verlagsteufel“ liess ihn jedoch nicht auf seinen Lorbeern ruhen. Erst etablierte er sich in Windsor, dann zahlte er die Konventionalstrafe und zog wieder nach London. Bentley gründete 1837 Bentleys Miscellany, dessen erster Herausgeber Charles Dickens war.
Als Verleger von Shillings-Ausgaben erwarben Routledge & Sons einen Ruf. Die Verbreitung solcher Ausgaben war eine so grosse, dass die Verleger an Bulwer für die Erlaubnis, billige Ausgaben seiner Werke während zehn Jahren drucken zu dürfen, 200000 Mark Honorar zahlten und dabei einen sehr guten Erfolg für sich erzielten.
Der Bibeldruck.
Eine wesentliche Bedeutung für das Druckgewerbe hat der Bibel- und Gebetbuchdruck, der, was die autorisierten Ausgaben betrifft, noch ein Privilegium der Universitätspressen von Oxford und Cambridge ist. Eine grosse Bewegung rief die neue autorisierte Ausgabe der heiligen Schrift hervor, welche viele Jahre hindurch mit grossem Aufwand theologischer Arbeit vorbereitet war und am 17. Mai 1881 in sechs Ausgaben dem Publikum übergeben wurde. In Oxford allein wurden sofort zwei Millionen Exemplare bestellt, Amerika verlangte 300000, druckte jedoch, unter den enormsten Anstrengungen der Konkurrenten, sich gegenseitig den Vorsprung abzugewinnen, die Ausgabe nach. Ein typographisches Kunststück ist eine Oxforder Miniatur-Ausgabe für Lehrer, die mit dem Einbande nur 90 Gramm wiegt und auf 1416 Seiten 2430400 Buchstaben enthält.
Eine grosse Wirksamkeit zeigte The British and Foreign Bible Society, welche mit dem Jahre 1804 unter den Auspicien des Herrn Granville Sharpe begann. Bis 1881 hatte die Gesellschaft mit einem Aufwande von etwa 175 Millionen Mark nicht weniger als 93953000 Exemplare der heiligen Schrift gedruckt. 1881 wurden allein 2938000 Exemplare verbreitet. The Religious Tract Society verwendete in einem Jahre 2½ Millionen Mark auf Bücherdruck.
N. Trübner * 1817.
Unter den Verlegern in der theologischen und philologischen Richtung ist die Firma Rivington hervorragend. Der Stammvater dieser ältesten der noch bestehenden Verlagsfirmen Englands, Charles Rivington, gründete 1711 sein Geschäft in der Paternoster-Row in der „Bibel und Krone“, welche Insignia noch heute die Rivingtonschen Verlagswerke schmücken. Bedeutenden Ruf haben ferner die beiden, mit der Oxforder resp. Cambridger Universitätsbuchdruckerei eng verbundenen Familien Parker, dann James Nisbet. Ganz hervorragende Verdienste um die linguistische Litteratur erwarb sieh ein Deutscher, Nikolaus Trübner aus Heidelberg. Durch Zufall mit Longman bekannt geworden, ging er 1843 als Commis in das Longmansche Geschäft nach London. 1852 etablierte er dort ein eigenes Geschäft mit der Absicht, in der Weltstadt einen bisher fehlenden Zentralpunkt für die litterarischen Erzeugnisse Amerikas und Asiens zu schaffen. Er gab einen vortrefflichen Bibliographical Guide to American Literature 1817–1857 heraus und gründete, um seine Zwecke zu fördern, das Monatsblatt Trübners American and Oriental Literary Record und eine Anzahl von Agenturen in den fernsten Weltteilen. Durch das Heranziehen der bisher schwer zugänglichen Länder mit ihren litterarischen Produkten hat Trübner sich nicht allein um die Wissenschaft hochverdient gemacht, sondern auch sowohl direkt durch seinen grossen linguistischen Verlag, als noch mehr indirekt durch die Belebung dieses Verlagszweiges dem graphischen Gewerbe Vorschub geleistet.
Steht auch das Antiquariatsgeschäft den eigentlichen Zweigen des Buchgewerbes, die uns hier beschäftigen, etwas ferner, so hat dasselbe doch in England eine solche Weltbedeutung gewonnen und wirkt auch durch Verbreitung der Liebe zu Büchern auf das ganze Pressgewerbe vielfach so belebend ein, dass es am Platze sein dürfte, wenigstens die zwei hervorragendsten Vertreter des Antiquariats zu erwähnen, was um so lieber geschieht, als der eine, jetzt noch wirkende ebenfalls, wie Trübner, ein Deutscher ist.
H. G. Bohn * 4. Jan. 1796.
Der Bahnbrecher für den grossartigen Betrieb des Antiquariats war Henry George Bohn aus Richmond. Sein 1841 erschienener Guinea-Catalogue war die imposanteste Ankündigung eines Bücherlagers, welche man bis dahin kannte. Derselbe hatte einen Umfang von 1448 Seiten und verursachte einen Kostenaufwand von 40000 Mark. Bohn wirkte auch als Schriftsteller und Verleger; seine nach damaligen englischen Vorstellungen ausserordentlich billigen Standard Volumes zu 5 sh. 6 d. waren allgemein beliebt.
B. Quaritch * 23. April 1819.
Bernhard Quaritch aus Worbis, jetzt ohne Widerspruch der bedeutendste Antiquar der Welt, lernte in Nordhausen und ging 1842 nach London. 1849 gründete er dort mit einem Kapital von 200 Mark ein eigenes Geschäft zunächst für Penny-Litteratur. Durch Gewandtheit, Fleiss und Ausdauer brachte er bald seinen Handel in die Höhe, so dass er 1860 noch ein zweites, grösseres Lokal in Piccadilly mieten konnte. Hier sammelte er nun einen wahren Schatz sowohl von bedeutenden wissenschaftlichen Werken, als von ausgesuchten Seltenheiten für Bücherliebhaber. Neben seinen Spezial-Katalogen gab er ab und zu einen General-Katalog heraus. Unter den letzteren übertrifft der von 1880 noch Bohns Guinea-Catalogue, kostet aber auch 2 Guineen. Der Band ist 6½ Zoll stark und enthält auf 2166 Seiten die Titel resp. Beschreibungen von 28009 Werken. Ein Index von 228 Seiten giebt etwa 55000 Nachweise. Quaritchs eigener bedeutender Verlag besteht sowohl aus Werken, wozu er selbst die Initiative ergriffen, als auch aus solchen, die er von anderen Verlegern an sich gebracht hat[69].
Die Bibliophilie.
Ein mächtiger Hebel für die Entwickelung der Buchdruckerei war es, dass hochgestellte und reiche Männer sich nicht nur, wie Lord Stanhope, für die technischen Fortschritte interessierten, sondern auch eine Ehre darein setzten, das Schönste, Beste und Seltenste in ihren Büchersammlungen zu vereinigen. Als Liebhaber ersten Ranges ist John Herzog von Roxburgh zu nennen. Seine Bibliothek brachte bei der Versteigerung, welche in den Monaten Mai und Juni 1812 stattfand, einen Erlös von mehr als einer halben Million Mark. Die Nummer 6292 des Katalogs, das einzige bekannte vollständige Exemplar von Il Decamerone di Boccaccio, in Folio, von Christoph Waldarfer in Venedig im Jahre 1471 gedruckt, wurde dem Marquis von Blandford für die Summe von über 45000 Mark zugeschlagen, der höchste Preis, der je für ein Buch bezahlt worden ist. Zur Erinnerung an dieses bibliophilische Ereignis wurde von 31 der bedeutendsten Büchersammler Englands, unter dem Präsidium von Lord Spencer, der Roxburgh-Club gegründet. Zu keiner Zeit hatte die Bibliomanie eine solche Höhe erreicht und sie sollte auch nicht lange auf derselben bleiben, so dass Lord Spencer wenige Jahre später den Waldarfer für 18000 Mark kaufen konnte, also für fast nur den dritten Teil des in der Roxburgh-Auktion gezahlten Preises.
Lord Spencer.
Noch grössere Bedeutung in der Geschichte der Bibliophilie als der Herzog von Roxburgh hat George John, Lord Spencer auf Althorpe. Er war am 1. September 1758 geboren und folgte 1783 seinem Vater im Besitz von dessen Titeln und fürstlichem Vermögen. Es war sein Stolz, die Notabilitäten der Wissenschaft und der Litteratur um sich zu versammeln, und wo er konnte, stand er deren Bestrebungen in liberalster Weise bei. Von gleicher Gesinnung war sein Sohn beseelt, was sich durch die Caxton-Ausstellung 1877 deutlich zeigte, zu welcher Lord Spencer eine ganze Sammlung der seltensten Inkunabeln und Prachtwerke geliefert hatte. In seiner in der Stationary-Company gehaltenen Rede sprach er es auch aus, eine wie grosse Freude es ihm gewähren würde, seine Bibliothek recht oft von Fachmännern besucht zu sehen.
T. F. Dibdin.
Ein wesentlicher Förderer des Sammeleifers sowohl des Lord Spencer als auch anderer war Thomas Frognall Dibdin. Derselbe stammt aus Calcutta, erhielt jedoch, nachdem seine Eltern dort gestorben waren, in England eine sorgfältige Erziehung und wählte den geistlichen Beruf. Von Lord Spencer wurde er als Pfarrer nach Althorpe berufen, zugleich um als Bibliothekar des Lords zu fungieren. In den Jahren 1814–1815 erschien die Beschreibung der Sammlung als: Bibliotheca Spenceriana; von 1810–1819 Typographical Antiquities; 1817 Bibliographical Decameron; 1821 A bibliographical, antiquarian and picturesque tour in France and Germany (2. Ausgabe 1827), in welchem Werk der Verfasser eine in Begleitung des Zeichners George Lewis im Interesse der Spencerschen Bibliothek unternommene Reise schildert. 1838 folgte A bibliographical, antiquarian and picturesque tour in the northern countries of England and Scottland.
Lord Brougham.
In praktischer Weise interessierten sich andere Edle für die Presse. Henry Lord Brougham war die Seele der schon erwähnten Society for the Diffusion of usefull Knowledge. Francis Egerton, Lord Bridgewater bestimmte vor seinem Tode im April 1829 gegen 120000 Mark als Honorar für den Verfasser eines Werkes, welches die Weisheit, Macht und Güte Gottes, wie sie sich in der Schöpfung offenbaren, zum Gegenstand haben sollte. Dies gab Veranlassung zu den sogenannten Bridgewater-Büchern, die der populärwissenschaftlichen Litteratur einen mächtigen Anstoss gaben.
Lord Arundel.
Thomas Howard, Lord Arundel wirkte wieder auf andere Weise. Als eifriger Bewunderer der alten christlichen Kunst gab er Veranlassung zur Begründung der Arundel Society (1848), deren Hauptziel es ist, die leichtvergänglichen, dem Verderben besonders ausgesetzten älteren, namentlich vorrafaelischen Werke der Kunst wenigstens in vorzüglichen Farbendrucken der Nachwelt zu erhalten. Die Reproduktion geschieht hauptsächlich unter Beihülfe von den besten Anstalten des Auslandes, besonders der von Storch & Kramer in Berlin, Hangard-Maugé und Engelmann & Graf in Paris.
Die Buchbinderkunst.
Dass die Bücherliebhaberei auf die Buchbinderkunst ungemein fördernd einwirken musste, ist leicht begreiflich. Es entstanden für die reichen Privatsammlungen Meisterstücke, die zu hohen Preisen verkauft wurden. Dieselbe Eigenschaft, die den englischen Bücherdruck auszeichnet: die Verwendung der vollendeten Technik auf dem vorzüglichsten Material, findet sich in der englischen Buchbindung wieder. Die Behandlung des Leders, der Pappen, des Schnittes, des, das gute Aufschlagen des Buches bedingenden Rückens, kurz des ganzen Körpers des Buches ist eine so überaus sorgfältige, dass man leicht eine mitunter nicht ganz kunstgerechte Komposition der Ornamentierung übersieht.
Berühmte Buchbinder.
