Der Frühling.
Nun wächst hervor aus des Nebels Grau
mein trautes Veilchen verschämt und blau,
ein Sonnenlächeln im Auge,
an der Wimper diamantenen Tau.
Der Winter saß auf den Bergen und starrte über das Tal hin.
Er wußte, jetzt mußte der Frühling bald da sein; und er spähte ängstlich nach ihm aus. Aber da war nichts anderes zu sehen als Schnee und Schnee und noch mehr Schnee, und er fing an zu glauben, daß der junge Frühling Angst bekommen habe.
Er lachte höhnisch und ließ seine Stürme die Zinnen der Berge umtosen. Wild fuhren sie über die Höhen dahin, knickten große Bäume im Walde und zerbrachen das Eis auf dem Flusse. Sie trieben die Eisschollen vor sich her, warfen sie auf die Wiesen und peitschten das Wasser zu Schaum auf.
„Holla,“ sagte der Winter, „nur immer sachte, Kinder, immer sachte!“
Er hieß die Winde sich wieder legen, und knurrend krochen sie hinter die Berge.
„Ich hatt’ euch gebeten, das Eis nicht zu zerschlagen,“ brummte der Winter. „Nun muß ich sehen, eure Dummheit wiedergutzumachen. Denn Land und Wasser sollen verrammelt sein, wenn der Windbeutel von Frühling mit seinem Leierkasten getrippelt kommt.“
Als die Nacht anbrach und die Sterne erglänzten, starrte der Winter mit seinen kalten Augen auf den Fluß, und im selben Augenblick legte sich wieder Eis auf das Wasser. Aber die Wellen brachen es auf der Stelle entzwei. Sie hüpften und tanzten und knickten die dünne Rinde, sooft sie über ihnen eine Brücke schlug.
„Was ist das?“ fragte der Winter erstaunt.
In diesem Augenblick ertönte unten im Tal ein leiser Gesang:
„Spielt auf, spielt auf,
haltet Tritt im Lauf,
ihr Wellen blau und sanft!“
Der Winter griff in seinen gewaltigen Bart und beugte sich vor, um zu lauschen. Nun ertönte der Gesang wieder und lauter:
„Spielt auf, spielt auf,
haltet Tritt im Lauf,
ihr Wellen blau und sanft!
Gebt acht, gebt acht,
besiegt des Eises Macht!“
Da sprang der Winter auf und starrte hinaus, die Hand über den Augenbrauen.
Dort unten im Tale stand der Fürst des Frühlings, jung und rank in seiner grünen Tracht, die Laute über der Schulter. Sein langes Haar flatterte im Winde, sein Gesicht war weich und rund, sein Mund lächelte unaufhörlich, seine Augen waren verträumt und betaut.
„Du kommst zu früh!“ schrie der Winter.
Aber der Frühling verneigte sich tief und antwortete:
„Ich komme, wie’s verabredet war.“
„Du kommst zu früh!“ schrie der Winter wieder. „Ich bin noch lange nicht fertig. Ich hab’ noch Tausende von Säcken mit Schnee, und meine Stürme sind so stark und herb, wie sie im Januar waren.“
„Das ist deine Sache und geht mich nichts an,“ sagte der Frühling ruhig. „Deine Zeit ist vorbei, und meine Herrschaft beginnt. Zieh in Frieden fort nach deinen Bergen!“
Da faltete der Winter seine starken, harten Hände und blickte den Frühling ängstlich an.
„Laß mir ein wenig Zeit!“ sagte er. „Ich bitte dich recht herzlich um eine kleine Frist. Gib mir einen Monat... eine Woche Zeit... gib mir bloß drei armselige Tage!“
Der Frühling antwortete nicht, sondern schaute über das Tal hin, als hätte er kein Wort gehört; und er löste das grüne Seidenband, an dem er die Laute trug.
Aber der Winter stampfte auf, daß die Berge erbebten, und ballte die Fäuste in gewaltigem Zorn.
