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Ulenspiegel und Lamm kamen an den Ort, der Minnewater (Liebeswasser) genannt wird; aber die hochgelahrten Doktoren und Wysneusen (Naseweisen) sagen, daß es Minrewater, Wasser der Mindesten heiße[3]. Ulenspiegel und Lamm setzten sich an den Rand des Wassers und sahen unter den Bäumen, deren Laubwerk wie ein niedrig Gewölbe bis auf ihre Köpfe hing, Männer und Frauen, Mägdlein und Knaben vorübergehen. Sie trugen Kränzlein in den Haaren, reichten sich die Hände und wandelten Hüfte an Hüfte, blickten sich zärtlich in die Augen und sahen nichts in dieser Welt denn sich selbst.

Ulenspiegel betrachtete sie und gedachte an Nele. Und bei diesem traurigen Gedanken sprach er: „Laß uns trinken gehen.“

Aber Lamm hörte Ulenspiegel nicht und betrachtete auch die verliebten Pärlein.

„Ehedem gingen wir auch so vorbei, mein Weib und ich, und just solchen, die gleichwie wir sich einsam ohne Weib am Ufer der Gräben ausstrecken, trugen wir unsre Liebe zur Schau.“

„Komm trinken,“ sprach Ulenspiegel, „wir werden die Sieben auf dem Boden eines Maßkruges finden.“

„So redet ein Trinker,“ antwortete Lamm, „Du weißt, daß die Sieben Riesen sind und unter dem großen Gewölbe der Kirche des heiligen Erlösers nicht aufrecht stehen könnten.“

Ulenspiegel gedachte traurig Neles und auch, daß sie etwan in irgend einem Gasthaus gutes Nachtlager, gutes Abendbrot und eine artige Wirtin finden möchten und sagte wiederum:

„Laß uns trinken gehen.“

Aber Lamm hörte ihn nicht und sprach, indem er den Turm der Liebfrauenkirche betrachtete:

„Heilige Frau Maria, Schutzpatronin der erlaubten Liebe, gib, daß ich noch einmal ihren weißen Busen, das weiche Schlummerkissen sehe.“

„Komm trinken“, sagte Ulenspiegel. „Du wirst sie finden, wie sie ihn in einer Schenke den Zechern zeigt.“

„Wagst Du so schlecht von ihr zu denken?“ fragte Lamm.

„Laß uns trinken gehen,“ sagte Ulenspiegel, „sie ist ohne Zweifel irgendwo Wirtin.“

„So redet der Durst“, sagte Lamm.

Ulenspiegel redete weiter:

„Vielleicht hat sie für die armen Wanderer eine Schüssel schönen gedämpften Ochsenfleisches aufgehoben, dessen Gewürze die Luft mit Duft erfüllen, nicht zu fett, zart und saftig wie Rosenblätter, und gleich Fastnachtsfischen zwischen Nelken, Muskat, Hahnenkämmen, Kalbsmilch und andern himmlischen Leckerbissen schwimmend.“

„Du Boshafter“, sagte Lamm, „Du willst mich gewißlich umbringen. Weißt Du nicht, daß wir seit zwei Tagen nur von trocknem Brot und Dünnbier leben?“

„Der Hunger redet aus Dir,“ versetzte Ulenspiegel. „Du weinst vor Begierde, komm essen und trinken. Ich habe da einen hübschen halben Gülden, der wird die Kosten unseres Schmauses decken.“

Lamm lachte. Sie holten ihren Wagen und fuhren also durch die Stadt und suchten nach der besten Herberge. Aber sie erblickten etliche Gesichter von Wirten, die mürrisch, und Wirtinnen, die gar wenig mitleidig aussahen, und fuhren vorbei, denn sie gedachten, daß eine saure Miene ein schlechtes Aushängeschild für gastliche Küche sei.

So gelangten sie zum Samstagsmarkt und kehrten in den Gasthof „Zur Blauen Laterne“ ein. Da war ein Wirt von guter Miene. Sie stellten ihren Wagen ein und ließen den Esel in den Stall bringen, mit einer Metze Hafer zur Gesellschaft. Sie ließen sich zu essen auftragen, aßen nach Herzenslust, schliefen gut und standen auf, um wiederum zu essen. Lamm, der vor Behagen platzte, sprach:

„Ich höre himmlische Musik in meinem Magen.“

Da der Augenblick des Zahlens kam, ging der Wirt zu Lamm und sagte zu ihm:

„Ich kriege zehn Heller.“

„Der hat sie“, sprach Lamm zu ihm und zeigte auf Ulenspiegel. Der aber sagte:

„Ich habe sie nicht.“

„Und der halbe Gülden?“ fragte Lamm.

