42
Die Luft war heiß, kein Windhauch kam von dem ruhigen Meer. Die Bäume am Kanal von Damm rauschten kaum, die Grillen blieben in den Wiesen, dieweil die Dienstleute der Kirchen und Abteien auf die Felder kamen, um für die Pfarrer und Äbte den Dreizehnten von der Ernte zu holen. Vom blauen, glühenden und tiefen Himmel sandte die Sonne Glut herab, und die Natur schlief unter ihren Strahlen wie ein schönes, nacktes Mädchen, das unter den Liebkosungen seines Geliebten erschlafft ist. Die Karpfen machten Luftsprünge auf dem Wasser des Kanals, um nach den Fliegen zu schnappen, die wie ein Wasserkessel summten, derweil die Schwalben mit langem Leib und großen Flügeln ihnen ihre Beute streitig machten. Vom Boden stieg ein warmer Dunst auf, der im Licht glänzte und schillerte. Hoch vom Turm verkündete der Glöckner von Damm durch eine gesprungene Glocke, die wie ein Kessel dröhnte, die Mittagsstunde und die Essenszeit für die Bauern, die bei der Heuernte waren. Die Frauen schlossen ihre Hände trichterförmig und riefen ihre Brüder oder Männer mit Namen: „Hans, Pieter, Joos“ und man sah ihre roten Kappen über den Heuhaufen. In der Ferne ragte vor Lamms und Ulenspiegels Augen der Turm der Frauenkirche hoch, viereckig und schwerfällig, und Lamm sprach:
„Da, mein Sohn, sind Deine Schmerzen und Liebesfreuden.“
Aber Ulenspiegel antwortete nicht.
„Bald“, sprach Lamm, „werde ich meine alte Wohnung und vielleicht mein Weib wiedersehen.“
Aber Ulenspiegel antwortete nicht.
„Du Holzpuppe,“ sagte Lamm, „Du steinernes Herz, kann nichts Dich ergreifen, nicht die Nähe der Orte, wo Du Deine Kindheit verbrachtest, noch die teuren Schatten des armen Klas und der armen Soetkin, der beiden Märtyrer? Was! Du bist nicht traurig noch fröhlich; was hat Dir also das Herz ausgedörrt? Sieh mich an, wie bang und unruhig ich bin, und wie ich trotz meines Wanstes hüpfe; sieh mich....“
Lamm schaute Ulenspiegel an und sah sein Haupt gebeugt und das Angesicht fahl; seine Lippen bebten und er weinte stumm.
Und Lamm schwieg.
So wanderten sie, ohne ein Wort zu sprechen, bis nach Damm. Sie zogen durch die Reiherstraße ein und sahen keine Seele wegen der Hitze. Die Hunde lagen vor den Türschwellen mit heraushängender Zunge auf der Seite und gähnten. Lamm und Ulenspiegel schritten bis zum Rathaus, davor Klas war verbrannt worden. Ulenspiegels Lippen zitterten noch mehr, und seine Tränen versiegten. Sie kamen vor Klasens Haus, das ein Kohlenhändler bewohnte. Er trat ein und sprach zu ihm:
„Erkennest Du mich? Ich will mich hier ausruhen.“
Der Kohlenhändler antwortete:
„Ich erkenne Dich, Du bist der Sohn des Geopferten. Geh in diesem Hause, wohin Du willst.“
Ulenspiegel ging in die Küche, dann in Klasens und Soetkins Kammer und weinte dort.
Als er wieder hinuntergestiegen war, sprach der Kohlenhändler zu ihm:
„Hier ist Brot, Käse und Bier. So Du Hunger hast, iß; so Du Durst hast, trinke.“
Ulenspiegel winkte mit der Hand, daß er weder Hunger noch Durst habe.
Dann ging er mit Lamm, der rittlings auf seinem Esel saß, dieweil Ulenspiegel den seinen am Halfter führte.
Sie kamen zu Kathelines Hütte, banden ihre Esel an und traten ein. Es war Essenszeit. Auf dem Tisch standen grüne Bohnen in der Schale, mit großen weißen Bohnen gemischt. Katheline aß. Nele stand neben ihr und wollte just eine Essigtunke, die sie vom Feuer genommen, in Kathelines Napf gießen.
Da Ulenspiegel eintrat, erschrak sie so, daß sie den Topf mitsamt der Tunke in Kathelines Napf warf. Diese begann kopfschüttelnd die Bohnen um den Topf aufzusuchen, schlug sich gegen die Stirn und sagte wie eine Irre:
„Nehmt das Feuer fort! Der Kopf brennt!“
Der Geruch des Essigs machte Lamm hungrig.
Ulenspiegel blieb stehen und blickte Nele an. Er lächelte liebevoll inmitten seiner großen Trübsal.
Und Nele legte ihre Arme um seinen Hals, ohne ihm ein Wort zu sagen. Auch sie schien närrisch; sie weinte und lachte und errötete vor großer, süßer Wonne; sie sagte nur immerfort: „Tyll, Tyll!“ Ulenspiegel betrachtete sie gücklich. Dann ließ sie ihn los, trat ein wenig zurück, schaute ihn freudig an, stürzte ihm wieder entgegen und umhalste ihn stürmisch, und so etliche Male. Er umfaßte sie glückselig und konnte sich nicht von ihr trennen, bis sie auf einen Stuhl sank, matt und wie von Sinnen; und sie sagte ohne Scheu:
„Tyll, Tyll, mein Geliebter, da bist Du wieder!“
Lamm stand an der Tür. Als Nele sich beruhigt hatte, sagte sie, auf ihn deutend:
„Wo hab’ ich diesen dicken Mann gesehen?“
„Das ist mein Freund,“ sagte Ulenspiegel. „Er begleitet mich und sucht seine Frau.“
„Ich erkenne Dich,“ sprach Nele zu Lamm. „Du wohntest in der Reiherstraße. Du suchtest Deine Frau; ich habe sie in Brügge gesehen, allwo sie in aller Frömmigkeit und Andacht lebt. Da ich sie gefragt hatte, warum sie ihren Mann so grausam verlassen habe, antwortete sie mir:
„Solches war der heilige Wille Gottes und das Gebot der heiligen Buße; aber ich kann fürder nicht mit ihm leben.“
Lamm ward bei dieser Rede traurig und blickte die Bohnen mit Essig an. Und die Lerchen stiegen trillernd zum Himmel empor und die erschlaffte Natur ließ sich von der Sonne liebkosen. Und Katheline stach mit ihrem Löffel rund um den Topf nach den weißen Bohnen, den grünen Schoten und der Tunke.