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Nachdem die Geusen Rammekens, Gertruidenberg und Alckmaer erobert hatten, kehrten sie nach Vlissingen zurück.

Nele, die genesen war, erwartete Ulenspiegel am Hafen.

„Tyll,“ sagte sie, da sie ihn sah, „mein trauter Tyll, bist Du nicht verwundet?“

Ulenspiegel sang:

„Auf meiner Fahne steht Leben, schaut!

Allzeit im Lichte leben.

Von Leder ist mir die erste Haut,

Von Stahl die zweite gegeben.“

„Ach,“ sprach Lamm, sein Bein nachschleppend, „die Kugeln, Granaten und Kettenkugeln regnen um ihn her, und er fühlt davon nichts als den Wind. Du bist ohne Zweifel ein Geist, Ulenspiegel, und auch Du, Nele, denn ich sehe Euch allezeit heiter und jugendlich.“

„Warum schleppst Du das Bein nach?“ fragte Nele ihn.

„Ich bin kein Geist und werde es auch nie werden,“ sagte er. „Zudem habe ich einen Axthieb in den Schenkel erhalten / die meiner Frau waren so weiß und rund! / Sieh, ich blute. Ach, warum habe ich sie nicht hier, um mich zu pflegen!“

Doch Nele erwiderte zornig:

„Was bedarfst Du einer wortbrüchigen Frau?“

„Sprich nicht schlecht von ihr,“ sagte Lamm.

„Warte, hier ist Balsam,“ sagte Nele, „ich habe ihn für Ulenspiegel aufbewahrt; streich ihn auf Deine Wunde.“

Da Lamm seine Wunde verbunden hatte, war er froh, denn der Balsam linderte den brennenden Schmerz. Und sie gingen alle drei wieder zu Schiff.

Da sie den Mönch sah, der dort mit gefesselten Händen herumspazierte, sagte sie: „Wer ist der? Ich habe ihn schon gesehen und glaube, ihn zu erkennen.“

„Er ist hundert Gülden Lösegeld wert,“ sagte Lamm.

An jenem Tage war in der Flotte ein Freudenfest. Trotz des rauhen Dezemberwindes, trotz Regen und Schnee waren alle Geusen der Flotte auf den Decks der Schiffe. Die silbernen Halbmonde glänzten matt auf den zeeländischen Hüten.

Und Ulenspiegel sang:

„Leyden ist frei. Der Blutherzog zieht aus den Niederlanden.

Läutet, klingende Glocken,

Glockenspiel, sende Dein Lied in die Lüfte!

Klinget, Flaschen und Gläser!

Hat der Bluthund sich von den Schlägen erholt

Mit eingeklemmtem Schwanz,

Stürzt er sich mit blutigem Blick

Von neuem gegen die Stöcke.

Sein zerschlagenes Gebiß

Bebt und schlottert ohne Kraft.

Der Blutherzog ist abgerückt:

Klinget, Flaschen und Gläser. Es lebe der Geuse!

Er möchte sich wohl selber beißen,

Die Stöcke zerbrachen sein Gebiß.

Er senkt sein Bulldoggengesicht,

Und denkt der Zeiten des Fraßes und Mordes.

Der Blutherzog ist abgerückt:

Schlaget die Trommel des Ruhmes!

Schlaget die Trommel des Krieges!

Es lebe der Geuse!

Er ruft dem Teufel: „Dir verkauf’ ich meine

Hündische Seele für eine Stunde der Kraft.“

„Deine Seele gilt mir gleichviel

Wie ein Hering,“ entgegnet der Teufel.

Die Zähne wachsen nicht wieder,

Nun muß er die harten Bissen meiden.

Der Blutherzog ist abgerückt:

Es lebe der Geuse!

Die kleinen Gassenköter, einäugig, krätzig und krumm,

Die von den Broten leben oder verenden,

Heben die Pfoten allzumal

Gegen ihn, der aus Mordlust gemordet:

Es lebe der Geuse!

„Er liebte nicht Freunde noch Liebste,

Nicht Frohsinn, Sonne, noch seinen Herrn.

Nur der Tod, das war seine Braut.

Der zerbricht ihm die Pfoten

Zum Vorspiel der Hochzeit.

Er liebt keinen Menschen heil und ganz.

Schlaget die Freudentrommel!

Es lebe der Geuse!“

Und die kleinen Gassenköter, krumm,

Einäugig, hinkend und krätzig,

Heben von neuem die Pfoten

Heiß und salzig ...

Und mit ihnen Molosser und Windhund.

Hunde von Ungarn und von Brabant,

Von Luxemburg und Namur.

Es lebe der Geuse!

Trübselig, Schaum vor dem Maule,

Wird er verenden bei seinem Herrn,

Welcher ihm einen Fußtritt gibt,

Weil er nicht tüchtig gebissen.

In der Hölle wird er dem Tod

Angetraut; der nennt ihn „Mein Herzog“.

Und er heißt ihn: „Meine Inquisition“.

Es lebe der Geuse!

Läutet, klingende Glocken;

Glockenspiel, sende Dein Lied in die Lüfte.

Klinget, Flaschen und Gläser:

Es lebe der Geuse!“