70
Die Kunde verbreitete sich alsbald in den benachbarten Dörfern, daß man einen Mann um der Ketzerei willen eingekerkert hätte, und daß der Inquisitor Titelman, Dechant von Renaix, mit dem Beinamen der Herzlose, das Verhör leiten sollte. Zur selbigen Zeit lebte Ulenspiegel in Koolkerke und stand in Gunst und Gnaden bei einer artigen Bäuerin, einer gefälligen Wittib, die ihm nichts abschlug, was ihr zu eigen war. Ulenspiegel war dort guter Dinge, ward gehätschelt und geliebkost bis an den Tag, wo ein falscher Nebenbuhler, ein Schöffe der Gemeine, ihm beim Verlassen der Schenke auflauerte, um ihn durchzubläuen. Doch Ulenspiegel warf ihn in den Sumpf, damit er seinen Zorn abkühle, und der Schöffe kroch heraus, so gut er’s vermochte, grün wie eine Kröte und durchweicht wie ein Schwamm.
Für diese Heldentat mußte Ulenspiegel Koolkerke verlassen. Er rannte, so schnell seine Beine ihn trugen, nach Damm, denn er fürchtete die Rache des Schöffen.
Der Abend sank kühl herab. Ulenspiegel lief schnell, es verlangte ihn, daheim zu sein. Im Geiste sah er Nele nähen, Soetkin das Nachtmahl bereiten und Klas Reisigbündel schnüren, Schnuffius einen Knochen benagen und den Storch der Hausmutter auf den Bauch klopfen, um einige Brocken vom Essen abzubekommen.
Ein wandernder Hausierer sprach im Vorbeigehen zu ihm:
„Wohin so eilends?“
„Nach Damm, nach Haus“, antwortete Ulenspiegel.
Der Hausierer erwiderte:
„Die Stadt ist nicht mehr sicher wegen der Reformierten, die man da verhaftet.“
Und er ging weiter.
Als Ulenspiegel am Wirtshaus „zum roten Schild“ anlangte, kehrte er ein, um ein Glas Doppelbier zu trinken. Der Wirt sprach zu ihm:
„Bist Du nicht des Klas Sohn?“
„Der bin ich“, antwortete Ulenspiegel.
„Spute Dich,“ sprach der Wirt, „denn die schlimme Stunde hat für Deinen Vater geschlagen.“
Ulenspiegel fragte, was er damit meinte.
Der Wirt antwortete, er würde es nur allzubald erfahren.
Und Ulenspiegel rannte weiter.
Als er bei den ersten Häusern von Damm anlangte, sprangen ihm die Hunde, so auf den Türschwellen standen, an die Beine und kläfften und bellten. Die alten Weiber kamen auf den Lärm heraus und riefen ihm alle miteinander zu:
„Woher kommst Du? Hast Du Kunde von Deinem Vater? Wo ist Deine Mutter? Ist sie auch im Kerker mit ihm? Wehe! Gnade Gott, daß man ihn nicht verbrenne!“
Ulenspiegel lief noch rascher.
Er begegnete Nele, die sprach zu ihm:
„Tyll, geh nicht in Dein Haus. Die aus der Stadt haben im Namen Seiner Majestät einen Wächter dort angestellt.“
Ulenspiegel blieb stehen:
„Nele,“ sprach er, „ist es wahr, daß mein Vater Klas im Gefängnis ist?“
„Ja,“ antwortete Nele, „und Soetkin weint auf der Schwelle.“ Da schwoll das Herz des verlorenen Sohnes vor Leid und er sprach zu Nele:
„Ich will sie besuchen.“
„Nicht das sollst Du tun, sondern vielmehr Klas gehorchen, der mir, ehe sie ihn ergriffen, gesagt hat: „Rette die Karolus, sie sind hinter der Rückwand des Rauchfangs.“ Die müssen zuerst gerettet werden, denn sie sind Soetkins, des armen Weibes Erbe.“
Ulenspiegel hörte nichts und eilte zum Gefängnis. Allda sah er Soetkin auf der Schwelle sitzen; sie umfing ihn mit Tränen und sie weinten mitsammen.
Und da das Volk sich ihretwegen in Haufen um das Gefängnis scharte, kamen Büttel und geboten Ulenspiegel und Soetkin, daß sie sich ehestens fortscheren sollten.
Mutter und Sohn gingen in Neles Hütte, die ihrem Hause benachbart war. Vor diesem sahen sie einen der Landsknechte, die von Brügge entboten waren, aus Furcht vor Unruhen, die während des Gerichts und der Hinrichtung entstehen mochten. Denn die Leute von Damm liebten Klas von Herzen.
Der Soldat saß auf dem Pflaster vor der Tür und war geschäftig, den letzten Tropfen Branntwein aus einer Flasche zu saugen. Da er nichts mehr darin fand, warf er sie einige Schritte weit, zog sein kurzes Schwert und ergötzte sich damit, die Pflastersteine auszugraben.
Soetkin trat bitterlich weinend bei Katheline ein. Und Katheline schüttelte den Kopf: „Das Feuer! Bohrt ein Loch, die Seele will hinaus“, sprach sie.