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Da Ulenspiegel durch das wallonische Land wanderte, sah er, daß der Prinz hier keine Hülfe zu erhoffen hatte, und also kam er vor die Stadt Bouillon.

Nach und nach sah er auf dem Wege Bucklige jedes Alters, Geschlechts und Standes ankommen. Sie trugen Rosenkränze und beteten sie andächtig ab. Und ihre Gebete waren wie das Quaken der Frösche im Teich an einem warmen Abend.

Da gab es bucklige Mütter, so bucklige Kinder trugen; andere Kinder aus der nämlichen Brut klammerten sich an ihre Röcke. Und allerwegen sah Ulenspiegel ihre mageren Umrisse sich gegen den hellen Himmel abzeichnen.

Er ging zu einem von ihnen und fragte ihn:

„Wohin ziehen all diese arme Männer, Weiber und Kinder?“

Der Mann antwortete:

„Wir ziehen zum Grabe des heiligen Remaclius, um ihn zu bitten, daß er uns gebe, was unser Herz begehrt, und die Demütigung, die er uns auferlegte, von unserm Rücken nehme.“

Ulenspiegel versetzte:

„Könnte doch der heilige Remaclius auch mir geben, was mein Herz begehrt, und von dem Rücken der armen Gemeinden den Blutherzog fortnehmen, der gleich einen bleiernen Buckel darauf lastet.“

„Es ist nicht seines Amtes, zur Buße auferlegte Buckel fortzunehmen,“ antwortete der Pilger.

„Hat er etliche andere fortgenommen?“ fragte Ulenspiegel.

„Ja, wenn die Buckel jung sind. Wenn alsdann das Wunder der Heilung geschieht, halten wir in der ganzen Stadt Gelage und Schmausereien. Und jeglicher Pilger gibt dem glücklich Geheilten, der durch dieses Geschehnis heilig geworden ist und mit Erfolg für die andern beten kann, ein Geldstück und oftmals einen Goldgülden.“

Ulenspiegel sagte:

„Weshalb läßt der reiche Sankt Remaclius sich die Heilungen wie ein lumpiger Apotheker bezahlen?“

„Gottloser Wanderer, er straft die Lästerer!“ entgegnete der Pilger und schüttelte wütend seinen Höcker.

„Wehe!“ ächzte Ulenspiegel.

Und er fiel zusammengekrümmt am Fuß eines Baumes nieder.

Der Pilger sagte, ihn betrachtend:

„Wen Sankt Remaclius schlägt, den trifft er gut!“

Ulenspiegel krümmte den Rücken, kratzte sich daran und ächzte:

„Ruhmreicher Heiliger, habt Erbarmen. Das ist die Züchtigung. Ich fühle einen brennenden Schmerz zwischen den Schultern. Wehe! Au! Vergebung, heiliger Remaclius! Geh, Pilger, laß mich hier allein, auf daß ich gleich einem Vatermörder weine und bereue.“

Doch der Pilger war bis zum Marktplatz von Bouillon entflohen, allwo sich alle Buckligen zusammen fanden.

Dort sagte er zu ihnen, vor Furcht bebend, in stoßweiser Sprache:

„Habe Pilger getroffen, grade wie eine Pappel .... Pilger Gotteslästerer .... Buckel auf dem Rücken .... entzündeten Buckel!“

Da die Pilger solches vernahmen, stießen sie ein tausendfaches Freudengeschrei aus und riefen:

„Heiliger Remaclius, wenn Du Buckel gibst, kannst Du sie auch fortnehmen. Nimm uns die Buckel ab, heiliger Remaclius!“

Derweilen verließ Ulenspiegel seinen Baum. Als er durch die menschenleere Vorstadt kam, sah er an der niedern Türe einer Schenke zwei Blasen an einem Stock schaukeln, Schweinsblasen, so zum Zeichen der Blutwurst-Kirmes, panch kermis, wie man im Lande Brabant sagt, angehängt waren.