„Geh’ fort, dahin, woher du gekommen bist!“ sagte er. „Oder ich wälze meinen Schnee über dich und begrabe dich so tief, daß du nie aus dem Tale herausfindest. Ich werd’ meine Stürme entfesseln, so daß deine jämmerlichen Töne in ihrem Brausen untergehen. Dein Gesang soll in deinem Halse gefrieren. Wo du gehst und stehst, werd’ ich deinen Spuren folgen. Alles, was du am Tage zum Leben erweckst, werde ich in der Nacht töten.“
Der Frühling erhob das Haupt und schritt durch das Tal hin. Er griff stärker in die Saiten der Laute, und jeder Baum im Walde beugte sich vor, um zu lauschen. Die Erde seufzte unter dem Schnee, die Wellen des Flusses standen still und horchten auf und sangen dann mit, während sie dem Meere entgegensprangen. Selbst der Winter verbiß einen Augenblick seinen Zorn in sich hinein und lauschte:
„Dir nützet nicht das Bitten, dir nützet nicht das Drohen,
Sieh hinter deinen Wolken die lachende Sonne lohen.“
In langen, starken, feierlichen Tönen klang es durch das Tal hin, und von Hügeln und Bergen antwortete das Echo.
Aber der Winter schüttelte die gewaltigen Fäuste gen Himmel und schrie überlaut:
„Heraus mit euch, all meine starken Stürme! Heraus mit euch, heraus! Brecht herein über das Tal, schlagt alles nieder! Fegt über die Höhen hin, und zerbrecht jeden Baum im Walde! Werft die Berge um, wenn ihr könnt, und begrabt den grünen Gaukler unter ihnen!“
Und hervor brach der Sturm, und der Schnee kam. Es wurde ein entsetzliches Wetter. Die Bäume krachten, zerbrachen und sanken zu Boden, der Fluß trat über seine Ufer, der Schaum der Wellen spritzte bis hoch zum Himmel auf, und gewaltige Lawinen stürzten den Hang hinab.
Aber der Frühling ging singend durch das Tal, sein Gesang ertönte immer voller und stärker:
„Laß deine Stürme tosen, laß deine Winde brausen,
laß deine weißen Vögel nur durch die Lüfte sausen.
Dein Eis kann nicht bestehen, wo ich hinüberschreite.
Dein Reich ist hier zu Ende; flieh fort in öde Weite!“
„Packt besser zu!“ schrie der Winter. „Brause, Sturm! Stürze, Schnee! Peitsche, Regen! Schlag’ nieder, Hagel!“
Und der Sturm brüllte lauter, und der Schnee stürzte herab. Es wurde so finster, als wären die Sonne und der Mond und Sterne erloschen. Große Felsblöcke rollten in das Tal hinab; die Berge bebten und spalteten sich. Es war, als ob die Welt untergehen wollte.
Aber durch das Dunkel leuchtete das grüne Gewand des Frühlings, und gewaltiger als Sturm und Donner tönte sein Sang. Erde, Luft und Wasser sangen mit; der elendeste Grashalm unterm Schnee, die Krähe im Walde, der Regenwurm in der Erde — sie alle nahmen nach besten Kräften daran teil. Selbst die Bäume, die unter dem Griff des Sturmes im Walde gestürzt waren, verkündigten in ihrer Todesstunde den Frühling:
„Du weißt, du mußt doch weichen und mußt dein Tun beenden.
Mein milder Sang auf Erden will Glück und Freude spenden.
Du weißt, ich bin gekommen, des Sommers Schloß zu bauen
auf deinen öden Stätten, auf Bergeshöh’n und Auen.“
Da ergab sich der Winter.
Der Sturm fuhr mit Geheul nach Norden über die Berge, und es hörte auf zu schneien. Der Fluß trat in sein Bett zurück. Nur hin und wieder hörte man noch ein Knacken im Walde, wenn ein Zweig, der vom Unwetter getroffen war, zu Boden fiel. Sonst war es ganz still.
Und dann begann es zu tauen.
Oft hatte der Schnee in der Sonne geglitzert und war froh darüber gewesen, aber das war eine andere Sonne als die, die jetzt auf ihn herabstarrte. Die Sonne, die jetzt am Himmel dahinwanderte, konnte den Schnee nicht leiden, und der Schnee war ihr nicht hold.
„Was in aller Welt willst du hier?“ fragte die Sonne, immer neugieriger starrend.
