EINFÜHRUNG IN DAS ZWEITE BUCH.
DIE Romanische Gruppe, an deren Spitze Frankreich, hat, wie die Anglo-Amerikanische, vor der Germanischen den grossen Vorsprung der einheitlichen Druckschrift voraus. Hat dieser Umstand auch mitunter eine gewisse Monotonie in seinem Gefolge, so wirkt die Einfachheit und die Ruhe, die über die Druckwerke verbreitet ist, doch ungemein wohlthuend und gewährt in dem praktischen Geschäftsbetrieb und in der Ausbildung eines festen Geschmackes grosse Vorteile.
Trotz aller Beweglichkeit des französischen Charakters und dem ewigen Wechsel der in Frankreich geschaffenen Moden hat seine Typographie einen weit konservativeren Charakter als die deutsche. Der durch die Nationaldruckerei und die Didots hervorgerufene Typenduktus ist noch immer und mit Recht der herrschende geblieben. Namentlich haben die Didotschen Schriften von ihrem ersten Auftreten ab durch die strenge, jedoch anmutige Zeichnung, den regelmässigen und scharfen Schnitt, die bewundernswürdig berechnete Zurichtung in der Weite ihr Übergewicht behauptet.
Zwar hat das Streben nach vorwärts und der berechtigte Wunsch eines jeden befähigten Schriftschneiders und Schriftgiessers, den Reichtum zu vermehren, eine Anzahl von Varianten zur Folge gehabt; von allen diesen, bald mehr, bald weniger glücklichen Neuerungen kann jedoch keine ihren Ursprung verleugnen und der ältere Duktus ist geblieben. Die erwähnten zwei Druckereien, des Staates und der Didots, sind in der That für das Druckgewerbe dermassen bestimmend gewesen, wie ähnliches in keinem anderen Lande in der neueren Periode der Druckkunst vorkommt, ausgenommen allenfalls in Österreich, wo die Herrschaft der Staatsdruckerei zwar eine mächtige, jedoch nicht langdauernde war.
Neben der Einheitlichkeit der Schrift war für die französische Typographie auch die Einheitlichkeit des Schriftsystems ein förderndes Moment, deren Wichtigkeit kein Fachmann, der unter der Systemlosigkeit in Deutschland gelitten hat, unterschätzen wird.
Schliesslich ist die Betreibung von Spezialitäten sowohl in der Schriftgiesserei wie in der Typographie ein gewaltiger geschäftlicher Vorsprung der Franzosen. Diese Teilung der Arbeit geht in der Schriftgiesserei so weit, dass es Geschäfte in Paris giebt, die sich nur mit Giessen von Ausschluss und Durchschuss abgeben. Auch verlangt man dort nicht, wie in Deutschland, dass jeder Buchdrucker Virtuos in allen Branchen sein solle, auch nicht, dass jede Druckerei auf alle Arbeiten gleichmässig eingerichtet sei, auch ist keine Rede von dem Erschwernis einer deutschen Buchdruckerei, dass sie in zweierlei Schriftarten gleichmässig gut assortiert sein müsse.
Das gesagte gilt ebenso für die Buchbinderei. Nicht nur, dass die verschiedenen Arten des Einbandes selten in einer und derselben Offizin geübt werden; es ist nicht einmal üblich, alle zu einer Art von Einband gehörenden Arbeiten in einer Werkstätte zu vollbringen, sondern es giebt besondere Schnittvergolder, Handvergolder, Marmorierer etc., denen man die Einzelarbeiten zuweist.
Unter solchen Arbeitsverhältnissen ist es selbstverständlich viel leichter, in Frankreich in einem einzelnen Zweig Virtuos zu werden und praktische Erfolge zu erzielen. Dieses darf nicht übersehen werden, wenn man das Mass der Tüchtigkeit und Intelligenz vergleichend beurteilen will, welches in Frankreich und Deutschland in den graphischen Künsten Verwendung findet.
Trotzdem kann Frankreich weder, was Werk- und Accidenzdruck, noch weniger was Zeitungsdruck betrifft, im allgemeinen ein Übergewicht über Deutschland eingeräumt werden. Es wird im Gegenteil vieles dort so schlecht gedruckt, wie es in Deutschland nicht geschieht, man möchte fast sagen, nicht mehr geschehen kann. Eine Überlegenheit zeigt die französische Typographie erst dann, wenn es sich um die Verbindung von Geschmack, Eleganz und Geschick zur Herstellung von etwas wirklich Hervorragendem handelt. Da fehlt es eben an nichts, dann arbeiten sich alle Beteiligten der verschiedenen graphischen Gewerbe einmütig in die Hände, ohne Jalousie und ohne die Prätensionen des Virtuosentums, das sich auf Kosten der Gesamtwirkung hervorzuthun strebt. »Alle Mitwirkende fühlen sich dann als Glieder einer Kette, wie sie auch wirklich in dem Cercle de la Librairie zu einer solchen vereinigt sind. Gerade in dieser Vereinigung „Aller“, durch welche sich „Jeder“ als Teil des Ganzen fühlt, aber auch „nur als Teil«, über dem das Ganze steht, liegt sicherlich ein wesentlicher Grund zu den Erfolgen, welche der Buchhandel und die Typographie Frankreichs erzielen, sobald sie geschlossen auftreten[82].“
Noch ein, und zwar ein sehr wesentlicher Faktor wirkt zugunsten der französischen Buchdrucker und Buchhändler mit: „das Publikum“. Ob die „Bildung“ und „die Leselust“ in Deutschland nicht grösser sind, als in Frankreich, mag hier unerörtert bleiben, unzweifelhaft ist es jedoch, dass die „Kauflust“ und die „Kauffähigkeit“ in dem letzteren Lande überwiegen. Hierdurch wird die Herstellung der schönsten Ausgaben zu verhältnismässig sehr billigen Preisen, welche sehr grosse Auflagen voraussetzen, möglich. — Schliesslich kommt auch die grosse Konzentration der wissenschaftlichen und technischen Kapazitäten in Paris dem dortigen und damit fast dem ganzen französischen Buchgewerbe ausserordentlich zustatten.
Wie die französische Typographie mitten zwischen der englischen und der deutschen steht und in ihren besten Erzeugnissen in gewisser Beziehung die guten Eigenschaften beider vereinigt, so auch die Xylographie. Der französische Holzschneider ist im allgemeinen weniger ängstlich in der Wahrung der Eigentümlichkeiten des Zeichners als der deutsche, andererseits nicht so ungebunden in der technischen Behandlung wie der englische und zeigt fast immer Grazie und Anmut in der Behandlung. Er ist bestimmter in der Umgrenzung als der englische, zarter in den Formen als der deutsche. Aber oft geht doch dem französischen Holzschneider die frappierende Wirkung über die innerliche Wahrheit und die ruhige Kraft.
Was den „Druck“ der Illustrationswerke betrifft, so kann der deutsche sich vollständig mit dem französischen messen, doch lässt es sich nicht leugnen, dass die französischen Prachtwerke trotzdem in der Regel einen vornehmeren und harmonischeren Gesamteindruck hervorbringen; die Ursache liegt in dem schon oben Angedeuteten.
Im Accidenzfache haben die Franzosen seit ihrem weltberühmten Derriey keine Fortschritte gemacht. Sie legen überhaupt nicht auf die minutiöseste Ausführung der Accidenzen so viel Gewicht wie die Deutschen, die eher geneigt sind, des Guten zu viel zu thun.
In der Erfindung von Druckmaschinen umwälzender Art haben die Franzosen keine hervorragenden Verdienste. Dagegen verstanden sie es vortrefflich, mit der ihnen angeborenen Findigkeit und unter Berücksichtigung ihrer besonderen Bedürfnisse, das Dargebrachte in geschicktester Weise zu verbessern, für den Betrieb nützlicher, für das Ansehen wohlgefälliger und in der Anschaffung billiger herzustellen. Von ausländischen Maschinen wurden nur wenige in Frankreich eingeführt und die Fabrikation deckte nicht nur den heimischen Bedarf, sondern versorgte auch fast den ganzen ausserdeutschen Kontinent, bis es Deutschland gelang, mit in die Konkurrenz zu treten.
Der Vorwurf, der öfters den französischen Maschinenbauern gemacht wird, dass sie die Eleganz auf Kosten der Solidität fördern, dürfte in der Allgemeinheit nicht richtig sein. Man geht in Frankreich von dem Grundsatz aus, dass die gewerblich-technischen Fortschritte in zehn Jahren bereits so enorm sein werden, dass man klüger thut, billige Maschinen zu bauen, um ohne zu grosse Kosten schneller neue Anschaffungen machen zu können, als mit für die Ewigkeit gebauten Maschinen festzusitzen. Die Billigkeit wird übrigens auch dadurch gefördert, dass man fast ausschliesslich dem Prinzip der Tischfärbung und der Eisenbahnbewegung statt der kostspieligen Cylinderfärbung und Kreisbewegung huldigt[83].
Bezeichnend ist in Frankreich der grosse Einfluss, welchen die Regierung in doppelter Richtung, teils in fördernder, teils in hemmender Weise, übte. Was sie mit der einen Hand gab, nahm sie mit der andern. Alle Regierungen dort unterstützten die Fortschritte der „Typographie“ in ihrer Unmündigkeitsperiode, suchten jedoch die vormundschaftliche Autorität über diese hinaus auszudehnen, und hemmten von Beginn ab die ruhige und freie Entwicklung der „Presse“. Hierin bildete Frankreich einen vollständigen Kontrast zu England, wo Typographie und Presse, sich selbst überlassen, eine mächtige Entwicklung nahmen, und teilweise zu Deutschland, wo man die fördernde Teilnahme von oben nie, um so öfter jedoch die hemmende, kennen lernte.
Die Dependenzen der französischen Typographie stehen dieser nicht gleich.
Belgien liefert zwar manches gute, jedoch nicht viel hervorragendes. Es giebt sich in seiner Typographie eine gewisse Schwerfälligkeit kund. Die Schrift ist zwar französisch, aber die leichte Eleganz der besseren französischen Presserzeugnisse wird selten erreicht. Das Material ist das gleiche, aber die in der Ausführung damit hervorgebrachte Wirkung eine andere.
In Italien, Spanien und Portugal stehen die Leistungen im ganzen genommen auf einer und derselben Stufe, der des Mittelguten, mitunter auch des Mittelmässigen. In Bezug auf die Erzeugnisse der Schriftgiesserei und des Pressenbaues befinden sich die genannten Länder fast vollständig im Abhängigkeitsverhältnis zu Frankreich. Erst in neuester Zeit hat Deutschland hie und da mit zu konkurrieren begonnen. Politische Verhältnisse, fortwährende Unruhen und Fremdherrschaft in stetem Wechsel haben eine freie Entwicklung auf lange Zeit gehemmt. Es werden aber jetzt ernste Anstrengungen gemacht, um lange Versäumtes nachzuholen.
Der Orient steht zu Frankreich fast in demselben Verhältnis, wie Ostasien zu England und wie die slawischen und Donauländer zu Deutschland-Österreich. Nordafrika unterliegt selbstverständlich ganz Frankreichs Einfluss. Die Türkei und Ägypten liefern einiges gute, doch darf dies weniger als nationale Leistung betrachtet werden, denn die Hersteller sind meistenteils Franzosen, die mit französischem Material arbeiten.
V. KAPITEL.
DIE SCHRIFTGIESSEREI UND DIE MASCHINEN
IN FRANKREICH.
Die Schriftgiesserei: Das Schriftsystem Didots, seine Anglaise, Molé. Orientalia. Notendruck, E. Duverger, Charles Derriey und das typographische Ornament. Holzschnitt und Hochätzung. Die Stereotypie: Daulé, Gaveaux, Jannin. Die Maschinen: Marinoni, Alauzet, Dutartre u. a. Die Utensilien. Farbe. Papierfabrikation. Die Buchbindekunst.
FOURNIER Le Jeune hatte mit seinen Bemühungen für die Einführung einer gleichmässigen Einteilung der Schriftgrössen (I, S. 214) kein rechtes Glück gehabt. Erst Ambroise François Didot war es beschieden, ein von Fourniers Grundsätzen etwas abweichendes System zur rechten Geltung zu bringen, und hiermit nicht der Typographie seines Vaterlandes allein einen unermesslichen Dienst zu erweisen, dessen Wert allerdings dem Nichtfachmann weniger als die äussere Schönheit seiner Typen und seiner Drucke oder der innere Gehalt seiner Verlagswerke in die Augen springt.
In seiner Einteilung ging Didot von dem damals in Frankreich geltenden Massstab, dem Pied du Roi, aus. Eine Linie desselben teilte er in sechs typographische Punkte und bestimmte nach solchen die regelmässige Abstufung der Schriftgrade. Hieraus erwuchs indes eine Differenz mit dem Fournierschen System, indem 11 Didotsche Punkte gleich 12 Fournierschen sind.
Sicherlich stände das Didotsche System widerspruchslos da, hätte nicht das erst später in Frankreich und anderen Ländern gesetzlich eingeführte, wissenschaftlich allein stichhaltige Metermass mit Dezimaleinteilung wieder einen Riss hineingebracht, indem das Didotsche System sich nicht vollständig rationell auf das neue Mass übertragen lässt. Die Frage des einheitlichen Welt-Schriftkegels kann demnach erst in der Zukunft ihre volle Lösung finden[84].
Didotsche Schreibschriften.
Eine Didotsche Erfindung ist ebenfalls die berühmte Schreibschrift Anglaise. Die bisherigen Schreibschriften waren eigentlich nur Cursivschriften; jeder Buchstabe stand für sich, ohne Verbindung mit seinen Nachbarbuchstaben. Didot führte die der Schriftlage folgende schräge Typenbildung ein, welche die Verbindung der Schriftzüge unter einander erleichterte. Um die vollständige Freiheit der mit der Hand hergestellten Schrift zu erreichen, waren jedoch grosse technische Schwierigkeiten zu überwinden. Jenachdem ein Buchstabe zu Anfang, zu Ende oder in der Mitte eines Wortes stand, oder die Nachbarbuchstaben herauf- oder heruntergehende waren u. dergl., war eine Variation der Verbindungsstriche und somit eine grosse Vermehrung der Typen notwendig. Manche derselben enthielten nicht einmal einen vollständigen Buchstaben, sondern dieser musste aus mehreren Teilen zusammengesetzt werden. Hierin und in der Wahl der richtigen Ansätze liegen die Schwierigkeiten und nicht jeder Setzer wird diese zu überwinden verstehen. Ausserdem erfordert der Druck infolge der Zartheit der Haarstriche eine ganz besondere Aufmerksamkeit, denn die schöne und teure Schrift kann durch Ungeschicktheit des Druckers schon bei dem erstmaligen Gebrauch verdorben werden. Damit die schrägen Typenstücke fester an einander schliessen, sind sie an der einen Seite mit einer halbrunden Vertiefung, auf der andern mit einer ebensolchen Erhöhung versehen, die in einander greifen. Dreiseitige Schlussstücke stellen die für die Festigkeit der sonst schrägstehenden Zeile notwendige rechtseitige Gestalt her.
Joseph Molé.
Einer der bedeutendsten Schriftgiesser Frankreichs war Joseph Molé. Bereits als Kind befasste er sich mit Gravieren und als Achtzehnjähriger hatte er schon manchen Stempel geliefert. Während seines geschäftlichen Wirkens schnitt er eigenhändig über 200 komplette Schriften. Ihm verdankt man auch die Einführung der so praktischen Hohlstege.
Orientalische und chinesische Schrift.
Auf fremdländische resp. orientalische Schriften wurde im ganzen genommen von den Schriftgiessereien und Buchdruckereien nicht grosses Gewicht gelegt. Eine Ausnahme machte jedoch die, während eines Jahrhunderts siebzehnmal den Namen wechselnde, jedoch ihrem Charakter treu bleibende Staatsdruckerei. Mit besonderer Vorliebe und grosser Ausdauer wurden dort nicht weniger als sechs Versuche gemacht, den Chimborasso der Typographie, die Herstellung chinesischer Schrift, zu überschreiten.
Die erste, für Fourmonts Grammatik benutzte Schrift hatte ein vollständig barbarisches Aussehen. Auch die 14000 Typen für Desguignes Lexikon waren noch viel zu gross und hässlich. Spätere 12000 Typen von Deshauterais wurden nie benutzt. Rémusat liess 2000 Zeichen schneiden, deren er sich für seine Grammatik bediente. Die von M. H. Klaproth veranlassten Typen machten grosse Ansprüche, elegant zu sein, es wurden mit denselben jedoch nur wenige Seiten gesetzt. 1836 machte der Direktor der Staatsdruckerei, Marcellin le Grand, unter Leitung des Orientalisten Pauthier einen neuen Versuch. Als Grundlage diente das Wörterbuch von Kanghi, welches 43496 Charaktere enthält, die auf gegen 30000 reduziert und in zwei Klassen geteilt wurden, die der nicht zerlegbaren (3581) und die der zerlegbaren (26295) Zeichen, welche sich mittels 4267 Stempel herstellen liessen[85].
Der Notendruck.
Fournier und Gando.
In dem Lande der Franzosen, die nicht in dem Grade ein singendes und spielendes Volk sind, wie die Deutschen, war auch die typographische Herstellung von Noten nicht von der Wichtigkeit, wie in Deutschland; doch hatten, abgesehen von den älteren Versuchen, Fournier le jeune und Gando Noten geliefert, die freilich keinen Anspruch auf Originalität machen konnten (s. Kap. [XII]). Die Genannten bekämpften sich gegenseitig; Gando warf Fournier vor, er habe Breitkopfs Noten kopiert; Fournier behauptete, Gando hätte überhaupt keinen Stempel schneiden können, also auch keine Noten.
Der Wunsch, den Übelstand der Breitkopfschen Noten: dass die Linienstücke an jeder Note hängen, also trotz des vorzüglichsten Gusses die Sichtbarkeit der Zusammenfügungen kaum zu vermeiden ist, musste zu Versuchen führen, Linien und Noten unabhängig von einander herzustellen. Doppelter Druck, der der Linien für sich und der der Noten für sich, ist jetzt noch, war aber namentlich mit den damaligen Druckapparaten ein schwieriges Unternehmen und der Satz der Noten allein ohne System auch ein sehr beschwerlicher. Duvergers und Derrieys Systeme.Eugen Duverger suchte diese Übelstände zu überwinden. Mussten die Noten auch bei seiner Methode für sich gesetzt werden, so war der Satz doch durch ganz zarte Andeutungen der Linien erleichtert, welche an die Type angegossen waren und als Richtschnur bei dem Setzen dienten. Über den Notensatz wurde eine Gipsmater geformt und in diese das Liniensystem mittels einer Maschine durch kleine Rollmesser hineingeschnitten. Da die Systemlinien kräftiger waren als die an den Typen befindlichen schwachen Linienandeutungen, so wurden letztere durch erstere vollständig gedeckt. Um die Zahl der notwendigen 417 Stempel in der Praxis zu vermindern, wurden erst die komplizierteren geschnitten und von diesen die Matern angefertigt, dann durch Wegschneiden einzelner Teile die einfacheren Stempel gebildet. Aus diesem Verfahren erwuchs jedoch der Nachteil, dass man sofort von den komplizierteren Stempeln so viele Matern abschlagen musste, als man überhaupt für alle Zukunft haben wollte. Die Schleifungen wurden durch schwache Kupferblättchen erzielt, deren Anfang in den Typensatz eingelassen wurde, während der übrige Teil sich nach Belieben biegen und abschneiden liess[86]. Duverger stellte auch Karten her durch ein System kleiner Kupferlinien, welche in eine Bleiplatte eingefügt wurden, ebenso wurde es mit den Schriften gehalten.
Derrieys Notensatz bestand in einem System aus fünf ganzen Messinglinien, an deren oberen und unteren Seiten die aus zwei Teilen bestehenden Notenköpfe angesetzt wurden. Die Köpfe waren so unterschnitten, dass der Anschluss an die Linie ein vollkommener war. So sinnreich auch sowohl seine als Duvergers Methode waren, so springt es doch dem Fachmann leicht in die Augen, dass für die Praxis mancher Mangel mit beiden, mit der Derrieyschen noch der besondere Übelstand der Verwendung von Messinglinien zusammen mit Noten von Schriftzeug, verbunden war.
Pyrostereotypie.
Die Anwendung der Pyrostereotypie (Planotypie, vgl. Kap. [IX]) wurde in Frankreich von Wals eingeführt und von Carbonnier verbessert; zuerst war sie 1840 in Irland benutzt worden.
Ornamente und Einfassungen.
Charles Derriey * 17. Aug. 1808, † 11. Febr. 1877.
Was die Erzeugnisse der Schriftgiesserei für dekorative Zwecke anbelangt, hat Frankreich einen bis jetzt nicht übertroffenen Meister in dem erwähnten Charles Derriey aufzuweisen. Sein Schicksal entschied sich nicht schnell. In einem Alter von 18 Jahren verliess er die Offizin Gauthier in Besançon, wo er sich etwas mit allem, was zur graphischen Kunst gehört, beschäftigt hatte. Er trat nun in das Haus Didot ein, wo er nacheinander als Setzer, Drucker, Stereotypeur, Schriftgiesser und Zeichner arbeitete und schliesslich in seinem 27. Jahre die Gravierkunst lernte. Da er mit angeborenem Kunstsinn und ernster Willenskraft viele praktische Kenntnisse verband, trug er kein Bedenken, sich selbständig zu machen. Wollte man ihm von Stufe zu Stufe in seinem Schaffen folgen, so müsste man sein berühmtes Probebuch[87], einen Folianten von gegen 200 grösstenteils in Farben und Gold ausgeführten Seiten, Blatt für Blatt beschreiben. Vignetten, verzierte Schriften, Züge, Eckstücke, Linien, Einfassungen u. dgl. finden sich darin in grosser Vollkommenheit und reicher Abwechselung. Seine Phantasie-Einfassungen übertreffen durch Neuheit, Eleganz, Genialität, Akkuratesse der Arbeit und ihre endlosen Kombinationen alles Dagewesene. Derriey mutet der Schriftgiesserei und der Typographie nicht wenig zu, kennt jedoch genau die Grenze, bis wohin er sie führen darf. Er zeichnete und schnitt nicht allein, sondern setzte und kombinierte in der geschicktesten Weise. Jedes Stück steht an seinem rechten Platz; Licht und Schatten versteht er meisterhaft in effektvollster Weise wechseln zu lassen.
Auch als Mechaniker hatte Derriey grosse Bedeutung. Seine Giess- und Linieninstrumente sind Erfindungen von hohem Werte. Ein kleines Wunderwerk bleibt namentlich seine Numeriermaschine für Banknoten.
Derrieys Erzeugnisse fanden nicht weniger Anerkennung im Auslande als in seinem Vaterlande. Leider muss hinzugefügt werden, dass er durch galvanische Nachbildungen in arger Weise um die Vorteile seines geistigen Eigentums gebracht wurde. Seine Giesserei mit allem Zubehör ging nach seinem Tode auf A. Turlot (Gebr. Virey) über.
In Derrieys Atelier arbeiteten auch zwei der berühmtesten Kunstsetzer in Paris Sixte Albert und L. Moulinet. Beide lieferten im Figuren- und Porträtsatz mittels Linienstücke Unglaubliches; Albert eine viel angestaunte Laokoon-Gruppe, Moulinet († 1874) einen Béranger in ganzer Figur und eine Amor und Psyche-Gruppe.
Dechamps und Petibon.
Laurent & Deberny.
Fonderie générale u. a.
Von anderen Künstlern in der Richtung der ornamentierenden Schriftgiesserei sind zu nennen Dechamps und der sehr fruchtbare Petibon, der die Kaleidoskop-Einfassungen einführte, die zwar sehr hübsch waren, jedoch zumeist für den Buchdrucker ein totes Kapital blieben, weil die Setzer das Material nicht zu behandeln verstanden. Laurent & Deberny lieferten schöne Züge, Initialen und Plakatschriften. Ihre Polytypen beliefen sich auf mehr als 6000, mit denen sie alle Länder der Romanischen Gruppe reich versorgten. Eine bedeutende Anstalt entstand unter der Firma Fonderie générale Laboulaye & Co., später Réné & Co., aus der Vereinigung der Firmen Didot, Molé, Crosmer, Evérat, Tarbé & Co., welche letztere sich durch ihre systematischen Hohlstege und Stereotyp-Unterlagen bekannt gemacht haben. Auch Lombardot, Batenberg & Majeur lieferten viele Einfassungen, sowie Phantasie- und Titelschriften. Renault & Robcis zeichneten sich in der Spezialität der Messinglinien, der Hohlstege und des Durchschusses aus. In neuester Zeit machte sich Henry J. Tucker, Filiale der Londoner Giesserei Caslon, sowohl durch die Leistungen des von ihm vertretenen Instituts, als durch die vorzüglich geleitete Fachzeitschrift Typologie Tucker einen Namen.
Metallverbesserung.
Um das Jahr 1840 führte Colson eine Zeugmischung von Eisen und Schriftmetall ein, welche die Haltbarkeit des gewöhnlichen Zeuges verdreifachte. Die Versuche Petyts, Typen aus Kupferstangen durch Pressung in eine Stahlmater zu erzielen, erreichten ebensowenig ein praktisches Resultat, wie Cardons Erfindung, ein kupfernes Buchstabenbild auf einen Typenstiel von Schriftmetall anzubringen. Die Herstellung der Typen aus Glas blieb ebenfalls ohne wirkliche Erfolge.
Die Stereotypie.
Verdankte man auch die erste praktische Methode der Schriftstereotypie und der Anfertigung von Clichés England, so hatten die Franzosen sich doch schon lange mit der Stereotypie beschäftigt[88] und durch ihre späteren Verfahren das Stanhopesche überflügelt; ja es scheint fast, als wären sie auf dem Wege, selbst die Verwendung der Jacobischen Galvanoplastik für die Typographie durch die Celluloïd-Clichés zu verdrängen.
Gabr. Valleyre.
Bereits vor Beginn des XVIII. Jahrhunderts lieferte ein Pariser Gelehrter und Buchdrucker Gabr. Valleyre einen Kalender in Messingplatten, die in Matern aus Thon oder diesem ähnlicher Masse gegossen waren. Da aber diese Matrizen nicht vollständig gleichmässig vertieft und die Platten ausserdem auf der Rückseite nicht ganz glatt waren, so fiel der Druck nicht gleichmässig aus.
Ign. Hoffmann.
Der Akademiker Darcet hatte 1773 seine Erfahrungen über das Legieren leicht schmelzbarer Metalle veröffentlicht. Ein Elsässer Franz Ignaz Joseph Hoffmann wurde wahrscheinlich hierdurch veranlasst, Matern aus fetter, mit Gips vermischter Erde, welcher Syrup und Kleister zugesetzt wurden, zu bilden und diese in erhitztem Zustande in eine Legierung von Wismuth, Blei und Zinn in dem Augenblick der Erstarrung der Metalle einzudrücken. Die so erhaltene Platte wurde auf Nussbaumholz mit feinen Nägeln festgemacht.
Mit solchen Platten druckte Hoffmann 1787 ein dreibändiges Werk Recherches historiques sur les Maures par de Chemin père. Hoffmann musste seine Druckerei in andere Hände geben und ersann nun ein anderes Verfahren. Er liess 360 Stempel, teils einzelne Buchstaben, teils Logotypen, anfertigen. Durch mechanische Vorrichtungen wurden diese Stempel senkrecht in die oben beschriebene Metallmasse gesenkt. Die gewonnene Matrize ward in einer Presse, wie ein Petschaft in der Stempelpresse, angebracht und durch einen Balancier in die dem Erstarren nahe Schriftmasse mit einem kräftigen Schlage eingetrieben. Von einer praktischen Verwendung dieses aus vielen Gründen unzweckmässigen Verfahrens verlautet nichts. Ebensowenig wie von Hoffmanns Logotypen, für welche er 1792 ein Patent für 15 Jahre erhielt.
J. Carez.
Hoffmanns erste Proben hatten viele Nachahmungen hervorgerufen, unter denen die von Joseph Carez, Buchdrucker in Toul, besondere Beachtung verdienen. Seine Matrizen litten aber sehr durch die Hitze und das Zusammenbacken mit der Schrift. Bei einem befreundeten Münzsammler hatte er jedoch gesehen, wie dieser durch einen kurzen trockenen Schlag Abdrücke in Zinn von seinen Münzen nahm. Carez bediente sich nunmehr eines Fallklotzes, um eine Schriftseite in die halbflüssige Masse einzuprägen und so eine brauchbare Mater zu erhalten. 1786 lieferte er ein Kirchengesangbuch in zwei Grossoktav-Bänden, jeder von 1000 Seiten, in dieser Weise hergestellt und später viele Werke, darunter eine Nonpareille-Bibel.
Gengembre und Heran.
Als der Assignatendruck eine rasche Vervielfältigung der kleinen Platten notwendig machte, um viele solche auf einmal drucken zu können, verbesserten Gengembre und Heran das Verfahren mit dem Fallklotz, welcher in Fugen vertikal und parallel stehender Säulen, wie in einem Rammbocke, eingelassen wurde. Die Tischplatte, auf welcher der Behälter mit der Schriftmasse stand, übte durch starke Federn einen elastischen Gegendruck aus und man erhielt in dieser Weise Platten in scharfer Prägung, deren Rückseiten durch Hobeln egalisiert wurden.
Peter Didot und Heran.
Die von Didot 1795 herausgegebenen Logarithmen werden gewöhnlich als Stereotypen bezeichnet, sie sind jedoch nur von zusammengeschmolzenen Schriftkolumnen gedruckt. 1798 vereinigte sich jedoch Peter Firmin Didot, der auch ein Patent besass, mit Heran[89] zu dem Zweck, Stereotyp-Ausgaben zu veranstalten, um nicht nur die gedruckten Exemplare, sondern auch die Platten zu verkaufen. Das erste nach ihrem Verfahren hergestellte Buch war ein Virgil in 18mo von etwa 400 Seiten. Ein Exemplar kostete nur 15 Sous, eine Platte drei Franken.
Heran wollte noch reformieren und liess von Stahlstempeln Matrizen in typenförmige Kupferstückchen treiben, die in einem Winkelhaken aufgesetzt wurden. Jedoch musste der Setzer mit dem letzten Worte einer Zeile und dem letzten Buchstaben eines Wortes anfangen oder, was etwas leichter war, wie gewöhnlich von links nach rechts setzen und dann den Satz der Zeile Buchstabe für Buchstabe umstellen. Spatien und Quadraten mussten höher sein als die Typen, nicht wie sonst niedriger, weil die Zwischenräume in der Platte tiefer liegen mussten. Schön in der Theorie aussehend, war das Verfahren in der Praxis unzweckmässig und teuer, Korrektur-Abzüge konnten vor dem Guss nicht gemacht werden, so dass alle Änderungen erst in den Platten vorgenommen werden mussten.
Daulé.
Das bis dahin einzig praktische Stereotyp-Verfahren, das Stanhopesche, fand natürlich auch in Frankreich Eingang. Eine namentlich für das Giessen von Clichés weit bequemere Methode erfand der Franzose Daulé, der nicht die Matrize in die flüssige Schriftmasse versenkte, sondern sie zwischen zwei eiserne Platten mit erhöhten Rändern einlegte, die einen flachen Giesskasten bildeten, in welchen der Zeug mittels des Giesslöffels eingegossen wurde.
Genous Papierstereotypie.
Eine sehr grosse Bedeutung gewann die Papierstereotypie des Setzers Genou. Anfänglich mit Misstrauen empfangen, hat sie sich später besonders für Schriftstereotypie vortrefflich bewährt und ist für die Einführung der Rotationsmaschinen ein unbedingtes Erfordernis geworden.
Die Mater wird aus einer Anzahl von Blättern, teils Seiden-, teils stärkeren Papiers, gebildet, die einzeln, mit einer breiartigen Klebemasse angestrichen, aufeinandergelegt werden, bis sie die Stärke eines festen Kartons erreicht haben. Durch Klopfen mit einer langstieligen Bürste wird die Schriftkolumne in die weiche Papiermasse eingeprägt und die Mater dann unter mässigem Druck und bei gelinder Wärme in der Trockenpresse getrocknet. Der Guss geschieht in einem Apparat wie der Daulésche.
Der Vorteil bei diesem Verfahren liegt nicht allein in der Billigkeit und der Leichtigkeit der Herstellung, sondern gründet sich auch darauf, dass eine und dieselbe Mater für den Guss mehrerer Platten benutzt werden kann und dass man die Matern nach dem Guss, oder ohne überhaupt einen solchen vorzunehmen, für den späteren Gebrauch mit Leichtigkeit aufheben kann. Auch ist ein hoher Ausschluss nicht notwendig. Der ganze Apparat ist ein so einfacher, dass selbst eine kleine Druckerei mit Vorteil einen solchen anschaffen kann. In neuester Zeit ist noch ein Verfahren eingeführt, um die Matern rasch und ohne Ofenwärme zu trocknen, was für die Schonung der Schrift, mehr noch für die der Holzschnitte, von Bedeutung ist.
Jannins Celluloïd-Cliché.
Von einschneidender Wichtigkeit scheint die Erfindung der Celluloïd-Clichés zu werden; doch ist die Methode noch zu neu, um ein bestimmtes Urteil, namentlich über die Tragweite des Nachteils der leichten Entzündbarkeit, dieser Clichés zu fällen.
Der Bildhauer Jannin in Paris war auf den Gedanken gekommen, das Celluloïd, eine durch chemische Behandlung von Faserstoff hergestellte Masse von ausserordentlicher Härte, ausserdem, nach erfolgter Erwärmung, von grosser Biegsamkeit, ausser zu verschiedenen plastischen Arbeiten zu Clichés für typographische Zwecke zu benutzen.
Um dieses zu können, war es jedoch notwendig, eine entsprechende Masse für die Mater zu schaffen, die den bei der Herstellung des Celluloïd-Clichés notwendigen Druck unter Erhitzung vertragen konnte. Eine solche Masse wurde in einem aus Bleiglätte und Glycerin bestehenden Knetstoff gefunden. Derselbe wird in halbflüssigem Zustande über den zu clichierenden Gegenstand sorgsam gestrichen, in derselben Weise, wie der Gips bei der gewöhnlichen Stereotypie, und die Lage bis zu einer Dicke von 3–5 mm verstärkt. Ist die Mater unter einem mässigen Druck erhärtet, was bei Holzschnitten in 15–20 Minuten, bei Metall-Originalen, wo Erwärmung anwendbar ist, in drei bis vier Minuten der Fall ist, kann sie sofort zur Herstellung eines Clichés verwendet werden, zu welchem Behuf sie in eine hydraulische Presse gelegt und mit einer durch Erwärmung schmiegsam gemachten Celluloïd-Platte bedeckt wird. Unter Erhitzung der Presse, der Mater und der Platte bis auf 120°C. wird ein Druck von 120–130 Atmosphären ausgeübt, darauf das ganze durch einen Strom von kaltem Wasser abgekühlt. Nach vollständiger Erkaltung der Platte löst sich selbe, ohne vorhergegangene Einreibung des Originals mit Graphit oder Öl, mit Leichtigkeit ab und kann sofort zum Druck aufgenagelt werden. Fehler können, wie bei Stereotyp-Platten, durch Einsetzung eines Pflocks von Celluloïd und Nacharbeiten desselben mit dem Stichel ausgebessert werden. Da die Platte durch keine Säuren oder Farbenzusammensetzungen angegriffen wird, so ist sie ganz besonders zum Druck von bunten Farben geeignet.
V. Haye und der Blindendruck.
Um den Druck FÜR Blinde machte sich Valentin Haye zuerst verdient. Zu seinen Versuchen wurde er durch den Verkehr mit einer blinden deutschen Dame, Fräulein von Paradies, veranlasst. Er liess hoch geschnittene scharfe Typen anfertigen, die in die Rückseite eines starken Papiers eingeprägt wurden, so dass für die Finger bemerkbare Erhabenheiten auf der Vorderseite entstanden. Mit verschiedenen Modifikationen fand das Verfahren fast in allen anderen Ländern Eingang[90].