Merkwürdig genug ist der Umstand, dass ganz besonders Deutsche zu den ausgezeichnetsten Meistern in England gehören. Unter den Eingeborenen war einer der berühmtesten Buchbinder Roger Payne (gestorben 1797), ein eben so talentvoller, wie in seinem Leben unordentlicher Mann[70]. Als sein Meisterwerk gilt ein Aeschylos im Besitz des Lord Spencer. In seinen Ornamenten, die er selbst fertigte, wird er mitunter bizarr, seine Technik bleibt jedoch immer unvergleichlich. Schöne Bände von ihm wurden mit 400 Mark und mehr bezahlt. Ein Einband von dem Boydellschen Shakespeare in neun Bänden kostete über 2500 Mark. Eine zeitlang arbeitete er zusammen mit Richard Wier, auch ein höchst geschickter Mann, aber eben so unordentlich wie Payne. Die Verbindung artete in einen oft mit den Fäusten ausgekämpften innern Krieg aus. Wiers Frau war bekannt als unübertroffen in der Restauration alter Bücher. Nächst Payne wurde Charles Lewis, aus Hannover stammend, gelobt. Seine durch Harmonie und Eleganz sich auszeichnenden Bände werden als die grössten Zierden der Bibliotheken reicher Sammler betrachtet.
Der Buchbinder Kalthöfer hatte einen solchen Ruf erlangt, dass die Kaiserin von Russland einen besonderen Abgeordneten sandte, um ihn zu bewegen, nach Russland zu kommen, was er jedoch, trotz der glänzenden Bedingungen, ablehnte. In neuester Zeit gilt als erster Meister nicht nur in England Joseph W. Zähnsdorf, ein Böhme von Geburt, der auch durch Herausgabe von The Art of Bookbinding theoretisch wirkte, ohne damit ganz den Erwartungen zu entsprechen, die man hegen durfte, wenn ein so eminenter Praktiker seine Erfahrungen zu Papier bringt.
Stationary.
Die Stationary-Artikel, die teils auf typographischem, teils auf chromolithographischem Wege hergestellt werden, veranlassen ein sehr bedeutendes Geschäft. Die Zahl der Neujahrskarten allein berechnet man auf mehr als 12 Millionen Stück. Welchen Wert man auf solche Kleinigkeiten legt, geht daraus hervor, dass ein Fabrikant 14 Prämien, zusammen von 10000 Mark, für die besten Zeichnungen bestimmte. Von den in London von Weihnachten bis Neujahr versandten 8–9 Millionen Couverts wird bei weitem die grössere Zahl eine Neujahrskarte mit enthalten. Ebenfalls bedeutend ist der Verkehr in Osterkarten und Valentines, schöne, manchmal kostbar ausgestattete Huldigungskarten für das zarte Geschlecht, die am St. Valentinstag, den 14. Februar, in grosser Zahl anonym versandt werden. In der Regel ist der Preis einer solchen Karte 6 Pence bis zu 1 Shilling, es kommen aber auch nicht selten solche vor, die 10 bis 20 Guineen und mehr kosten.
Da jährlich 1200 Millionen Briefe versandt werden, so erfordern diese allein eine enorme Anzahl von Couverts. Diese Fabrikations-Branche beschäftigt gegen 3000 Menschen.
Wie bedeutend der Kalenderdruck in England ist, kann man daraus beurteilen, dass ein Kalenderdrucker, A. Cooke in Leeds, allein bei einer einzigen Holzhandlung 1700000 Stäbe als Halter für Kalender in Bogen bestellte.
Von Spielkarten-Fabriken hat England 18, die etwa 1200000 Pack liefern.
Unter den Firmen, die besonders für die Stationers arbeiten, sind: Marcus Ward, der mit 60 Schnellpressen namentlich Weihnachtskarten und Valentines nebst illustrierten Kinderbüchern druckt; de la Rue & Co., die in ähnlicher und Spielkarten-Fabrikation, so wie mit Herstellung von Luxuspapieren 1000 Personen beschäftigen; Ch. Goodall & Sons, die in ihren Camden-works mehr als 600 Sorten Spielkarten liefern.
Eins der bedeutendsten Stationery-Geschäfte in London ist das der Regierung, von welchem etwa 250 öffentliche Institute ihren Bedarf beziehen. Der jährliche Umsatz beträgt etwa 13 Millionen Mark, von welchen gegen 4 Millionen auf Indien kommen. Dass dabei auch Makulatur vorkommt, ergiebt der jährliche Verkauf von solcher zu einem Betrag von ungefähr 320000 Mark, die einen ursprünglichen Wert von etwa 1600000 Mark repräsentieren.
Das Papier.
Da der Konsum von Papier ein ausserordentlich grosser ist und billige Preise verlangt werden, so konnte es nicht anders sein, als dass die Stoffmischungen der Neuzeit in der Papierfabrikation, welche für die Zukunft der Bücher im höchsten Grade gefahrdrohend geworden, auch in England nicht ohne Verwendung blieben, jedoch wird dort immer noch am meisten auf ein gutes Papier selbst bei gewöhnlichen Arbeiten gehalten[71]. Die Fabrikation des Maschinenpapiers ist zwar keine englische Erfindung (vgl. Kap. [V]), aber, wie die Schnellpresse, kam auch die Papiermaschine erst in England zur praktischen Geltung, namentlich durch die Bestrebungen Donkins. Der Name Whatman ist typisch geworden für das vorzügliche Büttenpapier, welches bei den Ausgaben für Liebhaber verwendet wird. Whatman selbst zog sich vom Geschäft zurück aus Verdruss, weil er seinen Arbeitern nicht denselben Sinn für Erreichung der höchsten Ziele einflössen konnte, der ihn selbst beseelte.
ASIEN, AUSTRALIEN UND SÜD-AFRIKA.
An die typographische Geschichte Englands schliesst sich eng diejenige Asiens, Australiens und Süd-Afrikas.
In ihren Anfängen lernten wir bereits die Presse in Asien kennen (I, S. 282), sie sollte rasch an Bedeutung gewinnen.
Indien, Calcutta.
Calcutta, die Hauptstadt Indiens und der wichtigste Sitz des dortigen Pressgewerbes, erhielt erst im Jahre 1778 durch Charles Wilkins, einen berühmten Sanskritforscher, eine Buchdruckerei mit einer Schriftgiesserei. Hier wurden neben den Missionsschriften eine Menge wissenschaftliche und belehrende Schriften in den Landesidiomen, ausserdem auch englische Bücher und Zeitschriften gedruckt. In dem naheliegenden Serampur, dem wichtigsten Platz der Baptisten-Mission, besass Dr. Carey zu Anfang des Jahrhunderts eine Presse, auf welcher er 1801 das Neue und bald nachher das Alte Testament druckte. Eine Schriftgiesserei und eine Papiermühle liessen nicht lange auf sich warten und eine lebhafte Thätigkeit entwickelte sich, um die heiligen Schriften in verschiedenen Sprachen der Eingeborenen zu veröffentlichen. Die Offizin brannte zwar 1811 vollständig nieder, da jedoch glücklicherweise alle Matern gerettet waren, konnte man bereits nach Verlauf von kaum einem Jahre wieder heilige Schriften in 18 Sprachen herausgeben. Ein 1818 gedrucktes Probebuch enthält das Vaterunser mit 51 verschiedenen Sorten einheimischer Typen gesetzt.
Benares.
Madras.
Benares, die heilige Stadt der Hindus am Ganges, wo sich eine englisch-indische Hochschule zur Ausbildung der Hindus befand, besass eine, später sehr thätige, Offizin. In Negapatnam hatte der aufgeklärte Rajah von Tanjore eine von Europäern bediente Presse im Gang. Die Britische Bibelgesellschaft gründete dort ebenfalls eine Buchdruckerei. Auch Madras, die zweitwichtigste Stadt an der Ostküste, entwickelte seit 1772 eine rege Thätigkeit.
Bombay.
Aus dem Hauptorte der Westküste, Bombay, finden sich Bücher mit der Jahreszahl 1792; der Aufschwung der dortigen Presse datiert jedoch erst von 1813. In Cotym, auf der Malabarküste, versuchte der Missionär Benj. Baley Typen der Landesschrift selbst zu schneiden und zu giessen, um damit heilige Schriften zu drucken; 1820 kam ihm die Bibelgesellschaft in Calcutta mit einer ordentlich eingerichteten Buchdruckerei zuhülfe.
Am 18. Mai 1818 erschien die erste Zeitung in einheimischer Sprache „Spiegel von Serampur“ durch den Missionär Marshman. In demselben Jahre erhielt Bombay seine Zeitung in der Gujurati-Sprache.
Die einheimische Presse.
Der Generalgouverneur von Indien, Marquis Wellesley (1798 bis 1805), späterer Lord Wellington, war der Presse nicht sehr zugethan; selbst englische Bücher sah er nicht gern entstehen und gestattete nicht die Anlegung von Buchdruckereien ausserhalb Calcuttas. Ein grösserer Freund der Kunst war Wellesleys Nachfolger, der Marquis Hastings, welcher den „Spiegel von Serampur“ zu einem halbamtlichen Blatte erhob. Auch Lord Amherst trat der Presse nicht feindlich entgegen, doch verblieb sie unter sehr strenger Aufsicht. Zur Errichtung einer Buchdruckerei bedurfte es einer Konzession und zur Begründung einer Zeitung Stellung von Kaution. Erst im Jahre 1835 erhielt Indien, hauptsächlich durch die Anstrengungen des Lord Th. Macaulay, den Genuss der Pressfreiheit, die nun mit Jugendfeuer benutzt wurde. Man griff die Massregeln der Regierung, namentlich die gegen die Weiberverbrennung gerichteten, rücksichtslos an.
Die Zahl der Blätter nahm jedoch nicht in dem Masse zu, wie man hätte vermuten sollen, und steigerte sich wesentlich erst nach der Verbreitung der Lithographie, welche sich mit weit grösserer Leichtigkeit dem Geschmack des Publikums anschmiegen konnte, als die Typographie. Da viele des Lesens unkundig sind, so wird das Vorlesen für grössere Kreise sehr geübt und auf mündlichem Wege verbreiten sich dann die neuen Nachrichten schnell. Die Thätigkeit im Buchhandel ist eine sehr bedeutende und Sanskrit-Werke finden unschwer Verleger.
Nach dem Sipahi-Aufstande 1857 wurden die englischen Behörden zur Unterdrückung jeder Buchdruckerei ermächtigt und viele der letzteren bei dieser Gelegenheit auch geschlossen. Noch bis vor kurzem befand sich die einheimische Presse in strengen Ausnahmezuständen, jetzt ist jedoch eine Änderung eingetreten und der Wunsch der Regierung in London, allen ihren Unterthanen gleiche Rechte zu gewähren, erfüllt. Eine Presskommission hat alle Verhältnisse der Presse mit der Regierung zu regulieren.
Die Presse Indiens.
Von Zeitschriften erscheinen gegen 700, davon der dritte Teil (230) in Landessprachen. Die Auflagen sind durchweg klein, gewöhnlich 350, die höchste Auflage ist noch nicht 2000. Die Versendung geschieht unter Kreuzband. Der Abonnementspreis für Tagesblätter beträgt etwa 40 Mark, für Wochenblätter etwa 4 Mark. Die Einfuhr von Papier ist für das Mutterland ein wichtiger Gegenstand und erreichte 1879 einen Wert von über 2½ Millionen Mark.
In Bengalen haben die einheimischen Blätter einen schweren Stand gegen die englischen. Mehrere der letzteren sind jedoch in Besitz und unter geschickter Leitung von Eingeborenen. In den nordwestlichen Distrikten, zwischen Lucknow und Lahore, erscheinen in der Hindustani- und Urdusprache gegen einhundert, zumteil sehr gut redigierte Zeitschriften. Ziemlich eine ähnliche Zahl, in der Maharati- und Gujurati-Sprache geschrieben, werden in Bombay gedruckt. Die tamulische und Telegupresse in Madras ist nicht von Belang.
Die Bücherproduktion, unter der Führung Bengalens, ist eine sehr bedeutende und erreicht an Zahl fast die Englands. Im Jahre 1878 erschienen 4193 Bücher, davon 576 in europäischen, 3148 in einheimischen Sprachen, 673 in dem klassischen Idiom Indiens. 2495 Schriften waren originale Neuheiten, 340 Übersetzungen, die übrigen Bücher neue Auflagen. Die Theologie erschien mit 1502 Nummern; die Technik mit 961, die Linguistik mit 612; Biographie, Länder- und Völkerkunde, Politik waren nur äusserst spärlich vertreten.
Ceylon.
Auf Ceylon gingen aus der bereits vom Freiherrn von Imhof gegründeten Druckerei (I, S. 288) im Jahre 1771 das Neue Testament in cingalesischer Sprache und später manche, zumteil vorzüglich ausgestattete wissenschaftliche Werke hervor. Die Pressthätigkeit in der Hauptstadt Colombo ist jetzt eine bedeutende und die sehr gut geleitete Regierungsdruckerei beschäftigt über 150 Personen, unter welchen sich nur zwei Europäer befinden. Sie disponiert über 5 Schnellpressen, 10 Handpressen, 1 Eisenbahn-Billetdruck-Maschine und 5 Liniiermaschinen.
