58
Gegen das Ende des dritten Jahres kehrte Katheline nach Damm in ihre Behausung zurück. Und ohne Aufhören sagte die Irre: „Feuer auf dem Kopf, die Seele pocht, macht ein Loch, sie will hinaus.“ Und allemal, wenn sie Ochsen oder Hämmel erblickte, entfloh sie. Und sie setzte sich auf die Bank unter den Linden hinter ihrer Hütte, schüttelte den Kopf und sah die von Damm an, ohne sie zu erkennen; sie aber sagten, an ihr vorübergehend: „Das ist die Irre.“
Indessen erblickte Ulenspiegel, welcher auf Wegen und Stegen umherstreifte, einen Esel auf der Landstraße; der war mit einem Leder aufgezäumt, welches mit Kupfernägeln verziert war, und sein Kopf war mit Quasten und Troddeln von roter Wolle geschmückt.
Etliche alte Weiber stunden um den Esel und schwatzten und redeten alle zumal: „Keiner kann ihn bezwingen, es ist das grausliche Tier des großen Hexenmeisters, Baron von Rais, der lebendig verbrannt ward, dafür daß er dem Teufel acht Kinder geopfert hat. / Gevatterinnen, er ist so schnell davongelaufen, daß man ihn nicht hat einholen können. Satan steckt in ihm und beschützt ihn. / Denn da er ermattet auf der Landstraße still stand, kamen die Gemeinbüttel, ihn zu fangen; er aber schlug hinten aus und schrie so erschrecklich, daß sie ihm nicht zu nahen wagten. / Und das war keines Esels, sondern des Teufels Geschrei. / Derhalben ließ man ihn Disteln weiden, ohne ihm den Prozeß zu machen, noch ihn als Hexenmeister lebendig zu verbrennen. / Diese Mannsleute haben keinen Mut.“
Ohngeachtet dieser erbaulichen Reden entflohen sie mit Geschrei, sobald der Esel die Ohren spitzte oder sich die Flanken mit dem Schwanze schlug. Dann aber kamen sie gackernd und plappernd wieder und führten bei der geringsten Bewegung des Grautiers die nämliche Komödie von Neuem auf.
Aber Ulenspiegel betrachtete sie mit Lachen:
„Ach,“ sprach er, „Neugierde ohne Ende und immerwährendes Reden strömt wie ein Fluß aus den Mäulern der Gevatterinnen, sonderlich der alten, denn bei den jungen ist der Strom nicht so reißend wegen ihrer verliebten Geschäfte.“
Alsdann nahm er den Esel in Augenschein.
„Dies Hexentier ist behend,“ sprach er, „und trabt ohne Zweifel nicht mit den Schultern; ich kann darauf reiten oder es verkaufen.“
Ohne ein Wort zu sagen, ging er und holte eine Metze Hafer, gab sie dem Esel zu fressen, sprang ihm hurtig auf den Rücken, ergriff den Zügel, drehte sich nach Norden, Osten und Westen und segnete von ferne die Alten.
Die knieten, ohnmächtig vor Schreck, nieder, und in der Spinnstube hieß es hernach, daß ein Engel, der einen Filzhut mit Fasanenfeder trug, gekommen sei, sie alle zu segnen und durch absonderliche Gnade Gottes den Esel des Zauberers fortzuführen.
Und Ulenspiegel trabte auf seinem Esel von dannen, mitten durch fette Weiden, wo Pferde frei umhersprangen und Kühe und Färsen träg in der Sonne lagen und wiederkäuten. Und er nannte ihn Jef.
Der Esel stand still und hielt wohlgemut sein Mittagmahl von Disteln. Bisweilen jedoch zitterte er über die ganze Haut und schlug mit dem Schwanz an die Flanken, um die gefräßigen Bremsen zu vertreiben, die auch speisen wollten, aber von seinem Fleische.
Ulenspiegel, dessen Magen vor Hunger knurrte, war trübselig.
