Die Geschichte der Steinkohle.
„Ich war einmal der stolzeste Baum im Walde —.“
„Na... also du auch?“ rief lachend das Holzscheit. „Das muß ja ein recht schwarzer Baum gewesen sein!“
„Liebes Holzscheit,“ sagte die Steinkohle. „Du magst ja gerne lachen. Unwissende Leute lachen immer über das, was sie nicht verstehen; und ich nehme an, du wirst Lachkrämpfe bekommen, ehe meine Geschichte zu Ende ist.“
„Weiter!“ befahl der Koks.
„Ja... das ist leicht genug gesagt,“ begann die Steinkohle wieder. „Aber schwerer getan. Alles in allem, kann vermutlich keiner unter euch eine Silbe von dem verstehen, was ich jetzt erzählen will.“
„Gewiß... ich kann es,“ sagte der Koks.
„Meinst du!“ spottete die Steinkohle.
„Meine Geschichte ist im allgemeinen nicht für zerrüttete Nerven. Aber jetzt hört mich also an! — Vielleicht ist es das beste, wenn ich euch gleich erzähle, daß ich aus England bin, und daß ich auf der Reise hierher durch euren Wald kam... den Wald, wo das Brennholz als Buche und der Torf als Birke gestanden haben. Ich sage ungern jemandem etwas Böses nach, am allerwenigsten denen, die tiefer gestellt sind im Leben als ich. Aber es war wirklich ein armseliger Wald! Damals, als ich ein Baum war — da gab es noch Wälder. Aber das ist freilich hunderttausend Jahre her.“
„Das ist eine Lüge,“ schrie das Brennholz.
„Es ist wahr,“ sagte der Koks.
„Es freut mich, daß der Koks mir Glauben schenkt,“ erwiderte die Steinkohle. „Obwohl er doch nicht mehr Grund dazu hat als das Brennholz. Keiner von euch hat es gesehen. Die Wälder, die damals auf der Erde standen, sind weg... ganz und gar weg. Nur die Steinkohlen sind davon übrig. Wogegen es Buchen und Birken noch heut in Massen gibt.“
„Weiter!“ drängte der Koks.
„In solch einem Walde war ich der stolzeste Baum. Ein Farrenbaum. Heutzutage habt ihr solch kleines Krautwerk, das ihr Farren nennt... Gott mag wissen, woher die stammen. Ich war ein Baum ... mit hohem, mächtigem Stamm und breiter Krone. Der ganze Wald bestand aus solchen Bäumen. Und Menschen... es gab keine Menschen damals. Auch keine Vögel, Hirsche und Bären und wovon ihr zu schwatzen wißt. Das ist allerhand kleines Gewürm, das hinzukam, seitdem alles hier auf Erden kleiner geworden ist. Ungeheure Echsen krochen auf den Felsen umher, andere derselben Art schwammen in den Seen, wieder andere durchflogen die Luft. Ich weiß wirklich nicht, wie ich sie euch beschreiben soll... doch, ich sah auf der Reise hierher ein winziges Tierchen, das sonnte sich auf einem Stein, und der Zugführer nannte es eine Eidechse, glaub’ ich. Wenn ihr so eine gesehen habt und sie euch tausendmal so groß denken könnt und mit einem fürchterlichen Schlund voll spitziger Zähne... dann habt ihr eine ganz schwache Vorstellung von den Tieren, unter denen ich meine Jugend verlebte.“
„Das kann man eine Geschichte nennen,“ sagte der Torf ehrerbietig.
„Da stand ich also. Meilenweit im Lande standen wir unter unseresgleichen. Aber freilich...“
Die Steinkohle schwieg ein Weilchen und seufzte.
„Weiter,“ sagte der Koks.
„Ja. Aber ihr wißt nicht einmal, wie es damals um das Land bestellt war. Und es ist mir auch gar nicht möglich, es euch begreiflich zu machen. Das Land war ja ganz anders als jetzt... aber ich muß das überspringen. Ich konnte ja nicht anders, ich mußte vorhin lachen, als der Torf von dem See sprach, in den er als Birke fiel... Herr Gott, was für eine Pfütze das war! Nein, seht ihr... als ich vor hunderttausend Jahren im Walde stand, da geschah eine Erdumwälzung. Das war nicht so ein Sturm, der ein paar armselige Zweige bricht... die ganze Erde zitterte, versteht ihr... sie spaltete sich... die Felsen spalteten sich... alles stürzte in die Schlünde hinab und wurde zerschmettert, Feuer schlug aus der Erde empor, und dann kam das Meer und überspülte das Ganze.“
„Fürchterlich!“ unterbrach der Torf.