Den Versuchen, den Holzschnitt durch andere Illustrationsverfahren zu verdrängen, wurde namentlich in Frankreich Vorschub geleistet. A. Dembour in Metz (1814) stellte durch Ätzung Platten in Kupfer für die Buchdruckerpresse her. Die Zeichnung wurde mittels Pinsels oder Feder auf Metall gemacht und die nicht bezeichneten Stellen weggeätzt. Dem ähnlich ist die Acrographie.
Zinkhochätzung.
Grosse Bedeutung hat die Zinkhochätzung. Dieses Verfahren ist in Frankreich ein sehr beliebtes geworden, weil ganz besonders für die leichten Skizzen geeignet, mit welcher die vielen Witz-, leider auch vielen Schmutzblätter illustriert werden, zu welchen früher die lithographischen Kreide- und Federzeichnungen verwendet wurden. Doch auch in der ernsten Zeitungspresse fand die Methode Eingang, und es werden oft Blätter geliefert, die nichts zu wünschen übrig lassen. Eine grosse Virtuosität entwickelte namentlich Firmin Gillot, der 1850 Patent auf sein Verfahren nahm, welches er Paniconographie, die Franzosen jedoch, welche Gillot als Erfinder der Hochätzung betrachteten, Gillotage nannten. Eine mehr der Chemitypie sich nähernde Methode ist die von Dulos. Er macht die Zeichnung mit lithographischer Kreide auf eine Kupferplatte und lässt diese mit einem schwachen Silberniederschlag überziehen, der nur auf den nicht bezeichneten Stellen haftet. Hierauf wird ein mit Quecksilber vermischtes, leichtflüssiges Metall heiss auf die Platte gegossen. Das Metall verbindet sich fest mit den versilberten Teilen der Platte, während die Zeichnung nun so vertieft liegt, dass man sie als Mater für ein galvanisches Hochdruck-Cliché benutzen kann. Ein drittes, sehr rasches Verfahren ist das von Comte, welches besonders für die Abbildungen in l'Art pour tous verwendet wird. Lehmann & Lourdel und Yves & Barrot u. a. haben es darin weit gebracht.
Neue Holzschnittmethode.
Ein ganz eigentümliches Verfahren, um, wie der Erfinder glaubte, Holzschnitte billiger und besser herzustellen als bisher, wendeten Mame & Co. in Tours an.
Bekanntlich sind die Kreuzschraffierungen dem Holzschneider stets ein Dorn im Auge gewesen, denn das Umschneiden einer Linie an allen vier Seiten ist eine zeitraubende und Tüchtigkeit erfordernde, folglich teure Arbeit. Der Erfinder der neuen Methode, Gusman, lässt nun zwei Holzblöcke bezeichnen, auf dem einen alle von rechts nach links gehenden Linien, auf den andern die diese von links nach rechts kreuzenden. Werden diese Platten nach einander auf einem Bogen gedruckt, so zeigt der Abdruck die kompliziertesten Kreuzschraffierungen, die sich an Kühnheit mit denen des Kupferstiches messen können. So sagt die Theorie, die Praxis hat aber viel hineinzureden. Abgesehen davon, dass zwei Holzstöcke, zwei Zeichnungen, zwei Schnitte und doppelter Druck notwendig sind, die Ersparnisse also mehr als problematisch werden, so ist die Wirkung im voraus seitens des Zeichners kaum zu berechnen. Die beiden sich kreuzenden Linien vereinigen sich nämlich nicht wie in der Radierung, sondern die eine Lage liegt sichtbar „über“ der andern und bringt dadurch oft eine falsche Wirkung hervor[91]. So interessant diese Versuche sind, so verlautet doch von den praktischen Erfolgen nichts.
Das beginnende Fehlen des Buxbaumholzes hat zu vielen Versuchen geleitet, dieses zu ersetzen. 1876 nahm Bertin Badoureau ein Patent auf komprimierte Birnbaumplatten. Durch Kochen, Pressen, Gelatinieren wird das Holz unempfindlich für die Einwirkung von Temperatur und Witterung und fast auf die Hälfte des ursprünglichen Umfanges reduziert.
H. Marinoni * 1823.
Was der Name König & Bauer für Deutschland, ist derjenige Hippolyte Marinonis für Frankreich. Dieser ward in Paris geboren, arbeitete bei Gaveaux und baute später im Verein mit diesem seine ersten Maschinen. Die Pressen, mit welchen Marinoni seinen grössten Ruhm erwarb und mit denen er der Journalistik in Frankreich einen sehr bedeutenden Vorschub leistete, waren seine Maschinen à Réaction, in welchen — im Gegensatz zu den Maschinen à Retiration mit mehreren Cylindern — Druck und Widerdruck durch einen und denselben Cylinder geübt wird, indem ihm der das erste mal gedruckte Bogen über Rollen weg nochmals behufs des Widerdrucks zugeführt wird. Der Nachteil bei diesen die Schnelligkeit sehr fördernden Maschinen ist, dass auf dem Cylinder keine Zurichtung stattfinden kann. Während nun möglicherweise der Schöndruck aus einer kompressen Form besteht, bietet der Widerdruck vielleicht eine mit grossen Anzeige-Schriften oder dgl. gefüllte, die eine ganz andere Behandlung im Unterlegen verlangt. Da lässt sich nur durch primitive Unterlegung unter der Schriftform etwas nachhelfen; alles andere muss, wie bei den alten Holzpressen ehe man die Zurichtung im Deckel kannte, durch einen sehr starken, oft zu erneuernden Filzüberzug des Cylinders erzwungen werden. Hiervon rührt zumteil eine Ausführung der französischen Zeitungen her, welche sehr zu ihren Ungunsten nicht allein gegen die der englischen, sondern auch gegen die der deutschen Zeitungen absticht, obwohl letztere nicht gerade stolz auf ihr äusseres Gewand sein dürfen. Jedoch der Billigkeit und der Schnelligkeit wurde genügt; die französischen Abendblätter, welche erst nach Schluss der Börse, um vier Uhr, fertiggestellt werden konnten, wurden schon um fünf Uhr durch ganz Paris verkauft.
Bereits 1847 hatte Marinoni seine berühmte vierfache Maschine für La Presse, der später die sechsfache folgte, geliefert. Im Jahre 1867 baute er für Le Petit Journal eine Maschine, welche stündlich 36000 des in mehreren Exemplaren clichierten Blattes fertigstellte, so dass die damalige Auflage von 350000 Exemplaren durch fünf Maschinen in zwei Stunden beschafft werden konnte. Derartige Druckapparate, in Verbindung mit dem verhältnismässig geringen Umfang der französischen Blätter, der typographischen Genügsamkeit des Zeitungspublikums und der Unsicherheit der Presszustände verursachte, dass die mächtigen und kostspieligen Rotationsmaschinen bei weitem nicht die Bedeutung für Frankreich wie für England und Amerika hatten. Dass Marinoni jedoch den Bau derselben nicht unterlassen würde, verstand sich von selbst, und er besitzt bereits siebzehn Patente auf solche. Seine Rotationsmaschinen unterscheiden sich von den anderen hauptsächlich durch die Lage der Satz- und Druckcylinder, die über einander angebracht sind[92]. Von seinen kleineren Maschinen sind namentlich die Universelle (1850) und die Indispensable (1853) weit verbreitet. Bis zum Jahre 1880 hatte er 6539 Maschinen für typographische Zwecke und 410 Dampfmaschinen gebaut. In Deutschland ist Marinoni bald hoch belobt, bald sehr getadelt worden; Thatsache ist wohl, dass er einer der genialsten Constructeure der Jetztzeit ist.
P. Alauzet * 15. Juni 1816, † 22. Jan. 1881.
Als an Tüchtigkeit Marinoni gleichkommend, in Eleganz und Nettigkeit selbst in den unwesentlichen Teilen der Arbeit ihn übertreffend ist Pierre Alauzet zu nennen. In Rodez geboren, war er bis zu seinem achtzehnten Jahre Landarbeiter und kam ohne die geringsten mechanischen Kenntnisse bei dem Pariser Pressenfabrikant Normand in Arbeit. Nach vollendetem Tagewerk besuchte er die Schule und holte das ihm Fehlende so gut nach, dass er sich 1846 etablieren konnte. Bekannt sind namentlich seine Schön- und Widerdruckmaschinen für feine Werk- und Illustrationsarbeiten, die auch in dem Süden Deutschlands Eingang fanden. Dem Abschmutzen des Schöndruckes beim Übergang auf den Widerdruckscylinder wird mittels Durchlassens von Schmutzbogen begegnet.
Von seinen 2500 Schnellpressen ist fast nicht eine ganz wie die andere gebaut, da er unermüdlich bestrebt war, Verbesserungen anzubringen. Für die Petite République Française lieferte er eine Rotationsmaschine für zwei Meter breites Papier, welche stündlich 70–80000 Exemplare des Blattes druckt; mit der für Illustrationsdruck bestimmten hat er erst nach vielen Versuchen befriedigende Resultate erzielt.
A. B. Dutartre u. a.
A. B. Dutartre und andere lieferten Maschinen mit mouvement varié, deren Druckcylinder während der Zeit, in welcher er den Druck übt, sich langsamer bewegt und solche, deren Druckcylinder so langezeit ruht, wie das Fundament gebraucht, um zum zweitenmal unter dem Farbenwerk hin- und zurückzugehen, damit die Einfärbung verstärkt werde. Seine Zweifarben-Maschinen gewannen allgemeine Anerkennung.
Für vier Farben bauten Prudon & Co. eine Presse, bei welcher die Formen hinter einander liegen; hierdurch wurde eine Länge von sieben Metern erforderlich, die den Eingang dieser Maschinen hinderte.
Lithographische u. Kupferdruckmaschinen.
Als Verfertiger lithographischer Maschinen erwarb Th. Dupuy Ruf. Marinoni baute ebenfalls solche, die zugleich für typographischen Druck zu verwenden waren. Sie arbeiteten zwar sehr gut, die Umänderung von einer Druckweise zur andern erforderte jedoch viel Zeit und diejenigen Offizinen, welche Lithographie mit Typographie verbanden, waren in der Regel auch in der Lage, besondere Maschinen für die verschiedenen Zwecke anzuschaffen.
Jules Derriey, der Bruder des genialen Schriftgiessers Charles, erwarb sich Verdienste durch seine Zeitungsmaschinen von sehr einfacher Konstruktion mit Cylinderfärbung nach deutscher Art und baute auch Rotationsmaschinen[93]. Bekannt sind weiter für Zeitungsmaschinen A. Y. Gaveaux, für einfache Schnellpressen H. Voirin und Maulde & Vibart. Auf Laien machte auf allen Ausstellungen die kleine, sehr niedliche Visitenkartenpresse von G. Leboyer grossen Eindruck[94].
Noch sei eine eigentümliche Kupferdruckpresse erwähnt, welche Aug. Godchaux zum Druck seiner kalligraphischen Vorlagen benutzt. Sie ist in der Art der Kattundruckpresse eingerichtet und druckt von endlosem Papier 2–3000 Exemplare. Nach vollzogenem Druck wird der Bogen durch Mechanismus von der Papierrolle abgetrennt. Ein Apparat, gleich dem Messer eines Farbewerks der Schnellpresse, hält die Kupferplatte rein. Für den Druck von Kunstblättern genügt die Maschine nicht.
Die Schriftgiessmaschine wurde von Baudoin, Laval, Foucher u. a. sehr verbessert. Beifall fanden die Maschinen von Serière & Bausa, welche mit zwei Giessinstrumenten und zwei Pfannen, die mit Einem Feuer erhitzt werden, versehen und von Einem Arbeiter bedient, täglich gegen 50000 Buchstaben lieferten.
Hülfsmaschinen und Apparate.
Von Arbeitserleichterungsmaschinen sind L. Poiriers und L. Legrands Bronciermaschinen, Tolmers Feuchtapparate und P. Ragueneaus autographische Pressen beachtenswert. Als Motor ist die Gasmaschine Lenoirs sehr beliebt.
Die allgemeinste Verbreitung und Nachahmung fanden die mechanischen Schliessstege von Marinoni & Chaudré, die in einfach-praktischer Weise einen vortrefflichen Ersatz der Schraubenrahmen bildeten. Eiserne Stege, an denen die dem Rahmen zugekehrte Seite schräg geformt und gezahnt ist, werden durch kleine, zwischen Steg und Rahmen einzufügende Rädchen, in deren Einschnitte die Zähne des Steges eingreifen, mittels eines Schraubenschlüssels unter sehr geringer Kraftanwendung angezogen und so die Form ganz fest geschlossen. Alcan Lévy & Lavater traten mit zerlegbarem Schliessrahmen auf, Valét & Co. in Marseille mit galvanischen Hohlstegen.
Utensilienlager.
Die Anschaffung des Materials erleichterte namentlich das grosse Utensilien-Geschäft von J. E. Boieldieu & Fils, denen auch manche Verbesserung zu verdanken ist. Namentlich sind ihre Stereotyp-Apparate vortrefflich. Die von ihnen gebaute grosse Plakatpresse besteht in einem mit Zahnstangen versehenen Fundament, in welchem ein Cylinder mit Zähnen, ähnlich wie in den Korrekturpressen, sich bewegt. Das Durchsehen des reichhaltigen illustrierten Katalogs[95] der Firma belehrt in leichter Weise über die Unterschiede des deutschen und des französischen Materials. Ein zweites sehr umfangreiches Utensilien-Geschäft sind die, durch Fusion der Firmen Ch. Bonnet & Co. aus Genf und Chevalier & Dreyfus in Paris entstandenen Usines Gutenberg.
Die französische Druckfarbe ist in den feineren Qualitäten vorzüglich. Als Fabrikanten stehen obenan Ch. Lorilleux[96], denen Le Franc & Co., Prudon & Co., Cauderon & Co. für bunte Farben folgen. Lemercier & Co. liefern vorzügliche lithographische Farben[97].
Das Papier.
Das französische Papier hat einen verdienten Ruf erworben und Frankreich gehört die Ehre der Erfindung der Papiermaschine. Auf Anregung Didots liess Pierre Montgolfier das erste ungerippte Velinpapier anfertigen und adoptierte das holländische System der Zerfaserung der Lumpen durch Schneidecylinder statt durch Stampfen. Die erste Idee des Papiers ohne Ende hatte der Werkführer Louis Robert in der Papiermühle Didot-Saint-Légers in Essonnes gefasst. Letzterer erwarb die Rechte Roberts und erhielt von der Regierung 8000 Livres zu seinen Versuchen. Infolge der Revolution begab sich Didot nach London, wo die Papiermaschine durch die Talente des Ingenieurs Donkin und die Kühnheit der Papierfabrikanten Gebr. Foudriner ihre Vervollkommnung erhielt. Als Didot 1814 nach Frankreich zurückgekehrt war, wurde nach seinen Angaben die erste Maschine von Berthe in Sorel gebaut, es folgten solche in Saint Jean-d'Heures und in Mesnil. Zu gleicher Zeit wurde sie durch Canson in Annonay errichtet.
An Papierfabriken besitzt Frankreich 524 mit 28656 Arbeitern und mit einer Betriebskraft von 21000 Pferden. Sie produzieren jährlich Ware zu einem Werte von 104 Millionen Franken. Die wichtigsten Produktionsorte sind Annonay, Angoulème und das Departement Isère. Die Papiersteuer brachte 16439000 Franken.
Die Buchbinderkunst.
In der Kunst des Buchbindens steht Frankreich obenan. Von dem Bücherleinen hat es sich im ganzen genommen freigehalten. Fast alle neuen Bücher werden im broschierten Zustand in den Handel gebracht. Ausgenommen davon ist die Litteratur der Andachtsbücher, in deren Herstellung zu fabelhaft billigen Preisen bei reicher Ausstattung Mame & Co. in Tours Bedeutendes leisten. Neben diesen billigen Einbänden kommen jedoch auch die kostbarsten aus Seide, Sammet, Leder und Elfenbein mit echten Spangen und Beschlägen vor, die sich in die höchsten Preise versteigen. Die Handarbeit, unterstützt durch Reichtum und Geschmack einer bedeutenden Zahl von Bücherfreunden, hat in Frankreich noch einen grossen Spielraum. Sie übertrifft an Geschmack die englische, muss aber dieser den Vorzug in der Behandlung des Leders einräumen. Verwendet werden gewöhnlich Chagrin und Corduan. Die Mosaikarbeiten der Franzosen sind nicht eigentlich eingelegte Arbeiten, sondern die betreffenden Stellen werden ganz dünn geschabt, das andere farbige Leder darauf gelegt und die Ränder mit Goldverzierungen bedruckt.
Auf die strenge Einteilung der Arbeit in der Buchbinderei wurde schon hingewiesen. In den einzelnen Offizinen sind wieder die einzelnen Beschäftigungen gruppenweise verteilt. Viele der Arbeiter, die in ihrer Spezialität Vorzügliches leisten, würden nicht imstande sein, allein ein Buch leidlich zu binden. Dieses System mag allerdings der allgemeinen Ausbildung des einzelnen Individuums hinderlich sein, das Publikum erhält jedoch durch dasselbe billigere und bessere Bände.
Neben der Anlehnung an die goldene Zeit hat sich eine selbständige moderne Dekorationsweise ausgebildet, die vieles Hübsche liefert. Die Führerschaft dürfte Lortic zukommen, der sich ganz besonders durch die Wissenschaftlichkeit seiner Arbeiten auszeichnet. Jeder Einband ist in dem Geist der Zeit, welcher das Werk angehört, streng durchgeführt; für die jetzige Zeit hat er sich einen eigenen Stil des XIX. Jahrhunderts gebildet. Bände von ihm werden bis mit 3000 Franken bezahlt.
Fußnoten:
[82] Die obigen Worte sind der von dem Verfasser dieses Handbuches als Mitglied der Internationalen Jury für die Gruppe XII der Wiener Ausstellung, im Jahre 1873 und Berichterstatter derselben abgefassten Motivierung des Antrages der Jury entnommen: dem Cercle de la Librairie die goldene Ehrenmedaille zu erteilen. Überhaupt kommen in dem Versuch der Charakterisierung der modernen Typographie in den verschiedenen Gruppen öfters Anführungen vor aus der im Auftrag der Kaiserlich Deutschen Ausstellungs-Kommission abgefassten Schrift: „Die graphischen Künste auf der Weltausstellung zu Wien. Offizieller Bericht von Carl B. Lorck. Braunschweig 1874“. Diese Entlehnung aus eigener Arbeit wird wohl niemand als Plagiat betrachten.
[83] Nachdem dieser Abschnitt bereits gesetzt war, geht uns ein Artikel des bekannten Fachjournals L'Imprimerie zu, in welchem einer der tüchtigsten Typographen Frankreichs, Motteroz, nicht allein das obengesagte zugiebt, sondern noch viel weiter geht und eine Überlegenheit Deutschlands nicht nur in der Typographie und der Schriftgiesserei, sondern auch in der Xylographie und der Papierfabrikation anerkennt und für die Franzosen nur den Vorzug in der Maschinenfabrikation beansprucht. Im Gegensatz zu einer öfters vorkommenden Überhebung seiner Landsleute scheint Motteroz fast in eine Kleinmütigkeit zu verfallen, die doch wohl zu weit geht, wenn er schliesst: „Noch wäre es vielleicht Zeit, sich aufzuraffen, besitzen wir aber hierzu die nötige geistige Kraft?“
[84] H. Smalian, Praktisches Handbuch für Buchdrucker im Verkehr mit Schriftgiessereien. 2. Aufl. Leipzig 1877.
[85] Über die französische Schriftgiesserei vergleiche noch die Abschnitte „Didot“ und „Staatsdruckerei“.
[86] E. Duverger, Album typographique. Paris 1840. Ein Prachtwerk, welches Duverger anlässlich der Jubelfeier erscheinen liess.
[87] J. C. Derriey, Spécimen Album. Fol. Paris 1862.
[88] A. G. Camus, Mémoire sur l'hist. etc. du polytypage et de la stéréotypie. Paris 1802. — de Porvy, Précis sur la stéréotypie. Paris 1822. — H. Meyer, Handbuch der Stereotypie. Braunschweig 1838.
[89] So schreibt ihn Didot, nicht, wie üblich, Heran.
[90] Vergl. Kap. [I] und [XV].
[91] Auf einem grossen Blatt: „Die Grablegung Christi“ nach Tizian sieht z. B. das nackte Bein eines der Knieenden ganz so aus, als wäre es mit einem Strumpf bekleidet.
[92] Journ. f. B. 1878, Nr. 75. — Ann. d. Typ. IV. B. 1873, Nr. 189.
[93] Journ. f. B. 1876, Nr. 24.
[94] Journ. f. B. 1878, Nr. 36 u. 37.
[95] Outilage Typographique Boieldieu. Paris.
[96] Ch. Lorilleux sur la Fabrication des encres d'Imprimerie. Paris 1867. Lorilleux giebt jährlich einen Abreiss-Kalender mit geschichtlichen oder technischen Notizen heraus. Der Jahrgang 1882 enthält eine typographische Bibliographie der in Frankreich erschienenen Fachwerke. Jänecke & Schneemann in Hannover folgten dem Beispiel.
[97] Didot behauptet, dass die Erfindung der Kompositionswalze einem französischen Leimfabrikanten Garmal gehöre (vgl. dagegen S. [34]).
VI. KAPITEL.
DER STAAT UND DIE PRESSE IN FRANKREICH.
DIE SCHÖPFER DER NEUERN TYPOGRAPHIE.
Der Staat und die Presse unter Ludwig XVI., der Revolution, Napoleon I., der Restauration, dem Bürgerkönigtum, Napoleon III. Die älteren Buchdruckereien: Die Staatsdruckerei und die Didot in ihrem Einflusse auf die Typographie, die Familien Panckoucke, Barbou, Lottin, Treuttel & Würtz, Berger-Levrault, Dentu, Crapelet.
HÄTTE die Liebe eines Königs für die Buchdruckerkunst genügt, um diese in dessen Lande zum grössten Flor zu bringen, so müsste sie in Frankreich unter Ludwig XVI. goldene Tage gehabt haben[98]. Ludwig war noch als Kind durch Martin Lottin in der Kunst unterrichtet worden und druckte als Dauphin, kaum zwölf Jahre alt, 1766 einen kleinen Band: Maximes tirées de Télémaque. Auch Karl v. Artois, später Karl X., besass Vorliebe für die Kunst und liess 1780–1784 bei dem älteren Didot eine Sammlung von französischen Schriftstellern in 64 Bänden in 18. für sich drucken, während Ludwig XVI. später die Sammlung ad usum delphini (zum Gebrauch für den Dauphin) ausführen liess. Mehr als in irgend einem andern Lande hatten die Aristokraten Frankreichs sich es angelegen sein lassen, Privatdruckereien zu errichten. Bereits während der Regierung Heinrichs IV. besass der Kardinal Duperron eine Druckerei in Bagnolet bei Paris, ebenso später Kardinal Richelieu auf Schloss Richelieu in der Touraine. Der Kanzler d'Auguesseau; die Marquise von Pompadour; die Dauphine Marie Josephe, Mutter Ludwigs XVI.; der Herzog von Burgund, Bruder Ludwigs XVI., und manche andere Grossen waren Besitzer von Privat-Offizinen.
Im Jahre 1777 erliess Ludwig XVI. ein Gesetz zur Regelung des litterarischen Eigentumsrechts, nach welchem jedoch alles auf Privilegien beruhte, die, wenn einmal den Autoren erteilt, auch auf die Erben derselben übergingen, jedoch, wenn in Buchhändlerhänden befindlich, mit dem Tode des Verfassers erloschen. Wie alle Privilegien fielen auch diese durch Beschluss der konstituierenden Die Revolutionszeit.Versammlung vom 4. August 1789, nach welcher Zeit nun auch jeder, der einige Zentner Schriften kaufte oder borgte und ein Patent zahlte, Buchdrucker werden konnte. Selbst diese letzte Bedingung hörte 1793 auf, und die Zahl der Buchdruckereien wuchs von den früheren 36 privilegierten auf 700. Die Pressfreiheit war bereits durch die Verfassung vom 14. September 1791 garantiert, nach welcher jeder das Recht erlangte, seine Gedanken ohne vorherige Zensur schreiben, drucken und veröffentlichen zu können. Unter dem Direktorium wurde wenigstens festgestellt, dass der Buchdrucker seinen Namen auf alles, was er druckte, setzen, auch auf Aufforderung den Namen des Verlegers nennen musste.
Broschüren auf rötlich-grauem Papier mit Typen gedruckt, die mitunter geradezu unleserlich waren, sind die hauptsächlichsten Produkte der Revolutionszeit. Eins der lohnendsten Geschäfte war der Druck von Assignaten, deren erste Emission im Betrage von 1200 Millionen am 19. Dezember 1789 dekretiert wurde. Der Direktor der Königlichen Druckerei, Anisson-Duperon, wurde mit der Ausführung betraut. Die späteren Emissionen beschäftigten Tag und Nacht eine grosse Anzahl von Pressen. Ende 1794 wurden auf einmal 40 Milliarden in Auftrag gegeben.
Das Konsulat.
Unter den Konsuln wurde 1797 die politische Tagespresse auf ein Jahr unter Aufsicht der Polizei gestellt und später diese Anordnung prolongiert. 1800 behielten sich die Konsuln das Recht der Repressivmassregeln gegen diejenige Zeitungspresse vor, die sich etwa gegen die Gesellschaft, die Regierung oder die Souveränität des Volkes versündigte. Durch ein weiteres Dekret vom Jahre 1803 wurde bestimmt, dass ein Exemplar jedes Buches dem Revisionsamte zur Durchsicht übergeben werden sollte „zum Schutze der Freiheit der Presse“ (!).
Die Zeit war der letzteren nicht günstig. Die Zahl der Zeitschriften verminderte sich und die 1790 vorhandenen 700 Buchdruckereien waren auf 340 zusammengeschmolzen. Dafür begannen nun die älteren, gut eingerichteten Offizinen an die alten Traditionen wieder anzuknüpfen.
Das Kaisertum.
Nach Begründung des Kaisertums beschäftigte sich Napoleon sehr mit der Organisation des Buchhandels und der Buchdruckerei. Ein bekannter Schriftsteller, Fievée, wurde mit dem Plane betraut. „Die Buchdruckerei“ — so argumentierte Napoleon — „ist ein mit gefährlichen Waffen gefülltes Zeughaus, das man ungern in den Händen des ersten besten lässt. Die Buchdruckerei ist kein Handelszweig; es genügen deshalb einfache Privilegien, um sie zu organisieren. Es handelt sich um einen Stand, an dessen Gedeihen der Staat ein Interesse hat, letzterer muss deshalb die Entscheidung in den Angelegenheiten dieses Standes haben. Der Buchdrucker kann ein geschickter, selbst ein gelehrter Mann sein, er ist aber kein Kaufmann und kein Fabrikant. Eben weil der Erfolg nicht von ihm selbst, sondern von der Spekulation anderer abhängt, kann nur eine gewisse Zahl von Buchdruckern existieren. Beschränkt der Staat nicht die Zahl und leidet infolge davon der Buchdrucker Not, so kann man nicht auf dessen rechtlichen Charakter zählen und die Druckkunst ist eine zu furchtbare Waffe, um sie in den Händen von Notleidenden zu lassen. Gut situierte Bürger sind weniger geneigt, gegen die Gesetze zu handeln; es ist deshalb ebenso human als politisch richtig, die Zahl der Buchdruckereien zu beschränken und aus demselben Grunde die Zahl der Lehrlinge zu normieren.“
Direktion der Buchdruckerei.
Am 5. Februar 1810 erschien das Dekret, welches eine Direktion der Buchdruckerei und des Buchhandels einrichtete. Die Zahl der Buchdruckereien wurde in Paris auf 60 festgestellt, die unter den 3–400 bestehenden gewählt werden sollten. Die bleibenden hatten die andern zu entschädigen und waren verpflichtet, das Material der zu löschenden Firmen anzukaufen. 4000 Franken, für die eine mehr, für die andere weniger, wurden als Durchschnittsentschädigung bestimmt. Das Brevet war eine einfache Autorisation und schloss nicht, wie dies bis zum XVIII. Jahrhundert der Fall gewesen war, die Garantie der geschäftlichen Befähigung des Inhabers in sich. Strenge Massregeln in betreff der zu führenden Geschäftsbücher wurden getroffen.
Privilegien.
Ein weiteres Dekret vom 11. Februar 1811 erhöhte die Zahl der Buchdruckereien auf 80, das litterarische Eigentumsrecht wurde geregelt und die Zensur in optima forma eingeführt. Ein dem Ministerium der Polizei beigegebenes Bureau de l'esprit public sollte für Verbreitung der Regierungsansichten und die Bearbeitung der öffentlichen Meinung wirken. Jedes Departement durfte nur ein Journal haben, für jeden Zeitungsbogen zahlte man 1 Centime Stempelgebühren.
Im Jahre 1812 wurden die Privilegien auch für den Buchhandel eingeführt, jedoch die Zahl der Buchhandlungen nicht beschränkt. Zensierte Werke konnten nachträglich konfisziert werden, jedoch mussten die Druckkosten ersetzt werden. Diese Bestimmung kam nur in einem einzigen Fall zur Anwendung und zwar anlässlich des Werkes De l'Allemagne der Frau von Staël.
Napoleons Interesse für die Typographie.
Dass der Buchhandel und die Buchdruckerei sich unter der Regierung Napoleons trotz des äusseren Glanzes nicht recht entwickeln konnten, wird jeder verstehen. Unter den von der Regierung selbst hervorgerufenen Werken steht obenan die Description de l'Égypte, das Resultat der Thätigkeit der gelehrten Kolonie, welche Bonaparte mit nach Ägypten geführt hatte.
Hätte überhaupt die Typographie keine andere Aufgabe gehabt, als der Wissenschaft zu dienen, so würde sie in Napoleon gewiss den grössten Freund gefunden haben, denn ein Geist wie der seinige konnte den Verkehr mit der Presse nicht entbehren. Selbst im ärgsten Kriegslärm mochte er die Wissenschaft und die Litteratur nicht missen.
Beabsichtigte Feldbibliothek.
Bereits 1798 hatte er daran gedacht, eine Feldbibliothek herstellen zu lassen, die ihm auf seinen Feldzügen folgen sollte, und 1808 den Plan wieder in Bayonne aufgenommen. Als er bei seinem Aufenthalt in Schönbrunn die Werke, die er mitzuführen gewünscht hatte, die aber wegen des äusseren Umfangs zurückgeblieben waren, sehr vermisste, kehrte er ernstlich zu der Idee einer Feldbibliothek zurück und diktierte am 12. Juni 1809 den Plan zu einer solchen, der seinem Bibliothekar Barbier als Richtschnur unterbreitet werden sollte.
Napoleon wollte eine Sammlung schön gedruckter und gut gebundener Werke in kleinem Format mit kleinem Rand. „Er sei reich genug, um sich diesen Wunsch erfüllen zu können.“ Vorläufig wollte er 3000 Bände von je 4–500 Seiten, hauptsächlich geschichtlichen Inhalts, die Bibel dürfe nicht fehlen; wären diese 3000 Bände fertig, so könnten weitere 3000: Reisen, Naturgeschichtliches, Unterhaltendes, folgen. Eine Anzahl gewiegter Männer der Wissenschaft sollte die Redaktion besorgen und allen unnützen Ballast über Bord werfen.
Im November 1809 stattete Barbier seinen Bericht ab. Die Kosten für die 3000 Bände waren bei einer Auflage von fünfzig Exemplaren auf vier und eine halbe Million Franken berechnet. Würden jedoch 300 Exemplare gedruckt und verkaufte man den Band zu fünf Franken, so entstände eine Einnahme von etwa drei Millionen Franken. Man glaubte, täglich einen und einen halben Band oder jährlich gegen 500 Bände liefern zu können. Die Proben wurden gemacht — und hierbei blieb es.
Kunstleistungen der Kaiserlichen Druckerei.
Ein seltenes Pracht- und Kunststück führte die Kaiserliche Druckerei aus, als Papst Pius VII. anlässlich der Kaiserkrönung 1805 sich in Paris aufhielt und die erwähnte Anstalt besuchte. Während dieses Besuches druckten 150 Pressen die L'oraison dominicale (das Vater unser) in 150 Sprachen und der Direktor Marcel überreichte dem Papste das Widmungsexemplar.
Bei Gelegenheit der Geburt des Königs von Rom beschloss Napoleon den Druck einer Sammlung in der Art der Ausgaben ad usum delphini. Mit der Aufstellung des Katalogs war jedoch auch diese Sache zuende.
Sozusagen beim Bivouac-Feuer entwarf Napoleon den Plan zu einer Fortsetzung der Histoire de France von Velly, durch den Abbé Halma, den Bibliothekar der Kaiserin. Schliesslich darf nicht das wichtigste Werk der ganzen Zeitperiode, das dem Kaiser so viel zu verdanken hatte, der Code Napoléon, vergessen werden.
Als das Unglück über den Kaiser hereinbrach, konnte es nicht fehlen, dass die Presse im geheimen stark gegen ihn arbeitete und dass die Massregeln gegen dieselbe noch verschärft wurden. Während der Hundert Tage, als er die Presse brauchte, wollte er die von Ludwig XVIII. bereits zugesagte Pressfreiheit gewähren und ein Dekret vom 24. März 1815 hob die Zensur auf. Waterloo machte das Dekret zu einem toten Buchstaben.
Die Restauration.
Das erste Kaiserreich hatte dem Buchgewerbe die goldene Zeit nicht gebracht. Günstiger waren die Auspizien bei Beginn der Restauration. Der Artikel VIII der Charte sicherte allgemeine Pressfreiheit zu. Es dauerte jedoch kaum einen Monat, als die Repressionsmassregeln wieder begannen. Unter anderem konnten die Zeitschriften nur mit Autorisation des Königs erscheinen. Bei Übertretungen der Gesetze stand das Zurückziehen des Brevets in Aussicht.
Wir können nicht der Geschichte der Massregelungen gegen die Presse durch alle ihre Phasen Schritt für Schritt folgen. Zensur, Kautionen, Suspensionen, eine etwas grössere oder kleinere Portion Pressfreiheit folgten in schnellem Wechsel unter der Herrschaft Ludwigs XVIII. Die Regierung Carls X. fing für die Presse etwas milder an, aber das projektierte Pressgesetz vom 29. Dezember 1826 übertraf an Schärfe alles bisherige, wurde jedoch von der Pairskammer abgelehnt, die sich diesmal liberaler als die Deputiertenkammer zeigte. Nichtsdestoweniger wurde gegen Buchdrucker, Buchhändler und Journalisten mit grosser Strenge verfahren. Die Prozesse häuften sich; nicht allein wirkliche Pressvergehen, sondern selbst unbedeutende Formfehler wurden unnachsichtlich und schwer bestraft. Die Massregeln schlossen mit den berüchtigten Ordonnanzen Julirevolution.Polignacs vom 25. Juli 1830, die das Ende der Regierung Carls X. herbeiführten. Trotz der Verfolgungen gegen die Presse behielt doch der letzte der Bourbonen seine Liebe für die Druckkunst bei und zeichnete öfters die Vertreter derselben persönlich aus, liess auch manche grosse Unternehmungen durch Subskription der Ministerien unterstützen.
Leider vergingen die blutigen Julitage nicht ohne grobe Unordnungen seitens der typographischen Arbeiter, welche in mehreren Druckereien die Schnellpressen zerstörten. Jedoch die Masse der Arbeiter trat gegen die Unruhestifter auf und eine Proklamation Firmin Didots an die Arbeiter trug sehr viel zur Beruhigung derselben bei.
Das Bürgerkönigtum.
