86
Auf den Scheiterhaufen schwelte das Fett der Opfer. Ulenspiegel gedachte an Klas und Soetkin und weinte einsam. Eines Abends suchte er Katheline auf, um sie um Beistand und um Rache zu bitten. Sie saß mit Nele allein bei der Lampe und nähte. Da sie ihn eintreten hörte, hob Katheline schwerfällig den Kopf, gleichwie eine Frau, die aus tiefem Schlaf erwacht.
Er sagte zu ihr:
„Klasens Asche brennt auf meiner Brust, ich will das Land Flandern retten. Ich bat den großen Gott Himmels und der Erden darum, aber er antwortete mir nicht.“
Katheline sagte:
„Der große Gott konnte Dich nicht hören. Du mußtest zuvor zu den Geistern der Elemente sprechen, welche, da sie himmlischer und irdischer Natur sind, die Klagen der armen Menschen annehmen und sie den Engeln zutragen, die sie hernach zum Throne bringen.“
„Hilf mir bei meinem Vorhaben,“ sagte er, „ich will Dich mit Blut bezahlen, wenn es sein muß.“
Katheline antwortete:
„Ich will Dir helfen, wann ein Mädchen, so Dich liebt, Dich mitnimmt zum Sabbat der Frühlingsgeister, welche die Ostern des Saftes sind.“
„Ich will ihn mitnehmen“, sagte Nele.
Katheline goß ein graulich Gebräu in einen Kristallkelch, davon sie beiden zu trinken gab. Sie rieb ihnen mit dieser Mixtur die Schläfen, Nasenlöcher, Handflächen und Gelenke ein, ließ sie eine Fingerspitze weißen Pulvers nehmen und hieß sie sich einander ansehen, damit ihre Seelen eins würden.
Ulenspiegel sah Nele an und die sanften Augen des Mägdleins entzündeten eine große Glut in ihm; dann fühlte er ob der Mixtur ein Zwicken wie von tausend Krabben.
Danach entkleideten sie sich und solcherart von der Lampe beleuchtet, waren sie schön; er in seiner stolzen Kraft, sie in ihrer liebreizenden Anmut. Aber sie konnten einander nicht sehen, dieweil sie schon gleichsam entschlafen waren. Sodann legte Katheline Neles Hals auf Ulenspiegels Arm und nahm seine Hand und legte sie auf des Mägdleins Herz.
Und also lagen sie nackt nebeneinander. Es deuchte ihnen beiden, daß ihre Körper, die sich berührten, von sanfter Glut wären wie die Sonne im Rosenmond.
Sie erhoben sich / also erzählten sie später / stiegen auf die Fensterbrüstung, schwangen sich ins Leere und fühlten, wie die Luft sie trug, wie das Wasser bei den Schiffen tut. Dann nahmen sie nichts mehr wahr, weder von der Erde, wo die armen Menschen schliefen, noch vom Himmel, wo bald die Wolken zu ihren Füßen wogten. Und sie setzten den Fuß auf Sirius, den kalten Stern. Dann wurden sie auf den Pol geschleudert.
Allda erblickten sie, nicht ohne Bangen, einen nackten Riesen, den Giganten Winter, mit falbem Haar, so auf Eisblöcken an einer Eiswand saß. In Wasserlachen tummelten sich Bären und Robben um ihn her, eine heulende Herde. Mit heiserer Stimme rief er den Schnee, den Hagel, die kalten Regenschauer, die grauen Wetterwolken und die schädlichen, stinkenden Nebel herbei. Desgleichen die Winde, von denen der rauhe Nordwind am stärksten bläst! Und alle tobten zumal an diesem heillosen Orte. Lächelnd über dieses Unheil, legte sich der Riese auf Blumen, so durch die Berührung seiner Hand verwelkt waren, auf Blätter, die sein Odem verdorrt hatte. Dann bückte er sich und den Boden mit seinen Nägeln aufscharrend und mit seinen Zähnen aufwühlend, grub er ein Loch hinein, um das Herz der Erde zu suchen und es zu verschlingen. Auch wollte er schattige Wälder zu Kohle, Getreide zu Stroh und die fruchtbare Erde zu Sand machen. Doch da das Herz der Erde von Feuer war, so wagte er es nicht anzurühren und wich scheusam zurück.
Er thronte als König und leerte seinen Becher voll Tran inmitten seiner Bären und Robben und der Gerippe all derer, so er zu Wasser und Land und in den Hütten der Armen getötet hatte.
