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Eines Tages im Augustmonat ging Ulenspiegel in der flandrischen Straße zu Brüssel vor dem Hause von Jan Potztausend vorbei, welcher also genannt ward, weil sein väterlicher Großvater im Zorn so zu fluchen pflegte, um nicht den allerheiligsten Namen Gottes zu lästern. Besagter Potztausend war seines Zeichens Sticker; aber da er durch unmäßiges Trinken taub und blind geworden, stickte sein Weib, eine alte Gevatterin mit mürrischer Miene, an seiner Statt die Röcke, Wämser, Mäntel und Schuhe der Herren. Ihr hübsches Töchterlein half ihr bei dieser einträglichen Arbeit.
Da Ulenspiegel zur Dämmerstunde vor sotanem Hause vorüberging, sah er das Mägdlein am Fenster und hörte es rufen:
„Erntemond, Erntemond,
Sag an, holder Mond,
Wer wird mich freien,
Sag an, lieber Mond?“
„Ich,“ sprach Ulenspiegel, „so Du willst.“
„Du?“ fragte sie. „Komm näher, daß ich Dich betrachte.“
Aber er:
„Wie kommt’s, daß Du im Augustmond rufst, und daß die Brabanter Mägdlein am Vorabend des März rufen?“
„Die,“ sagte sie, „haben nur einen Monat, ihnen einen Mann zu bescheren, ich habe deren zwölf. Am Vorabend eines jeden / nicht um Mitternacht, sondern in den sechs Stunden vor Mitternacht / springe ich aus meinem Bett, mache drei Schritte rückwärts gegen das Fenster und rufe, was Dir bekannt ist. Dann kehre ich um und mache drei Schritte rückwärts gegen das Bett, und um Mitternacht leg ich mich nieder, schlafe ein und träume von dem Mann, den ich bekommen werde. Aber die Monate, die lieben Monate, sind von Natur schlimme Spötter, und so träume ich nicht mehr von einem Mann, sondern von zwölfen auf einmal: Du wirst der dreizehnte sein, wenn Du willst.“
„Die andern möchten eifersüchtig werden,“ antwortete Ulenspiegel. „Du rufst auch: Erlösung?“
Das Mägdlein errötete und gab zur Antwort:
„Ich rufe Erlösung und weiß, was ich begehre.“
„Ich weiß es gleichfalls und bringe es Dir.“
„Du mußt warten,“ sagte sie lächelnd und zeigte ihre weißen Zähne.
„Warten?“ sagte Ulenspiegel, „nein! Ein Haus kann mir auf den Kopf fallen, ein Windstoß mich in einen Graben werfen, ein toller Köter mich ins Bein beißen; nein, ich werde nicht warten.“
„Ich bin zu jung,“ sprach sie, „und rufe nur, weil es Brauch ist.“
Ulenspiegel ward argwöhnisch, gedenkend, daß die Brabanter Jungfrauen am Vorabend des März und nicht im Erntemond nach einem Manne rufen.
Sie sagte lächelnd:
„Ich bin zu jung und rufe nur, weil es Brauch ist.“
„Willst Du warten, bis Du zu alt bist?“ erwiderte Ulenspiegel. „Das ist eine schlechte Rechenkunst. Ich habe nimmer einen so runden Hals und weiße Brüste gesehen, Brüste einer Vlamländerin, voll der guten Milch, die Männer macht.“
„Voll? noch nicht, voreiliger Wanderer“, sagte sie.
„Warten“, wiederholte Ulenspiegel. „Soll ich etwa keine Zähne mehr haben, um Dich, Holde, ganz roh zu verschlingen? Du antwortest nicht, Du lächelst mit Deinen klaren, braunen Augen und Deinem kirschroten Mündlein.“
Das Mägdlein sah ihn listig an:
„Warum liebst Du mich so schnell? Welch Handwerk treibst Du? Bist Du ein Bettler, bist Du reich?“
„Ich bin ein Bettler und auch reich, so Du mir Deinen reizenden Leib gibst.“
Sie entgegnete:
„Nicht das will ich wissen. Gehest Du zur Messe? Bist Du ein guter Christ? Wo wohnest Du? Würdest Du zu sagen wagen, daß Du ein Bettler, ein Geuse, ein wirklicher Geuse bist, der sich wider die Dekrete und die Inquisition auflehnt?“
Klasens Asche brannte auf Ulenspiegels Brust.