Die neue Charte vom 14. August 1830 brachte wieder Pressfreiheit und „ewige“ Aufhebung der Zensur. Die Lage der Buchdrucker und Buchhändler ward durch die allgemeine Krisis eine sehr schwierige und die Folgen der Überproduktion zeigten sich in trauriger Weise. Die Regierung that, was sie konnte, um die Kalamität zu mildern und gewährte Anleihen. Benj. Constants Antrag auf Freigebung der Buchdruckerei und des Buchhandel-Gewerbes scheiterte zwar, die gesetzlichen Bestimmungen wurden jedoch vielfach umgangen, indem man Zessionen an Nichtfachleute zuliess und die Gründung von Succursales gestattete, die unter Verantwortlichkeit von Brevetinhabern von anderen betrieben wurden. Auch entstanden in der nächsten Umgebung von Paris Druckereien, die recht wohl mit den brevetierten konkurrieren konnten. Mehrere Druckereien änderten sich in Aktienunternehmungen um und nahmen kolossale Dimensionen an.
Die Lage der Journale war sehr erleichtert; man benutzte aber keineswegs die Freiheit mit der notwendigen Mässigung, so dass ein beschränkendes Gesetz am 9. September 1835 erlassen wurde, das von der Regierung jedoch mit Schonung gehandhabt wurde.
Ludwig Philipp selbst war, wie die Bourbonen es gewesen, ein Freund der Buchdruckerkunst. Mag er auch sonst als recht sparsam gegolten haben, in Bezug auf die Erzeugnisse der Presse zeigte er sich freigebig und liess mehrere grosse Unternehmungen auf seine Kosten drucken. Die Korrekturen las er dann selbst und las sie sehr gut.
Die Revolution von 1848.
Bekanntlich nahm das Bürgerkönigtum am 24. Februar 1848 ein jähes Ende. Die provisorische Regierung zählte mehrere Männer der Wissenschaft und der Presse unter ihren Mitgliedern. Ihre Freunde fanden Anstellung in der Administration; es war also natürlich, dass die Presse mit Wohlwollen behandelt wurde. Der Zeitungsstempel, die Kautionen und das strenge Pressgesetz vom 9. September 1835 wurden aufgehoben. Eine Unmasse von Journalen entstand, die Vorteile aus dem Druck fielen jedoch nur einigen wenigen grossen Zeitungsdruckereien zu, die eigentlichen Werk- und Accidenzdruckereien litten Not und fast der dritte Teil der Das zweite Kaiserreich.Arbeiter war brotlos. Während der Zeit der am 10. November 1848 begonnenen Präsidentschaft Louis Napoleons und des Kaiserreichs Napoleons III. hob sich das Druckgeschäft wieder, aber es traten selbstverständlich strengere Überwachungsmassregeln ein. Im Jahre 1852 wurde die Direction générale de l'Imprimerie et de la Librairie ins Leben gerufen, welche Massregel im allgemeinen mit Befriedigung aufgenommen wurde.
Das neue Pressgesetz vom 17. Februar 1852 gab der am 2. Dezember 1852 eingesetzten kaiserlichen Regierung eine furchtbare Waffe in die Hände, denn es hing alles von der Art der Ausführung des Gesetzes ab. Napoleon III. liebte die Buchdruckerkunst gleich seinen Vorgängern, und er selbst suchte, wie bekannt, schriftstellerischen Ruhm. Für den äusseren Glanz der Typographie namentlich durch die Weltausstellungen, auf welchen das französische Buchgewerbe stets in würdigster Weise vertreten war, war er eifrigst besorgt.
Jetzt ist die Republik im Besitz des liberalen Pressgesetzes vom 29. Juli 1881[99].
Wie die französischen Regierungen, mögen sie Namen geführt haben wie sie wollten, fortdauernd und mehr als gut war sich mit der Stellung der Presse zum Staate beschäftigten, so setzten sie auch ihre direkte Beeinflussung der technisch-gewerblichen Verhältnisse der Buchdruckerkunst durch die Staatsdruckerei fort, welche jedoch mehr und mehr sich von ihrem schönen Ziel, der Veredelung der Kunst, entfernte, um in die Reihe der brotsuchenden Anstalten zu treten und den Privatdruckereien Konkurrenz zu machen.
Staatsdruckerei.
Die Staatsdruckerei[100] stand seit dem 1723 erfolgten Rücktritt Claude Rigauds 71 Jahre lang unter der Direktion von Mitgliedern der Familie Anisson. Die Ernennung des letzten derselben, Étienne Alex. Jacq. Anisson Duperon, zum Direktor geschah 1789.
Erwerbungen unter Ludwig XV.
L. Luce † 1773.
Bedeutend waren die Fortschritte während der Regierungszeit Ludwigs XV. nicht. Für die Summe von 100000 Livres erfolgte 1773 die Erwerbung der aus 15 Graden bestehenden neuen Antiqua und Cursiv, welche der königliche Graveur Louis Luce in den Jahren 1740–1770 geschnitten hatte, zugleich seiner gothischen und Schreibschriften, sowie seiner zahlreichen Vignetten und Ornamente. Diese neuen Schriften Luces waren ganz anders gehalten als die von Ludwig XIV. veranlassten. Luce wollte, wie er selbst sagte, etwas von dem Vorhandenen ganz Verschiedenes schaffen, was ihm auch, jedoch nicht zum Vorteil der Sache, gelang. Die Schriften sind sehr schmal gehalten, es fehlen ihnen die besonderen Kennzeichen (I, S. 210) der Schriften der Staatsdruckerei. Sein Nachfolger als königlicher Graveur war Fagnion.
Eine weitere Acquisition bestand in einer Sammlung der Vignetten Jean Papillons (I, S. 200). Sie hat, wie die Sammlungen von Luce, zwar den Wert des historischen Museums der Anstalt sehr erhöht; für die Praxis waren diese Vermehrungen bei den Fortschritten der Kunst ohne Interesse.
Einfluss Ludwigs XVI.
Ludwig XVI. begünstigte ebenfalls die Staatsdruckerei und liess die kleinen Offizinen in den Tuilerien und in Versailles unter die Direktion derselben stellen. Das Verhältnis des Direktors zu der Anstalt war ein ziemlich kompliziertes. Er war nicht ein einfacher, fest salarierter Beamter, sondern zu einem wesentlichen Teil gingen die Arbeiten für Rechnung des Direktors, wurden nach der Taxe bezahlt und mit einem dem Direktor selbst gehörenden Material ausgeführt. Wie bedeutend dieses war, geht aus der später zu erwähnenden Auseinandersetzung mit der Witwe Anisson hervor, wobei es sich um eine Summe von einer halben Million Livr. handelte. Staatseigentum waren hauptsächlich nur die Stempel und Matern der Schriften, ausserdem vielleicht 10000 Pfund Schrift und etwa ein Dutzend Pressen.
Zustande während der Revolution.
Nach dem Ausbruch der Revolution begann eine unerfreuliche Periode für die Staatsdruckerei. Die wissenschaftlichen und die administrativen Arbeiten traten in den Hintergrund, die Hauptbeschäftigung war der Druck der vielen Gesetze und Dekrete, der ebenfalls auf Rechnung des Direktors ging, welcher die Zahl der Pressen fast auf 100 vermehren und bei der Unzulänglichkeit der Lokalitäten im Louvre zwei Succursales errichten musste.
Der Assignaten-Druck.
E. A. J. Anisson † 1794.
Zu diesen Arbeiten kam noch die Ausführung von 1200000 Stück Assignaten[101]. Doch dies war nur ein Tropfen ins Meer. Bereits am 30. Sept. 1790 wurde eine neue Emission von 800 Millionen Livres, bestehend in 3060000 Stück, beschlossen. Anisson verlangte für die Ausführung 100000 Livres; Didot erklärte sich bereit, die Lieferung für 22000 Livres zu übernehmen. Dies verursachte grosse Misstimmung gegen Anisson. Indes sprach manches zu dessen Rechtfertigung, da die Ausführung, welche von Didot verlangt wurde, eine weit einfachere als die frühere und Didot inzwischen in Besitz der Stereotypie gelangt war (S. [152]). Doch kam es noch nicht zum Bruch und man bewilligte ihm auf seine Vorstellungen sogar einen höheren Tarif als den bisherigen für seine Arbeiten. Es war jedoch nicht angenehm, Männer wie Marat und Pétion zu persönlichen Feinden zu haben. Auf Antrag des letzteren ward Anisson am 8. Oktober 1792 verhaftet, wozu der, angeblich gegen seine Instruktion erfolgte Druck eines Dekrets als plausibler Vorwand dienen musste. Aus seinem Gefängnis schlägt er dem Sicherheits-Ausschuss vor, seine Direktorstelle aufzugeben und der Öffentlichkeit sein auf 499036 Livres taxiertes Material käuflich zu überlassen. Dieser Vorschlag wurde jedoch nicht angenommen. Anisson starb 1794 auf dem Schafott. Sein Eigentum ward mit Sequester belegt und erst nach langen Verhandlungen fand ein Vergleich mit der Witwe statt.
Die Druckerei in Ägypten.
Als ein denkwürdiges Ereignis in der Geschichte der Staatsdruckerei während der Republik ist die bereits oben kurz erwähnte Einführung der Druckerei in Ägypten zu verzeichnen. Bereits nach der Eroberung Italiens hatte Bonaparte die Errichtung zweier Druckereien, einer griechischen und einer arabischen, auf den Ionischen Inseln verlangt und, als er nach Ägypten gezogen war, die Einrichtung einer umfangreicheren Buchdruckerei dort gefordert. Der damalige Direktor der Staatsdruckerei Duboy-Laverne beauftragte den Orientalisten Langlès mit der Ausführung. Die Sache ging aber Bonaparte nicht rasch genug und er beschuldigte die Genannten der mutwilligen Verzögerung. Er verlangte Erlass einer Ordre, „die griechischen Schriften, mit welchen der Xenophon gedruckt werde, sofort zu verpacken. Xenophon könne ohne Schaden drei Monate warten, bis wieder neue Schriften fertig wären“.
J. J. Marcel.
An die Spitze der ägyptischen Druckerei wurde ein tüchtiger Arabist J. J. Marcel, später Direktor der Staatsdruckerei, gestellt. Die Offizin wurde in dem Hause des griechischen Konsuls in Alexandrien eingerichtet, dann nach Kairo und Gizeh gebracht. Ausser den dienstlichen Arbeiten druckte die Anstalt Le Courrier de l'Égypte und etwa ein Dutzend belehrende Schriften in arabischer Sprache. Auch in Pondichery auf der Küste Koromandel in Ostindien wurde eine französisch-persische Druckerei durch Vermittelung der Staatsdruckerei angelegt.
Nach Rückkehr der Franzosen aus Ägypten wurde beschlossen, die Arbeiten der, zugleich mit der Armee entsendeten wissenschaftlichen Expedition herauszugeben. Eine Kommission von acht angesehenen Gelehrten wurde ernannt, um die Redaktion zu besorgen, und es entstand in der Staatsdruckerei eines der hervorragendsten Druckwerke aller Zeiten, die Description de l'Égypte in neun Foliobänden mit Text und vierzehn mit Kupfern und Karten, das erst 1809 vollendet wurde. Von bedeutenden Werken der Staatsdruckerei aus der Zeit der Republik sind noch die umfangreichen Reisewerke von La Pérouse, Marchand, Vancouver, Millins Monumens antiques u. a. zu nennen.
Im Jahre 1800 war der Beschluss gefasst worden, dass von den in der Staatsdruckerei ausgeführten Werken 200 Exemplare dem Ministerium des Innern zur Disposition gestellt werden sollten, damit dieses sie im Interesse der Wissenschaft und der Aufklärung zweckmässig verteile.
Orientalische Schriften.
Die orientalischen Schriften waren in Ordnung gebracht, mehrere neue geschnitten und der Raub der Schriften der Propaganda in Rom hatte diesen Zweig der Typographie ausserordentlich bereichert. Das Lokal war nach dem Hôtel Penthièvre verlegt worden.
Man sieht aus dem obigen, dass die Zeit der Republik in Waffen doch keine ganz verderbliche für die Staatsdruckerei gewesen war, die vieles dem 1801 verstorbenen Direktor Duboy-Laverne zu verdanken hat.
Umzug.
Der Kaiser widmete der Anstalt noch mehr Aufmerksamkeit als der Konsul. Die Administration wurde geordnet, Pensionskassen eingerichtet und die Arbeiten nach Tarifen reguliert. Ein Umzug fand 1809 nach dem Hôtel Soubise mit dessen Annex Palais Cardinal (Rohan) statt. 1811 wurden die orientalischen Schriften, allerdings wieder durch Raub, mit den Stempeln und Matern der Druckerei der Medici in Florenz vermehrt. In demselben Jahre erhielt Didot den Auftrag, das Schriftensystem nach dem inzwischen eingeführten Metermass umzuändern und neue Schriften zu schneiden, doch wurde dieses Vorhaben wegen der Kostspieligkeit nicht zuendegeführt. Ein grosses Prachtwerk Rélation des cérémonies du sacre et du couronnement, etc. de Napoléon wurde 1812 angefangen und erst während der Hundert Tage vollendet, 1813 erteilte der berühmte Gelehrte Silvestre de Sacy den Eleven der Anstalt Unterricht in orientalischen Sprachen, um tüchtige Setzer zu bilden.
Ausser den erwähnten sind noch unter den bedeutenden Erscheinungen der Staatsdruckerei zu nennen die Statistique de la France, Fol., 1804; Recherches asiatiques 1805 und de Guignes Dictionnaire chinois, Fol., 1813.
Die Zeit der Restauration.
Mit alledem waren die Kriegszeiten doch im ganzen keine glücklichen für die Entwickelung der Staatsdruckerei. Am 15. April 1814 verschwand der kaiserliche Adler als Insigne und mit diesem auch verschiedene Schätze der Anstalt, da, nach den Bestimmungen des Pariser Friedens, die den Offizinen der Propaganda und der Medici geraubten Stempel zurückzugeben waren. Doch geschah dies nicht vollständig, und von den Stempeln behielt man Abschläge zurück, sodass die Vollständigkeit der Anstalt eigentlich nicht litt.
Reorganisation Anisson-Duperon.
Ludwig XVIII. bestimmte durch ein Dekret vom 28. Dezember 1814, dass vom 1. Januar 1815 ab die Arbeiten für Rechnung des Staates mit ganz wenigen Ausnahmen aufhören sollten und dass es den verschiedenen Ministerien zu überlassen sei, ihre Arbeiten nach bestem Ermessen auch an Privatdruckereien zu vergeben. Das Inventar sollte dem Direktor zur Disposition gestellt werden, Schriften und Abschläge konnte er unter festgesetzten Bedingungen verkaufen. Marcel wurde in Ruhestand versetzt und der Sohn des hingerichteten Direktors Anisson, vielleicht als Ersatz für die seiner Familie zugefügte Unbill, zum Vorstand gewählt. Da kamen die Ereignisse vom 20. März 1815 und das Kaiserreich der Hundert Tage warf alles über den Haufen, damit es nach drei Monaten wieder eingeführt werde. Anisson liess von Jacquemin neue Schriften nach englischen Mustern schneiden. Dies missfiel der Regierung und da überhaupt die neue Einrichtung sich wenig zuträglich zeigte, versuchte eine Ordonnanz vom 23. Juli 1823 den ungefähren Standpunkt des kaiserlichen Dekrets von 1809 wiederherzustellen.
Villebois.
Zum Chef des Instituts wurde E. de Villebois ernannt. Er führte wieder Präzision in der Administration ein und liess von Marcelin Legrand 16 Grade Antiqua und Cursiv mit einem Aufwande von 39200 Franken schneiden. Eine gelehrte Kommission sollte die Ausführung der Schriften überwachen, hatte aber, wie es mit Kommissionen gewöhnlich der Fall ist, mehr hemmend als fördernd gewirkt. Das erste Werk, welches mit den neuen Typen gedruckt wurde, war Raoul-Rochettes Monumens inédits d'antiquité figurée in gross Folio 1828.
Orientalische Sammlung.
Neuerungen.
Bereits 1824 hatte Ludwig XVIII. die Herausgabe der seit lange beabsichtigten Sammlung orientalischer Werke angeordnet, die Anfänge konnten jedoch erst 1832 nach der Julirevolution gemacht werden. 1828 fasste man auch das Herz, Schnellpressen einzuführen, wogegen man sich lange gesträubt hatte. Zumteil beruhte diese Zögerung wohl in humanen Gründen, da man keinem Arbeiter den Abschied geben wollte; teils lag vielleicht auch ein gewisser Stolz zugrunde; man wollte, wie es scheint, die Maschine nicht als der Handpresse ebenbürtig anerkennen. Die verschiedenen Ministerien beschwerten sich über die teueren Preise, man entschloss sich deshalb, zuerst die Preise nur so zu berechnen, als wären die Arbeiten auf Maschinen gedruckt. Doch es half nichts, man musste sich den Forderungen der Zeit fügen und im Jahre 1829 wurden 96000 Franken zur Anschaffung von Schnellpressen angewiesen, die jedoch während der Revolutionstage 1830 von eindringenden Arbeitern teilweise demoliert wurden.
Villebois hatte das Schicksal seines Gönners, des Ministers de Peyronnet, und wurde entlassen. Unter den Werken aus der Zeit der Restauration sind noch zu nennen: Caillauds Voyage à l'oasis de Thèbes, Folio, 1821; Silvestre de Sacy, Les Séances de Hariri, 1822; Freycinet, Voyage autour du Monde, 4°, 1826, und das vorzügliche Album typographique de l'Imprimerie Royale, 1830.
Pierre Lebrun.
Am 15. September 1831 wurde der Posten Villebois' definitiv dem Akademiker Pierre Lebrun übertragen, nachdem diese Stellung, wie man sagt, erst Béranger[102], dann bestimmt Ambroise Firmin Didot angeboten worden war. Letzterer erklärte sich bereit, die Stelle anzunehmen, wenn allein diejenigen Arbeiten, deren Ausführung durch den Staat sicherheitshalber notwendig war, von der Staatsdruckerei übernommen, alle anderen jedoch der Privatkonkurrenz überlassen würden; wenn man die seltenen Schriften an Buchdrucker zu billigen Preisen ablassen wollte, und schliesslich, wenn es nicht nötig sei, dass er Gehalt annähme. Die Gründe, weshalb man darauf nicht eingehen konnte, lagen klar am Tage und es war wohl auch Didot mehr darum zu thun, die Grundsätze laut auszusprechen, die er für die von einer Staatsanstalt einzig richtigen hielt, als den Direktorposten anzunehmen.
Wennauch kein Fachkundiger, suchte Lebrun doch mit Eifer sich die nötigen Kenntnisse zu erwerben und der Anstalt nützlich zu sein. Von der erwähnten orientalischen Kollektion wurden drei Werke in Angriff genommen: Raschid-Eddins Geschichte der Mongolen in Persien, Bhâgavata Pûrana und Firdusis Buch der Könige. Die Werke wurden streng im orientalischen Stil mit Ornamenten in Gold- und Farbendruck ausgeführt. Neue orientalische Schriften wurden von Marcelin Legrand, Delafond, Ramé père, Loeulliet unter Aufsicht berühmter Orientalisten geschnitten und die Didotschen Schreibschriften erworben. Auch bauliche und technische Verbesserungen wurden vorgenommen und die Lithographie eingeführt, durch die namentlich vorzügliche geologische Karten geliefert wurden.
Die Februar-Revolution.
Die Februarrevolution hatte manche Unordnungen zur Folge, welche Lebrun veranlassten, seine Stelle niederzulegen, die im Jahre 1850 definitiv Saint-Georges übertragen wurde. Dieser behauptete die Ehre der Anstalt auf verschiedenen Weltausstellungen. Für die in Paris 1855 abgehaltene wurde mit allen Raffinements der graphischen Künste eine Prachtausgabe der Nachfolge Christi lateinisch mit der poetischen Paraphrase Corneilles gedruckt.
Angriffe gegen die Staatsdruckerei.
Die Staatsdruckerei ist zwar bereits seit der ersten Revolution fortwährend Gegenstand der Angriffe gewesen, es haben diese jedoch in jüngster Zeit an Heftigkeit zugenommen. Man hält die Konkurrenz der Anstalt mit der Privatindustrie nicht allein für unnötig, sondern für sehr schädigend. Zur Hebung der Kunst sind solche Anstalten nicht mehr nötig. Was Didot aussprach, denkt gewiss Jeder: Eine Staatsanstalt soll nicht den Steuerzahlenden unnötige Konkurrenz machen. Die Typographie ist mündig geworden und bedarf keines öffentlichen Mentors.
Die Familie Didot.
Noch in einem höheren Grade als das Wirken der Staatsdruckerei war in dem ganzen Abschnitt der Buchdrucker-Geschichte Frankreichs von 1750 bis auf den heutigen Tag das Vorgehen der Familie Didot massgebend[103]. Während die Buchdruckerei als Kunst und der höhere Buchhandel in der Revolutionszeit gänzlich darnieder lagen, waren die Didot fast die einzigen, die unentwegt und unbekümmert um den ringsum tosenden Sturm die Flagge Gutenbergs stolz vom hohen Mast wehen liessen.
Das ganze Sein dieser Familie ist von einem so edlen Geist durchdrungen; alles, was sie geschaffen hat, trägt so sehr den Stempel der Gediegenheit, dass der Name Didot noch langezeit als Stern erster Grösse glänzen wird.
Zudem besitzen alle Unternehmungen dieser Firma neben den Vorzügen des französischen Charakters auch das Gepräge einer echt germanischen Wissenschaftlichkeit und Gründlichkeit, wie auch manche der hervorragendsten Werke ihrer Pressen unter Mitwirkung deutscher Gelehrten durchgeführt wurden. Schliesslich ist die Verbindung dieses Hauses mit Deutschland seit langen Jahren eine weit innigere, als es sonst seitens französischer Firmen der Fall zu sein pflegt. Das alles macht, dass der deutsche Gewerbsgenosse sich dieser Familie näher stehend fühlt als den übrigen hervorragenden Repräsentanten der graphischen Gewerbe in Frankreich.
François Didot * 1689, † 2. Novbr. 1757.
Der Stammvater des Hauses war François Didot aus Paris (1713). Schon er machte sich bekannt durch seine vielen wichtigen Unternehmungen, darunter die Histoire générale des Voyages von Abbé Prevost in 20 Quartbänden mit einer grossen Anzahl von Kupfern und Karten. François Didot hatte elf Kinder, von welchen François Ambroise und Pierre François den Beruf des Vaters ergriffen. Zwei seiner Töchter waren an berühmte Buchhändler, Guillaume de Bure und Jacques Barrois in Paris, verheiratet. Als Druckerzeichen nahm er die goldene Bibel an und sie ist es auch bis auf heute geblieben.
Ambr. F. Didot * 7. Jan. 1730, † 10. Juli 1804.
Dem Ambroise François verdankt Frankreich die Einheitlichkeit seines Schriftsystems (S. [145]), die Freiheit und Eleganz seines Schriftschnittes, daneben die Vervollkommnung des Velinpapieres und die Einführung der Druckerpresse mit nur einem Zuge. Unter seinen Druckwerken sind hervorzuheben die früher schon erwähnte Collection d'Artois, eine Sammlung von Romanen in 64 Bänden, ferner die Sammlungen von französischen Klassikern in 18°, 8° und 4°, welche, wie ebenfalls erwähnt wurde, im Auftrage des Königs Ludwig XVI. zum Unterrichtszwecke für den Dauphin gedruckt wurden.
Pierre F. Didot * 9. Juli 1732, † 7. Dezb. 1793.
Der Bruder Pierre François leistete bedeutendes als Buchdrucker, Buchhändler, Papierfabrikant und Schriftgiesser, führte viele Verbesserungen in der letzteren Branche ein und legte die berühmte Papierfabrik in Essonnes an.
Pierre Didot * 21. Jan. 1760, † 31. Dez. 1853.
Pierre, der älteste Sohn Ambr. François', übernahm 1789 die Druckerei des Vaters und zeichnete sich so aus, dass seine Offizin im Louvre installiert wurde. Hier druckte er mit Schriften, die sein Bruder Firmin geschnitten hatte, die prachtvollen sog. Louvre-Ausgaben: den Virgil in Folio mit 23 Kupfern (1798); den Horaz in Folio (1799); den Racine, drei Bände in Folio mit 57 Stichen (1801–5), die Fabeln des La Fontaine. Die Jury der damaligen Ausstellung in Paris erklärte den Racine für das vollkommenste typographische Erzeugnis aller Zeiten. Noch manche andere grossartige Werke, z. B. Viscontis griechische und römische Iconographie; Denons Reise in Ägypten; Nodiers malerische Reise im alten Frankreich, und die berühmte Oktav-Ausgabe der französischen Klassiker „für Freunde der Typographie“, die dieser Bezeichnung vollständig würdig war, gingen aus seinen Pressen hervor.
Jules Didot * 5. Aug. 1794 † 18. Mai 1871.
Sein Sohn Jules spielte eine zeitlang eine glänzende Rolle, die jedoch keinen Bestand hatte. Mit grossen Kosten hatte er eine bedeutende Offizin in Brüssel gegründet, die nicht gedeihen wollte und von der Regierung als Grundlage einer Staatsdruckerei erworben wurde. Nach Paris zurückgekehrt, errichtete Jules Didot ein ausgedehntes Etablissement, in welchem er eine grosse Zahl vorzüglich schöner Ausgaben alter und neuer Schriftsteller für verschiedene Pariser Verleger druckte. Im Jahre 1823 erhielt er auf Grund einer Prachtausgabe von Phädrus' Fabeln, in Folio auf Seide gedruckt, und anderer schöner Arbeiten die goldene Medaille. Geschäftliche Misserfolge zerstörten jedoch vollständig seine bereits geschwächten Geisteskräfte.
Firmin Didot * 14. April 1764, † 24. April 1836.
Firmin Didot, der zweite Sohn Ambroise François', hielt als Buchdrucker und namentlich als Schriftgiesser und Schriftschneider den berühmten Namen des Vaters in Ehren. Seine Schreibschriften (1806) liessen alles Dagewesene weit hinter sich, und seine Antiquaschriften, mit welchen sein Bruder Pierre die erwähnten Louvre-Ausgaben druckte, gelten als die musterhaftesten. Er verbesserte (1795) ganz wesentlich die Stereotypie und stereotypierte fast alle französischen, italienischen und englischen Klassiker in 18°-Ausgaben, die durch ihre Korrektheit und Billigkeit bekannt wurden. Der Virgil, fehlerfrei und mit Vignetten illustriert, kostete 15 Sous. Später acceptierte er die vorzügliche Stanhopesche Methode. Ausserdem druckte er eine grosse Anzahl Prachtausgaben, darunter (1817) die Lusiaden und die Henriade. Er ward Mitglied der Akademie und des Instituts und 1834 königlicher Buchdrucker. Das Geschäft Didots war ein Sammelplatz von Notabilitäten Frankreichs und des Auslandes. Im Jahre 1814 besuchte Kaiser Alexander seine Offizin und liess zwei junge Russen zurück, um bei ihm zu lernen. Sein Haus war überhaupt eine Bildungsschule der Typographie, aus welcher Renouard, Paul Dupont, Claye, Rignoux, Brun und andere, später berühmte französische Buchdrucker hervorgingen, ebenso die drei ersten Buchdrucker Griechenlands: Coromilas, Dobras, Apostolidès, sowie viele Missionsbuchdrucker. Um sich ganz dem öffentlichen Leben zu widmen, überliess er im Jahre 1827 seinen Söhnen das Geschäft. Auch als tüchtiger Schriftsteller war Firmin Didot bekannt.
Eine der Töchter Pierre François' heiratete Bernardin de Saint-Pierre, welcher eine zeitlang bei der Papierfabrik in Essonnes beteiligt war, wo er Paul et Virginie schrieb. Von seinen drei Söhnen sind namentlich Henry und Didot Saint-Léger zu erwähnen.
Henry Didot * 15. Juli 1765, † 1852.
Henry Didot that sich als Schriftschneider, Schriftgiesser und Mechaniker rühmlichst hervor. Noch in einem Alter von 66 Jahren schnitt er für seine „mikroskopischen“ Ausgaben, z. B. von Horaz, Rochefoucauld u. a., seine nec plus ultra-Schrift. Um dieselbe giessen zu können, musste ein neues Giessinstrument erfunden werden, welches Henry Didot polyamatype nannte, in welchem 160 Buchstaben auf einmal gegossen wurden.
Didot St.-Léger.
Der Bruder Henrys, bekannt unter dem Namen Didot Saint-Léger, dirigierte die Papierfabrik in Essonnes. Seiner Verdienste um die Papierfabrikation wurde bereits (S. [161]) gedacht.
Firmin Didot hatte drei Söhne: Ambroise Firmin, Hyacinthe und Firmin Frédéric (gest. 1836).
Ambr. F. Didot * 20. Dez. 1790, † 24. Febr. 1876.
Ambroise Firmin genoss eine ausgezeichnete Erziehung und legte sich mit besonderem Eifer auf griechische Sprache und Litteratur. Er machte Reisen in Kleinasien, Syrien, Palästina und Ägypten und war eine zeitlang Attaché bei der französischen Gesandtschaft in Konstantinopel. Nach der Erhebung Griechenlands zeichnete er sich als einer der eifrigsten Förderer der griechischen Sache aus. Er schenkte unter anderem Griechenland die erste Buchdruckerei. Die Bürgerschaft von Athen hat in dankbarer Erinnerung der Verdienste Didots noch in letzter Zeit einer Strasse in Athen den Namen Didot-Strasse beigelegt.
Ambr. F. Didot.
Im Verein mit seinem Bruder Hyacinthe druckte und verlegte er eine Reihe bedeutender Werke, z. B. die Reisen Champollions d. j. in Ägypten, dessen Ägyptische Grammatik und Wörterbuch; Texiers Reisen in Kleinasien und Armenien, fünf Bände, Folio; das Glossarium mediae et infimae latinitatis von Du Cange; in sechster Auflage das Wörterbuch der Akademie, 1835, welches in erster Auflage bereits 1694 erschienen war, und eine grosse Anzahl anderer Wörterbücher; die Encyclopédie moderne, 39 Bände mit einem Atlas in fünf Bänden; das Dictionnaire de la conversation, 21 Bände; die Encyclopédie d'histoire naturelle, 22 Bände mit neun Bänden Atlas; die Nouvelle Biographie générale, 46 Bde.; die Biographie universelle des musiciens von Fétis, acht Bände; J. C. Brunets: Manuel de la librairie; die Bibliothèque grecque in mehr als 60 Bänden; die Bibliothèque latine-française, 27 Bände; die Bibliothèque française; das Univers pittoresque, 67 Bände mit 4000 Stahlstichen. Wenn die Bändezahl dieser Kollektionen schon imponiert, so ist noch zu erwägen, dass es sich hierbei grösstenteils um Bände in grossem Oktav, in gespaltenem Satz mit kleiner Schrift gedruckt, handelt, so dass in der Regel ein Band den Stoff von sechs bis acht gewöhnlichen Oktavbänden enthält.
Als ein Hauptwerk Didots, zugleich für Deutschland doppelt interessant, weil es hauptsächlich durch gelehrte Kräfte Deutschlands durchgeführt wurde, ist der Thesaurus graecæ linguæ zu nennen. Diese unerschöpfliche, von Heinrich Stephanus stammende (I, S. 207) Fundgrube griechischer Lexikographie wurde unter Zusammenwirken einer grossen Anzahl Gelehrter Frankreichs und Deutschlands nach 300 Jahren neu herausgegeben und damit der Wissenschaft ein Denkmal hergestellt, das seinesgleichen sucht. Die Redaktion übernahmen die Professoren Hase, Wilhelm und Ludwig Dindorf. Das Werk bildet neun Bände in Folio.
In jüngerer Zeit haben Didots sich auch mit Vorliebe den neueren Illustrationsmethoden zugewendet. Racinets L'ornement polychrome und Mantz' Les chefs-d'œuvre de la peinture italienne mit den Chromolithographien Kellerhovens müssen als Prachtwerke erster Klasse genannt werden. Höchst anziehend ist auch eine Reihe von reich mit Holzschnitten und Chromolithographien geschmückter Werke, welche namentlich Leben, Sitte und Kunst früherer Jahrhunderte illustriert und sich trotz der musterhaftesten Ausstattung durch einen sehr billigen Preis auszeichnet. Fast als ein Saulus unter den Propheten erschien 1860 in dem Didotschen Verlage nach dem Muster des „Bazar“ das Journal La Mode illustrée, welches an 100000 Abonnenten zählte.
Ein anstaunenswertes Unternehmen bleibt in seiner Art auch: Annuaire-Almanach du Commerce, von welchem mehr als 80 Jahrgänge vorliegen. Das Unternehmen ist jetzt in den Händen einer Gesellschaft, die es mit einem Kapital von 7½ Millionen Franken ausbeutet.
Mit Obigem haben wir nur einen Teil der grossartigen Wirksamkeit der Weltfirma andeuten können. Der bescheiden ausgestattete Verlagskatalog lässt kaum auf den hohen Wert der verzeichneten Unternehmungen schliessen, der schwerlich von dem irgend eines Verlagskataloges übertroffen werden dürfte.
Wenn wir noch sehen, welche bedeutende litterarische Thätigkeit Ambroise Firmin mit seiner geschäftlichen zu verbinden wusste, so muss unsere Achtung und Bewunderung für diesen Mann sich noch steigern.
Seine Mitwirkung bei dem Thesaurus wie bei vielen der encyklopädischen Unternehmungen des Hauses zeugen schon von seiner gelehrten und wissenschaftlichen Bedeutung, jedoch lieferte er ausserdem noch eine Reihe selbständiger Schriften. Wir können hier nur die bedeutendsten derjenigen erwähnen, die sich auf das graphische Gewerbe beziehen. Als Mitglied der Ausstellungs-Jury schrieb er L'imprimerie, la librairie, la papeterie à l'exposition 1851 à Londres (2. Auflage 1854). Sein 1863 erschienener Essai typographique et bibliographique sur l'histoire de la gravure sur bois ist ein vortreffliches Werk, das nur den einen Fehler hat, dass es mit ganz ausserordentlich kleiner Schrift gedruckt ist[104]. Sein letztes umfangreiches Buch ist das 1875 erschienene Alde Manuce et l'hellénisme à Venise. Über die Frage der Orthographie und des litterarischen Eigentumsrechtes gab er verschiedene wertvolle Schriften heraus. Unter seinen Monographien erwähnen wir: Étude sur les œuvres de Jean Sire de Joinville, zwei Bände, fünfte Auflage, 1870; Missel de Juvénal des Ursins, ein kostbares Manuskript, welches Didot für 23000 Franken erworben, jedoch der Bibliothek des Hôtel de Ville cediert hatte, bei dessen Brande es vernichtet wurde; Étude sur Jean Cousin, 1872. Didot besass eine Bibliothek typographischer Seltenheiten ersten Ranges, die nach Millionen von Franken geschätzt wurde und auch bei der Versteigerung nach Didots Tode wirklich enorme Summen einbrachte. Diese Sammlung hatte Didot Veranlassung zu dem Werke: Catalogue raisonné des livres de la Bibliothèque de A. F. Didot, I. 1: Livres à figures sur bois, Solennités, Romans de chevalerie, 392 zweispaltige Seiten, gegeben. Als Supplemente hierzu erschienen: Les apocalypses figurées und Essai de classification des Romans de chevalerie. Sein Bibliothekzimmer war Didots liebster Aufenthalt, und hier musste oft sein Diener den in die Arbeit Vertieften an die vorgerückte Nachtstunde erinnern.
Das Geschäft beschränkte sich nicht allein auf bibliopolisch-typographische Hyacinthe Didot * 1794, † 7. Aug. 1881.Th. Lefèvre * 17. Sept. 1798.Unternehmungen, sondern umfasste auch die bedeutende Papierfabrikation in Mesnil und Sorel. Dagegen sah sich Didot veranlasst, die Schriftgiesserei als selbständiges Geschäft aufzugeben; sie wurde der grossen Gesellschaft Fonderie générale einverleibt. Als die Einrichtung der Papiermaschinen viele bei der Fabrikation beschäftigt gewesene Mädchen in Mesnil arbeitslos machte, richtete Didot eine bedeutende Druckerei für Frauen ein, sorgte für tüchtige Anleitung und etablierte Schulen. Diese Anstalt war namentlich ein Werk Hyacinthe Didots, des treuen Mitarbeiters des Ambroise durch eine lange Reihe von Jahren. Sie stand unter der Leitung des Théotiste Lefèvre, und wurde nachträglich noch durch eine Abteilung für taubstumme Mädchen erweitert. Der jetzt 84jährige Th. Lefèvre, bekannt durch sein Handbuch für Setzer[105], arbeitet seit 46 Jahren in dem Hause Didots.