Wohlgemut hörte er die Bären brummen, die Robben schreien, das Totengebein von Mensch und Tier unter den Krallen von Geiern und Raben klappern, so daran nach einem letzten Bissen Fleisch suchten, und hörte die Eisschollen krachen, die im trüben Wasser widereinander stießen.
Und die Stimme des Riesen war gleichwie das Brüllen der Orkane, das Tosen der Winterstürme und wie der Wind, der in den Kaminen heult.
„Mich friert und ängstet“, sprach Ulenspiegel.
„Er vermag nichts wider die Geister“, antwortete Nele.
Plötzlich entstand ein Aufruhr unter den Robben, die eilends ins Wasser zurückkehrten; die Bären ließen vor Furcht die Ohren hängen und brummten kläglich; und die Raben, vor Angst krächzend, verschwanden in den Wetterwolken.
Und siehe! Nele und Ulenspiegel vernahmen die dumpfen Stöße eines Sturmbocks wider die Eismauer, so dem Riesen Winter als Stütze diente. Und die Mauer spaltete sich und erbebte in ihren Grundvesten.
Aber der Riese Winter hörte nichts und heulte und bellte lustig, füllte und leerte seinen Tranbecher und suchte nach dem Herzen der Erde, um es zu erstarren, und wagte doch nicht, es zu fassen.
Indessen erdröhnten die Stöße stärker und die Mauer barst noch mehr, und der Regen von Eisstücken, so in Splittern abflogen, prasselte ohn Unterlaß um ihn her. Und die Bären brummten allezeit kläglich und die Robben winselten in den trüben Wassern.
Die Mauer stürzte zusammen und der Himmel ward hell. Ein Mann, nackend und schön, eine Hand auf eine güldene Axt stützend, entstieg ihm. Derselbige Mann war Luzifer, der König Lenz. Da der Riese ihn sahe, warf er seinen Tranbecher weit fort und flehete ihn an, ihn nicht zu töten.
Und da König Lenz seinen lauen Odem hauchte, verlor der Riese Winter jegliche Kraft. Da nahm der König demantne Ketten und band ihn damit und fesselte ihn an den Pol.
Sodann hielt er inne und rief, aber inniglich und brünstig. Und vom Himmel kam ein blondhaarig Weib herab, nackend und schön. Sie saß neben dem König nieder und sprach zu ihm:
„Du bist mein Sieger, starker Mann.“
Er antwortete:
„So Du Hunger hast, iß; so Du Durst hast, trinke, und so Du Furcht hast, komm nahe zu mir: ich bin Dein Geselle.“
„Mich hungert und dürstet nur nach Dir“, sprach sie.
Und aber rief der König sieben Mal schrecklich.
Und es ward ein großes Getöse von Donnern und Blitzen, und hinter ihm entstund ein Baldachin von Sonnen und Sternen. Und sie setzten sich auf Throne.
Darauf riefen der König und sein Gemahl; aber ihr edles Angesicht bewegte sich nicht, noch machten sie eine Gebärde, so ihrer Kraft und ruhigen Majestät entgegen war. Und bei diesem Rufen entstand eine wallende Bewegung in der Erde, dem harten Gestein und den Eisblöcken. Und Nele und Ulenspiegel vernahmen ein Geräusch, gleich als ob riesige Vögel die Schale ungeheurer Eier mit Schnabelhieben zerbrächen.
Und in dieser gewaltigen Bewegung des Bodens, der gleich Meereswogen stieg und sank, waren Formen wie die eines Eies. Plötzlich kamen von allen Seiten Bäume heraus, die ihre dürren Zweige durcheinander wirrten, dieweil ihre Stämme wie trunkene Männer schwankten. Dann wichen sie auseinander und ließen einen weiten leeren Raum zwischen sich. Aus dem wallenden Boden kamen die Geister der Erde, aus der Tiefe des Waldes die Waldgeister, aus dem nahen Meere die Wassergeister.
