12. Der Fluß der Itogapukindianer.

Spät am Nachmittag des folgenden Tags erschienen die Indianer wieder auf der Lichtung. Der Stationskommandant, der den verräterischen Charakter aller Wilden kannte, hielt es für unklug, noch am gleichen Tag nach den Maloccas aufzubrechen. Den drei Führern wurde Unterkunft im Lager angeboten, aber schließlich machten sie ein Feuer auf der Lichtung und legten sich auf den Boden, mit den Füßen gegen die Glut. Am nächsten Morgen zogen wir los, noch ehe der dichte Wald von den Fiebernebeln frei war, so daß mich nur eine starke Dosis Chinin vor einem Anfall der Malaria rettete, die im Juni und Juli in diesen Waldgebieten besonders heftig auftritt.

Ich möchte hier erwähnen, daß alte Reisende im Amazonengebiet nicht für den fortgesetzten Gebrauch von Chinin sind. Nach ihrer Behauptung begünstigt es eine Erkrankung am gefürchteten Schwarzwasserfieber. Ich selbst habe Wochen auf dem Amazonenstrom und seinen Nebenflüssen zugebracht, ohne eine einzige Dosis zu nehmen, obwohl ich im Fall starker Erschöpfung oder Durchnässung bei Regenwetter unweigerlich Chinin in genügender Menge schlucke, um die Folgen solch gefährlicher Zustände abzuwehren. Augenscheinlich ist es kein Vorbeugungsmittel gegen Malaria, aber das bequemste und wirksamste Mittel, die Symptome zu unterdrücken.

Wir paddelten etwa zwei Stunden im Batalõe flußaufwärts. Auf dem Igarapé, in den wir dann einbogen, sah ich ganze Felder der riesigen, unter dem Namen Victoria regia bekannten Wasserrosen. Ihre schalenförmigen, weißlich grünen Blätter auf dem schwarzen Wasser boten einen wundervollen Anblick gegen den Hintergrund der Assaipalmen und des dicht verwachsenen Waldes. Bei der Weiterfahrt trafen wir auf zahlreiche Alligatoren, die geschäftig ihrer Frühstücksjagd nachgingen. Es war kaum acht Uhr und die Sonne hatte noch nicht genügend Kraft gewonnen, um das Leben in den Wäldern auszulöschen. Alles war feucht und von einem frischen, üppigen Grün. Das von den Alligatoren aufgewühlte Wasser glänzte wie Gold, wenn sie mit schwerfälligen Bewegungen dem Batalõe auswichen. In den Bäumen schnatterten Araras und Affen.

Trotz dieser Morgenfrische hatte man das Gefühl des Ungesunden. Ob es an dem faden Geruch der faulenden Vegetation lag, an dem Düster des Blättergewölbes, dem Fehlen auch des leisesten Lüftchens oder daran, daß man die Einsamkeit, die Ferne und eine Unermeßlichkeit, in der der Mensch für nichts zählt, empfand, kann ich nicht sagen. Dieser Igarapé der Itogapuks machte jedenfalls auf mich den Eindruck eines tropischen Paradieses mit der Atmosphäre eines Grabes.

Eine viertelstündige Wanderung auf einem Dschungelpfad brachte uns endlich wieder auf eine Lichtung, die der Sonne Zugang verstattete. Sie war ziemlich groß, und auf der einen Seite befanden sich zehn merkwürdiger aussehende Maloccas, als ich sie bisher in den Riesenwäldern dieses geheimnisvollen Landes gefunden hatte. Sie waren aus teilweise geflochtenem Stroh gebaut und ähnelten Bienenkörben mit spitzigen Dächern. Hielt man ihre Größe mit der Anzahl der herumstehenden nackten Gestalten zusammen, so wurde es augenscheinlich, daß jede Hütte für mehrere Familien berechnet war und daß sich das häusliche Leben der Itogapuks mehr oder minder in Gemeinschaft abspielte.

Stärlingsnester.


GRÖSSERES BILD

Der geheimnisvolle „Felsen der Inschriften“ am oberen Parimé.
Die Inschriften sollen aus dem siebenten vorchristlichen Jahrhundert stammen. Die Höhle rechts gewährt fünfzig Reitern Unterkunft.