Dass es Ambroise Firmin Didot an äusseren Ehren der verschiedensten Art nicht fehlte, ist begreiflich. In den letzten Jahren seines Lebens genoss er noch die Auszeichnung, Mitglied des Instituts von Frankreich zu werden. Die höchste Ehre war es ihm jedoch, die unbegrenzte Achtung und Liebe seiner Mitbürger und Untergebenen zu besitzen und der Vater seiner Arbeiter zu sein, was er im vollen Sinne des Wortes war, bis ihn der Tod ihnen raubte.
Alfred und Paul Didot.
Das Haus Didot steht jetzt unter der Leitung des Sohnes des Ambroise Alfred Firmin Didot (geboren 1828) und des Sohnes des Hyacinthe Paul Firmin Didot (geboren 1826). Die Druckerei in Paris ging in den Besitz von G. Chamerot über.
Trotzdem dass die Firma, wie auch aus dem Obigen hervorgeht, in mancher Hinsicht ihre Thätigkeit beschränkte, wird sie sicherlich noch lange den berühmten Namen mit Ehren behaupten. Für Frankreichs Typographie hat die Familie Didot eine Bedeutung, welche die der Familie Stephanus noch überragt.
Andere ältere Familien.
Neben dem Geschlecht der Didot besass Frankreich noch eine Anzahl bedeutender Druckerfamilien, die, aus dem XVIII. in das XIX. Jahrhundert herüberreichend, die verbindenden Glieder in der grossen Kette bilden, in welcher sich die modernen vortrefflichen Typographen an die alten Meister anreihen.
Unter diesen Familien nahm die der Panckoucke, wennauch nur auf kürzere Zeit, eine sehr glänzende Stellung ein.
J. Panckoucke * 1736, † 1799.
Joseph Panckoucke, geboren zu Lille, war ein tüchtiger Mathematiker und bereitete sich für den Beruf eines Dozenten vor, etablierte sich jedoch zuerst als Buchhändler, dann 1774 als Buchdrucker. Eine der ersten seiner Unternehmungen sollte eine Gesamtausgabe von Voltaires Werken sein, für deren Durchsicht und Emendation er den berühmten Verfasser selbst gewonnen hatte. Die Kaiserin von Russland war ersucht worden, die Widmung anzunehmen, da jedoch nach Ablauf von sieben Monaten die Erlaubnis zur Dedikation noch nicht eingegangen war, betrachtete Panckoucke die Sache als gescheitert und verkaufte seine Rechte P. Beaumarchais † 1799.an den bekannten Schriftsteller P. Beaumarchais, der die Absicht hatte, etwas noch nicht Dagewesenes von einer Prachtausgabe zu liefern. Am Tage nach dem Abschluss kam — zu spät! — die Erlaubnis der Kaiserin, begleitet von einer Anweisung auf 150000 Livres.
Beaumarchais liess in Kehl, Strassburg gegenüber, eine Offizin errichten und Arbeiter aus Deutschland und der Schweiz kommen. Seine Abgesandten nach Holland studierten die dortige Papierfabrikation und errichteten danach Fabriken in den Vogesen. Die Stempel und Matern Baskervilles wurden erworben (S. [74]). Der Hauptherausgeber war Condorcet; die typographische Redaktion besorgten Decroix und Letellier. In fünf Jahren (1784–89) verausgabte man mehr als drei Millionen auf eine Oktavausgabe in 70 Bänden und eine Duodezausgabe in 92 Bänden. Um allen Ansprüchen gerecht zu werden, wurden von beiden Ausgaben Exemplare auf fünf Sorten Papier gedruckt in einer Gesamtauflage von 28000 Exemplaren. Zu dem grossen Aufwand stimmte nicht recht die nachlässige Korrektur. Pekuniär war das Unternehmen ein vollständiger Misserfolg und kostete Beaumarchais für seinen Anteil eine Million.
Der Moniteur.
Von Panckoucke stammt auch der Gedanke des Moniteur. Nachdem er in England den Wert und die Macht der periodischen Presse kennen gelernt hatte, wollte er ein solches Institut, das auch äusserlich mit einem der grossen englischen wetteifern konnte, in Frankreich gründen. Der erste Redacteur war Maret, später Herzog von Bassano. Das Blatt erreichte die damals ganz ausserordentliche Auflage von 15000 Exemplaren und wurde ein Quellenwerk für die Geschichte, das an Interesse wenige Konkurrenten hat.
Als Verleger war Panckoucke äusserst splendid und bei Hofe sehr angesehen. Er druckte Buffons sämtliche Werke; die erste grosse Sammlung von Reisewerken und begann auch die Encyclopédie méthodique, welche 166 Bände in Quart und 51 Teile mit 6429 Kupfertafeln umfasste, deren Herstellung ein halbes Jahrhundert in Anspruch nahm. Der Erfolg war anfänglich ein ganz ausserordentlicher. Ein einziger Madrider Buchhändler, Sancha, hatte Subskriptionen bis zu einem Betrage von anderthalb Millionen Livres gesammelt. Die lange Reihe von Jahren, welche das Unternehmen bis zu seiner Vollendung erforderte, schmälerte jedoch sehr den Ertrag, da wenige Unterzeichner das Ende des Werkes erlebten.
Panckoucke selbst war als Schriftsteller sehr thätig und lieferte ausser selbständigen Werken und Übersetzungen noch zahlreiche Artikel zu den periodischen und encyklopädischen Werken seines Verlages.
C. L. Panckoucke * 25. Dez. 1780, † 11. Juli 1844.
Sein Sohn Charles Louis Panckoucke vertauschte die als Beruf ergriffene Rechtswissenschaft mit der Buchdruckerei und dem Buchhandel. Er vollendete die Encyclopédie und druckte unter Mitwirkung der besten wissenschaftlichen Kräfte das Dictionnaire des sciences médicales, die Flore médicale, die Biographie médicale. Während des Rückganges des nationalen Glanzes in den Jahren 1814–15 begann er die Herausgabe der Victoires et Conquêtes, welche einen ausserordentlichen Erfolg hatten. Weiter veranstaltete er eine neue Ausgabe der Expédition d'Égypte. Auch er war als Schriftsteller mehrseitig thätig. Sein Sohn Charles Louis Ernest (geboren 1806) verliess den Buchhandel, behielt jedoch die Buchdruckerei und den Druck des Moniteurs.
Familie Barbou.
Der Ursprung der Familie Barbou ist in Lyon um die Mitte des XVI. Jahrhunderts zu suchen. Eins der Mitglieder derselben, Jean Joseph Barbou, etablierte sich 1717 als Buchhändler, 1723 als Buchdrucker in Paris. Der Sohn Joseph Gérard Barbou machte sich einen übeln Namen durch die Art und Weise, wie er einberufene deutsche Arbeiter behandelte. Sein Neffe Joseph Gérard d. j. begann eine schöne Kollektion lateinischer Klassiker in 76 Bänden mit Vignetten, die 1808 auf J. A. Delalain überging, der das Geschäft erst allein, seit 1836 mit seinem Sohne A. H. J. Delalain führte. Diese Firma druckte mehrere tausend Klassiker-Ausgaben und Unterrichtswerke; derselben verdankt man auch das Annuaire de la librairie et de l'imprimerie und mehrere Fachschriften. Die Familie gehört zu den geachtetsten ihres Faches in Frankreich.
P. N. Lottin † 1751.
Philipp Nicolas Lottin etablierte 1724 eine Druckerei. Sein Sohn Aug. Martin war der typographische Lehrmeister Ludwigs XVI., der damals, ein glücklicher Knabe von zwölf Jahren, mit der Presse spielen konnte, die ihn später aufs Schafott bringen sollte. Lottin ist der Verfasser eines jetzt sehr selten gewordenen Werkes: Catalogue chronologique des libraires et imprimeurs de Paris depuis 1470–1789.
J. G. Treuttel * 1744, † 1826.
J. G. Würtz * 1768, † 1841.
Das Geschäft Treuttel & Würtz wurde 1770 in Strassburg, 1795 in Paris, 1817 in London errichtet. J. G. Treuttel war in Strassburg geboren, ebenso sein Schwiegersohn J. G. Würtz; ein zweiter Schwiegersohn E. Jung trat nach Treuttels Tod als Teilhaber in das noch in der Familie unter der Firma Jung-Treuttel fortwirkende Geschäft. Unter den vielen bedeutenden Arbeiten desselben nennen wir nur einige: d'Agincourts L'histoire de l'art par les monumens; die Werke der Frau von Staël, 17 Bände; Les archives des découvertes, 31 Bände; die bedeutendsten Werke Sismondis; die Bipontiner (Zweibrücker) Ausgaben der Klassiker in 115 Bänden; die Encyclopédie des gens du monde.
Familie Berger-Levrault.
Fr. Schmuck * 1678.
Wilh. Schmuck * 1682, † 1751.
J. R. Christmann † 1661.
F. R. Christmann * 1728.
Eines der bekanntesten Häuser Frankreichs ist das Strassburg ebenfalls angehörende Berger-Levrault, welches seit mehr als 200 Jahren in einer Familie fortgeführt wurde[106]. Der Gründer desselben war Friedr. Wilh. Schmuck um 1675; die Druckerei entstand 1685. Der Sohn Friedrich Schmuck und dann sein Bruder Wilh. Schmuck folgten, letzterer wurde Buchdrucker des Königs und der Universität. Nach Fr. Schmucks Tode ging das Geschäft auf seinen Schwiegersohn Joh. Rob. Christmann aus Kempten und dann auf dessen ältesten Sohn Franz Robert Adrian über, der als Teilnehmer seinen Schwager Franz Georg Levrault aufnahm, worauf die Firma Christmann & Levrault, dann nach Christmanns Tode Georg Levrault wurde und bis 1858 fortbestand. Von den vier Söhnen Georgs, die sich alle der Druckerei widmeten, wurde der F. L. X. Levrault * 1762, † 17. Mai 1821.älteste Franz Laurent Xavier, welcher in der Schreckenszeit auf Grund seiner royalistischen Gesinnungen hatte fliehen müssen, Chef des Hauses. Unter ihm fand ein bedeutender Aufschwung des Geschäfts statt. Ein grosser Teil des Exports französischer Bücher nach Deutschland und Russland ging durch seine Hände und seine Pressen brachten zahlreiche Verlagsartikel hervor. Eine Spezialität des Hauses bildete die Lieferung von Militärformularen, die sogar der grossen Armee nach Russland nachgesendet wurden. Levrault war ein Mann von ungewöhnlicher geistiger Begabung und Arbeitskraft, die er nicht nur dem Geschäfte, sondern auch seinen Mitbürgern, unter denen er im höchsten Ansehen stand, widmete. Eine treue und tüchtige Gehülfin hatte er in seiner Frau, welche, als Überanstrengungen 1821 seinen Tod herbeiführten, sich beherzt Witwe Levrault † 1850.an die Spitze des Hauses stellte und während 29 Jahren das Erbe der Familie mit sicherer Hand erhielt und förderte. Von 1825 bis 1837 wurde sie durch einen Schwiegersohn Friedr. Berger kräftig unterstützt, ein anderer Schwiegersohn C. Pitris leitete das in Paris gegründete Haus. Nach Bergers Tode übernahm dessen Witwe Berger-Levrault † 28. Mai 1879.Witwe die Führung der Druckerei, während die Witwe Levrault bis zu ihrem Tode der Buchhandlung vorstand. Die Witwe Berger nahm nun ihren Sohn Oscar Berger-Levrault zum Teilnehmer, wodurch die Firma sich in Berger-Levrault Sohn änderte. Unter der Leitung Jul. Norbergs nahmen die Geschäfte einen immer grösseren Umfang an. Mit gewaltigen Anstrengungen siegte man in dem Kampf gegen Konkurrenten um Behauptung der administrativen Arbeiten. Bedeutende Erfolge belohnten die Thätigkeit und ein grossartiges Geschäftshaus wurde erbaut. Kaum war der Umzug bewerkstelligt, da brach der Krieg aus. Die Schwierigkeit resp. Unmöglichkeit, während desselben und der darauf folgenden Friedensverhandlungen die administrativen Arbeiten auszuführen, waren ausserordentlich; nach der Abtretung des Elsass an Deutschland musste das Haus mit diesen Arbeiten nach Frankreich auswandern und 1873 fand die Übersiedelung nach Nancy statt. Bereits am 20. Mai 1876 ward das dortige äusserst zweckmässig eingerichtete Etablissement ein Raub der Flammen, es wurde jedoch mit einer fabelhaften Energie und mit noch besseren Einrichtungen als vorher neu aufgeführt.
Das Strassburger Etablissement, welches jetzt nach 200 Jahren wieder zu den deutschen zählt, besteht unter alleiniger Leitung des Herrn Rud. Schultz als Kommandit-Gesellschaft unter der Firma R. Schultz & Co. (Berger-Levrault Nachfolger).
J. G. Dentu * 1770, † 1840.
G. Dentu d. j. * 1796, † 1849.
Der Gründer der Firma Dentu, Jean Gabriel Dentu, etablierte um 1795 eine Buchdruckerei und später eine Buchhandlung in Paris. Sein Journal des Dames hatte einen ausserordentlichen Erfolg. Er gab eine grosse Reihe von Reisewerken sowie Schriften naturwissenschaftlichen Inhalts heraus und druckte und verlegte nach der zweiten Restauration fast alle legitimistischen Broschüren. Der Sohn Gabriel Dentu, der 1826 das Geschäft übernahm, blieb den politischen Traditionen der Firma treu, wurde dadurch nach der Julirevolution 1830 in 27 Pressprozesse verwickelt und musste ausser zahlreichen Geldstrafen neun Monat Gefängnis aushalten. Einer seiner Söhne Ed. Dentu folgte ihm als Buchhändler; die Buchdruckerei wurde verkauft.
H. M. Cazin † 5. Okt. 1795.
Als Verleger einer Reihe reizender und koketter Ausgaben in 18° mit schönen Illustrationen und allerliebsten Ornamenten der besten Künstler ist Hubert Martin Cazin bekannt.
Mit grosser und wohlbegründeter Pietät nennen die französischen Fachgenossen den Namen Crapelet.
Charles Crapelet * 13. Nov. 1762, † 9. Okt. 1809.
Charles Crapelet war in Bourmont geboren. Seine Erziehung war sehr vernachlässigt, er versuchte jedoch durch unermüdliche Arbeit das Fehlende zu ersetzen. Erst 17 Jahre alt übernahm er die Leitung des bedeutenden Geschäfts des Buchdruckers Stoupe. Er beteiligte sich auf das lebhafteste bei den Bestrebungen, die Typographie durch Geschmack und Eleganz zu heben, und war zugleich einer der vorzüglichsten Korrektoren. Als Beweis seines Pflichteifers wird erzählt, wie er sich von dem Festschmause am Abend seines Hochzeitstages gegen Mitternacht heimlich entfernte. Als er nicht wiederkam, geriet die Gesellschaft in Verlegenheit, die junge Frau in die grösste Unruhe. Nachdem der anwesende Prinzipal Stoupe sich eine zeitlang an dieser Situation ergötzt hatte, machte er schliesslich dem Entsetzen ein Ende durch die Erklärung, Crapelet sei in die Druckerei gegangen, um die Korrektur einiger Bogen zu erledigen, die man morgen drucken müsse. Der Vermisste erschien dann endlich auch früh gegen drei Uhr.
Im Jahre 1789 wurde er der Nachfolger Stoupes. Nach dem Beispiele Baskervilles suchte er Einfachheit mit Eleganz zu verbinden und übertraf sein Vorbild durch die Gleichmässigkeit und die grosse Korrektheit seiner Drucke. Seine Ausgaben werden von allen Bücherfreunden in Ehren gehalten und seine Pergamentdrucke und die Golddruck-Exemplare von Audiberts Histoire des colibris sind typographische Seltenheiten.
Vom Glück war Crapelet nicht begünstigt und Missbrauch seines Vertrauens brachte ihm ausserdem schwere Verluste. Um diese zu ersetzen, arbeitete er über seine Kräfte. Ein Druckfehler in dem ersten Bogen seiner Ausgaben des Télémaque, wo, statt Pénèlope, Pélènope gedruckt war, versetzte ihn in eine solche Aufregung, dass nur die ernsthaftesten Vorstellungen seiner Freunde ihn von seinem Entschluss, die Buchdruckerei aufzugeben, abzubringen vermochten. Leider zu seinem Schaden, denn er starb, erst 49 Jahre alt, durch geistige und körperliche Anstrengungen aufgerieben, als Märtyrer seines Berufs. Unter den vielen Werken aus seinen Pressen seien die schönen Ausgaben der französischen Klassiker und Audiberts Histoire naturelle des oiseaux chantans, Folio, 1805, genannt.
G. A. Crapelet * 1789, † 1842.
Notgedrungen musste der Sohn Georg August Crapelet, kaum 20 Jahre alt, das Geschäft übernehmen. In seinen Leistungen übertraf er noch den Vater, war ausserdem ein bedeutender Fachschriftsteller und Archäolog. Seine Ausgaben französischer Klassiker sind berühmt und die Grosspapier-Exemplare davon sind als Prachtdrucke gesucht. Crapelet der Sohn gehörte, wie der Vater, zu denjenigen Buchdruckern, die mehr zur Ehre der Kunst als zum eigenen Vorteil den alten Traditionen treu blieben. Seine Fachwerke sind sehr geschätzt. Von den Études pratiques et littéraires sur la typographie, Paris 1837, wurde leider nur der erste Teil veröffentlicht, den Abschluss des Werkes verhinderte des Verfassers Tod. 1840 erschien De la profession d'un imprimeur.
De Bure.
Den Grund zu den bedeutenden bibliographischen Arbeiten Frankreichs legte Wilhelm Franz de Bure, einer bereits seit 1660 bestehenden Buchhändler-Familie angehörend. Er verfasste 1753 das Museum typographicum und 1785 seine Bibliographie instructive, sowie mehrere von den Bibliographen sehr geschätzte Kataloge, unter andern die über die Bibliothek des Herzogs von la Vallière, in damaliger Zeit die bedeutendste Privatbibliothek Frankreichs.
Fußnoten:
[98] P. Dupont, Histoire de l'Imprimerie, vol. I. Paris 1854. — A. F. Didot, Histoire de la Typographie. Paris 1882. (Abdruck aus der Encyclopédie moderne.) — Edm. Werdet, De la Librairie Française. Paris 1860. — F. A. Duprat, Histoire de l'Imprimerie Impériale. Paris 1861. — Ed. Werdet, Histoire du Livre en France. 4 Bde. Paris 1861–62.
[99] Loi sur la liberté de la Presse, 29. Juli 1881. — A. Faivre, Code manuel de la Presse 1881. Paris. — Loi de 1881 sur la Presse avec observations par H. Celliez et Ch. le Senne. Paris 1881.
[100] Vergl. I, S. 208–211. In dem Folgenden ist, bei dem fortwährenden Wechsel der offiziellen Benennung je nach dem Wechsel der Regierungsform, die Bezeichnung „Staatsdruckerei“ angenommen. — Ausser Duprats Werk (S. 163) vgl. A. J. Bernard, Notice historique sur l'Imprimerie nationale. Paris 1848. — V. Goupy, L'Imprimerie nationale et sa Collection de Types orientales. Paris 1874. — A. Bernard, Histoire de l'Imprimerie Royale du Louvre. Paris 1867.
[101] Die 300-Livres-Noten tragen als Jahreszahl 1090 statt 1790, man ging jedoch darüber hinweg.
[102] Pierre Jean de Béranger (* 1780, † 1857) lernte die Buchdruckerei bei Laisnez in Péronne und arbeitete dort zwei Jahre. Während dieser erschienen seine ersten Gedichte, die mit solchem Beifall aufgenommen wurden, dass er den Winkelhaken beiseitelegen konnte.
[103] G. Brunet, Firmin Didot et sa Famille. Paris 1870. — E. Pitou, La Famille Didot. 1856. — E. Werdet, Études bibliographiques 1713–1864. — A. F. Didot, Histoire de la Typographie. Paris 1882.
[104] Seine 1882 in einem zweiten, unveränderten Abdruck erschienene Histoire de la Typographie entspricht nicht dem, was man nach dem Titel erwarten könnte. Es ist ein Abdruck eines grossen, vor langen Jahren erschienenen Artikels in der Encyclopédie moderne und enthält nur chronologisch an einander gereihte Notizen, fast ausnahmslos über französische Buchdrucker, namentlich über Mitglieder der Familie Didot, und schliesst mit dem Jahre 1851.
[105] Guide pratique du compositeur d'imprimerie. Paris 1855. Vol. II. 1872.
[106] L. Mohr, Das Haus Berger-Levrault. Strassburg 1876. — L'Imprimerie de Berger-Levrault & Co. Nancy 1878. — Ann. d. Typ. B. VIII. 1876, Nr. 352.
VII. KAPITEL.
DIE MODERNE TYPOGRAPHIE FRANKREICHS UND DAS BUCHGEWERBE.
Das Aufleben des Buchgewerbes. Die Prachtwerke. Neue Bahnen. Der Cercle de la Librairie. Die Fachlitteratur. Statistisches. Die Journallitteratur. Die moderne Typographie: A. Mame & Co., H. Fournier, P. Dupont, J. Claye, N. Chaix, H. Plon u. a. Der Illustrierte Verlag: Ch. Furne, J. Dubochet, J. Paulin. Die Luxusbücher: L. Curmer, G. Silbermann, Engelmann Vater & Sohn. Die verschiedenen Richtungen des Buchhandels: Baillère, Masson, Hachette & Co. u. a. Der archaïstische Druck: L. Perrin, D. Jouaust. Die Bibliographie: Die Buchhandlungen für das Ausland.
Aufatmen des Buchhandels.
SCHWERE Zeiten hatten in der Sturmperiode Frankreichs auf der Buchdruckerei und dem Buchhandel gelastet und nur wenigen Auserwählten der alten Garde war es, wie wir gesehen, vergönnt gewesen, aus der Krisis ungeschädigt hervorzugehen. Als nun das Buchgewerbe wieder aufzuatmen begann, war es, da die neue Litteraturperiode noch nicht angebrochen war, natürlich, dass die Schaffenslust sich zuerst der Herstellung von schönen Ausgaben der vorhandenen Schriftsteller, die zu den französischen Klassikern gezählt wurden, zuwendete.
Th. Desoër.
J. J. Lefèvre.
Theodor Desoër war der erste, der eine solche Prachtausgabe: einen zwölfbändigen Voltaire, herausgab, die alle Welt in Erstaunen versetzte, welche die Frage lebhaft diskutierte, ob der Verleger bald ein reicher oder ein bankerotter Mann werden würde. Jean Jacques Lefèvre wollte Ausgaben bringen, die selbst die Didotschen übertreffen sollten. In den Jahren 1826–1829 gab er zuerst in 73 Bänden in Oktav die französischen Klassiker mit reichhaltigen Kommentaren heraus, dann die ohne Rivalen gebliebenen Sammlungen älterer und neuerer Klassiker aller Länder in 32°. Gleichzeitig veröffentlichte L. Janet seine luxuriösen Ausgaben der geistlichen Schriftsteller.
Prachtausgaben.
Eine Prachtausgabe jagte nun die andere. Von Voltaire allein erschienen nicht weniger als vierzig Ausgaben in den verschiedensten Formaten und zu den verschiedenartigsten Preisen. In ununterbrochener Reihe folgten Buffon, Madame de Sévigné, Boileau, Bossuet und viele andere ältere Schriftsteller mit prachtvollen Stichen, unter Mitwirkung von Künstlern wie Desenne, Deveéia, Henriquel-Dupont, Calamatta, Lecomte, Girardet, Lorichon u. a. Daneben behaupteten jedoch auch die älteren Ausgaben ihren Wert bei den vielen Bücherliebhabern. Zu zahlreichen Werken mit und ohne Illustrationen gaben die Thaten Napoleons und der grossen Armee Anlass. Die arbeitenden 1500 Pressen, davon 800 in Paris, reichten öfters nicht aus, um dem Andrängen der Verleger zu genügen. Im Jahre 1811 erreichten die gedruckten Bogen die Zahl von neunzehn Millionen, 1826 war sie auf 145 Millionen gestiegen, nicht gerechnet die enorme Zahl der politischen Broschüren, der Zeitungen und der Revues.
C. Ladvocat.
Trotz der Schönheit der Klassiker-Ausgaben traten diese mit der Zunahme der modernen Schriftsteller von Bedeutung wie Benj. Constant, Chateaubriand, Lamartine, Cas. Delavigne und viele andere in den Hintergrund. Was Lefèvre für die alten Verfasser gewesen, wollte nun Charles Ladvocat für die lebenden sein. Er war der richtige Typus eines modernen Buchhändlers, kühn, unermüdlich, freigebig, von Liebe zu seinem Geschäft beseelt. Er verstand jedoch nicht, dabei klug haushälterisch zu sein. Er gab zwar der Litteratur einen mächtigen Stoss nach vorwärts, sollte aber so wenig wie Lefèvre die Früchte des regen Schaffens geniessen, und beide starben arm.
Der Roman.
Dem Roman war es beschieden, einen mächtigen Einfluss auf das Druckgewerbe zu üben. Am Tage der Herausgabe eines neuen Romans von Victor Hugo, Jules Janin, Ch. Nodier, H. de Balzac, Paul Lacroix, Léon Gozlan, Eug. Sue, Alf. Karr u. a. waren die Buchhandlungen förmlich belagert. Die höchsten Honorare wurden bezahlt, oft für Bücher, von denen noch keine Zeile geschrieben war.
Das Feuilleton.
Doch hiermit sollte es nicht genug sein. Emil Girardin öffnete dem Roman noch neue Bahnen. Er hatte den Gedanken gefasst, ein Journal von dem Umfange der grossen Blätter, aber nur zu vierzig statt zu achtzig Franken, herauszugeben. Das wirkte in der Journalistik gleich einer Revolution im Staate. Im Jahre 1835 erschien Girardins La Presse; Le Siècle war die erste Konkurrenz. Das Publikum sollte namentlich durch das Feuilleton angelockt werden und es entstand eine wahre Hetzjagd nach Romanen für dasselbe und selbst die ernsthaftesten Journale mussten dem Strom folgen. Souliés Mémoires du diable und Sues Mystères de Paris in dem Journal des Débats wurden geradezu verschlungen. Die Männer des Romans genügten nicht und es entstand eine ganze Legion von romanliefernden Blaustrümpfen. War der Roman im Feuilleton beendigt, so kam eine Nachlese für Autor, Verleger und Drucker durch Herausgabe als Buch.
Die Kunst des Zeilenmachens[107] wurde im grossen Stil geübt, als besonderer Virtuos zeigte sich hierin Victor Hugo. Da nach den Zeilen bezahlt wurde, so waren Zeilen wie „Ja“ — „Nein“ — „Er ging“ — „Sie lächelte“ etc. sehr profitabel.
Doch das Romanfieber liess nach und es machte sich nun, unterstützt durch die Fortschritte der Holzschneidekunst und das vortreffliche Material an Schrift, Papier und Pressen, die Sucht geltend, alles mit Holzschnitten zu illustrieren.
Der Holzschnitt.
So prachtvoll die Stahlstiche auch gewesen, man sehnte sich doch nach einfacherer Kost. Der Holzschneider Porret war einer der ersten, der auf Antrieb Achille Devérias zur Reorganisation der Xylographie die Initiative ergriff. Die talentvollen Zeichner eigneten sich mit Eifer die Methode für den Holzschnitt zu zeichnen an. Desenne, Devéria, Alfr. und Tony Johannot, Jul. David, Raffet, Charlet, J. J. Grandville, Horace Vernet, Vict. Adam, Ary Scheffer, Gavarni und andere Künstler ersten Ranges erschienen auf dem Die illustrierten Klassiker.Kampfplatz. Da gab es ein lustiges Turnier. Alle Klassiker, fremde und einheimische, wurden mit Holzschnitten illustriert; geschichtliche, ethnographische und naturwissenschaftliche Werke folgten in bunter Reihe, daneben die illustrierten Blätter. Schliesslich kamen die illustrierten Romane zu 20 Cent. für die Lieferung an die Reihe und auch die Jugendschriften nahmen ein anderes Gesicht an. Der Sieg des Holzschnittes über den Stahlstich war ein vollständiger.
Gegen das Ende des Bürgerkönigtums hatte das Geschäft wenigstens anscheinend eine hohe Blüte erlangt. In der Zeit von 1830–1848 betrug die Zahl der erschienenen Werke 105000 und sie hat sich mit stellenweisen Unterbrechungen durch die politischen Wandlungen auf einer hohen Stufe erhalten.
Der Cercle de la librairie.
Zu dem Ansehen des französischen Pressgewerbes hat, wie bereits in der „Einführung“ angedeutet wurde, der Cercle de la librairie, de l'imprimerie, de la musique et des estampes[108] vieles beigetragen. Aus dem angeführten Titel geht schon hervor, dass der Cercle als Sammelplatz für alle die mannigfachen Kräfte dient, welche bei den graphischen Künsten im weitesten Sinne beschäftigt sind. Nicht nur in allen Verhältnissen der Regierung gegenüber, sondern auch bei allen Weltausstellungen hat der Cercle die Interessen des Buchgewerbes mit Energie, Geschick und Glück vertreten. Er wacht mit Eifersucht dem Auslande gegenüber, jedoch ohne Eifersüchtelei unter den Mitgliedern des Vereins, über die Behauptung der hervorragenden Stellung des französischen Druckgewerbes, wenn dieses auf dem Weltmarkt sich zeigt.
Der am 5. Mai 1847 unter dem Vorsitz von Ambr.-Firmin Didot gegründete, 1853 reorganisierte Verein erwarb 1856 das Eigentumsrecht auf die seit dem Jahre 1811, damals im Besitz der Familie Pillet, erscheinende Bibliographie de la France. Das 1858 unternommene L'Annuaire de la librairie wird nicht regelmässig fortgesetzt und hat für den Buchhandel Frankreichs nicht die Bedeutung wie in Deutschland O. A. Schulz' Adressbuch. 1863 wurde das Comité judiciaire des Cercle eingerichtet. Am 12. Juni 1878 wurde der Grundstein zu einem prachtvollen Versammlungshaus, Ecke der Rue Grégoire-de-Tours und des Boulevard St.-Germain, gelegt und dasselbe am 4. Dezember 1879 feierlich eingeweiht. Es werden seit der Zeit höchst interessante Ausstellungen dort abgehalten. Im Jahre 1880 war die Zahl der wirklichen Mitglieder 317, darunter 119 Buchhändler, 40 Buchdrucker, 26 Lithographen, 55 Papierfabrikanten, 11 Buchbinder, 8 Maschinenfabrikanten etc. Ausserdem hatte der Cercle 21 Ehrenmitglieder und 145 korrespondierende Mitglieder. Das Vereinsvermögen betrug 350000 Franken.
Fachlitteratur. Gabr. Charavay † 22. Mai 1878.
Als Organ der Typographie besteht seit 1864 das durch Gabr. Charavay geleitete L'Imprimerie, journal de la typographie et de la lithographie. Es beschäftigt sich namentlich mit den Verhältnissen der Buchdrucker zum Staate und mit den gewerblichen Interessen, ist in technischer Beziehung jedoch nicht so reichhaltig wie die leitenden englischen Journale. Letzteren nachzukommen ist das seit 1873 begonnene Journal La Typologie Tucker mit Glück bemüht. Es bringt wertvolle Artikel, so wurden z. B. die bekannten Lettres d'un bibliophile von R. R. Madden zuerst hier mitgeteilt. Von den übrigen Fachjournalen sei noch erwähnt das durch Fusion von drei typographischen Blättern 1882 entstandene Bulletin de l'imprimerie et de la librairie, redigiert von Léon Degeorge. Was von den englischen Fachjournalen gesagt wurde, dass sie sich von allen persönlichen Gehässigkeiten und Reibungen freihalten, gilt auch von den französischen, obwohl sie zum grossen Teil direkt im Interesse einzelner grossen Fabrikanten herausgegeben werden.
Nachdem wir in dem vorhergehenden Kapitel die Wirksamkeit und Bedeutung der Bahnbrecher der neueren Periode haben kennen lernen, wenden wir uns den bedeutenderen der modernen Anstalten zu, welche dazu beigetragen, Frankreichs typographischen Ruhm in neuester Zeit zu fördern.
Es könnte anscheinend ein Widerspruch darin gefunden werden, dass die Reihe mit einem Institut angefangen wird, welches bereits zuende des vorigen Jahrhunderts gegründet wurde. Dasselbe ist jedoch seiner ganzen Organisation und Arbeitsweise nach so innig mit der neuen Zeit verknüpft und übt auf diese seinen Einfluss in einer so hervorragenden Weise, dass es wohl nicht mit Unrecht gerade hier an der Spitze steht, als Prototyp einer im besten Sinne modernen Buchdruckerei: es ist das Druckinstitut von A. Mame & Co. in Tours.
Alfred Mame * 1811.
Der Gründer desselben war (1798) Armand Mame, ein junger und energischer Mann. 1830 assoziierte er sich mit seinem Schwiegersohne und Neffen Ernest Mame. 1833 traten seine zwei Söhne Alfred Henri Armand und Ernest als Teilnehmer ein. Nach dem Tode des Vaters übernahm Alfred Mame das Geschäft allein und von da ab datiert sich der enorme Aufschwung desselben. Die Ateliers wurden den Forderungen der Zeit entsprechend eingerichtet und Neubauten vorgenommen. Auch der Buchbinderei widmete Mame besondere Sorgfalt. Seit 1859 ist der Sohn Paul Teilhaber. Schon damals beschäftigte das Institut über 1000 Leute und produzierte täglich gegen 15000 Bände. Der Verlag besteht hauptsächlich in Schriften pädagogischen und religiösen Inhalts, welche, mit einem Preise von 60 Cent. für ein schön gebundenes Bändchen beginnend, bis zu den höchsten Preisen geliefert werden. Mames grösster Vorzug ist eine für alle Arbeiten, die billigsten ebensogut wie die teuersten, sich gleichbleibende Sorgfalt. Seine glänzenden typographischen Siege errang er hauptsächlich durch seinen Schwarzdruck; bunte Farben, Gold und die Hülfsmittel der Schwesterkünste der Buchdruckerkunst wurden von ihm nur als notwendige Konzessionen an den Geschmack des Publikums betrachtet. Er ist ein echter Schwarzkünstler.
Unter seinen Prachtwerken sind ausser seinem herrlichen Missale in Folio, das mit allem Raffinement ausgestattet ist, besonders zu erwähnen die illustrierten Prachtwerke La Touraine mit Zeichnungen von Français, K. Girardet und Catenacci, das schon 1855 von der Jury der Weltausstellung als ein Meisterwerk ersten Ranges anerkannt wurde, und die Bibel mit den epochemachenden Illustrationen Gustav Dorés, die mittels Clichés Eigentum fast aller Länder geworden sind. Zu den neueren Prachtwerken, bei welchen Künstler wie Foulquier, Giacomelli und Hallez mitwirken, gehören die Chefs-d'œuvre de la langue française. Von allen von ihm herausgegebenen Werken lässt Mame ein Exemplar auf Pergament drucken, eine typographische Sammlung von grossem Wert. Auf allen Weltausstellungen erreichte Mame das höchste Mass der Auszeichnungen und es ist wohl kaum eine Stimme dagegen laut geworden[109].
