Vorwort.

„Natur! Ungebeten und ungewarnt nimmt sie uns in den Kreislauf ihres Tanzes auf und treibt sich mit uns fort, bis wir ermüdet sind und ihrem Arm entfallen... Sie baut immer und zerstört immer, und ihre Werkstätte ist unzugänglich... Es ist ein ewiges Leben, Werden und Bewegen in ihr, und doch rückt sie nicht weiter... Sie hat an allen ihre Freude und findet bei allen ihre Rechnung... Man gehorcht ihren Gesetzen, auch wenn man ihnen widerstrebt; man wirkt mit ihr, auch wenn man gegen sie wirken will... Sie ist alles. Sie belohnt sich selbst und bestraft sich selbst, erfreut und quält sich selbst. Sie ist rauh und gelinde, lieblich und schrecklich, kraftlos und allgewaltig.“

Diese Worte Goethes werden in uns lebendig, wenn wir die Märchen Karl Ewalds lesen, mit denen der vorliegende Band uns bekannt macht. Allmutter Natur erzählt sie uns durch den Mund eines Poeten, in dessen Schöpfungen sich die schlichte Anmut und dichterische Phantasie H. C. Andersens mit frischem, launigem Humor, genauer Naturkenntnis und modernem Forschergeist vermählen. Der erquickende Hauch freien Menschentums durchweht diese Märchen, deren Dichter die großen und die kleinen Geschöpfe und Wunder der Welt mit gleicher Liebe umfaßt. Feld und Wald, Luft und Wasser, Weltall und Bienenstaat nehmen Leben an, und vor unsern Augen spielt sich eine Fülle ergötzlicher Tragikomödien ab. Das verborgene Getriebe der Natur enthüllt sich uns als ein heftiger Kampf aller gegen alle. Und doch spenden die Geschichten heiteren Trost und helle Lebensfreude; denn immer wieder wird das eine Grundgesetz offenbar, daß alle Vernichtung gleichbedeutend ist mit dem Entstehen neuen Lebens. Über allem Kampf und Spiel der Kräfte leuchtet die innere Harmonie der Welt. Und wenn der Dichter auch oft die Gelegenheit wahrnimmt, den lieben Menschenkindern einen unsanften Hieb zu versetzen, so bleibt es doch sein besonderes Verdienst, daß es ihm gelingt, seine kleinen Helden lebendig zu machen, ohne sie in banaler Weise zu vermenschlichen und ohne die Natur zu vergröbern oder Moral zu predigen; der Respekt vor dem Unfaßbaren geht ihm niemals verloren.

Karl Ewald wurde am 15. Oktober 1856 auf Bredelykke bei Gramm in Schleswig geboren als der älteste Sohn des Kgl. Landmessers, späteren Professors und Romanschriftstellers, Hermann Frederik Ewald. Er absolvierte das Gymnasium in Frederiksborg, bestand sein „Philosophicum“, war ein Jahr Hauslehrer und widmete sich dann auf der Landwirtschaftlichen Hochschule in Kopenhagen dem Studium der Forstwissenschaft. Eine langwierige Krankheit veranlaßte ihn jedoch, das Studium aufzugeben. Er wurde Lehrer an verschiedenen Lehranstalten der dänischen Hauptstadt. 1880 übernahm er die Leitung einer Knabenschule. 1883 trat er von diesem Amte zurück, und nun begann seine literarische und journalistische Tätigkeit, der er bis zu seinem am 23. Februar 1908 erfolgten Tode ohne Unterbrechung treu blieb. 1882 erschien in Kopenhagen das erste Heft der „Märchen“, die seinen Ruhm begründen sollten.

Ewalds Liebe und Kampf galten einer freien Entwicklung der Kräfte in Staat, Schule und Familie. Vor allem bewies er für die Seele des Kindes viel feines, warmes Verständnis.

Sein literarisches Schaffen war außerordentlich vielseitig. Neben den Märchen schrieb er moderne Erzählungen, Lustspiele und historische Romane. Besondere Meisterschaft offenbarte er auf dem Gebiet der kurzen satirischen Skizze. Mehrere seiner Werke sind ins Deutsche übersetzt worden; Erwähnung verdienen die Erzählung: „Der Kinderkreuzzug“ sowie die beiden prächtigen Erziehungsbücher: „Mein großes Mädel“ und „Mein kleiner Junge“.

Die naturgeschichtlichen Märchen Ewalds sind bisher nur zum kleineren Teil in deutscher Sprache erschienen; von den Arbeiten des vorliegenden ersten Bandes der Gesamtausgabe sind die meisten in Deutschland noch nicht veröffentlicht worden. Eine deutsche Gesamtausgabe dieser reizvollen, glänzend geschriebenen Geschichten, in denen sich Ewalds Kunst am reinsten und schönsten entfaltet, war stets ein Lieblingswunsch des Dichters selbst und längst ein Bedürfnis, nachdem bereits Gesamtausgaben der Märchen in England, Amerika, Schweden und Holland erschienen und nachdem auf Veranlassung des dänischen Kultusministeriums mehrere der Märchen in die dänischen Schullesebücher aufgenommen worden waren. Karl Ewald hat die Erfüllung seines Wunsches nicht mehr erlebt. Der Verlag hat es sich jedoch, ohne Opfer zu scheuen, angelegen sein lassen, des Dichters Gedächtnis durch eine würdige Ausgabe von bleibendem Wert zu ehren.

Hermann Kiy.