„Ich bin ein Geuse,“ sagte er, „und will die Unterdrücker der Niederlande tot und von den Würmern gefressen sehen. Du schaust mich an, Geliebte. Das Feuer der Liebe, das für dich, Holde, brennt, ist das Feuer der Jugend, Gott entzündete es, es flammet, wie die Sonne leuchtet, bis daß es erlischt. Aber das Feuer der Rache, so in meinem Herzen glimmt, hat Gott gleichermaßen entzündet. Es wird Schwert, Feuer, Strang, Feuersbrunst, Verwüstung, Krieg und Untergang der Henker sein.“
„Du bist schön,“ sprach sie traurig und küßte ihn auf beide Wangen; „aber schweige.“
„Warum weinest Du?“ fragte er.
„Du mußt hier und wo immer Du bist, acht geben“, sagte sie.
„Haben diese Wände Ohren?“ fragte er.
„Sie haben nur die meinen“, sprach sie.
„Von Amor gemeißelt, ich schließe sie mit einem Kuß.“
„Törichter Freund, hör mich an, wenn ich spreche.“
„Warum? Was hast Du mir zu sagen?“
„Hör mich an,“ sprach sie voll Ungeduld. „Da kommt meine Mutter ... Schweige, schweige sonderlich vor ihr ...“
Die alte Potztausend kam herein. Ulenspiegel sprach zu sich, indem er sie betrachtete:
„Ein Gesicht, wie ein Schaumlöffel durchlöchert, Augen mit hartem und falschem Blick, ein Mund, der lachen will, und Fratzen, Ihr macht mich neugierig.“
„Gott sei mit Euch, Herr, mit Euch immerdar“, sagte die Alte. „Ich habe Geld empfangen, Töchterlein, schönes Geld vom Herrn van Egmont, da ich ihm seinen Mantel brachte, auf den ich die Narrenkappe gestickt hatte. Ja, Herr, eine Narrenkappe wider den Roten Hund.“
„Den Kardinal von Granvella?“ fragte Ulenspiegel.
„Ja“, sagte sie, „wider den Roten Hund. Man sagt, daß er dem König ihre Anschläge hinterbringt; sie wollen ihn umbringen. Sie haben recht, ist es nicht so?“
Ulenspiegel antwortete nicht.
„Ihr sahet sie nicht auf den Straßen mit einem Wams und einem grauen Oberkleid, wie das Volk es trägt, mit langen, hängenden Aermeln und Mönchskapuzen und auf all den grauen Oberkleidern die gestickte Narrenkappe. Ich habe ihrer zum mindesten siebenundzwanzig gemacht und mein Töchterlein fünfzehn. Das erboste den Roten Hund, diese Kappen zu sehen.“
Dann flüsterte sie Ulenspiegel ins Ohr:
„Ich weiß, daß die Herren beschlossen haben, die Kappe durch ein Aehrenbündel zu ersetzen, zum Zeichen der Einigkeit. Ja, ja sie wollen wider König und Inquisition kämpfen. Sie tun wohl daran, nicht so, Herr?“
Ulenspiegel antwortete nicht.
„Der fremde Herr braut Trübsal,“ sagte die Alte. „Sein Schnabel ist mit einem Mal zu.“
Ulenspiegel ließ kein Wort fallen und ging.
Alsbald kehrte er in eine Musikschenke ein, um das Trinken nicht zu vergessen. Die Schenke war voll von Zechern, die sprachen ohne alle Fürsicht vom König, den verhaßten Dekreten, der Inquisition und dem Roten Hund, so gezwungen werden müßte, das Land zu verlassen. Da sah er die Alte ganz zerlumpt und dem Anschein nach schlafend bei einem Schöpplein Branntwein. Also verharrte sie eine lange Weile, dann zog sie einen kleinen Teller aus ihrer Tasche, und er sah sie unter den Zechern betteln, sonderlich bei denen, so am unfürsichtigsten redeten.
Und die guten Tröpfe gaben ihr Gülden, Heller und Pfennige, ohne zu knausern.
Ulenspiegel, verhoffend, daß er von dem Mägdlein erfahren würde, was ihm die alte Potztausend nicht sagte, ging wiederum vor das Haus und erblickte das Mägdlein, das nicht mehr rief, sondern ihm zulächelte und süß verheißend mit den Augen zwinkerte.
Die Alte kehrte unversehens heim.