H. Fournier * 1795.
Die Leitung der Mameschen Buchdruckerei lag in den Händen Henri Fourniers. Derselbe arbeitete 1812 bei Didot, wo er für den tüchtigsten Setzer galt. 1824 gründete er selbst in Paris eine Buchdruckerei, die später durch Kauf in die Hände Jules Clayes überging. Fournier druckte und verlegte eine Anzahl kompakter Ausgaben der französischen Klassiker und verschiedene illustrierte Werke: Les petits Misères de la vie humaine, La Chine ouverte, die von einem feinen Geschmack und grosser Tüchtigkeit zeugten. Er zog nach dem Verkauf seines Geschäfts wieder nach seiner Vaterstadt Tours. Auf Grund der typographischen Ausführung von La Touraine wurde er zum Ritter der Ehrenlegion ernannt. Allgemein bekannt auch in Deutschland ist Fournier durch seinen Traité de la typographie, das einzige die Kunst des Setzers mit Geschmack behandelnde Lehrbuch.
P. Dupont * 1796, † 12. Dec. 1880.
Für den Accidenzdruck haben Paul Dupont und seine Imprimerie administrative et des chemins de fer Bedeutung[110]. Seinem ganzen Wesen nach ist das Institut eins der modernsten und umfasst Buchdruckerei und lithographische Anstalt mit mehr als 50 Schnellpressen, 25 Handpressen und 1200 Arbeitern. Ein merkwürdiges Unternehmen Duponts sind die Archives parlementaires der verschiedenen Repräsentationen Frankreichs von 1787–1860: Generalstaaten, Direktorium, Konsulat, Kaiserreich, Restauration, Hundert Tage, zweite Restauration, Juli-Regierung, zweite Republik, zweites Kaiserreich; kann man eine grössere Abwechselung verlangen? Dupont hat sich Ruf durch seine praktischen Beiträge zur Lösung der Arbeiterfrage durch Beteiligung der Arbeiter erworben und hat in seinen Bestrebungen unter den französischen Industriellen viele Gleichgesinnte und Nachfolger gefunden, z. B. Laurent & Deberny, Schriftgiesserei, seit 1848, Chaix & Co. und Godchaux & Co. seit 1871, Mame und Masson seit 1877.
Anlässlich der Pariser Ausstellung 1867 gab Dupont ein Prachtwerk heraus, enthaltend eine für den Laien interessante Schilderung seiner Anstalt; freilich nicht ohne eine gewisse Ostentation und kräftige Hervorhebung der Lichtseiten. Ferner schrieb er eine Histoire de l'imprimerie, zwei Bände, 1854, jedoch mehr eine Sammlung von Material als eine durchgearbeitete Geschichte[111] und, abgesehen von der Erfindungsgeschichte, fast ausschliesslich sich mit Frankreich beschäftigend.
Von den vielen grossen Offizinen nennen wir nur diejenigen, die irgend eine charakteristische Seite aufzuweisen haben.
Jules Claye.
Jules Claye (ursprünglich H. Fournier) ist eine bedeutende Buchdruckerei, aus welcher eine grosse Anzahl von Prachtwerken Pariser Verleger hervorging, darunter die grossartigste Erscheinung der jüngeren Typographie, Hachettes Les Évangiles. Wenn wir gleich daneben ein kleines Kunststückchen Clayes, seinen Katalog der Ausstellung des Cercle de la librairie in Wien 1873 nennen, so geschieht es nur, weil das Büchlein zu den Gegenständen gehört, bei deren Betrachtung man sich sagen muss, es giebt ein gewisses Etwas in der französischen Typographie, in welchem man ihr nicht nachkommt, nicht weil man es technisch nicht ebenso gut machen könnte, nachdem es einmal vorliegt, sondern weil man einfach nicht auf den Gedanken kommt, es so zu machen. Clayes Nachfolger im Geschäft ist A. Quantin. Aus der Schule Mames hervorgegangen, gilt dieser als einer der vorzüglichsten und geschmackreichsten Drucker. Die Histoire de Joseph wird als ein würdiges Seitenstück zu Les Évangiles bei Hachette betrachtet.
A. Chaix.
Zu Claye steht A. Chaix & Co. ungefähr in demselben Verhältnis wie Dupont zu Mame. Die Firma, jetzt wie die Duponts in den Händen einer Kommandit-Gesellschaft, ist Imprimerie et librairie centrales des chemins de fer[112]. Wie schon aus der Bezeichnung hervorgeht, legte sich Chaix besonders auf Arbeiten für Eisenbahnen und zwar zu einer Zeit, als viele Eisenbahnbauten in Angriff genommen wurden. Ausserdem druckte er viele Wertpapiere. Selbst das für so manchen ruinöse Jahr 1848 brachte Chaix' Etablissement Vorteil durch die vielen dort ausgeführten Zeitungen und politischen Broschüren, denn seine Druckerei war der Sammelplatz der neuen politischen Grössen, wo auch der nachmalige Kaiser fast täglich verkehrte. 1878 beschäftigte er 48 Schnellpressen und gegen 700 Personen. Das Lokal gewährt das Bild einer grossen Eisenbahnhalle, mit Oberlicht versehen und von Galerien umgeben. In der Mitte arbeiten die Setzer; ringsherum stehen die Maschinen. Jeden Monat wird ein neuer Orientierungsplan ausgegeben, um die Hersteller der verschiedenen Arbeiten leicht auffinden zu können. Das grosse Tarifbuch im stehenden Satz enthält 36 Millionen Nonpareil-Typen. Für die mehrfarbigen Plakate, öfters von mehr als zwei Meter Höhe und anderthalb Meter Breite, sind die schon oben erwähnten besonderen Maschinen in Gang. Die Buchhandlung beschäftigt sich fast ausschliesslich mit Eisenbahnlitteratur. Chaix sorgt sowohl durch Beteiligungssystem und Kassen, die jetzt über ein Kapital von 300000 Franken verfügen, als durch zweckmässige Einrichtungen in dem Lokal und eine billige Arbeiterküche für das Wohl der Gehülfen. Für die Ausbildung der Lehrlinge errichtete er eine Schule mit vier Klassen unter Berücksichtigung der vier Lehrjahre der Zöglinge. Nicht allein, dass der Unterricht frei ist, sondern den Lehrlingen werden Marken verabreicht, die sie beim Beginn der Stunden abzugeben haben. Für jede Marke, die also als Zeichen der Anwesenheit in der Schule gilt, wird dem Lehrling ein kleiner Geldbetrag gutgeschrieben. Für die Schüler schrieb Chaix selbst ein Handbuch der Buchdruckerkunst, gab auch anlässlich der Ausstellung 1878 einen 338 Seiten starken Bericht über seine Anstalt heraus.
Agence Havas.
Ist Chaix' Druckerei als typisch für eine Druckerei des Augenblicks zu betrachten, so kann die am Place de la bourse gelegene Offizin der Agence Havas, der politischen Korrespondenz Frankreichs, als das Bild einer Zukunftsdruckerei gelten. Es werden hier nur Setzmaschinen verwendet, und zwar Kastenbeinsche, die durchweg von Frauen bedient werden. Diese Druckerei liefert für die Provinzblätter stereotypierte Satzspalten, die, in Stücke zersägt, sich mit dem eigenen Satz der Blätter zusammen verwenden lassen.
P. H. Plon * 1805.
Einen bedeutenden Namen als Werkdrucker erwarb Ph. H. Plon[113]. Er war Setzer in der Offizin Béthunes, bei dem das Dictionnaire de la conversation in 52 Bänden erschien. Bei der Herausgabe zeigte Plon eine grosse Thätigkeit und wurde Teilnehmer des Geschäfts. Als auf Grund entstandener Verlegenheiten Béthune sich zurückzog, übernahm Plon allein das Geschäft, welches sich äusserst rasch hob und Luxus- und Farbendrucke von Bedeutung lieferte, besonders aber gute Werkdrucke. 1854 wurde Plon Buchdrucker Napoleons III. und druckte und verlegte dessen Leben Caesars. Sein wissenschaftlich und künstlerisch ausgebildeter Sohn übernahm nach dem Tode des Vaters das Geschäft.
Den Farbendruck hat die Firma so gut wie fallen lassen. Ohne gerade als Meisterstücke hervortreten zu wollen, zeichnen sich, wie die älteren, so auch die neueren Verlagserzeugnisse Plons, als: Collection des classiques français in 32°; Les Chartes et les archives nationales in 4°; die Bibliothèque historique in mehr als 300 Bänden in 8°; die Bibliothèque des voyages und die Bibliothèque des romans durch Tüchtigkeit in der Ausführung aus.
Lacrampe.
Die Firma Lacrampe & Co. wurde 1837 als Assoziationsdruckerei von 19 Arbeitern, alles tüchtige, arbeitsame und für ihren Beruf enthusiasmierte Männer, begründet. Sie wählten ihren Chef und wirtschafteten gemeinschaftlich. Das Resultat war trotz der redlichsten Anstrengungen und zahlreichen Aufträge kein günstiges. Nicht besser ging es der unter der Firma François & Co. gegründeten Assoziationsbuchdruckerei, gewöhnlich „die Zehn“ genannt.
Crété fils.
Crété Fils ist zwar in Corbeil ansässig, gehört jedoch thatsächlich zu den Pariser Buchdruckereien, da das kolossale Etablissement nur für Pariser Verleger beschäftigt ist; Crété konkurriert würdig mit Claye in der Herstellung illustrierter Werke, namentlich für Hachettes Verlag, und wird hinsichtlich einer sich stets gleichbleibenden Güte und Gleichmässigkeit des Schriftdrucks kaum übertroffen.
Gauthier-Villars.
Gauthier-Villars macht eine Spezialität aus solchen Arbeiten, die andere am liebsten von sich weisen möchten; bei ihm heisst es aber, je schwieriger, desto besser. Seine für die wissenschaftlichen Institute und Akademieen gelieferten Tabellen-, arithmetischen und mathematischen Arbeiten, unter welchen sich die Werke des de Laplace und Lagrange befinden, sind mit grossem Fleisse und mit typographischem Verständnis ausgeführt, würden jedoch in Deutschland nicht für so epochemachend gehalten werden, wie es in Frankreich der Fall war. Als Schöpfer des modernen mathematischen Satzes muss der bis in sein 78. Jahr bei Gauthier-Villars arbeitende Bailleul † 30. Mai 1875.Setzer Bailleul betrachtet werden, der zuerst bei Crapelet ausgebildet war und bei dem Schriftgiesser Ch. Laboulaye in seinen Bemühungen Unterstützung fand. Er wurde zum Ritter der Ehrenlegion ernannt. Es sei dies als Zeichen eines anerkennenswerten Vorgehens der französischen Regierung angeführt, dass sie den hochverdienten Arbeiter ganz in derselben Weise wie den ersten Bürger ehrt, und andererseits ist es von den französischen Buchdruckern zu loben, dass sie neidlos die Verdienste ihrer Kollegen und Gehülfen in ein helles Licht zu setzen suchen, damit die Regierung sie kennen und schätzen lernt.
Verschiedene Pariser Offizinen.
Unter den tüchtigen Firmen seien noch wenigstens kurz erwähnt: C. Motteroz, der sich auch schriftstellerisch durch sein Werk über die chemischen Illustrations-Verfahren[114] verdient gemacht hat und unter Zuhülfenahme aller graphischen Künste viele Accidenzarbeiten für die grossen Magazine in Paris ausführt; Emile Martinet, bekannt durch sein seit 1872 bestehendes Internat für Setzerinnen in Puteaux; Georges Chamerot, Nachfolger von Firmin Didot, der schöne illustrierte Ausgaben lieferte; Wittersheim & Co., deren Zeitungsdruckerei von der Regierung angekauft wurde; Lahure, der mit 40 Schnellpressen und 18 Handpressen viele illustrierte Werke druckt; Dumaine, der die Arbeiten des Kriegs- und des Marineministeriums liefert und selbst einen grossen Verlag von Militaria, Rang-, Quartierlisten etc. hat; die Société de publications périodiques, welche, von Panckoucke unter der Firma Société du Moniteur et de l'Encyclopédie méthodique gegründet, unter der Direktion von Paul Dalloz einen bedeutenden Aufschwung genommen hat und eine grosse Zahl von Zeitungen druckt.
Offizinen der Provinz.
Unter den Offizinen ausserhalb Paris finden sich, abgesehen von den schon erwähnten von Mame und Berger-Levrault, noch manche von Bedeutung. Ganz besonders hervorzuheben sind die Firmen L. Danel in Lille und F. C. Oberthur in Rennes. Erstere, seit dem Ende des XVII. Jahrhunderts bestehend, arbeitet mit 33 Maschinen, 26 Handpressen und 450 Arbeitern, alle graphischen Nebengewerbe in ihren Räumen vereinigend, die, nach einem totalen Brand 1871, höchst zweckmässig neu aufgeführt wurden. Der Hauptzweig ist Congrevedruck und die Firma liefert für den Handel und die Fabrikation eine enorme Zahl von Accidenzien. Um seine Tüchtigkeit im chromographischen Druck zu zeigen, hatte Danel zur Ausstellung 1878 ein Werk Voyage dans un grenier geliefert. Oberthurs Offizin hat ungefähr dieselbe Ausdehnung wie die Danels und ist 1874 neu aufgebaut; sie versorgt Frankreich namentlich mit Agenden, Kalendern und ähnlichem.
Zu erwähnen sind unter anderen noch Oudin Frères in Poitiers mit umfangreichen Verlagswerken als: Historiens des Gaules und Les Châteaux historiques de France mit in den Text gedruckten Radierungen; Allier Père & Fils in Grenoble mit dem Armorial et nobiliaire de l'ancien duché de Savoie; Capoulaud Frères (seit 1607) in Limoges, welche kleinere Stadt in der Bücherproduktion mit 466 Werken in einem Jahre gleich nach Paris mit 2286 kommt, während das einst graphisch so bedeutende Lyon nur 134 Werke, Bordeaux nur 49 aufwies. In Toulouse sind J. M. Sirven und P. Privat, in Caen F. Leblanc-Hardel, in Mans Monnoyer bemerkenswert.
Drucker und Verleger illustrierter Werke.
Unter den Herstellern der ausserordentlich zahlreichen illustrierten Werke, die in Paris erschienen sind, Verlegern sowohl als Buchdruckern, befinden sich hervorragende Männer. Wie das Pressgewerbe sich gestaltet hat, ist es oft schwer zu sagen, wem der Ruhm für die schöne Ausstattung am meisten gebührt, dem Verleger, der die Herstellung in allen Details mit Sachkenntnis und Geschmack anordnet, oder demjenigen, der den Druck übernimmt. Nicht selten sind die Fälle, dass der Verleger erst den Ruf eines Druckers macht, der anfänglich nur unwillig sich von dem Schlendrian und dem Alltäglichen abbringen lässt, vielleicht gar den Verleger verwünscht, der ihn zwingt, ein guter Drucker zu werden. Oft teilen sich beide, Verleger und Drucker, in die Ehre, und so sollte es immer sein, wenn nicht Verleger und Drucker in einer Person vereinigt sind.
Ch. Furne.
Noch produktiver als der obenerwähnte Fournier war Charles Furne, erst Angestellter im Zollfach, dann seiner Leidenschaft für schöne Bücher nachgebend, ein unternehmender Bücherproduzent. Den Text zu dem von ihm verlegten Don Quixote hatte er selbst übersetzt. Wie es in Paris so oft der Fall war, ging das Geschäft 1836 in eine Aktiengesellschaft über, deren Direktor Furne wurde. Eine der vorzüglichsten Leistungen der jetzigen Firma Furne, Jouvet & Co. ist Michauds Histoire des Croisades, illustriert von G. Doré, in Folio.
E. Bourdin.
E. Bourdin brachte J. Janins L'Ane mort, Sternes Voyage sentimentale, La Normandie et la Bretagne, Mémorial de Saint-Hélène von Las-Cases, illustriert von Charlet, das grosse Reisewerk des Fürsten Demidoff und andere Prachtwerke.
J. Hetzel.
Jules Hetzel, selbst ein geachteter Schriftsteller (Pseudonym P. J. Stahl), lieferte Grandvilles Scènes de la vie publique et privée des animaux und dessen Les Animaux peints par eux-mêmes. H. Delloye veröffentlichte Balzacs La Peau de chagrin, La France pittoresque, La France monumentale, La France militaire. Ein grossartiges, jedoch nicht illustriertes Verlagswerk war Nap. Landais' Dictionnaire de la langue française. Durch politische Verhältnisse gezwungen siedelte Hetzel 1851 nach Brüssel über, kehrte jedoch 1859 nach Erlass der Amnestie zurück und gründete die Librairie d'éducation et de récréation. 1864 begann er das Magasin illustré d'éducation et de récréation, eine Sammlung tüchtiger Werke für die Jugend.
J. J. Dubochet.
Epoche machte die bei J. J. Dubochet erschienene Histoire de Napoléon, illustriert von Horace Vernet. Ein allerliebstes Werk war Töpffers Voyage en zigzag. Von Dubochets nichtillustrierten Werken sind zu erwähnen eine vortreffliche Kollektion von älteren Klassikern in Übersetzungen von Nisard, 27 Bände Oktav, und die J. Paulin * 1793.Million de faits. Mit ihm gleichzeitig wirkte J. B. A. Paulin, erst Mann der Wissenschaft und Advokat, dann Verleger, der zusammen mit Dubochet L'Illustration (1843) gründete. Diese Zeitschrift ging später in die Hände von A. Marc & Co. über. Sie nimmt einen ehrenwerten Platz unter den illustrierten Blättern ein, ohne jedoch ihr Vorbild, die Illustrated London News, zu erreichen, hat auch nur eine Verbreitung von 18000 Exemplaren. Paulin gab auch eine prachtvolle Ausgabe von Thiers' Histoire du Consulat et de l'Empire in 17 Bänden heraus. Das frühere Werk L'Histoire de la Révolution française von dem damals unbekannten Advokaten erschien bei Lecointe & Pugin und auf dem Titel wurde der Name Félix Bodin als Deckung vor den Namen Ad. Thiers eingeschmuggelt. Der Erfolg war ein solcher, dass Thiers ferner keine schützende Flagge für seinen Namen und seine Werke gebrauchte.
Magasin pittoresque.
Unter den illustrierten kleineren Blättern, die in Nachahmung des Penny Magazine erschienen, ist das Magasin pittoresque das hervorragendste und das am schönsten ausgeführte nicht allein in Frankreich. Ein Phänomen ist es, dass nicht allein der Redacteur Charton und die Xylographie von Andrew Best & Leloir, sondern auch die Direktion der Setzer und Drucker von 1833 bis auf die jüngste Zeit dieselben geblieben sind. Der Unternehmer hiess Lachevardière; die Ehre gebührt jedoch Charton und Best († 2. Oktober 1879), Martinet lieferte den vortrefflichen Druck. Zu demselben wurde die erste Schnellpresse in Frankreich eingeführt, die von Applegath & Cowper in London gebaut war. Neben dem genannten Blatt nahm namentlich Le Musée des familles einen respektablen Platz ein. Bourdillat, der auch die [Oe]euvres de Gavarni herausgab, gründete Le Monde illustré, Hachette das sehr verbreitete Journal pour tous. Ein xylographischer Künstler von grossem Ruf war L. H. Brevière[115].
L. Curmer * 17. Dezbr. 1801.
Der Bahnbrecher für die eigentlichen Luxusbücher, die unter Benutzung der Chromoxylographie und der Chromolithographie entstanden, war Léon Curmer (1834). Er gehörte einer alten irländischen Adelsfamilie an, war aber in Paris geboren. Wenige Verleger haben in dem Grade ihre Zeit begriffen, wie er sie verstand, und wenige haben in gleicher Weise, wie er es that, auf die Ausbildung des Kunstdrucks gewirkt ohne selbst die Kunst zu üben. Stets wusste er eine Anregung, eine neue Idee zu bringen. Wie reich er an Initiative war zeigt jeder seiner Verlagsartikel. Er verstand es, sich mit Künstlern zu umgeben, die ganz auf seine Intentionen eingingen, und so entstanden seine Werke aus einem Gusse. Eine seiner bewunderten Unternehmungen war Paul et Virginie, illustriert mit Holzschnitten von Tony Johannot und Meissonier, und auf das vortrefflichste von Evérat gedruckt. Es folgten dann Le Jardin des plantes, La Grèce pittoresque, L'Irlande pittoresque, Les Anglais und Les Français peints par eux-mêmes, Les Beaux-Arts, Les Contes des fées von Perrault und andere Werke. Prachtvoll waren seine religiösen Bücher mit Randleisten in Farbendruck und anderem Schmuck. Alle überragt L'Imitation de Jésu-Christ mit einer grossen Anzahl Nachbildungen von Miniaturen und Einfassungen in Farben und Golddruck, ebenso Le Livre d'heures de la Reine Anne de Bretagne.
Sowohl in dem chromoxylographischen als in dem chromolithographischen Druck besass Frankreich Meister ersten Ranges, so für ersteren G. Silbermann und E. Meyer, für letzteren Engelmann Vater und Sohn.
G. Silbermann * 1801, † 23. Juni 1876.
Kaum giebt es unter den neueren Typographen einen Namen, ausser dem Didotschen, der überall einen so guten Klang hat wie der Gustav Silbermanns in Strassburg[116]. Die Anfänge des Hauses sind in einer dortigen kleinen Buchdruckerei des Andreas Ulrich zu suchen, welche die Grossmutter Silbermanns 1798 ankaufte. Letzterer lernte bei Didot und ging dann zu seiner Ausbildung nach England und Deutschland. Als 1840 Engelmann, ebenfalls ein Elsässer, mit seinen Chromolithographien die allgemeine Aufmerksamkeit erregte, gründete Silbermann 1846 ein Etablissement in Paris, zur Herstellung chromoxylographischer Drucke, gab dies jedoch bald in die Hände seines Mitarbeiters, Ernst Meyer, der trotz seiner Tüchtigkeit nicht recht prosperierte und 1863 das Etablissement an Marc verkaufte. Silbermann war nach Strassburg zurückgekehrt und vervollkommnete fortwährend den Buntdruck. Eine seiner ersten Arbeiten dort war eine Ausgabe von Pfeffels Fabeln mit bunten Einfassungen. Für die englischen Modezeitungen lieferte Silbermann in grossen Auflagen farbige Stickmuster. Einer seiner bedeutendsten Drucke ist die Nachbildung des Banners der Stadt Strassburg, ein Blatt von 60 × 50 Centimeter. Da das Banner selbst 1793, das Bild, nach welchem es angefertigt war, 1870 zugrunde ging, so hat das Blatt einen um so grösseren Wert. Als eifriger französischer Patriot verliess Silbermann nach dem Kriege Strassburg und verkaufte sein Geschäft an M. Schauenburg in Lahr, erwarb es jedoch 1872 wieder, um es in die Hände seines früheren Schülers und durch 35 Jahre treuen Mitarbeiters Fischbach zu geben[117].
G. Engelmann * 17. Aug. 1788, † 25. April 1839.
War auch die lithographische Kunst dem Worte nach durch den Grafen Lasteyrie 1814 nach Frankreich gebracht worden, so ist dem Sinne nach Gottfried Engelmann[118] aus Mülhausen der eigentliche Einführer. Im Jahre 1816 etablierte Engelmann ein Atelier in Paris, 1820 brachte er die Lithographie nach Spanien, 1826 gründete er ein Haus in London. Er muss als der bedeutendste Förderer der Kunst Senefelders bezeichnet werden und steht zu dieser etwa in dem Verhältnis wie Schöffer zu der Erfindung Gutenbergs. Engelmann ist der eigentliche Schöpfer der Chromolithographie. 1837 ward ihm für seine Erfindungen ein zehnjähriges Patent erteilt und 1838 erhielt er den Preis der Gesellschaft zur Aufmunterung der Künste.
Joh. Engelmann † 25. Juli 1875.
Den Ruhm des Vaters behauptete der Sohn Johann Engelmann. Seine im Verein mit Aug. Graf betriebene Chromolithographie blieb lange die einzige in Paris. Ganz besonders widmete sich diese der Reproduktion von Glasgemälden und Miniaturen älterer Manuskripte. Das erste Livre d'heures in Chromolithographie ging nach dreijähriger Arbeit aus dem Atelier hervor. Ein Meisterwerk sind auch die Statuts de l'ordre du Saint-Esprit 1853.
Ganz vorzüglich sind die sogenannten Diaphanie-Bilder von Engelmann und Graf, welche in transparenter Chromolithographie die Glasmalerei täuschend nachahmen. Mit acht bis höchstens neun Farben, — mehr dürfen der Durchsichtigkeit wegen nicht verwendet werden, — brachten sie, nachdem die Bilder mit Firnis getränkt waren, die vortrefflichsten Effekte hervor.
Lemercier.
Ein bedeutender Künstler in jeder Branche der Lithographie ist A. Lemercier. In den polychromen Unternehmungen fast aller Pariser Verleger finden sich die Erzeugnisse seiner Thätigkeit vor. Sein grosses Musterbuch ist eine so lehrreiche Geschichte der Lithographie, A. Racinet.wie man sie nur wünschen kann. Auch die Anstalt von Didot unter des verdienten A. Racinets künstlerischer Leitung nimmt in dem Chromodruck eine höchst bedeutende Stellung ein. Weltruf hat des letzteren L'Ornement polychrome erworben.
Lithographischer Buntdruck.
Im Bilderdruck leistete Frankreich im Verhältnis zu Deutschland wenig; die besten Leistungen sind die von Jehenne, Hangard-Maugé, J. F. Dupuy, Omer-Henry. Dagegen ist es Deutschland quantitativ und qualitativ voraus in der Verwendung des Farbendruckes zu illustrativen Zwecken. Es entstand in dieser Weise eine Reihe unvergleichlich schöner Werke, namentlich über Architektur, Kunstindustrie, Kulturgeschichte, ja selbst über Kochkunst, welche Meisterstücke sind sowohl hinsichtlich der korrekten Zeichnung als auch der technischen Durchführung und Naturtreue des Kolorits und dabei zu ungewöhnlich billigen Preisen geliefert werden. Auch in der Verwendung des Farbendruckes für die unzähligen Gegenstände der Papeterie behaupteten die Franzosen lange Zeit den Vorsprung. In dieser Branche zeichneten sich Testu & Massin (jetzt Champenois & Co.) und F. A. Appel aus. Letzterer lieferte Vorzügliches im Miniaturdruck und ist zugleich Spezialist im Plakatdruck auf Zink, dessen eigentlicher Erfinder Max Cremnitz ist. Ebenfalls im Plakatdruck erzielt J. Chévet grossen Effekt mit wenigen Farben; für Arbeiten zu wissenschaftlichen Zwecken ist Bequet & Fils bekannt. Etikettendruck betreiben in grossem Umfang Pichot & Co. Als ein seltener Fall ist noch das gute Gelingen der Assoziations-Anstalt unter der Firma Romanet & Co. zu erwähnen. Im Zinkdruck steht Monroq obenan. Die hervorragendste Erscheinung in der Photochromie ist Vidal und seine Trésor artistique de la France und Histoire générale de la tapisserie sind nicht übertroffen; doch dürfte seine Methode, als zu teuer und umständlich, nicht rasch in die Praxis dringen.
Als Kunstdrucker für Stiche ist Chardon hervorragend. Im Stichverlage dürfte wohl Goupil mit den Filialen in London, New-York, Brüssel, Haag, Berlin und Wien die erste Weltfirma sein. In ihren grossartigen Ateliers in Asnières bei Paris, unter der künstlerischen Leitung von Rousselon, wird der photographische Lichtdruck, hauptsächlich jedoch der Woodburydruck und die heliographischen Methoden in vortrefflichster Weise geübt.
E. Schieble * 1823, † 23. Okt. 1880.
Im Kartendruck erwarb sich Erhard Schieble (gen. Erhard) aus Forchheim in Baden einen bedeutenden Namen. Er verwendete alle Erfindungen der Neuzeit und brachte durch pastosen Auftrag der Farben vortreffliche reliefartige Wirkungen hervor. Die schönsten Karten der Regierung sowohl als der privaten Verleger stammen aus seiner Offizin.
A. Collas.
Erwähnt sei hier noch die von Achill Collas geübte Methode, erhabene Medaillons u. dgl. mittels des Storchschnabels zu gravieren (Glypthotik), in welcher die mehr oder weniger anschwellenden Linien vollständig den Eindruck von Reliefs gewähren. Le Trésor de numismatique in dieser Weise durchgeführt giebt einen glänzenden Beleg für den Wert der Glypthotik. Die ersten Versuche dieser Kunst hatte schon ein Deutscher Christ. Gobrecht in Philadelphia 1817 gemacht. 1819 kam die Maschine nach London und wurde von Turrel & Saxton verbessert. Für die Bank zu London konstruierte 1829 Bate eine die früheren weit übertreffende Maschine, die jedoch immer noch gegen die von Collas sehr zurückstand.
J. Gavard.
Joseph Gavard lieferte mittels des von ihm erfundenen Diagraphen, unterstützt von Calamatta und Mercuri, in drei verschiedenen Ausgaben die Galerie historique de Versailles in 13 Bänden mit 3 Supplementbänden (1837–1847) mit 1550 Stahlstichen.
Von den Werken der Kupferstichkunst sei noch als eines der bedeutendsten das Musée français von Robillard-Péronville mit 344 Kupfertafeln der bedeutendsten Stecher Frankreichs erwähnt, während die Lithographie zur Ausschmückung des grossartigen Werkes Voyages de la commission scientifique du Nord, 29 Bände, mit 762 Tafeln in gr. Folio, in hervorragender Weise diente.
Morel & Co.
Was Curmer für die Luxusbücher war, ist die Firma Veuve A. Morel & Co. in Benutzung des Chromodruckes für die Zwecke des praktischen Lebens. Im Fache der Architektur ist sie unerreicht und die Zahl der Prachtwerke in dieser Richtung, die mit Aufgebot allen Raffinements in der künstlerischsten Ausführung von dieser Firma geliefert wurde, ist eine so grosse, dass es kaum möglich ist besondere Gründe zu finden, um eins oder das andere aus der Reihe hervorzuheben. Bei Morel (jetziger Inhaber der Graf des Fosez) erscheint auch das weitverbreitete Journal L'Art pour tous.
J. Baudry.
In ähnlicher Richtung wirkten mit Umsicht und Erfolg, ohne jedoch den Höhepunkt Morels in der Ausstattung zu erreichen, Ducher & Co., Dunod und J. Baudry. Des letzteren, 1834 gegründete, Librairie polytechnique in Paris und Lüttich legte sich seit 1863 ganz besonders auf die Fächer der Berg- und Hüttenwissenschaft, der Eisenbahn und Wegebautechnik und förderte eine bedeutende Anzahl grosser Tafelwerke an das Licht. Auch Dunod kultiviert diese Spezialität. Unter den Prachtwerken von Ducher & Co. befinden sich: Architecture privée an XIX siècle; Le nouvel Opéra von Charles Garnier.
Roret.
Für die Popularisierung der technischen und naturwissenschaftlichen Litteratur wirkte Roret durch seine, 1824 begonnene Encyclopédie des sciences et des arts, besser bekannt unter dem Namen Manuels Roret. Er brachte auch eine neue vollständige Ausgabe von den Werken Buffons mit den Suites de Buffon, gegen 100 Bände mit unzähligen Abbildungen.
Für die Medizin und die Naturwissenschaften sind die leitenden Firmen J. B. Baillère, Germer-Baillère, V. Masson und Vve A. Delahaye & Co. Die Kataloge dieser Firmen sind getreue Zeugen der wissenschaftlichen Bewegung nicht nur in Frankreich, sondern auch in England und Deutschland, denn es erschien im Ausland kaum ein einschlägiges Werk, das nicht von einer dieser Verlagshandlungen in tüchtigster Bearbeitung herausgegeben wurde.
J. B. Baillère * 1798.
J. B. Baillère[119] (seit 1818) machte grosse Unternehmungen, darunter Cruveilher, Anatomie pathologique 1830–42; Hippokrates' Werke, griechisch und französisch, 1839–50; Iconographie ophthalmologique 1852. Im Jahre 1840 wurde eine Filiale in London, 1848 eine in New-York errichtet und heute sind die Seitenzweige dieser Familie über alle Erdteile, Australien nicht ausgenommen, verbreitet. Germer-Baillère druckt ausser naturwissenschaftlichen auch viele philosophische Werke und mehrere Journale.
Victor Masson * 1807, † 13. Mai 1879.
Victor Masson, einer der hervorragendsten Buchhändler, geb. zu Beaume, trat 1838 als Teilhaber in das Geschäft Chrochard, das 1846 in Massons alleinigen Besitz überging. 1847 wurde die Bibliothèque polytechnique angefangen, der eine grosse Anzahl von technischen, medizinischen und naturwissenschaftlichen Werken folgte, darunter Cuvier, Le Règne animal; Bonamy et Beau, Atlas d'anatomie[120]; der grosse Dictionnaire encyclopédique des sciences médicales u. v. a. Nach 35jähriger rastloser Thätigkeit überliess G. Masson.Masson seinem Sohne Georges das Geschäft, das dieser in derselben grossartigen, französische und deutsche Vorzüge vereinigenden Weise glänzend fortführt. Die Firma verlegt nicht weniger als 17 periodische Fachzeitschriften und ist die Buchhandlung für die bedeutendsten Akademieen und Gesellschaften. Trotz des vorwiegend wissenschaftlichen Charakters des Verlags ist der Verleger bestrebt, demselben auch eine anziehende äussere Form zu geben. Als Vorsitzender des Cercle hat Masson sich bedeutende Verdienste um das Ausstellungswesen desselben, namentlich bei der Weltausstellung in Wien 1873, erworben.
Delahaye hält sich streng an Medizin und Chirurgie und verlegt mehrere Journale und viele bedeutende Werke, unter welchen der Traité d'Anatomie descriptive von Sappey als ein hervorragendes Monument gilt.
Spezialfirmen sind für Landwirtschaft J. A. Bixio; für Mathematik A. L. J. Bachelier; für Militärwissenschaft J. Dumaine und Corréard Jeune; für Geschichte und Staatswissenschaften G. Guillaumin, P. F. Amyot, A. Baudouin; für Kalenderverlag Pagnerre.
Ch. Hingray * 1796.
Charles Hingray, erst Militär, dann Buchhändler, wurde durch seinen juristischen und sprachlichen Verlag bekannt, in Deutschland namentlich durch das vortreffliche Wörterbuch von Schuster und Régnier. Das Werk eines enormen Fleisses ist der Dictionnaire de la langue française von Littré. Das Manuskript umfasste 415636 Blätter. Der Satz dauerte, mit einer durch den Krieg 1870 herbeigeführten Unterbrechung, 13 Jahre. In einer Spalte gesetzt würde das Buch eine Länge von 37525 Meter haben.
Maisonneuve.
Der Druck orientalischer Werke ist keine Lieblingsaufgabe der französischen Buchdrucker. Als Verlagshandlung in dieser Richtung haben Maisonneuve & Co. den Vorrang. Im Jahre 1851 kaufte Maisonneuve, früher Associé von Cormon & Blanc in Lyon, von Théophile Barrois eine Anzahl orientalischer Verlagswerke, die er später mit vielen neuen vermehrte. Der Verlag enthält eine grosse Anzahl grammatikalischer und lexikalischer Werke der orientalischen Sprachen und die Namen der bedeutendsten Orientalisten als Eug. und Emile Burnouf, Eichhoff, Abbé Favre, G. de Tassy, Stan. Julien, J. Oppert, Abel Rémusat, L. de Rosny u. a. sind mit der Firma Maisonneuve & Co. verknüpft. — Unter den wenigen Buchdruckern in der Provinz, die in der Herstellung orientalischer Werke etwas leisten, ist Dejussieu in Châlons zu nennen.
J. P. Migne * 1800.
Eine merkwürdige Erscheinung ist der Abbé J. P. Migne. Er wurde 1824 Priester, nahm jedoch anlässlich einer Differenz mit dem Erzbischof seiner Diözese seine Entlassung und ging nach Paris, wo er das Journal L'Univers gründete, welches er 1836 verkaufte. In Petit-Montrouge vor den Thoren von Paris gründete er eine Buchdruckerei, um katholische Werke zu drucken. Die Anstalt gewann eine grosse Ausdehnung und umschloss vom Schriftsteller ab bis zum Buchbinder alle Persönlichkeiten und alle technischen Apparate, die zur Herstellung des Verlags des Instituts notwendig waren. Die Sammlungen der Kirchenväter- und anderer älterer theologischen Schriftsteller zählen nach hunderten von Bänden.
