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Am folgenden Tag rief die Sturmglocke die Richter mit lauten Schlägen zum Gericht der Vierschare.

Da sie sich auf den vier Bänken um den Baum der Gerechtigkeit niedergesetzt, verhörten sie Klas abermals und fragten ihn, ob er seine Irrtümer aufgeben wollte.

Klas hob die Hand gen Himmel:

„Christus, mein Herr, blickt auf mich herab“, sagte er. „Ich schaute in seine Sonne, als mein Sohn Ulenspiegel geboren ward. Wo ist er zur Stunde, der Landstreicher? Soetkin, mein sanftes Weib, wirst Du im Unglück tapfer sein?“

Dann sah er die Linde an und verfluchte sie.

„Sturm und Dürre! Macht, daß die Bäume auf unserer Väter Erde lieber alle bis auf den Stamm zugrunde gehen, denn daß unter ihrem Schatten das freie Gewissen zum Tode verdammt wird. Wo bist Du, mein Sohn Ulenspiegel? Ich war hart gegen Dich. Ihr Herren, habt Mitleid mit mir und richtet mich, wie unser barmherziger Heiland es täte.“

Alle, die ihn hörten, weinten, nur die Richter nicht.

Dann fragte er, ob es keine Begnadigung für ihn gäbe, und sprach:

„Ich habe immer gearbeitet und wenig verdient, ich war gut zu den Armen und freundlich gegen jedermann. Die römische Kirche habe ich verlassen, um dem Geist Gottes zu gehorchen, der zu mir sprach. Ich flehe um keine Gnade, denn daß die Feuerstrafe in ewige, lebenslängliche Landesverweisung verwandelt werde, welche Strafe wahrlich schon groß ist.“

Alle, die gegenwärtig waren, schrien:

„Gnade, Ihr Herren! Erbarmen!“

Aber Jobst Griepenstüver rief nicht.

Der Amtmann winkte den Umstehenden zu schweigen und sagte, daß die Edikte das ausdrückliche Verbot enthielten, für die Ketzer um Gnade zu bitten. So aber Klas seinen Irrtum abschwören wolle, solle er durch den Strang anstatt durchs Feuer hingerichtet werden.

Und das Volk sprach:

„Ob Feuer oder Strang, es ist der Tod.“

Und die Frauen weinten, und die Männer murrten dumpf.

Darauf sprach Klas:

„Ich werde mitnichten abschwören. Tut mit meinem Leib, was Eurer Barmherzigkeit gefallen wird.“

Der Dechant von Renaix, Titelman, schrie:

„Es ist unerträglich zu sehen, wie solches Ketzergeschmeiß das Haupt vor seinen Richtern erhebt. Ihre Körper zu verbrennen ist eine Strafe von kurzer Dauer; man muß ihre Seelen retten und sie durch die Folter zwingen, ihre Irrtümer abzuschwören, auf daß sie dem Volk nicht das gefährliche Schauspiel von Ketzern geben, die eines unbußfertigen Todes sterben.“

Bei solcher Rede weinten die Frauen noch mehr, und die Männer sagten:

„Nach einem Geständnis folgt Strafe, nicht Folter!“

Der Gerichtshof entschied, dieweil die Folter in den Verordnungen nicht vorgeschrieben, so sei es nicht statthaft, sie Klas erleiden zu lassen. Abermals aufgefordert zu widerrufen, antwortete er:

„Ich kann es nicht.“

Kraft der Edikte ward er der Simonie für schuldig erklärt, wegen Verkaufes von Ablaß, desgleichen als Ketzer und Helfershelfer von Ketzern befunden und als solcher verurteilt, vor dem Gitter des Rathauses lebendig verbrannt zu werden, bis der Tod einträte.

Sein Körper sollte während zweier Tage am Pfahl befestigt bleiben, um zum Exempel zu dienen, und alsdann an der Stätte begraben werden, wo die Körper der Hingerichteten verscharrt werden.

Der Gerichtshof bewilligte dem Ankläger Jobst Griepenstüver, des Name nicht genannt ward, fünfzig Gülden auf die ersten hundert Karolusgülden der Erbschaft und den zehnten Teil von dem übrigen.

Da Klas diesen Richterspruch vernommen, sprach er zum Ältesten der Fischhändler:

„Du wirst eines elenden Todes sterben, Du schlechter Mensch, der für einen armseligen Groschen aus einem glücklichen Eheweib eine Wittib und aus einem fröhlichen Sohn eine bekümmerte Waise machst.“

Die Richter hatten Klas sprechen lassen, denn auch sie, ausgenommen Titelman, fühlten große Verachtung für die Angeberei des Obmanns der Fischergilde.

Dieser schien bleich vor Schmach und Zorn.

Und Klas ward in sein Gefängnis zurückgeführt.