Ulenspiegel und Nele erblickten da schatzhütende Zwerge, bucklig, plattfüßig und zottig, häßlich und fratzenhaft, Fürsten des Gesteins, Waldmänner, so wie Bäume lebten und an Stelle von Mund und Magen ein Bündel Wurzeln am Gesicht trugen, um dergestalt ihre Nahrung aus der Brust der Erde zu saugen; desgleichen die Herrscher der Bergwerke, welche stumm sind, weder Herz noch Eingeweide haben und sich gleich glänzenden Maschinen bewegen. Da waren Zwerge von Fleisch und Bein, so Eidechsenschwänze und Krötenköpfe hatten und auf dem Kopf eine Leuchte trugen. Sie springen zur Nacht dem trunkenen Wanderer oder furchtsamen Reisenden auf die Schultern, springen wieder hinunter, schwenken ihr Lichtlein und führen sie in Sümpfe oder Gräben, denn die armen Wandrer wähnen, daß dieses die Leuchte sei, so in ihrer Behausung brennt.
Da waren auch Blumenmädchen, Blumen von weiblicher Kraft und Gesundheit, nackend und nicht errötend, sondern stolz auf ihre Schönheit und nur in den Mantel ihrer Haare gehüllt. Ihre Augen erglänzten feucht gleichwie Perlmutter im Wasser. Die Haut ihres Körpers war fest, weiß und vom Lichte vergüldet. Aus ihrem roten, offenen Munde ging ein Odem, balsamischer als Jasmin. Sie sind es, die am Abend in Mauern und Gärten, noch lieber in der Tiefe der Wälder auf schattigen Steinen umherstreifen und verliebt nach irgend einer Mannesseele sahen, um sie zu besitzen. So ein junger Knabe und ein Mägdlein an ihnen vorbeigeht, versuchen sie das Mägdlein zu töten, doch da sie es nicht vermögen, hauchen sie der Lieblichen, die noch widerstrebt, Liebessehnsucht ein, auf daß sie sich dem Geliebten hingebe. Denn alsdann hat die Blumenmaid die Hälfte der Küsse.
Ulenspiegel und Nele sahen auch die Schutzgeister der Sterne, die Geister der kalten und warmen Winde und des Regens vom hohen Himmel herabsteigen; es waren geflügelte Jünglinge, so die Erde befruchten.
Alsdann erschienen an allen Punkten des Himmels die Vögel der Seelen, die zierlichen Schwalben. Als sie da waren, schien das Licht heller. Blumenmädchen, Steinfürsten, Herrscher der Bergwerke, Waldmänner, Wasser-, Feuer- und Erdgeister riefen zumal: „Licht, Saft! Ruhm dem König Lenz!“
Ob ihr einstimmig Geschrei zwar mächtiger war, denn das tosende Meer, der krachende Donner und der entfesselte Sturm, so klang es doch Nele und Ulenspiegel gleichwie sanfte Musik in die Ohren. Sie aber saßen reglos und schweigend zusammengekauert hinter dem knorrigen Stamm einer Eiche.
Aber sie fürchteten sich noch mehr, da die Geister sich zu Tausenden wie auf Sessel niederließen auf riesige Spinnen, auf Kröten mit Elefantenrüsseln, auf Schlangenknäule und Krokodile, so auf dem Schwanze stunden und eine Schar Geister im Rachen hielten. Schlangen trugen mehr denn dreißig Zwerge und Zwerginnen, so rittlings auf ihrem schlängelnden Körper saßen, und schier hunderttausend Insekten, größer denn Goliath, mit Degen, Lanzen, gezähnten Sicheln, siebenzinkigen Heugabeln und jeglicher Art von schrecklichen Mordwerkzeuge bewaffnet. Die schlugen auf einander los mit großem Getöse; der Starke fraß den Schwachen, mästete sich an ihm und zeigte also, daß der Tod aus dem Leben und das Leben aus dem Tode entsteht.
Und aus dieser ganzen wimmelnden, drängenden und wirren Menge von Geistern drang ein Geräusch gleichwie dumpfer Donner und der Lärm von hundert Webstühlen, Walkmühlen und Schlosserwerkstätten, die mitsammen arbeiten.
Plötzlich erschienen die Geister des Saftes, kurz und stämmig, mit Lenden, breit wie das große Faß zu Heidelberg und Schenkeln, so gewaltig wie ein Ohm Wein. Und ihre Muskeln waren so seltsam stark und mächtig, daß man hätte sagen mögen, sie seien aus großen und kleinen Eiern gemacht, die aneinandergefügt und mit einer Haut bedeckt waren, welche so rot, fett und glänzend war, wie ihr spärlicher Bart und das rote Haupthaar; und sie trugen ungeheure Humpen voll einer seltsamen Flüssigkeit.
Da die Geister sie kommen sahen, machten sie einen großen Aufstand vor Freuden; die Bäume und Pflanzen schüttelten sich und die Erde barst, um zu trinken.