In ähnlicher Richtung wie Migne wirkten Gaume Frères.
Eug. Belin.
Im Unterrichtsfache weist der Buchdrucker und Verleger Eugène Belin mehr als 1000 Werke auf. Armand Collin & Co., eine Firma neueren Datums (1870), liefert Schulatlanten in Farbendruck zu sehr billigen Preisen. Ch. Delagrave hat, unter Mitwirkung bedeutender Fachmänner, das Institut géographique de Paris gegründet, aus welchem Brues Atlas universel, von E. Levasseur revidiert, hervorging. Er verlegte ferner viele biographische und technische, reich illustrierte Dictionnaire, grosse Wand- und Reliefkarten, Globen etc.
P. Ducroq (1836) war einer der ersten, die für Bildungswerke die Illustration mittels Stahlstichs im Verein mit Holzschnitten einführten. Seine Bibliothèque des familles in Bänden zu 2 Franken ist sehr beliebt. Delarue giebt gute Klassiker-Ausgaben zu billigen Preisen heraus.
Eine Spezialität aus liturgischen und archäologischen Werken macht die Société générale de librairie catholique und sie sucht die belgische Produktion nach dieser Richtung hin aus dem Felde zu schlagen. In ihrem Verlag erscheint auch eine Ausgabe der Acta sanctorum der Bollandisten; ferner der Recueil des historiens des Gaules et de la France; die, 1626 begonnene, Gallia christiana, auch Werke im alten Stil mit kunstreichen Einfassungen, als: Notre-Dame de Lourdes und Christoph Colombe, werden dort gedruckt.
Unter den grossen Nachschlagewerken müssen genannt werden: Die Biographie universelle (1811) von J. und L. G. Michaud, 84 Bände; W. Ducketts Dictionnaire de la conversation, 68 Bände (1812–1814); ein ähnliches Werk erschien in 52 Bänden bei Belin-Mandar. Als ein seltenes Beispiel der grossen Verbreitung eines gelehrten Werkes steht die bei diesem Verleger (1838) erschienene Konkordanz von Dutripont da, lateinisch geschrieben, ein in 28000 Expl. verkaufter Quartband von 200 Bogen in dreispaltigem Satz.
Ein Sammelwerk von grossem Umfang war Collection Baudry, zahllose deutsche, italienische, spanische und andere schönwissenschaftliche Werke, leider allerdings lauter Nachdrucke, enthaltend. Als die Franzosen so heftig über die Brüsseler Nachdrucker herfielen, hätten sie nicht vergessen sollen, dass sie es selbst nicht besser gemacht haben. Dass die grossen Ausgaben der deutschen Klassiker, die bei Tetot erschienen, keinen Erfolg hatten, beweist nicht den Mangel an gutem Willen zu schädigen.
G. Charpentier * 1805.
Durch den Buchdrucker Henri Delloye unternahm G. Charpentier eine Sammlung französischer Werke in dem nach ihm benannten und oft zur Verwendung gekommenen hübschen Format in 18°. Diese elegant und kompakt gedruckten Bände, von denen in wenigen Jahren über 400 erschienen, fanden durch ihre Eleganz und den damals wohlfeilen Preis von 3½ Franken grossen Beifall.
Unter den Herausgebern von Werken der schönen Litteratur ist Ch. A. Perrotin, der Verleger Bérangers, zu nennen. Er erwarb des letzteren Gedichte gegen Zahlung einer Jahresrente, die er freiwillig bedeutend erhöhte, und blieb Bérangers Freund bis an dessen Ende und nachher sein Testamentsvollstrecker. Pourrat Frères druckten eine sehr schöne Ausgabe von Chateaubriands Werken in 36 Bänden. Bekannt waren auch Gustave Barba, Vater und Sohn, welche den Roman in Heften zu 20 Cent. einführten. Mit immensem Erfolg lieferte Charles Gosselin die Werke W. Scotts, Coopers, Lamartines u. a.
Die bedeutendsten Romanverleger waren jedoch Michel Lévy Frères (1836), jetzt Calman Lévy, deren jährliche Produktion etwa 1¾ Millionen Bände beträgt, in etwa 200 neuen Werken und 650 neuen Abdrücken. Sie gaben eine grosse Zahl der Werke Scribes, Dumas' u. v. a. heraus und führten die billigen Ausgaben in Bänden zu 1 Frank (jetzt 1 Frank 25 Cent.) ein, deren Zahl mehr als 1500 beträgt, während die Zahl der Theaterstücke an 6000 heranreicht. Sie gründeten auch L'Univers illustré.
Wir wenden uns jetzt einer Firma zu, welche sich in keine Klasse einordnen lässt, fast einzig in ihrer Art dasteht und, obwohl zu den jüngeren gehörend, alle anderen überflügelt hat: L. Hachette & Co.
L. Hachette & Co.
„Sollte jemand dem Verleger die Eigenschaft als Produzent streitig machen, und ihn zu einem einfachen Händler stempeln wollen, der nichts zu thun hat, als das Manuskript in die Druckerei zu tragen und dann das zurückempfangene Druckwerk einfach zu verkaufen, so möchten wir ihm die Leistungen der Firma Hachette entgegensetzen“[121], sagt ein Bericht über die Wiener Ausstellung 1873 und diese Worte müssen sich unwillkürlich dem aufdrängen, welcher das Entstehen und das Wachstum dieses Hauses[122] ins Auge fasst. Sein Begründer Louis Hachette, geboren in Rethel, lag erst den Studien ob und begründete dann, 1836, eine pädagogische Buchhandlung unter der Devise: Sic quoque docebo. 1837 erhielt er auch Brevet als Buchdrucker, die Firma übte jedoch dies Geschäft nicht. Im Jahre 1859 traten seine Schwiegersöhne L. Breton und A. Templier dem damals bereits bedeutenden Geschäfte als Teilhaber bei. Unverrückt wurde von der Begründung ab die Thätigkeit auf alles gewendet, was für die Erziehung des Kindes, die Belehrung und Veredlung des Jünglings oder der Jungfrau, die Fortbildung des Mannes oder der Frau dient, und mit Stolz kann die Firma auf ihren, eine ganze und grosse Bibliothek bildenden Verlag zurückblicken und mit dem Bewusstsein, nie die edelste der Künste anders als in würdiger Weise verwendet zu haben. Und dies bezieht sich nicht allein auf das Innere der Bücher, sondern auch äusserlich ist alles in der besten Ausstattung hergestellt, manchmal zu erstaunlich billigen Preisen. Dieses konsequente, nie nachlassende Streben hat auch seinen äusseren Lohn gefunden und das Haus Hachette steht durch seine Grösse und die vortreffliche Organisation wohl unübertroffen da. Die mit 300 Angestellten arbeitende Anstalt unter Leitung der Teilhaber G. Hachette, Breton, E. und A. Templier und R. Fouret versendet monatlich gegen 18000 Kolli und hat einen jährlichen Umsatz von etwa 15 Millionen Franken. Wie Mame widmen sie dem billigsten Buche dieselbe Sorgfalt wie dem teuersten, und was dies sagen will begreift sich, da die Verlagswerke der Zahl 5000 nahekommen. Aus dieser Masse Einzelnes herauszugreifen hat seine Schwierigkeiten, es seien nur kurz erwähnt die bändereichen Kollektionen Bibliothèque variée; Bibliothèque des chemins de fer; die Guides-itinéraires; die Bibliothèque rose illustrée; der Dictionnaire des contemporains von G. Vaperau; das in mehr als 150000 Exemplaren gedruckte illustrierte Journal pour tous, schliesslich ein monumentales Druckwerk für Jahrhunderte: die Prachtausgabe der vier Les Évangiles.Evangelien, zwei Bände im grössten Folioformat. Bida lieferte hierzu im Format des Werkes 128 Zeichnungen, die von fünfzehn der besten Künstler radiert wurden. Die Zeichnung zu der von der fonderie générale geschnittenen Schrift rührt von Ch. Rossigneux her, der ebenso 290 Zeichnungen zu den in Stahl gestochenen Anfangs- und Schlussvignetten, sowie zu den Initialen, unter Vermeidung der Anwendung jeder menschlichen Figur, komponierte. Jules Claye führte den typographischen Druck aus. Rote, quer über das ganze Format gehende Linien umgeben den Text. Die Anwendung der verschiedenen Druckweisen, Kupfer- und Bücherdruck, und der rote Druck, verlangten, dass jeder Bogen 32 mal durch die Hände der Arbeiter ging, ehe er als fertig bezeichnet werden konnte. Elf Jahre wurden unausgesetzt auf die Arbeit verwendet.
Die Bibliophilie.
Wie Frankreichs Fürsten ausnahmslos die Typographie liebten, wenn sie auch die Presse hassten, so erhielt sich im Volke fortwährend eine Liebe für schöne Bücher, und der Wunsch, solche zu besitzen. Es war weniger eine Bibliophilie oder Bibliomanie im Sinne der englischen Sammler, die enorme Summen für ein mangelhaftes Produkt zahlten, nur weil es alt und selten war; man fand in Frankreich Lust an dem Besitz „schöner“ Ausgaben auf Extra-Papier und in feinen und kostbaren Einbänden mit Stichen in ersten Abdrücken. Es wurden, um dieser Liebhaberei zu genügen, sehr viele Bücher in Frankreich gedruckt und gekauft nur der Ausstattung halber, und ein Bücherliebhaber erwarb unter Umständen zehn Exemplare eines und desselben Werkes, wenn es in zehn schönen Ausgaben zu haben war.
Die archaïstische Druckrichtung.
L. Perrin * 12. Mai 1799.
Natürlich war es demnach auch, dass das Zurückgreifen auf die Renaissance vornehmlich von Frankreich ausging und dort Nahrung fand. Unter den französischen Buchdruckern dieser Richtung zeichnen sich besonders zwei aus, Louis Perrin und D. Jouaust. Louis Benedict Perrin, in Lyon geboren, war mit bedeutendem Sinn für Kunst begabt. 23 Jahre alt etablierte er sich mit Durand. Perrin war von dem Gedanken beseelt, die Druckerei zu regenerieren. Das Mechanische sei zwar vollendeter geworden, jedoch die Kunst in der Schriftgiesserei fehle. Ein tüchtiger Maler Pierre Revoil bestärkte Perrin in seinen Ansichten, dass man zu den Formen zurückkehren müsse, deren sich Vascosan, de Tournes und andere bedient hatten. Perrin war nicht in der Lage, seine Ideen ohne Rücksicht auf die Kosten durchsetzen zu können, und in Frankreich war es einem Provinzialbuchdrucker doppelt schwierig, durchzudringen. Gegen das Jahr 1846 liess er eine Sammlung von schönen Kapitalschriften aus der Zeit des Kaisers Augustus schneiden. Die damit gedruckten Inscriptions antiques de Lyon 1854, ein grosser Quartband mit über 400 Inschriften, machte grosses Aufsehen und Didot erklärte das Buch für ein Meisterwerk ersten Ranges. 1854 konnte Perrin das erste Werk mit der von ihm nach Mustern des XVI. Jahrhunderts veranlassten Antiqua und Cursiv drucken: Luigi Cibarios Delle Artiglerie, welches er auch mit Vignetten im Renaissancestil schmücken liess.
In seinen Bestrebungen war ihm auch der Zufall günstig. Beim Durchsuchen der Nachlassenschaft des alten Hauses Rey in Lyon fand er eine vollständige Sammlung von Matern aus dem Ende des XVI. Jahrhunderts oder aus dem Anfang des XVII. Jahrhunderts, so dass er imstande war, eine Ausgabe von Rabelais mit denselben Typen zu drucken, die seinerzeit François Just und Etienne Dolet verwendeten. Unter seinen Drucken gelten für besonders schön Le Théâtre du Molière mit Vignetten von Hillemacher; die Généalogie de la maison de Savoye; Parfums, chants et couleurs. Der Sohn setzte das Geschäft mit Marinet fort.
D. Jouaust.
Als sein Rival ist D. Jouaust[123] zu nennen, welcher namentlich die Werke der Académie des bibliophiles, den Verlag des Herausgebers der Bibliothèque Elzévirienne, P. Janet, später Paul Daffis', sowie des A. Lemerre druckte. Seine Ausgabe des Dichters Régnier gilt als eine Musterleistung. Der Druck solcher Ausgaben erfordert je nach der Verschiedenheit des Papiers eine andere Behandlung und bedingt eine fortwährende Aufmerksamkeit. Das Papier Whatman, von einer feinen, festen und durchsichtigen Masse, zeichnet sich durch eine blendende Weisse aus, welche nicht das Resultat irgend eines chemischen Prozesses ist, sondern nur von der Vorzüglichkeit des verwendeten Materials herrührt. Das chinesische Papier, in welches die Schwärze leichter eindringt, giebt einen Druck von milderer und gleichmässigerer Färbung und ist namentlich für Bücher mit Vignetten geeignet. Das Pergament zeigt sich dagegen widerspenstig in der Annahme der Farbe und verlangt die allergrösste Sorgfalt in der Behandlung.
Derjenige Verleger, der sich am meisten um die Verbreitung der Ausgaben für Bücherliebhaber und die archaïstische Richtung in der Druckerei bemüht hat, ist Pierre Janet, aus Bordeaux gebürtig. Seine Elzevierbibliothek alter und klassischer französischer Autoren des XVI. und XVII. Jahrhunderts umfasst mehr als 100 Bände und wurde von Paul Daffis fortgesetzt. Daneben beschäftigte sich Janet eifrigst mit der Verbesserung der Zeichen für die chinesische Sprache, welche er sich selbst zu eigen gemacht hatte.
Unterstützung fanden solche Bestrebungen nicht minder bei Bachelin-Deflorenne durch dessen Bibliophile français illustré; Album de Relieures; Armorial du Bibliophile und seine Collection des bibliophiles français. Léon Téchener Fils ist Herausgeber von Bulletin du bibliophile und Bulletin universel de la Bibliographie.
Fortschritt oder Rückschritt?
Liegt nun der Reiz der Renaissance-Schriften nur in dem Alter oder haben sie wirkliche Vorzüge? Letzteres muss unbedingt bejaht werden. Dass grosse Fortschritte in der Schriftschneiderei gemacht sind, setzt keineswegs voraus, dass alle älteren Schriften geringer oder weniger geschmackvoll gewesen sind als die heutigen, auch nicht, dass solche Schriften älteren Datums nur in Rücksicht auf die Zeit ihres Entstehens Anerkennung verdienen. Würde es jemand einfallen, ein bedeutendes Kunstwerk der Glanzzeit der Malerei oder ein bewundernswertes Hausgerät aus der besten Periode der Renaissance nur in Anbetracht seines Alters erträglich zu finden? Nicht besser ist es aber, wenn man in Bezug auf die Meisterwerke aus der Blütezeit der Typographie Stimmen hört, wie: „Es ist zwar alles mögliche, wenn man bedenkt, wie alt die Bücher sind!“ Als ob nicht diese Schriften an und für sich mustergiltig wären und uns als Vorbilder dienen könnten. Sie bedürfen nicht einer schonenden Beurteilung „des Alters wegen“; letzteres sagt uns aber, dass sie zu einer Zeit entstanden sind, in der die Liebe zur typographischen Kunst, der individuelle Charakter, der geläuterte Geschmack und das ästhetische Gefühl sich weit stärker geltend machten, als es jetzt der Fall ist, wo die meisten fertig zu sein glauben, wenn sie nur neue Schriften, feines Papier und teure Schwärze zur Verwendung bringen, dagegen um Stil und Charakter eines Druckwerkes sich gar nicht bekümmern.
Es dürfte sehr fraglich sein, ob die Schriften neueren Schnittes mit den grossen Unterschieden zwischen Grund- und Haarstrichen, welche letztere wegen ihrer Feinheit oft kaum zu bemerken sind, eine wirkliche Verbesserung seien und ob der Leser verpflichtet ist, jedes Produkt der Laune des Schriftgiessers, mit welchem er seinen Konkurrenten den Rang abzugewinnen sucht, schön zu finden, oder ob wirklich ein Mensch alles guten Geschmackes bar ist, weil ihm die Renaissance-Schriften mit ihrer dem Auge so wohlthuenden Ruhe sympathisch sind.
Schliesslich sei noch bemerkt, dass die Bezeichnung Elzevier-Schriften eine ungerechtfertigte ist, denn die Originale bestanden schon ein Jahrhundert vor den Elzevieren, zutreffender wenigstens ist die Bezeichnung Aldinsche Schriften.
Die Bibliographie.
Unter den Männern, die, waren sie auch nicht selbst ausübende Typographen, doch einen ehrenvollen Platz in der Geschichte der Typographie verdienen wegen ihres Einflusses auf das Buchgewerbe, sind namentlich Brunet und Renouard zu nennen.
J. Ch. Brunet * 2. Nov. 1780.
Jacques-Charles Brunet, Sohn eines kleinen Buchhändlers in Paris, widmete sich dem Beruf des Vaters. Er war der eigentliche Gründer des antiquarischen Buchhandels in Frankreich; seine Berühmtheit verdankt er aber seinem Werke Manuel du libraire, von dem 1810 die erste, 1865 die fünfte Auflage erschien. Die Vervollkommnung dieses Werkes war seine Lebensaufgabe. Er nahm keinen Titel auf, wenn er das Werk nicht selbst in den Händen gehabt hatte. Von Firmin Didot Frères & Co. für die Abtretung des Eigentumsrechtes an das Manuel eine Leibrente geniessend verbrachte er sein Leben still und rüstig arbeitend.
A. A. Renouard † 1853.
Antoine-Augustin Renouard, der in hervorragender Weise die Eigenschaften des Buchhändlers, Sammlers und Schriftstellers in sich vereinigte, wurde 1765 in Paris geboren. Schon frühzeitig ward er von Bewunderung für die Familie des Aldus Manutius in Venedig erfüllt und von dem Wunsche beseelt, ihre Geschichte zu schreiben. Dazu sammelte er erst die Ausgaben dieser berühmten Drucker in einer an Vollständigkeit grenzenden Weise und schrieb nun seine Annales de l'imprimerie des Aldes 1803. 2 Bde. Die 3. Auflage, welche das letzte Wort der Bibliographie in Bezug auf die Aldi spricht, erschien 1834. Kaum mit diesem Werke fertig, lenkte er seine Studien auf die Familie Stephanus und 1837 erschienen seine Annales de l'imprimerie des Étienne, von welchen 1843 die zweite Auflage folgte. Das Werk hat ebenfalls seine bedeutenden Verdienste, wenn es auch nicht die Arbeit über die Aldi erreicht. Von seiner eigenen vorzüglichen Bibliothek liess er 1818 den Catalogue de la bibliothèque d'un amateur in 4 Bänden erscheinen, in welchem ein Schatz von interessanten Notizen niedergelegt ist. Sein Sohn Jules Renouard im Verein mit Jules Tardieu lieferte viele tüchtige Verlagswerke, darunter Galerie des peintres.
L. C. Silvestre * 1762.
An den obigen schliesst sich nicht unwürdig an Louis Catherin Silvestre, dessen Auktionsinstitut Weltberühmtheit erlangte. Eine Spezialität von ihm waren die Buchdruckermarken und er liess, als Fortsetzung der Werke Roth-Scholtz', seine Marques typographiques mit 1237 Abbildungen von Druckerzeichen erscheinen. Silvestre hatte in Pierre Janet einen würdigen Nachfolger.
Die neuere französische Bibliographie ist in den besten Händen und zwar in denen zweier Deutschen: C. Reinwald & Co., welche den Catalogue annuel de la librairie française herausgiebt und O. Lorenz, der den Catalogue de la librairie française seit 1840 erscheinen lässt.
M. Bossange * 1766.
H. Bossange.
Für die Verbreitung der Erzeugnisse der französischen Litteratur im Auslande hatten Martin Bossange Père[124] und dessen Sohn Hector Bossange grosse Verdienste. Nach dem Frieden mit England etablierte Bossange ein grosses Haus in London, später auch in Leipzig. Der Sohn Hector Bossange setzte das Werk des Vaters fort, gründete Buchhandlungen in Montréal in Canada, in Quebeck, New-York, Rio de Janeiro, Odessa. Sein grosser Katalog vom Jahre 1845 von gegen 31000 Werken galt als ein Musterkatalog.
Die französische Bücherproduktion hält ungefähr mit der deutschen Schritt. An Drucksachen erschienen im Jahre 1879: Bücher und Broschüren: 14122, Musikstücke 2424, Kupferstiche, Lithographien etc. 4661.
So bedeutend die Bücherausfuhr aus Frankreich sich gestaltet, so wenig konkurrieren die französischen Buchdrucker mit dem Auslande, während Belgien, England und Deutschland in der Lage sind, Druckarbeiten für das Ausland zu übernehmen. Mehr als die Arbeitsverhältnisse trägt wohl dazu bei, dass die französischen Buchdruckereien nicht so gut auf schwierige Arbeiten eingerichtet sind, wie namentlich die deutschen.
In Paris absorbiert die Journalistik fast alle tüchtigen Setzerkräfte, trotzdem ist es auf Grund der Eigentümlichkeiten der französischen typographischen Art und Weise dem fremden Arbeiter schwer, in Paris fortzukommen[125]. Viele Bücher, bei welchen übertriebene Schnelligkeit nicht notwendig ist, werden jetzt ausserhalb Paris gedruckt; besonders gilt dies von Neudrucken älterer Werke, sodass den grossen Pariser Werkdruckereien namentlich diejenigen Werke verbleiben, bei welchen, zudem unter gedrückten Preisen, grosse Ansprüche an Material und Schnelligkeit gestellt werden. Unter solchen Verhältnissen verlieren diese die Lust an der Lohndruckerei und legen sich selbst auf das Verlegen. Die Typographie in Paris steht auf einem Vulkan; selbst kurz vor der Weltausstellung 1878, wo es galt, alle Kräfte zusammenzunehmen, trug die Société typographique kein Bedenken, einen sehr kostspieligen und wenig erfolgreichen Strike in Scene zu setzen. Die Lokale der eigentlichen Werkdruckereien liegen meist zwischen Häusermassen eingeklemmt und haben sich erst nach und nach mit dem wachsenden Geschäft erweitert, sodass ihnen meist die ersten Erfordernisse: Raum, Licht und Luft, fehlen. Alle diese Verhältnisse fangen an, den Provinzdruckereien zugute zu kommen. Dringen auch die Fortschritte etwas langsamer in diese ein, so haben sie dafür ein festeres, anhänglicheres und gut geschultes Personal. Zweckmässige Lokaleinrichtungen sind weniger kostspielig als in Paris und manche Provinzdruckerei kann sich schon mit tüchtigen Pariser Offizinen messen. Einen wesentlichen Vorschub leisten die vielen lokalen Gesellschaften für Kunst und Wissenschaft, namentlich Archäologie, welche viele Werke mit Aufwand hinsichtlich Ausstattung, Illustration und Beigabe von Kunstblättern für ihre Rechnung drucken. Auch fangen die Provinzbuchdrucker an, selbst zu verlegen und Depots in Paris zu errichten. Kurz, wenn auch die Zentralisation noch eine bedeutende ist, so bereitet sich offenbar eine Dezentralisation im Sinne des deutschen Buchgewerbes vor und man fängt mit Versuchen an, sich von dem allmählich überwältigend gewordenen Einfluss des Pariser Geschäfts zu emanzipieren.
Mit Ausnahme der administrativen Arbeiten, welche in grosser Zahl und mit grossem Geschick ausgeführt werden, haben die Accidenzien weder in Quantität noch Qualität eine solche Bedeutung, wie in Deutschland. Im allgemeinen werden, und wohl nicht ganz mit Unrecht, dort nicht eine solche Sorgfalt und solche Kosten wie hier auf diese sehr schnell dem Papierkorb verfallenden Drucksachen verwendet; diese lässt man lieber den Werken selbst zukommen.
Ein ziemlich klares Bild von dem Zustand des Accidenzdruckes in Frankreich, soweit dieser dem Buchgewerbe dienstbar ist, liefern die Kataloge zu den Fachausstellungen, die in dem Hause des Cercle in den letzten Jahren abgehalten wurden. Diese Kataloge sind durch die vereinten Kräfte einer Anzahl der bedeutendsten Buchdruckereien hergestellt, von welchen jede einen halben oder einen ganzen Bogen geliefert hat, ohne dass eine andere Grenze auferlegt war, als die Innehaltung des Papierformats. Man darf also annehmen, dass das möglichst Beste geliefert wurde. Es geht aus diesen Katalogen hervor, dass man seit dem vortrefflichen Derriey fast stehen geblieben ist.
Die Zeitungslitteratur hatte in Frankreich mit manchen Hindernissen zu kämpfen, die nun durch das Pressgesetz von 1881 beseitigt sind. Die grossen Journale haben fast alle denselben äusseren Umfang, vier Seiten in gross Folio. Die Franzosen, im ganzen mässig, mögen auch nicht täglich eine solche Masse von geistiger Kost geniessen, wie sie ein englischer Lesermagen verträgt. Versuche mit Blättern nach letzterem Mass eingerichtet sind vollständig fehlgeschlagen. Durch ihre, den nationalen Eigentümlichkeiten ganz Rechnung tragende Organisation darauf berechnet, das, worauf es ankommt, mit Leichtigkeit ins Fleisch und Blut dringen zu lassen, üben jedoch die französischen Journale einen ausserordentlichen Einfluss auf die Partei, deren Interessen sie verfechten. Des grossen Anlagekapitals, wie ein solches in England notwendig ist, bedarf ein neues französisches Journal nicht; es genügt eine mässige Summe, wenn sich mit dieser die genügende Intelligenz und journalistische Routine des wirklichen Leiters verbindet. Ist dieser ein beliebter Schriftsteller oder eine politische Grösse, so stellt sich das Publikum rasch ein.
Die kleinen Zeitungen erscheinen gewöhnlich in einem Format, halb so gross, als das ihrer grossen Schwestern, ihr Einfluss und ihre Verbreitung sind jedoch bedeutend. Das Petit Journal[126] wurde Ende 1880 in 598309 Exemplaren gedruckt und ergab einen Gewinn von drei Millionen Franken. La petite république hatte eine Auflage von 196372, die Lanterne von 150531, Le petit moniteur von 100476 Exemplaren. Die tägliche Gesamtproduktion der Journalnummern erreichte die Ziffer 1984521, von welcher dreiviertel auf die republikanische Presse kam.
Zum Beginn des Jahres 1869 erschienen[127] in Frankreich 2110 Journale aller Art, jetzt 3135. Von diesen kamen im Jahre 1869 auf Paris 816, auf die Provinz 1294; jetzt resp. 1355 und 1780. In Paris fand demnach ein Wachstum von 539 Journalen statt, in der Provinz von 425. Letzteres trifft namentlich die kleineren Städte, besonders solche, die früher kein Journal aufzuweisen hatten, während die grösseren Städte stabiler geblieben. Unter den Pariser Blättern waren 75 politische Tagesblätter, 168 Journale politischen Inhaltes.
Am 10. September 1870 waren die gesetzlichen Bestimmungen, welche hemmend auf die Errichtung graphischer Etablissements wirkten, gefallen und der erste Paragraph des Pressgesetzes von 1881 bestätigt dieses durch die Bestimmung: „Die Buchdruckerei und der Buchhandel sind frei“. Vergleicht man den Stand der graphischen Gewerbe vor dem Kriege mit dem heutigen, so begegnet einem selbstverständlich besonders eine grosse Vermehrung der Buchdruckereien in Paris, wo die Zahl der Brevets früher auf 80 beschränkt war. Doch muss man diese Zahl nicht ganz buchstäblich nehmen, sie betrug thatsächlich wenigstens 150, indem manche Buchdrucker auf Brevets von Kollegen arbeiteten.
Für den Buchhandel hatte die erlangte Freiheit nicht die Bedeutung wie für die Buchdruckerei, denn wenn ein Brevet auch für den Buchhändler erforderlich war, so hielt es doch, da die Zahl nicht beschränkt war, nicht schwer, ein solches zu erlangen. Es fand sogar in dieser Branche ein Rückgang statt. In den übrigen graphischen Gewerben zeigt sich, wenn man die Jahre 1868 und 1882 mit einander vergleicht, einigermassen ein Stillstand. Doch dürfen, wenn man daraufhin Schlüsse ziehen will, die schweren Jahre für das Land und auch der Umstand nicht übersehen werden, dass durch die Abtretung von Elsass-Lothringen sich der Bestand plötzlich um 259 Buchhandlungen, 35 Buchdruckereien und 59 lithographische Anstalten, sowie um drei Städte von 50000 Einwohnern verminderte, die bei einem Vergleich mit dem Wachsen der graphischen Anstalten in Deutschland dann doppelt wirken[128].
Die beifolgende Tabelle zeigt den Stand der verschiedenen Pressgewerbe in den Jahren 1868 und 1882.
| 1868 | Frankreich zählte: | 1882 |
| 1084 | Buchdruckereien | 1722 |
| 1549 | Lithographische Anstalten | 1692 |
| 244 | Kupfer- und Stahldruckereien | 169 |
| 6001 | Buchhandlungen | 6134 |
| 423 | Musikalienhandlungen | 536 |
| 245 | Kunsthandlungen | 288 |
| Von diesen kommen auf Paris: | ||
| 83 | Buchdruckereien | 244 |
| 436 | Lithographische Anstalten | 495 |
| 160 | Kupfer- und Stahldruckereien | 92 |
| 1649 | Buchhandlungen | 1072 |
| 119 | Musikalienhandlungen | 105 |
| 126 | Kunsthandlungen | 98 |
| Ausserdem in Paris andere graphische Gewerbe: | ||
| 42 | Schriftgiessereien und Stempelschneidereien | 52 |
| 15 | Stereotypien und galvanoplastische Anstalten | 17 |
| 167 | Gravieranstalten für Metall und Stein | 156 |
| 64 | Xylographische Anstalten | 102 |
| 25 | Buchdruckerei-Utensilienhandlungen | 44 |
| 43 | Maschinen- und Pressenfabrikanten | 56 |
| 20 | Farbefabriken | 29 |
| 87 | Papierhandlungen en gros | 74 |
| 992 | Papierhandlungen en détail | 906 |
| 348 | Buchbindereien und Broschieranstalten | 343 |
| 40 | Kolorier- und Vergolder-Anstalten | 49 |
| 42 | Inseraten-Bureaus | 35 |
| Ausserhalb Paris stellen sich die Zahlen: | ||
| 1011 | Buchdruckereien | 1478 |
| 1197 | Lithographische Anstalten | 1274 |
| 4352 | Buchhandlungen | 5062 |
| 413 | Musikalien- und Kunsthandlungen | 621 |
Die pressgewerblichen Verhältnisse der Städte aufwärts von 50000 Einwohnern (die Hunderte in abgerundeten Zahlen) sind folgende:
| Städte | Einwohnerzahl | Buchdrucker. | Lithogr. Anstalten | Buchhandl. | Zeitschriften |
| Lyon | 324000 | 32 | 52 | 100 | 67 |
| Marseille | 300000 | 36 | 33 | 45 | 66 |
| Bordeaux | 197500 | 31 | 71 | 91 | 54 |
| Lille | 178000 | 32 | 40 | 66 | 34 |
| Toulouse | 127000 | 19 | 20 | 56 | 51 |
| Nantes | 122500 | 10 | 13 | 49 | 29 |
| Saint-Étienne | 111000 | 13 | 21 | 16 | 13 |
| Rouen | 102500 | 10 | 13 | 35 | 20 |
| Havre | 100000 | 19 | 9 | 35 | 13 |
| Roubaix | 84000 | 6 | 5 | 15 | 5 |
| Reims | 82000 | 8 | 12 | 30 | 12 |
| Toulon | 77000 | 6 | 4 | 11 | 19 |
| Nancy | 72000 | 10 | 9 | 37 | 28 |
| Brest | 67000 | 3 | 4 | 15 | 4 |
| Amiens | 61000 | 9 | 6 | 23 | 13 |
| Besançon | 60000 | 9 | 9 | 13 | 23 |
| Limoges | 60000 | 10 | 8 | 23 | 8 |
| Besançon | 60000 | 7 | 8 | 21 | 21 |
| Angers | 58500 | 9 | 7 | 23 | 20 |
| Montpellier | 55500 | 19 | 10 | 26 | 16 |
| Nizza | 53500 | 10 | 4 | 23 | 22 |
| Grenoble | 51000 | 8 | 7 | 29 | 16 |
| Le Mans | 50000 | 8 | 3 | 25 | 15 |
| Orléans | 50000 | 7 | 4 | 49 | 29 |
| Rennes | 50000 | 7 | 7 | 20 | 17 |
| Versailles | 50000 | 5 | 3 | 32 | 25 |
Fußnoten:
[107] Eug. de Mirecourt, Fabrique de romans. Paris 1845.
[108] Le Cercle de la librairie. Notice hist. Paris 1881. — J. B. Baillère, Le Cercle, etc.
[109] Behufs Verteilung bei Ausstellungen gab Mame einen illustrierten Bericht über sein Etablissement heraus. In dem Jahrgang 1865 des Journ. f. B. Nr. 6 ff. findet sich eine deutsche Bearbeitung mit den Abbildungen des Originals. Bei späteren Ausstellungen erschienen neue Auflagen des Berichts.
[110] Notice sur les établissements de P. D. 1867. — P. D. et ses ouvriers assoc. — Journ. f. B. 1865, Nr. 35–37. — P. Dupont, Une Imprimerie en 1867. Paris 1867.
[111] Die 1881 erschienene neue Ausgabe ist die alte mit einem neuen Titel.
[112] Histoire de l'imprimerie centrale, etc. Paris 1878.
[113] Quelques mots sur la maison Henri Plon. — Henri Plon. Paris 1873.
[114] Essai sur les gravures chimiques. Paris 1871. 2. Aufl. Paris 1879.
[115] J. Adeline, L. H. Brevière. Rouen 1876.
[116] Ann. d. Typ. Nr. 361. VIII. Band.
[117] 1840 erschien anlässlich der Einweihung der Gutenbergstatue in Strassburg ein Album typographique von Silbermann, um die Fortschritte der Kunst zu veranschaulichen. 1872 sammelte er unter dem Titel Album d'impressions typographiques en couleur eine Anzahl Blätter seiner Drucke, die von seinen Leistungen eine, wennauch nicht ganz genügende, Vorstellung geben.
[118] Ann. d. Typ. VII. Bd. 1875, Nr. 329.
[119] J. B. Baillère, La cinquantaine d'un libraire. Paris 1862.
[120] V. Masson, Notice nécrologique. Paris 1879. — Börsenbl. f. d. d. B. 1879. Nr. 130.
[121] G. Masson, Rapport sur les arts graphiques, Vienne 1873. Paris 1873.
[122] Notice sur la vie de L. Hachette. Paris 1864.
[123] Imprimerie Jouaust. Catalogue descriptif et raisonné. Paris 1867. — Ann. d. Typogr. II. Bd. 1870, Nr. 66. — VII. Bd. 1875, Nr. 304.
[124] J. M. Querard, Quelques mots sur M. Bossange père. Paris 1863.
[125] Auf Sitte und Arbeitsweise der Pariser Setzer wirft ein Werkchen Eugène Boutmys: Les typographes parisiens, suivi d'un petit dictionnaire de la langue verte typographique, Paris 1874, interessante Schlaglichter.
[126] F. Maillard, Le petit Journal 1850–1860.
[127] Ed. Texier, Hist. des journaux. Paris 1851. — E. Hatin, Hist. du Journal en France 1631–1853. — F. Maillard, Hist. anecdotique et critique de 150 journaux und dessen Hist. de la presse parisienne. Paris 1859. — Alfr. Sirven, Journaux et Journalistes. Paris 1865. — A. Gagnère, Hist. de la presse sous la Commune. Paris 1881.
