Der Nebel.
Die Sonne war soeben untergegangen.
Der Frosch quakte sein Gutenacht, das so lang war, daß er gar nicht fertig damit wurde. Die Biene kroch in ihren Bienenkorb; und die kleinen Kinder weinten, weil sie zu Bett sollten. Die Blume schloß ihre Blätter und neigte ihren Kopf, der Vogel barg seinen Schnabel unter dem Flügel, und der Hirsch ließ sich in dem hohen, weichen Grase auf der Waldwiese nieder.
In der Dorfkirche läutete die Glocke, und als das besorgt war, ging der alte Küster nach Hause. Auf dem Heimwege plauderte er ein wenig mit den Leuten, die draußen ihren Abendspaziergang machten oder vor der Tür standen und eine Pfeife rauchten; und dann sagte er gute Nacht und schloß seine Tür.
Allmählich wurde es ganz still, und die Dunkelheit brach herein. Im Pfarrhof und beim Doktor war noch Licht. Aber in den Häusern der Bauern war es dunkel; denn die stehen im Sommer früh auf, und darum müssen sie früh zu Bett.
Die Sterne schimmerten am Himmel hervor, und der Mond schlich sich höher und höher hinauf. Drunten im Dorfe bellte ein Hund. Aber das war sicher im Traume, denn es war nichts da, weswegen er hätte bellen können.
„Ist hier niemand?“ fragte der Nebel.
Aber niemand antwortete, denn da war niemand.
Da brach der Nebel in seinen hellen, leichten Gewändern hervor. Er tanzte hin über die Wiesen, auf und nieder, hin und her. Dann lag er ein Weilchen ganz still da, und nun begann er seinen Tanz wieder. Hinaus über den See hüpfte er und in den Wald hinein, wo er seine langen, nassen Arme um die Baumstämme schlang.
„Wer bist du, Kamerad?“ sagte die Nachtviole, die dastand und ihren Duft zu ihrem eigenen Vergnügen aussandte.
Der Nebel antwortete nicht, sondern tanzte weiter.
„Wer bist du, Kamerad?“ fragte die Nachtviole. „Weil du mir keine Antwort gibst, vermute ich, daß du ein Grobian bist.“
„Jetzt werd’ ich dich einschließen,“ flüsterte der Nebel und legte sich um die Nachtviole.
„Nimm deine Finger fort, Freund! Mir ist, als wäre ich in den Teich getaucht. Du brauchst doch nicht gleich so böse zu werden, weil ich dich frage, wer du bist.“
Da hob sich der Nebel wieder.
„Wer ich bin?“ sagte er. „Du würdest es doch nicht verstehen, wenn ich es dir auch erzählte.“
„Versuch’s einmal,“ bat die Nachtviole.
„Ich bin der Tautropfen an der Blume, die Wolke am Himmel und der Nebel auf der Wiese,“ begann der Nebel.
„Was ist das?“ sagte die Nachtviole. „Willst du das nicht noch einmal sagen! Den Tautropfen kenne ich. Der setzt sich jeden Morgen auf meine Blätter: und mir scheint, er gleicht dir gar nicht.“
„Ja, und doch bin ich es,“ sagte der Nebel betrübt. „Aber keiner kennt mich. Ich muß mein Leben in mancherlei Gestalten zubringen. Manchmal bin ich Tau, und manchmal bin ich Regen, und manchmal riesle ich als klare, kühle Quelle durch den Wald. Aber wenn ich am Abend auf der Wiese tanze, dann sagen die Menschen: der Fuchs braut.“
„Das ist eine sonderbare Geschichte,“ erklärte die Nachtviole. „Möchtest du sie mir nicht erzählen? Die Nacht ist so lang, und ich langweile mich zuweilen wirklich ein wenig.“
„Es ist eine traurige Geschichte,“ erwiderte der Nebel. „Aber ich will sie dir gern erzählen.“
Damit wollte er sich niederlegen, aber die Nachtviole bewegte erschrocken alle ihre Blätter.