Hinterindien.
Nach Ranguhn in Hinterindien, der Hauptstadt von Birma, war bereits 1808 eine Presse gekommen. 1814 erhielt Dr. Carey in Serampur von dem Kaiser von Birma den Auftrag, in Ava eine Druckerei zu errichten, und bereits 1822 war das Neue Testament in 29 Sprachen und die ganze Bibel in 6 Sprachen gedruckt, darunter eine mit beweglichen Typen gesetzte chinesische Bibel. Noch viele wissenschaftliche Werke entsprangen der thätigen Presse.
In Malacca druckte der Missionär Milne anfänglich nach chinesischer Art. Später traf eine europäische Druckeinrichtung ein. Das dort errichtete englisch-chinesische Kollegium, das für Religion und Wissenschaft gute Früchte getragen hatte, ward später nach Singapur verlegt.
Die Inseln.
Von den Inseln des Indischen Archipels erhielt Java eine, 1823 von dem Missionär Medhurst in Batavia eingerichtete Offizin, aus welcher im Jahre 1835 des Genannten Wörterbuch der chinesischen, japanischen und der Korea-Sprache hervorging. Auf Sumatra befanden sich um 1820 in Benkulen und dem benachbarten Fort Marlborough Missionspressen.
China.
In China war einer der wichtigsten Druckorte Macao bei Canton. Dort machte im Jahre 1810 Morrison Versuche, das Neue Testament von Holztafeln zu drucken. 1814 wurde ihm von der Ostindischen Handelsgesellschaft eine vollständige Druckerei unter der Leitung von P. Thoms übersandt, doch gelang es erst 1822, das englisch-chinesische Wörterbuch in 6 Quartbänden zu vollenden. In diesem Jahre erschien auch die erste Nummer einer portugiesischen Zeitschrift „Die chinesische Biene“. Medhursts „Dictionary of the Hok-Kien dialect of the Chinese language, containing 12000 characters“ konnte erst 1832 ausgegeben werden. In Canton selbst wurde ebenfalls sehr viel gedruckt. Die grösste Buchdruckerei ist die der presbyterianischen Mission in Shanghai, mit der eine Schriftgiesserei verbunden ist. Im Jahre 1868 wurden dort 25 Millionen Seiten gedruckt, 1869 ein illustriertes Neues Testament und verschiedene Andachtsbücher mit dort angefertigten Abbildungen in vortrefflichen Galvanos. Hier erschien auch das grosse japanische Lexikon des Dr. Hepburn in Yokohama. In hohem Grade hemmend ist bei der Anwendung der europäischen Druckmethode die enorme Zahl der Fächer (gegen 6000) in den Setzkästen; jeder Setzer befindet sich förmlich inmitten eines Amphitheaters von Kästen.
In Peking erscheint die offizielle Zeitung King-Pao, welche die kaiserlichen Dekrete bringt und deren Geschichte bis an die Dynastie Tang, d. h. bis an das siebente bis zehnte Jahrhundert n. Chr., reicht. Jede Nummer bildet ein Heft von 20, wohl auch von 40 Seiten in gelbem Umschlag. Die Ausstattung ist eine klägliche, der jährliche Preis beträgt 27 Mark. Die Offizin befindet sich in dem kaiserlichen Palast. Seit mehreren Jahren erscheint eine Quintessenz aus der Zeitung in englischer Übersetzung. In Hongkong wurde die erste gedruckte Zeitung vor etwa 25 Jahren gegründet. In Shanghai werden zwei grosse chinesische Zeitungen nach europäischem Zuschnitt gedruckt, die nicht allein den Inhalt der kaiserlichen Zeitung reproduzieren, sondern auch Belehrendes und Ankündigungen bringen. Die eine, „Shénpao“, vertritt europäische Interessen, die andere, „Sinpao“, ist Organ europafeindlicher Mandarinen. Die Blätter sind gern gelesen und das eine hat gegen 10000 Abnehmer. Überhaupt ist das Publikum sehr wissenslustig und man findet in Shanghai fast an jeder Thüre eifrige Leser.
Eine besondere Bestimmung über das litterarische Eigentum giebt es in China nicht, es ist ein Eigentum wie jedes andere und Nachdruck wird mit 100 Stockschlägen und Deportation bestraft.
Japan.
In der Hauptstadt von Japan, Yeddo (Tokio), wurde seit 1785 in europäischer Weise gedruckt und entwickelt sich dort eine rege Thätigkeit. Jedenfalls ist Japan, dieser ferne Kulturposten im Osten, bestimmt, einen hervorragenden Platz in der Geschichte der Civilisation einzunehmen. Das Tick-Tack der Typen und das Klappern der Pressen haben jedenfalls dort grössere Eroberungen gemacht, als alle Flotten der alten und der neuen Welt mit ihren Kanonen und Soldaten fertiggebracht haben würden. Die japanische Druckindustrie ist in fortwährender Steigerung begriffen und die Ausüber sind fast alle Eingeborene. Noch vor 15 Jahren hatte Japan kein Journal in einheimischer Sprache, jetzt zählen die Journale nach hunderten, unter welchen weder Mode-, Witz- noch illustrierte und photographische Blätter fehlen. Das verbreitetste Blatt ist Yomiri Schimbun mit 20000 Exemplaren. Nach einzelnen Zeitungsnummern gerechnet, erreichte die Produktion jährlich 33 Millionen, von welchen ungefähr der dritte Teil durch die Post befördert wurde. Die Redaktion einer Zeitung ist keine ganz gefahrlose Beschäftigung, denn ein der Regierung missliebiger Artikel hat Haft und Geldstrafe zur Folge.
Die Produktion von Büchern ist eine ausserordentlich starke. Namentlich werden englische, deutsche und italienische Wörterbücher, Grammatiken, Parleure, Übersetzungen von astronomischen, nationalökonomischen und namentlich auch medizinischen Werken gedruckt[72]. Der Buchhandel steht unter der Aufsicht der Regierung, geniesst jedoch Abgabenfreiheit. Der Verkauf der Verlagsartikel findet durch Versteigerungen dreimal im Jahre statt, zu denen die Sortimentshändler oder vielmehr die Bücherverleiher — denn das Verleihen ist ein Hauptgeschäft — zuströmen, um die Lücken ihres Vorrates auszufüllen. Es giebt Leihbibliotheken mit 25000 und mehr Bänden. Die Romane, die sehr gern gelesen werden, sind sehr bändereich. Eine deutsche Buchhandlung besteht seit 1870 und viele deutsche Unterrichtsschriften werden nach dort versandt.
Früher liess Japan sein Papiergeld bei Naumann und Dondorf in Frankfurt a. M. drucken; jetzt besitzt es in Tokio eine Staats- und Geldpapier-Fabrik. Die Gebäulichkeiten, von einem französischen Architekten in Backsteinen aufgeführt, bestehen in einem grossen Vordergebäude mit zwei Flügeln und in mehreren Hintergebäuden. Das Institut ist mit dem vorzüglichsten Material und vortrefflichen Maschinen, grösstenteils von König & Bauer, ausgerüstet und arbeitet mit einem fast ausschliesslich einheimischen Personal, von Männern sowohl als von Frauen.
Die erste mechanische Papierfabrik nach europäischer Art wurde 1875 in Tokio eingerichtet. Das Gebäude ist aus Ziegelsteinen aufgeführt, misst 225 englische Fuss in der Länge, 106 Fuss in der Breite. Der Maschinensaal ist 130 Fuss lang, 32 Fuss breit, die Maschine selbst nach dem System Fourdrinier hat eine Länge von 76 Fuss. Durch zwei Zentrifugalpumpen können pro Minute bis zu 1600 Gallonen Wasser auf einen Turm von 26 Fuss Höhe, wo die Wasserreservoirs der Fabrik sich befinden, hinaufgepumpt werden. Die Beleuchtung geschieht durch selbstfabriziertes Gas. Es werden seitens der japanesischen Regierung grosse Anstrengungen gemacht, um den Verkauf des Fabrikats am Londoner Markt zu fördern, doch findet man es dort zu teuer.
Australien.
Australien hat den Engländern die Bekanntschaft mit der Kunst Gutenbergs zu verdanken. In Sidney entstand 1802 die erste Presse, deren Begründer ein Creole, George Howe, war. Der Durst nach politischen Nachrichten und öffentlichen Mitteilungen rief 1803 die erste Zeitung hervor, der bald andere folgten. Die Zügellosigkeit der Presse veranlasste ein sehr strenges Pressgesetz von 1827, das jedoch später aufgehoben wurde. Hobarttown auf Vandiemensland (Tasmanien) erhielt 1818 eine Druckwerkstätte.
Seit der Zeit haben sich die Verhältnisse sehr günstig für die Kunst in Australien gestaltet. In dem jungen aufblühenden Lande mit einer energischen, vorwärtsstrebenden Bevölkerung eröffneten sich für die Zeitungspresse die schönsten Aussichten. Sie ist denn auch in Australien in einem gewaltigen Vorwärtsschreiten begriffen und Zeitungen wie The South Australian Register in Adelaide, Argus und Age in Melbourne, Morning-Herald in Sidney nehmen es mit grossen englischen und amerikanischen Zeitungen auf, selbst in Bezug auf den Umfang der telegraphischen Korrespondenz. Jede kleine Stadt besitzt eine Zeitung oder doch ein Wochenblatt. Bei einer Bevölkerung von nur 2500000 Menschen hatte Australien 478 Zeitungen, davon in der Kolonie Victoria 151, in Neu-Süd-Wales 118, in Süd-Australien 46, in Queensland 48, auf Neu-Seeland 114, auf Tasmanien 12, in Westaustralien 3. Sie sind fast alle in englischer Sprache; die deutsche ist fast gar nicht vertreten. Die Ausstattung der Druckereien daselbst ist eine entsprechende. Die Setzer sind vorzugsweise Europäer, das Lehrlingswesen liegt im Argen.
Die Fabrikation für die Typographie ist noch in der Kindheit und das Mutterland hat in Australien einen sehr guten Kunden. Melbourne allein zahlt für Typen, Papier und Stationary-Artikel jährlich mehr als 6 Millionen Mark an England, doch schafft jetzt die amerikanische Konkurrenz, welche fast alle Accidenzschriften liefert, diesem einen schweren Stand.
Die Inseln der Südsee.
Nach den Gesellschafts-Inseln brachten die Missionäre 1818 die Kunst. Von einer auf der Missionspresse gedruckten Bibel wurden 3000 Exemplare in wenigen Tagen verkauft. Der Preis für ein Exemplar war ein Quantum von etwa zehn Kannen Kokosöl.
Auf den Sandwichs-Inseln wird in der Hauptstadt Honolulu seit 1821 gedruckt und 1835 erschien eine Zeitung. Der König gab dazu seine Erlaubnis mit den folgenden Worten: »Ich gebe meine Einwilligung, denn es freut mich, die Werke anderer Länder kennen zu lernen, sowie Dinge zu hören, die neu sind und die ich gern sehen möchte, wenn ich dort wäre. Ich habe zu dem Minister gesagt: »„Mache Druckerpressen««. Mein Gedanke ist zu Ende. König Kanegeaguli“. Auch der König Kalakaua war Redacteur und fleissiger Leitartikelschreiber. — Die Fidschi-Inseln haben vier Druckereien.
Afrika.
Der Norden Afrikas wird weiter unten (Romanische Gruppe) Erwähnung finden.
Über die frühzeitige Verbreitung der Buchdruckerkunst durch die Portugiesen in Abessinien und auf der Westküste von Afrika liegen keine begründeten historischen Nachrichten vor. Erwiesen ist nur, dass im Jahre 1583 auf der Insel Terceira gedruckt und zwar sehr gut gedruckt wurde.
In Freetown auf der Westküste gründeten Missionäre Schulen und Druckereien. Die Insel St. Helena erhielt aus Veranlassung der Gefangenschaft Napoleons eine Buchdruckerei.
In der seit 1806 den Engländern gehörenden Kapkolonie blühte die Presse bald empor. Die erste eigentliche Zeitung erschien 1824. Seit 1830 werden auch im Innern des Landes Zeitungen gedruckt. Der Zeitungsstempel wurde 1848 abgeschafft. 1854 wurde die erste mit Dampf betriebene Schnellpresse aufgestellt und 1860 hatte die Kolonie 29 periodische Schriften. Bereits damals beschäftigte die vorzügliche Druckerei von Saul Salomon & Co. über 100 Arbeiter und zwei Dampfschnellpressen und lieferte auch eine grosse Zahl von Accidenzarbeiten in bester Ausführung. 1880 war die Zahl der Zeitungen 52, von denen 43 in englischer, 6 in holländischer Sprache, 3 in beiden Sprachen zugleich erschienen.