Und dem Schnee wurde ganz wunderlich zumut, und er wünschte sich weit fort. Er schmolz oben, so daß große Löcher entstanden, und er schmolz unten, so daß er plötzlich zusammenfiel und fast zu einem Nichts wurde. Überall unter ihm lief das Wasser in Bächen durch den Wald, den Abhang hinab, über die Wiese, in den Fluß hinein, der unverdrossen damit zum Meere strömte. Allerorten standen Wasserpfützen, große und kleine; langsam sickerten sie in die Erde hinab, während der Frost schwand. Aber manchmal mußten sie warten, denn die Erde konnte nicht so viel auf einmal trinken.
Und während es stärker und stärker taute und die Schneeschicht mit jedem Tage dünner wurde, stand der Frühling oben am Waldesrande, beugte sich zur Erde vor und sang:
„Schneeglöckchen keck,
starbst du aus Schreck
vorm Winter, dem Geck?
Leuchte ihm heim!“
Bei dem Gesang des Frühlings brachen hundert Schneeglöckchen aus der Erde hervor und leuchteten weiß und grün. Sie nickten mit ihren schweren Köpfen, und der Frühling nickte ihnen zu. Aber dann schritt er weiter, bis er nach einem Weilchen wieder stehen blieb und sang:
„O Krokuskind,
ach, komm geschwind,
bring dein Angebind,
gelb, weiß, blau!“
Sofort öffneten sie ihre Kronen und reckten sich, so kurz sie auch waren, denn sie waren ja stolz, weil sie sich unter den ersten befanden. Aber während die Schneeglöckchen noch in Scharen hervorkamen, stand der Frühling schon an einer andern Stelle und sang:
„Kätzchen am Weidenzweig,
andern die Wege zeig’!
Schnell aus dem Schlummer steig’,
bist doch sonst nicht so faul!“
Und alle Weidenzweige bedeckten sich mit gelben Kätzchenblüten, die vergnügt hinübergrüßten zu Krokus und Schneeglöckchen. Und der Frühling winkte dem Pfefferstrauch, und der war im Nu mit hellroten Blüten bedeckt. Aber der Frühling bog die untersten Zweige beiseite und beugte sich tiefer zur Erde vor als vorher und sang so mild wie noch nie. Und das Veilchen entfaltete seine breiten grünen Blätter, um ihm zu zeigen, daß es bereit war.
Da schwamm der Nebel über das Tal heran. Niemand konnte sehen, woher er kam, aber er war nun einmal da und blieb viele Tage lang.
Das waren seltsame, stille Tage. Überall sickerte, rieselte, brodelte, siedete es in der Erde, sonst war kein Laut zu hören. Stumm glitt der Nebel die Hügel hinan, in den Wald hinein, und hängte schwere Tropfen an alle Zweige. Und die Tropfen fielen herab vom Morgen bis zum Abend und vom Abend bis zum Morgen.
So dicht war der Nebel, daß der Fluß ganz darin verschwand, so daß man ihn nur strömen hörte. Und die Hügel verschwanden auch und der Wald, so daß man nichts als die äußersten Bäume sah, und selbst sie erschienen als Schatten auf der grauen Nebelwand.
Aber dort, wo der Nebel am dichtesten war, war der Frühling. Und je dichter der Nebel wurde, desto stärker leuchtete das grüne Gewand des Frühlings hervor. Und während das Wasser sickerte und die Tropfen tropften und der Fluß dahinströmte, sang der Frühling:
„Stille, stille rinnen
traufende Tropfen von hinnen!“
Aber oben im Gebirge lag lauernd der Winterfürst. Er sah, wie der Schnee schmolz und verschwand; er sah die Blumen kommen und konnte nichts dagegen tun. Bis hoch in die Berge hinauf schmolz der Schnee, und er dachte, es werde ganz toll werden, wenn er nicht etwas unternähme.
Im Dunkel der Nacht schlich er ins Tal hinunter, am nächsten Morgen war Eis auf den Pfützen, und der Nebel hatte sich auf der Wiese als funkelnder Reif niedergeschlagen.
Aber als der junge Frühling das sah, lachte er bloß.
„Das hilft dir doch nichts,“ sagte er. Und er hob sein junges Antlitz zum Himmel und rief:
„Sonne!“
Sofort teilten sich die Wolken, und vor der Sonne schmolzen das Eis und der Reif. Dann versteckte die Sonne sich wieder hinter den Wolken, der Nebel schwamm von neuem über den Höhen, und allerorten brodelte, sickerte, rieselte und tropfte es. Schneeglöckchen, Krokus und Weide blühten, daß es eine Lust war, und das Veilchen streckte vorsichtig seine Knospen aus dem Erdreich hervor.