„Sei so freundlich und bleib mir ein paar Schritt vom Leibe,“ sagte sie, „wenigstens bis du dich ordentlich vorgestellt hast! Ich bin nie gern gleich mit Leuten intim gewesen, die ich noch nicht kenne.“
Da ließ sich der Nebel ein Endchen weiter weg nieder und fing an zu erzählen:
„Dann lag er ein Weilchen ganz still da ...“
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GRÖSSERES BILD
„Ich bin tief unten in der Erde geboren — viel tiefer, als deine Wurzeln reichen. Da kamen wir, ich und meine Schwestern — denn wir sind eine große Familie, mußt du wissen — zur Welt als reine, kristallklare, kleine Quellen, und da unten mußten wir lange verborgen liegen. Aber eines Tages sprangen wir plötzlich an der Halde hervor, mitten im vollen, hellen Sonnenlicht. Du kannst dir nicht denken, wie herrlich das war, so durch den Wald dahinzutollen. Wir hüpften über die Steine und plätscherten gegen das Ufer. Hübsche Fischlein tummelten sich in uns, und die Bäume neigten sich über uns und spiegelten ihre grüne Pracht in uns. Fiel ein Blatt herunter, so wiegten wir es und liebkosten es und trugen es in die weite Welt hinaus. Oh — es war so schön! Das war die glückseligste Zeit meines Lebens.“
„Bekomme ich bald zu wissen, wie es zuging, daß du zu Nebel wurdest?“ fragte die Nachtviole ungeduldig. „Die Quelle kenne ich. Wenn es ganz still ist, kann ich sie von hier aus, wo ich stehe, rieseln hören.“
Der Nebel hob sich ein wenig und machte ein Tänzchen über die Wiese hin. Dann kam er zurück und erzählte weiter:
„Das ist das schlimmste hier im Leben, daß man nie zufrieden mit dem ist, was man hat. So liefen wir weiter und weiter, und zuletzt liefen wir in einen großen See hinaus, auf dem die Seerosen auf dem Wasser schaukelten und über dem die Libellen mit ihren großen, steifen Flügeln schwirrten. An der Oberfläche war der See blank wie ein Spiegel, aber wir mochten wollen oder nicht, wir liefen ganz unten am Boden entlang, wo es dunkel und unheimlich war. Und das konnte ich nicht aushalten. Ich sehnte mich nach den Sonnenstrahlen. Die kannte ich ja so gut von der Zeit her, wo ich mit im Bache dahinlief. Da guckten sie zwischen den Blättern durch und fuhren wie hastige Lichter über mich hin. Ich wollte sie wiedersehen, drum schlich ich an die Oberfläche hinauf und legte mich im Sonnenschein mitten zwischen die weißen Seerosen und ihre großen, grünen Blätter. Aber, o weh, wie die Sonne da draußen auf dem See brannte! Es war gar nicht auszuhalten, und ich bereute es bitterlich, daß ich nicht da unten auf dem Grunde geblieben war.“
„Das macht mir keinen Spaß,“ sagte die Nachtviole. „Kommt nun bald der Nebel?“
„Hier ist er!“ drohte der Nebel und legte sich von neuem um die Blume, daß ihr fast der Atem verging.
„Au! Au!“ schrie die Nachtviole. „Du bist wahrhaftig der hitzigste Gesell, den ich kenne. Weg mit dir; und erzähle weiter, wenn es denn nicht anders sein kann.“
„Am Abend, als die Sonne untergegangen war, wurde mir plötzlich so sonderbar leicht zumute,“ fuhr der Nebel fort. „Ich weiß nicht, wie es zuging, aber mir war, als müßte ich aus dem See aufsteigen und fliegen. Und ehe ich mich’s versah, schwebte ich wirklich über dem Wasser, fort von den Libellen und Seerosen. Der Abendwind trug mich von dannen; hoch in der Luft flog ich, da traf ich viele von meinen Schwestern, die ebenso neugierig wie ich gewesen waren, und denen es ebenso ergangen war. Wir schwebten am Himmel dahin ... wir waren Wolken geworden, verstehst du?“
„Ich weiß nicht,“ sagte die Nachtviole. „Sehr glaubwürdig klingt das eigentlich nicht.“
„Aber wahr ist es doch,“ antwortete der Nebel. „Höre jetzt weiter ... Ein langes Stück trug uns der Wind durch die Luft. Aber da auf einmal mochte er nicht mehr und ließ uns fahren. Als ein plätschernder Regen fielen wir auf die Erde nieder. Die Blumen hatten es eilig damit, sich zu schließen; und die Vögel verkrochen sich — nur die Enten und Gänse nicht; denn die waren um so froher, je nässer sie wurden. Ja ... und dann der Bauer, der freute sich, weil sein Getreide Wasser nötig hatte. Er machte sich nichts daraus, daß er naß wurde. Aber sonst richteten wir gar große Verwirrung an.“
„So so, also der Regen bist du auch,“ sagte die Nachtviole. „Hör’ mal, du hast eigentlich ziemlich viel zu besorgen.“
„Ja ... ich habe nie Ruhe,“ erwiderte der Nebel.