GRÖSSERES BILD

Feindselige Absichten wurden nicht offenbar, obwohl eine Mischung von Scheu und Mißtrauen wohl zu unterscheiden war. Zuerst näherten sich nur die alten Weiber und Kinder. Als wir aber begannen, Geschenke auszuteilen, nahm das Gedränge um die Häuptlinge herum allmählich zu. Die Neugierde der Wilden war stärker als ihre natürliche Furchtsamkeit und ihr Argwohn, aber ein unrichtiges Benehmen hätte bei der elektrisch geladenen Atmosphäre der ersten Stunden recht gefährlich werden können. Nach einem Mahl, das wir von der Station mitgebracht hatten und an dem der ganze Stamm von fast hundert Leuten teilnahm, ließ die Spannung langsam nach. Später vertilgten die Itogapuks noch große Mengen von Affenfleisch und eines berauschenden Getränks.

Zwei junge Itogapukmädchen von etwa 14 Jahren trieben sich neugierig in meiner Nähe umher und faßten endlich Mut, mich genau in Augenschein zu nehmen. Zuerst betrachteten sie verwundert meine Kleider, hierauf meine Hände unter völligem Stillschweigen. Dadurch nicht befriedigt, rollten sie meine Ärmel auf, spuckten auf meine Arme und rieben sie dann aus aller Kraft mit den Händen! Offenbar erwarteten sie, daß das Weiß abgehen und ich in meiner wahren Farbe dastehen würde. Als aber nichts von dem geschah, dehnten sie ihre Nachforschungen auf meinen Hals unter dem offenen Hemd aus. Doch da ich von dem einmaligen Anspucken mehr als befriedigt war, lehnte ich höflich aber bestimmt weitere wissenschaftliche Untersuchungen ab und suchte ihre Aufmerksamkeit in andere Bahnen zu lenken, indem ich sie dem Ticken meiner Taschenuhr lauschen ließ.

Es ist wohl nicht angängig, die jungen Itogapukmädchen hübsch zu nennen im europäischen Sinn des Wortes, aber für Wilde waren sie keineswegs häßlich. Die blutunterlaufenen Augen verdarben etwas den Eindruck, und ihre Nacktheit machte sich infolge der Gewohnheit, alle überflüssigen Haare vom Körper zu entfernen, noch stärker fühlbar. Mehrere kamen den sagenhaften weißen Indianern näher, als ich es bisher gesehen hatte. Später aber traf ich auf zwei Wilde, ein Kind bei den Ocainas und ein Mädchen eines unbekannten Stammes an der Grenze Ecuadors, deren Haut so weiß war, daß man sie aus der Entfernung von Europäern nicht hätte unterscheiden können. Selbst in der Nähe sahen sie nicht dunkler aus als etwa Italiener.

Die Itogapukweiber haben das Haar kurz geschnitten und mit einem Strohband eingebunden. Um den Hals tragen sie Halsketten aus braunen und weißen Samenkörnern, oft in mehreren Reihen. Einige hatten sich Bänder aus gefärbtem Stroh um jede Schulter gewunden und auch um die Lenden, Arme, Hand- und Fußgelenke. Säuglinge wurden auf dem Hüftbein der Mutter umhergetragen. Die Kinder hatten Lieblingsaffen, die auf ihren Händen oder Schultern saßen. Eines der Weiber trug schwere Ohrringe aus schwarzem Stein, aber der Gebrauch, das Ohrläppchen zu verlängern, scheint bei ihnen nicht zu bestehen.

Mehrere Weiber hatten durchbohrte Oberlippen, so daß an einen allgemeinen Brauch ohne Rücksicht auf das Geschlecht gedacht werden müßte. Da aber weder Kinder noch junge Leute in solcher Weise entstellt waren, mag es sich um Heirats-, Alters- oder Standesabzeichen handeln. Obwohl Männer und Weiber Tag und Nacht nackt unter einem gemeinsamen Dach leben, war nichts Unschickliches zu bemerken, auch nichts von jenen schrecklichen Krankheiten, die in den Ansiedlungen nur zu sichtbar hervortreten.

Die Kriegsbogen waren aus dunkelm, mahagonifarbigem Holz verfertigt und über zwei Meter hoch. Solch einen Bogen ganz zu spannen erforderte beträchtliche Kraft. Dazu gab es drei verschiedene Pfeilarten: die einen mit abgestumpfter Spitze für die Vogeljagd; die zweiten mit breiten, scharfen Holzschneiden für die Jagd auf den Tapir, den Jaguar und Wildschweine; ferner Kriegspfeile mit häßlich vergifteten Widerhaken, die von einer Scheide geschützt waren. Als Speer wurde nur eine lange Lanze gebraucht mit Vogelfederverzierungen am Griff. Sie dient hauptsächlich zum Anspießen bei der Jagd auf Schildkröten, Fische, Alligatoren, Schlangen und Leguane (Eidechsen).