„Du wärest recht glücklich, Herr Esel,“ sagte er, „bei Deinem Mittagmahl von fetten Disteln, „wann keiner Dich in Deinem Wohlbehagen störte und Dich erinnerte, daß Du sterblich bist, das ist geboren, um alle Arten von Unbill zu erdulden. Gleich wie Du,“ fuhr er fort und drückte den Esel mit den Schenkeln, „hat der Mann vom heiligen Pantoffel seine Bremse, das ist der Doktor Luther, und seine Hohe Majestät Karl hat auch die seine, das ist Herr Franz, der erste des Namens, der König mit der sehr langen Nase und dem noch längeren Degen. Darum ist es mir, dem armen jungen Kerl, der wie ein Jude herumirrt, wohl erlaubt, auch eine Bremse zu haben, Herr Esel. Ach, alle meine Täschlein sind durchlöchert und durch das Loch laufen all meine schönen Dukaten, Gülden und Taler davon wie eine Legion Mäuse, so dem Rachen einer Katze entfleuchen. Ich weiß nicht, warum das Geld mich nicht mag, der ich so gern das Geld möchte. Was man auch sage, Fortuna ist kein Weib, denn sie liebt nur die geizigen Filze, so sie in Truhen und Säcke sperren und mit zwanzig Schlüsseln verschließen und ihr nimmer erlauben, ein Endlein ihrer ganz vergüldeten Nase ans Fenster zu drücken. Das ist die Bremse, die an mir nagt und frißt und mich kitzelt, ohne mich zum Lachen zu bringen, Du hörst mich nicht an, Herr Esel, und denkst nur ans Fressen. O, Du Fettwanst, der seinen Wanst anfüllt, Deine langen Ohren sind taub für das Knurren der leeren Bäuche. Hör mich an, ich will es.“
Und er peitschte ihn fort. Der Esel hub an zu schreien.
„Nun Du gesungen hast, laß uns weitergehen“, sagte Ulenspiegel.
Aber der Esel rührte sich nicht mehr denn ein Meilenstein und schien den Vorsatz gefaßt zu haben, alle Disteln an der Straße bis auf die letzte zu fressen. Und es mangelte nicht daran.
Da Ulenspiegel das sah, stieg er ab, schnitt einen Strauß Disteln, hielt ihn dem Esel unter die Nase und führte ihn solcherart bis in das Gebiet des Landgrafen von Hessen.
„Meister Esel,“ sagte er im Weiterreiten, „Du läufst meinem Distelstrauße nach und lässest den schönen Weg, der ganz mit diesen leckeren Pflanzen bestanden ist, hinter Dir. So machen es alle Menschen; die einen wittern den Duft des Ruhmes, den Fortuna ihnen unter die Nase hält, die andern den Duft des Gewinstes und etliche den Duft der Liebe. Am Ende des Weges werden sie wie Du gewahr, daß sie dem nachgelaufen sind, was wenig war, und das zurückgelassen haben, was etwas war, nämlich: Gesundheit, Arbeit, Ruhe und Wohlsein daheim.“
Dergestalt mit seinem Esel schwätzend, kam Ulenspiegel vor den Palast des Landgrafen.
Zwei Hauptleute der Scharfschützen würfelten auf der Treppe. Der eine von ihnen, welcher rothaarig und riesengroß war, sprach zu Ulenspiegel, der bescheidentlich auf Jef saß und ihnen zusah: „Was willst Du bei uns mit Deiner ausgehungerten Pilgerfratze?“
„Ich habe freilich großen Hunger,“ versetzte Ulenspiegel, „und wallfahrte wider Willen.“
„So Du Hunger hast,“ erwiderte der Hauptmann, „so schlinge den Strick hinunter, der am nächsten Galgen baumelt; der ist für Landstreicher bestimmt.“
„Herr Hauptmann,“ antwortete Ulenspiegel, „wenn Ihr mir den schönen güldenen Strick gäbet, den Ihr am Hute traget, so würde ich mich mit den Zähnen an jenem fetten Schinken aufhängen, der dorten beim Garkoch baumelt.“
„Woher kommst Du?“ fragte der Hauptmann.
„Aus Flandern“, antwortete Ulenspiegel.
„Was willst Du?“
„Seiner landgräflichen Gnaden ein Gemälde meiner Art zeigen.“
„Wenn Du ein Maler und aus Flandern bist,“ sagte der Hauptmann, „so tritt ein, und ich werde Dich zu meinem Herrn führen.“
Da Ulenspiegel vor den Landgrafen geführt ward, grüßte er ihn dreimal und noch mehr.
„Geruhen Euer Landgräfliche Gnaden“, sprach er, „meine Dreistigkeit zu entschuldigen, wenn ich es wage, zu Ihren edlen Füßen eine Malerei niederzulegen, die ich für Sie machte, und worauf ich die Ehre hatte, die Jungfrau in kaiserlichem Schmuck zu konterfeien.“
„Diese Malerei“, fuhr er fort, „wird Euch vielleicht genehm sein. In dem Falle macht mich meine Kunst so vermessen, auf eine Erhöhung meines Sitzes bis zu diesem schönen Armsessel von rotem Sammet zu hoffen, worinnen zu seinen Lebzeiten der unvergeßliche Maler Euer großmütigen Gnaden saß.“
Da der Herr Landgraf das Gemälde, das schön war, betrachtet hatte, sagte er:
„Du sollst Unser Maler werden, setz Dich dort auf den Armstuhl.“ Und er küßte ihn fröhlich auf beide Wangen. Ulenspiegel setzte sich.
„Schier zerlumpt schaust Du aus“, sprach der Landgraf, ihn betrachtend.