Recht fröhlich gedieh die Kunst auf Madagascar. König Radáma I. (gestorben 1828) war ein aufgeklärter Mann und Freund des Christentums und der Presse, welche von Missionären in den zwanziger Jahren eingeführt wurde. Diese brachten erst die Sprache der Eingeborenen in ein orthographisches System, um dieselbe geschrieben und gedruckt wiedergeben zu können. In der Hauptstadt Antananarivo wurden sechs periodische Schriften herausgegeben, darunter die Monatshefte „Gute Worte“ in einer Auflage von 3000 Exemplaren und das halbmonatlich erscheinende Blatt „Reis mit Honig gemischt“.
Fußnoten:
[53] Anecdotes biographical and literary of W. Bowyer. London 1778.
[54] Der bekannte Thom. Curson Hansard behauptet in seiner Typographia, dass, wenn die besten Prachtwerke Englands nicht ganz die besten der Franzosen und Bodonis erreichen sollten, dies in der schwierigeren Behandlung der Farben liege, deren Konsistenz in der wechselnden Temperatur Englands nicht ganz gleichmässig erhalten werden könne.
[55] 1879 rechnete man, dass jedes Parlamentsmitglied während der Dauer des letzten Parlaments 20 Zentner an Drucksachen empfangen habe.
[56] Biographical Memoir of Luke Hansard. London 1829.
[57] Thom. Landseer, Life and letters of W. Bewick. 2 Bde. London 1870. — J. G. Bell, A descriptive and critical Catalogue of works illustrated by T. and J. Bewick. — Th. Hugo, The Bewick Collector, London 1866. Supplement 1868. — Bewicks wood cuts, ed. by Th. Hugo. London 1870.
[58] History of the Balantyne Press. Edinburgh 1871.
[59] R. Lindau setzte dem Verstorbenen ein ehrendes Denkmal in der „Gegenwart“, abgedruckt im Börsenbl. f. d. d. B. 1879, Nr. 293.
[60] Autobiography and Memoir of R. & W. Chambers. Philadelphia 1872.
[61] C. Mitchell & Co., The newspaper press directory 1881. London. 36. Jahrg. — F. L. May & Co., Press-guide. — A. Andrews, The history of british journalism to 1855. 2 Bde. London 1859. — James Grant, The newspaper Press. 3 Bde. London 1871. — Jul. Duboc, Geschichte der englischen Presse. Hannover 1873. — R. R. Madden, The history of Irish periodical Litterature. London 1867. — Zur Charakteristik des Journalismus in England. Deutsche Vierteljahrsschrift 1853. — H. Sampson, A history of Advertising. London 1874.
[62] G. Bullen, Caxton Celebration. London 1877. — Catalogue of the Loan Collection etc. London 1877.
[63] Börsenbl. f. d. d. B. 1834, Nr. 17, 18.
[64] Ch. Knight, The old Printer and the modern Press.
[65] Merkwürdigerweise war das „Börsenblatt für den deutschen Buchhandel“ der heftigste Antagonist der ganzen Richtung und wurde nicht müde, das Pfennig-Magazin auf das heftigste anzugreifen.
[66] Kelly, Directory of Stationers, Printers etc. of England. 3. Ausg. London 1880. — Whitaker, Reference Catalogue of current Litterature (periodisch). — H. Curven, A history of booksellers. London 1874. Ein kritikloses, aber viele interessante Details enthaltendes Buch.
[67] Diese grossartige Offizin wurde ausführlich von Th. Goebel im Journ. f. B. 1875, Nr. 40 u. f. beschrieben.
[68] Deutsch bearbeitet von L. Mohr in Strassburg (in Waldows Archiv), französisch von Léon Degeorge.
[69] A. Ulm, Bernh. Quaritch, N. Anz. f. Bibliogr.; ebenfalls Börsenbl. f. d. Buchh. 1880, Nr. 21.
[70] J. A. Arnett, Bibliopegia. London 1835.
[71] Einen sehr hübschen Überblick sowohl über die zu feineren Accidenzarbeiten zur Verwendung kommenden, in Qualität und Färbung oft ganz vorzüglichen Papiere, als auch über die englische Art, Accidenzien zu behandeln, giebt das bei Field & Tuer in London jährlich (1882 zum drittenmale) erscheinende The printers international Specimen Exchange in connection with the Paper and Printing-Trades-Journal. Es beruht das Unternehmen, das nicht in den Handel kommt, auf einem eigentümlichen internationalen Umtausch von Accidenzien. Wer eine solche in angegebener Weise ausgestattete in der nötigen Zahl von Exemplaren liefert, erhält ein Exemplar des Buches gegen eine mässige Vergütung für den Einband. Die Ausführung ist meistens technisch gut und zeugt von dem Streben, etwas mit dem Material zu machen. Ob Hansard (vgl. S. [16]) sich freuen würde: that is the question!
[72] Der Buchhändler Herr W. v. Braumüller in Wien erhielt vom Kaiser von Japan als Gegengeschenk für eine, der deutschen medizinischen Schule in Tokio übersandte Sammlung der hervorragendsten Artikel seines wissenschaftlichen Verlages eine Auswahl von 144 von den besten und seltensten japanischen Werken in 1408 Bänden. Herr v. Braumüller liess ein Verzeichnis davon als Bibliotheca Japonica drucken. Die Titel sind mit deutscher Übersetzung versehen und gewähren einen belehrenden Einblick in die Bücherproduktion Japans.
IV. KAPITEL.
DIE TYPOGRAPHIE UND DAS BUCHGEWERBE NORDAMERIKAS.
Wachstum der Presse. Die Zeitungen: Statistisches, der Herald, Horace Greeley und die Tribune, G. Childs und der Ledger, die Familie Harper, Frank Leslie und die illustrierte Presse. Die Holzschneidekunst. Die Buchdruckerei und der Buchhandel: die Staatsdruckerei und der Accidenzdruck, Organisation des Buchhandels. Grosse Druck- und Verlagsfirmen: Appleton, Lippincott, Houghton u. a., Einfluss des deutschen Elements, Nachdruck deutscher Werke, deutsche Buchhandlungen und Zeitungen. Das Papier.
Steigende Macht der Presse.
NACHDEM Amerika seine Unabhängigkeit erkämpft hatte, stieg die Macht seiner Presse in rapider Weise. Es war natürlich, dass von einem Zustand gemütreicher litterarischer Beschaulichkeit noch keine Rede sein konnte und dass sich die geistigen Kräfte der Besten des Volkes fast ausschliesslich dem praktischen und dem politischen Leben zuwenden mussten. Die litterarischen Bedürfnisse liessen sich leicht und billig durch den Nachdruck der geistigen Erzeugnisse des Mutterlandes befriedigen und der Nachdruck war ja nicht verboten, also eine ehrliche, ja lobenswerte Sache.
Die Zeitungen.
Vor allem hatte man Zeitungen nötig; auf diese konzentrierten sich deshalb die Gedanken und Pläne der Verleger, der Buchdrucker, der Schriftgiesser und der Maschinenbauer und bald zeigte sich ein an das Wunderbare grenzender Aufschwung dieses Zweiges des Buchgewerbes.
Im Jahre 1776 hatte New-York nur 4 Zeitungen, Massachusetts 7, Pennsylvanien gar keine aufzuweisen. Zur Zeit der Centennial-Feier und der Weltausstellung zu Philadelphia im Jahre 1876 erschienen in New-York 1088, in Massachusetts 346, in Pennsylvanien 738 Zeitschriften. Heute beträgt die Gesamtzahl der periodischen Schriften Nordamerikas 11418, darunter täglich erscheinende Blätter 982, Wochenblätter 8725. Von der Gesamtzahl liefert New-York 1412, Illinois 1032, Missouri 531. Illustrierte Blätter giebt es 512, Zeitschriften religiösen Inhalts 572. In englischer Sprache wurden 10619 Blätter gedruckt, 605 in deutscher, 35 in französischer, 37 in schwedischer und dänischer Sprache. Beschäftigung finden bei der Herstellung 72000 Menschen mit einem Lohnaufwande von 115 Millionen Mark. Der Brutto-Ertrag wird auf 370 Millionen Mark geschätzt. Die tägliche Zirkulation der Tagesblätter ist auf 3637000 Nummern — dieselbe ungefähr, die England mit seinen 135 Blättern erzielt — berechnet, die einmalige der Wochenblätter auf 19450000, die Gesamtsumme aller Zeitungen und Zeitschriften jährlich auf 2077650675 Nummern[73].
Es hat sich jemand die Mühe gegeben, auszurechnen, dass mit einem Gürtel an einander gereihter Bogen eines Jahrganges der amerikanischen Zeitungen die Erde sich 47mal umwickeln lasse und dass der Papierstreifen fünf Meilen länger sein würde, als die Entfernung der Erde von dem Monde. Ein anderer giebt an, dass zu einer Nummer sämtlicher Zeitschriften Nordamerikas 5000000 Pfund Schriften oder etwa 3 Milliarden Typen gehören. Kontrolliert haben wir die Rechnungen nicht.
Befinden sich unter den Zeitungen auch manche unbedeutende, die nur dazu dienen, die Zahl auszufüllen, so begegnen uns andererseits viele riesenhafte Unternehmungen, mit denen in Europa ausser den Times nur noch einige wenige sich messen können. Das New-Yorker Zeitungsviertel umschliesst die Prachtgebäude der Journale: New-Yorker Staatszeitung, Daily News, Star, Sun, Tribune, Times, Observer, World, Evening Mail, Evening Telegraph, Herald, dazu den grossartigen Bau des Zentral-Telegraphenamtes, die kolossalen Offizinen von Harper Brothers u. a. Mit diesem bibliopolisch-typographischen Viertel kann sich selbst Fleet-Street, Paternoster-Row und Umgebung in London nicht messen.
Der Herald.
Das grossartigste Zeitungs-Institut ist wohl das des New-York Herald. Die Herausgeber haben sich die Mühe gegeben, eine Nummer des Herald mit der korrespondierenden Nummer der englischen Times zusammenzustellen. Jede enthält 120 Spalten; unter diesen hatte der Herald 80 Inseratenspalten mit 3061 Anzeigen, Times 73 Spalten mit 1846 Annoncen. Dem Stoff nach enthält die Herald-Nummer auf 31350 Zeilen mit etwa 2800000 Typenstücken den ungefähren Stoff von fünf gewöhnlichen Romanbänden. Die Ausgaben für einzelne Telegramme sind enorm und waren es früher noch mehr, als zehn Wörter 400 Mark kosteten. Während des englisch-abessinischen Krieges musste die englische Regierung ihre Nachrichten aus dem Privatbureau des Herald holen, denn dieser empfing seine Telegramme so zeitig, dass die englischen Blätter die aus New-York zurücktelegraphierten Nachrichten als ihre neuesten Nachrichten bringen mussten. Zur Zeit des deutsch-französischen Krieges hatte die Tribune den Herald überholt. Erstere brachte mit einem Kostenaufwand von 3000 Dollars das erste, spaltenlange Telegramm über den Kampf bei Gravelotte, das schon Tage lang in New-York gelesen war, als man in Berlin sich noch immer mit dem bekannten kurzen Telegramm aus dem Hauptquartier begnügen musste. Das machte die Tribune während des Krieges sehr populär. Als Trumpf hiergegen spielte nun der Herald die sehr kostspielige afrikanische Expedition Stanleys zum Aufsuchen Livingstones aus.