[128] Da ein solcher Vergleich der graphischen Machtstellung Frankreichs und des Deutschen Reiches, welche jetzt an Umfang und Einwohnerzahl sich ziemlich gleichstehen und nicht unter so grundverschiedenen Verhältnissen, wie sie sich bei einem Vergleich mit England oder Amerika darbieten, arbeiten, nicht nur von Interesse, sondern auch von Wichtigkeit ist, so bedarf es wohl kaum einer Entschuldigung, wenn die Statistik Frankreichs und des Deutschen Reiches in diesem Handbuche etwas ausführlicher behandelt wird, als die der anderen Länder. Als Grundlage für die Notizen über Frankreich dienten namentlich die Angaben des Annuaire de la librairie von 1868 und 1882. Vergl. auch Chaix, Statistique de l'imprimerie en France. Paris 1874.
VIII. KAPITEL.
DIE ZWEIGE DER ROMANISCHEN GRUPPE.
Die Niederlande: Zurückgehen der Kunst. Der Nachdruck. Die neuere Typographie Hollands und Belgiens. — Italien: G. Bodoni. Langsame Fortschritte. Venedig, die Mechitaristen. Panfilo Castaldi. Der Buchhandel, die Familie Pomba. Rom, die Druckerei der Propaganda. Erfreuliche Aussichten. — Spanien: J. Ibarra. Madrid. Barcelona. Portugal: Die Staatsdruckerei. Südamerika: Buenos Aires, Rio de Janeiro, Lima, Cuba, Mexiko. — Nordafrika: Algier, Ägypten. Türkei: Aufblühen und Verfall der Kunst. Jetzige Lage.
DIE NIEDERLANDE.
DIE typographische Glanzperiode der Niederlande war dahin. Auf die Zeit der blutigen Knechtschaft durch Spanien folgte im Süden die Periode der österreichischen Herrschaft. Darf auch letztere mit der ersteren kaum in einem Atemzuge genannt werden, so war sie doch nicht geeignet, eine neue Blüte der Typographie hervorzurufen, noch weniger war eine solche nach der Einverleibung in Frankreich zu erwarten.
Holland.
Auch der Norden lernte erst seit 1795 als Batavische Republik unter Frankreichs „Schutz“, dann von 1806 ab als Königreich unter einem Napoleoniden, bis auch dieser Selbständigkeitsschein 1810 aufhörte, die Segnungen französischer Presszustände kennen.
Der Pariser Friede 1814 löste die Länder aus der eisernen Umarmung Frankreichs, um sie zu einem Königreiche der Niederlande zu vereinigen. Diese, dem Zusammengiessen von Essig und Öl nicht unähnliche Verschmelzung des protestantischen, germanischen Nordens mit dem katholischen, zum grossen Teil französischen Süden wurde durch die Revolution in Brüssel 1830 faktisch, durch den Frieden 1839 definitiv und rechtlich aufgelöst.
Seit dieser Zeit entwickelte sich ein freieres geistiges Leben in Belgien sowohl als in Holland. Zwar ist der alte Ruhm des niederländischen Pressgewerbes nicht wieder erreicht, jedoch steht dasselbe auf einem achtbaren Standpunkte und lässt weitere Fortschritte erwarten.
Freiere Pressverhältnisse.
In Holland verursachten die freieren Pressverhältnisse vor dem Ausbruch der französischen Revolution, dass viele französische Autoren und Verleger ihre Artikel dort, namentlich in Amsterdam und dem Haag, drucken liessen. Hierin liegt wohl zumteil der Keim zu dem später gewerbsmässig betriebenen holländisch-belgischen Nachdruck, welcher jedoch anfänglich keine grosse Bedeutung hatte und von selbst aufhörte, solange die Niederlande der französischen Herrschaft unterlagen.
Holländische Typographie.
Die holländische Typographie hält fest an dem einmal angenommenen Typenduktus mit seinen langen, schmalen und eng zugerichteten Schriften, die insofern praktisch sind, als mit ihnen sich viel Stoff auf einen kleinen Raum, allerdings auf Kosten eines gefälligen Eindrucks, zusammendrängen lässt. Unter den Formaten ist ein Gross-Median-Oktav das beliebteste und selbst Romane und Gedichte werden in demselben gedruckt.
Durch seine Kolonien in Hinterindien und auf den Inseln des indischen Ozeans ist die Schriftgiesserei Hollands auf die Pflege der Schriften der dortigen Eingeborenen angewiesen. Unter Aufsicht von T. Roorda wurden von J. Enschedé & Zoonen in Haarlem javanische Lettern angefertigt. Ein bedeutendes Renommé in dieser Richtung erwarb sich N. Tetterode in Rotterdam, welcher Mandalingisch, Batakisch, Manarisch und Boeginesisch lieferte. Unter der Direktion von J. Hoffmann liess die holländische Regierung auch chinesische Typen schneiden, die später in den Besitz von E. J. Brill in Leyden übergingen[129]. Als Schriftgiesser wirkten ferner in Gröningen Omkens, van Baskenes und Damste.
Statistisches.
Im Jahre 1882 hatte Holland in 128 Städten 428 Buchdruckereien (1840 besass es nur 146), 183 lithographische Anstalten, 700 Buchhandlungen. Die Buchdruckereien arbeiteten mit 740 Schnellpressen und 650 Handpressen. Die Zahl der lithographischen Schnellpressen war 125, die der Handpressen 700. Die zur Verwendung kommenden Maschinen verschiedener Art stammen namentlich aus französischen Fabriken. An Tageblättern gab es 29, an Wochenblättern und an anderen periodischen Schriften 397.
In Amsterdam liefert die Königliche Buchdruckerei Accidenzien für den Staat. Eine bedeutende Anstalt ist die von Roeloffzen & Hübner in Amsterdam mit drei Rotations- und sieben gewöhnlichen Schnellpressen; sie druckt die in 20000 Exemplaren täglich in einem Umfange von 8–16 Seiten erscheinende Het News van den Dag mit ihrem Sonntagsblatt. C. A. Spinn & Zoon bringen sehr kunstreiche Accidenzarbeiten. Zu erwähnen sind ebenfalls J. van Oosterzee, G. L. A. Amand, Metzler & Barting und Gebr. Binger.
In Haarlem blüht noch das Geschlecht der Enschedé (I, S. 251) und zeigt, dass es nicht auf seinen Lorbeern auszuruhen gedenkt. Das Geschäft arbeitet mit 11 Handpressen, 11 Schnellpressen und 25 Giessöfen und zeichnet sich durch Druck von Reproduktionen, Bibeln und Wertpapieren aus. Van Aspern van der Velde liefert namentlich Illustrationsdruck.
Buchhandel.
Die Interessen des holländischen Buchgewerbes werden seit 1816 von der Vereenigung ter Bevordering van de Belangen des Boekhandels vertreten[130]. Dieselbe hatte im Jahre 1881 in der Art des Pariser Cercle eine Ausstellung von den Erzeugnissen der Hülfsgewerbe des Buchhandels veranstaltet und auch in derselben Weise wie der Cercle einen reichen Katalog erscheinen lassen[131], zu welchem 28 Buchdruckerfirmen jede eine Abteilung und verschiedene Papierfabrikanten Papier geliefert haben. Dieser Katalog zeigt, dass die holländischen Accidenzbuchdrucker bemüht sind, ihren Kollegen in anderen Ländern nachzukommen. Die Arbeiten sind sauber und akkurat, wenn auch von einer Einschlagung neuer Bahnen keine Rede ist.
Als lithographische Farbendrucker haben Tresling & Co. in Amsterdam und Emrik & Binger in Haarlem Verdienste. Das Topographische Institut liefert nach dem Ecksteinschen Verfahren der Schichtlegung durch die verschiedenartige Behandlung der Schraffierungen und die dadurch entstehende Abstufung der Töne vortreffliche Karten in Farbendruck.
Das holländische Papier ist seit alters her berühmt und von bester Qualität. Weltruf hat das Büttenpapier von van Gelder & Zoonen in Amsterdam. Um die Farbefabrikation machte sich seinerzeit der Major E. W. J. Bagelaer (1817) verdient; jetzt wird der Markt ganz von dem Pariser Fabrikat beherrscht.
Die litterarische Produktion ist eine bedeutende und jährlich erscheint eine stattliche Reihe von wertvollen Werken auf allen Gebieten, mit Ausnahme dessen der Phantasie. An poetischen und illustrierten Werken ist die Ausbeute keine grosse und die Lese- und Schaulust des Publikums wird namentlich durch Übersetzungen und Bearbeitungen deutscher Schöpfungen befriedigt.
Unter den holländischen Verlegern seien erwähnt: Kemink & Zoon, P. W. van de Weyer in Utrecht, J. B. Wolters in Gröningen, A. W. Sythoff und E. J. Brill in Leyden, welche beide letzteren einen reichen Verlag orientalischer Werke haben. Das japanisch-holländisch-englische Wörterbuch in Brills Verlag ist eine bedeutende Leistung. Überhaupt ist Leyden ein wichtiger Verlagsplatz, namentlich für medizinische und naturwissenschaftliche Litteratur, während Utrecht die Fächer der Philologie und Geschichte kultiviert. Bedeutende Druckplätze sind noch Haag und Rotterdam; am letzteren Orte sind J. Würtheim & Zoon, welche namentlich Artikel für den Export liefern, bedeutend.
Fr. Müller * 22. Juli 1817.
Einen hochangesehenen Namen in der Geschichte des holländischen Buchhandels der neueren Zeit erwarb Frederik Müller auf Grund seiner Bestrebungen, System in den Betrieb des Handels und in die holländische Bibliographie zu bringen. Müller hatte eine vorzügliche Ausbildung in dem Etablissement von Johannes Müller, welches aus dem Geschäft von Friedr. Arnold Brockhaus entstanden war (s. Kap. [XII]), erhalten. Im Jahre 1843 etablierte er sich in Amsterdam auf dem Rockin in einem Keller, der bald ein Sammelpunkt der angesehensten Gelehrten wurde. Eine mit grossem Geschick ausgeführte Bücherbestellung des Vorstandes der Sternwarte zu Pulkowa bei St. Petersburg brachte ihn in eine wichtige Verbindung mit der St. Petersburger kaiserlichen Bibliothek und gab Veranlassung zu der Herausgabe einer Bibliographie néerlandorusse 1859, welcher verschiedene bibliographische Arbeiten folgten.
Der Nachdruck hatte in Müller, trotz dem Widerstande seiner Kollegen, den eifrigsten Bekämpfer, überhaupt nahm er den lebhaftesten Anteil an allen den Buchhandel betreffenden Fragen. Zwei Aufgaben seines Lebens musste er unvollendet lassen: die Abfassung einer allgemeinen niederländischen Bibliographie und die Geschichte des niederländischen Buchhandels, zu welcher das Material zum grössten Teil in der Bibliothek des niederländischen Buchhändler-Vereins deponiert wurde[132].
Belgien.
Der Name Belgiens ist in der Geschichte der neueren Typographie von dem Pariser Frieden ab und bis zu dem Vertrage mit Frankreich vom 1. Mai 1861 hauptsächlich durch die masslose Ausübung des zwar damals nicht verbotenen, doch wenig ehrenvollen Geschäfts des Nachdruckes bekannt.
Der Nachdruck.
Da in den belgischen Provinzen die französische Gesetzgebung auch nach der Trennung von Frankreich massgebend blieb, so waren es selbstverständlich zuerst die besten Werke der französischen Jurisprudenz, welche, da der Vorteil ein sicherer war, den Nachdruckern anheimfielen. Ein Fortschritt der belgischen Typographie war dabei nicht bemerkbar; Papier und Druck blieben mangelhaft und im Jahre 1818 hatte Brüssel erst 18 Druckerpressen.
Der König Wilhelm, der wohl einsah, dass aus dem Druckgewerbe nur dann ein eigentlicher Vorteil für das Land zu erwarten sei, wenn die Erzeugnisse technisch besser ausgeführt würden, unterstützte die Papierfabrikanten und Buchdrucker und förderte die Einberufung französischer Arbeiter. Schon mit dem Jahre 1820 trat eine Besserung in der Produktion ein, doch blieb der Umfang des Druckgewerbes noch bis zur Revolution ein mässiger; der Nachdruck beschränkte sich damals hauptsächlich auf Werke für den inländischen Bedarf und nahm erst nach dem Jahre 1830 grossartigere Dimensionen an.
Produktion.
Während im Jahre 1815 die litterarische Produktion nur fünf Millionen Bogen betrug, war sie 1838 auf über 32 Millionen Bogen gestiegen. 1815 war die Zahl der Buchdruckereien in den belgischen Provinzen 20 mit 27 Pressen, 1838 aber 53 mit 429 Pressen oder, wenn man die vorhandenen Schnellpressen der üblichen Leistungsfähigkeit nach auf Handpressen überträgt, 519 Handpressen.
Grosser Umfang des Nachdrucks.
Von der Gesamtproduktion kamen etwa acht Millionen Bogen, hauptsächlich in Duodezformat, welches Quantum 6–700000 der damals üblichen Romanbände gleichkam, auf die französischen Nachdrucke, deren Umsatz sich auf etwa 3½ Millionen Franken belief. Die bedeutendsten Nachdruckerfirmen Wahlen & Co., Louis Haumann & Co., Meline Cans & Co. gingen an Aktien-Gesellschaften über, die mit einem Kapital von insgesamt etwa fünf Millionen Franken arbeiteten. Diese Gesellschaften machten jedoch keine guten Geschäfte, da der kostspielige und komplizierte Administrations-Apparat den Vorteil absorbierte, zudem die kleineren Nachdrucker mit ihrem einfachen Geschäftsbetrieb die Preise ausserordentlich gedrückt hatten.
Von der Bedeutung des Nachdrucks mögen einige Thatsachen sprechen: Bérangers Gedichte wurden in etwa 30000 Exemplaren gedruckt; Thiers' Revolution in 15000; Lamennais' Paroles d'un croyant in 60000 Exemplaren. Die kostbarsten Werke, z. B. die mit grossen Opfern durch Didot ins Leben gerufene neue Bearbeitung des Dictionnaire de l'Académie, fielen den Nachdruckern anheim, ja selbst mit den besten Zeitschriften als der Revue des deux mondes und der Revue britannique war es der Fall. Es kam sogar so weit, dass man eine eigene Zeitschrift Revue des Revues gründete, welche eine Quintessenz der verschiedensten periodischen Schriften von Wert brachte, während die politischen Zeitungen Belgiens den Romanhunger des Publikums mit Nachdrucken französischer Feuilletons stillten. Die Brüsseler Buchhandlungen unterhielten Comptoire in London, Leipzig und anderen Orten; in vielen Grenzorten Frankreichs errichteten sie Depots behufs des Schmuggels, ja selbst in Algier existierte ein solches, um die heimliche Einfuhr nach Frankreich zu betreiben.
Aufhören des Nachdrucks.
Diesem Unfug wurde, zum wahren Vorteil Belgiens, durch den Vertrag mit Frankreich ein Ende gemacht und Belgien war nun genötigt und auch mit Erfolg bemüht, sich auf dem Litteraturmarkt selbständig geltend zu machen. Auch das Druckgewerbe hatte von der Änderung einen Vorteil; denn, waren auch die Nachdrucke meist sauber ausgestattet, so hielten sich doch alle Erscheinungen auf demselben Niveau des einfach mittelguten Werkdrucks und von einem höheren Aufschwung der Kunst war keine Rede[133].
Der Import an Büchern aus Frankreich ist jetzt begreiflicherweise ein bedeutenderer geworden und beträgt etwa drei Millionen Franken an Wert, während der Export nach Frankreich nur etwa eine halbe Million Franken erreicht.
Verschiedene Buchdrucker.
Ein Zweig des Pressgewerbes von grosser Bedeutung ist der Druck liturgischer und überhaupt Andachtsbücher. Selbst die französischen Pressen haben in dieser Richtung schwer mit der belgischen Konkurrenz zu kämpfen. Unter denjenigen Offizinen, die sich in dieser Produktion auszeichnen und eine grosse Ausfuhr nach allen Weltteilen haben, sind M. H. Dessain und Haniq in Mecheln, mit welchen Wesmael-Charlier, Legros in Namur und Greuse in Brüssel, welch letzterer auch die umfangreiche venetianische Ausgabe der Bolandisten fortsetzt, konkurrieren. Hebräische und chaldäische Werke liefern van Linhout und van der Zande in Löwen. J. S. van Dooselaere in Gent[134] ist ein, seinem Fache mit grosser Liebe zugethaner Jünger Gutenbergs. Ein von ihm gedruckter Recueil descriptif des antiquités ist ein typographisches Kunststück, indem der Text die äussere Form E. Vanderhaegen † 1881.der beschriebenen kunstgewerblichen Gegenstände nachbildet. E. Vanderhaegen, ebenfalls in Gent, machte sich durch seine Bibliographie gantoise, 7 Bände, 1858–1869, einen Namen. Henri Castermann & Co. in Tournai vereinigen mit der Buchdruckerei auch die verwandten Geschäftszweige und den Verlagshandel. Allen ihren Arbeiten sind Nettigkeit und Eleganz nachzurühmen.
In Brüssel zeichnet sich Ad. Mertens durch gute Illustrationsdrucke und Luxusarbeiten aus. F. Guyot Frères[135] sind bedeutend im Accidenzfache und liefern viele Wertpapiere und Regierungsarbeiten, in welchen auch F. Hayez Beachtenswertes produziert. Bruylant-Christophe zeigt im Werk- und Buntdruck technische Tüchtigkeit. Adolf Wahlen veranstaltete mit A. Delpierres Leben der Maria von Burgund ein vorzügliches Druckwerk. Ein glücklicher Zufall hatte ein auf das feinste verziertes, nachweislich von der eigenen Hand der kunstsinnigen Prinzessin Marie herrührendes Alphabet Initiale vor dem Untergange bewahrt, welches nun mit grösster Sorgfalt für das erwähnte Werk nachgebildet wurde. Auch auf den Satz verwendete man die grösste Mühe, so dass in dem ganzen Werk kein geteiltes Wort vorkommt, ohne dass deshalb die Regelmässigkeit des Ausschlusses irgendwie gestört wäre.
Der Schatz, welchen Antwerpen in dem Plantin-Museum besitzt, durch welches diese Stadt ein typographisches Mekka geworden, ist bereits (I, S. 225) ausführlicher besprochen[136].
Statistisches.
Die Zahl der Buchdruckereien in Belgien beträgt 639; davon kommen auf Brüssel 101, Antwerpen 51, Lüttich 37, Gent 34, Brügge 21. Unter den Schriftgiessereien zeichnen sich Vanderborght und Meline Cans & Co. aus. Die Zeitungspresse[137] Belgiens teilt sich in zwei, einander gegenüberstehende Lager, das katholische und das liberale. Im Jahre 1840 hatte Belgien nur 75 Journale, darunter 39 vlämische. 1880 war die Zahl auf 388 gestiegen, darunter 143 in vlämischer Sprache. 54 Zeitungen erscheinen täglich. Die älteste derselben ist das 1764 gegründete Journal de Liège. Unter den Fachblättern sind zu nennen die Annales de l'imprimerie.
ITALIEN.
Italien.
Italien seufzte in der vorliegenden Periode unter dem Druck der Fremdherrschaft bald österreichischer, bald spanischer und französischer Machthaber. Jede freiere Geistesregung war verschwunden und infolge davon vegetierte auch die einst so blühende Typographie nur in kümmerlichster Weise fort. Der kleinen Stadt Parma allein war es beschieden, durch den einzigen bedeutenden Meister dieser Zeit einen grossen, jedoch nur kurz andauernden Ruf zu gewinnen.
J. B. Bodoni * 16. Febr. 1740, † 30. Nov. 1813.
Dieser Meister, Johann Baptist Bodoni[138], ward in Saluzzo von einfachen aber respektablen Eltern geboren. Die Anfänge der Kunst lernte er bei dem Vater und bereits frühzeitig entwickelte er ein nicht gewöhnliches Zeichentalent und schnitt in seinen Freistunden Vignetten in Holz, die später, nachdem der unbekannte Holzschneider ein berühmter Buchdrucker geworden war, von Sammlern sehr gesucht wurden.
Bodoni in der Propaganda.
Achtzehn Jahre alt begab er sich mit einem Freunde nach Rom, wo der letztere einen Onkel hatte, von welchem die Wanderer Unterstützung erwarteten. Die kleine Barschaft war unterwegs bald aufgezehrt, da half Bodoni durch Verkauf von Holzschnittvignetten an Buchdrucker. Den nach Rom Gekommenen erklärte der Onkel nicht helfen zu können. Bodoni war zur Rückkehr entschlossen, wollte jedoch wenigstens der berühmten Offizin der Propaganda einen Besuch abstatten. Bei diesem erregte die Lebhaftigkeit und das gefällige Wesen Bodonis die Aufmerksamkeit des Direktors, Abbé Ruggieri, und er wurde engagiert. Auf Veranlassung der obersten Spitze der Anstalt, des Kardinals Spinelli, der Bodonis Streben wohlgefällig bemerkte, nahm dieser an einem Kursus der orientalischen Sprachen Anteil und lernte auch Arabisch und Hebräisch lesen. Mit der typographischen Ausführung eines arabisch-koptischen Missale und des Alphabeticum Tibetanum des Paters Georgi betraut, entledigte er sich der Aufgaben in so befriedigender Weise, dass Ruggieri dem Schlusse des Werkes den Vermerk: „Roma, excudebat J. B. Bodoni, Salutiensis 1762“ aufdrucken liess.
Bei der Ordnung der orientalischen Schriftenvorräte der Anstalt war die Lust bei Bodoni entstanden, selbst Schriftschneider zu werden und er griff diesen Gedanken mit einem solchen Eifer auf, dass er in kurzer Zeit ein sehr tüchtiger Stempelschneider wurde. Wahrscheinlicherweise wäre sein Schicksal für stets mit der Propaganda verknüpft geblieben, wenn nicht der freiwillige Tod seines Gönners Ruggieri ihm den dortigen Aufenthalt verleidet hätte. Er nahm einen Ruf nach England an, wollte jedoch vor seiner Abreise nochmals seine Eltern in Saluzzo sehen. Dort erkrankte er in so bedenklicher Weise, dass seine Abreise verschoben werden musste, und als der Marquis Telino ihm das Anerbieten machte, an die Spitze einer, der Königlichen Buchdruckerei in Paris ähnlichen Anstalt, die man in Parma errichten wollte, zu treten, gab Bodoni das Engagement nach England ganz auf und siedelte nach Parma über.
Buchdrucker in Parma.
Hier begann nun für ihn eine Zeit des strengsten Arbeitens, auch war er anfänglich keineswegs pekuniär günstig gestellt. Im Jahre 1771 legte er durch seine Saggio tipographico di fregi et majuscola Proben seiner Kunst als Stempelschneider ab. 1774 folgten Iscrizioni esotiche von de Rossi und 1775 bei Gelegenheit der Vermählung des Fürsten von Piemont mit der Prinzessin Clotilde von Frankreich, die in 25 verschiedenen Sprachen, orientalischen und europäischen, gedruckten Epithalamia exoticis linguis reddita. Das letztere Werk richtete die allgemeine Aufmerksamkeit auf Bodoni. Kein Reisender von Bedeutung unterliess es, dessen Druckanstalt zu besuchen. Karl III. von Spanien ernannte ihn zu seinem Hofbuchdrucker; Gustav III. von Schweden und Ferdinand IV. von Neapel erteilten ihm Auszeichnungen. Alle waren einig, dass Bodonis Erzeugnisse in Bezug auf Eleganz und Gleichförmigkeit nicht übertroffen seien.
Im Jahre 1788 wurde ihm von dem Ritter d'Azara, dem spanischen Gesandten in Rom, das Anerbieten gemacht, in dessen Palast eine Druckerei für die Herausgabe griechischer, lateinischer und italienischer Klassiker einzurichten. Unwillig darüber, dass jemand ihm eine solche typographische Kapazität rauben wolle, gestattete der Herzog von Parma, dass Bodoni eine ähnliche Offizin, wie die in Rom beabsichtigte, in dem herzoglichen Schlosse einrichtete, aus welcher dann einige der schönsten Klassiker-Ausgaben, darunter der Virgil von 1793 und Tassos Gerusalemme liberata in drei Foliobänden (1794), hervorgingen.
Prachtwerke.
Die kostbarste aller seiner Prachtausgaben war jedoch der Homer (1808), den er dem Kaiser Napoleon dedizierte, von welchem er in der Zeit der Franzosenherrschaft in jeder Weise begünstigt wurde. Bei der Überreichung des Dedikationsexemplares erhielt Bodoni eine Pension von 3000 Franken. Der Vizekönig von Italien, Eugen Beauharnais, wollte ihn gern nach Mailand, Murat nach Neapel ziehen. Bodoni wünschte jedoch nicht Parma zu verlassen und schützte Alter und Kränklichkeit vor. Er hasste überhaupt das Franzosentum, verstand es aber ganz wohl, sich in die Verhältnisse zu schicken und diese sich nutzbar zu machen.
Im Jahre 1811 wurde er von Murat dekoriert. Letzterer hatte die Absicht, für den jungen Murat eine Reihe von Klassikern drucken zu lassen. Der Anfang wurde 1812 mit Télémaque gemacht, dem 1813 Racine folgte; erst 1814, nach Bodonis Tod, erschienen Lafontaine und Boileau. Auf Grund dieser französischen Klassiker-Ausgaben erteilte Napoleon dem Bodoni kurz vor dessen Tode das Kreuz der Ehrenlegion in Begleitung eines Ehrengeschenkes von 18000 Franken.
Unter Bodonis Arbeiten müssen noch zwei erwähnt werden, die für den Typographen von Fach ein ganz besonderes Interesse haben: seine Oratio dominica und sein Manuale tipographico.
Oratio dominica.
Als der Papst Pius VII. im Jahre 1805 auf seiner Rückreise von Paris, wo ihm in der Staatsdruckerei die Oratio dominica durch Marcel überreicht worden war, durch Parma kam, forderte er Bodoni auf, zu zeigen, dass Italien ein ähnliches Werk liefern könne. Bodoni wollte nun die Pariser Ausgabe noch übertreffen und lieferte auch, und zwar in sehr kurzer Zeit, die seinige in 155 Sprachen; 51 asiatischen, 82 europäischen, 12 afrikanischen und 20 amerikanischen, allerdings nur, indem die Propaganda ihn mit ihren Vorräten unterstützte.
Manuale tipographico.
Das Manuale tipographico del Cavaliere Giambattista Bodoni, zwei Bände in kleinem Folio, wurde erst 1818 von seiner Witwe herausgegeben. Es enthält auf 87 Seiten eine Einleitung der Witwe und 267 Seiten Proben. Die erste Serie bringt auf 144 Blatt die Caratteri latini tondi e corsivi, eine Sammlung von Antiqua- und Cursivschriften, wie sie in solcher Vollständigkeit, Vollendung und einheitlichen Durchführung sonst wohl selten oder nie gefunden wird. Bodoni schnitt folgende 22 Grade: Parmigianina, Nonpariglia, Mignona, Testino, Garamoncino, Garamone, Filosofia, Lettura, Silvio, Soprasilvio, Testo, Parangone, Ascendonica, Palestina, Canoncino, Sopracanon, Canone, Corale, Ducale, Reale, Imperiale, Papale. Darauf folgen 85 Blatt Versalien, Antiqua-, Cursiv- und Schreibschriften. Der zweite Band enthält 59 Blätter Griechisch, 33 Blätter Orientalia, darauf, zwischen Malabarisch und Russisch, zwei Blätter Caratteri tedeschi, in einer Ausführung, die allerdings nahe ans Malabarische grenzt. Die russischen Schriften sind auf 82 Blättern sehr reich und schön vertreten. Den Schluss machen 91 Blatt Fregi (Einfassungen), Linien und Diverse, die ohne Bedeutung sind.
Das Ganze bildet ein Druckwerk ersten Ranges. Der tiefschwarze und doch mit wenig Farbe erzielte Druck, die Schärfe der Schrift, die Einfachheit und das Ebenmass des Ganzen, das schöne milchweisse Velinpapier, ohne den schädigenden Glanz der Satinage, haben ein Kunstwerk zuwegegebracht, welches das Studium jedes Gutenberg-Jüngers verdient.
Bodonis Schriften wurden nicht allein in Italien überall verbreitet, sondern fanden auch Eingang in Berlin durch Decker und Unger, in Leipzig durch Breitkopf, in der Schweiz durch Gessner, in London durch Nicholls, in Kopenhagen und an andern Orten.
Krankheit und Tod.
Bodoni war von der Natur kräftig, schadete sich aber durch übermässiges Arbeiten. Er bezeichnete sich selbst als einen Galeerensklaven und war in der That an die Druckerei wie angeschmiedet. Seit Jahren an Podagra leidend, liess er sich durch Schmerz und Ungeduld verleiten, als Kur innerhalb je 12 Stunden 36 Pfund heisses Wasser zu trinken, und er würde dies noch weitergetrieben haben, wäre er nicht durch Ohnmachten daran gehindert worden. Die Folge war eine Schwächung des Magens, die nicht wieder gehoben werden konnte. Am 30. November 1813 unterlag er, und am 2. Dezember rief die grosse Glocke des Domes die Bürger Parmas zu der feierlichen Beerdigung ihres hochverdienten Mitbürgers.
Bodonis Denkmal in Saluzzo wurde am 20. Oktober 1872 eingeweiht. Es stellt ihn in ganzer Figur vor, umgeben von den Werkzeugen seiner Kunst.
Verdienste.
Bodoni leistete vieles ganz ausserordentlich Schöne, doch entstanden die Produkte seiner Pressen zumteil mehr aus typographischem Ehrgeiz als aus dem Wunsch, höheren, veredelnden Zwecken zu dienen, wie dies in der Vergangenheit das Ziel seines grossen Landsmannes Aldus gewesen oder in seiner Zeit das der Didots war. Er huldigte öfters zu sehr dem Luxusdruck ohne eigentlichen Zweck. Sein Wirken erhellte deshalb zwar eine zeitlang den typographischen Himmel Italiens, es war jedoch nicht mit dem erwärmenden, fruchtbringenden Licht der Sonne zu vergleichen, sondern mehr mit der prachtvollen, die Augen entzückenden Erscheinung eines glänzenden Meteors, welches ebenso unvermutet zum Vorschein kommt, als es rasch verschwindet.
Die Typographie in Italien.
So finden wir bis um die Mitte unseres Jahrhunderts die Typographie und das Buchgewerbe Italiens in einem wenig erfreulichen Zustande. Die Zensur war eine ausserordentlich strenge und die Bücher, die in einem Teil des Landes gedruckt waren, konnten nicht unbehindert in einem anderen vertrieben werden. In Neapel existierten Zölle, die gleich einem Verbot wirkten; dabei florierte der Nachdruck und der Verkehr mit dem Auslande bot die grössten Schwierigkeiten.
Statistisches.
Im Jahre 1833 gab es 464 Buchdruckereien und Buchhandlungen; 1835 wurden 2819 Werke in 4295 Bänden herausgegeben. 1836 zählte man, einschliesslich der offiziellen Zeitungen der verschiedenen Staaten, nur 185 Zeitschriften, davon 26 in Neapel, 19 in Mailand, je 10 in Rom und Turin, je 8 in Palermo und Florenz.
Die 1848 in Piemont eingeführte Pressfreiheit trug zwar bald Früchte, jedoch datiert der eigentliche Fortschritt erst von der Einigung Italiens. 1859 gab es gegen 600 Buchdruckereien mit etwa 2000 Pressen. Turin hatte 780 Setzer, 164 Handpressen und 47 Schnellpressen, bei deren Einführung man nicht darauf drucken wollte, bevor die Macht des Satans über sie durch Besprengung derselben mit geweihtem Wasser seitens eines Geistlichen beseitigt war. 1872 bestanden bereits 911 Buchdruckereien, in welchen 745 Schnellpressen, 2691 Handpressen und nahe an 11000 Personen beschäftigt wurden. Unter den 1083 Buchhandlungen verdienten allerdings eine ziemliche Anzahl kaum diesen Namen. Viele, selbst bekannte Schriftsteller mussten ihre Werke auf eigene Kosten drucken lassen.
Die buchhändlerische Produktion, welche 1863 4243 Werke betragen hatte, war 1872 auf 6798 neue Werke gestiegen. 6509 Fortsetzungen waren noch im Gange, wozu noch 2666 Gesetze, Statuten etc. kamen, so dass die ganze Produktion 15973 Nummern betrug[139].
Im Jahre 1869 war die Zahl der Zeitschriften auf 450 angewachsen. Damals zeigte sich die grösste journalistische Thätigkeit in dem Norden, dem eigentlichen Herde der Freiheit Italiens. Turin zählte derzeit über 100 Zeitschriften, Mailand 80, Florenz 51, Genua 37. Zwei Drittel derselben waren politischen Inhalts; 75 erschienen täglich, 65 zwei- bis dreimal, 179 einmal wöchentlich. 1872 war die Zahl schon 723. Obenan stand damals Florenz mit 101, während Turin auf 75 gesunken war. Im Jahre 1873, mit 1126 Zeitschriften, hatte Mailand mit seinen 137 den Vorsprung über Florenz und Turin gewonnen, Rom zählte 109; ihm folgte Florenz mit 107 auf dem Fusse, dann Turin mit 85, Neapel mit 81, Genua mit 51, Palermo mit 48, Venedig mit 38, Bologna mit 36. Die Gesamtauflage einer Nummer aller Zeitschriften betrug 1¾ Millionen Stück. Die Post versandte jährlich gegen 100 Millionen einzelne Nummern. Zeitungen mit einer allgemeinen grossen Verbreitung gab es in Italien nicht; jedes Städtchen hängt an seinem Lokalblättchen.
Wie rasch Italien sich unter seinen neuen Verhältnissen entwickelt, geht schon daraus hervor, dass 1881 die Zeitschriften auf 1854 gestiegen waren, unter welchen 159 Tageszeitungen.
Werfen wir noch einen Blick auf die Pressthätigkeit der einzelnen Städte.
Venedig.
Venedigs hoher typographischer Ruhm war wie sein politischer zu Grabe getragen, wennauch einzelne bedeutendere Erscheinungen sich sporadisch zeigten, zu welchen Alvisopolis vortreffliches Prachtwerk Le fabbriche più cospicue di Venezia, zwei Bände in Folio, gehörte. Aus alter Zeit hat sich nur die armenische Offizin Mechitaristen.der Mechitaristen auf der Insel S. Lazaro (I, S. 186) erhalten. Das Kloster entging auf Grund seiner wissenschaftlichen Bestrebungen der Aufhebung unter napoleonischer Herrschaft und wurde zu einer armenischen Akademie erhoben, die noch existiert und für welche die Offizin eine Monatsschrift Pasmaveb (der Polyhistor) druckt, von welcher dreissig Bände erschienen. Die Akademie erwählte auch auswärtige Mitglieder, zu welchen Lord Byron zählte, der oft und gern dort verkehrte und armenische Studien trieb. Zu ihren bedeutenderen Leistungen aus neuerer Periode gehören der Thesaurus linguae armenicae und die Chronik des Eusebius in armenischer, lateinischer und griechischer Sprache, sowie das Dizionario armeno-letterale. Als Probe ihrer Produktionsfähigkeit liessen die Brüder-Typographen 1837 die Preces sancti Nercetis in 24 Sprachen erscheinen[140].
In Udine erschien bei den Brüdern Mattiuzzi eine schöne Ausgabe von Vitruvii Pollionis Architectura, vier Bände in Quart, 1825.
Panfilo Castaldi.
Ein sonderbares Schauspiel vollzog sich am 25. September 1868 in dem Städtchen Feltre, an welchem Tage unter grossen Festlichkeiten ein Monument des Erfinders der Buchdruckerkunst — selbstverständlich nicht Gutenbergs, sondern des Italieners Panfilo Castaldi — enthüllt wurde.
