43
Der wallfahrende Ulenspiegel wäre gern Straßenräuber geworden, aber er fand die Steine zum Tragen zu schwer.
Er wanderte auf gut Glück auf der Straße nach Audenaerde, wo sich dermalen eine Garnison flämischer Reiter befand; die hatten Befehl, die Stadt wider die französischen Streifscharen zu verteidigen, die das Land gleich Heuschrecken verheerten.
Der Hauptmann der Reiter war ein Friese von Geburt, des Namens Kornhuin. Auch diese durchstreiften das platte Land und plünderten das Volk, also daß es, wie bräuchlich, von beiden Seiten aufgefressen ward.
Alles war ihnen recht, Hühner, Küken, Enten, Tauben, Kälber und Schweine. Eines Tages, da sie mit Beute beladen zurückkehrten, gewahrten Kornhuin und sein Leutnant am Fuß eines Baumes Ulenspiegel schlafend und von Fleischgerichten träumend.
„Was tust Du, um zu leben?“ fragte Kornhuin.
„Ich sterbe vor Hunger“, antwortete Ulenspiegel.
„Was ist Dein Handwerk?“
„Wegen meiner Sünden wallfahrten, die anderen arbeiten sehen, auf dem Seil tanzen, die hübschen Gesichter abkonterfeien, Messergriffe schnitzen, den Rommelpot spielen und die Trompete blasen.“
Wenn Ulenspiegel so kecklich vom Trompeten sprach, so war es, weil er erfahren hatte, daß die Stelle des Wächters vom Schlosse Audenaerde erledigt sei durch den Tod eines alten Mannes, welcher dieses Amt bekleidet hatte.
Kornhuin sagte zu ihm:
„Du sollst Turmbläser sein.“
Ulenspiegel folgte ihm und ward auf dem höchsten Turme der Wälle in eine Warte einquartiert, die von allen vier Winden wohl durchlüftet war, ausgenommen vom Südwind, der dort nur mit einem Flügel wehte. Es ward ihm anbefohlen, die Trompete zu blasen, sobald er den Feind anrücken sähe und dieserhalb den Kopf frei zu halten und immer klare Augen zu haben. Zu dem Ende würde man ihm nicht zuviel zu essen noch zu trinken geben.
Der Hauptmann und sein Kriegsvolk blieben im Turm und hielten den ganzen Tag Gelage auf Kosten des Landes. Da ward mehr als ein Kapaun geschlachtet und aufgefressen, dessen einziges Verbrechen sein Fett war. Ulenspiegel, der allzeit vergessen ward und sich an seiner mageren Suppe genügen lassen mußte, ergötzte sich nicht am Dufte der Saucen. Die Franzosen kamen und raubten viel Vieh, Ulenspiegel blies die Trompete nicht.
Kornhuin stieg zu ihm hinauf und fragte ihn:
„Warum hast Du nicht geblasen?“
„Ich spreche nicht das Gratias bei Eurem Essen“, sprach Ulenspiegel.
Am folgenden Tage befahl der Hauptmann ein großes Mahl für sich und seine Soldaten, aber Ulenspiegel ward wieder vergessen.
Sie wollten just zu schmausen anheben; Ulenspiegel blies die Trompete. Kornhuin und seine Soldaten wähnten, daß die Franzosen kämen, ließen Wein und Braten stehen, stiegen zu Pferde und ritten eilends zur Stadt hinaus; aber sie fanden auf dem Felde nichts als einen Ochsen, der stund in der Sonne und käute wieder. Sie führten ihn mit sich. Derweilen hatte Ulenspiegel sich mit Wein und Fleischspeisen angefüllt. Beim Eintreten sah ihn der Hauptmann, wie er lächelnd und mit schlotternden Beinen an der Tür der Festhalle stand, und sagte zu ihm:
„Das heißt den Verräter spielen, Alarm zu blasen, wann Du keinen Feind siehst, und nicht zu blasen, wann Du ihn siehst.“
„Herr Hauptmann,“ erwiderte Ulenspiegel, „ich werde in meinem Turm solchermaßen von den vier Winden aufgebläht, daß ich oben schwimmen müßte wie eine Blase, hätte ich mich nicht durch Trompetenblasen erleichtert. Laßt mich jetzo henken oder ein ander Mal, wenn Ihr einer Eselshaut für Eure Trommeln bedürfet.“
Kornhuin ging, ohne ein Wort zu sagen.
Indessen kam nach Audenaerde die Kunde, daß der gnädige Kaiser Karl in fürnehmer Begleitung in diese Stadt einziehen wollte. Bei diesem Anlaß gaben die Schöffen Ulenspiegel eine Brille, auf daß er besser sehen könnte, wann Seine Heilige Majestät ankäme. Ulenspiegel sollte dreimal ins Horn stoßen, sobald er den Kaiser auf Luppeghem zukommen sähe, welches einer viertel Meile vom Burgtor ist.