Ulenspiegel, erbost sie zu sehen, rannte wie ein Hirsch durch die Gasse und schrie: „Es brennt, es brennt“, bis er vor dem Hause des Bäckers Jakob Pietersen angelangt war. Die Fensterscheiben waren nach deutscher Art und flammten rot in der untergehenden Sonne. Ein dicker Rauch von Scheiten, so im Backofen zu Kohle wurden, entstieg der Esse der Bäckerei. Ulenspiegel rannte unaufhörlich und schrie: „Es brennt, es brennt“, und zeigte auf Jakob Pietersens Haus. Die Menge sammelte sich davor, sah die roten Fensterscheiben und den dicken Rauch und schrie gleich wie Ulenspiegel: „Es brennt, es brennt“. Der Wächter Unserer lieben Frau von der Kapellen stieß ins Horn, dieweil der Küster aus Leibeskräften die Feuerglocke, „Wacharm“ genannt, läutete. Und die Büblein und Dirnlein liefen pfeifend und singend in Schwärmen herzu.
Da Glocke und Trompete immerwährend erschallten, schnürte die alte Potztausend ihr Bündel und ging von dannen.
Ulenspiegel erspähte sie. Als sie fern war, trat er ins Haus.
„Du hier,“ sagte das Mägdlein, „so brennt es dorten nicht?“
„Da? nein“, antwortete Ulenspiegel.
„Aber die Glocke, die läutet?“
„Sie weiß nicht, was sie tut“, antwortete Ulenspiegel.
„Und diese klägliche Trompete und all das rennende Volk?“
„Die Zahl der Narren ist unendlich.“
„Was brennt denn?“
„Deine Augen und mein entflammtes Herz“, erwiderte Ulenspiegel.
Und er flog an ihren Mund.
„Du issest mich auf“, sagte sie.
„Ich habe die Kirschen gern“, sagte er.
Sie blickte ihn lächelnd und betrübt an. Plötzlich sagte sie weinend: „Komm nicht mehr hierher. Du bist ein Geuse und Feind des Papstes, komme nicht wieder ...“
„Deine Mutter!“ sagte er.
„Ja,“ sprach sie errötend. „Weißt Du, wo sie zur Stunde ist? Sie horcht da, wo es brennt. Weißt Du, wohin sie alsbald gehen wird? Zum Roten Hund, um alles zu berichten, was sie weiß, und dem Herzog, der da kommen wird, das Werk zu bereiten. Flieh, Ulenspiegel, ich rette Dich, flieh. Noch einen Kuß, aber komm nicht wieder; noch einen, Du bist schön, ich weine / aber geh.“
„Wackeres Mägdlein“, sprach Ulenspiegel und hielt sie umfangen.
„Ich war es nicht allezeit,“ sagte sie. „Ich war wie sie ...“
„Dies Singen,“ sagte er „diese stummen Rufe der Schönheit für verliebte Männer?“ ...
„Ja“, sprach sie. „Meine Mutter wollt’ es so. Dich rette ich, denn ich liebe Dich inniglich. Die andern werde ich Dir zum Andenken retten, mein Geliebter. Wenn du ferne sein wirst, wird dich dein Herz zu dem reuigen Mädchen ziehen? Küß mich, Herzliebster. Es wird nimmermehr um Geld Opfer zum Scheiterhaufen liefern. Geh; nein, verweile noch. Wie weich deine Hand ist. Halt, ich küsse deine Hand, das ist das Zeichen der Knechtschaft. Du bist mein Herr. Horch, komm näher, aber schweige. Diese Nacht sind Männer ins Haus gekommen, Lumpen und Spitzbuben, einer nach dem andern, und unter ihnen ein Italiener. Meine Mutter hieß sie, in das Gemach eintreten, in dem du jetzo bist, befahl mir herauszugehen und schloß die Türe. Ich hörte diese Worte „Steinernes Kruzifix, Tor von Borgerhout, Prozession, Antwerpen, Unsere liebe Frau ...“ ersticktes Gelächter und das Klimpern von Gülden, so auf den Tisch gezählt wurden. ... Flieh, da sind sie; flieh, mein Geliebter. Halt mich in liebem Gedenken; flieh!“ ...
Ulenspiegel lief, wie sie ihn hieß, bis „In den ouden Haen“ und fand allda Lamm, welcher Trübsal braute, eine Wurst knabberte und seine siebente Kanne Löwener Peterman schlürfte.
Und er zwang ihn, gleich ihm zu laufen, ohngeachtet seines Bauches.