„Nun ist’s gut!“ sagte der Frühling.
Kaum war ihm das Wort entfahren, so kam ein munterer Wind über die Hügel herbeigesprungen.
Der schüttelte die Tropfen von den Zweigen der Bäume, daß sie in plätscherndem Regen zur Erde fielen. Dann fächelte er in dem alten, welken Grase auf der Wiese, bewegte die Fluten in dem Flusse und zerstreute den Nebel im Handumdrehen. Darauf machte er sich daran, die feuchte Erde zu trocknen, und verjagte die Wolken über die Berge. Dort oben blieben sie hängen und verbargen das zornige Gesicht des Winters. Aber Tag um Tag glitt die Sonne an einem blanken, blauen Himmel dahin, und es wurde warm im Tale:
„Nun wächst hervor aus des Nebels Grau
mein trautes Veilchen verschämt und blau,
ein Sonnenlächeln im Auge,
an der Wimper diamantenen Tau.“
Und als der Frühling dieses Liedlein gesungen hatte und es zum Gipfel der Felsen, auf den Grund des Flusses und an die Grenze des Tales tönte, da ereignete sich all das Folgende ungefähr gleichzeitig und mit einer solchen Geschwindigkeit, daß man es fast gar nicht erzählen kann.
Des Nachts war das Tal voll leisen Getöns. Aber niemand konnte etwas vernehmen, wenn er nicht das Herz voll grüner Triebe hatte.
Das waren die aufbrechenden Knospen. Winzige grüne Tüten rollten sich auf, Zweige streckten, Blüten entfalteten sich, Düfte wogten, und Gräser wuchsen.
Am Tage war manchmal Sonnenschein und manchmal Regen, aber immer war es gut. Und ein jeder, der Augen hatte zu sehen, sah, was da vorging.
Zuerst wurde der Waldboden ganz weiß von Anemonen, so weiß, daß der Winter, der durch eine Spalte in den Wolken herabspähte, einen Augenblick glaubte, es sei Schnee. Er freute sich so unbändig wie seit dem Februar nicht; aber als er seinen Irrtum gewahrte, schlich er sich zum letztenmal in einer Nacht in den Wald hinein und biß so vielen Blumen, wie er vermochte, die Kehle durch.
Aber für jede, die starb, kamen tausend neue hervor. Und mitten unter den Anemonen standen Lerchensporn und Lungenkraut mit blauen und roten Blüten — ganz nach Belieben, Sauerklee, der so zart war, daß er verwelkte, wenn man ihn nur anrührte, Schlüsselblume und Ehrenpreis, der klein, aber sehr, sehr blau und gar stolz war.
Die Wiese bekam einen funkelnagelneuen Grasteppich, der mit gelben Butterblumen- und Löwenzahntupfen geschmückt war. An den Gräben sah man einen Saum von hübschem lila Wiesenschaumkraut, und nach dem Flusse hin stand eine Schilfborte, die mit jedem Tage breiter und dicker wurde. Vom Grunde des Sees her wuchsen die dicken Seerosenstengel um die Wette nach der Oberfläche hin, und die Frösche, die den ganzen Winter über im Morast gehockt hatten, krochen heraus, streckten die Hinterbeine, schwammen an die Oberfläche und ließen ihr erstes Quorax! hören, so daß einem unbedingt weich ums Herz werden mußte.
Aber die Krähen, Spatzen und Buchfinken, die den Winter über im Tale ausgehalten hatten, veranstalteten einen Lärm, als hätten sie den Verstand verloren.
Sie rannten auf der Wiese umher, hackten auf die weiche Erde ein und nippten von dem Grase, obwohl sie recht gut wußten, daß sie sich den Magen daran verderben würden. Sie schlugen mit den Flügeln und brachten ein Hurra auf den Frühling aus, daß man hören konnte, sie meinten es ehrlich. Auch die Kohlmeise war dabei und der Zaunschlüpfer, so klein er auch war. Sie waren ja die ganze Zeit dagewesen wie die andern und hatten schlimme Stunden erlebt.