H. Greeley * 3. Febr. 1811, † 29. Nov. 1872.
Überhaupt erreichte die von Horace Greeley im Verein mit gleichgesinnten Mitarbeitern 1841 gegründete Tribune[74] eine hohe Bedeutung. Horace Greeley war Sohn eines armen Bauers in Amhorst. Er half seinem Vater beim Holzfällen; jedoch seine Liebe zu den Büchern erweckte den Wunsch in ihm, Setzer zu werden. Er kam auch in die Lehre nach Pultney, was er jedoch dort lernen konnte, war bald gelernt. Nach verschiedenen bösen Erfahrungen kam er am 18. August 1831 nach New-York mit zehn Dollars in der Tasche. Trotz seiner Tüchtigkeit ward es ihm sehr schwer, eine Stelle zu finden. Man traute ihm nichts ordentliches zu, namentlich weil er gar zu wenig auf sein Äusseres gab. Endlich fand er in einer Druckerei Stellung. Es wurde ihm die schwerste Aufgabe, der Satz eines polyglotten Neuen Testaments, aufgetragen. Die Arbeit fiel vortrefflich aus und Greeley war bei derselben mit solchem Fleiss, dass er in Misskredit bei seinen von ihm ausgestochenen Kollegen kam. Ein Dr. Steppard, ein Mann mit vielen Kenntnissen, aber ganz ohne Vermögen, wünschte Teilnehmer für ein Blatt, die „Morgenpost“, und veranlasste Greeley und den Faktor der Druckerei, Story, solche zu werden. Das Blatt schlug fehl, jedoch die angefangene Druckerei kam vorwärts; Story starb und Greeley nahm einen anderen Associé, Winchester. Auch eine zweite Zeitschrift, der „New-Yorker“, an dem Greeley gearbeitet hatte, ging ein. Dieser, der demnach Schriftsteller geworden war, gründete nun selbst 1841 die Tribune. Die Anfänge waren klein. Greeley war die Seele des Ganzen, bald am Redaktionstisch schreibend, bald am Setzkasten zugreifend, dann, wenn nötig, bei der Presse Hand anlegend. Das Blatt gewann rasch einen grossen Aufschwung und die etwa zwanzig Gründer, die mit ihrer Arbeit — denn über ein anderes Kapital hatten sie nicht zu verfügen gehabt — beteiligt waren, wurden wohlhabende Leute. Ausser der Tagesausgabe druckte man eine halbwöchentliche und eine wöchentliche, zusammen in ungefähr 100000 Exemplaren. Horace Greeley schlug standhaft die Übernahme der ehrenvollsten, selbst Gesandten-Posten, aus und meinte, wenn ein Journalist auf seinem Posten ist, dann kann er in einem Lande mit einer freien Presse mehr leisten, als alle Gesandte zusammen[75]. Die Setzer der Vereinigten Staaten wollten ihm zuerst ein aus Typen gegossenes Monument setzen, errichteten ihm jedoch später auf dem Greenwood-Friedhofe in Brooklyn ein Denkmal, bestehend in einer Bronce-Kolossalbüste. Die vier Seiten des Sockels sind mit Reliefs geschmückt.
G. W. Childs.
Bedeutenden Einfluss übte auch The Public Ledger George W. Childs'. Dieser, in Baltimore geboren, kam als vierzehnjähriger Bursche nach New-York in eine kleine Buchhandlung, erwarb sich durch grössten Fleiss, verbunden mit Sparsamkeit, einige hundert Dollars und fing mit diesen in einem Winkel des Gebäudes des Public Ledger ein kleines Geschäft an, jedoch mit dem Vorsatz: „das muss alles einmal mir gehören“. Childs wurde Teilhaber einer respektablen Buchhändlerfirma R. E. Peterson & Co., in der, unter seiner Beteiligung, viele bedeutende Werke erschienen.
Inzwischen war es mit dem angesehenen Ledger rückwärtsgegangen. Es bestand als Penny-Blatt seit dem Jahre 1816 und die Unternehmer hatten nicht den Mut, diesen Preis zu erhöhen, obwohl er unter den indes eingetretenen Valuta-Verhältnissen ein völlig unhaltbarer geworden war. Trotz der grossen Verbreitung und der massenhaften Inserate verlor man, wovon das Publikum jedoch keine Ahnung hatte, jährlich an 150000 Dollars. Unter diesen Verhältnissen kaufte Childs das Blatt für eine Summe, welche die eines Jahresausfalles wenig überschritt, stellte den Preis auf zwei Pence und erhöhte entsprechend den Inseratenpreis. Anfänglich grosser Krach in der Zahl der Abonnenten, dann aber das Gefühl bei denselben, den alten bewährten Freund nicht entbehren zu können, und die Sache ging wieder vorwärts. Nun war Childs ein gemachter Mann und der Ledger[76] eine grosse Macht, von der jedoch der Besitzer immer nur den edelsten Gebrauch gemacht hat. Er begriff, dass der Mann, welcher eine Druckerpresse besitzt und die Feder führt, ebensowenig das Recht hat, Schmähnachrichten zu verbreiten oder die Ehre eines anderen anzutasten, als derjenige, der eine Uniform und ein Schwert trägt, befugt ist, nach Belieben zu tödten oder zu verwunden, um seinen Launen oder boshaften Gesinnungen zu fröhnen. Sogar über die Anzeigen wachte er und hatte den Mut, von dem Prinzip abzugehen, wonach der Herausgeber eines Blattes nicht die Verantwortlichkeit, wennauch nur die moralische, für die Anzeigen zu tragen habe. Dass er mit diesem Prinzip zugleich auf grosse Einnahmen verzichtete, ist leicht zu begreifen. Childs sorgte auch stets in grossartigster Weise für die Gesundheit und das Wohlbefinden seiner Mitarbeiter.
Es ist nicht möglich, die bedeutenden Zeitungsanstalten alle näher zu charakterisieren und ihre Offizinen ausführlich zu beschreiben, die auch im Westen grossartige Dimensionen angenommen haben, so z. B. die Offizin der Chicago Times, die in einem aus weissen Sandsteinen erbauten, palastähnlichen Eckgebäude mit zwei Fronten von je 80 Fuss ein Erdgeschoss und fünf Stockwerke einnimmt. Überhaupt würden solche Äusserlichkeiten an und für sich keine Bedeutung für die Geschichte der Buchdruckerkunst haben, wenn sie nicht mit als Beweis dienten, welche kolossale Ausdehnung und hohe Macht die Zeitungspresse besitzt, die doch immer nur ein Teil der Gesamtpresse ist.
Auch unter den Wochenblättern erheben einige stolz ihre Häupter über das Gewöhnliche. Unter den Verlegern und Druckern, die sich um diese Litteratur, doch nicht nur um diese, verdient gemacht haben, steht die Familie Harper obenan[77].
John Harper * 22. Jan. 1797, † 22. April 1875.
Der Gründer derselben, John Harper, stammt aus Newtown (Rhode Island). Sein Bruder James und er waren in New-York in einer Buchdruckerei beschäftigt und zählten mit zu den tüchtigsten Arbeitern, James als Drucker, John als Setzer. Im Jahre 1817 gründeten die Brüder eine kleine Buchdruckerei unter der Firma J. & J. Harper. Durch Promptheit erwarben sie sich einen guten Ruf und ihre eigenen Verlagsunternehmungen wurden mit Vertrauen empfangen. 1833 gesellten sich noch zwei Brüder, Joseph Wesley Harper und Fletcher Harper, als Teilnehmer dazu und die Firma wurde Harper Brothers. Die vier Brüder waren alle sehr verschiedenen Charakters, ergänzten sich jedoch ganz vortrefflich. Frug man: wer ist Harper? und wer sind die Brüder? so konnte man nur antworten: „irgend einer derselben ist Mr. Harper und die anderen sind die Brüder“. Gerade in diesem innigen Zusammenwirken lag das Geheimnis ihrer Erfolge. Im Jahre 1850 begannen sie Harpers Monthly, dessen Aufnahme eine so ausserordentlich günstige war, dass sie 1857 Harpers Weekly und 1867 Harpers Bazar folgen liessen.
Harpers neues Etablissement.
Jeder der Brüder hatte sein besonderes Departement, welches er selbständig leitete. Das der Finanzen gehörte John, zugleich die Besorgung der Erwerbungen an Material und Maschinen. Er war ein Mann von bestimmtem Charakter, rasch im Entschliessen, fest in der Durchführung der Entschlüsse, in allen Verhältnissen ein Gentleman, bei aller Lebhaftigkeit stets ruhig und besonnen, nie in Unruhe oder Hast.
Brand des Etablissements.
Als das grosse Harpersche Etablissement in Franklin-square 1853 ein Raub der Flammen wurde, stand John mit seinen Brüdern ruhig unter der aufgeregten Menschenmasse und beobachtete das Fortschreiten des verheerenden Elements. Seine Uhr aus der Tasche ziehend bemerkte er gegen die Brüder, dass es jetzt Essenszeit sei; es wäre wohl das beste, man käme nach dem Essen zu ihm, dort könne man ruhig überlegen, was zu thun! Die Brüder fanden sich ein und sassen schweigend in Gedanken vertieft. Da ergriff John das Wort: „Unser Geschäft ist zu wertvoll, um es fallen zu lassen oder um es in andere Hände zu geben. Wir haben alle Söhne; sie haben uns geholfen und sind nun bald imstande, unsere Plätze einzunehmen. Wir wollen ihnen das Geschäft weiter führen und ihnen zeigen, dass wir noch keine alten Schlafmützen sind“.
Und so wards beschlossen. Noch an demselben Abend begann John die Pläne für den Neubau zu entwerfen. Die Zeichnungen von allen den inneren Räumlichkeiten und Einrichtungen wurden unter Berücksichtigung der mannigfachen Bedürfnisse des Geschäfts in allen Details von John gemacht und dann dem Architekten übergeben, dem es überlassen wurde, das Äussere dem Innern anzupassen. Durch Schaden klug geworden, liess man alles aus Stein oder Eisen aufführen. Jedes Stockwerk ist für sich ganz abgeschlossen und die Kommunikation mit den beiden Geschäftshäusern nur durch die, in einem freistehenden Turm, von welchem aus Verbindungsbrücken nach jedem Stocke der beiden Geschäftsgebäude führen, befindliche Treppe unterhalten. Es dürfte dieses Etablissement jetzt eines der eigentümlichsten, zugleich eine der am besten gegen Feuersgefahr gesicherten Druckereien der Welt sein. Ein eigentümlicher Zug von John Harper war es, dass er, obwohl er täglich von 9–3 Uhr im Comptoir arbeitete, die nach seiner eigenen Angabe gebauten Lokalitäten, mit Ausnahme des Maschinenraumes, nie betrat. Was in sein Departement nicht gehörte, überliess er ganz und gar seinen Brüdern, Söhnen und Neffen. Der Bruder James starb 1869, Wesley 1870, John selbst 1875 am 22. April, nur sein Bruder Fletcher überlebte ihn. Bis zum Jahre 1878 hatten Harpers 3291 Werke in über 4000 Bänden herausgegeben.
K. Scribner.
Wennauch Harpers Monthly die grösste Auflage von allen Monatsschriften hat — 160000 Exemplare —, so kommt ihm doch das von Karl Scribner gegründete Scribners Monthly, das jetzt den Titel The Century angenommen hat, nahe. Der materielle Wert eines solchen Unternehmens ist ein sehr bedeutender; so erhielten die Söhne Scribners für ihren 40prozentigen Anteil die Summe von mehr als 1100000 Mark, wonach also das ganze Unternehmen den Wert von gegen 3 Millionen Mark repräsentierte.
Frank Leslie * 1821, † 1. Jan. 1880.
Unter den Herausgebern illustrierter Blätter ist Frank Leslie besonders zu erwähnen. Sein eigentlicher Name war Henry Carter. Erst Holzschneider und Vorsteher der xylographischen Anstalt der Illustrated London News, ging er im Jahre 1848 nach Amerika und unternahm die Gazette of Fashion, dann den Chimney Corner und das Ladys Magazine. Am 14. Dezember 1855 erschien Frank Leslies Illustrated Newspaper. Zwar erwarb er sich damit ein sehr grosses Vermögen; bei seiner excessiven Freigebigkeit überstiegen jedoch seine Ausgaben die Einnahmen und er musste 1877 sein Geschäft an J. W. England abtreten, wirkte aber für dasselbe fort. Leslie war der erste, welcher die grossen Holzplatten mit den darauf sich befindenden Zeichnungen in viele Stücke zersägen liess, um sie nach Vollendung des Schnittes, der nun gleichzeitig von einer grossen Zahl von Holzschneidern, also sehr schnell, gearbeitet werden konnte, wieder zusammen zu leimen oder durch Rahmen zusammen zu pressen.
Georg Putnam * 21. Febr. 1814, † 20. Dez. 1872.
Auch Georg Palmer Putnam erwarb sich einen bedeutenden Namen als Journal-Herausgeber. 1840 gründete er die Firma Wiley & Putnam. In London legte er eine Filiale an, weilte dort sieben Jahre und gab von 1843 ab The American Bookseller heraus. Putnam war der erste, der regelmässig Bücher nach England exportierte und umgekehrt von dort importierte. Nach seiner Rückkehr nach New-York wurde 1852 Putnams Magazine gegründet, welches damals in Nordamerika einzig in seiner Art dastand.
The Daily Graphic.