Ulenspiegel nahm eine der beiden Blasen, las die Rückengräte einer Scholle vom Boden auf, ließ sich zur Ader, ließ von seinem Blut in die Blase fließen, blies sie auf, schloß sie und legte sie auf seinen Rücken und oben drauf die Rückengräte der Scholle. Also ausstaffiert, kam er mit gewölbten Rücken, wackelndem Kopf und schlotternden Beinen wie ein alter Buckliger auf den Platz. Der Pilger, der Zeuge seines Falles gewesen, erblickte ihn und schrie:

„Da ist der Gotteslästerer!“

Und er wies mit dem Finger auf ihn. Und alle kamen herbei, um den Gestraften zu sehen.

Ulenspiegel schüttelte kläglich den Kopf.

„Ach,“ sprach er, „ich verdiene nicht Gnade noch Erbarmen; tötet mich wie einen tollen Hund.“

Und die Buckligen sprachen, sich die Hände reibend:

„Einer mehr in unsrer Brüderschaft.“

Zwischen den Zähnen murmelnd: „Das sollt Ihr mir büßen, Ihr Bösen,“ schien er alles geduldig zu ertragen und sprach:

„Ich werde nicht essen und nicht einmal trinken, um meinen Buckel nicht festzumachen, bis daß Sankt Remaclius die Gnade gehabt hat, mich zu heilen, wie er mich geschlagen hat.“

Auf das Gerücht von dem Wunder kam der Dechant aus der Kirche. Es war ein großer majestätischer Mann mit einem Schmerbauch. Mit erhobner Nase zerteilte er die Flut der Buckligen gleich einem Schiffe.

Man zeigte ihm Ulenspiegel und er sprach zu ihm:

„Bist Du es, armer Tropf, den Sankt Remaclius Geißel geschlagen hat?“

„Ja, Herr Dechant,“ antwortete Ulenspiegel, „ich bin’s wahrlich, sein untertäniger Verehrer, der sich von seinem neuen Buckel heilen lassen will, so es ihm gefällt.“

Der Dechant, der hinter dieser Rede eine Bosheit witterte, sprach:

„Laß mich diesen Buckel befühlen.“

„Befühlt ihn, Herr,“ versetzte Ulenspiegel.

Nachdem er es getan, sprach der Dechant:

„Er ist neuen Ursprungs und feucht. Indessen hoffe ich, daß Sankt Remaclius geruhen wird, Barmherzigkeit zu üben. Folge mir.“

Ulenspiegel folgte dem Dechanten und trat in die Kirche. Die Buckligen schritten hinter ihm her und schrieen: „Sehet den Verfluchten! Sehet den Lästerer! Wie viel wiegt Dein neuer Buckel? Wirst Du einen Sack draus machen, um Deine Taler hinein zu tun? Du hast Dein Lebelang unser gespottet, dieweil Du grade warst, jetzt ist die Reihe an uns. Ehre sei dem heiligen Herrn Remaclius!“

Ulenspiegel sprach kein Wort, beugte den Kopf und trat, dem Dechanten folgend, in eine kleine Kapelle. Daselbst befand sich ein Grabmal ganz aus Marmelstein, bedeckt mit einer großen Tafel, die gleicherweise aus Marmelstein war. Zwischen dem Grabmal und der Wand der Kapelle war nicht die Weite einer großen, gespreizten Hand. Eine Menge buckliger Pilger gingen einer nach dem andern zwischen der Wand und der Grabtafel durch, an welcher sie stillschweigend ihre Buckel rieben. Und dergestalt hofften sie, ihrer ledig zu werden. Und die, so ihren Buckel rieben, wollten denen, die ihn noch nicht gerieben hatten, nicht Platz machen, und sie schlugen einander, doch ohne Lärm, denn der Heiligkeit des Ortes halber gaben sie sich nur heimliche Püffe nach Art der Buckligen.