Die Itogapuks glauben an gute und böse Geister, unter denen sie gleichsam die belohnenden und rächenden Engel eines höchsten und unsichtbaren Gottes zu verstehen scheinen, den man sich auf der Sonne oder auf dem Mond wohnend vorstellt. Sie müssen durch Festmähler und die Martern junger Mädchen versöhnt werden, aus denen man dadurch das Böse austreibt und die man damit gehorsam und fügsam macht. Kinder scheinen nicht viel zu gelten, obgleich sie anscheinend gut behandelt werden. Im Alter von zehn Jahren werden die Mädchen dem Mann verlobt, der am meisten für sie zahlt. Von da an leben sie am Gemeinschaftsfeuer ihres Herrn und Gebieters. Waisenkinder werden weggegeben, und auf diese Weise gelangten ein kleines Mädchen und ein Junge des Stammes zur Erziehung nach Manáos.

Die Kinder sind ein vergnügtes, lachendes Völkchen. Den ganzen Tag treiben sie sich mit ihren zahmen Affen spielend umher. Eins oder zwei trugen Halsketten und Amulette aus dem geglätteten Holz der Tucunapalme oder Schnüre von braunen und weißen Samenkörnern. Ein etwa zwölfjähriger Junge war unendlich stolz auf seinen Kopfschmuck aus dem Fell eines schwarzen Jaguars, der in dieser Gegend sehr selten vorkommt.

Unser Nachtlager wurde am Rand des Igarapés aufgeschlagen, an der Seite des Indianerdorfes. Die Frösche vollführten ein schreckliches Gequake die ganze Nacht hindurch, die durch Schwärme von Insekten aller Gattungen noch unerquicklicher gemacht wurde. Merkwürdigerweise geschah es in der ersten Nacht, die ich bei diesen Wilden zubrachte, daß ich Bekanntschaft mit dem Vampir machte. Die Luft war ganz still und furchtbar heiß. Unter dem Moskitonetz konnte ich kaum atmen, und schon nach ein paar Minuten war ich im Schweiß wie gebadet. Stundenlang lag ich so wach und hörte dem Froschkonzert im nahen Sumpf und dem Gesumm der zahllosen Insekten zu.

Dann war ich doch wohl ein wenig eingenickt und mußte das Moskitonetz während meines unruhigen Schlafes von den Füßen weggeschoben haben. Als ich gerade vor Tagesanbruch erwachte, hatte ich ein seltsam kühles, kitzelndes Gefühl in den Füßen. Ich knipste die kleine elektrische Taschenlampe an, die ich für Notfälle immer bei mir trage, und erblickte in ihren Lichtstrahlen einen großen Vampir, der seine häutigen Flügel auf- und zuklappte, während er das Blut aus einer Wunde in meinem linken Fuß sog. Durch das Licht geblendet, flog das ekelhafte Geschöpf in das Moskitonetz und flatterte dann davon in die noch sternenhelle Dämmerung.

Ich brachte das Netz wieder in Ordnung und untersuchte den Fuß, an dessem Rist ein kleiner tiefer Einschnitt zu sehen war, aus dem Blut träufelte. Am nächsten Morgen fühlte ich mich recht schwach, ob durch den Blutverlust oder den Mangel an Schlaf, vermag ich nicht zu bestimmen. Meine Fußgelenke waren von den Bissen der Moskitos so verschwollen, daß ich in die Tourenstiefel nicht hineinkam und mich mit den weichen Moskitoschuhen behelfen mußte, die ich bisher nur am Abend im Lager oder im Kanu der Bequemlichkeit wegen getragen hatte.

Am selben Tag gelang es mir, eine der seltsamen Maloccas zu betreten. Die Itogapuks haben an ihren Strohhütten zwei sehr niedrige Eingangsöffnungen, so daß ich fast auf allen vieren kriechen mußte, um hineinzukommen. Im Innern war es fast finster bis auf das trübe Licht, das von den Eingängen herkam. Von schwelenden Feuerstellen war nichts zu sehen wie in den Maloccas der Indianer am Tapajóz und Gy-Paraná. Außer einem Weidenkorb mit Früchten, mehreren Flaschenkürbissen und einer hölzernen Schüssel zum Ausquetschen der Mandioka gab es keinerlei Hausgerät. Mehrere Bogen lehnten an der Strohwand, und eine Anzahl von Pfeilen steckte in der Erde in eigens dafür gemachten Löchern. Auf dem Boden lagen ein oder zwei Felle, die den Raum für jede Familie abgrenzen. Denn die Malocca war recht groß und mochte etwa 10 Meter im Durchmesser halten und 4½ Meter hoch sein. Durch die beiden Öffnungen läßt sich im Fall eines Angriffs schnell das Freie gewinnen. Die eine ging auf den Igarapé hinaus, die andere auf die Lichtung.

