61
Derweilen ritt Ulenspiegel auf Jefs Rücken durch das Land und die Sümpfe des Herzogs von Lüneburg. Die Vlamländer nennen diesen Herzog den Water-Signorke, dieweil immer feucht Wetter bei ihm ist.
Jef gehorchte Ulenspiegel gleich wie ein Hund, trank Braunbier, tanzte besser denn ein ungarischer Meister in der Kunst der Grazien, stellte sich beim leisesten Wink für tot und legte sich auf den Rücken.
Ulenspiegel wußte, daß der Herzog von Lüneburg gekränkt und erbost war, dieweil Ulenspiegel seiner zu Darmstadt vor dem Landgrafen von Hessen gespottet, und daß er ihm sein Land bei Strafe des Galgens verboten hatte. Plötzlich sah er Seine Herzogliche Hoheit in Persona daherkommen, und da er ihn als heftig kannte, ergriff ihn die Furcht. Er sprach zu seinem Esel:
„Jef, da kommt der hohe Herr von Lüneburg. Am Halse juckt mich ein Strick, wenn nur der Henker mich nicht kratzt. Jef, ich will gern gekratzt, aber nicht gehenkt werden. Gedenke, daß wir Genossen im Elend sind und beide lange Ohren haben; gedenke auch, welch guten Freund Du an mir verlörest.“
Und Ulenspiegel wischte sich die Augen, und der Esel hub an zu schreien.
Dann redete er weiter:
„Wir leben lustig oder traurig mitsammen, wie es der Zufall will; gedenkst Du daran, Jef?“ Der Esel fuhr fort zu schreien, denn er hatte Hunger. „Und Du wirst meiner nimmer vergessen können,“ sagte sein Herr, „denn welche Freundschaft wäre von Dauer, denn allein die, so über die nämlichen Freuden lacht und über die nämlichen Schmerzen weint? Jef, Du mußt Dich auf den Rücken legen.“
Der folgsame Esel gehorchte, und mit den vier Hufen in der Luft ward er vom Herzog erblickt. Ulenspiegel setzte sich hurtig auf seinen Bauch. Der Herzog trat zu ihm:
„Was machst Du da?“ fragte er. „Weißt Du nicht, daß ich durch meine letzte Kundgebung Dir bei Galgen und Strick verbot, Deinen staubigen Fuß in meine Lande zu setzen?“
Ulenspiegel antwortete:
„Gnädiger Herr, habt Erbarmen mit mir!“
Dann wies er auf seinen Esel.
„Ihr wisset wohl, daß nach Gesetz und Recht der allzeit frei ist, der in seinen vier Pfählen wohnt.“
Der Herzog versetzte:
„Geh aus meinen Landen, oder Du sollst sterben.“
„Euer Gnaden,“ erwiderte Ulenspiegel, „ein Gülden oder zwei würden mich schneller von dannen tragen.“
„Taugenichts,“ sprach der Herzog, „ist es an Deinem Ungehorsam nicht genug? Willst Du mich auch noch um Geld bitten?“
„Ich muß wohl, Herr, da ich Euch keins nehmen kann.“
Der Herzog gab ihm einen Gülden.
Darauf sprach Ulenspiegel zu seinem Esel:
„Jef, steh auf und grüße Seine Gnaden.“
Der Esel erhob sich und schrie aufs neue. Dann zogen beide von dannen.