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Indessen eilte der Profoß Spelle, der Rothaarige, mit seinem roten Stock bewaffnet, auf seinem dürren Klepper von Stadt zu Stadt. Allerorten errichtete er Schafotte, entzündete Scheiterhaufen und schaufelte Gruben, um die armen Frauen und Mädchen darin lebendig zu begraben. Und der König erbte.
Ulenspiegel saß mit Lamm in Meulestee unter einem Baum und war voller Mißmut. Ohngeachtet man sich im Juni befand, war es kalt. Vom Himmel, der mit grauen Wetterwolken bedeckt war, fiel ein feiner Hagel.
„Mein Sohn,“ sprach Lamm, „ohne Scham treibst Du Dich seit vier Nächten umher und läufst den Dirnen nach. Du gehst in de Zoeten Inval, in den „süßen Fall“ schlafen, und Du wirst es machen wie der Mann auf dem Schild, der mit dem Kopf zuerst in einen Bienenstock fiel. Vergebens harr’ ich Deiner „Im Schwanen“, und Dein unzüchtig Leben verheißt mir nichts Gutes. Was nimmst Du nicht tugendlicher Weise ein Weib?“
„Lamm“ sagte Ulenspiegel, „der, dem Eine für Alle gilt und dem Alle Eine sind, darf seine Wahl nicht leichtfertig überstürzen.“
„Und Nele, denkst Du ihrer nicht?“
„Nele ist in Damm, gar weit fort,“ sagte Ulenspiegel.
Dieweil er so saß und der Hagel dicht fiel, lief ein artiges Weiblein vorüber, das sich den Kopf mit seinem Rock bedeckte.
„Heda,“ sprach es, „Hans der Träumer, was machst Du unter diesem Baum?“
„Ich träume von einer Frau, die mir aus ihrem Rock ein Dach wider den Hagel macht,“ antwortete Ulenspiegel.
„Du hast sie gefunden,“ sprach die Frau, „steh auf!“
Ulenspiegel erhob sich und ging auf sie zu.
„Willst Du mich abermals allein lassen?“ fragte Lamm.
„Ja,“ sagte Ulenspiegel; „aber geh in „den Schwanen,“ iß eine Hammelkeule oder zwei und trink zwölf Humpen Bier, dann wirst Du schlafen und keine Langeweile haben.“
„So werde ich tun,“ sprach Lamm.
Ulenspiegel trat zu dem Frauenzimmer.
„Heb meinen Rock an einer Seite auf,“ sprach sie. „Ich tu es auf der andern, und jetzt laß uns laufen.“
„Warum laufen?“ fragte Ulenspiegel.
„Weil ich von Meulestee fliehen will,“ sagte sie. „Der Profoß Spelle ist mit zwei Häschern dort und hat geschworen, alle Dirnen, die ihm nicht fünf Gülden zahlen wollten, peitschen zu lassen. Darum laufe ich; laufe auch Du und bleibe bei mir, um mich zu verteidigen.“
„Lamm,“ rief Ulenspiegel, „Spelle ist in Meulestee. Geh nach Destelbergh in den „Stern der Weisen.“
Und Lamm stand voller Schrecken auf, faßte seinen Bauch mit Händen und begann zu rennen.
„Wohin geht dieser dicke Hase?“ sagte das Mädchen.
„In einen Bau, wo ich ihn wiedertreffen werde,“ antwortete Ulenspiegel.
„Laß uns laufen,“ sprach sie und stampfte mit dem Fuße die Erde gleich einer ungeduldigen Stute.
„Ich möchte tugendlich sein, ohne zu laufen,“ sagte Ulenspiegel.
„Was bedeutet das?“ fragte sie.
Ulenspiegel antwortete: „Der dicke Hase will, daß ich dem guten Wein, dem Würzbier und der frischen Haut der Frauen entsage.“
Das Mädchen sah ihn mit bösem Blick an.
„Du bist kurzatmig, mußt Dich ausruhen,“ sagte sie.
„Mich ausruhen,“ antwortete Ulenspiegel. „Ich sehe kein Obdach.“
„Deine Tugend,“ sagte das Mädchen, „wird Dir als Decke dienen.“
„Dein Rock ist mir lieber,“ sagte er.