Unter dem Ufergebüsch lagen die Kanus verborgen, leichte, aber sehr starkgebaute Fahrzeuge aus Rinde, die durch Spreizen offen gehalten wird. Den ausgehöhlten Stämmen der Caripunas waren sie weit überlegen und glichen mehr den Kanus der Parintintins. In jedem Kanu befand sich ein wasserdichter Flaschenkürbis, der innen an dem gekrümmten Holzstück befestigt war, das als Bug- und Sternpfosten dient. Aus dieser starken Versteifung der Boote ging hervor, daß die Itogapuks geschickte Kanuleute sind, die auch Fahrten über die Stromschnellen nicht scheuen. Doch scheint es sehr unwahrscheinlich, daß sie den Aripuanan befahren, der den Kautschuksammlern mehr oder weniger bekannt ist und von ihnen besucht wird. Die Wilden hassen diese Leute, denn sie haben zu viel unter ihren stets schußbereiten Winchesterbüchsen gelitten. Die Quelle und die Zuflüsse des kleinen Madeira sind noch immer unbekannt, und vielleicht entdeckt man eines Tages, daß er in einen größeren Fluß führt oder einen der Nebenflüsse des Madeira, wodurch eine Kreisverbindung mit dem Aripuanan hergestellt wäre. Wie dem auch sein mag — die Itogapuks sprachen von dem „großen weißen Wasser“ und dem „See der Piranha“. Dieser Fisch, der auch Menschen angreift, kommt in vielen amazonischen Flüssen vor. Er ist mehr gefürchtet als der „Jacaré“ oder Alligator, den man sehen kann, während die Piranha plötzlich aus der Tiefe auftaucht und über Wasser zuschnappend mit ihren messerscharfen Zähnen einen Finger, eine Hand oder die Zehen abbeißt.

Es wäre irreführend zu behaupten, daß dieser Stamm von Wilden zum Kannibalismus neigt. Solange endgültige Beweise fehlen, sollte das Gegenteil angenommen werden. Denn Kannibalismus im vollsten Sinn des Wortes kann bis jetzt keinem einzigen Stamm der großen amazonischen Waldgebiete zur Last gelegt werden. Allerdings besteht nur wenig Zweifel, daß sie kannibalische Gebräuche ausüben. So pflegen sie eine Schale Blut von gewissen erlegten Tieren zu trinken, im Glauben, dadurch der Stärke, Schlauheit oder Klugheit ihrer Opfer teilhaftig zu werden. In dieser Hinsicht gleichen sie den Kaschibosindianern am Ucayali und den Uaupés am gleichnamigen Fluß, die die Knochen der im Kampf erschlagenen Feinde zerstoßen, das Pulver mit gegorenem Fruchtsaft mischen und es dann trinken, um sich der Stärke oder Klugheit des toten aber bewunderten Gegners zu versichern. War der Überwundene schwach, feig oder leicht zu besiegen, so wird der Kopf als Trophäe abgeschnitten und der Rumpf in den Wald geworfen oder als Lockspeise für Raubtiere verwandt. Anscheinend nehmen die Weiber an derartigen Gebräuchen nicht teil, doch bin ich dessen nicht sicher. Jedenfalls habe ich keinen Beweis, daß Kannibalismus unter jenen Stämmen herrscht, und glaube, daß es sich dabei um eine irrtümliche Anschauungsweise handelt.

Am Abend des zweiten Tages führten uns die Itogapuks einen Kriegstanz vor. In ihrem Schmuck von Vogelfedern und Fußringen boten sie einen barbarischen Anblick auf dem charakteristisch tropischen Hintergrund von Palmwedeln und breiten Paicovablättern. Aus der Darstellung eines Angriffs scheint hervorzugehen, daß die 2 Meter langen Kriegsbogen erst über den Kopf gehalten werden, während die Sehne bis zur Schußlage gespannt wird. Dann senkt sich der Bogen mit dem langen gefiederten, mit vergifteten Widerhaken versehenen Pfeil bis zur Augenhöhe, ehe der Pfeil abfliegt. Nach den Leistungen dieses Indianerstamms zu urteilen, ist die Treffsicherheit weit übertrieben worden. Auf ganz kurze Entfernung vermag der Schuß tödlich zu wirken, muß aber die Flugbahn in Betracht gezogen werden, so ist die Treffsicherheit sehr gering. Der Tanz besteht aus einem langsamen Hin- und Herschieben der Füße, Schwenken der nackten Körper, Vorgehen und Zurückweichen unter wildem Geschrei und noch wilderer Musik von Flöten und hohlen Kalabassen. Nur am Schluß unterschied er sich von ähnlichen vorher und nachher beobachteten Tänzen, als die Gefangennahme der Weiber und Mädchen durch die Sieger dargestellt wurde. Jeder der Leute suchte sich ein Mädchen aus, warf sie in die Luft und rannte mit der kreischenden Beute in seine Malocca zurück.