Also würden die in der Stadt Zeit haben, die Glocken zu läuten, die Böllerschüsse zu lösen, die Braten in den Backofen zu schieben und die Zapfen in die Fässer zu stoßen.
Eines Tages um Mittag, da der Wind von Brabant kam und der Himmel klar war, sah Ulenspiegel auf der Straße, die nach Luppeghem führt, eine große Schar Reiter auf stolzen Rossen; die Federn ihrer Barette wallen im Winde. Etliche trugen Banner. Der, welcher stolz an der Spitze ritt, trug eine Mütze von Goldbrokat mit großen Federn. Er war in braunen Sammet gekleidet, die mit Brokatell besetzt war.
Ulenspiegel setzte seine Brille auf und sah, daß dies Kaiser Karl der Fünfte war, der denen von Audenaerde gestattete, ihm ihre besten Weine und ihre besten Braten vorzusetzen.
Die ganze Schar ritt sonder Eile und sog die frische Luft ein, welche den Hunger anreizt. Aber Ulenspiegel gedachte, daß sie gemeiniglich fetten Schmaus hielten und wohl einen Tag fasten könnten, ohne zu verscheiden. Also sah er sie kommen und stieß nicht ins Horn.
Lachend und schwätzend kamen sie näher, dieweil Seine Heilige Majestät in seinem Magen nachschaute, ob er Platz genug für das Gastmahl derer von Audenaerde hätte. Er schien erstaunt und ungnädig, daß keine Glocke läutete, seine Ankunft zu verkünden.
Indem kam ein Bauer eiligst angelaufen, um zu verkünden, daß er in der Umgegend eine französische Streifschar gesehen habe, welche auf die Stadt zu ritte, um darinnen alles zu verzehren und zu rauben. Bei dieser Rede schloß der Torwart das Tor und sandte einen Stadtknecht, damit er es den andern Torwächtern ansagte. Aber die Reiter zechten, ohne etwas zu wissen.
Seine Majestät kam immer näher, erzürnt, nicht Glocken, Kanonen und Büchsenschüsse läuten, donnern und knattern zu hören. Vergebens hielt er das Ohr hin. Er vernahm nichts als das Glockenspiel, das die halbe Stunde läutete. Er kam vor das Tor, fand es verschlossen und schlug mit der Faust dagegen, auf daß es geöffnet werde. Und die Herren seines Gefolges wurden zornig wie er und murrten scharfe Worte. Der Torwart, der droben auf den Wällen war, schrie ihnen zu, wenn sie nicht mit diesem Lärm aufhörten, so würde er sie mit einer Kartätschen begrüßen, auf daß sie ihre Ungeduld abkühlten.
Aber seine Majestät sprach voll Grimm:
„Du blindes Schwein, erkennst Du Deinen Kaiser nicht?“
Der Torwart erwiderte, daß die, so am mindesten den Schweinen gleichen, nicht immer am meisten vergüldet sein. Auch wisse er, daß die Franzosen ihrer Natur nach arge Spötter seien, sintemalen Kaiser Karl zur Stunde in Italien Krieg führte und nicht vor den Toren von Audenaerde stehen könne.
Darob schrieen Karl und die Ritter noch mehr und sagten:
„Wenn Du nicht öffnest, so werden wir Dich, auf eine Lanze gespießt, braten lassen. Und zuvor sollst Du Deine Schlüssel verschlucken.“
Bei dem Lärm, den sie vollführten, kam ein alter Kriegsmann aus dem Zeughaus und steckte die Nase über die Mauer.
„Torwart,“ sprach er, „Du täuschest Dich; „der da ist unser Kaiser. Ich erkenne ihn wohl, obwohl er gealtert ist, seit er Maria von der Gheynst von hier nach dem Schlosse Ballaing brachte.“
Der Torwart fiel vor Schreck mausetot um, der Soldat nahm ihm die Schlüssel ab und ging, die Tür zu öffnen.
Der Kaiser fragte, warum man ihn so lange hätte warten lassen. Da der Soldat es ihm vermeldet hatte, befahl Seine Majestät ihm, das Tor wieder zu schließen und die Reiter von Kornjuin vor ihn zu bringen. Denen gebot er, vor ihm her zu reiten, die Trommeln zu rühren und die Pfeifen zu blasen.
Bald erwachten die Glocken, eine nach der andern, um mit allen Kräften zu läuten. So eingeführt, kam Seine Majestät mit kaiserlichem Getöse auf den Großen Markt. Die Bürgermeister und Schöffen waren allda versammelt; der Schöffe Jan Guigelaer trat bei dem Lärm hinaus, kehrte in den Sitzungssaal zurück und sagte:
„Keyser Karel is alhier.“
Voll Schreckens ob dieser Kunde traten Bürgermeister, Schöffen und Räte aus dem Rathaus, um in corpore den Kaiser zu begrüßen, dieweil ihre Diener durch die ganze Stadt liefen, um die Böllerschüsse anzusagen, das Geflügel ins Feuer und die Bratspieße in die Oefen zu schieben. Männer, Frauen und Kinder liefen herum und schrieen: „Keyser Karel is op’t groot marckt.“
Alsbald war viel Volks auf dem Platze. Der Kaiser, höchst ergrimmt, fragte die beiden Bürgermeister, ob sie nicht gehenkt zu werden verdienten, maßen sie solcherart an Ehrfurcht vor ihrem Herrscher ermangelt hätten.