„Mein Rock,“ sagte das Mädchen, „wäre unwürdig, einen Heiligen, wie Du es sein willst, zu bedecken. Hebe Dich fort, daß ich allein laufe.“
„Weißt Du nicht,“ antwortete Ulenspiegel, „daß ein Hund auf vier Beinen rascher läuft als ein Mensch auf zweien? Darum laufen wir besser, da wir vier haben.“
„Du führst kecke Reden für einen tugendlichen Mann.“
„Jawohl,“ sagte er.
„Aber,“ sagte sie, „ich habe immer gesehen, daß die Tugend eine ruhige, schläfrige, dicke und frostige Eigenschaft ist. ’s ist eine Larve, die mürrischen Gesichter zu verbergen, ein Sammetmantel für einen Mann von Stein. Ich liebe die, so in der Brust eine Kohlenglut haben, die am Feuer der Mannheit entzündet, zu kühnen und lustigen Abenteuern reizt.“
„Also sprach die schöne Teufelin zum glorreichen Sankt Antonius,“ erwiderte Ulenspiegel.
Eine Herberge war zwanzig Schritt entfernt auf der Landstraße.
„Du hast gut geredet,“ sagte Ulenspiegel, „jetzt heißt es gut trinken.“
„Meine Zunge ist noch frisch,“ sagte das Mädchen.
Sie kehrten ein. Auf einer Anrichte schlummerte ein großer Krug, ob seines dicken Wanstes Bauch genannt.
Ulenspiegel sprach zum Wirt:
„Siehst Du diesen Gülden?“
„Ich sehe ihn,“ sagte der Baas.
„Wieviel Stüver würdest Du herausziehen, um den Bauch da mit dobbele clauwaert zu füllen?“
„Mit negen mannekens (neun Groschenmännlein) wärest Du quitt.“
„Das sind sechs flandrische Scherflein und zwei zuviel. Aber fülle ihn immerhin.“
Ulenspiegel goß dem Mädchen einen Becher voll ein, dann erhob er sich stolz, und den Schnabel des Bauches an seinen Mund legend, leerte er ihn ganz in seine Kehle. Und es war ein Geräusch wie von einem Wasserfall.
Das Mädchen sagte verdutzt:
„Wie hast Du es gemacht, einen so großen Bauch in Deinen mageren Leib zu bringen?“
Ulenspiegel sprach, ohne zu antworten, zum Wirt:
„Bring einen kleinen Schinken und Brot herbei und noch einen vollen Bauch, auf daß wir essen und trinken.“
Solches taten sie.
Dieweil das Mädchen ein Stück Speckschwarte knabberte, umfaßte er sie so zart, daß sie davon zugleich gerührt, entzückt und fügsam ward.
Alsdann fragte sie ihn und sprach:
„Von wannen sind Eurer Tugend dieser Durst eines Schwammes, dieser Wolfshunger und diese verliebten Keckheiten gekommen?“
Ulenspiegel antwortete:
„Sintemalen ich auf hundert Arten gesündigt hatte, schwur ich, wie Du weißt, Buße zu tun. Das währte wohl eine gute Stunde. Indem ich während dieser Stunde über mein künftiges Leben nachsann, sättigte ich mich kärglich mit Brot; Wasser war mein schaler Trunk; traurig floh ich die Liebe und getraute mich nicht, mich zu rühren noch zu niesen, aus Furcht Böses zu tun. Von allen war ich geachtet, von jedermann gefürchtet, allein wie ein Aussätziger, traurig wie ein Hund, dem sein Herr gestorben ist, und nach fünfzig Jahren des Martyriums verendete ich trübselig auf einer elenden Pritsche. Die Buße war lang genug. Drum küsse mich, Liebchen, und laß uns zu zweit das Fegefeuer verlassen.“
„Ei,“ sagte sie, gern gehorchend, „welch schönes Aushängeschild ist die Tugend, auf die Spitze einer Stange gehängt.“
Die Zeit verging bei diesen verliebten Ergötzungen; schließlich aber mußten sie aufstehn, um fortzugehn, denn das Mädchen besorgte, mitten in ihrem Vergnügen den Profoß Spelle und seine Häscher auftauchen zu sehen.
„So schürze Deinen Rock,“ sprach Ulenspiegel.
Und sie liefen wie die Hirsche nach Destelbergh; allda fanden sie Lamm im „Stern der drei Weisen“ schmausend.