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Da Ulenspiegel fünfzehn Jahre alt war, errichtete er in Damm ein Zelt auf vier Pfählen und rief aus, daß von nun an jedermann sein gegenwärtiges und zukünftiges Wesen in einem schönen Rahmen von Stroh dargestellt sehen könne.

Wenn ein Rechtsgelehrter kam, recht dünkelhaft und geschwollen von seiner Bedeutung, steckte Ulenspiegel den Kopf aus dem Rahmen herfür, schnitt eine Fratze wie ein uralter Affe und sprach:

„Alter Muffel kann verfaulen, aber nicht gedeihen. Bin ich nicht trefflich Euer Spiegel, mein Herr mit der Pedantenmiene?“

So er einen kräftigen Kriegsmann zum Kunden hatte, verbarg er sich und zeigte anstelle seines Gesichtes inmitten des Rahmens ein Gericht von Fleisch und Brot. Und sprach:

„Die Schlacht wird Dich zu Suppe machen. Was gibst Du mir für mein Prognostikon, Du Freund der großmäuligen Kartaunen?“

Führte ein alter Mann, der sein greises Haupt ohne Würde trug, sein junges Weib zu Ulenspiegel, so versteckte sich der, wie er bei dem Söldner getan, und zeigte im Rahmen einen kleinen Strauch, daran Messergriffe, Kästlein, Kämme und Schreibzeug hingen, alles aus Horn. Und rief:

„Woher kommt dieser artige Tändelkram, Messire? Ist es nicht vom Hornbaum, welcher im Gehege alter Ehemänner wächst? Wer wird noch sagen, daß die Hahnreie in einer Republik unnütze Leute seien?“

Und Ulenspiegel zeigte sein junges Gesicht neben dem Strauch in dem Rahmen.

Da der alte Mann ihn hörte, hustete er vor männlicher Wut, doch seine Liebste beruhigte ihn mit der Hand und trat lächelnd zu Ulenspiegel.

„Und wirst Du mir auch meinen Spiegel zeigen?“

„Tritt näher“, sprach Ulenspiegel.

Sie gehorchte, und alsobald küßte er sie, wo er konnte.

„In Deinem Spiegel ist stramme Jugend, so in vornehmen Hosenlätzchen wohnt.“

Und die Schöne verließ ihn, nicht ohne ihm ein oder zwei Gülden zu geben.

Dem feisten Mönch mit den wulstigen Lippen, der sein jetziges und zukünftiges Wesen zu sehen begehrte, gab Ulenspiegel also Bescheid:

„Du bist ein Schrank voll Schinken und wirst ein Gewölbe für Würzbier sein, denn Salz heischt Getränke, nicht also, Dickbauch? Gib mir einen Heller dafür, daß ich nicht log.“

„Mein Sohn,“ erwiderte der Mönch, „wir tragen niemals Geld.“

„Dann also trägt das Geld Dich,“ sprach Ulenspiegel, „denn ich weiß, daß Du es zwischen zwei Sohlen unter Deinen Füßen trägst. Gib mir Deine Sandale.“

Doch der Mönch sprach:

„Mein Sohn, das ist Klostergut, ich werde jedoch, wenn es sein muß, zwei Heller für Deine Mühe herausholen.“

Der Mönch gab sie ihm und Ulenspiegel nahm sie gnädiglich an. Also zeigte er den Leuten von Damm, Brügge, Blankenberghe und wohl gar Ostende ihren Zukunftsspiegel.

Und statt in seiner vlämischen Mundart zu sagen. „Ick ben u lieden Spiegel“ — ich bin Euer Liebden Spiegel, sagte er abkürzend, so wie es noch heutigen Tages in Ost- und Westflandern gesagt wird: „Ick ben ulen Spiegel“.

Und daher stammt sein Beiname Ulenspiegel.