Amerika hat auch zu einer täglich erscheinenden illustrierten Zeitung den ersten Anlauf genommen. Seit 1873 erscheint in New-York The Daily Graphic; jede Nummer mit etwa zwanzig grösseren oder kleineren Illustrationen. Bei einem äusserst mässigen Preis sind Druck und Papier sehr gut. Da jedoch die Bilder — Hochätzungen von verschiedenem Wert — in der Mehrzahl den unterhaltenden Teil illustrieren, also im voraus fertiggestellt werden können, so ist das Problem einer wirklichen illustrierten Tageszeitung noch nicht als voll gelöst zu betrachten.
Die Summe, welche die Inserierenden an die Zeitungs-Herausgeber zu zahlen haben, wird auf 120 Millionen Mark geschätzt. Von The Sun wurde neulich eine der 350 Aktien „billig“ für 18000 Mark verkauft, das gäbe nahe an sechs und eine halbe Million Mark. Der Redakteur A. Dana bezieht als Salair und Tantième jährlich etwa 300000 Mark. Hiernach kann man sich eine Vorstellung machen von dem enormen pekuniären Wert der amerikanischen Zeitungen.
Xylographie.
Alex. Anderson * 21. April 1775, † 17. Jan. 1870.
Der Schöpfer der amerikanischen Holzschneidekunst war Alexander Anderson. Bereits als Schulknabe schnitt er mit einem Handmesser kleine Vignetten in Schriftmetall und verkaufte sie an Zeitungs-Herausgeber. Später wählte er die Medizin als Brotstudium; jedoch die Liebe zur Kunst behielt die Oberhand bei ihm, und als er erfuhr, dass Bewick in London in Buchsbaum schnitt, hing er die Medizin an den Nagel und wurde der erste Holzschneider in Amerika. Seine letzte Arbeit in Metall war „das Abendmahl“ nach Holbein für eine Bibel in Quart. Bis in sein 94. Jahr arbeitete er unverdrossen. Während Amerika 1840 nur etwa 40 Xylographen hatte, betrug die Zahl bei Andersons Tod bereits über 400.
J. Adams.
Um den Druck der Holzschnitte, zugleich um diese selbst und die galvanische Vervielfältigung derselben hat J. Adams wesentliche Verdienste. Nach vielen vergeblichen Versuchen gelang es ihm, mit Harpers ein Übereinkommen betreffs des Verlages und Druckes einer illustrierten Bibel abzuschliessen, wobei er die Bedingung gestellt hatte, dass der Druck vollständig nach seiner Angabe geschehe. Mit unermüdlicher Sorgfalt wendete er das noch nicht bekannte Verfahren des Unterlegens an und nach vierzehntägiger Arbeit an der Adamsschen Tiegeldruckpresse, während deren er vieles von den über ihn spottenden Druckern und der Bedenklichkeit der Verleger zu leiden hatte, leistete er zum Staunen der ersteren und zur Genugthuung der letzteren mit dem ersten Bogen einen Druck, wie man ihn noch nicht kannte. Das Publikum lohnte der Verleger Opferwilligkeit durch Abnahme von 50000 Exemplaren.
Die Regierungsdruckerei.
Unter den Druckanstalten Amerikas sowohl als unter den Staatsdruckereien anderer Länder nimmt die Regierungsdruckerei[78] der Vereinigten Staaten einen achtunggebietenden Standpunkt ein.
Zuerst wurden die Staatsarbeiten an die, von beiden Häusern gewählten Privatdruckereien vergeben, mit denen man auf Grund bestimmter Preise kontrahierte. Später beliebte man den Zuschlag an den Mindestfordernden, dann wurde zu einer Anstalt geschritten, deren Direktor der Präsident erwählt. Die 1861 bezogenen Räumlichkeiten sind später bedeutend erweitert worden.
Vor der Rebellion der Südstaaten genügten 23, grösstenteils Adamssche, Schnellpressen. Durch 4 Accidenzpressen und einige Liniiermaschinen wurden die kleineren Arbeiten erledigt. Während des Aufstandes nötigte jedoch der Bedarf des Kriegs- und Marinedepartements zur Verstärkung der Kräfte. Obwohl von Liniiermaschinen allein 16 fortwährend beschäftigt waren, mussten manche Arbeiten Privaten übertragen werden. Nachdem jedoch der Kongress bestimmt hatte, dass alle Regierungsarbeiten in der Staatsdruckerei besorgt werden sollten, waren grosse Erweiterungen vorzunehmen.
Das Druckhaus ist ein vierstöckiges, nicht besonders schönes, jedoch gut belichtetes und zweckmässig eingerichtetes Gebäude von 300 Fuss Länge und 60–70 Fuss Breite. Der Druckersaal nimmt die ganze Tiefe und 270 Fuss Länge ein. Die Zahl der Schnellpressen beträgt 63, die der Arbeiter 1200. Die Jahresausgabe für Löhne und Material wird auf etwa 9 Millionen Mark veranschlagt. Die Arbeiten sind in drei Klassen geteilt: Staatsakten, gerichtliche und laufende Arbeiten. Die in der Anstalt gedruckten Werke haben oft einen grossen Umfang, so umfasst das Werk über den Secessionskrieg 96 Bände in Grossoktav. Oft ist rasende Eile notwendig; so wurden die Berichte der Halifax-Fischerei-Kommission 480 Seiten in Oktav in 48 Stunden gesetzt, korrigiert, gedruckt, gebunden und dem Kongress übergeben. Der jährliche landwirtschaftliche Bericht ist ein Band von 800 Oktavseiten und wird in 225000 Exemplaren gedruckt.
Banknotendruck.
Der Banknotendruck unterlag durch Jakob Perkins, der die Herstellung von Stahlplatten einführte, einer bedeutenden Umänderung und Verbesserung. 1818 ging Perkins nach London und arbeitete dort mit dem vorzüglichen Graveur Heath zusammen. Mehrere Sicherheitsmassregeln wurden erfunden, namentlich das Hineinarbeiten von Fäden oder Haaren in das Papier. Die Noten sind, dem Geschmack der Amerikaner gemäss, recht bunt und enthalten vollständige Bilder, ja sogar Schlachtenscenen, in Stahlstich. Sie werden in dem Bureau of Engraving and Printing, einer Abteilung des Schatzamtes, und bei der American Banknote Company ausgeführt.
Die Postkarten liefert laut Vertrag die American Phototype Company in Holyoke. Der Bogen enthält 40 Postkarten. Die Pressen sind mit verschlossenen Zählapparaten versehen, zu welchen nur Regierungsbeamte den Schlüssel haben. Zirkularschneidemaschinen teilen den Bogen viermal der Länge nach, die Längenschnitte werden wieder zehnmal der Quere nach geschnitten. Täglich wird durchschnittlich 1 Million Stück geliefert, die Produktion kann aber auf 1700000 gesteigert werden.
Dass die Versendung von Drucksachen durch die Post eine sehr grosse ist, begreift sich leicht; sie beträgt neben 1100–1200 Millionen Briefen jährlich gegen 750 Millionen Zeitungsnummern und mehr als 300 Millionen andere Drucksachen.
Accidenzdruck.
Der Accidenzdruck setzt in einem Geschäftslande, wie es Amerika ist, enorme Summen in Zirkulation. Nach Einführung der Tretmaschinen ist ein grosser Teil der Arbeiten in die Hände der Stationer (Trittmüller) übergegangen. Bei der Sucht, auffällig zu sein, laufen allerdings manche sonderbare Erzeugnisse unter den Accidenzen mit unter, aber vieles ist auch ausserordentlich schön. Unter den Accidenzdruckern, speziell unter den Farbendruckern, steht W. J. Kelly in hohem Ansehen. Als Herausgeber einer Fachzeitschrift, The Model Printer, macht er zugleich seine Arbeiten der Allgemeinheit der Buchdrucker nutzbar. Einen würdigen Konkurrenten hat er in J. F. Earhart in Columbus. Auch Oscar H. Harpel in Cincinnati, der den glücklichen Gedanken hatte, etwa 700 von ihm O. H. Harpel * 8. Juni 1828, † 20. Nov. 1881.in der Praxis ausgeführte Accidenzen in einem Band Harpels Typograph zu sammeln, genoss eines verdienten Ansehens. Ausser seinem praktischen Musterbuch gab er ein mit grossen Kosten verbundenes Werk heraus: Poets and Poetry of Printerdom. Harpel war eine der ideal angelegten Naturen, die in ihrem Streben nach Vollkommenheit nicht genug das Praktische berücksichtigen, und er erzielte deshalb nicht die Vorteile, die ihm auf Grund seiner Tüchtigkeit und Liebe zur Kunst sehr zu gönnen gewesen wären.
Als Beispiel, welche Summen auf Accidenzarbeiten verwendet werden, sei angeführt, dass ein Kurzwaren-Geschäft in New-Haven für 2000 Exemplare eines Muster-Katalogs gegen 350000 Mark verausgabte. Der Folioband von 290 Seiten mit etwa 700 in der wirklichen Grösse und in den natürlichen Farben ausgeführten Abbildungen kostet allein zu binden 65 Mark für jedes Exemplar. Dabei übersandten die Besteller nach Vollendung des Bandes dem Drucker mit einem sehr verbindlichen Schreiben ein äusserst kostbares Chronometer, ein Zeichen der Anerkennung, wie sie im Geschäftsleben wohl nicht gar zu oft vorkommt.
Die Durchschnittsqualität des Buchdruckes ist eine gute. Man fabriziert in Amerika weniger für besondere Klassen von Lesern, es fehlt deshalb in der Regel einerseits das höchste Raffinement, andererseits ein ungeniertes Sichgehenlassen. Die Schulbücher sind, was nicht genug gelobt werden kann, fast ausnahmslos vortrefflich ausgestattet. Druckt man einmal wirkliche Prachtwerke, so können sie auch den Vergleich mit den besten Erzeugnissen der alten Welt aushalten, z. B. Appletons Picturesque America und Picturesque Europe.
Der Buchhandel.
Über die Ausdehnung des Buchhändlerischen Geschäfts[79] ist es nicht leicht, eine ganz bestimmte Übersicht zu gewinnen, da keinerlei Kontrolle ausgeübt wird. Die Zahl der eigentlichen Buchhändler wird auf etwa 3000 angegeben, darunter sind gegen 800 Verleger. Neun Zehnteile des Verlagsgeschäftes sind jedoch auf höchstens 50 Firmen verteilt. Buchhändler, welche nicht ein ausschliessliches Geschäft aus dem Handel mit Büchern machen, giebt es über 10000.
Bücherproduktion.
Hat die Bücherproduktion auch nicht eine so immense Steigerung aufzuweisen wie die Zeitungsproduktion, so ist sie doch eine sehr bedeutende. Die amerikanische Originallitteratur bietet schon jetzt einen bedeutenden Stoff, daneben werden mit einer, bei lohnenden Aussichten staunenswerten, einer besseren Sache zur grössten Ehre gereichenden Energie die besten Erzeugnisse des Mutterlandes nachgedruckt. Ein internationaler Vertrag mit England lässt immer noch auf sich warten, und obwohl selbst in Amerika gewichtige Stimmen für den Schutz gegen Nachdruck sich erheben, ist doch kaum anzunehmen, dass der „praktische“ Amerikaner sich dem Zwange sobald fügen wird, es wäre denn, dass die Zunge der Interessenwage sich zu seinen Gunsten neigen würde.
Organisation des Buchhandels.
Der eigentliche Ursprung des organisierten Buchhandels in Amerika rührt von der Begründung der Amerikanischen Buchhandlungs-Gesellschaft im Jahre 1801 her. Sie errichtete Comptoire in New-York, Philadelphia und Boston, stellte feste Bedingungen für den Betrieb und war bemüht, durch Preisausschreiben die Fabrikation des Papiers und der Druckerschwärze zu fördern. Doch blieben die Fortschritte des Buchhandels immer noch klein. Die Auflagen wurden selten höher als 5–600 gemacht.
Mit dem Jahre 1830 hatte sich dies schon sehr geändert und später erreichten Werke selbst von grösserem Umfang und hohem Preis grosse Verbreitung. Agassiz' Naturgeschichte Nordamerikas, die über 600 Mark kostete, hatte über 2500 Subskribenten; von Kanes Reise nach den arktischen Regionen wurden 60000 Exemplare abgesetzt, von Murrays geographischer Encyklopädie 50000, von Chambers Encyclopædia of Literature über 100000. 1860 gab es bereits 400 Verleger und der Wert der produzierten Bücher — nicht Zeitungen —, der 1820 10 Millionen Mark betrug, hatte 1860 70 Millionen Mark überschritten. Die Zahl der Buchdruckereien war 1860 bis auf 4000 gestiegen, nachdem sie 1776 40, 1812 400 betragen hatte.