Der Prätor Antonio Cambruzzi schrieb um 1556 in seiner Geschichte der Stadt Feltre: »Um diese Zeit (1456) lebte Pamfilio Castaldio, Doktor der Rechte und Dichter, in Feltre, der die Erfindung (!) der Buchdruckerkunst entdeckte (!!). Der Burggraf Faust lernte von ihm diese Kunst, als er in seinem Hause zu Feltre wohnte, um die italienische Sprache zu studieren. Er führte die Druckkunst nach Deutschland, übte sie in Mainz und bekam nachher von Einigen den Titel des ersten Erfinders. Andere haben diese Erfindung einem Deutschen namens Cuttembergo aus der Stadt Strassburg zugeschrieben, allein der erste Erfinder ist, »„wie aus den Chroniken von Feltre erhellt««, Pamfilio Castaldio gewesen“.
Recht schade ist es, dass diese „erhellenden Chroniken“ nicht existieren. Indes dies geniert die „späteren Zeugen“, die auf Cambruzzi fussen und ihn sogar fälschen, nicht, wie es auch Gutenbergs Manen nicht genieren wird, dass seinen Konkurrenten in Feltre und Haarlem Statuen errichtet wurden. Fast möchte man aber glauben, dass es Italien besser angestanden hätte, der Zierde der italienischen Typographie, dem Aldus Manutius, ein würdiges Monument zu setzen, statt einer mythischen Person zu huldigen, zu einer Zeit, wo der Nebel, welcher die Geschichte der Erfindung bisher umhüllte, wenigstens so weit zerstreut ist, dass man nicht Erfindern à la Castaldi und Coster Denkmäler errichten sollte.
In jüngster Zeit hat der Vorsteher des Staatsarchives zu Mailand, Cesar Cantu, zwei Urkunden entdeckt, nach welchen sich ergiebt, dass Castaldi im Jahre 1472 in seinem 74. Lebensjahre als Lehrer der Buchdruckerkunst von dem Herzog Galeazzo Maria Sforza in Mailand nach dort berufen und dass ihm das Recht erteilt wurde, eine Druckerei zu eröffnen. Wie damit eine Erfindung seitens des Castaldi bewiesen werden soll, ist nicht leicht ersichtlich[141].
Padua.
Padua beansprucht den etwas zweifelhaften Ruhm, in seinem sogenannten Dantino das mit der kleinsten Schrift gedruckte Buch hervorgebracht zu haben. Im Jahre 1834 hatte bereits Antonio Farina eine Schrift, die er Occhio di mosca (Fliegenauge) nannte, geschnitten. In demselben Jahre trat Claudio Wilmant mit einer noch kleineren, Milanina, hervor. Nach vielem Herumirren derselben schloss der letzte Besitzer dieser Schrift, Giovanni Gnocchi, 1873 einen Vertrag mit den Gebrüdern Salmin in Padua über den Druck einer Ausgabe von Dantes göttlicher Komödie ab und nach fünf Jahren erschien dieselbe.
Mailand.
Mailand trug durch P. E. Giustis Ausgabe der Famiglie celebri di Italia des Grafen Pompeo Litta zur Ehre der Kunst bei. Dort wirkt die Anstalt von Ed. Sonzogno (gegr. 1861) mit 30 Schnellpressen und 500 Personen für die Herstellung des eigenen Verlags der Firma, darunter 15 Zeitschriften. Civelli (1840) hat Druckereien in Mailand, Turin, Verona, Ancona und Rom, ausserdem zwei Papierfabriken und verlegt fünf Zeitschriften. Er druckt fast alle Arbeiten für die italienischen Eisenbahnen. Ein Riesenwerk ist das Vocabulario universale della lingua italiana, acht Bände in Quart.
Was den lithographischen Bilderdruck betrifft, hat Mailand zwei vortreffliche Repräsentanten aufzuweisen, Ulysses Borzino und seine Frau, die beide selbst tüchtige Künstler sind.
Familie Pomba.
Was Bodoni für die Typographie Italiens gewesen, war die Familie Pomba in Turin für den Verlagshandel. Die von derselben 1818 begonnene Collezione dei classici Latini in 108 Bänden wurde 1835 beendigt. Ihre Biblioteca populare di classici autori, 100 Bände, in 16. (1829) gab den ersten Impuls in Italien zur Verbreitung guter Bücher zu den billigsten Preisen. Nach dem Vorbilde der Penny Cyclopaedia wurde 1842–1849 die Encyclopedia populare, zwölf Bände in Quart, herausgegeben. Glänzenden Erfolg erzielte Cesar Cantus Storia universale, die in sehr kurzer Zeit zwei teuere Auflagen und eine billige erlebte. Die Firma Pomba & Co. unternahm die Biblioteca dell' Economista, 26 Bände, und ein kolossales Werk, Istituzioni di agricoltura.
Luigi Pomba † 1872.
Am 1. Februar 1855 ging das Pombasche Geschäft mit noch einigen anderen, kleineren Geschäften in den Besitz der Unione tipografico-editrice über, die unter der Direktion Luigi Pombas eine grosse Wirksamkeit, namentlich in encyklopädischer Richtung, entwickelte und Filialen in Rom, Neapel und Pisa gründete. Neue grossartige Werke der Firma waren das Wörterbuch von Nic. Tommaseo, acht Bände in Quart; die Encyclopedia di chimica, zehn Bände in Quart, und die Prachtausgabe von A. Palladios Fabbriche etc., fünf Bände in Fol., ferner die italienischen illustrierten Ausgaben der Werke Brehms, Darwins u. a.
Ausser durch die eigene Verlagsthätigkeit zeichnete sich Joh. Pomba durch seine allerdings ohne Erfolg gebliebenen Bestrebungen, den italienischen Buchhandel nach Art des deutschen zu organisieren, aus. Um sich näher mit dem Betrieb des letzteren bekannt zu machen, besuchte Pomba die Leipziger Messe und liess 1869 eine Broschüre Informazione della fiera di Lipsia erscheinen.
Grosse Anstrengungen machte die königliche Druckerei in Turin in den Händen der Firma Paravia (Vigliardi), die auch Filialen in Mailand, Florenz und Rom errichtete. Schöne Arbeiten lieferten in Turin ebenfalls Bona, sowie Chirio & Mina. Unter den Arbeiten der letzteren ragt die Geschichte des Klosters Alta Comba in Folio mit Einfassungen in Golddruck im Geschmack des XV. Jahrhunderts hervor.
Florenz.
In Florenz, das durch Verbindung vieler Eigenschaften (geographische Lage, allgemeine Bildung, Reinheit der Sprache, Tüchtigkeit der Setzer) geeignet wäre, ein Leipzig Italiens zu werden, lieferte 1825 Molini eines der schönsten Druckwerke Italiens, die vom Grossherzog von Toscana veranstaltete Prachtausgabe der Opere di Lorenzo de' Medici, vier Bände in Gross-Quart. Mareingh, erst in Florenz, dann in Triest, zeigte in Tassos Gerusalemme liberata, zwei Bände in Gross-Folio, 1820, und in den Monumens sépulcraux de Toscane, 1821, feinen Geschmack und grosses Geschick. Eines der bedeutendsten Werke der letzten Zeit ist das in der Tipografia Cenniniana auf 1648 zweispaltige Seiten gedruckte Vocabulario Italiano von P. Fanfani, Rigutini und F. Corridi. Als Drucker und Verleger bedeutend ist G. Barbera; er ist durch seine Diamant-Ausgaben italienischer Klassiker bekannt.
Florenz hat einen Cercolo tipografico, in dem Prinzipale und Gehülfen zwanglos verkehren. Hier erscheint auch seit 1869 das in würdiger Weise von Salv. Landi geleitete und typographisch sehr gut ausgestattete Journal L'Arte della stampa. Als Organ der Gehülfen dient Il tipografo (Turin). Senefelder ist der Titel einer in Turin in italienischer und französischer Sprache erscheinenden lithographischen Monatsschrift.
Rom.
Rom hatte zwar nie einen ersten Platz in der typographischen Geschichte eingenommen, sank jedoch in der Periode von 1750 ab tiefer als man hätte erwarten sollen. Das einzige Institut von einiger Bedeutung war die Druckerei der Propaganda (I, S. 186)[142]. Ihren Flor verdankt sie dem gelehrten Prälaten Leo Allacci (Allatius), den Kardinälen Antonelli, Ruggieri, Spinelli, Consalvi und Zurla, sowie den Monsignoren Ricci, Amaducci und Borgia. Eine solche Stellung jedoch, wie dies Institut hätte einnehmen können und sollen, wurde nicht erreicht. Nicht nur andere Staatsanstalten, sondern auch Privatdruckereien anderer Länder überflügelten weit die Propaganda. 1812 ward sie zeitweilig ganz unterdrückt, hob sich jedoch später wieder. Die von Napoleon geraubten Schriften kamen wieder nach Rom zurück. Besonders der Papst Pius IX. nahm sich der Anstalt an und ernannte 1865 den verdienten Ritter Marietti zum Direktor, der 1872 seine Stelle niederlegte und von Federigo Melandri gefolgt wurde. Unter den seit 1865 entstandenen Werken der Offizin sind zu erwähnen der Bibliorum Sacrorum Codex Vaticanus, mit den Typen des Tischendorfschen Codex Sinaiticus gedruckt, und eine Oratio dominica in 250 Sprachen, die trotz der Schriftenmannigfaltigkeit zeigt, dass die Anstalt nicht auf der Höhe der Jetztzeit steht[143].
Eine Hofbuchdruckerei Stamperia camerale wurde 1834 sehr hübsch in dem Palast Cornaro eingerichtet. Im Jahre 1881 gab es in Rom 53 Buchdruckereien mit 172 Schnellpressen und 129 Handpressen. Die Zahl der Gehülfen war 722, der Lehrlinge 268. Die grösste Zahl der Schnellpressen, 31, und ebenso viele Handpressen beschäftigte die „Aktienbuchdruckerei“. Bedeutend sind ferner: Civelli, Bottas Nachfolger, mit 11 Schnellpressen und 81 Setzer; die Druckerei der Nationalbank mit 8 Schnellpressen und 11 Handpressen; Molina mit 16 resp. 8.
Neapel.
Neapel[144] sucht in seinen Leistungen nicht zurückzubleiben. Angeli & Sohn liefern viele Accidenzien. Dort gelangte eines der prachtvollsten Stichwerke der Neuzeit zur Ausführung, das von Piranesi Vater und Sohn herausgegebene: Antike Denkmäler Roms. In der Kunst, die Monumente und Ruinen darzustellen, sind die beiden Meister nicht übertroffen. Der Vater J. P. Piranesi † 1778.Joh. Baptist Piranesi aus Venedig lieferte die ersten 16 Bände und der Sohn Franz Piranesi setzte das Werk fort. Nach verschiedenen Schicksalen liess sich letzterer in Paris nieder. Napoleon begünstigte ihn sehr und es wurde der Beschluss gefasst, von Staatswegen das Werk für 300000 Franken und ein Jahresgehalt an Piranesi von 12000 Franken zu erwerben. Das Unglück in Moskau verhinderte die Vollziehung des betreffenden Dekretes, jedoch erwarben die Didots das grossartige Unternehmen von 29 Bänden mit über 2000 Kupferstichen im grössten Atlanten-Format.
SPANIEN. PORTUGAL. SÜDAMERIKA.
Spanien.
Spanien hat wie Italien in der Periode von 1750 ab einen einzigen hervorragenden Namen aufzuweisen, während seine typographische Geschichte wenig von Bedeutung verzeichnen kann[145].
J. Ibarra.
Der Kammerdrucker des Königs, Joachim Ibarra aus Saragossa, war der Mann, der die Buchdruckerkunst in Spanien zu einer dort noch nicht gekannten Höhe erhob und einen Wetteifer der Buchdrucker hervorrief, der sie weiter trieb, als 20O Jahre es vermocht hatten. Ibarras Prachtwerke zeichnen sich gleich sehr durch die Schönheit des Druckes, der Typen und der Illustrationen, sowie durch die Glätte des Papiers, und durch die Korrektheit aus.
Unter seinen Druckwerken sind besonders zu nennen die spanische Übersetzung des Sallust durch den Infanten Don Gabriel, mit Illustrationen, Folio, 1772; eine Dissertation des Fr. Perez Bayer über die phönizische Sprache, Folio, 1772; die Prachtausgabe des Don Quixote, vier reich illustrierte Bände in Quart, 1780; Marianas Geschichte Spaniens, zwei Bände, Folio, 1780. Ibarras Witwe setzte das Geschäft in rühmlichster Weise fort; eine vorzügliche Leistung von ihr ist das Diccionario de la lengua Castellana, Folio, 1803.
Für die Achtung, welche die Spanier ihrem grossen Dichter Cervantes zollen, spricht der Umstand, dass eine Facsimile-Reproduktion der ersten Ausgabe der Werke desselben (I, S. 190), von Francisco Quijano in 1500 Exemplaren veranstaltet, sofort vergriffen war.
Madrid.
Unter den neueren Druckern Madrids werden mit Ruhm genannt: Gaspar & Roix, Calleja Millado, Man. Rivadaneira (jetzt Abelardo de Carlos und Sohn), Juan Aguado, Ducazal, Joachim Fontanet, Gabriel Albamra u. a. Im Jahre 1881 hatte die Stadt 104 Buchdruckereien, 110 Buchhandlungen, 64 lithographische Anstalten. Die Schriftgiessereien sind schwach vertreten, J. Aguado † 22. März 1878.die bedeutendste darunter ist die von Juan Aguado, der auch die Fachzeitschrift Bulletin tipografico herausgiebt. Ein zweites Fachblatt ist die Cronica de la imprenta. Von Zeitschriften erschienen 206 (darunter 60 politische, von welchen die Correspondencia die grösste Auflage [über 50000] hat). Die spanische illustrierte Zeitung ist eine tüchtige Leistung A. de Carlos' und enthält viele gute Original-Illustrationen, ebenso El museo universal.
Barcelona.
Nächst Madrid ist Barcelona der bedeutendste Druckort. Die dort bestehende Banknotendruckerei unter Direktion von Zaragozano & Jaime ist ganz mit französischem Material ausgerüstet und beschäftigt über 60 Personen. Früher wurde das spanische Papiergeld in England gedruckt. In Barcelona erscheint auch ein Fachblatt El correo tipolitografico von Cepherino Gorchs. Die Stadt besass 1881 42 Buchdruckereien, davon 6 mit Dampf- und 10 mit Gasbetrieb. 919 Personen, 95 Schnellpressen (darunter 81 französische), 60 Handpressen (darunter nur zwei deutsche) waren beschäftigt. Ausserdem zählte man dort 51 lithographische Anstalten, 57 Buchhandlungen und 63 Journale.
Valencia.
Das in Valencia erschienene Bayeri opus de nummis Hebrae-Samarithanis, zwei Bände in Quart, 1781 und 1790, ist ein Werk, welches eine Vorstellung giebt von dem, was die Buchdruckerkunst in Spanien hätte werden können, wenn sie genügende Unterstützung gefunden hätte und nicht zugleich mit der Entwickelung der allgemeinen Bildung unter unglücklichen inneren Verhältnissen so sehr gehemmt worden wäre.
Portugal.
Imprenza Nacional.
Wennauch die Typographie in Portugal[146], gleichwie in Spanien, im allgemeinen keine besonders hohe Stufe erklommen hat, so besitzt das Land doch eine Anstalt, die, vortrefflich geleitet, ganz Vorzügliches leistet: die Imprenza Nacional. Sie ist durch Marquis Pombal, den bekannten Staatsreformator Portugals unter der Regierung Josephs I., ins Leben gerufen, mit der Absicht, eine Anstalt wie die Pariser königliche Druckerei zu schaffen, welche eine Pflanzstätte der Kunst werden, zugleich auch billige Unterrichtsbücher drucken sollte.
Das Dekret, welches die Imprenza Regia anordnete, datiert vom 24. Dezember 1768. Ein Regierungspalast wurde ihr eingeräumt und bereits in den ersten Tagen des Jahres 1769 konnte M. da Costá.sie zu arbeiten beginnen. Die Leitung ward Miguel Manescal da Costá übertragen, einem vorzüglichen Typographen, dessen Buchdruckerei, sowie die Schriftgiesserei des João de Villeneuve als Grundlagen für die Staatsanstalt angekauft waren. Einer damit verbundenen Gravierschule stand der geschickte Joaquim Carneiro da Silva vor. Eine Spielkartenfabrik war die Melkkuh des Instituts.
Von 1769–1801 wurden unter da Costás Direktion 1230 Bände gedruckt, unter welchen viele bedeutende Erscheinungen. Nach dessen Tode wurde eine Junta administrativa ernannt, mit dem gewöhnlichen Erfolg kollegialischer Behandlung technischer Geschäfte. Im Jahre 1810 schritt man zur Ernennung eines General-Administrators in der Person Joaquim da Costás, der mit einer kurzen Unterbrechung die Leitung der Anstalt bis 1833 behielt. Mit dem Sturze der Regierung Dom Miguels wurde die Staatsdruckerei dem Ministerium des Innern direkt untergeordnet.
J. P. Marcécos.
Mit der 1838 erfolgten Wahl des José Frederico Pereira Marcécos zum Administrator begann die Glanzzeit der Anstalt. Marcécos bereiste England, Frankreich und Belgien und brachte die Erzeugnisse der neuesten Erfindungen mit nach Hause. Nach F. A. Marcécos.seinem frühen Tode, 1844, wurde die Stelle seinem Bruder Firmo Augusto Marcécos anvertraut, welcher fortfuhr, alle Verbesserungen der Neuzeit einzuführen, daneben Lehrlingsschulen, Hülfskassen u. dgl. errichtete. Vom Staate erhält die Anstalt keinen Zuschuss, sie hatte im Gegenteil bis zum Jahre 1873 an diesen drei Millionen Franken abgeliefert und beschäftigte in dem genannten Jahre über 300 Personen. Zwei Deutsche haben viel zur Hebung der Anstalt beigetragen: Joseph Leipold, der Direktor der galvanoplastischen Abteilung, und Ignaz Lauer, Leiter der Schriftgiesserei. Seit 1878 ist der Vorsteher Dr. Venancio Deslandes[147].
Die zur Weltausstellung in Wien 1873 gesandten portugiesischen, spanischen und englischen Wörterbücher, die rot und schwarz gedruckten Missale und Breviarum Romanum, die Carta constitutional, die Werke Camoens' in sechs Bänden, vorzugsweise eine in zwölf Sprachen gedruckte Episode daraus, Inez de Castro, waren alle in dem besten Stil und vortrefflich gedruckt.
Auch die Wertpapiere verdienten alles Lob, jedoch ergreift die Anstalt nicht, wie die St. Petersburger, die Initiative, sondern benutzt nur geschickt das Vorhandene, namentlich die Erzeugnisse Derrieys.
Gebr. Lallemant.
Nicht ganz auf derselben Stufe stehen die Gebrüder Lallemant[148], sie liefern aber sehr beachtenswerte Arbeiten, ebenso die Gebrüder José de Castro.
Im Jahre 1878 hatte Portugal 118 Zeitungen, darunter 66 politischen Inhalts; die älteste, Revuluçao de September, existiert 33 Jahre. Die Journale sind nicht von grosser Bedeutung und nicht geeignet, grosse Erwartungen von dem Standpunkte der Typographie dort zu erwecken. Seit 1882 erscheint El Gutenberg.
Lissabon hatte 1881 23 Buchdruckereien, 26 Buchhandlungen, 56 Zeitschriften; Coimbra 10 Buchdruckereien; Oporto 56 Journale.
Südamerika.
Südamerika. Ein grösserer typographischer Kontrast als zwischen Nord- und Südamerika ist kaum denkbar. Fortwährende Revolutionen und Kriege, der Einfluss einer unwissenden Geistlichkeit und die Indolenz der Völker haben ein intellektuelles Leben, infolge davon auch ein Gedeihen der Buchdruckerkunst nicht aufkommen lassen.
Buenos Aires.
Buenos Aires, welches 53 Buchdruckereien, 59 Buchhandlungen, 24 lithographische Anstalten und 27 Zeitschriften aufweist, feierte am 9. Juli 1876 die hundertjährige Betreibung der Buchdruckerkunst. Es wurde beschlossen, Gutenberg und dem Einführer seiner Kunst Don Juan José Vertiz ein Denkmal, in einem Obelisk bestehend, zu errichten und einen Preis für die beste Bearbeitung der Geschichte der Buchdruckerkunst in der Argentinischen Republik auszustellen. 1872 erhielt Buenos Aires eine illustrierte Zeitung: El Plata illustrado[149].
Rio de Janeiro.
In Rio de Janeiro wurde ebenfalls das hundertjährige Jubelfest am 9. Juli 1880 abgehalten. Ausser in Rio sind nicht viele Buchdruckereien in Brasilien in Thätigkeit. Manche der Arbeiter, die im ganzen genommen schlecht bezahlt werden und für Extraarbeit keine Entschädigung erhalten, sind Sklaven. Schlaffheit herrscht von oben bis herab auf den Laufburschen. Die Zahl der Zeitungen war 1878 297. Südamerika hat im ganzen 17 deutsche Zeitungen, von welchen 11 auf Brasilien, 4 auf die argentinische Republik, je eine auf Uruguay und Chile kommen.
Lima besitzt 21 Buchdruckereien, 11 Buchhandlungen, 11 lithographische Anstalten und 13 Zeitschriften. St. Jago di Chile hat 11 Buchdruckereien, Valparaiso 7.
Auf Cuba befanden sich 52 Offizinen, 50 Buchhandlungen, 10 lithographische Anstalten und 47 Zeitschriften erschienen dort. Mexico hat zwischen 50–60 Offizinen, davon 23 in der Stadt Mexico, daneben 11 lithographische Anstalten, 16 Buchhandlungen. Puebla weist 8 Buchdruckereien auf.
NORDAFRIKA. DER ORIENT.
Nordafrika.
Nordafrika hatte bereits während des ägyptischen Feldzugs Bonapartes eine typographische Werkstätte (S. [172]) und durch die Besitzergreifung von Algerien ist diese Provinz eine Pflanzstätte der Kultur in Afrika geworden. Es besitzt heute schon 29 Buchdruckereien, 18 lithographische Anstalten und 54 Buchhandlungen, davon sind in der Stadt Algier 9 Buchdruckereien, 8 lithographische Anstalten, 10 Buchhandlungen; in Constantine resp. 3, 2, 5; in Oran resp. 3, 3, 10. Von Zeitschriften erscheinen 35 in 12 Städten, davon in Algier 18, unter welchen das offizielle Journal Mobacher in arabischer und französischer Sprache. Der Buchhändler Bastide hat sehr zur Verbreitung der Litteratur beigetragen.
Ägypten.
In Ägypten wurde von Mehemed Ali eine Buchdruckerei in Boulak errichtet, man hatte aber sehr mit der Abneigung der Muselmänner gegen gedruckte Bücher zu kämpfen. In den letzten 50 Jahren sind etwa 250 Werke aus den dortigen Pressen hervorgegangen. Von Privatpressen entstanden verschiedene, unter welchen die von Mustapha Wahabi nennenswert ist.
Die Lithographie wurde 1834 eingeführt. Da die verschiedenen graphischen Anstalten in den Händen von Franzosen sind und die Arbeiten durch Franzosen ausgeführt werden, so kann die mitunter sehr hübsche Produktion eigentlich nicht von nationaler Bedeutung sein.
Von Zeitungen erscheinen etwa 25 in arabischer, französischer, griechischer, italienischer und englischer Sprache. Sie stehen unter Zensur und nach erfolgter Warnung kann Unterdrückung stattfinden.
Im Jahre 1878 hatte der Bei von Tunis eine Druckerei errichtet und der Kaiser von Marokko beabsichtigte ebenfalls in Fez eine solche anzulegen. Von zwei wöchentlichen Zeitungen erscheint eine in Ceuta, eine in Tanger.
Buchhandel.
Der Buchhandel in Kairo ist ziemlich lebhaft. Die Buchhändler sind meist Gelehrte und nicht so fanatisch, wie z. B. in Damaskus, wo sie nur ungern Bücher an Christen verkaufen. Es ist dies namentlich mit den Koran-Ausgaben der Fall, welche abgesondert oder unter besonderem Verschluss aufbewahrt sind. Die Bücher liegen übereinandergeschichtet. Der Einband ist von Leder oder gewöhnlicher Pappe, der Titel wird auf den Schnitt oder auf ein auf den Umschlag geklebtes Blatt geschrieben. Zwischen alten und neuen Exemplaren wird nicht der strenge Unterschied gemacht, wie in dem europäischen Buchhandel. Einige Buchhändler debitieren nur die von ihnen verlegten Bücher, andere sind Sortimentshändler nach unseren Begriffen. Ein fester Ladenpreis existiert nicht und die Schwankungen sind oft bedeutend.
Europäische Türkei.
Europäische Türkei. Die nach dem Tode des verdienten Förderers der Typographie Ibrahim Effendi (I, S. 281) in der Entwickelung derselben eingetretene Stockung fand erst unter der Regierung Abdul Hamids eine Unterbrechung. Reschid Effendi, der Schatzkanzler, und Achmed Wassif Effendi, der Reichshistoriograph, erhielten Auftrag, nach dem Verbleib der in Stillstand geratenen Buchdruckerei Said Effendis Untersuchungen anstellen zu lassen. Der grösste Teil derselben wurde auch glücklich aufgefunden, restauriert und dann die Pressen in Skutari wieder in Gang gesetzt. Zu Direktoren dieser neu entstandenen Reichsdruckerei ernannte der Sultan Mustafa und Adam Effendi, ersterer Rechtsgelehrter, letzterer Geistlicher. Beide nahmen sich ihres Amtes mit Eifer an und viele Werke, die sich durch gute Ausstattung auszeichneten, gingen aus der Anstalt hervor. Eines der schönsten Erzeugnisse der orientalischen Druckkunst ist Makkisada Mustafa Effendis Kommentar zur Burda, einem Lobgedicht auf den Propheten, in einem Quartband von 621 Seiten. Eine weitere lange Liste fremdartiger Titel hier folgen zu lassen dürfte keinen Zweck haben.
Rückgang und neuer Aufschwung.
Nach einer kurzen Blüte folgte wieder Stillstand unter der Regierung Selims III. und während des Anfangs der Regierung Mahmuds des Grossen. Nachdem jedoch durch Ausrottung der Janitscharen Ruhe im Innern hergestellt war und Mahmud sich den Werken des Friedens widmen konnte, kam die Reihe auch bald an die Staatsdruckerei. Im Jahre 1831 wurde dieselbe von Skutari wieder nach Stambul übergeführt und erhielt dort eine grosse Lokalität. Neue Pressen wurden aus London, neue Typen aus Venedig eingeführt und Arbeiter namentlich aus Deutschland herbeigeschafft.
Ein rascher Aufschwung machte sich bemerkbar. Die überall versteckten Schätze der türkischen Litteratur wurden gesammelt, um in guten und billigen Ausgaben dem Volke zugänglich gemacht zu werden. Man veröffentlichte die Werke der Reichsgeschichtsschreiber und liess viele tüchtige Fachwerke, namentlich militärische und medizinische, aus europäischen Sprachen übersetzen.
Nach einer Glanzperiode von etwa zwanzig Jahren trat unter Abdul Aziz und unter unglücklichen politischen und finanziellen Konjunkturen ein Rückgang ein, der erst unter Abdul Medschid aufhörte.
Jetziger Zustand.
Konstantinopel besitzt vier kaiserliche Druckereien, zwei unter Leitung des Ministeriums des Innern, von welchen die eine sich mit der Herstellung von allen offiziellen Aktenstücken, die andere sich mit Bücherdruck beschäftigt. Die dritte, unter das Kriegsministerium ressortierende Druckerei dient nur militärischen Zwecken; die vierte, mit welcher eine lithographische Anstalt für die Arbeiten des Generalstabes verbunden ist, befindet sich in dem Palast Dolma-Bagdsche und steht unter der unmittelbaren Leitung des Palastmarschalls. Die Ausführung der öffentlichen Arbeiten ist eine durchweg gute.
Von Privatdruckereien waren 1880 etwa 25 vorhanden, unter welchen sich die Offizinen des armenischen und des griechischen Patriarchen, sowie die des Gross-Rabbi befinden. Von lithographischen Anstalten gab es ebensoviele. Die Zahl der Schnellpressen war gegen 70, der Tret- und Handpressen 120, beschäftigt waren gegen 500 Personen. In den nationalen Sprachen erschienen etwa 200 Werke.
Zeitungswesen.
Das Zeitungswesen entstand erst spät. Im Jahre 1852 erschien in Smyrna der Spectateur de l'Orient; 1831 wurde der Moniteur ottoman (Wekaje) gegründet, der später auch türkisch gedruckt wurde. Nach den offiziellen Angaben aus dem Jahre 1878 erschienen in Konstantinopel 72 Zeitungen und Zeitschriften, unter welchen 30 Tagesblätter. Von den Zeitschriften sind 16 in türkischer, 20 in französischer, 12 in griechischer, 13 in armenischer Sprache. Eine Verordnung von 1879 verbot, vor 6 Uhr türkischer Tageseinteilung (ungefähr unsere Mittagsstunde) die Zeitungen auszugeben, was für diese, deren Verteilung sonst um 6 Uhr früh stattfand, ein grosser Schlag war. Eine illustrierte Zeitung Mussaveri Turkestan (Illustrierte Türkei), herausgegeben von der Gesellschaft der Freunde des Vaterlandes, erscheint wöchentlich.
Asiat. Türkei.
In Smyrna gehörten die ersten Pressen (seit 1658) den Juden; dann folgten die Christen und schliesslich die Türken. Eine erfolgreiche Thätigkeit entwickelte mit sehr geringen Mitteln das Kloster Mar-Hanna auf einem steilen Abhange des Berges Kesroan gelegen. Die dortige Druckerei ist 1732 von dem Priester Abdallah Ben Zacher gegründet, welcher selbst das nötige Handwerkszeug fertigte, Typen schnitt und goss, dann abwechselnd als Setzer und Drucker arbeitete. Noch vor dem Jahre 1794 erschienen dort gegen 40 Werke. In Safad, am westlichen Ufer des Sees Tiberias, war eine hohe Schule für arabische und hebräische Gelehrsamkeit, welche eine Druckerei besass, die jedoch im Jahre 1759 durch ein Erdbeben zerstört wurde. Berühmt durch ihre vortrefflichen arabischen Drucke ist die Offizin der amerikanischen Missionsgesellschaft in Beirut.
Cypern.
Auf der Insel Cypern erscheinen jetzt drei englische und zwei griechische Zeitschriften.
Persien.
Nach Persien kam die Buchdruckerkunst 1820 und zwar nach Teheran und Tabris. Über die weiteren Fortschritte verlautet so gut wie nichts. Bei seiner Anwesenheit in Wien anlässlich der Ausstellung 1873 beabsichtigte der Schah Nasser-Eddin die erste Schnellpresse zu bestellen. Seit 1872 erscheint in Teheran eine Zeitung für Persien, zu welcher der Schah selbst Beiträge liefert, zumeist Schilderungen seiner Jagdabenteuer.
Eine grosse Schwierigkeit für die Verbreitung der Typographie in Persien bildet das hohe Ansehen, in welchem die Schönschreibekunst steht, und der hohe Grad von Vollkommenheit, welchen sie erreicht hat. Wird einmal zur mechanischen Vervielfältigung gegriffen, so ist die Lithographie viel leichter als die Typographie imstande, die wunderbaren, mit Gold und Farben geschmückten Schriftzüge wiederzugeben. Auf eine schnelle Verbreitung von Gutenbergs Kunst in Persien ist deshalb nicht zu rechnen.
Fußnoten:
[129] J. Hoffmann, Catalogus van chinesische Matrijzen en drukletters 1860, 1864, 1876.
[130] Reglement over de vereenigung ter bevordering etc. Amsterdam 1841. — Bepalingen omtrent den boekhandel. — L. D. Petit, Proeve einer Geschiedenis der Vereenigung etc. Amsterdam 1875. — Otto Mühlbrecht, Der holländische Buchhandel seit Coster. Leipzig 1867. — Gunne, Flüchtige Gedanken über den Buchhandel in Holland. — C. L. Brinkmann, Alphab. Naamlijst van boeken 1850–1875. — F. L. Hoffmann, Ouvrages conc. l'histoire de l'imprimerie en Belgique et en Hollande. Brüssel 1859.
[131] Tentoonstelling van hulpmiddelen voor den Boekhandel. Amsterdam 1881.
[132] Otto Harrassowitz, Fr. Müller. Börsenbl. f. d. d. B. 1881, Nr. 5.
[133] Mémoire sur la situation actuelle de la contrefaçon en Belgique. Paris 1841. — C. Muquardt, De la contrefaçon. Brüssel 1844. — Over den Nadruk in Belgien. Aug. Schnee, Trente ans de la littérature belge 1830–1860. Brüssel 1861.
[134] J. S. van Dooselaere, Aperçu. London 1851.
[135] Imprimerie E. Guyot. Brüssel 1880.
[136] Wer nicht Gelegenheit oder Lust hat, die I, S. 225 zitierten Werke einzusehen, findet in Westermanns Monatsheften 1883, Heft 319 eine ausführliche Beschreibung des Plantin-Museums.
[137] J. Mallou, Notice statistique sur les journaux Belges. Brüssel 1843.
[138] Lama, Vita del cavaliere G. Bodoni, 1816, 2 Bde., von welchen der letztere ein analytisches Verzeichnis seiner Druckwerke enthält. — J. Bernardi, Vita di G. Bodoni. Saluzzo 1872.
[139] Diese Angaben sind G. Ottinos, La stampa periodica, il commercio dei libri e la tipografia in Italia, Mailand 1875, entnommen. Das Buch enthält eine sehr sorgfältige Zusammenstellung der periodischen Presse, die zuerst anlässlich der Wiener Ausstellung 1873 ausgearbeitet war, und muss zugleich als eine ganz vorzügliche typographische Leistung gelten. Vergl. auch „Zur Geschichte der Presse in Italien“, Prutz' Museum, Leipzig; Paolo Lioy, „Über die geistige Nahrung des italienischen Volkes“ in C. Hillebrands Italia, Bd. III, S. 90.
[140] Printers Register 1874, Dezbr. — Das Journ. f. B. 1880 enthält in Nr. 2 und 3 die Schilderung eines Besuches Th. Goebels in dieser Druckerei.
[141] A. Bernhardi-Zinghellini et a Valsecchi, Intorno à P. Castaldi. Mailand 1866. — A. del Como, Mem. della citta di Feltre. Venedig 1710. — A. v. d. Linde, Gutenberg. Stuttgart 1878.
[142] Propaganda, Specimen characterum. Rom 1843. — Cat. librorum qui ex typogr. S. Congr. etc. prodierunt. Rom 1773.
[143] A. Mackie's Italy and France bringt in dem Letter XXXVI und dem Appendix A die Schilderung eines Besuchs des bekannten englischen Zeitungsdruckers in der Propaganda. Eine Äusserung von ihm wird in Deutschland interessieren: „Ich bemerkte nicht eine einzige Maschine englischen Ursprungs. Bereits in England war mir gesagt worden, dass die englischen Maschinen überflügelt seien. Deutschland hatte hier alles geliefert, selbst eine kleine Falzmaschine“.
[144] Giustiniani, Saggio sulla tipografia del regno di Napoli. Neapel 1791.
[145] F. Mendez, Tipografia Española. Madrid 1861. — J. E. Equizabal, Hist. de la legislation española 1480–1873. Madrid 1879. — Annuario del comercio. Madrid 1882.
[146] J. Kugelmann, Histoire de l'Imprimerie en Portugal. Paris 1867.
[147] Bericht über die Nationaldruckerei in Lissabon. 1873. Deutsch und Französisch. — A. M. Abranches de Riego, Catalogo des obras impr. de J. A. de Macedo. Lissabon 1849. — Caracteres de la imprenza Real en 1793.
[148] Inigo, Lallemant frères.
[149] J. M. Guitiemez, Bibliogr. de la prim. imprenta de Buenos Aires. 1866.