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Klas ging nach dem Kanal von Brügge, nicht weit vom Meere. Da tat er den Köder an die Angel, warf sie aus und ließ das Netz hinab. Ein wohlgekleideter Bursche saß am anderen Ufer und schlief wie ein Klotz auf einem Haufen Muscheln.

Bei dem Lärm, welchen Klas machte, erwachte er und wollte davonlaufen, denn er fürchtete, es möchte ein Gemeinbüttel sein, der ihn von seinem Lager forttreiben und zum Steen bringen wollte, wegen unerlaubten Vagierens.

Doch seine Furcht schwand, da er Klas erblickte und dieser ihm zuschrie:

„Willst Du sechs Deut verdienen, so treibe den Fisch hierher.“

Der Bursche, der schon ein aufgeblähtes Bäuchlein hatte, ging ins Wasser, nahm einen Büschel großen Schilfrohrs und trieb die Fische zu Klas.

Nach vollbrachtem Fischfang zog Klas Netze und Angelschnur heraus, ging über die Schleuse und kam zu dem Buben.

„Du bist der,“ sprach er, „welcher Lamm getauft ist und ob seiner Sanftmut Goedzak genannt wird, und wohnst in der Reiherstraße hinter der Frauenkirche. Wie geschah es, daß Du so jung und so wohlgekleidet bei Mutter Grün Obdach suchest?“

„Ach, Herr Kohlenträger“, antwortete das Büblein, „ich habe daheim eine Schwester, die ist ein Jahr jünger denn ich und prügelt mich weidlich beim kleinsten Anlaß. Ich aber wage nicht, es ihr auf dem Rücken heimzuzahlen, denn ich würde ihr wehe tun, Herr. Gestern beim Nachtmahl war ich sehr hungrig und wischte mit den Fingern den Boden einer Schüssel aus, darin Rindfleisch mit Bohnen gewesen. Sie aber wollte auch ihr Teil haben, und es war doch nicht mal genug für mich, Herr. Da sie nun sah, wie ich mir den Mund leckte, weil die Tunke so wohl schmeckte, ward sie schier rasend und gab mir aus Leibeskräften so gewaltige Maulschellen, daß ich ganz zerschlagen von dannen lief.“

Klas fragte ihn, was seine Eltern während der Prügelei getan hätten. Da antwortete Lamm Goedzak:

„Mein Vater schlug mich auf die eine Schulter und die Mutter auf die andere und sagten dabei: Räche Dich, Du Memme! Doch ich mochte kein Mägdlein schlagen und lief davon“.

Plötzlich ward Lamm bleich und erbebte am ganzen Leibe. Und Klas sah eine große Frau des Weges kommen, und ihr zur Seite ging ein mageres Dirnlein von bösem Aussehen.

„Ach!“ sagte Lamm und hielt Klas bei den Hosen fest, „da kommt meine Mutter und meine Schwester, mich zu holen. Beschirme mich, Meister Kohlenträger!“

„Warte“, sprach Klas. „Nimm zuvor diese sieben Heller zum Lohn und laß uns sonder Furcht zu ihnen gehen“.

Da die beiden Weiber Lamm sahen, liefen sie auf ihn zu und wollten ihn beide schlagen, die Mutter, weil sie sich geängstigt hatte, und die Schwester, weil sie es gewohnt war.

Lamm verbarg sich hinter Klas und schrie:

„Ich habe sieben Heller verdient, schlagt mich nicht!“

Doch die Mutter umhalste ihn schon, dieweil das Mägdlein mit Gewalt Lamms Hände öffnen wollte, sein Geld zu bekommen. Er aber schrie:

„Es ist mein, Du sollst es nicht haben!“

Und er hielt die Fäuste fest zu.

Klas aber schüttelte das Mägdlein derb bei den Ohren und sprach zu ihr:

„Wenn es noch einmal geschieht, daß Du Händel mit Deinem Bruder suchst, welcher gut und sanft ist wie ein Lamm, so werde ich Dich in ein schwarzes Kohlenloch stecken, und da werde nicht ich Dich bei den Ohren zupfen, sondern der rote Teufel aus der Höllen, der wird Dich mit seinen großen Klauen und seinen Zähnen wie Heugabeln in Stücke reißen“.

Bei dieser Rede wagte das Mägdlein Klas nicht mehr anzublicken noch Lamm zu nahen, und suchte Schutz hinter dem Rücken der Mutter. Als sie aber in die Stadt kamen, schrie sie allerorten:

„Der Kohlenträger hat mich geschlagen; er hat den Teufel in seinem Keller“.

Fortan schlug sie Lamm nicht mehr; doch als sie groß war, ließ sie ihn ihre Arbeit verrichten und der gute Tropf tat es gern.

Klas hatte seinen Fang unterwegs an einen Pächter verkauft, der ihn ihm abzunehmen pflegte. Als er heimkehrte, sprach er zu Soetkin:

„Dieses fand ich im Bauche von vier Hechten, neun Karpfen und einen Korb voll Aale“. Und er warf zwei Gulden und einen Heller auf den Tisch.

„Was gehst du nicht täglich auf den Fischzug, Mann?“ fragte Soetkin.

Klas gab zur Antwort: „Damit ich nicht selber zum Fisch werde für die Netze des Gemeinbüttels“.