Die Organisation des Buchhandels ist nicht so geschlossen, wie in Deutschland, doch hat die American Book Trade Association einige Ähnlichkeit mit dem Börsen-Verein der deutschen Buchhändler. Die Buchhändler teilen sich in Publishers (Verleger), Jobbers (Kommissionäre) und Retailers (Sortimentshändler), doch sind diese drei Branchen oft in einer Hand vereinigt. Eine besondere Klasse der Verleger bilden die sogenannten Subscription Publishers, welche ihren Verlag nur durch Vermittelung von Agenten vertreiben, von welchen jedem ein gewisses Territorium überlassen bleibt, innerhalb dessen Grenzen er allein den Vertrieb hat. Der Jobber dient als Mittelsmann für diejenigen Sortimenter, die nicht mit den einzelnen Verlegern in Rechnung stehen können oder wollen, und vorziehen, ihren ganzen Bücherbedarf aus einer Hand zu nehmen. Sie kaufen oft tausende von Exemplaren von den Verlegern und verkaufen mit einem mässigen Nutzen.
Einmal im Herbst und einmal im Frühjahr findet eine grosse Bücherauktion statt, in welcher der Sortimentshändler sein Lager versorgt. Die Produktion des Jahres 1877 betrug 4476 Werke, also ungefähr dieselbe Quantität, die England produzierte. Nur einige grosse Firmen schlagen eine universelle Richtung ein, gewöhnlich beschränkt sich eine Firma auf einen Zweig.
Eine für Amerika eigentümliche Institution ist die American News Company. Diese Gesellschaft konzentriert in ihren Händen fast den ganzen Betrieb der periodischen Unternehmungen; ihre Interessen vertritt The American Bookseller. Es ist eine Anstalt, mit der die Journal-Verleger rechnen müssen, die jedoch ihre Macht in loyaler Weise gebraucht.
Fr. Leupoldt.
Um die Förderung der buchhändlerischen Organisation und des Büchervertriebes hat sich der Deutsche Friedr. Leupoldt aus Stuttgart besonders verdient gemacht. Wie in früherer Zeit Deutsche die Buchdruckerkunst durch alle Länder verbreiteten, so sind es in späterer Zeit fast überall Deutsche, die sich um die rationelle Einrichtung der buchhändlerischen Institutionen verdient gemacht und, durch die mühsamen Arbeiten der Inventarisierung, System in den Vertrieb gebracht haben. Die von Leupoldt ins Leben gerufene Publishers Weekly ist die beste bibliographische Zeitschrift Amerikas. Ebenfalls vortrefflich ist sein seit 1876 erscheinendes American Library Journal und sein jüngstes Werk Catalogue and Finding List of all American Books in Print and for Sale. 1881. Eine grosse Erleichterung für den Vertrieb bildet schliesslich die, ebenfalls von Leupoldt in Scene gesetzte, Uniform Trade List Annual, eine in gleichförmigem Äussern durchgeführte Sammlung der Kataloge der Mehrzahl der Verlagshändler, eine Idee, welche in Europa sofort Nachahmung fand, auch den Anstoss zu dem idealern, aber vielleicht weniger praktischen Russellschen „Gesamt-Verlagskatalog des Deutschen Buchhandels“ gegeben hat.
Sower, Potter & Co.
Einige der massgebenden und bahnbrechenden Verleger und Drucker wurden bereits genannt; es mögen zur Charakterisierung noch einige wenige angeführt werden und zwar zuerst das älteste Druckgeschäft Amerikas, dessen Geschichte noch weiter zurückgeht, als die der Vereinigten Staaten selbst und welches zugleich deutschen Ursprungs ist. Ein Teilhaber der angesehenen Firma Sower, Potter & Co. in Philadelphia ist der direkte Nachkomme in fünfter Generation von Christoph Saur (I, S. 274). Wie bereits in ihren ersten Anfängen beschäftigt sich die Firma noch heute hauptsächlich mit dem Druck von Erziehungs- und Erbauungsschriften.
Der Bibeldruck.
Letzterer Zweig ist überhaupt von sehr grosser Bedeutung, namentlich entwickeln die Bibel- und Missionsgesellschaften eine ausserordentliche Thätigkeit. Die 1816 gestiftete Amerikanische Bibelgesellschaft, deren Jahres-Einnahme jetzt etwa zwei und eine halbe Million Mark beträgt, druckte während der ersten sechzig Jahre ihres Bestehens über 33 Millionen Bibeln in 20 verschiedenen Ausgaben mit einem Aufwande von 75 Millionen Mark. Die Druckerei der Gesellschaft arbeitet mit 12 Rotationsmaschinen; die Zahl ihrer Stereotypplatten beträgt 65000. Im Jahre 1868 verbreitete The American Tract Society 807000 Bände und 9493000 Flugblätter. Der Verein Für Presbyterianischen Verlag weist über 2000 Artikel auf. Eine ähnliche Zahl sind aus den Pressen der, etwa 500 Personen und 30 Schnellpressen beschäftigenden Druckerei der Gesellschaft der Methodisten, die über ein Kapital von ungefähr 3500000 Mark disponiert, hervorgegangen. Über hundert Ausgaben der Bibel druckte die Firma John E. Potter & Co., unter deren zahlreichen anderen Verlagsartikeln sich die Bible Encyclopædia mit ihren 10000 Artikeln und über 3000 Abbildungen befindet. In einer ähnlichen Richtung wie die obigen Anstalten wirken The American Sunday School Union, The Evangelical Knowledge Society, der Nationale Mässigkeits-Verein, sowie die Firma A. J. Holman & Co. und noch viele Gesellschaften und Verleger. Für die Bedürfnisse der Katholiken sorgt unter anderen die Gesellschaft zur Verbreitung der Katholischen Litteratur. Auch die bekannte Firma Gebrüder Benziger in Einsiedeln unterhält zu diesem Zwecke eine Filiale in New-York.
Appleton & Co.
Das Geschäft, welches die vielseitigste Thätigkeit entwickelt, ist D. Appleton & Co. in New-York, gegründet 1831. Wie bei Brockhaus in Leipzig das Konversations-Lexikon, so bildet bei Appletons The American Encyclopaedia mit 4000 Holzschnitten und vielen Karten den Mittelpunkt des Verlages. Das schönste illustrierte Buch in Amerika dürfte ihr Picturesque America mit 850 Holzschnitten und 48 Stahlstichen sein, dem eine Picturesque Europe folgte. Ein wichtiger Teil des Verlages ist der den Bildungszwecken gewidmete. Auch die Anregung zu den International Scientifiques Series, die gleichzeitig auch in Deutschland, England, Frankreich, Italien und Russland erscheinen, ging von Appletons aus. Ihr North American Review steht in grossem Ansehen. Die Offizinen der Firma nehmen einen Raum von über 60000 engl. Quadratfuss ein. Mit der Buchdruckerei von etwa 50 Schnellpressen sind die verschiedenartigsten graphischen Anstalten verbunden.
J. B. Lippincott & Co.
Die Werkstätten von J. B. Lippincott & Co. in Philadelphia zählen zu den grossartigsten. Ihr Katalog führte 1879 weit über 2500 Werke auf, darunter Worcesters Dictionary of the English Language, das mit dem Websterschen um den Vorrang kämpft und einen mächtigen Band von 1854 Quartseiten mit 1000 Illustrationen bildet.
Houghton & Co.
Die Firma Houghton, Osgood & Co. besitzt ausser ihrem Geschäft in Boston ein bedeutendes Drucketablissement The riverside Press in Cambridge in unmittelbarer Nähe der Harvard-Universität. Sie vereinigen in ihrem Verlagskataloge die bedeutendsten Dichter und Romanschriftsteller Amerikas und Englands.
Blakeman & Co.
Ivison Blakeman, Taylor & Co. in New-York und Chicago, gegründet 1828, widmen sich ausschliesslich dem Verlage von Schulbüchern und verbreiteten bereits gegen 100 Millionen Bände. Wie bedeutend der Umfang der Geschäfte in Amerika ist, sieht man daraus, dass eine Sortimentshandlung in Chicago an einem Tage 186600 Bände aus dem Verlage der Genannten bestellte. Der tägliche Vertrieb ist gewöhnlich 15000 Bände. Von den vielen Lesebüchern von Sander werden jährlich etwa zwei Millionen Bände verbreitet. Bei dieser Firma erschien auch das Webstersche Wörterbuch, ein Quartband von 1840 Seiten mit 3000 Abbildungen.
Woods & Co.
Für die medizinische Litteratur haben Will. Woods & Co. in New-York grosse Bedeutung. In ihrem Verlage erschien u. a. Ziemssens Encyklopädie der praktischen Medizin, 17 Bände. Die Orange Judd Company pflegt mit grossem Nachdruck die Landwirtschaft und die Architektur; Boericke & Tafel sind speziell Verleger homöopathischer Werke.
L. Prang * 12. März 1827.
Es war natürlich, dass in einem Lande mit einem grossen, noch nicht auf der höchsten Stufe der Bildung stehenden Publikum der Bilderdruck ein gutes Feld finden musste und Amerika wurde der stärkste Konsument der einschlägigen deutschen Produkte. Amerika selbst besitzt eine hervorragende chromolithographische Anstalt, die von L. Prang & Co. in Boston. Ludwig Prang ist ein Deutscher und wurde in Breslau geboren, wo sein Vater als Formenschneider in einer Kattundruckerei arbeitete. Dieser war ein in vielen Sachen unterrichteter Mann und schwang sich zum Teilnehmer der Fabrik empor. Unter seiner Anleitung erhielt der Sohn die ersten künstlerischen Anregungen. Nach fünf wechselvollen Ausbildungsjahren wurde Prang von dem Strudel der deutschen Revolution mit fortgerissen, musste nach der Schweiz flüchten und ging von dort nach Nordamerika, wo er sich in verschiedenen Geschäften ohne Glück versuchte. Schliesslich warf er sich mit aller Energie auf die Holzschneidekunst und wurde bald einer der tüchtigsten Xylographen Amerikas, ruinierte jedoch seine Gesundheit, so dass er einen andern Beruf wählen musste.
Prang wendete sich nun der Lithographie zu und etablierte sich mit einem tüchtigen Freunde, der aber ebensowenig, wie er selbst, Vermögen besass. Sie setzten jedoch ihr Vorhaben, eine Anstalt für Farbendruck zu errichten, durch und debutierten mit einem Rosenbouquet in vier Farben, das, obwohl keineswegs vollendet, doch sehr gefiel. Die Assoziation löste sich 1860. Durch den Sezessionskrieg wurde Prang vielfach von seinen Plänen abgelenkt, gewann aber durch Kartenarbeiten Mittel, um auf jene zurückzukommen. Im Jahre 1865 erschienen die ersten Nachbildungen von Gemälden, zwei amerikanische Landschaften nach Beiker. Der Erfolg war jedoch kein ermutigender und Prangs Freunde rieten ihm, sein Vorhaben aufzugeben. Jedoch ein kleines Bild — eben aus den Eiern ausgekrochene Küchlein — von Tait gab den Ausschlag. Es wurde nicht nur in enormen Massen verkauft, sondern riss auch die liegengebliebenen Landschaften mit fort, und öffnete die Wege für die Millionen von Chromos — diese Bezeichnung führte Prang ein —, welche in Amerika gedruckt oder von Europa importiert wurden. Prangs Erzeugnisse machten dagegen die Rundreise in Europa und fanden allgemeine Anerkennung.
In Verbindung mit John S. Clark, von der Firma Osgood & Co., führte Prang eine Reihe von Unternehmungen, zu Unterrichts- und künstlerischen Ausbildungszwecken bestimmt, durch und leistete hierin vorzügliches.
Das deutsche Element.
Den Einfluss des Deutschen Elements auf das Buchgewerbe in Nordamerika zu verfolgen ist von ganz besonderem Interesse[80]. In dem Aufschwung desselben, welcher sich in der vorigen Periode (I, S. 273) kundgab, sollte bald ein Rückschlag eintreten. Zur Zeit der Befreiungskämpfe Amerikas, sowie später der französischen Revolutionskriege und der Gewaltherrschaft Napoleons, 1775 bis 1815, hatte die deutsche Einwanderung fast aufgehört, und als sie wieder anfing, bestand der Zufluss fast nur aus Leuten, die des fehlenden täglichen Brotes wegen die Heimat verlassen und keiner geistigen Nahrung bedurften, viel weniger selbstthätig das geistige Element kräftigen konnten. Die wenigen begabten Männer unter ihnen schlossen sich mehr dem englischen Element an.