Und die Geister des Saftes gossen Wein aus, und alsobald knospete, grünte und blühte alles. Der Rasen war voll summender Käfer und der Himmel mit Vögeln und Faltern erfüllt. Die Geister gossen immerdar Wein und die unten empfingen ihn, so gut sie konnten. Die Blumenmädchen öffneten den Mund oder sprangen auf ihre rothaarigen Mundschenken zu und küßten sie, um noch mehr zu bekommen. Etliche falteten die Hände zum Beten; andere ließen es glückselig auf sich herabregnen. Aber alle, ob lüstern oder durstig, fliegend, stehend, laufend oder unbeweglich, trachteten nach dem Wein und wurden nach jedem Tröpflein, so sie auffangen konnten, lebendiger. Und waren keine Greise da, sondern alle, ob häßlich oder schön, waren voll frischer Kraft und lebendiger Jugend.
Und sie lachten, schrien, sangen und verfolgten sich auf den Bäumen gleich Eichkätzchen und in der Luft gleich Vögeln. Jedes Männchen suchte sein Weibchen und übte unter Gottes Himmel das heilige Werk der Natur.
Und die Geister des Saftes brachten dem König und der Königin den großen Becher voll ihres Weines; und der König und die Königin tranken und umarmten sich. Alsdann schüttete der König, sein Gemahl umschlungen haltend, den Rest seines Bechers über die Bäume, die Blumen und Geister und rief: „Ehre sei dem Leben! Ehre der freien Luft! Ehre der Kraft!“
Und alle riefen:
„Ehre sei der Natur! Ehre der Kraft!“
Und Ulenspiegel nahm Nele in seine Arme. Da sie so umschlungen waren, begann ein Tanz. Ein wirbelnder Tanz wie von Blättern, so ein Wirbelwind zusammenraft, wo alles im Schwung war: Bäume, Pflanzen, Käfer, Falter, Himmel und Erde, König und Königin, Blumenmädchen, Bergwerksherrscher, Wassergeister, bucklige Zwerge, auch Steinfürsten, Waldmänner, Leuchtenträger und Schutzgeister der Sterne. Die hunderttausend greulichen Insekten verwirrten ihre Lanzen, gezähnten Sicheln und siebenzinkigen Heugabeln. Es war ein schwindelnder Tanz, der sich in den Weltraum wälzte und ihn erfüllte, und Sonne, Mond, Planeten, Sterne, Wind und Wetterwolken nahmen daran teil.
Und die Eiche, daran Nele und Ulenspiegel sich geklammert hatten, rollte mit im Wirbel, und Ulenspiegel sprach zu Nele:
„Liebchen, wir werden sterben.“
Und ein Geist hörte sie und sahe, daß sie Sterbliche waren.
„Menschen,“ schrie er, „Menschen an diesem Ort!“
Und er riß sie vom Baume los und schleuderte sie in die Menge.
Und Ulenspiegel und Nele fielen weich auf den Rücken der Geister, die sie sich einander zuwarfen und dabei sagten:
„Heil den Menschen! Willkommen Ihr Erdenwürmer! Wer will ein Knäblein und ein Mägdlein haben? Sie machen uns einen Besuch, die Schwächlinge!“
Und Ulenspiegel und Nele flogen von einem zum andern und riefen: „Gnade!“
Aber die Geister hörten sie nicht und alle beide flogen und wirbelten wie Federn im Winterwind, die Beine in der Luft und den Kopf nach unten, derweil die Geister sagten:
„Ehre den Männlein und Weiblein, mögen sie tanzen gleichwie wir.“
Die Blumenmädchen waren willens, Nele von Ulenspiegel zu trennen, schlugen sie und hätten sie getötet, hätte nicht der König Lenz mit einer Gebärde dem Tanz Einhalt geboten und gerufen:
„Man führe diese beiden Flöhe vor meinen Thron!“
Und sie wurden voneinander getrennt, und jegliche Blumenmaid trachtete Ulenspiegel ihren Nebenbuhlerinnen zu entreißen und sprach:
„Tyll, möchtest Du nicht für mich sterben?“
„Ich werde es in Bälde tun“, antwortete Ulenspiegel.