„Ich habe ihn nicht,“ antwortete Ulenspiegel.

„Das ist eine schöne Rede,“ sagte der Wirt. „Ich werde Euch allen beiden Euer Wams und Hemd fortnehmen.“

Plötzlich rief Lamm in der Trinklaune:

„Und wenn ich essen und trinken will, essen und trinken, ja für siebenundzwanzig Gülden und mehr trinken, so werde ich es tun. Meinst Du, daß in diesem Bauch nicht ein roter Heller sitzt? So wahr Gott lebt! er wurde bis heute nur mit Fettammern gemästet. Du wirst unter Deinem schmierigen Ledergürtel nimmer seinesgleichen tragen. Denn Du hast Dein Fett am Kragen des Wamses, wie ein böser Mensch, und nicht wie ich drei Daumen dicken leckeren Specks auf dem Bauch!“

Der Wirt war vor Wut außer sich. Da er ohnedies stotterte, wollte er schnell sprechen; je hastiger er aber sprach, um so mehr nieste er wie ein Hund, der aus dem Wasser kommt. Ulenspiegel warf ihm Brotkügelchen an die Nase, und Lamm ereiferte sich noch mehr und redete weiter:

„Jawohl, ich habe hier genug, um Deine drei mageren Hühner, Deine vier krätzigen Küchlein und diesen großen Dummkopf von Pfau zu bezahlen, der seinen schmutzigen Schweif in Deinem Hühnerhofe zur Schau trägt. Und wenn Deine Haut nicht trockner wäre denn die eines alten Hahnes, und Deine Knochen nicht in Deiner Brust zu Staub zerfielen, so hätte ich noch genug, um Dich, Deinen rotznasigen Knecht und Deine einäugige Magd zu essen und Deinen Koch dazu, dessen Arme, so er die Krätze hätte, zu kurz wären sich zu kratzen. Ei seht doch“, so redete er weiter, „seht doch den schönen Vogel, der uns eines halben Güldens willen unser Wams und Hemd nehmen will? Was sind denn Deine Kleider wert, Du zerlumptes Großmaul, ich will Dir drei Heller dafür geben.“

Aber der Wirt ward immer zorniger und schnaubte noch mehr.

Und Ulenspiegel warf ihm Brotkügelchen ins Gesicht.

Lamm war wie ein Löwe und sagte:

„Was glaubst Du, magere Fratze, was ein schöner Esel mit feinem Maul, langen Ohren, breiter Brust und Fesseln wie von Eisen wert sei? Achtzehn Gülden zum mindesten, nicht wahr, Du armer Schlucker von einem Wirt? Wieviel alte Nägel hast Du in Deinen Goldtruhen, um ein so schönes Tier zu bezahlen?“

Der Wirt schnaubte noch mehr, aber er wagte nicht zu mucksen.

„Wieviel glaubst Du, ist ein schöner Wagen aus Eschenholz wert, durchweg bemalt und oben mit Linnen von Courtrai gegen Sonne und Platzregen geschirmt? Vierundzwanzig Gülden zum mindesten, he? Und wieviel macht vierundzwanzig Gülden und achtzehn Gülden? Antworte, Du Knicker, der nicht rechnen kann. Und dieweil Markttag ist und Bauern in Deinem kläglichen Gasthofe sind, so will ich ihnen beides flugs verkaufen.“

Und so geschah es, denn alle kannten Lamm. Und wahrlich, er kriegte für Esel und Wagen vierundvierzig Gülden und zehn Heller. Darnach klimperte er dem Wirt mit dem Gold unter der Nase und fragte ihn:

„Witterst Du den Duft der künftigen Schmäuse?“

„Ja,“ antwortete der Wirt.

Und ganz leise sprach er:

„So Du Deine Haut feil bietest, will ich sie für einen Heller kaufen und daraus ein Amulett gegen die Verschwendung machen.“

Derweilen hatte ein hübsches, artiges Weiblein, so im dunklen Hofe stand, Lamm oftmals durchs Fenster angeschaut und allemal wenn er ihr hübsches Lärvchen sehen konnte, zog sie sich zurück. Am Abend, da er schwankend vom Weine, den er getrunken, ohne Licht hinaufging, fühlte er auf der Stiege, wie eine Frau ihn umhalste, ihn begehrlich auf Wange, Mund und gar auf die Nase küßte und sein Antlitz mit verliebten Tränen benetzte; dann ließ sie ihn los.

Schlaftrunken von dem Getränk, legte Lamm sich nieder, schlief und zog des andern Tages mit Ulenspiegel nach Gent.