Und die Krähe wußte ganz und gar nicht, auf welchem Bein sie stehen sollte. Das Männchen fing an, mit dem Weibchen zu tändeln, mit dem es im vorigen Jahr und den ganzen Winter hindurch zusammen gewesen war und mit dem es sich noch im Februar tüchtig um einen toten Stichling gezankt hatte. Der Spatz setzte sich neben die Spätzin, steckte die Nase in die Luft und sang, als wäre er eine Nachtigall. Die Kohlmeise hatte das reine Frühlingsfieber. Sie schloß die Augen und erzählte dem Weibchen die abenteuerlichsten Märchen von leckeren Regenwürmern und fetten Fliegen, die einem geradeswegs in den Hals hineinflogen, ohne daß man einen Flügel zu rühren brauchte. Und der Herr Buchfink legte sich eine neue, flotte rote Hemdenbrust zu, so daß seine Frau sich vor Bewunderung nicht zu fassen wußte.
Aber das Zaunschlüpferweibchen, dessen Mann Weihnachten Hungers gestorben war, zupfte und putzte sich die Federn, damit es aussah wie eine schmucke junge Witwe.
Und der Frühling lachte und nickte allen freundlich zu.
„Ihr seid tüchtige Gesellen,“ sagte er. „Ihr habt Böses durchgemacht und verdient einen vergnügten Tag. Aber nun muß ich mein anderes Vogelvolk herbeiholen.“
Er wandte sich nach Süden hin, klatschte in die Hände und sang:
„Drossel, Lerche, Mönch und Specht
und die ganze Bande,
Zeisig, Schwalbe, freu’n sich recht:
Lenz regiert im Lande!
Kommet alle, Storch und Star,
Winter kann nicht mehr töten.
Komme jeder, der hier war,
singen kann und flöten.“
Da rauschte es in der Luft von tausendfachem Flügelschlag, und die Schar der Zugvögel fiel wie ein Heer in das Tal nieder. Jede Nacht zitterte die Luft vom Zug der Vögel, und jeden Morgen war des Gezwitschers kein Ende.
Da saß der Star und flötete in seinem schwarzen Frack, mit allen seinen Orden auf der Brust. Dort jagte die Schwalbe durch die Luft, drüben im Gesträuch hüpften Zeisig, Hänfling, Nachtigall und Mönch. Der Rohrsänger schlug seine Triller im Schilf am Flußufer in so rührender Weise, daß man darüber hätte weinen können. Die Drossel übernahm die tiefen Töne und der Stieglitz die hohen; der Kuckuck wagte seinen ersten Ruf, und der Kiebitz saß auf seinem Hügelchen und benahm sich wie ein Geck.
Aber der Storch schritt über die Wiese hin und ließ sich zu keinem Lächeln herab. Inzwischen war der Wald ganz ergrünt, aber die Blätter waren noch klein, so daß die Sonne zu den Anemonen hinabschauen konnte. Die Maiglöckchen versandten ihren Duft für die vornehmen Nasen und der Waldmeister für die andern. Die grünen Blüten der Buche baumelten von den neuen, dünnen Zweigen herab, Kirsche und Schlehe waren weiß vom Scheitel bis zur Sohle, Baldrian, Milchstern und Läusekraut taten ihr bestes. Das Täschelkraut, das das ganze Jahr blühte, ärgerte sich darüber, daß niemand ihm Beachtung schenkte, das Knabenkraut aber sah unheimlich-geheimnisvoll drein, weil es so sonderbare Knollen in der Erde hatte.
Tief im Buchengestrüpp, wo es am grünsten und schönsten war, saß ein verliebter Zeisig und hielt um seine Herzallerliebste an, die auf einem Zweige neben ihm herumhüpfte und ganz so aussah, als verstände sie keine Silbe von dem, was er meinte.
Er flötete:
„Und willst du meine Herzliebste sein —
heisa, hopsa, gesungen!
Ich schaffe dir ein Nestchen fein
mit vier sauberen Jungen!
Wir bauen es mit Fleiß und Pein
im grünen Busch der Eichen.
Die gelbschnäbligen Kinderlein
sollen dem Vater gleichen.