„Da lag ich nun. Verborgen, begraben in Sand und Lehm und was weiß ich. Ich ahne nicht im mindesten, was oben in der Welt geschah während der hunderttausend Jahre, die vergingen, bis ich wieder ans Tageslicht kam. Nur kann ich an dem Ganzen sehen, daß es seit meiner Zeit böse rückwärtsgegangen ist mit allen Dingen.“
„Danke verbindlichst! Das kennen wir!“ sagte das Holzscheit. „So reden alle alten Leute. Ich entsinne mich deutlich, wie eines Tages zwei alte Damen in meinem Schatten saßen, die davon sprachen, was für wunderschöne Mädchen auf der Welt waren damals, als sie junge Mädchen waren.“
Die Steinkohle schwieg ein Weilchen.
„Weiter!“ sagte der Koks.
„Ja, ganz recht. Ich hing nur so meinen Gedanken nach. Es ist so seltsam für mich, all das mit anzuhören von Menschen und alten Damen und Mädchen, wovon ich nicht das geringste weiß, trotzdem ich hundertmal so alt bin wie der Älteste von euch. — Na, da lag ich also, und keiner kann sich einen Begriff davon machen, wie ich gedrückt wurde von allem, was oben auf mir lag. In mir entwickelte sich Feuer... nicht solch helle Lohe, die emporschlägt, wenn ein Endchen Brennholz brennt, sondern ein glimmendes, wütendes Feuer, das mich ganz veränderte. Alles, was von Leben und Kraft in mir war, das sammelte sich an zu etwas Unbändigem, Wahnwitzigem, wie ihr’s euch nicht vorstellen könnt, zu Gas nämlich.“
„Ach ja... Gas,“ sagte der Koks und fing jämmerlich an zu weinen.
„Ich sagte es ja, meine Geschichte sei zu stark für Ihre Nerven,“ meinte die Steinkohle.
„Fahrt — nur — fort,“ sagte der Koks und prustete nach jeder Silbe.
„Ich denke, die Erde hat sich gesenkt und wieder gehoben, und das Meer hat sie überspült und ist viele Male fortgeströmt in den hunderttausend Jahren, die ich da lag,“ erzählte die Steinkohle weiter, „davon weiß ich nichts. Eines Tages aber bohrten die Menschen, von denen ihr so viel redet, sich zu mir herunter. Da sah ich sie zum erstenmal. Sie gruben Gänge in den Felsen, wo ich lag, lange Gänge, tief unter der Erde, den einen länger und tiefer als den andern. Sie hackten mich und die andern aus den Schichten los, in denen wir lagen, und hißten uns in Körben empor. Nicht wenige von ihnen erschlugen wir während ihrer Arbeit. Denn als wir Luft bekamen, ließen wir das Gas frei, das in uns war, und es erstickte sie. Kam ein bißchen Feuer an uns heran, so explodierte unser Gas mit einem fürchterlichen Knall, zersprengte das Ganze und tötete die Leute, die in den Gängen waren.“
„O... das Gas... das Gas!“ schluchzte der Koks und bewegte sich hin und her, als käme er um vor Schmerzen.
„Jetzt bin ich auf der Stelle fertig,“ sagte die Steinkohle. „Den Rest meiner Geschichte kennt alle Welt. Ich wuchs auf der Erde als der stolzeste Baum des Waldes, bevor die Menschen erschienen. Ohne die Hilfe der Menschen wurde ich zu dem, was ich bin. Und als sie mich dann entdeckten, da wurde ich ihnen eine größere Hilfe als alles andre, was sie finden. Ich bin das vornehmste Brennmaterial der Welt. Ich treibe alle Fabriken, Eisenbahnen und Dampfschiffe der Erde. Ich habe soviel Hitze in mir wie kein zweiter. Von mir kommt das Gas.“
„Das Gas... ja, das Gas!“
Wieder war es der Koks, der so jammerte.
„Das ist meine Geschichte,“ sagte die Steinkohle. „Ich denke, sie sticht die euren aus.“
„Das ist gewiß,“ sagte der Torf.
„Wird auch wohl die letzte Geschichte sein, die wir zu hören bekommen,“ sagte das Brennholz. „Der Koks sieht nicht danach aus, als ob er sich zu einer Erzählung aufrappeln könnte.“
„Doch... aber gewiß,“ sagte der Koks. „Laßt mich bloß meine Gedanken ein bißchen sammeln, dann wird es gehen.“
Und der Koks faßte sich und erzählte.