Am nächsten Morgen verließen wir das Dorf der Itogapuks und fuhren den kleinen Igarapé hinab zu unserm Lager am Aripuanan. Auf seinem Oberlauf wird er von den wenigen Caboclos „Castanho“ genannt, die in diese entlegenen Gegenden kommen, um Kautschuk zu sammeln.

Zwanzig Tage später erfreute ich mich einer guten europäischen Mahlzeit in dem wohlbekannten Café der „Avenida“ in Manáos.

Auf dieser Reise, in Manicoré, hörte ich zum erstenmal von Major Tito Neves, der damals einen Besitz am Marmellosfluß hatte, dem ungesundesten unter allen Nebenflüssen des großen Madeira. Als ich auf einem Vergnügungsausflug viele Monate später nach Manáos kam, war die Geschichte der Taten dieses Mannes in den Tiefen der Wälder im Druck erschienen und verbreitet worden. Für die Wahrheit der Darstellung kann ich persönlich nicht stehen, aber meine Quellen scheinen zuverlässig zu sein, und außerdem liegen die Berichte auf Portugiesisch im Druck vor. Ich will hier nur einen kurzen Abriß geben als Illustration der Behandlung der Indianer seitens gewissenloser Leute und des merkwürdigen Abenteurerlebens im Amazonengebiet.

Der Maicyfluß teilt sich in zwei Abschnitte. Am Unterlauf, nahe seiner Mündung, sitzen die Pirahanindianer, während der Oberlauf und die Gebiete um den Maicy-Mirimé und Gy-Paraná die Domäne der kriegerischen Parintintins bilden, von denen in früheren Kapiteln die Rede war. Zwischen diesen zwei Stämmen herrschte eine Blutfehde bis zum Erscheinen der Offiziere des Indianeramts in den allerletzten Jahren. Der Maicyfluß war der Schauplatz beständiger Stammeskriege, und um Frieden zu stiften wurden Stationen des Indianeramts an der Mündung und zwischen den düstern, von den Pirahans und Parintintins bewohnten Waldgebieten errichtet. Später kam noch die schon erwähnte Station am Maicy-Mirimé dazu, die die Aufgabe hatte, mit den Parintintins in freundschaftliche Beziehungen zu treten. Diese drei Stationen verwandeln allmählich den Fluß aus einem Schauplatz blutiger Kämpfe in eine Gegend des Friedens.

Gegenüber der Station am mittleren Maicy befinden sich die Dörfer der Pirahans. Hier spielte sich das Folgende ab. Wie man erzählt, überfiel Major Tito Neves die Dörfer mit bewaffneter Macht, vertrieb die Indianer aus ihren Maloccas und Tapirys, nahm ihre kleinen Pflanzungen in Besitz und machte viele von ihnen zu Sklaven, um die umliegenden Wälder von brasilianischen Nußbäumen auszubeuten.

Nach der Ernte verbrannte Neves die Dörfer mit der Absicht, die Indianer an der Rückkehr zu hindern und zog sich selbst mit dem Gewinn nach Manicoré zurück. Später baute er eine Barraca nächst dem zerstörten Dorf, aber ein ungeheurer Baum fiel auf das Gebäude und zertrümmerte es. Und so abergläubisch sind die Caboclos oder Mischlinge, daß ihn fast alle seine Arbeiter verließen, weil sie den Unfall für eine Schickung der Vorsehung hielten.

Diese kleine Geschichte, die „Neves’ Schatten“ heißt, bietet an sich nichts Besonderes. Doch braucht man nur ein wenig Einbildungskraft, um sie mit schauerlichen Einzelheiten auszufüllen. Aber freilich hat alles zwei Seiten, und neben dieser Geschichte erzählt man eine andere in Porto Velho von dem Überfall einer Plantage durch die Indianer mit Mord, Brandstiftung und Zerstörung, ohne daß die Regierung den betreffenden Stamm zur Rechenschaft zog. Die beiden Geschichten sollen nur als Illustration dienen für Typen und Zustände in den verschlungenen Wäldern und ungesunden Flußgebieten dieser Grenzen zwischen Zivilisation und Barbarei.