Der Dechant hieß Ulenspiegel auf die Grabplatte steigen, auf daß alle Pilger ihn gut sehen könnten. Ulenspiegel erwiderte:

„Ich vermag es nicht allein.“

Der Dechant half ihm hinauf, stellte sich neben ihn und gebot ihm, niederzuknien. Ulenspiegel tat also und blieb gesenkten Hauptes in dieser Stellung.

Und alsobald, nachdem der Dechant sich gesammelt hatte, predigte er und sprach mit weit schallender Stimme:

„Söhne und Brüder in Jesu Christo! Ihr sehet zu meinen Füßen den größten Gottlosen, Taugenichts und Lästerer, den Sankt Remaclius je mit seinem Zorn geschlagen hat.“

Und Ulenspiegel schlug sich an die Brust und sagte: „Confiteor.“

„Ehedem,“ redete der Dechant weiter, „war er grade wie der Schaft einer Hellebarde und rühmt sich dessen. Sehet ihn jetzo bucklig und unter der Wucht des himmlischen Fluches gebeugt.“

„Confiteor, nimm mir den Buckel,“ sprach Ulenspiegel.

„Wohl,“ fuhr der Dechant fort, „wohl, großer Heiliger, heiliger Herr Remaclius, der Du seit Deinem glorreichen Tode neununddreißig Wunder vollbrachtest, nimm von seinen Schultern die Bürde, die darauf lastet. Und möchten wir um dessentwillen in Jahrhunderten von Jahrhunderten, in saecula saeculorum, Dein Loblied singen. Und Friede auf Erden für die guten Buckligen.“

Und die Buckligen sprachen im Chor:

„Wohl, wohl! Friede auf Erden für die guten Buckligen. Gib Frieden den Buckligen, Frieden den Mißgestalteten und Erlaß der Demütigungen. Nimm hinweg, unsere Buckel, heiliger Herr Remaclius!“

Der Dechant gebot Ulenspiegel, vom Grabe herunterzusteigen und seinen Buckel am Rande der Platte zu reiben. Ulenspiegel tat also, indem er immerfort „mea culpa confiteor, nimm mir den Buckel,“ sprach. Und er rieb ihn gar trefflich mit Sehen und Wissen der Umstehenden.

Und jene schrien:

„Sehet den Buckel, er senkt sich! Sehet! Er gibt nach! Er wird nach rechts auseinanderfließen. / Nein, er wird in die Brust zurücktreten; Buckel schmelzen nicht, sie gehen in das Gedärm hinunter, von wo sie gekommen sind. / Nein, sie kehren in den Magen zurück, allwo sie achtzig Tage lang als Nahrung dienen. Das ist des Heiligen Gabe für die erlösten Buckligen. / Wohin gehen die alten Buckel?“

Plötzlich stießen die Buckligen allesamt einen lauten Schrei aus, denn Ulenspiegel hatte soeben seinen Buckel zum Platzen gebracht, indem er sich schwer gegen den Rand der Grabplatte stemmte. Alles Blut, so darinnen war, floß in großen Tropfen aus seinem Wams auf die Steinfliesen. Und indem er sich aufrichtete und die Arme ausstreckte, rief er aus:

„Ich bin befreit!“

Und alle Buckligen riefen mitsammen:

„Der heilge Herr Remaclius segnet ihn; das ist für ihn süß und für Euch hart. Herr, nehmet uns unsere Buckel. / Ich bringe Euch ein Kalb dar. / Ich sieben Hammel. / Ich die Jagdbeute des Jahres. / Ich sechs Schinken. / Ich gebe der Kirche meine Hütte. / Nehmet unsere Buckel, heiliger Herr Remaclius!“

Und sie betrachteten Ulenspiegel voller Neid und Scheu. Einer unter ihnen wollte unter sein Wams tasten, doch der Dechant wehrte es ihm.

