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Mit seinem Pilgergewand angetan und seiner Vergehen los und ledig, verließ Ulenspiegel Rom, ging seines Weges fürbaß und kam nach Bamberg, wo man das beste Gemüse der Welt hat.
Er trat in eine Herberge, wo eine fröhliche Wirtin war; die sprach zu ihm:
„Junger Herr, willst Du für dein Geld essen?“
„Ja,“ sagte Ulenspiegel, „aber für wieviel isset man hier?“
Die Wirtin erwiderte:
„An der Herrentafel speist man für sechs Gülden; am Bürgertisch für vier und am Gesindetisch für zwei.“
„Das meiste Geld dient mir allerbest“, versetzte Ulenspiegel und ging und setzte sich an die Herrentafel. Als er sich satt gegessen und seine Mahlzeit mit Rheinwein begossen hatte, sprach er zur Wirtin:
„Gevatterin, ich habe für mein Geld gut gespeist; gib mir die sechs Gülden.“
Die Wirtin sagte zu ihm:
„Spottest Du meiner? Zahl Deine Zeche.“
„Liebreizende Meisterin,“ gab Ulenspiegel zur Antwort, „Ihr habt nicht das Aussehen einer schlimmen Schuldnerin; im Gegenteil, ich sehe soviel große Aufrichtigkeit, Treuherzigkeit und Nächstenliebe darin, daß Ihr mir lieber achtzehn Gülden zahlen würdet, als mir die sechs verweigern, die Ihr mir schuldet. Die schönen Augen! Die Sonne, die Strahlenpfeile auf mich schleudert und verliebte Tollheit aufschießen läßt, höher als die Quecken auf einem Brachfeld.“
Die Wirtin entgegnete:
„Ich habe nichts mit Deiner Tollheit noch mit Deinen Quecken zu schaffen; bezahle und scheer Dich fort.“
„Fortgehen und Dich nicht fürder sehen! Lieber wollt’ ich augenblicks verscheiden. Meisterin, süße Meisterin, ich habe nicht die Gewohnheit für sechs Gülden zu essen, ich armer junger Kerl, der über Berg und Tal wandert. Ich habe mich vollgestopft, und bald werde ich wie ein Hund in der Sonne die Zunge heraushängen lassen. Geruht, mich zu bezahlen, ich habe die sechs Gülden durch die harte Arbeit meiner Kinnbacken redlich verdient. Gebt sie mir und ich werde Euch mit solcher Glut der Dankbarkeit liebkosen, küssen und umarmen, daß siebenundzwanzig Verliebte mitsammen zu solcher Leistung nicht ausreichen.“
„Du redest so ums Geld“, sagte sie.
„Soll ich Dich umsonst aufessen?“
„Nein“, sprach sie, sich seiner erwehrend.
„Ach,“ seufzte er, sie verfolgend, „Deine Haut ist wie Rahm, Deine Haare sind wie ein Fasan, der am Spieß gebräunt ist, Deine Lippen wie Kirschen! Gibt es eine, die leckerer ist als Du?“
„Es steht Dir wohl an, Du loser Vogel,“ sagte sie lächelnd, „mir noch sechs Gülden abzufordern. Sei froh, daß ich Dich gratis gefüttert habe, ohne etwas von Dir zu fordern.“
„Wenn Du wüßtest, wieviel Platz noch da ist.“
„Zieh ab,“ sagte die Wirtin, „ehe mein Mann kommt.“
„Ich werde ein nachsichtiger Gläubiger sein“, versetzte Ulenspiegel. „Gib mir zum wenigsten einen Gülden für den künftigen Durst.“
„Da, Du schlimmer Geselle“, sagte sie und gab ihm den.
„Aber lässest Du mich auch wiederkommen?“
„Willst Du wohl gehen“, sagte sie.
„Wohl gehen,“ sprach Ulenspiegel, „das hieße zu Dir gehen, Du Holde. Aber Deine schönen Augen verlassen, das heißt schlecht gehen. Wenn Du geruhst, mich zu behalten, werde ich nur für einen Gülden täglich essen.“
„Ist ein Stock vonnöten?“ sprach sie.
„Nimm meinen“, erwiderte Ulenspiegel.
Sie lachte, aber er mußte von dannen ziehen.