Ulenspiegel erwiderte:
„Wahrlich, Euer Gnaden, Jef, das ist mein Esel, fraß Disteln zu Mittag, aber ich lebe seit drei Tagen nur von Elend und nähre mich vom Dunste der Hoffnung.“
„Du wirst alsbald besseres Fleisch zum Nachtmahl haben,“ entgegnete der Landgraf, „aber wo ist Dein Esel?“
„Ich habe ihn auf dem Schloßplatz gelassen, dem Palast Eurer Gnaden gegenüber. Ich wäre recht froh, wenn Jef Obdach, Streu und Futter für die Nacht fände.“
Der Herr Landgraf befahl stracks einem seiner Pagen, Ulenspiegels Esel zu behandeln, als wär’s sein eigner.
Alsbald kam die Stunde des Nachtmahls. Da war eitel Hochzeit und Gelage, und die Fleischspeisen dampften immerfort und die Weine strömten in die Kehlen.
Ulenspiegel und der Landgraf waren alle beide so rot wie glühende Kohlen; Ulenspiegel ward lustig, aber der Landgraf blieb nachdenklich.
„Unser Maler,“ sagte er plötzlich, „Du mußt mich malen, denn es ist für einen sterblichen Fürsten eine gar große Genugtuung, seinen Nachkommen sein Antlitz zum Gedächtnis zu hinterlassen.“
„Herr Landgraf,“ versetzte Ulenspiegel, „Euer Wille ist mein Wunsch; aber mir Armseligen scheint, daß Eure Liebden so ganz allein konterfeit in den künftigen Zeiten nicht viel Kurzweil haben würden. Ihr müßt in Gesellschaft Eurer edlen Gemahlin, der Frau Landgräfin, hochdero Damen und Herren und Eurer tapfersten Hauptleute und Offiziere sein, in deren Mitte der hohe Herr und die hohe Frau wie Sonnen unter Laternen erglänzen werden.“
„Fürwahr, Unser Maler,“ erwiderte der Landgraf, „und was soll ich Dir für diese große Arbeit zahlen?“
„Hundert Gülden im voraus oder anders“, sprach Ulenspiegel.
„Hier sind sie im voraus“, sprach der Landgraf.
„Euer Mitleid, gnädiger Herr, gießt Öl auf meine Lampe; sie wird Euch zu Ehren brennen“, sprach Ulenspiegel.
Am folgenden Tag bat er Seine Gnaden den Landgrafen, Die, welchen er die Ehre des Konterfeis zugedacht hätte, an ihm vorbeiziehen zu lassen.
Da kam der Herzog von Lüneburg, der Feldhauptmann der Landsknechte im Dienste des Landgrafen, der seinen feisten Wanst nur mit großer Beschwerde schleppte. Er trat nahe an Ulenspiegel heran und säuselte ihm diese Worte ins Ohr:
„Wenn Du mir beim Abmalen nicht die Hälfte meines Fettes fortnimmst, so laß ich Dich durch meine Soldaten henken.“
Kam sodann eine hohe Dame; selbige hatte einen Höcker auf dem Rücken und eine Brust, so glatt wie die Klinge eines Richtschwertes.
„Meister Maler,“ sagte sie, „wenn Du mir nicht anstatt des einen, den du fortnimmst, zwei Höcker machst und sie nach vorne setzest, so laß ich Dich wie einen Giftmischer vierteilen.“
Kam ein junges Ehrenfräulein, blond, frisch und liebreizend, aber ihr fehlten drei Zähne unter der Oberlippe.
„Meister Maler,“ sprach sie, „wenn Du mich nicht malst, wie ich lache und zweiunddreißig Zähne zeige, so laß ich Dich durch meinen Herzallerliebsten in Stücke hacken.“
Und auf den Hauptmann der Scharfschützen weisend, der zuvor auf der Treppe des Palastes gewürfelt hatte, ging sie weiter.
Die Prozession nahm ihren Verlauf. Ulenspiegel blieb mit Seiner Gnaden dem Landgrafen allein.
„Wenn Du das Unglück hast,“ sprach dieser, „beim Konterfeien aller dieser Gesichter mit einem Strich zu lügen, so laß ich Dir den Hals abschneiden wie einem jungen Huhn.“
Ulenspiegel gedachte: „des Kopfes beraubt, gevierteilt, kleingehackt oder zum mindesten gehenkt, wird es leichter sein, gar nicht zu malen. Ich werde darauf bedacht sein.“
„Wo ist der Saal,“ fragte er den Landgrafen, „den ich mit all diesen Gemälden schmücken soll?“
„Folge mir“, sprach der Landgraf.
Und er zeigte ihm ein großes Gemach mit ganz nackten Mauern.
„Hier ist der Saal“, sagte er.