„Da ist eine Wunde, die nicht ans Licht darf.“

„Ich werde für Euch beten,“ sprach Ulenspiegel.

„Ja, Pilger,“ sagten die Buckligen alle zumal, „ja Herr, der Ihr wieder grade geworden seid; wir haben Eurer gespottet, verzeihet uns, wir wußten nicht, was wir taten. Christus, der Herr, hat am Kreuze verziehen, gewähret auch uns Verzeihung.“

„Ich verzeihe Euch,“ sagte Ulenspiegel wohlwollend.

„So nehmet denn diesen Stüver, genehmigt diesen Gülden, lasset uns Eurer Gradheit diesen Real geben, Euch diesen Crusado anbieten, in Eure Hände diese Karolus legen ...“

„Verberget Eure Karolus wohl,“ sagte Ulenspiegel ganz leise zu ihnen, „auf daß Eure linke Hand nicht wisse, was die rechte tut.“

Also redete er wegen des Dechanten, der die Münzen der Buckligen mit den Augen verschlang, ohne zu sehen, ob es güldene oder silberne waren.

„Euch sei Dank, Geweihter des Herrn,“ sagten die Buckligen zu Ulenspiegel.

Und er nahm stolz ihre Gaben an, wie einer, an dem ein Wunder geschehen.

Aber die Geizigen rieben ihre Buckel am Grabstein, ohne etwas zu sagen.

Am Abend ging Ulenspiegel in eine Schenke, allwo er schwelgte und zechte.

Ehe er sich ins Bett legte, gedachte er, daß der Dechant gewiß seinen Anteil an der Beute heischen würde, wenn nicht alles. Er zählte seinen Gewinst und fand mehr Gold als Silber, sintemalen es gut dreihundert Karolus waren. Er erspähete einen dürren Lorbeerbaum in einem Topf, packte ihn beim Schopf, zog Pflanze und Erde heraus und legte das Gold darunter. Alle halben Gülden, Stüver und Taler aber breitete er auf dem Tisch aus.

Der Dechant trat in die Schenke und stieg zu Ulenspiegel hinauf. Da dieser ihn erblickte, sagte er:

„Herr Dechant, was wollet Ihr von meiner armseligen Person?“

„Ich will nur Dein Bestes, mein Sohn,“ antwortete jener.

„Wehe,“ ächzte Ulenspiegel, „ist es das, was Ihr auf dem Tisch sehet?“

„Das ist es,“ versetzte der Dechant.

Alsdann streckte er die Hand aus und säuberte den Tisch von allem Gelde, das darauf war, und ließ es in einen dazu bestimmten Sack fallen.

Und er gab Ulenspiegel, der zum Schein stöhnte, einen Gülden.

Und er fragte ihn nach den Werkzeugen des Wunders.

Ulenspiegel zeigte ihm die Schollengräte und die Blase.

Der Dechant nahm sie, indes Ulenspiegel jammerte und ihn anflehte, ihm gnädigst mehr zu geben. Der Weg von Bouillon nach Damm, sprach er, sei für ihn armen Wanderer weit, und er würde gewißlich Hungers sterben.

Der Dechant ging von dannen, ohne ein Wort zu sagen.

Als Ulenspiegel allein war, entschlief er mit dem Blick auf den Lorbeerbaum. Am andern Morgen bei Tagesanbruch raffte er seine Beute zusammen, verließ Bouillon und begab sich nach dem Lager des Schweigers. Er überantwortete ihm das Geld und erzählte die Tat mit dem Bemerken, daß dies die wahre Art sei, vom Feinde Kriegskontribution einzutreiben.

Und der Prinz gab ihm zehn Gülden.

Die Schollengräte aber ward in einen kristallenen Reliquienschrein gelegt und zwischen die Arme des Kreuzes am Hauptaltar von Bouillon eingelassen. Und jedermann in der Stadt weiß, daß das, was das Kreuz umschließt, der Buckel des geheilten Lästerers ist.