Und ich verbleib’ dir gut und treu,
solang’ ich dich mag leiden,
fang’ Fliegen und Mücken dir immer aufs neu’
am Bächlein unter den Weiden.
Und früh flieg’ ich zur Arbeit aus,
das Nest mußt du besorgen,
sitz’ abends dann bei dir zu Haus,
froh trillernd wie am Morgen.“
Als er sein Lied zu Ende gesungen hatte, sah er das Weibchen an, und als es ihm nicht sofort antwortete, hackte er sie tüchtig mit dem Schnabel.
„Laß das!“ sagte sie da.
Als er sie dann aber nicht mehr hackte, sondern die Flügel hob, als wolle er auf und davon fliegen, da beeilte sie sich zu singen:
„So will ich deine Liebste sein —
nicht oft hab’ ich’s gelitten.
Und wär’s nicht um die Kinderlein,
so würd’ ich mir’s verbitten.“
Nun flogen sie zusammen singend durch den Wald. Und kaum waren sie fort, als zwei andere Vögel kamen, sich auf denselben Zweig setzten und das gleiche Lied auf eine andere Art sangen.
Aber die Blätter der Buche wuchsen, und es kamen immer mehr und mehr. Dichter und dichter legten sie sich über den Wald, und eines schönen Tages war es der Sonne ganz unmöglich, ein Loch zu finden, durch das sie hinabgucken konnte.
Da bekamen die Anemonen einen großen Schreck.
„Schein’ auf uns, Sonne, oder wir sterben!“ schrien sie.
Sie riefen dem Winde zu, er solle die garstigen Blätter aus dem Wege fegen, damit die Sonne ihre lieben kleinen Anemonen sehen könne. Und der Buche riefen sie zu, sie solle sich schämen, daß so ein großer, starker Baum unschuldige Blumen töten wolle. Und den Frühling flehten sie an, ob er ihnen nicht in ihrer Not helfen wolle.
Aber die Sonne sah sie nicht, und der Frühling hörte sie nicht, die Buche schenkte ihnen keine Beachtung, und der Wind lachte sie aus. Ein solcher Jubel war in dem Tale, daß ihre Stimme darin ertrank, und sie starben, ohne daß es beachtet wurde.
Jeden Tag kamen neue Blumen, leuchtende, duftende. Jeden Tag wußten die Vögel ihrem Gesang noch einen Triller hinzuzufügen. Der Hirsch brüllte, noch bevor die Sonne aufging, auf der Waldwiese, und die Hindin antwortete und sprang dahin. Jede Sekunde schnellten die Fische im Wasser empor, und das Quaken der Frösche im Graben fand kein Ende. Die Schlange wand sich am Hügelrand hin und spielte mit ihrer Zunge; auf jeder Hecke saßen braune Mäuslein und schauten einander verliebt an. Selbst die Fliegen summten zärtlicher als gewöhnlich.
Als aber der Jubel auf seinem Höhepunkt war, da stand der junge Frühlingsfürst oben im Tal, wo das Gebirge es nach Norden einschließt, und er schaute über sein Reich hin. Seine Augen waren betaut und verträumt, und sein Mund lächelte unaufhörlich. Er knüpfte das grüne Seidenband, daran er seine Laute trug, über der Schulter, griff noch einmal in die Saiten und summte dazu. Es war ein wunderschöner Tag, an dem die Vögel ihren Gesang dämpften und die Blumen sich schlossen.
Und der Frühling beugte sich über ein blaues Blümlein hinab, das an seinem Fuße keimte, und sang wehmütig:
„Vergißmeinnicht, blaues,
träumendes,
liebliches,
holdes Blümelein!“
Dann zog er fort — nach Norden. Und wohin er seinen Fuß setzte, da schmolz der Schnee, und die Blumen blühten auf.
Als er aber an den letzten Punkt gekommen war, von wo er noch das Tal sehen konnte, wandte er sich um.
Und ganz im Süden, wo das Tal in der Ebene ausmündete, stand der Sommer, hoch und rank. Sein Gesicht und seine Hände waren von der Sonne gebräunt, seine Augen mild und warm wie die Sonne. Über der Schulter trug er einen Purpurmantel, um die Lende einen goldenen Gürtel. Darin saß eine wunderbare rote Rose.
Da neigte der Frühling sich tief und ging über die Berge davon.