54
Da Ulenspiegel lange Zeit gewandert war, hatte er blutende Füße und begegnete im Bistum Mainz einem Planwagen mit Pilgern, der brachte ihn bis nach Rom.
Als er in die Stadt einfuhr und vom Wagen stieg, erblickte er auf der Schwelle einer Herbergstür ein artiges Weiblein, welches lächelte, da es sah, wie er es anschaute.
Diese holde Laune zu seinen Gunsten deutend, sprach er:
„Wirtin, willst Du dem pilgernden Pilger Obdach geben? Denn ich bin der Entbindung nahe und werde mit dem Erlaß meiner Sünden niederkommen.“
„Wir geben Obdach allen, die uns zahlen.“
„Ich habe hundert Dukaten in meiner Geldkatze,“ versetzte Ulenspiegel, der nur einen hatte, „und ich will den ersten draufgehen lassen und mit Dir eine Flasche alten römischen Weins trinken.“
„Der Wein ist an diesen heiligen Orten nicht teuer“, erwiderte sie. „Tritt ein und trinke für einen Soldo.“
Sie tranken so lange mitsammen und leerten unter artigen Reden so viele Flaschen, daß die Wirtin ihrer Magd heißen mußte, an ihrer Statt den Kunden zu trinken zu geben. Sie und Ulenspiegel zogen sich derweil in ein Hintergemach zurück, das mit Marmelstein ausgelegt und kalt wie der Winter war.
Den Kopf auf seine Schulter neigend, fragte sie ihn, wer er wäre. Ulenspiegel gab diese Antwort:
„Ich bin Herr von Geeland, Graf von Gavergaëten, Baron von Tuchtendeel, und in Damm, meiner Vaterstadt, habe ich fünfundzwanzig Morgen Mondschein.“
„Was ist das für ein Landgut?“ fragte die Wirtin und trank aus Ulenspiegels Humpen.
„Das ist eine Besitzung, auf der man das Korn der Täuschungen, der leeren Hoffnungen und der luftigen Versprechen säet. Aber Du bist nicht im Mondschein geboren, holde Wirtin mit der ambraduftenden Haut und den Augen, die wie Perlen glänzen. Das bräunliche Gold dieser Haare hat die Farbe der Sonne; Venus, die neidlose, machte Dir die üppigen Schultern, die prallen Brüste, die runden Arme und die zierlichen Händlein. Werden wir heute Abend mitsammen speisen?“
„Schöner Pilger aus Flandern,“ sprach sie, „warum kommst Du hierher?“
„Um mit dem Papst zu sprechen,“ versetzte Ulenspiegel.
„Ach,“ sprach sie, die Hände faltend, „mit dem Papst zu sprechen; ich, die ich aus diesem Lande stamme, habe es nimmer vermocht.“
„Ich werde es tun“, sprach Ulenspiegel.
„Aber,“ sagte sie, „weißt Du, wohin er geht, wie er ist? Kennst Du seine Gewohnheiten und seine Lebensweise?“
„Man hat mir unterwegs erzählt, daß er Julius III. heißet, daß er ein Wüstling, lustig und ausschweifend ist, geschickt in der Unterhaltung und scharfsinnig in seinen Antworten. Auch hat man mir gesagt, daß er für einen kleinen schwarzen, schmutzigen und ungesitteten Bettelbuben, der mit einem Affen um Almosen bettelt, eine außerordentliche Freundschaft gefaßt hat. Da er auf den päpstlichen Stuhl gelangte, hat er ihn zum Kardinal der Anleihen gemacht, und er soll krank sein, wenn er einen Tag verbringt, ohne ihn zu sehen.“
„Trink,“ sagte sie, „und sprich nicht so laut.“
„Man sagt auch, daß er wie ein Soldat fluchte: Al dispetto di Dio, potta di Dio, als er eines Tages beim Nachtmahl einen kalten Pfauen, den er sich hatte aufheben lassen, nicht fand. Er sagte: „Ich, der Statthalter Christi, mag wohl eines Pfauen halber fluchen, wenn mein Herr um einen Apfel gezürnet hat!“ / „Du siehst, Schätzlein, daß ich den Papst kenne und weiß, wer er ist.“
„Ach,“ sagte sie, „aber sprich davon nicht zu andern. Du wirst ihn gleichwohl nicht sehen.“
„Ich werde mit ihm sprechen“, sagte Ulenspiegel.
„Wenn Du das tust, so gebe ich Dir hundert Gülden.“
„Ich habe sie schon gewonnen“, sprach Ulenspiegel.
Am andern Morgen lief er in der Stadt umher, wiewohl seine Beine müde waren, und erkundete, daß der Papst des selbigen Tages in Sankt Johann vom Lateran die Messe lesen würde. Ulenspiegel ging dorthin und stellte sich so auffallend in die Nähe des Papstes, als er vermochte, und jedes Mal, wenn der Papst den Kelch oder die Hostie erhob, kehrte Ulenspiegel dem Altar den Rücken.
Neben dem Papst stand ein Kardinal, der die Messe ministrirte, braun von Angesicht, boshaft und feist, mit einem Affen auf der Schulter, und gab dem Volk mit vielen unzüchtigen Gesten das Sakrament. Er machte den Papst auf Ulenspiegels Gebahren aufmerksam und der Papst sandte nach der Messe vier prächtige Kriegsmänner, wie man sie in diesen kriegerischen Ländern kennt, sich des Pilgers zu bemächtigen.
„Was für einen Glauben hast Du?“ fragte ihn der Papst.
„Allerheiligster Vater,“ versetzte Ulenspiegel, „ich habe den Glauben, den meine Wirtin hat.“
Der Papst ließ die Frau holen.
„Was glaubst Du?“ sagte er zu ihr.
„Was Eure Heiligkeit glaubt“, erwiderte sie.
„Und ich desgleichen“, sprach Ulenspiegel.
Der Papst fragte ihn, warum er dem heiligen Sakrament den Rücken gedreht hätte.
„Ich fühlte mich unwürdig, es anzuschauen.“
„Du bist Pilger“, sagte der Papst.
„Ja,“ sprach er, „ich komme aus Flandern, Vergebung meiner Sünden zu erbitten.“
Der Papst segnete ihn und Ulenspiegel ging mit der Wirtin von dannen; die zählte ihm hundert Gülden auf. So beladen verließ er Rom, um in das Land Flandern zurückzukehren.
Aber für seinen Ablaß, der auf Pergament geschrieben war, mußte er sieben Dukaten entrichten.