Und die zwergischen Waldgeister, so Nele trugen, sagten:
„Was bist Du nicht Seele wie wir, auf daß wir Dich zu eigen nehmen könnten!“
Nele antwortete:
„Geduldet Euch.“
Und also kamen sie vor des Königs Thron, und sie zitterten schier, da sie seine güldene Axt und seine eiserne Krone ersahen.
Und er sprach zu ihnen:
„Warum seid Ihr hier gekommen, Ihr Schwächlinge?“
Sie antworteten nicht.
„Ich kenne Dich, Du Hexenknospe,“ fügte der König bei, „und auch Dich, Sprößling des Kohlenträgers. Aber da es Euch durch Hexenkunst gelang, in diese Werkstätte der Natur einzudringen, warum habt Ihr jetzo den Schnabel zu wie Kapaune, so mit Brotkrumen gestopft sind?“
Nele erbebte beim Anblick des schrecklichen Teufels. Ulenspiegel aber gewann seine mannhafte Festigkeit wieder und antwortete:
„Klasens Asche brennt mir auf dem Herzen. Göttliche Hoheit, der Schnitter Tod geht durch das Land Flandern und in des Papstes Namen mähet er die stärksten Männer und die holdesten Frauen. Flanderns Privilegien sind zerbrochen, seine Urkunden vernichtet, die Hungersnot nagt an ihm. Seine Weber und Tuchwirker verlassen es, um in der Fremde freie Arbeit zu suchen. Bald wird es sterben, sofern man ihm nicht zu Hilfe kommt. Ihr Hoheiten, ich bin nur ein armer, geringer Bursche, zur Welt gekommen wie ein Jeder; habe gelebt wie ich konnte, unvollkommen, beschränkt, unwissend, nicht tugendhaft noch keusch, und keiner menschlichen noch göttlichen Gnade würdig. Aber Soetkin starb an den Folgen der Tortur und ihres Kummers und Klas verbrannte in einem schrecklichen Feuer, und ich wollte sie rächen und tat es schon einmal. Ich wollte auch diesen armen Boden, in den ihr Gebein gesäet ist, glücklicher sehen, und ich bat Gott um den Tod der Verfolger, aber er erhörte mich nicht. Der Klagen müde, hab’ ich Euch durch Kathelines Zauber beschworen, und ich und meine zage Gesellin kommen zu Euren Füßen, Ihr göttlichen Hoheiten, und bitten Euch um Rettung dieses armen Landes.“
Der König und seine Gefährtin antworteten zumal:
„Durch Krieg und Feuer,
Durch Tod und Schwert
Suche die Sieben.
In Tod und Blut,
In Trümmern und Tränen
Finde die Sieben.
Häßlich, grausam, ungestalt,
Wahre Geißeln dieses Landes,
Brenne die Sieben.
Harre, horch und schaue,
Schwächling, sag, bist Du nicht froh?
Finde die Sieben.“
Und alle Geister sangen zumal:
„In Tod und Blut,
In Trümmern und Tränen
Finde die Sieben.
Harre, horch und schaue,
Schwächling, sag, bist Du nicht froh?
Finde die Sieben.“
„Jedoch,“ sprach Ulenspiegel, „Hoheit und Ihr Herren Geister, ich verstehe nichts von Eurer Rede. Ohne Zweifel spottet Ihr meiner.“
Die aber sagten, ohne ihn anzuhören:
„Wann der Norden
Wird den Süden küssen,
Ist das Ende des Verderbens nah.
Finde die Sieben
Und den Gürtel.“
Und das mit so gewaltigem Einklang und so erschrecklicher Kraft des Schalles, daß die Erde erbebte und die Himmel erzitterten. Und die Falken pfiffen, die Eulen schrien, die Sperlinge piepsten vor Furcht, die Fischadler klagten und alle flatterten ängstlich.
Und die Tiere der Erde: Löwen, Schlangen, Bären, Hirsche, Rehe, Wölfe, Hunde und Katzen brüllten, zischten, schrien, heulten, bellten und miauten erschrecklich.
Und die Geister sangen:
„Harre, horch und schaue,
Liebe die Sieben
Und den Gürtel.“
Und die Hähne krähten und alle Geister entwichen, ungerechnet einen bösen Bergwerkskönig, welcher Nele und Ulenspiegel je mit einem Arm packte und sie unsänftiglich ins Leere schleuderte.
Sie fanden sich nebeneinander liegend, wie um zu schlafen, und fröstelten bei dem kalten Morgenwind.
Und Ulenspiegel sah Neles holden Leib ganz gülden in der aufgehenden Sonne.