Die Prüfung.
Herr Werthlieb, Falkensee's Hauslehrer erhielt eine Pfarre, und mußte seiner neuen Bestimmung folgen. Der Major fand vor der Hand keinen jungen Mann, welcher ihm Jenen ersezt hätte, so beschloß er, seine Kinder die öffentlichen Anstalten, die sich in seinem Wohnort befanden, besuchen zu lassen. Franz kam in eine lateinische Schule, und die Töchter erhielten in einem Mädchen-Institut Unterricht. Schon war ihnen daselbst ein Jahr verflossen, die Prüfung nahte, und Emma und Bertha sahen ihr mit gespannter Erwartung entgegen. Leider konnten die Aeltern nicht gegenwärtig seyn, denn der Major fühlte sich unwohl, und die Gattin fesselte seine Pflege an das Haus; aber im Geiste waren sie ihren Kindern immer nahe, und während Emma etwas ängstlich und schüchtern, Bertha aber mit einem gewißen Freimuth die Prüfung bestanden, besprachen sich Vater und Mutter über der Töchter geistige Vorzüge und Mängel. Ersterer sagte: »Emma bringt gewiß ein gutes Zeugniß mit nach Hause; denn sie ist wacker und fleißig. Aber Bertha wird uns, wie ich befürchte nicht auf solche Weise erfreuen; ihr Leichtsinn und ihre Flatterhaftigkeit sind zu groß.« Die Baronin erwiederte: »Deine Besorgniß ist nicht ungegründet, lieber Ernst; und es ist Schade um das Mädchen, denn ein gutes Gedächtnis, das ihr der Himmel verlieh, macht ihr das Lernen leicht;« Jener versezte: »das ist es eben, worauf sich der kleine Leichtfuß verläßt, und weshalb die Arbeit immer verschoben, und dann zulezt nur flüchtig vorgenommen wird.« »Vollkommen vertheidigen kann ich Bertha nicht;« fügte die Mutter bei; »aber zu ihrer Ehre muß ich dir versichern daß sie sich schon viel gebessert hat, und deswegen erwarte ich wirklich keinen allzuschlimmen Ausspruch der Lehrer und Lehrerinnen.« – Nach ein paar Stunden erschienen die Geprüften; beide etwas kleinlaut und verstimmt, und die Aeltern massen sie mit forschendem Blick.
»Nun, wie gings?« fragte endlich der Vater, da die Mädchen immer noch schweigend Hüte und Handschuhe, nebst der Büchermappe mit ihrem ganzen Inhalt auf die nahstehende Komode legten.
»Ich habe ein Diplom erhalten;« versezte Bertha ganz demüthig. »Nun – und darüber bist Du nicht mehr erfreut?« entgegnete Jener erstaunt. Das Mädchen erwiederte: »Ach ich verdiene es nicht, und Emma, die weit fleißiger war als ich, ist leer ausgegangen, dies schmerzt mich bitter.« – Emma verhielt sich ganz stille, aber man bemerkte es deutlich, daß sie über die erlittene Zurücksetzung sehr empfindlich schien; Bertha aber nahm erst auf ein wiederholtes Verlangen der Aeltern das Ehrenzeugnis aus der Mappe, und reichte es hocherröthend, und mit gesenktem Blick dem Vater hin. Es war eine zierlich vergoldete Karte, auf welcher die Worte standen: »dem ausgezeichneten Fleiß und sittlichen Betragen.« Der Major strich ihr die Wange und sagte: »das ist brav, das habe ich nicht von dir vermuthet!« Bertha erwiederte: »Gewiß ist es wieder ein, durch unsere Aehnlichkeit veranlaßter Irrthum; Emma bewieß sich immer tadellos; ich hingegen« – sie schwieg und ihr Blick wurde feucht; »da kein Name auf der Karte steht,« versezte der Major, »so wäre jener Fall möglich, indessen versicherte mir erst vorhin die Mutter: daß meine Bertha sich bessert; vielleicht daß dieses Zeugniß eine Aufmunterung deines Eifers seyn soll.« »Nein, nein!« fiel ihm das Mädchen in die Rede. »Das Diplom gehört nicht mir sondern Emma, und ich behalte es auch nicht.« »Und Du sagst gar nichts dazu?« fragte Frau v. Falkensee Emma, die immer noch verstimmt am Fenster stand, und mit ihrem Schürzenband spielte. »Was soll ich sagen« – versezte sie verdrüßlich – »Bertha war die Glückliche die das Diplom erhielt, so soll sie es auch von mir aus bleiben.« »Pfui Mädchen!« nahm der Vater das Wort, »das ist keine Sprache, welche einer guten Schwester geziemt; und nun erst verdient Bertha in meinen Augen wirklich jene Auszeichnung vor dir; inzwischen wird die liebe Mutter, da meine Unpäßlichkeit mich daran hindert, der Wahrheit auf den Grund zu kommen suchen, und die Aeltern werden dann Alles auszugleichen wissen.«
So war es auch, Frau v. Falkensee begab sich zu der Vorsteherin des Instituts, und erzählte ihr den ganzen Vorgang, verschwieg auch Bertha's redliches und schwesterliches Benehmen nicht, welches derselben die Liebe Jener im hohen Grade gewann; auch erfreute sie die Majorin durch die wiederholte Versicherung: daß sie jezt viel weniger Ursache finde, mit Bertha unzufrieden zu seyn, als ehemals, daß jedoch Emma das Diplom sich rühmlich erworben habe, und der Lehrer bei der Austheilung durch die täuschende Aehnlichkeit der Schwestern, irre geleitet worden wäre.
Bertha hatte jedoch diesen Ausspruch nicht abgewartet, sondern schon vorher das Ehrenzeugniß in Emma's Komodschublade gelegt, und als es diese fand, und nicht annehmen wollte, die Schwester mit Thränen gebeten, dasselbe zu behalten. Diese ungeheuchelte Gutmüthigkeit brach Emma's kleinen Trotz. Sie fiel Bertha um den Hals, und sagte schluchzend: »Mit all' meinen hochgeprießenen Tugenden bin ich bei weitem nicht so gut wie du, vergieb mir Schwesterchen ich will künftig gewiß meine Empfindlichkeit besser beherrschen.« –
Der Major wohnte, von den Kindern unbemerkt, im Nebenzimmer, dessen Thüre offen stand, ihrer Unterredung bei; und als nun die Mutter den obigen Bescheid mit nach Hause brachte, theilte ihr Jener seine gemachte Erfahrung mit, und beide kamen darinnen überein: Emma's Besitznahme des Diplom's zu Bestättigen, und Bertha zur Belohnung ihres Benehmens und zur Aufmunterung ihres begonnenen Lerneifers, mit einem neuen Schreibbuch, das einen, mit sinnvollen Bildern gezierten Umschlag hatte, und mit einer fein lackirten Federbüchse, zu beschenken.