Die Bürgermeister antworteten, daß sie es wahrlich verdienten, aber daß Ulenspiegel, der Turmbläser, es noch mehr verdiente, sintemalen man ihn auf die Kunde von der Ankunft seiner Majestät mit einer guten Brille versehen und dort angestellt habe, mit ausdrücklichem Befehl, dreimal ins Horn zu stoßen, sobald er den kaiserlichen Zug kommen sähe. Er aber hätte nichts dergleichen getan.
Der Kaiser, immer noch zornig, verlangte, daß man Ulenspiegel vor ihn führte.
„Weshalb,“ sprach er zu ihm, „hast Du bei meiner Ankunft nicht die Trompete geblasen, da Du doch eine so scharfe Brille hast?“
So sprechend, hielt er der Sonne wegen die Hand über die Augen und blickte Ulenspiegel an.
Dieser hielt gleichermaßen die Hand über die Augen und sagte, er habe sich der Brille nicht mehr bedienen wollen, seit er bemerkt habe, wie seine Majestät durch die Finger sähe.
Der Kaiser sagte ihm, daß er gehenkt werden solle; der erste Stadtwächter sagte, das sei wohlgetan, und die Bürgermeister waren über dies Urteil so in Schrecken versetzt, daß sie kein Wort erwiderten, weder um es zu billigen, noch um Einspruch zu tun.
Der Henker und seine Büttel wurden entboten. Sie kamen mit einer Leiter und einem neuen Strick und packten Ulenspiegel am Kragen. Der schritt vor den hundert Reitern von Kornjuin einher, hielt sich ruhig und sagte seine Gebete. Aber jene verhöhnten ihn aufs bitterste.
Das Volk, welches hinterher ging, sagte:
„Es ist eine gar große Grausamkeit, einen armen Jungen um eines so leichten Fehls willen umzubringen.“
Und die Weber waren bewaffnet und in großer Zahl und sagten:
„Wir werden nicht zulassen, daß Ulenspiegel gehenkt wird; das ist gegen das Gesetz von Audenaerde.“
Derweilen kam man auf den Galgenacker. Ulenspiegel ward die Leiter hinaufgeführt und der Henker legte ihm den Strick um den Hals. Die Weiber drängten sich um den Galgen. Der Profoß war zu Roß und stützte die Rute der Gerechtigkeit, womit er auf des Kaisers Befehl das Zeichen zur Hinrichtung geben sollte, auf den Bug seines Pferdes.
Das ganze versammelte Volk schrie:
„Gnade, Gnade für Ulenspiegel!“
Ulenspiegel sagte auf seiner Leiter:
„Erbarmen, gnädiger Kaiser!“
Der Kaiser hob die Hand und sagte:
„Wenn dieser Taugenichts mich um etwas bittet, das ich nicht tun kann, so soll er mit dem Leben davonkommen.“
„Rede, Ulenspiegel“, schrie das Volk.
Und die Frauen weinten und sagten:
„Er wird um nichts bitten können, der arme Junge, denn der Kaiser vermag alles.“
Und alle riefen zumal:
„Rede, Ulenspiegel!“
„Heilige Majestät,“ sagte Ulenspiegel, „ich bitte Euch nicht um Geld noch Gut, noch um mein Leben, sondern allein um etwas, um das, wenn ich es zu sagen wage, Ihr mich nicht peitschen, noch rädern lasset, ehe ich ins Land der Seelen gehe.“
„Ich verspreche es Dir“, sagte der Kaiser.
„Majestät,“ sprach Ulenspiegel, „ich bitte, daß Ihr kommt, den Mund zu küssen, mit dem ich nicht vlämisch spreche, ehe ich gehenkt werde.“
Der Kaiser lachte wie alles Volk und sagte:
„Ich kann nicht tun, um was Du bittest, und Du sollst nicht gehenkt werden, Ulenspiegel.“
Aber er verurteilte die Bürgermeister und Schöffen, sechs Monde lang Brillen hinten am Kopf zu tragen.
„Auf daß die von Audenaerde,“ sagte er, „wenn sie vorn nicht sehen können, wenigstens hinten sehen mögen.“
Und nach Kaiserlicher Verordnung ist diese Brille noch heute im Wappen der Stadt zu sehen.
Und Ulenspiegel ging bescheiden von dannen, mit einem kleinen Beutel voll Geld; den hatten ihm die Frauen gegeben.