„Aber ich habe nun doch nicht gehört, wie du zu Nebel wurdest,“ sagte die Nachtviole. „Werd’ aber nur nicht gleich wieder hitzig ... du hast mir ja selbst versprochen, es mir zu erzählen; und ich will lieber die ganze Geschichte von vorne hören, als noch einmal in deinen widerwärtigen, feuchten Armen liegen.“
Der Nebel lag ein Weilchen traurig da, und dann erzählte er weiter:
„Nachdem ich als Regen zur Erde niedergefallen war, sank ich durch das schwarze Erdreich hindurch und freute mich schon darauf, an meinen Geburtsort zurückzukommen, zu der tiefen, unterirdischen Quelle. Da hatte man doch wenigstens Frieden und keine Sorgen. Aber wie ich schön sank, saugten mich die Wurzeln der Bäume auf; und ich mußte mich dareinfinden, den lieben, langen Tag rings in den Zweigen und Blättern umherzuspazieren. Die gebrauchen mich als Lasttier, verstehst du. All die Nahrung, die die Blätter und Blüten nötig hatten, mußte ich von der Wurzel her zu ihnen hinaufschleppen. Erst am Abend kam ich frei. Als die Sonne untergegangen war, seufzten alle Blumen und Bäume tief auf, und ich und meine Schwestern flogen bei ihren Seufzern fort als helle, leichte Nebel. Heute nacht tanzen wir auf der Wiese. Aber morgen, wenn die Sonne aufsteht, werden wir wunderschöne, klare Tautropfen, die unter deinen Blättern hängen. Dann schüttelst du uns ab; und wir sinken tiefer und tiefer, bis wir zu der Quelle kommen, von der wir herstammen, wenn uns nicht diese oder jene Wurzel unterwegs aufschnappt. Und dann geht die Fahrt weiter: durch den Bach, in den See hinaus, in die Luft hinauf und wieder zur Erde nieder ...“
„Halt!“ rief die Nachtviole. „Mir wird ganz schwindlig, wenn ich dich höre.“
Jetzt fing der Frosch an, sich zu rühren. Er streckte seine Beine aus und ging in den Graben hinab, um sein Morgenbad zu nehmen. Die Vögel im Walde fingen an zu zirpen, und der Hirsch brüllte zwischen den Stämmen.
Der Morgen graute, und die Sonne guckte über den Hügel.
„Was ist das?“ rief sie. „Wie sieht es hier aus? Man kann ja nicht die Hand vor Augen sehen. — Morgenwind, auf mit dir, du Faulpelz, und feg’ die häßlichen Nebel fort!“
Und der Morgenwind fuhr über die Wiese und blies die Nebel weg. Da sandte die Sonne ihre ersten Strahlen gerade auf die Nachtviole hinab.
„Potztausend!“ sagte die Blume. „Da haben wir schon die Sonne. Dann muß ich mich aber schnell schließen. Wo in aller Welt ist nun der Nebel geblieben?“
„Hier bin ich ja,“ sagte der Tautropfen, der an ihrem Stengel hing.
Aber die Nachtviole schüttelte sich ärgerlich.
„Das kannst du anderen weismachen,“ sagte sie. „Ich glaube kein Wort von dem, was du erzählt hast. Das ist alles dummes, wässeriges Zeug.“
Die Sonne aber lachte und sagte:
„Da hast du recht!“