„Mir wäre es lieb,“ sprach Ulenspiegel, „wenn man vor diese Wände große Vorhänge zöge, auf daß meine Schildereien nicht möchten durch Fliegen und Staub verunglimpft werden.“
„Das soll geschehen“, sprach der Landgraf.
Nachdem die Vorhänge befestigt waren, begehrte Ulenspiegel drei Gesellen, damit sie, wie er sagte, ihm die Farben rieben. Dreißig Tage lang taten Ulenspiegel und die Gesellen nichts denn schwelgen und schlemmen und schonten der feinen Braten und alten Weine nicht; der Landgraf wachte selbst darüber.
Indessen am einunddreißigsten Tage steckte er die Nase in die Türe des Gemachs, das auf Ulenspiegels Geheiß niemand betreten sollte.
„Wohlan, Tyll,“ sprach er, „wo sind die Bilder?“
„Sie sind weit“, antwortete Ulenspiegel.
„Kann man sie nicht sehen?“
„Noch nicht.“
Am sechsunddreißigsten Tage steckte er wieder die Nase durch die Türe:
„Wohlan, Tyll?“ fragte er.
„Ei, gnädigster Herr Landgraf, sie gehen dem Ende zu.“
Am sechzigsten Tage ward der Landgraf zornig und trat in das Gemach.
„Flugs wirst Du mir die Bildnisse zeigen“, sprach er.
„Jawohl, Euer Furchtbarkeit“, erwiderte Ulenspiegel. „Aber wollet diesen Vorhang nicht lüften, ehe Ihr nicht die Herren Hauptleute und Damen Eures Hofes hierher beschieden habt.“
„Ich willige darein“, sprach der Landgraf.
Alle kamen auf sein Geheiß.
Ulenspiegel stand vor dem zugezogenen Vorhang.
„Gnädigster Herr Landgraf,“ sprach er, „und Ihr, gnädigste Frau Landgräfin, und Eure Gnaden von Lüneburg und Ihr anderen schönen Damen und wackeren Hauptleute, ich habe Eure liebreizenden oder kriegerischen Angesichter hinter jenem Vorhang aufs beste abkonterfeit. Es wird Euch ein Leichtes sein, Euch männiglich darauf zu erkennen. Ihr seid neugierig, es zu sehen, das ist gerecht, aber geruhet Euch zu gedulden, und lasset mich ein Wort oder sechs reden. Schöne Damen und wackere Hauptleute, die Ihr adligen Blutes seid, Ihr könnet meine Malerei sehen und bewundern, so aber einer unter Euch ein Bürgerlicher ist, wird er nur die weiße Wand erblicken. Und nun geruhet Eure edlen Augen aufzutun.“
Ulenspiegel zog den Vorhang fort:
„Allein die adligen Herren, allein die adligen Damen sind sehend. Darum wird man in Bälde sagen: Für die Malerei blind wie ein Niedriggeborener, scharfsichtig wie ein Edelmann.“
Alle sperrten die Augen auf und stellten sich, als ob sie etwas sähen, zeigten sich einer dem andern, nannten Namen und erkannten sich, aber in Wahrheit erblickten sie nur die nackte Wand, welches sie verblüffte.
Plötzlich sprang der Narr, der zugegen war, drei Schuh hoch in die Luft und schüttelte seine Schellen:
„Scheltet mich einen Bürgerlichen, einen Niedrigen, der Niedrigkeit noch erniedrigt, aber ich sage und rufe mit Pauken und Trompeten, daß ich allda nur eine kahle Wand, eine weiße Wand, eine kahle Wand sehe. So mögen mir Gott und alle seine Heiligen beistehen.“
Ulenspiegel versetzte:
„Wenn Narren drein reden, so ist’s für die Weisen an der Zeit, zu gehen.“
Er wollte den Palast verlassen, als der Landgraf ihn festhielt und sprach:
„Du Schalksnarr, der durch die Welt wandert und die schönen und guten Dinge preist und der Dummheit mit einer scharfen Zunge spottet, Du wagtest angesichts so vieler hoher Damen und noch höherer vieledler Herren Dich öffentlich über Wappen und Adelsstolz lustig zu machen; du wirst eines Tages für Dein freies Reden gehenkt werden.“
„Wenn der Strick von Gold ist, wird er vor Furcht zerreißen, wenn er mich kommen sieht.“
„Nimm“, sprach der Landgraf und gab ihm fünfzehn Gülden; „dies ist das eine Ende davon.“
„Großen Dank, Euer Gnaden,“ erwiderte Ulenspiegel, „jede Herberge des Weges wird ein Fädlein davon erhalten, ein gülden Fädlein, das die spitzbübischen Herbergswirte zu Krösussen macht.“
Und wohlgemut ritt er auf seinem Esel fürbaß; die Kappe trug er hoch, und die Feder wallte im Winde.