Erste Druckthätigkeit der Deutschen.
Unter solchen Verhältnissen beschränkte sich die deutsche Druckthätigkeit auf die Herstellung einiger deutscher Schul- und Gebetbücher, sowie Kalender, welche man immer noch hauptsächlich den wenigen deutschen Pressen Philadelphias verdankte. Dies änderte sich erst mit dem politischen Aufschwung in Deutschland in den dreissiger Jahren und mit der darauf folgenden Sturm- und Drangperiode von 1848 nebst der Zeit der Nachwehen der Reaktion. Unter den von 1830–1870 aus Deutschland eingewanderten zwei und eine halbe Millionen befand sich eine nicht geringe Zahl von Männern, die den gebildeten Ständen angehörten, welche geistige Bedürfnisse hatten, zumteil in der Lage waren, diejenigen anderer zu befriedigen. Hiermit begann die eigentliche Entwickelung des deutschen Buchhandels und Druckgewerbes in dem Emporium New-York.
Der erste, der dort geschäftlich kräftig eingriff, war der Deutsch-Amerikaner Heinrich Ludwig (geb. 1804). Er etablierte sich 1832, importierte anfänglich hauptsächlich Schul- und Erbauungsbücher und fing 1834 selbst zu drucken an. Er lebte bis 1877, hochgeachtet wennauch geschäftlich längst durch neuere Etablissements überflügelt.
New-Yorker Staatszeitung.
Bereits 1835 wurde die deutsche New-Yorker Staatszeitung unter sehr bescheidenen Verhältnissen ins Leben gerufen, sie sollte sich aber bald zu einer der bedeutendsten Zeitungen Amerikas hinaufarbeiten. Keine Zeitung Deutschlands und kaum eine Nordamerikas dürfte fürstlicher untergebracht sein, als die Staatszeitung in ihrem 1873 im Printinghouse-Square in New-York bezogenen Palast. Derselbe ist mit einem Kostenaufwand von zwei Millionen Mark, nicht gerechnet eine Million für Grund und Boden, in Renaissancestil aufgeführt. Der Unterbau und der erste Stock sind aus schwarzem Granit, die übrigen Stockwerke aus hellem Granit. Ein Mansardendach von entsprechender Höhe krönt das ganze. Die eisernen Dachbalken sind mit eisernen Platten bedeckt; die Scheidewände sind ebenfalls aus Eisenplatten. Die Comptoirlokalitäten in Renaissancestil sind reich mit Schnitzwerk geschmückt und die Eleganz der Beleuchtungsapparate, der Marmortische und der Mosaikfussböden entspricht dem übrigen. Allerdings Äusserlichkeiten, aber welche Macht hat eine solche Zeitung erlangt, um sich derartige Äusserlichkeiten schaffen zu können.
Nach und nach entstanden viele deutsche Blätter, welche, obwohl anfänglich schwach, an Mängeln aller Art leidend und sich christlich von Raub nährend, doch den Boden für die weitere Pflege der deutschen Litteratur bearbeiteten. Im Verlauf der letzten 30 Jahre hat jedoch die deutsche Zeitungspresse, die über 500 Organe zählt, sehr an Bedeutung zugenommen und nicht wenige der Blätter können sich mit den besten deutschen Zeitungen messen.
Verschiedene deutsche Buchhändler.
Einen wesentlichen Einfluss auf die Verbreitung der deutschen Litteratur übte der Berliner Wilhelm Radde (geb. 1800), der 1834 eine deutsche Buchhandlung in New-York gründete, viele Werke für die Bedürfnisse der Gelehrten einführte und sich daneben auch in billigen Nachdrucks-Ausgaben der Klassiker versuchte. Jedoch waren diese noch verfrüht und wollten damals noch nicht „ziehen“. Ein Buchhändler schrieb an Radde: »Ich gebrauche umgehend folgende „echte« Klassiker gegen bar: 100 Schinderhannes, 100 heilige Genoveva, 100 bayrische Hiesel, 100 Eulenspiegel. Grössere Bestellungen werden nachfolgen“. Radde liess sich dies nicht zweimal sagen, er veranlasste jedoch 1853 die Cottasche Buchhandlung, namentlich um den Nachdrucken des W. Thomas entgegenzutreten, von ihren „unechten“ Klassikern sehr gute und billige Konkurrenz-Ausgaben zu veranstalten; selbst Werke wie Humboldts „Kosmos“ und dessen „Ansichten der Natur“ erschienen in solchen. Andere Verleger wollten von dieser Konkurrenz gegen sich selbst nichts wissen und Campe in Hamburg sah z. B. ruhig zu, wie eine Ausgabe von Heine nach der andern dort gedruckt wurde. In dieser Weise drangen viele tausend Bände der besten Werke selbst in die unter bescheidenen Verhältnissen lebenden deutschen Familien und stärkten die geistige Verbindung mit dem Mutterlande.
Im Jahre 1845 hatten deutsche Verleger sich mit dem Plane beschäftigt, auf Aktien eine bedeutende deutsche Buchhandlung in Amerika zu errichten. Rudolph Garrigues, ein junger gebildeter Buchhändler aus Kopenhagen, wurde nach Amerika entsendet, um das Terrain zu sondieren. Garrigues' klarer Bericht fand allgemeinen Beifall, als es indes zum Zeichnen der Aktien kam, schreckte der deutsche Buchhandel vor einem mässigen Kapital von 30000 Thalern zurück. Sonderinteressen machten sich, wie gewöhnlich, geltend, und die Sache verlief im Sande. Garrigues etablierte sich nun selbst mit einem tüchtigen deutschen Buchhändler, F. W. Christern. Später folgten Jul. Helmich, L. W. Schmidt, G. & B. (jetzt W. & C.) Westermann Brothers; das Bibliographische Institut in Hildburghausen legte eine Filiale in New-York an; Fr. Gerhard druckte ein sehr gutes deutsch-amerikanisches Konversations-Lexikon; Schäfer & Koradi in Philadelphia wurden bedeutend als Sortimenter wie als Verleger. Leupoldts Verdienste sind schon erwähnt.
E. Steiger.
Gross ist die Wirksamkeit Ernst Steigers in New-York, als Sortimenter sowohl, wie als Verleger und Drucker, gewesen. Steiger, aus Oschatz in Sachsen gebürtig, bildete sich als Buchhändler in Leipzig aus und arbeitete elf Jahre bei Westermann in New-York. Er erwarb eine kleine deutsche Buchhandlung mit Zeitungsgeschäft und fing dann Buchdruckerei und Verlag von Schulbüchern an, allerdings zuerst in Nachdrucken. Durch ungemeines Verbreiten seiner zumteil sehr umfangreichen Kataloge wirkte er sowohl im eigenen Interesse, wie in dem der deutschen Verleger. Eine verdienstliche bibliographische Leistung ist Steigers The Periodical Literature of the United States of America with Index and Appendices. 1873. Auch erwarb sich Steiger das Verdienst, für die Wiener Weltausstellung 1873 eine Probe-Kollektion von je einer Nummer von 6209 amerikanischen Zeitungen in 119 Foliobänden fertiggestellt zu haben, die er nachher der Wiener Hof- und Staatsbibliothek zum Geschenk machte. Von der Bedeutung, welche der Absatz in Amerika für das deutsche Druckgewerbe hat, kann als Beispiel dienen, dass allein Steiger von der „Gartenlaube“ 12000, von der „Illustrirten Zeitung“ 3800, von „Über Land und Meer“ 4000, von der „Romanzeitung“ 3500, von „Daheim“ 3000 und vom „Bazar“ 2500 Exemplare im Jahre 1871 verbreitete. Auch im Westen und Süden der Vereinigten Staaten entstanden deutsche Buchhandlungen, so Theobald & Theuerkauf in Cincinnati, L. C. Witter in St. Louis.
Der Nachdruck.
Jetzt, wo die deutschen Klassiker zu fabelhaft billigen Preisen aus Deutschland eingeführt werden können, lohnt der Nachdruck derselben nicht mehr und dieser beschränkt sich fast nur auf Benutzung der Erzeugnisse neuerer Belletristen für die Feuilletons. Konkurrenz und Sitte haben jedoch zur Folge gehabt, dass jetzt hierfür öfters Honorare gezahlt werden. Es ist vieles über den Nachteil und das Unmoralische des amerikanischen Nachdrucks geschrieben worden, jedoch alle mit den dortigen Verhältnissen näher bekannten Sachverständigen sind der Ansicht, dass „seinerzeit“ der Nachdruck eine nötige Stütze des deutschen Elements und ein Mittel für die jetzige Verbreitung deutscher Originaldrucke war. „Es ist“, so sagt z. B. Friedrich Kapp, „eine mehr als naive Erwartung, dass eine Bevölkerung, die von der Heimat geschieden ist, noch jenseit des Ozeans Gesetze beobachten soll, welche den Bildungsinteressen der Ausgewanderten hemmend in den Weg treten. Sich hier dem Monopole deutscher Buchhändler unterwerfen, hiesse, die Mittel der geistigen Fortbildung und Entwickelung mutwillig von sich schleudern.“ Als der deutsche Buchhandel in Amerika infolge der Bildungslust festen Fuss gewann und die Bücher gleich zu haben waren, kaufte man lieber die schöneren und korrekteren Originalausgaben als die Nachdrucke, die vor allem der Ungeneigtheit deutscher Verleger, billige Ausgaben für den amerikanischen Markt zu drucken und der Unmöglichkeit, die Originale schnell zu erhalten, ihr Dasein verdankten.
Die Papierfabrikation.
Dass unter den geschilderten Druckverhältnissen der Papierverbrauch ein kolossaler sein muss, leuchtet ein. Die Fabrikation[81] reicht bis auf das Jahr 1680 hinauf. Die eigentlichen Fortschritte datieren jedoch erst aus diesem Jahrhundert. Zur Verwendung kommt fast nur Baumwolle. 1860 hatte Amerika etwa 700 Fabriken, welche gegen 300 Millionen Pfund zu einem Werte von etwa 200 Millionen Mark produzierten. Die Zahl der Fabriken beträgt jetzt über 1000. Während im Jahre 1869 der Wert der Einfuhr 527465 Dollars, der der Ausfuhr nur 3777 Dollars betrug, hat sich das Blatt in zehn Jahren vollständig gewendet und Amerika führte 1880 für 1018318 Dollars aus und nur für 135487 Dollars ein.
Die Einfuhr aller zum Pressgewerbe gehörenden Materialien und Maschinen ist überhaupt eine durch die Zölle so schwer belastete, dass sie nicht von Belang sein kann, während sich die Ausfuhr nach Europa sowohl als auch nach Asien und Australien in einer Weise vermehrt, welche der englischen Konkurrenz Bedenken einflösst. Der Wert der nach Amerika eingeführten deutschen Bücher und Kunstsachen beträgt etwa vier Millionen Mark jährlich.
Fußnoten:
[73] E. Steiger, The periodical litterature of the United States. New-York 1873. — G. P. Rowell, The man who advertise. New-York 1870. — A. Maverik, H. J. Raymond and the New-York Press. Hartford, U. S., 1870. — M. Cucheval-Clavigny, Histoire de la Presse en Angleterre et aux États Unis. Paris 1857. — Die Angaben über den heutigen Bestand sind von einem erfahrenen Verleger Amerikas, M. North.
[74] Die Offizin ist abgebildet im Journ. f. B. 1876, Nr. 6.
[75] James Parton, The life of Horace Greeley. New-York 1855.
[76] Eugen Munday, Historical sketch of the public Ledger. Philadelphia 1870. — James Parton, George W. Childs. Philadelphia 1870. — Die Offizin ist abgebildet im Journ. f. B. 1876, Nr. 4.
[77] Jac. Abott, The Harper Establishment. New-York 1855.
[78] Journ. f. B. 1881, Nr. 22. — Ann. d. Typ. II, Nr. 92.
[79] Catalogue of the Collectiv Exhibit of the American Book Trade. Paris 1878. — Der amerikanische Buchhandel. Ausland 1862, Nr. 19.
[80] Fr. Kapp, Der deutsch-amerikanische Buchhandel. Deutsche Rundschau 1878, 4. Heft. — Fr. Kapp, Der deutsch-amerikanische Buchdruck und Buchhandel im vorigen Jahrhundert. Archiv d. B.-V, I. Leipzig 1878. — E. Steiger, Der Nachdruck in Nordamerika. New-York 1866. — Die deutsch-amerikanische Presse. Ausland 1863, Nr. 6.
[81] Directory of the paper manufactures in the United States and Canada. 6. Aufl. New-York 1880.